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Clr.227 Zweiter Blatt
(Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
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Der eine Anekdote zuerst erzählt hat, mag dabei gewesen sein; der sie weitererzählt, hat sie gehört. Durch Hörensagen wird sie überliefert; und ihr eigentliches Wesen verlangt nicht, daß sie ausgeschrieben, sondern von Mund zu Ohr weitergesagt wird, wobei ihre Form natürlich nicht feststeht, sondern jedesmal nach den Fähigkeiten des Mundes besser oder geringer herauskommt.
Wer so will, mag sie das Unkraut nennen, das unbekümmert, aber auch unausrottbar in den Fruchtfeldern der Geschichte blüht. Aber wenn ich in der Vorrede zu meiner „Halsbandgeschichte" schrieb, daß die Weltgeschichte in den Köpfen als Summe ihrer Sage lebe, so ist es gewiß, daß ihre Helden in der Ueberlieferung der Anekdote lebendiger bleiben als aus Büchern.' Auch durch Bücher, wenn sie danach sind, kann Anschaulichkeit überliefert werden; aber daß diese Anschaulichkeit nicht so überzeugend sein kann wie die aus der Liebe, aus dem Instinkt des Volkes lebendig erhaltene, ist gewiß. Schon deshalb, weil in der tausendfältigen Erprobung ihrer Wirkung im Hörensagen das Wesentliche vom Nebensächlichen geschieden wird.
Das scheint ein Widerspruch, indem es sich in der Anekdote doch, wie wir sahen, um das nicht Herausgegebene, also um Nebensächliches handelt. Nebensächlich ist aber das, was sie erzählt, nur für die sachliche Darstellung der Begebenheiten, nicht aber für den persönlichen Reiz, nicht für die Liebe zum Helden, nicht für das Staunen am großen Ereignis. Wer eine Reihe echter Anekdoten prüft, wird bald merken, daß es sich in ihnen immer um etwas Charakteristisches handelt, letzten Endes gar nicht um Besonderes oder gar Absonderliches, sondern um Bezeichnendes, also Allgemeines. Wie in der Sage sind es allgemeine Vorstellungen von Gröhe, Tapferkeit, Schlagfertigkeit usw., die dem Helden liebevoll angehängt werden und für die eine auf den Augenblick zugespitzte Form gefunden wird.
Vielleicht kann man sogar sagen, daß sich in der Anekdote eine volkstümliche Kritik an der geschichtlichen Einsicht ausspricht. Ich will das deutlich zu machen versuchen, indem ich eine AnekLote von Napoleon erzähle:
Als Napoleon auf seiner Flucht aus Rußland im Schlitten am Ufer des Riemen anlangte und nicht eben kaiserlich aussah, fragte er aus seiner Vermummung den Fährmann, ob schon viele französische Deserteure hinüber wären? Nein, Sire, erwiderte der Fährmann, Ihr seid der erste!
Es ist ohne weiteres aus dem geschichtlichen Verlauf erkennbar, daß der Kaiser der Franzosen nach
dem Brand von Moskau alles daransetzen mußte, für das in Rußland verlorene Heer ein neues gegen den nun beginnenden Generalangriff seiner Feinde zu raffen. Das einfache Gefühl stellt aber solche Erwägungen nicht an; es sieht den Kaiser auf der Flucht, sein Heer treulos der Vernichtung preisgebend: diese Treulosigkeit-prägt es in seiner Anekdote aus, weil es in seiner Beurteilung — der vox populi, wie das Sprichwort sagt — vox dei, unbeirrbar ist.
Im übrigen beweist diese Anekdote das, was ich ihre Volkstümlichkeit nannte, sehr drastisch: Damit der Kaiser mit dem Fährmann dieses kurze Gespräch haben konnte, hätte er russisch oder der Fährmann französisch sprechen müssen. In der Wirklichkeit wäre die Unterredung also durch einen Dolmetscher geführt worden, den der Volksmund am allerwenigsten brauchen kann und in dessen Mund das Gespräch kaum seine Schärfe behalten hätte. Der Volksmund übersetzt gleichsam den Kaiser und den Fährmann in seine Sprache und gewinnt dadurch die von ihm gesuchte Schlagkraft.
Die Schlagkraft liegt in der zwar naheliegenden, aber überraschenden Antwort. Sie ist die Pointe, wie man sagt, der Punkt, auf den die Anekdote zielt. Um eine solche Pointe handelt es sich mehr oder weniger in jeder Anekdote; auf ihre Ueberraschung hin wird sie erzählt, also genau so wie beim sogenannten Witz. Die Unterscheidung vom Witz liegt darin, daß die Anekdote historisch verhaftet, an einen volkstümlichen Helden oder an ein volkstümliches Ereignis geknüpft ist und sich mit Liebe oder Bosheit daran versucht.
Die Volkstümlichkeit ist ihre unbedingte Voraussetzung; ohne die Beziehung zu einer volkstümlichen, also im Volksmund umgehenden Bedeutung gibt es keine Anekdote. Was ich von Herrn Schulze erzähle, bleibt mit der besten Pointe ein Witz.
Aus ihrer Natur ergeben sich für die Form der Anekdote zwei bestimmte Anforderungen: sie muß den Augenblick, in dem es zur Pointe kommt — die Situation, wie wir sagen — so klar wie möglich zeichnen und muß die Pointe selber so über» raschend und so scharf wie möglich herausbringen. Gedrängtheit und Schlagkraft bilden ihren Charakter. Ihr Lebensraum aber ist der Volksmund; wie das Volkslied nur im Sang lebt und nicht in feiner Aufzeichnung, so die Anekdote im Hörensagen: Wer sie niederschreiben will, muß, wie Luther sagt, dem Volk aufs Maul gesehen haben.
schichte des Altertums werden uns nahegebracht durch Vergleiche mit Vorgängen, die uns nahestehen, und erläutert aus kultur-, Verkehrs- und handelsgeschichtlichen Gesichtspunkten, die uns manche bessere Erkenntnis geben als die'rein politischen.
Von großem Interesse für uns sind die Darstellungen der Entwicklungsgeschichte der Germanen. Hier sehen wir manche neue Karte, die das erste Eindringen der Römer in Germanien, die andererseits das Vordringen der Germanen nach den westlichen, südlichen und östlichen Nachbarländern erkennen lassen. Wir sehen, wie ganz Europa, Klein-
Die Vorhalle im„Haus des Deutschentzandwerks"
asien selbst und die nordafrikanische Küste in der Völkerwanderungszeit von Germanen beherrscht und durchdrungen wurde. Wir sehen im Kartenbild aus ganz neuen Gesichtspunkten heraus auf Grund der letzten Ausgrabungen in der alten Wikinger-Handelsstadt H a i t h a b u beim heutigen Schleswig, wie weit umfassend, die bedeutendsten europäischen und Mittelmeerhäfen berührend, in ihren letzten Ausläufern bis nach Amerika und Oft- asien reichend, schon damals der Handel und die wirtschaftlichen Beziehungen des Germanentums waren.
Und dann sehen wir beiter im Kartenbild das Vordringen der deutschen Kolonisation im O st e n, die Gewinnung Schlesiens, Pommerns, Preußens für das Deutschtum und das Vordringen deutscher Kultur bis tief hinein in den Balkan und Rußland. Wir sehen die Entwicklung des deutschen Seeverkehrs im frühen Mittelalter und sehen dann in den bunten und immer bunter werdenden Kartenbildern des Deutschen Reiches die im Laufe des Mittelalters bis in die neue Zeit immer weiter werdende politische Zersplitterung innerhalb des Deutschen Reiches, und wir sehen andererseits, wie einst in der Blütezeit der Staufer das Herrschaftsgebiet der deutschen Kaiser von der Nordsee bis nach Sizilien, von der baltischen Küste und von der Weichsel bis zur Rhone und zur Maas reichte, und wie im Mittelalter für den Verkehr und den Handel zu Lande und Wasser das Deutsche Reich und deutsche Städte der Mittelpunkt waren.
Und dann wird uns im Kartenbild in eindringlicher Deutlichkeit der Niedergang Deutschlands vor Augen gerückt — das systematische Vordringen Frankreichs von Westen her, die zunehmende Zer-
Ein seltsamer Vertrag.
In einer kleinen Stadt in Wales wurde in diesen Tagen zwischen einem Bardier und einem Totengräber ein recht seltsamer Vertrag geschlossen, der es verdient, daß man feiner Erwähnung tat. Ob die beiden Männer im Verlauf eines scherzhaften Gesprächs auf jene seltsame Abmachung verfallen sind oder ob sie ganz ernsthaft erwogen haben, wie sie sich gegenseitig ohne Uebervorteilung dienlich sein können, wissen wir nicht. Lediglich das Ergebnis ihres Vertragsabschlusses liegt vor. Der Barbier verpflichtete sich, dem Totengräber jederzeit kostenlos die Haare zu schneiden, der Totengräber dagegen erklärte sich bereit, den Barbier ohne Entgelt zu bestatten, wenn er einmal das Zeitliche segnet. In bestem Einvernehmen wollen die beiden diesem Zeitpunkt entgegensehen, und sie sind überzeugt, daß sie sich durch diese Abmachung gegenseitig manche Sorge abgenommen haben. Wie sols es aber nun werden, wenn der Totengräber vor seinem Gläubiger stirbt, ist dann der Barbier nicht um den ganzen Lohn für feine getreuen Barbierdienste gebracht worden? O nein, die beiden 2Rätu ner haben für diesen Fall für eine angemessene Entschädigung des Barbiers Sorge getragen. Aus dem Nachlaß des Verstorbenen wird bann dem Bar- I bier jene Summe ausbezahlt, die später für seine Bestattung ausgegeben werden muh.
Das musikalische Duell.
In Budapest wird jetzt zwischen zwei Männern eine Auseinandersetzung in einer Weise ausgetragen, die als vorbildlich gelten kann. Die beiden Männer greifen in diesem Fall nicht, wie das sonst gerade in Ungarn sehr schnell zu geschehen pflegt, zum Säbel oder zur Pistole, sondern sie haben sich zu einer Waffe entschlossen, die ihnen wirklich gemäß ist. Die beiden Duellanten sind Louis Halasz, ein berühmter Zigeunergeiger, und Julius Csorba, ein ebenfalls bekannter Violinspieler. Halasz spielte in einem Caf6 der ungarischen Hauptstadt und erfuhr, daß Csorba seine Leistung durch einige Bemerkungen in größerem Kreise herabgesetzt hatte. Darauf näherte sich Halasz seinem Widersacher und forderte ihn zu einem musikalischen Duell auf. Csorba nahm an. Dieser seltsame Zweikampf soll in den Räumen der Budapester Akademie für Musik ausgetragen werden, und zwar vor einem Gericht von musikalischen Sachverständigen, vor denen die beiden Duellanten drei ungarische Zigeunermetodien spielen werden.
Das „Haus des Deutschen Handwerks" in Berlin geht seiner Vollendung entgegen. Auf unserem Bilde sieht man einen Teil der künstlerischen Bleiverglasung in der Vorhalle mit einer Führerbüste.
(Scherl-Bilderdienst-M.)
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natürlichen Grundlagen der Weltgeschichte, zeigen ihm das, was ihm früher oorenthalten wurde: Die Ausbreitung und das Alter der germanischen, der nordischen Kultur, die vorgeschichtlichen Wege der indo-germanischen Völker und die Befruchtung der Gebiete, die uns einst als Ur- gebiete der Kultur bezeichnet wurden, durch die arischen Völker. Im Kartenbild sieht man augenfälliger, als es sonst möglich ist, wie stark das nordische Element geistig und kulturell Europa und die Nachbargebiete Asiens durchdrungen hat schon zu Beginn der „historischen Zeit", auch wenn dies politisch nach der bisherigen Geschichtsauffassung nicht so zum Ausdruck gekommen ist. Auch die historischen Karten des Altertums geben dadurch, daß sie im Farbenbild die Verteilung der Rassen erkennen lassen, ein klares Mittel der Erkenntnis der großen Zusammenhänae, und die Vergleiche zwischen frühgeschichtlichen Stadtanlagen und deutschen Burganlagen zeigen uns die inneren Zusammenhänge zwischen dem nordischen Herrenvolk im alten Griechenland und dem Germanentum. Die Darstellungen der politischen Ge-
Geschichte im Kartenbild
Was wir früher in Deutschlands hohen Schulen tu Geschichte lernten, das endete im allergünstigsten f alle mit den Einigungskriegen 1870/71. Wer nicht in5 Glück hatte, in diesem Fach von besonders veitschauenden Lehrern unterrichtet zu werden, der <7fuhr wohl vielerlei von alten Griechen und Römern, der wußte glänzend Bescheid in den launischen Kriegen, der kannte die Jahreszahlen ier Kaiser des' deutschen Mittelalters, der wußte auch noch die Gefechte und Schlachten Friedrichs 125 Großen, Napoleons und der Befreiungskriege. Ißte folgenden Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts wurden meist aber schon recht stiefmütterlich be- lnnbelt. Es war entweder keine Zeit mehr dafür wrhanden, so daß sie im Eiltempo durchgegangen werden mußten, oder aber — wie es häufig der : f all war — man wagte an diese Dinge nicht mehr 12ranzugehen, weil sie Fragen anrührten, die noch ii die Politik der Gegenwart hineingriffen.
Durch den Weltkrieg selbst und noch mehr durch | ine Folgen ist das Bild der Weltkarte von Grund uf umgeändert worden. Die weltanschauliche Umwälzung, zumal in Deutschland, hat auch uns das bild der Geschichte nicht nur unseres eigenen Vol- !ts, sondern auch der ganzen Menschheit von einem canz anderen Gesichtspunkt aus sehen gelehrt als
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Glosse Über die Anekdote.
Von Wilhelm Schäfer.
Von Wilhelm Schäfer erscheint in diesen Tagen bei Albert Langen / Georg Müller, München, eine Volksausgabe seines berühmten Buches „Anekdoten".
SSeitdem ich vor achtundzwanzig Jahren das erste Ländchen meiner novellistischen Versuche unter dem Intel „Anekdoten" herausgab, wird mir nachgesagt, dH ich eine vergessene Kunstform wieder lebendig gemacht habe. Darin liegt ein Mißverständnis nicht nur meiner Dinge, sondern auch der Anekdote. Ich ^nühte mich damals — in einer Zeit „natura- Mscher" Verwahrlosung der dichterischen Formen - um die Form der Novelle und nannte mein Hüne5 Buch „Anekdoten", weil unter den achtzehn -Lücken die meisten „historischen" Inhalts waren, bi: Weltgeschichte aber nur anekdotisch, also gleichsam von der Seite hineinleuchtete. Wie ich denn (Md) der Meinung bin, daß Kleist in seiner groß- a-tigen „Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege" mehr dieses Verhältnis zur Weltgeschichte lüs eine Kunstform im Titel bezeichnen wollte.
iAnekdote heißt bekanntlich das nicht Heraus- jigebene; es ist eine geschichtliche Tatsache damit jimeint, die zu belanglos, zu ungesichert oder zu i) ikel ist, in der geschichtlichen Aufzeichnung eine Es eile zu finden, die aber reizvoll genug bleibt, gelegentlich unter der Hand erzählt zu werden und b t überdies eine geschichtliche Persönlichkeit oder m Ereignis in ihre besondere Beleuchtung stellt. Ejenn es in der Geschichte um eine sachliche Darstellung der Begebenheiten geht, so fügt die Anekdote ihr die persönliche Anschauung eines Betrach- ic-s hinzu, der dabei gewesen ist und darum etwas ji erzählen weiß, und was der Geschichtsschreiber ns feinen „Quellen" nicht wissen kann ober will. Es ergänzt oder überwuchert Geschichte durch Geck ichten.
Es liegt in der Natur der Anekdote, daß sie sich n überragende oder absonderliche Gestalten oder itih an Ereignisse hängt, wie etwa an den „Alten bife" an den „Papa Wrangel" oder das Erd- iwen' von Lissabon. Die Voraussetzung ihres Tra- k-s ist immer, daß er volkstümlich, daß er eine hblingsfigur des Volkes geworden ist, an der Kirch die Anekdote herumkoloriert wird. Sie ist an hem Teil das Gedächtnis des Volkes aus Liebe, c* die Sage, die Legende auch, und darum em Lück Volkspoesie.
t e vorhergehende Generation. Das, was in den Wen Jahren des vergangenen Jahrhunderts und i den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts imzelne erkannten und weitschauend formten, ist cft, nachdem die völkische Weltanschauung durch Kn Durchbruch des Nationalsozialismus auch in hr deutschen Wissenschaft zur Anerkennung gekom- r en ist, zur allgemein anerkannten Grundlage mserer Schau auf die deutsche und die Weltgerichte geworden.
Der, der mit diesen Dingen sich früher nicht tiefer l-schäftigt hatte, als ihn seine Schulbildung geführt lit, wird heute vieles ihm Neue hinzulernen rüsten. Das, was ihm einst eine trockene Wiffen- foaft schien, zu der er keine engere innere Ver- Imbung fühlte, wirb ihm, wenn er es nach ben rrnen Erforschungen kennen lernt, lebensvoll wer- l n, bie Zusammenhänge ber großen Entwicklun- j-n werben ihm klarer werben; er wirb bie gegenwärtige Weltlage, bie Stellung seines Volkes in nr übersehen unb bamit auch bie eigene persönliche Beziehung zu ben großen Dingen erkennen und f bien.
\ Hierzu kann ihm eine nach den neuen Crkennt- lsssen geformte geschichtliche Landkarte ein jites Hilfsmittel ber Unterrichtung unb Erkennt- üs werben, ba sie burch ihr übersichtliches Bilb läenbigere unb stärkere Einbrücke vermitteln kann is manches Buch. Hat schon bie politische Land- l:rte burch bie Veränderungen" ber letzten Jahr- sthnte eine so tiefgehende Umwälzung erfahren, iiß die Atlanten aus der Zeit vor 1914 kein Bild i r heutigen Weltverteilung mehr geben können und durchweg weitgehender Neubearbeitung bedurften, ! f gilt das gleiche in vielleicht noch stärkerer Bell utung für ein yistorisches Kartenwerk. Wir hatten foon früher nicht viel wirklich wertvolle historische Kartenwerke; solche, die uns die Entwicklung der Menschheitsgeschichte nach den Erkenntnissen der htztzeit zeichneten, hatten wir bisher gar keine. Im so begrüßenswerter ist die Neuausgabe von W. Putzgers Historischer Schul- a l a s", die der Verlag von Velhagen und Kla- fig, Bielefeld und Leipzig (271), in diesem Jahr strausgegeben hat. Es ist wohl die 52. Auflage isfes Atlas, aber er hat in ihr eine so weitgehende innere Veränderung erhalten, daß aus ihm in der Snt ein neues Werk geworden ist. Die Bereiter Max P e h l e, Heinz S i l b e r b o r t h nb Martin Jskraut haben ihn zu einem Werk cimacht, besten Wert weit über ben eines Schul- c las hinausreicht. Sein Stubium fesselt eben burch d« Einbruckskrast des Bildes den Beschauer stärker cs bie Darstellung im Wort, unb so wirb bie Durchsicht des Kartenbildwerks auch für den, der sch mit diesen Dingen bisher noch nicht eingehend b'fschäftigt hatte, zu einer überaus lebendigen Dar- ! süllung der Geschichte.
ISchon die ersten Seiten machen ihn vertraut mit
fpütterung von innen heraus, die im Dreißigjährigen Krieg ihren Höhepunkt erreichte, das ständige Anwachsen Rußlands von Osten her — bis zur stärksten Verengung und Verkleinerung, bis zur tiefsten Schmach zur Zeit Napoleons. Wir sehen aber auch, wie im Laufe der Jahrhunderte der beginnenden Neuzeit Preußen mehr und mehr erstarkt und zur norddeutschen Großmacht wird, und überaus eindrucksvoll zeichnet sich an der Entwicklung der deutschen Post, der deutschen Eisenbahnen und der Zollgrenzen im 19. Jahrhundert die zunehmende wirtschaftliche Einigung Deutschlands ab, der dann unter Bismarck endlich auch wieder die politische Einigung folgen sollte.
Die Karten der neuesten Zeit bemühen sich bann mit anerkennenswerter Einbringlichkeit, die großen politischen Entwicklungen klarzumachen, die zum Weltkrieg führten unb die dem Weltkrieg folgten. Wir erkennen im Kartenbild die systematische Einkreisung Deutschlands bis 1914, wir lesen aus ihm, wie groß der Ring war, den im Kriege deutsche Truppen tief in das Land der Gegner hineingezogen hatten. Und dann folgen eine Reihe von Karten, die mit außerordentlicher Eindringlichkeit die Folgen von Versailles zeigen. Eine neue Karte zeigt uns Europa und die Welt nach dem Kriege, und überaus wertvoll sind die Karten, die uns die Entwicklung des Grenz- und Auslandsdeutschtums erkennen lasten.
Die großen weit- und kolonialpolitischen Karten begnügen sich nicht damit, die Entwickluna der Grenzen aufzuzeichnen, sondern lassen auch die politischen Zusammenhänge erkennen. Ueberaus aufschlußreich die Kartenbilder von Asien, das Zusammentreffen der Machtströme, die von Amerika ausgehen, die von Rußland ausgehen, die Kraftströme von England und Indien aus und die Stromlinien, die in Japan ihren Ursprung haben, um ganz China Herumreichen bis nach Afghanistan, und um die indischen Inseln Herumreichen bis nach Ostafrika und Abessinien. Im Zusammenhang mit ber Karte über Afrikas Aufteilung kann man aus biefen Kartenbildern bie großen politischen Entscheidungen, die heute in Asien und Afrika bevorstehen, deutlicher verstehen und beurteilen.
Etwas ganz Neues sind in diesem Atlas die Darstellungen der großen Weltverkehrslinien, bie Entwicklung bes Flugverkehrs, ferner die Darstellungen der kulturellen unb völkischen Entwicklung unb jetzigen Lage bes Auslanbsbeutschtums unb der deutschen Kultur. Auch die nationalsozialistische Revolution findet in diesem Kartenwerk ihren Niederschlag. Wir sehen Hitlers großen Deutschlandflug im Juli 1932, wir sehen die Darstellung der Wahlergebnisse im Kartenbild; wir finden ferner äußerst aufschlußreiche Kartenbilder über die Ausbreitung der Juden in Europa — unb zum Schluß sei ein von zahlreichen Kreuzen bebecktes Kartenbild erwähnt: „Rotmord 1919 bis 1934", das uns die Blutopfer der NSDAP, und des Stahlhelm im Kampf um Deutschlands Er- Neuerung in grausiger Sachlichkeit deutlich macht. Schon diese Beispiele zeigen, ein wie wertvolles, (unb überbies zu einem — besonbers für bie kleine Ausgabe — erstaunlich geringen Preis zu erroer- benbes) Hilfsmittel zur Schulung in ber geschichtlichen Erkenntnis bieses Kartenwerk ist.
Lettland beschlagnahmt deulsche Archive
Reval, 26. Sept. (DNB.) Wenige Tage nach ber Beschlagnahme ber Urkunben- unb Hanbschrif- tenfammlung bes Dom-Museums in Riga und des kurländischen Provinz ialmuseums in Mitau ist auch das Urkunden- unb Hanbfchriften- archiv ber Großen Gilbe in Riga beschlagnahmt worben. Auch in biesem Falle würbe bie Maßnahme auf § 20 bes Denkmalschutzgesetzes gestützt, obgleich bas Urkunben- unb Hanbschriftkn- material in ber Großen Gilbe in besonbers geeigneten Räumen in vorbilblicher Weise aufbewahrt war. Das in bem Provinzialmuseum in Mitau unb in ber Großen Gilbe beschlagnahmte Material ist bereits ganz in bas Staatsarchiv übergeführt worben. Aus bem Dom-Museum ist ber Abtransport noch im Gange. Auch zahlreiche private Depots, bie Nachlässe unb bergleichen enthalten, sind dabei nach dem Staatsarchiv übergeführt worden.
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