RrJ75 Zweites Blatt
5am§tag,27.)uli 1935
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)
DasInfanierie-Regiment Gießen übt in Oberheffen
Oie Gefechte am vierten Tage
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Der Regimentskommandeur Oberst V i e r o w (in der Mitte mit erhobener Hand) bei der Kritik an der Feldkrücker Höhe. Rechts der Bataillonskommandeur Oberstleutnant von Wachter.
Das I. Bataillon.
In der Lage des gestrigen Tages wurde das I. Bataillon aus dem Vormarsch auf der Straße Schotte n—II lrichstein südlich der Feldkrücker Höhe durch Befehl des Regiments nach Norden abgedreht, um von der Feldkrücker Höhe aus links neben dem II. Bataillon (angenommen) den Feind anzugreifen, der nördlich Feld- krücken den Hauberg und die Berge westlich davon besetzt hielt. Nach Empfang dieses Befehls drehte das Bataillon in die Waldungen der Feldkrücker Höhe ab, die Kompanien marschierten entfaltet in ihre Bereitstellungsräume. Dort wurde vom Bataillonsführer der endgültige Befehl für den Angriff gegeben. Die Infanterie-Kompanien bekamen ihre Angriffsstreifen und Angriffsziele zugewiesen, für die schweren Waffen wurde die Feuerverteilung und Zieloerteilung befohlen.
Gedeckt durch die Waldungen ordnete sich das B.taillon zum Angriff. Eine der Kompanien nahm vor Angriffsbeginn im gewaltsamen Handstreich das Waldstück erst in Besitz, in dem sie sich bereitstellen sollte. Der dort eingenistete schwache Gegner ging beim Zufassen dieser Kompanie auf den H a u b e r g zurück. Punkt 10 Uhr wurde der Angriff durch das Feuer der schweren Waffen auf den Gegner eröffnet, gleichzeitig griffen die Kompanien vorderer Linie, breit auseinandergezogen und tief gestaffelt, aus dem Walde heraus an. So rollte der Angriff des Bataillons von der Feldkrücker Höhe hinunter ins Feldkrücker Tal.
Zunächst in geschlossenen Sprüngen arbeiten di? Gruppen sich vor. Die Meldungen von den nunmehr feuernden feindlichen Maschinengewehren laufen zurück zum Bataillons-Gefechtsstand und werden von dort an die schweren Waffen weitergegeben, die ihrerseits nunmehr diese Ziele unter Feuer nehmen. Je näher die Infanterie dem Geg" ner kommt, um so aufgelöster werden die Bewegungen. Nur einzelne Leute springen, dort macht ein Maschinengewehr Stellungswechsel, hier springen einzelne Schützen gedeckt hinter einer Hecke nach vorn, und immer wieder rollt von hinten das Feuer der schweren Waffen der angreifenden Infanterie.
Als der Angriff die Tiefe des Feldkrücker Tals erreicht hatte, wurde die Hebung abgeblasen. Nach der Besprechung, bei der auch der gestern anwesende Regimentskommandeur das Wort zur Kritik ergriff, rückte das Bataillon in die Quartiere ab. Dort, und zwar in den Ortschaften Freienseen, Sellnrod, Lardenbach, Klein-Eichen, Groß-Eichen und Weickartshain, wurde bte Truppe, wie bisher immer, von der Bevölkerung überaus freundlich ausgenommen und fand all"nthalben die beste Unterkunft.
Der heutige Samstag stellt das Bataillon vor eine neue Ausgabe in der Gegend von Alten- h a i n. Nach Schluß der heutigen Hebung werden Quartiere im Raume von Nonnenroth, Vil - lingen und Ruppertsburg bezogen.
Als II. Bataillon JR. 116 (angenommen) begleitete es als rechte Seitendeckung den Angriff einer von der Lahn aus in östlicher Richtung vorgehenden Roten Division. Eine Blaue Abteilung leistete am Westrand von Dreihausen hinhaltenden Widerstand. Nach kurzem Kampf wurde Dreihausen genommen.
Nun war es Aufgabe des II. Bataillons, den Gegner durch das bergige und zerklüftete Waldgelände (Seift) in östlicher Richtung zu verfolgen. Dichter Wald wechselte mit steilen Hängen ab, und die
Sonne tat dazu ihr möglichstes, daß den Soldaten kein trockener Faden auf dem Leibe blieb. Bei Deckenbach war der Wald zu Ende. Schon machte sich erneut Widerstand von Blau bemerkbar. Abermals gingen jetzt die Maschinengewehre in Stellung. Rot stellte sich erneut zum weiteren Angriff bereit. Dieser wurde jedoch durch das Signal „Das Ganze Halt!" unterbunden. Der ganze gestrige Tag stand im Zeichen der Verfolgung. Der Gegner durfte nicht zur Ruhe kommen, wenn auch das Gelände noch so ungünstig war.
Bei Punkt 361 in der Nähe von Deckenbach fand die Besprechung der Hebung durch den Leiter statt. In Deckenbach selbst hatte sich mittlerweile das Bataillon versammelt, um von hier aus, die Spielleute an der Spitze der Kompanien, die Quartiere in der Gegend von Homberg aufzusuchen. Heber- all standen die Dörfer in vollem Flaggenschmuck zu Ehren der Soldaten. Die Aufnahme der Truppe war allenthalben außerordentlich herzlich. In Homberg wirkte sich der Einzug der 7. Kompanie derart aus, daß ein Kuhgespann es durchaus seinen vierbeinigen Gespannsgenossen an einem Fahrzeug der Kompanie damit gleichtun wollte, daß es in gestrecktem Galopp, die Bauersfrau auf der Mähmaschine hockend, durch die Stadt raste, bis es von den feldgrauen Kameraden wieder ein- । gefangen werden konnte. Ein kräftiger Regenguß
erfrischte die von der Hebung und dem Marsch erhitzten Soldaten in angenehmer Weise.
Der Nachmittag zeigte die einzelnen Verbände beim Waffenreinigen und bei der Ausgabe der Gefechtslage für den heutigen Samstag, der das Bataillon aus dem Raume von Homberg in südlicher Richtung bis in die Gegend von N i e d e r - Gemünden bringen wird. In Nieder-Gemünden und den umliegenden Dörfern wird das Bätaillon den morgigen Sonntag verleben.
Das 111. Bataillon.
Der vierte Hebungstag hatte die Verteidigung zum Hebungszweck. Um schon vor der zu erwartenden großen Hitze im eigentlichen Hebungsgelände zu sein, wurde in Büdingen bereits um 3 Hhr „Wecken" geblasen. Um 4.30 Hhr verließ das Bataillon die gastreiche Stadt in Richtung K e - f e n r o b , obwohl ein vergnügter Manöoerball Soldaten und Bevölkerung am Vorabend bis um 23 Hhr zusammengehalten hatte.
Zwei Kilometer nördlich Kefenrod begann die Kriegslage, die das Bataillon in einen Rückmarsch vom Kinzig-Abschnitt nach Norden versetzte. Nachhuten (II. Bataillon) waren nördlich der Kinzig zurückgeblieben.
Bei Allenrod erhielt der Bataillonsführer einen Regimentsbefehl, der das Regiment auf den Höhen beiderseits Wenings in einer Verteidigungsstellung Front machen ließ. Das III. Bataillon erhielt den linken Verteidigungsabschnitt, nördlich und ostwärts von Wenings. Nachdem der Bataillonsführer alle Kompanieführer und den Führer des unterstellten Mienenwerferzuges genau im Gelände eingewiesen und den Verlauf der Hauptkampflinie und die Abschnittsgrenzen bestimmt hatte, setzte bei allen Kompanien zunächst eine eingehende Einzelerkundung ein. Die 9. und 10. Kompanie waren in vorderer Linie eingesetzt, Gefechtsvorposten waren etwa zwei Kilometer davor vor- ausgeschoben. Als die einzelnen Gruppen in ihren Stellungen sich gerade eingerichtet und gut getarnt hatten, wurde von einer weit vorausgesandten Blinkstelle das Vorgehen des Feindes gegen die
Gefechtsvorposten aemeldet. Vor ferne hörte man auch zugleich den schweren Maschinengewehr-Halbzug, der den Gefechtsvorposten unterstellt war, sein Feuer eröffnen. Die Artillerie (Annahme), die im Hauptkampffeld eingesetzt war, eröffnete ebenfalls ihr Feuer auf den Feind.
R o t war aber zu überlegen, so daß der rote Angriff sich langsam, aber unaufhaltsam den Gefechtsvorposten näherte und bald auf etwa 500 Meter herangekommen war. Die Gefechtsvorposten wichen dem Angriff befehlsgemäß aus und gingen hinhaltend kämpfend hinter die Hauptkampflinie zurück.
Näher und näher kam der Feind, lebhafter und anhaltender wurde das Abwehrfeuer. Als sich der Feind auf etwa 800 Meter an die Hauptkampflinie herangearbeitet hatte, wurde die Hebung abgeblasen.
Alles wurde noch einmal vom Leitenden genau besprochen, und kurze Zeit später herrschte auf dem Biwakplatz am Petersberg bei Weninas reges Leben. Die Zelte wurden bei flotten Weisen des Musikkorps aufgeschlagen und die Holzstöße errichtet.
Besonders lehrreich und interessant war es, daß die Kompanien nicht aus den Feldküchen verpflegt wurden, sondern jeder Mann sich in seinem Kochgeschirr das Essen selbst kochen mußte. Der Stabszahlmeister hatte für jeden Fleisch und Gemüse
konserven herangeführt, und bald flackerte in den Kochlöchern das Feuer auf. Die zahlreichen Zuschauer, besonders die jungen Mädchen, gaben manchen guten Ratschlag, so daß in kürzester Zeit ein vorzügliches Essen heraestellt war. Mehrere Gastwirte aus Wenings sorgten auch für die „geistige" Nahrung.
Gegen Abend ertönte bei hellflackernden Holzstößen „der große Zapfenstreich", der gegen 23 Hhr das bewegte Lagerleben beendete, das Soldaten und Bevölkerung in herzlichster Weise verband und bei manchem alten Soldaten die schönsten Erinnerungen an seine Dienstzeit wachwerden ließ.
Der heutige Hebungstag wird das Bataillon über Gelnhaar in die Gegend von Ortenberg und L i ß b e r g führen.
Aus Oer Provinzialhauptstadt.
Auf einsamen Pfaden.
Nach vielen heißen, oft überheißen und schwülen Sommertagen, kam endlich — ein kühler Sonntag. Ich fühlte mich abgespannt, unlustig, ohne befreiendes Ziel; vielleicht war es der Temperaturwechsel. Aber in meinen Gliedern und Gelenken prickelte es. Gut — sage ich mir — hinaus ins Freie, in die Natur, aber — allein, ganz allein!
Hinter den Grasgärten und Baumstücken führt ein tiefgleisiger vertrockneter Feldweg zu den blu- mengefäumten Aeckern. Auf „heißen" Aeckern stehen die hohen Kornhausten mit ihren aufgestülpten Wetterschutzhauben, und — der Wind geht durch die Stoppeln. Ihre streng ausgerichtete Ordnung macht einen wohltuenden Eindruck, wie im winterlichen Wald das frischgeschlagene Holz und Reisig, das fein säuberlich in Maß und Zahl gesetzt die Schneisen säumt. Ein gesegneter Weizenacker macht mich stille stehen, ich muß ein paar schwere goldgelbe Aehren durch meine Hand gleiten lassen, und dabei gleite ich unversehens in meine Schulzeit zurück; nie hat unser alter, guter Lehrer uns bei Beginn des Getreideschnittes in die Sommerferien geschickt, ohne das tiefergreifende Volkslied: „Gold'ne Aehre, du mußt fallen ..." zum Abschied fingen zu lassen. Dort wetteifern zwei lange, breite Kartoffeläcker nebeneinander in herrlicher Blütenpracht, weiß der eine, bläulich der andere, und während bei den ersten Reihen über dem tiefgrünen, kräuseligen Blattwerk die einzelnen Blütenbüschel noch zu unterscheiden sind, dichten sie sich mit wachsender Entfernung in ein einziges Blütenmeer zusammen.
Ein weicher Fußpfad lenkt mich mitten durch einen weiten Wiesengrund. Wohlig lasse ich mich vom starken Rückenwind aus Westen durchfegen und nutze dankbar seine urtümliche Hilfskraft beim Gehen. Kräftig schon wächst das Gras dem zweiten Schnitt entgegen, und dazwischen die vielgestaltigen farbenreichen Blumen! Wenn der Bauer sie schon gern für gute, eiweißreiche Gräser hingäbe, uns anderen gehören sie beim Wandern, ein Zwiespalt, der ewig Geheimnis des Schöpfers bleiben wird. Aus der Höhe streuen Lerchen ihren Liederreichtum in die Stille, und vom fernen Dorfe her ziehen ein paar Mädchen in bunten Sommerkleidern singend durch die Flur.
Ich biege ab an den sonnigen, windgeschützten Waldrand. Wie die Moven den Seedampfer, so umgaukeln hier große und kleine Schmetterlinge den Blütensaum des Waldes. Meine Augen folgen zwei großen, gelben, braun getupften Schmetterlingen, die die weißen Trauben der Brombeer- ranfen in behaglicher Ruhe Blüte für Blüte absuchen und dabei mit kräftigem Flügelschlag kleinere Mitgenießer abdrängen. Eine Schneise führt mich weiter in einen stillen, dunklen Fichtenwald. Die hohen, schlanken Stämme und der grün-braune Moosboden sind von Sonnenlichtern reich umspielt, dürres Lesholz wartet auf die winterlichen Sammler und starker Harzgeruch würzt jeden Atemzug. An einer Schneisenkreuzung lädt eine Bank mit der Beischrift: „Heber allen Wipfeln ist Ruh!" zum Ruhen ein. Aber diesmal fegt ein starker Westwind — ich schätze auf 10 bis 12 Sekundenmeter — in mächtigen Stoßen durch die Wipfel der hohen Fichten, daß sie brausend hin und her wogen, knarrend sich oben aneinander reiben und zu dem ruhigen Waldboden eine Sturmsymphonie herabsenden, unter deren majestätischer Klangfülle die von Alltagslärm zerschundene Seele wieder neue Kampfkraft gewinnt.
Nach etwa dreistündigem Erlebnis mit der heimatlichen Natur, wo ich allenthalben in Feld, Wiese und Wald den jungen Herbst schon hervorlugen sah — an Menschen begegneten mir im ganzen nur drei Pärchen —, ruhte es sich gut in einer Ausflugswirtschaft am Waldrande bei einer Tasse Kaffee und einer Zigarre. Beim Zahlen frug die freundliche Wirtin nach der schonen, seltenen Blume, die aus meiner Brusttasche heraussah. „Laßt Blumen sprechen", sagte ich, erquickt durch die teilnehmende Zusprache, „hort und liest man oft, warum nicht auch einmal: Laßt Blumen zahlen?" Damit reichte ich der Wirtin die Blume lächelnd hin. „Aber mein Kaffee ist doch mehr wert, wie Ihr Blümchen", gab sie mit verbindlicher Entrüstung zurück. „Im Gegenteil", erwiderte ich, „ich bekomme noch eine ganze Menge Geld heraus!" — „Auch das noch, das wird ja immer schöner!" lachte sie vergnüglich, „da bin ich doch gespannt!" — „Jawohl", fuhr ich in feierlicher
Das n. Bataillon.
Beim Zeltebau im Biwak des UI. Bataillon
war und die Soldaten dabei in unermüdlicher Arbeit ihre Kraft der Landbevölkerung des Ebsdorfer Grundes als Erntehilfe zur Verfügung gestellt hatten, stellte der gestrige 26. Juli das II. Bataillon wieder vor neue Aufgaben.
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Der Biwakbaum wird aufgerichtet. (Aufnahmen [4]: Photo-Pfaff, Greßeu.)
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Abkochen im Kochgeschirr im Biwak des III. Bataillons bei Wenings.
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