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Nr. 75 Drittes Blatt giefjeitet Anzeiger (Seneral-Anzeiger für Sberheijen)Zreitag, 24. März 1935
Die 28. Tagung derDeuMenpathologischenGeseffchastinGießen Der Begrüßungsabend. - Die Eröffnungssitzung.
Blick in den Tagungssaal (Hörsaal des Physiologischen Instituts der Universität). — (Photo-Pfaff.)
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Die Deutsche Pathologische Gesellschaft hält vom 27. bis 30. März in Gießen ihre 28. Tagung ab. Die Tagung wurde am Mittwoch mit einem B e - grüßungsabend im Studentenheim am Leih- gesterner Weg eingeleitet, zu dem sich bereits eine große Anzahl von Fachvertretern eingefunden hatte. Der Vorsitzende der Deutschen Pathologischen Gesellschaft, Prof. Dr. Dietrich- Tübingen, begrüßte die Gäste. Neben Pathologen aus vielen Städten und Universitäten Deutschlands waren Fachvertreter aus zahlreichen ausländischen Staaten, so aus Holland, aus der Schweiz, aus Jugoslawien, Ungarn, Italien usw. zugegen.
Die eigentliche Tagung begann am gestrigen Donnerstagvormittag mit der
Eröffnungssitzung.
Die zahlreichen Teilnehmer fanden sich im Hörsaal des Physiologischen Instituts ein, das für die Zwecke der Tagung von Prof. Dr. Bürker, dem Direktor dieses Instituts, zur Verfügung gestellt wurde. Zu Beginn der Eröffnungssitzung sprach der Vorsitzende der Deutschen Pathologischen Gesellschaft
Prof. Dr. Dietrich-Tübingen herzliche Worte der Begrüßung. Er eröffnete die Tagung mit dem deutschen Gruß und mit der Ausrichtung des Blickes auf den Führer, der gegenwärtig vor großen Entscheidungen stehe. Er dankte dann für die zahlreich eingegangenen Wünsche zur Tagung und hieß eine Reihe von Gästen besonders willkommen. Dank sagte er den zahlreichen Fach- kollegen für ihr Erscheinen. Zahlreiche Wünsche für einen guten Verlauf der Tagung seien aus Oesterreich und insbesondere aus Schweden eingetroffen,
die die Verbundenheit zahlreicher ausländischer Wissenschaftler mit der Deutschen Pathologischen Gesellschaft erkennen ließen. Deutschland stehe nach wie vor im Mittelpunkt der Wissenschaft der Welt. Nach kurzem Gedenken für eine Reihe verstorbener Mitglieder und der Gesellschaft nahestehender Gelehrter und nach der Bekanntgabe einiger Ehrungen in Kreisen der Mitglieder, sprach der Vorsitzende dem Direktor des hiesigen Pathologischen Instituts, Prof. Dr. Herzog, herzlichen Dank aus für die sorgfältig getroffenen Vorbereitungen und für die energische Werbung für diese Tagung.
Der Vertreter der Reichsärzteschast, prof. Dr. Wirz,
übermittelte dann zunächst die besten Wünsche des Reichsärzteführers und der Reichsleitung der Aerzteschaft. Er wünschte der Tagung einen erfolgreichen Verlauf und ging dann auf verschiedene grundsätzliche Fragen ein, die die Wissenschaft der Gegenwart bewegen. Die deutsche allgemeine Pathologie und die pathologische Anatomie befinde sich gegenwärtig in einem außerordentlichen Hochstand. Der Baum, der hier gewachsen sei, könne mit Stolz erfüllen. Bedenklich müsse nur eines stimmen: die pathologische Wissenschaft habe nur wenig Nachwuchs zu verzeichnen.
In der pathologischen Wissenschaft sei sehr viel geleistet worden. Zielbewußte Einzelforschung sei allenthalben in Erscheinung getreten. Gegenwärtig sei ein gewisser natürlicher Forschungsabschnitt erreicht. Die weitere Arbeit müsse ein Drängen nach der Synthese, nach Ganzheitsbetrachtung bringen. Man müsse zu neuen Formulierungen kommen. In Ansätzen sei dieser Weg bereits im Programm der Tagung angedeutet. Es müsse Anschluß an Nachbar
gebiete gesucht werden. Das bedeute keine Verflachung, sondern neue Problemstellung. Viele Probleme könnten von der Klinik nicht gelöst werden, der Wissenschaftler, der Pathologe müsse Anschluß an die Klinik gewinnen. Hier sei auch noch eine Reihe alter Probleme zu lösen.
In seinen weiteren Ausführungen beschäftigte sich der Redner kurz mit der Frage des Unterrichts. Die Vereinigung von Lehre und Forschung, die die deutsche Wissenschaft groß gemacht habe, sei ein glücklicher Umstand. Von dieser Form solle nicht abgegangen werden. Zu erstreben sei aber, daß der Student Gesamtbilder erhalte. Für ihn (Redner) sei es das erstrebte Wunschbild, eine gemeinsame Unterrichtung durch den Kliniker und den Anatom zu sehen. Der Student solle das gesamte Krankheitsbild erkennen. In die Erziehung des Nachwuchses der Pathologen solle auch die Arbeit in der Klinik einbezogen werden.
Die deutsche pathologische Wissenschaft habe Weltruf. Es sei ein großer Irrtum, wenn der einzelne Wissenschaftler vielleicht glaube, daß der na- tionalsozialistische Staat die Wissenschaft nur für Tageszwecke ausnützen wolle. Der Nationalsozialismus habe dem Volke seine Ehre wiedergegeben (lebhafter Beifall), der Technik große Aufgaben gestellt, und von der Wissenschaft werde er die höchste Leistung verlangen. Der Weg, der dabei beschritten
werde, werde die deutsche Wissenschaft weiterblühen lassen. Daß wir unter geordneten Verhältnissen Weiterarbeiten könnten, verdankten wir dem Führer Adolf Hitler, der uns einem drohenden Chaos entrissen habe.
Sodann sprach der Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Gießen,
prof. Dr. Fischer.
Er übermittelte die Grüße der Medizinischen Fakultät, ferner die Grüße des Rektors und hieß die Gäste im Namen der Alma mater Ludoviciana herzlich willkommen. Gießen betrachte es als eine Ehre, die Stätte der Tagung der Pathologischen Gesellschaft zu sein. In seinen weiteren Ausführungen wies der Redner, einem alten Brauche folgend, auf die Beziehungen zwischen der Chirurgie und der Pathologie hin und betonte, daß die großen Männer des Faches durchweg pathologische Grundlage hatten. Die Pathologie bedeute beste Dorbildungsarbeit für den Chirurgen. Es gelte, mit allen wissenschaftlichen Hilfsmitteln die gesteckten Ziele zu erreichen. Für den Chirurgen sei es ganz besonders bedeutsam, ein Gesamtbild der Widerstandskraft eines Kranken zu erlangen. Mit einem Hinweis, einen Blick auch auf die vorbildlichen Institute in unserer Stadt zu werfen und sich
Die Gegenwartsaufgaben pes AGO -Gtudentenbundes.
Oer Reichsführer des NGO.-Studentenbundes Derichsweiler spricht auf dem Gleiberg.
Der NSD.-Studentenbund hält gegenwärtig im Reich 37 Schulungslager ab, von denen drei im Gaugebiet Hessen-Nassau liegen. Die beiden zehntägigen Lager für Studenten finden auf dem Gleiberg bei Gießen und im Hause der Frankfurter Studentenschaft in Oberursel statt, während das Lager für Studentinnen in Cronberg abgehalten wird.
Der Reichsamtsleiter des NSD.-Studentenbundes
Pg. Derichsweiler
nahm gestern Gelegenheit, diese Lager zu besichtigen und sich von der mustergültigen Haltung der Mannschaften zu überzeugen. Der Studentenbundesführer sprach in den Lagern über die Ziele und Aufgaben des Studentenbundes. Dor acht Monaten hat der Studentenbund durch eine grundlegende Neuordnung mit seiner Hauptaufgabe, die politische Schulung und Erziehung an den Hoch- und Fachschulen zu betreiben, begonnen. Es war zu diesem Zweck notwendig, erst einmal die erforderliche Zahl von Schulungsleitern in der Reichsführerschule der NSDAP, in Bernau heranzubilden, die wieder als Leiter der Gaulager von 3000 Studentenbundskameraden gegenwärtig schulen, die nun ihrerseits im Juli und August die politische Erziehung der Gesamtstudentenschaft (sowohl Hoch- als auch Fachschulstudenten) in Lagern durchführen. Der NSDStB., so führte Pg. Derichsweiler weiter aus, lehne es bewußt ab, wöchentlich in etwa zwei Stunden vor den Studenten Nationalsozialismus zu dozieren und ihnen am Ende des Semesters dann ein Testat über die besuchten Schulungsarbeitsgemeinschaften zu geben.
Nationalsozialismus könne nicht gelehrt, sondern müsse in der Gemeinschaft, in der Lagerkameradschaft erlebt werden. 3n diesen zweiwöchigen Lagern habe man Gelegenheit, die Studenten auf ihren Charakter hin zu prüfen.
hier können sie durch die Tat beweisen, daß sie wirklich fähig sind, verantwortliche Führer des deutschen Volkes zu werden.
Den Typ des „Nur-Studenten", der sich außer seiner Paukerei um nichts kümmere und die Volksgemeinschaft außer acht lasse, werde man von der Hochschule verschwinden lassen. Durch seine politische Erziehung erhebe der Studentenbund als Gliederung der Bewegung den Anspruch, einen Teil des deutschen Führernachwuchses zu stellen; dadurch trage der NSDStB. auch mit die Verantwortung für die Aufrechterhaltung und den Ausbau des Dritten Reiches. Genau wie die NSDAP, die Aufgabe der Menschenführung und politischen Erziehung des Gesamtvolkes habe, müsse der NSD.- Studentenbund für die Durchdringung der Hoch- und Fachschulen mit dem Gedankengut des Nationalsozialismus Sorge tragen. Auch die Fachschaftsarbeit, die nicht als eine zusätzliche Wissenschaftsarbeit gedacht sei, werde in Zukunft dem NSDStB. unterstehen müssen. Der Studentenbund werde sich, was die Arbeit der Fachschaften anbetrifft, mit den ständischen Gliederungen der Bewegung, wie NS.- Aerzteschaft, NS.-Juristenbund usw. in Verbindung setzen.
Wenn vielleicht schon in den nächsten Tagen die Reichsschaft der deutschen Studierenden als . Spihenorganisation aller deutschen Studenten dem Kultusministerium unterstellt wird und die örtlichen Sludentenschaflsführer von ihrem Rektor bzw. Direktor ernannt werden, so sei der RSD.-Studentenbund ganz allein das dynamische Element mit elastischem Schwung an den deutschen hoch- und Fachschulen.
In dem gleichen Maße, wie die Partei der oor» wärtstreibende Faktor im Staate sei, so sei auch der NSDStB. Schrittmacher für die Gesamtstudentenschaft. H. N.
Die Lfflandstöchter und ihre Freier.
CRonum von 3- Schneider
Copyright by Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.
17. Fortsetzung Nachdruck verboten!
„Soll ich dem kranken Herrn ein Frühstück bringen?" fragte Klaudine, nach der Tür weisend. „Ich glaube, er ist schon wach."
„Geniert's Eayna net?"
„Gar nicht! — Was kriegt er denn? Auch Milch und Schwarzbrot? Zucker mag er ja keinen."
„Zucker net, aber a bisserl Salz will er drinnen hab'n. A Nipferl bloß, wia a Stecknadel. A jeder hat holt andere Fax'n. Er will halt amal alles g'salz'n hab'n."
Also salzte die Klaudine wie geheißen, trug Niels dann die Tasse ans Bett und sagte ein Helles, freundliches „Guten Morgen". Sie wurde nicht ein bißchen rot dabei. Dafür aber Pöttmes. Er wollte sich aufrichten und fühlte sich sanft zurückgedrängt. „Das dürfen Sie wahrscheinlich nicht. Bleiben Sie also ganz ruhig liegen. Das kriege ich schon." Sie stellte die Tasse auf den Stuhl und richtete die beiden Kissen etwas höher. „So! Und nun schiebe ich Ihnen noch meinen Arm unter den Rücken. Geht es jetzt? Wenn die Milch zu heiß ist, warten wir noch ein wenig."
Sie war in der Tat zu heiß.
Barthelmes, der eben unter die Tür trat, bekam ein verdächtiges Schmunzeln um die Mundwinkel, als ob er sagen wollte: „Gell, die is uns grad no abgangen."
Niels verstand ganz genau und bekam einen roten Kopf. Er mußte sich wohl oder Übel vorstellen. „Pöttmes", sagte er und sah dabei zum ersten Male, daß ihre Augen braun und leuchtend waren, wie die eines Rehes, mit einem glitzernden Flämmchen in der Mitte und einem feuchten Schimmer, als wäre ein feiner Schleier darübergezogen.
Sie nickte nur und ließ seinen Kopf langsam nach hinten gleiten. „Soll ich Ihnen sonst noch etwas bringen?"
„Danke — Fräulein---"
„Klaudine", sagte sie gleichmütig, als wäre ihr Familienname das nebensächlichste Ding von der Welt. „Soll ich jetzt ein bißchen frische Luft herein- lassen? — Oder erst Waschen? — Wie haben Sie es denn bisher gehalten?"
„Zerfcht hat er ft immer g'wofch'n, der Herr Pöttmes", gab Barthelmes Bescheid. „Nachher Ham ma g'lüft, und dann hab' i ihn rasiert."
„Rasieren kann ich auch", erklärte Klaudine und schrak vor der Lachsalve des Alten zusammen. „Nein, wirklich!" beharrte sie. „Mein Vater hat mich im»
mer gelobt deswegen. Und er hatte einen ausnehmend starken Bartwuchs. Diel stärker noch als Sie, Herr Barthelmes."
Der hatte sich noch immer nicht von seinem Lachen erholt, setzte sich vorsichtig an den Bettrand und wischte sich die Tränen aus den Augen. „Was kön- nen's denn no all's, Fräul'n Klaudinia. Geiß'n hätt' i a zum mölken."
Geißen melken konnte sie nicht. Ob er es sie lehren wolle?
Pöttmes warf im Scherz die Frage ein, ob sie wohl auf dem Wege sei, sich bei einem der Almbauern einzumieten.
Das nicht, aber sie sei schon seit acht Wochen auf der Suche nach einer neuen Stellung. Die Bank, an der sie gearbeitet habe, sei verkracht. Man könne sich die Füße wundlaufen, es wäre nichts anderes w bekommen. Nicht einmal ein Halbtagsposten.
„Und hoam können's a net?" fragte Barthelmes mitleidig.
„Nein. Vater ist schon im Herbst gestorben. Meine Mutter vor sechzehn Jahren."
Barthelmes war noch nicht zufrieden. „Und G'schwister?"
Sie hob die Schultern. Die hätten alle mit sich selbst genug zu tun. „Es ist zum Verzweifeln!" sagte sie aufseufzend. „Immer, wenn ich irgendwo einen Tag Rast mache, frage ich alles ab, ob mich niemand brauchen kann. Aber überall ist es das aleiche: Immer ist einer zuviel und keiner zu wenig.
„Müaffen's halt bei Uns bleib'n", meinte Barthelmes unüberlegt rasch und bereute im nächsten Augenblick, erschrocken, sie möchte „Ja" sagen.
Aber Klaudine hatte es sofort erfaßt und schüttelte den Kopf. „Sie wollen mich ebensowenig haben, wie die anderen. Doch einmal wird sich schon wieder etwas finden. Morgen nehme ich mit meinen Skiern den Berg von der Rückseite. Ich bin noch lange nicht so weit, daß ich den Mut verloren habe. — Und jetzt bringe ich Ihnen das Waschwasser, Herr Pöttmes."
Sie nahm die Schüssel von der Kommode und ging nach der Stube.
Pöttmes machte dem Alten ein Zeichen, die Tür zu schließen. „Ich komme für alles auf, Barthelmes. Kann sie dann bleiben?" flüsterte er.
„Na!" knurrte Barthelmes unwillig. „Wann's Sommer wär, von mir aus, aber jetzt net."
„Warum jetzt nicht, Barthelmes?"
Der Alte knurrte etwas Unverständliches und bearbeitete fein Stoppelfeld, als pflüge er darin. Dann verschwand mit einmmal das Mürrische und machte einem spitzbübischen Lächeln Platz. „Das tät Eahna halt pass'n, gell Herr Pöttmes, wann's dableib'n möcht, das Madel."
Niels gab sich geschlagen. „Deswegen? — Nein. Wir lassen sie also morgen weiterziehen, Barthel- nies. Kein Wort mehr darüber." —
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Is halt a Kreuz mit de Herrschaftsleut', dachte Barthelmes, als Niels den ganzen Tag über tatsächlich kein Wort mehr wegen des Mädchens verlor, und auch Klaudine keine Andeutung mehr darüber fallen ließ, daß sie bleiben wolle. Sie half dem Alten beim Abkochen des Mittagessens, dann beim Spülen des Geschirrs, fütterte den Waldl, der bereits dicke Freundschaft mit ihr geschlossen hatte, und wachste bann ihre Schneeschuhe.
„Vielleicht fahre ich heute noch", sagte sie und studierte den Himmel, um zu sehen, wie es mit dem Wetter bestellt war.
„A so pressiert's net", meinte Barthelmes und hatte gar fein gutes Gewissen dabei. „An Tag oder zwa können's Eahne scho verschnauf'n. — Der Herr Pöttmes tät's a gern seh'n."
„Was?"
Der Alte bekam einen ordentlichen Schreck, so scharf hatte es geklungen. „Na, daß 's halt do- bleib'n."
„So! — Dann habe ich also allen Grund, zu gehen."
Er sah ihr« verdutzt nach, wie sie aus dem Zimmer schritt, tapste hinter ihr drein und war völlig auf den Mund gefallen, als sie jetzt ihren Rucksack holte und wieder zu packen begann. „Ja, aber — was wollen's denn, Fräul'n Klaudinia?"
„Fort."
„Aber i hab' do nix gesagt?"
„Es ist schon gut, Barthelmes! — Erst müssen wir aber noch zusammenrechnen: Nachtquartier, Frühstück, Mittagessen. Wenn ich noch um eine Tasse Milch bitten dürfte?" Sie legte ein Funf- markstück auf den Tisch. „Genügt das?"
„Fräul'n Klaudinia!"
Er tat ihr leid. Sein Mund zitterte, und die Augen waren ängstlich geweitet. „I hab' Eahna do net 'nausg'schmiss'n!"
„Nein, Barthelmes. Ich mache Ihnen ja auch keinen Vorwurf. Ich bin nur keine von denen — wissen Sie —" dabei flog ihr Blick nach der Tür hinüber, hinter der Pöttmes lag. „Grüßen Sie den Herrn. Den Abschied kann ich mir wohl sparen."
Der Alte war aanz außer Fassung. „Ja — aber was hat er Eahnen denn tan, Fräulein Klaudinia?"
„Nichts! So wenig wie Sie, Barthelmes.
Das faß! Als sie dann mit dem Waldl vor die Haustüre trat, benützte er den Augenblick und stapfte zu Niels in die Kammer. „Jetzt hob i's no ganz verpatzt, Herr Pöttmes! Jetzt geht's heut'scho!" „Warum denn?"
Das Geständnis mar schwer, aber es mußte ge- macht werden. Vielleicht mußte Pöttmes noch einen Ausweg. „G'fagt hab' i halt--daß 's Eahna
recht wär, wann's bleib'n tät. Daraufhin hat's g’fagt — —" Er druckste an den Worten herum, als wären sie ein Knödel, der ihm im Halse stecken- geblieben war, und nicht hinauf- und nicht hinunterrutschen wollte.
„Was hat sie denn gesagt, Barthelmes" drängte Niels ungeduldig.
Aber es dauerte noch eine Weile, ehe der Alte mit der Antwort herausrückte. „G'sagt hat's — sie wär's koane solchene net."
Pöttmes mußte trotz seines Aergers lachen. „Vielleicht packen Sie ihr noch etwas Brot und Geräuchertes in den Rucksack, Barthelmes. Sie können auch meine Thermosflasche nehmen und ihr mit heißem Kaffee füllen. Wenn ich wüßte, daß es sie nicht beleidigt, würde ich ihr einige hundert Mark dazulegen. Sie kann dann ganz gut noch einige Wochen irgendwo bleiben, ohne eine Stellung zu haben."
Barthelmes pflügte schon wieder an seinem Stoppelfeld, ein Zeichen, daß er angestrengt nachdachte. Aber es fiel ihm nichts ein. — Niels hörte ihn dann draußen herumftapfen und mit Schüsseln und Tellern rumoren. Es mochte ihm nicht sonderlich wohl zumute sein, denn bald ging er durch die Stube, bald nach dem Flur, dann wieder nach der Stallung, wo die Geißen standen.
Niels hörte Klaudine vor der Hütte mit dem Hunde sprechen und überlegte, ob er sie zu sich hereinrufen sollte. Aber es war besser, nicht. Sie hatte recht, wenn sie ging. Ein Mädchen ihres Alters und von ihrer Schönheit gehörte nicht in eine Almhütte zu zwei Männern, von denen der eine alt und grau und der andere ein halber Krüppel war. Da war es noch besser, ohne Stellung auf der Wanderschaft zu fein. Eines Tages fand sich doch jemand, der ihr ein Unterkommen bot.
Ungläubig sah er jetzt, wie sich die Tür öffnete und Klaudines blonder Kopf hereinlugte. „Darf ich Ihnen Lebewohl sagen, Herr Pöttmes?" Mit raschem Schritt trat sie ans Bett. „Haben Sie Briefe, die ich mit hinunternehmen kann? Oder sonst etwas zu besorgen? Der Barthelmes kommt sobald nicht wieder ins Tal, sagt er."
„Ich müßte erst schreiben, Fräulein Klaudine." „Soll ich? — Und Sie diktieren." „Es wäre sehr liebenswürdig!"
Sie brachte Papier und Bleistift, fetzte sich auf den Bettrand und sah Niels abwartend an.
„Mein lieber Bob!
Ich habe gerade Gelegenheit, einen Brief befördern zu lassen. Es geht mir leidlich. Sobald ich nach Paris komme, werde ich Professor Mollier konsultieren. Ich glaube, es fehlt doch weiter, als ich anfangs gedacht habe. Was ist mit Elisabeth? Liegt sie noch im Krankenhaus? Bitte lasse ihr jeden' Sonnabend einen Strauß Nelken zuschicken. Ich denke, es wird sie freuen. Ich liege noch immer auf der Karrer-Hütte. Diese unfreiwillige Haft ist vielleicht der größte Gewinn meines Lebens. Was macht Henriette'' Sie braucht nicht zu wissen, daß ich Pech gehabt habe. Erwähne also bitte nichts, wenn Du schreibst.
In Liebe immer Dein Niel».*
(Fortsetzung folgt!)


