Nr. 173 Wertes Blatt
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Samstag, 27.Zuli 1935
Oberheffen.
Landkreis Gießen.
— Heuchelheim, 27. Juli. Durch das ananhaltende trockene Sommerwetter ist in unserer Gemarkung die Getreideernte schon sehr weit fortgeschritten. Im Felde sieht man nur noch wenig Weizen oder Hafer stehen; der größte Teil des Getreides ist geschnitten und steht in Hausten. Seit einigen Tagen hört man das Brummen der Dreschmaschinen im Dorf. Nach dem Körnerertrag zu schließen, kann man von einer guten Durchschnittsernte sprechen.
§ Daubringen, 26. Juli. Schuhmachermeister Georg Braun, der älteste männliche Einwohner unseres Dorfes, feierte diese Woche in geistiger und körperlicher Frische seinen 8 0. Geburtstag. Der Jubilar betrieb 50 Jahre lang, seit dem Jahre 1876, sein eigenes Geschäft.
§ Mainzlar, 26.Juli. Die Bauern haben gegenwärtig mit dem Einbringen der Ernte alle Hände voll zu tun. Der Körner-, wie auch der Strohertrag sind als gut zu bezeichnen.
? L i ch, 26 Juli. Gestern abend fand im festlich geschmückten Steins Saalbau die feierliche Überreichung der Kriegsehrenkreuze an die hiesigen Kriegsteilnehmer, Kriegerwitwen und -Eltern der im Weltkriege Gefallenen statt. Der große Saal prangte in herrlichem Blumen- und Fahnenschmuck. Die Kapelle der Freiwilligen Feuerwehr Sich hatte die musikalische Ausgestaltung übernommen, während die Sängervereinigung „Cäcilia"- Lich durch klangrein und diszpliniert oorgetragene Vaterländische Chöre ebenfalls wirkungsvoll zur Verschönerung der Feierstunde beitrug. Nach dem Eröffnungsmarsch der Kapelle und dem Einmarsch Der Fahnen hielt Bürgermeister Geil im Anschluß an die Begrüßung der stattlichen Versammlung eine längere Ansprache, in der er besonders betonte, daß über zwei Millionen der besten Feldgrauen ihr Leben für Heimat und Vaterland geopfert hätten unb daß der Führer durch die nationalsozialistische Bewegung Deutschland nach der jahrelangen «Schmach, Erniedrigung und Demütigung wieder zu Ansehen und Ehre gebracht habe. Den gefallenen -Helden wurden einige stille Sekunden gewidmet, während die Musik das Lied vom guten Kameraden spielte. Im Anschluß hieran wurden die »Ehrenkreuze an etwa 230 Frontkämpfer^ und 100 Kriegsteilnehmer, -Witwen und Eltern übergeben, hiernach richtete der Ortsgruppenleiter der NSDAP. Karl Kuhn eine kurze Ansprache an die Geehrten, nn der er mit ermahnenden Worten aufforderte, in »gleicher Treue, wie einst 1914 zu Deutschland, auch lheute zum Führer und dessen Werke zu stehen. Mit Der Huldigung an den Führer und dem Gesang 6er ersten Verse der beiden Nationallieder wurde feie schöne und eindrucksvolle Feier geschlossen.
Kreis Bübingen.
$ Nidda, 26. Juli Seit kurzer Zeit herrscht hier eine äußerst rege Bautätigkeit. Nachdem die seither nur zum einen Viertel ausgebaute Veundestraße nun durchgeführt und dabei für größeren Verkehr verbreitert, die Wasserleitung verlegt unb die Kanalisation angeschlossen wurde, ist wieder ein Wohnhausneubau in dieser Straße im Rohbau ssast fertig. Zwei andere Wohnhäuser werden vor- »aussichlich noch im Herbst in diesem günstig gelege- men Baugelände unter Dach und Fach kommen. Das Autogeschäft der Firma Konrad W e i s h a u p t ist »genötigt, die bereits geräumige Reparaturwerk- jftätte erheblich zu vergrößern. Bedeutende Erd- nnassen mußten, da es gegen einen Berg geht, abgehoben werden, die zur Auffüllung eines tief gelege-
ten Bauplatzes in der Raun dienen, auf dem in Kürze auch ein Wohnhaus errichtet werden soll. Zwei Einfamilienhäuser sind mittlerweile in dem im Frühjahr neu erschlossenen Baugelände in der Johanniterstraße erstanden, nachdem die Baufluchtlinie verlegt und eine Verbreiterung dieser Straße von acht auf zehn Meter erfolgte. Berücksichtigt man, daß noch eine Anzahl Gebäudereparaturen ausgeführt werden, so kann man die erfreuliche Feststellung machen, daß fast alle Bauhandwerker Beschäftigung haben.
* Bad Salzhausen, 26. Juli. Regierungsbaurat H a l l st e i n von hier wurde für seine Verdienste im Abwehrkampf an der Ruhr der S ch läge t e r - S ch i l d verliehen.
* Echzell, 26. Juli. Die älteste Einwohnerin unseres Ortes, Frau Katharine Elisabethe Lahm, konnte gestern in geistiger und körperlicher Frische ihren 9 0. Geburtstag begehen.
Preußen.
Kreis Wetzlar
<£ Rodheim a. b. B., 26. Juli. Unsere Ge- meinbe trug gestern ihr ältestes M i t g l i e b , den weit über die Grenzen unserer engeren Heimat bekannten Dreher Johann Georg Bender I. zu Grabe. Die hiesige Kameradschaft des Kyffhäuser- bundes, deren Mitbegründer und eifriges Mitglied der „Alte Dreher" gewesen war, hatte es an nichts fehlen lassen, das Begräbnis ihres ältesten Kameraden recht würdig zu gestalten. Ebenso war auch die hiesige Turn- unb Sportgemeinbe in stattlicher Zahl angetreten, um ihrem ältesten, treuen Mitglieb das Ehrengeleit zu geben. Unter Vorantritt einer Militärkapelle bewegte sich ein langer Leichenzug zum Friebhof. Pfarrer V ö m e l umringte am Grabe ben Entschlafenen unb brachte auch zum Ausbruck, baß mit unserem Aeltesten ein Stück Heimat von uns gegangen ist. Ein Leben, bas sich über 87 Jahre erstreckte, ist ausgelöscht. Aber bie Robheimer Gemeinbe wirb stets voll liebenben Gebenkens unb Achtung an seinem Hügel stehen. Als am offenen Grabe bas
Lieb vom guten Kameraben ertönte, als sich bie Fahnen zum letzten Gruß senkten, würbe es allen Anwesenben recht bewußt, baß hier einer schieb, ber nie aufgehört hatte, mit Stolz unb Freube Solbat zu sein. Das war auch ber Grunbzug bes Abschiebs- wortes, bas ein Angehöriger bes Gießener Regimentsvereins ber ehemaligen 80er, besten begeistertes Mitglieb Joh. Georg Bender bis zu seinem Tode war, ihm widmete. Die Kameradschaft Rodheim des Kyffhäuserbundes trauert um einen ihrer treuesten Kameraden.
O Niederkleen, 26. Juli. Am 27. Juli feiert unser ältester Einwohner Landwirt Friedrich Nern I. in körperlicher und geistiger Frische feinen 9 0. Geburtstag. Nern war ehemaliger 8. Jäger in Wetzlar, machte dann die beiden Feldzüge 1866 und 1870/71 beim 11. Jäger-Batl. Marburg mit. Ein Sohn von ihm ist im Weltkrieg gefallen. Nern ist noch der einzige Veteran von 1870/71 in unserem Orte. Gern erzählt er von seinen Erlebnissen in den beiden Kriegen. Voriges Jahr feierte er mit seiner Gattin die Goldene Hochzeit. ____________
Weitere Urteile im Darmstädter Kommunistenprozeß.
Lpd. Darmstadt, 26. Juli. Am dritten Verhandlungstage im Prozeß gegen eine große Anzahl Kommunisten verurteilte heute der Strafsenat des Oberlandesgerichts fünf Angeklagte aus Neuftadt im Odenwald. Wegen Einkassierung und Weiterleitung von Beiträgen, sowie Verteilung von hochverräterischen kommunistischen Druckschriften wurde der 25jährige Georg K o ch zu 2 Jahren 6 Monaten Zuchthaus, 5 Jahren Ehrverlust und Stellung unter Polizeiaufsicht verurteielt. Der 29jährige Fritz Schneider erhielt wegen Beitragszahlung an die verbotene KPD. 2 Jahre Gefängnis, der 33jährige Franz Brunner und der 30jährige Wilhelm Scheibler je 1 Jahr 9 Monate Gefängnis. Wegen Nichtablieferung einer illegalen Druckschrift erkannte das Gericht gegen den 27jährigen Oskar Kull auf 4 Monate 1 Woche Gefängnis, die durch die Untersuchungshaft als verbüßt gelten.
Die Schwimmbad-Einweihung in Lützellinden.
v L
Am vergangenen Sonntag — wir berichteten bereits darüber — konnte in Lützellinden das neugeschaffene Schwimmbad offiziell seiner Bestimmung übergeben werden. Unser Bild (das wir auf besonderen Wunsch veröffentlichen), zeigt das Schwimmbecken, umlagert von einer großen Zuschauermenge, die sich zur Einweihung eingefunden hatte. Der Gauschwimm- roart Franz Sauer, Gießen (im Bild rechts hinter dem Wasserballtor) hält zur Einweihung des Bades eine Ansprache.
Hans von Gpallart.
Der neue Charakterbonviant und Liebhaber am Stadttheater.
- ■
M
--.V M I
• UD
„Ich wurde am 12. Dezember 1900 in Wien geboren, als Sohn des aktiven Offiziers der österreichisch-ungarischen Armee Dr. phil. Anatol Neumann Ritter von Spallart. Der früh geäußerte Wunsch: entweder General oder Kondukteur bei der elektrischen Straßenbahn zu werden, erwies sich bald als meiner Veranlagung nicht durchaus entsprechend. Auch hinderte mich der darauffolgende Besuch der üblichen Grund- und Gymnasialklassen wenig, mich mit den Erscheinungen der Literatur und Kunstgeschichte zu beschäftigen. Nachdem ich dann 1918 bis 1921 mehrere Semester an den Universitäten in Lausanne und Berlin belegt hatte, ergriff mich — wie es sich gehört — der allseits bekannte „unwiderstehliche Drang" zum Theater. Ich studierte bei einer ehemaligen Partnerin von Kainz, Frau Josephine Ditschy, in Berlin. Aber noch ehe die gute alte Dame sich recht umsah, stürzte ich mich schon kopfüber in das lebendige Theater und ließ mich als Eleve am Landestheater in Stuttgart anwerben. Von dort schloß ich einen zweijährigen Vertrag nach Zürich (Schauspielhaus) ab, spielte bann 1 Jahr in Straßburg (Gastspiel der Kaiserspiele in Wien) und kehrte daraufhin wieder auf 2 Jahre nach der Schweiz zurück, Luzern-Stadttheater. In den Jahren 1929 bis 1935 führte mich mein Weg von Harburg-Wilhelmsburg, über Aussig a. d. Elbe nach Cottbus ans Stadttheater und von dort nach Berlin (Komödienhaus, Theater am Schiffbauerdamm, Theater am Zoo usw.) und zuletzt als Oberspielleiter ans Deutsche Schauspiel nach Riga (Lettland). Daß ich mich nach langer Tätigkeit an auslandsdeutschen Theatern sehr darauf freue, wieder einmal in einer lebendigen Stadt in Deutschland selbst sein zu können, brauche ich wohl nicht weiter zu betonen."
Wir sanden zneinander.
Vornan von Klothilde v. Stegmann.
Urheberrechtschutz: Fünf-Türme-Verlag Halle (S.)
13. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
10. Kapitel.
Dietrich Veltheim hatte alle seine Reisevorberei- ckungen getroffen. Was er an Garderobe für den Süden brauchte, besaß er zum Teil noch oder hatte es sich frisch in der Stadt bestellt. Mit dem Oberinspektor seines neuen Besitzes hatte er das Notwendige besprochen. Außerdem war em Freund von ihm, der als Gutsdirektor auf einem benachbarten Besitz saß, bereit, die Oberaufsicht über Veltheim auszuüben, solange er fernbleiben wurde. Alles war also erledigt, bis auf den einen Punkt: Bustizrat Niemann hatte schon wieder einmal ge- -mahnt. Dietrich hatte nervös abgewehrt:
„Ich weiß, ich weiß! Sie haben recht, Herr Justizrat, ich werde mich unter den Töchtern des Landes umsehen müssen. Aber ich schiebe diesen Gedanken noch so weit weg wie nur irgend mog-
Denken Sie immer daran, daß der endgültige Besitz von Veltheim an dieser Testamentsbestim- rnung hängt, Herr Graf", hatte der Justtzrat Hestern beim Abschied gesagt.
Dietrich f)atte eine schlaflose Nacht. Er warf sich ■auf seinem Lager hin und her Der Gedanke -sich aus Zwang vermählen zu müssen, war wirklich unerträglich. Aber Schloß und Gut Veltheim waren ihm so ans Herz gewachsen, daß er es nicht cufgeben wollte. Er kannte ia von Kmbeszetten on jeden Weg und Steg, den Hochwald oben an feen Bergen, die weiten Felder bie im Somme, die goldenen Garben trugen, die üppigen Wiesen, die Viehställe, die Pferdekoppel, die große die 3ti Veltheim gehörte — alles an diesem herrliches Besitz war ihm teuer. Es war nicht bie Sucht, Teich zu ein, bie ihn so mit Veltheim verbanbi - «s war bie Liede zu biefem Grunb unb Bobern Hier hatten einmal seine Vorfahren gefeitem Cem Water hätte Veltheim übernommen, wäre er nicht -so jung gestorben. Gab er Veltheim auf, so gab er damit bas Erbe ber Väter auf. Lieber woll e er bie unglückselige Testamentsbestimmung Tante Albertas erfüllen, als ben geliebten Boben Frem-
Am^Morgen nach biefer schlaflosen Nacht hatte er । „ t^rittckilutz aefaßt. Wenn ihm jemanb in
liefet Angelegenheit raten konnte, so war es dar a.
Er rief auf Schloß Sarne bei Weckenroths an.
Wie schön! Ich fein aerobe heute schrecklich einsam. Denn Marlen ift für zwei Tage nach Dresben gefahren. Du bist mir jederzeit willkommen. ...
Bald fuhr Dietz im Wagen nach Sarne hmuber. Nach langen Regenwochen war em Heller Vorfrüh
lingstag angebrochen. Der Himmel über dem Lande war wie blankgeputzt und strahlte in lichter Bläue. Der Wind war noch herb, aber er trug dennoch die Vorahnung von Wärme und Blühen.
Dietz wäre gern im offenen Auto gefahren, aber er war ber Mahnung bes Arztes eingebenk, ber ihm gesagt hatte: „Nicht bem Vorfrühling vertrauen, Herr Graf! Soweit sinb Sie noch nicht, Erst einmal sich ganz mit süblicher Wärme vollpumpen. Dann hier herein in ben Sommer. Auf biefe Weise werben Sie gefunb."
Durch bie Scheiben bes Wagens aber sah er: bie Welt erneute sich. An ben Spitzen ber Büsche standen die ersten grünen Blättchen, die Schlehdornhecken am Hügelwege wollten ihr weißes Kleid schon aufstecken. Nun ging es durch den Hochwald von Veltheim. Die Tannen standen hoch und ernst. Ihr dunkles Winterkleid war schon mit lichtgrünen Spitzchen bestickt. Unter den braunen Blättern des Waldbodens kamen die ersten Anemonen mit weiß-rosa Köpfchen hervor. Ein paar Spechte kletterten eilfertig an den Stämmen der Tannen. Man sah ihren Schnabel eifrig die rissige Rinde abklopfen. Fernhin am Waldesrand wechselten zwei Rehe über den Weg unb äugten neugierig herüber. Die ganze Natur begann zu leben unb bem Frühling entgegenzugehen.
Dietz erfaßte plötzlich eine heftige Sehnsucht nach Sonne, Freiheit unb Gesunbwerben. Jetzt freute er sich beinahe auf bie Reise. Er kannte den süblichen See, an ben er reisen wollte. Im Geiste sah er vor sich bie schimmernb blauen Fluten, umgrenzt von hohen Bergen. Sah Wiesen schon in ber vollen Pracht bes südlichen Frühlings, Blütensträucher in weiß unb rosa unb bie gelbgefieberten Mimosen- bäume in Blüte unb Duft. Die Welt war so schön. Sie würbe ihm Gesunbheit geben. Wäre nur nicht diese Zwangsheirat, bie vor ihm stand! Aber es gab keinen Ausweg. Und besser eine Formehe, bei der das Herz kalt und gleichgültig blieb, als eine Ehe, von der man Glück erwartete, und die doch enttäuschte. Dachte er daran, daß er beinahe Jutta geheiratet hätte, so war das, was vor ihm lag, doch eigentlich noch leicht.
Auf Schloß Sarne empfing ihn Karla mit großer Freude. Sie faß in dem Gartenzimmer von Schloß Sarne, einem Raum, der am Südteil des Schlosses angebaut war. Er bestand ganz aus Glasfenstern. Auf ben breiten Blumensimsen blühte schon ber Frühling. Das war Karlas liebster Aufenthalt. Die Blumen hier pflegte sie selber. Unb Marlen hatte oft gesagt:
„Ich bin zwar eine gelernte Gärtnerin, aber eine glücklichere Hanb habe ich auch nicht für Blumen."
Alpenveilchen stauben in langen Reihen. Weiß, rosa unb rot, schienen ihre Blüten gleich Schmetterlingen in der Luft zu schweben. Primeln in Weiß und Rosa breiteten sich aus. Die weißen, lila und rosa Glöckchen der Hyazinthen entsandten ihren süßen Duft. Daneben standen Maiglöckchen in durchsichtigen Gläsern, unb wie ein ganz zarter Hauch wehte das Aroma der Veilchen in bem Raum.
Karla saß in einem Korbsessel, ein Buch in ben Hänben. Aber sie las nicht. Ihr Gesicht trug ben Ausbruck ernsten Nachsinnens. Sie ahnte, warum Dietrich sie plötzlich sprechen wollte. Die ganze Zeit hatte sie bara.uf gewartet, aber sie hatte sich gehütet, an bie Frage zu rühren, bie boch einmal gelost werben mußte. Nun war es ihr recht lieb, baß Dietrich gerabe heute zu ihr kam, wo Marlen nicht ba war. Sie war immer noch wie gefangen von bem Plan, Dietrich unb Marlen, biefe beiben lieben Menschen, zusammenzubringen. Aber geschickt mußte sie es anfangen. Unb taktvoll — sehr taktvoll.
Jetzt horte sie von ber Einfahrt her bas bekannte Hupensignal von Dietrichs Auto. Salb sah sie ihn auch burch ben Gang entlangkommen. Sein for» cjenoolles Gesicht erhellte sich, als er bie Jugenb- freunbin erblickte.
„Guten Tag, Karla!"
Er schüttelte ihr herzlich bie Hanb unb legte einen Strauß wundervoller Teerosen auf den Tisch.
„Wie schon, Dietz, die ersten Rosen — so etwas haben mir in unferm Treibhaus nicht."
„Es sind auch die ersten, die aufgeblüht sind — ich habe sie heute selbst vom Stock geschnitten. Du weißt doch, es ist eine alte Sitte des Hauses Veltheim, die ersten Teerosen des alten Strauches seinem liebsten Menschen zu bringen. Und der bist doch du!"
Ein zartes Rot der Freude glitt über Karlas zartes Gesicht — immer wieder fühlte sie sich durch die treue Freundschaft Dietrichs beglückt. Dennoch sagte sie, halb scherzhaft, halb ernst:
„So lange, bis du einen Menschen gefunden hast, ber bir naher steht als beine alte Jugenb- freunbin, Dietz. Vielleicht sinb bie Rosen des nächsten Jahres für die Herrin auf Veltheim bestimmt."
Ein Schatten flog über das Gesicht des Freundes. Dann sagte Dietrich entschlossen:
„Karla, ich komme zu dir, mir Rat zu holen. Du weißt ja, was für eine schwere Bedingung mir Tante Alberta auferlegt hat."
Er nahm neben Karla Platz, schwieg einen Augenblick unb fuhr bann fort:
„Ich gehe nun für viele Monate fort. Aber je eher ich biefe Testamentsbestimmung erfüllt habe, um so eher brauche ich nicht mehr baran zu benfen. Unb darum will ich fo \d)neü wie möglich heiraten."
Karla lächelte vor sich hin. Wie er bas Jagte, bas war gerabe so, wie er früher als Knabe gesagt: „Je eher ich zum Zahnarzt gehe, um so eher bin ich bie Geschichte los." Eigentlich war es traurig, daß er so von 5er Ehe sprach. Aber er wurde frfjon anders reden, wenn es nur gelang, die richtige Frau für ihn zu finden. Und Marlen war die Richtige.
„Zum Heiraten gehören doch immer zwei, mein lieber Dietz. Haft du denn schon eine Frau?"
„Nein, darum komme ich ja eben zu bir. Du sollst mir raten — ich habe so wenig Bekanntschaften. Ich habe ja als Stubent nie Gelb gehabt, großen Verkehr zu pflegen. Dann kam meine
Verlobung mit Jutta, ba habe ich mich natürlich auch um kein anberes Mäbchen gekümmert. Und bann" — ein Schatten glitt über sein Gesicht — „als bie Sache mit Jutta zu Ende ging — na, ba habe ich natürlich gar nicht mehr an Frauen gebucht. Vollenbs währenb meiner Zeit in Sübame- rifa habe ich an ganz andere Dinge gedacht. Also habe ich keinerlei Beziehungen zu Familien, in denen ich mich umsehen konnte. Und durch irgendein Heiratsinstitut oder eine Annonce eine Frau zu suchen, das widerstrebt mir schließlich doch."
Karla schien nachzudenken. Dann meinte sie:
„Ja, da ist guter Rat teuer. Ich kenne ja auch sehr wenig junge Mädchen unb lebe ja sehr zurückgezogen. Ich wüßte nur eine, ber ich einen Menschen wie bich gönnen würbe."
Dietrich sah bie Jugenbfreunbin fragenb an.
„Wen meinst bu?"
„Meine Freundin Marlen."
„Marlen Korda?"
Karla nickte.
„Und das trauft du deiner Freundin zu? Einen Mann heiraten nur um des Geldes willen? Einen Mann, den sie überhaupt nicht kennt? Den sie weder lieben noch schätzen kann?"
„Langsam, langsam, Dietz! So ist es nun doch nicht. Sieh mal, Marlen unb ich sinb ein Herz unb eine Seele. Ich habe ihr, seit bem ich sie kenne, so unenblich viel von bir erzählt, baß sie bich sehr genau kennt. Marlen unb ich hängen so eng zusammen, wie Schwestern. Wenn mir ein Mensch lieb ift,. ist er auch Marlen vertraut und umgekehrt."
„Hast du mit ihr über mich gesprochen?"
Karla nickte.
„Und was hat sie gesagt?" fragte Dietrich gespannt.
„Sag mir zunächst, was für einen Eindruck hast du von Marlen, Dietz?"
Dietrich zögerte. Sollte er Karla gestehen, wie Marlens Erscheinung auf ihn gewirkt hatte? Daß ein süßes Erschrecken durch ihn gegangen, als er sie neben Weckenroth hatte stehen sehen, groß, schlank — mit diesem Hellen Gesicht und den ernsten, grauen Augen? Ach nein, er wollte nie zuviel von diesem Eindruck verraten. Dann hätte Karla mit ihrer großen Klugheit und ihrem Einfühlungsvermögen herausgefvürt, wie stark er sich innerlich mit Marlen beschäftigte. Er hatte die ganze Zeit an sie denken müssen. Sein Mißtrauen gegen Frauen rang mit dem Wunsche, die ganzen bösen (Erinnerungen an Jutta abzuschütteln — wieder zu glauben an Frauengüte und Frauenreinheit. Von diesem Ringen aber sollte Klara nichts wissen. Marlen am allerwenigsten. So sagte er denn ausweichend:
„Sie hat einen recht guten Eindruck auf mich gemacht, Karla. Vielleicht ist es aber, weil sie sehr schön ist. Und du weißt, ich habe mich schon einmal von bem schönen Aeußeren einer Frau blenben lassen."
(Fortsetzung folgt!)


