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Nr. 251 viertes Blatt

Lietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gverhesien)

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Dienst am guten Buch.

Rundgang durch die Gietzener LtnwerfitätsbchUothek. Zn der Oeffentlichen BücherhaUe.

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Die Schriftleitung desGießener Anzeigers" hatte den guten Gedanken, die 2luimerf|amteit feiner Leser in derWoche des Buches" einmal auf die größte Bücherfammlung Gießens zu lenken Ich habe mich gern bereit erklärt dabei die Führung zu utximynuu

lieber die Schicksale Oer Bibliothek öari ich mich ganz kurz jassen, da mein Kollege Dr Walbrach darüber schon einmal aus,ührlich m ..Heimat im Bild" (1929 Nr 12) berichtet hat Die Universität hatte schon bald nach ihrer Gründung (1607) auch eine kleine Bibliothek erhalten die in einem Zimmer des Collegium Ludovicianum ausgestellt wurde Sie machte die Verlegung der Hochichule nach Marburg mit und kehrte mit ihr, vermehrt um die Hälfte der alten Marburger Bibliothek, 1650 wieder hier- her in den schönen Barockbau am Brand zurück. Von 1826 bis 1880', war sie zusammen mit den Kliniken in der ehemaligen Kaserne in derLiebig- straße" untergebrachl Dann tarn sie wieder an ötn Brandplatz, wo durch die Uebersiedlung der Uni­versität in die Ludwigstraße das an Stelle der 1838 pietätlos niedergelegten alten ..Aula" errichtete recht geschmacklose bisherige Collegiengebäude freigewor­den war Dies Haus, in dessen Erdgeschoß >icy auch damals das Botanische Institut befand, wurde trotz verschiedener Umbauten bei dem raschen Wachstum der Bibliothek bald zu eng. Aber erst um die Jahr­hundertwende erreichte der um die Entwicklung un serer Anstalt hochverdiente Direktor Herman Haupt die Genehmigung zur Errichtung eines allen modernen Anforderungen entsprechenden Neu-I baus in dem spitzen Winkel zwischen Kepler- und Bismarckstraße: am 12 November 1914 konnte er eingeweiht werden Er ist ein Werk des Baurats August Becker und wohl der schönste der Gieße­ner Universätsbauten. Die schwierige Aufgabe, den Platz richtig auszunutzen und daraus ein nicht nur zweckmäßiges, sondern auch schönes Bibliotheks­gebäude zu erstellen, hat der Architekt in beroun' bernswerter Weise gelöst. Wenn man von der Bis- marckstraße kommt, ruht das Auge auf der einfach gegliederten, mit einigen Skulpturen von Varnesi geschmückten Barock'aflade des zweigeschossigen Ver­waltungsbaues- seine Flügel bilden mit dem dahinter in der Achse des Platzes errichteten rechteckigen, siebengeschossigen Bücherhaus einen hübschen, für die Belichtung des Treppenhauses und Katalogs nötigen Hof

Treten wir durch die mächtige eiserne Haupttür ein, so haben wir im Vorflur rechts die Kanzlei und links das Verwaltungszimmer der gelehr­ten Gesellschaften, deren Bibliotheken mit der Universitäts-Bibliothek vereinigt sind und deren großer Schristentauschverkehr ihr zu Gute kommt, der Oberhessischen Gesellschaft für Natur- und Heil­kunde, des Oberhessischen Geschichtsoereins und der Hessischen Vereinigung für Volkskunde Es folgen im Erdgeschoß rechts das Direktorzimmer ein Dozenien-Arbeitszimmer und der Saal für die Tafe'lwerke, in dem auch die Kartenabteilung, die kleine Sammlung der Do­zentenporträts sowie eine noch in den Anfängen stehende kleine Musikaliensammlung untergebracht sind Hier kann man z B die 1'/-^ Meter hohen Bände der Description dEgypte, die Bernadotte nach feiner Ehrenpromotion der Universität geschenkt hat, und daneben die auch etwa meterhohen Denkmäler Aegyptens von Lepsius, die Reproduktionen antiker und altdeutscher Handschriften (z. B ^es be­rühmten gotischen Codex argenteus. der Manesse- schen Handschrift der Minnesänger, des Codex Sinai- ticus der Septuaginta, den vor kurzem die Sowjets an das British Museum verkauft haben) oder der Handzeichnungen Albrecht Dürers, die großen Ko­stümwerke usw bewundern Unter der Wohnung d e s Hausmeisters liegt das Packzimmer für die Versendung der Bücher. Auf der linken Seite in dem früheren Ausstellungsraum befindet sich jetzt die V e r t e i l u n g s st e 1 l e der für den Tausdi­verkehr mit anderen Bibliotheken des In- und Auslandes zur Verfügung stehenden Universitäts­schriften und Dissertationen Es folgt das mit eiser­ner Tür und eisernen Läden gesicherte Hand­schriftenzimmer, in dem unsere wertvollsten Schätze aufbewahrt werden: In Schränken stehen hier die drei großen Gießener Papyrussamm- lungen die der Universitäts-Bibliothek, des Ge- schichtsvereins und die Papvri land.mae des Rro- fesiors Dr. Kalbfleisch. Unter diesen im ägypti­schen Sand erhaltenen, jetzt zwischen Glasplatten gesicherten demotischen, griechischen, lateinischen, koptischen und* arabisch-n Handschriftenfragmenten befindet sich etwas ganz Einzigartwes: ein kleiner Pergamentfetzen, in dem man ein Stück des Lukas­evangeliums mit dem lateinischen Tert auf der einen und der gotischen Uebersetzuna auf der anderen S^ite erkannt hat' Zu der Keseh'chtsver- eins-Sammlung gehören auch zahlreicheOstraka". Scherben, die man in Ermanaeluna ein"s beO'""'n Schreibstoffes z. B für Quittungen, private Mit­teilungen benutzt hat In einem anderen Schrank sind etwa 600 mittelalterliche Urkunden aufbe- roohrt, in den Wand- und Pultgestellen die über 1600 Handschriften, auch unter diesen manch'

einzigartiges, wertvolles Stuck: ich nenne z. B. einen aus dem 9. Jahrhundert stammenden Text der Lan» gobardengefch'chte des Paulus DiakoniM em Evan­geliar mit Miniaturen der Kölner Malerschule (um 1050), Hartmanns von AueIwem" (13 Jahr­hundert), einen Codex justinianeus mit prächtigen initialen, Randverzierungen und Miniaturen (Bo­logneser Schule um 1300), eine spanische Lex Wisi- gothorum mit Medaillonbildnissen der Westgoten­könige, schönen Initialen und Miniaturen (Toledo, Anfang des 14. Jahrhunderts-» verschiedene sehr wertvolle Handschriften des Schwaben- und Sachsen­spiegels, eine in Augsburg 1450 geschriebene, reich- illustrierte Sammelhandschnft, die u. a das Goldene Spiel des Meisters Ingold enthält, die Moralin Gregors VII mit reichem Jnitialenschmuck (Mitte des 15. Jahrhunderts), die Acta des Schmalkalden Convents mit eigenhändigen Zusätzen Martin Luthers Auch die etwa 1500 Wiegendrucke aus dem 15 und dem Anfang des 16. Jahrhunderts sind hier ausgestellt, darunter besonders selten die Drucke des Klosters Marienthal, die aus dem Besitz der Butzbacher Kugelherren stammen, ein Band der 1462 von Fust und Schäffer in Mainz gedruckten lateinischen Bibel, die Weltchronik Hartmann Schedels mit den berühmten Holzschnitten (1493) und die kostbare Pergammtausgabe des Theuer- dank des Kaisers Maximilian, 1517 mit wunder­vollen. eigens dafür geschnittenen Typen und 118 Holzschnitten in Nürnberg gedruckt Wir werfen noch einen Blick in das Universitäts-Archiv dessen Bestände als Quelle für die Geschichte der Wissenschaften und für die Familienforschung stark benutzt merb-'n

In den hohen Kellerräumen befinden sich außer der Heizungsanlage die Buchbinderei eine Dunkelkammer, ein großer Raum, in dem jetzt die Vorräte an Gießener Universitäts­schriften und an Veröffentlichungen der oben ge­nannten gelehrten Gesellschaften aufbewahrt wer­den, in ein^m anderen ist z. Z. noch das Stadt­archiv unterneb-rachf

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Nun steigen wir in dem ganz in Grau und Weiß gehaltenen Treppenhaus zu dem Haupt­geschoß empor. Drei große, reich ornamentierte Fenster aus weißem Glas spenden das Licht. Säulen und Pfeiler aus karrarischem Marmor tra­gen die Decke, auch die fein geschwungenen Balu­straden und Treppengeländer sind mit Marmor ab­gedeckt. Ueber einem Wandbrünnchen zwischen den beiden Lesesaaltüren erinnert eine Inschrift an die Bücher- und Handschriftenstiftung des Freiherrn Renatus Karl von Senckenberg (1800), die so wertvoll war, daß der amtliche Name der Biblio­thekVereinigte Universitäts- und von Sencken- bergische Bibliothek" ist, eine Marmortafel berichtet von der großherzigen Bücherspende von 41 deutschen Verlegern im Wert von 60 000 Mark zum Univer­sitäts-Jubiläum 1907, zwei weitere künden die Namen anderer Stifter zur Erinnerung und Nach­eiferung.

Der große Lese s aal nimmt die ganze Front des Gebäudes ein, aus sieben gewaltigen Fenstern flutet das Licht in den mit schwarzbraun gebeiztem Holzwerk ausgestatteten Raum; über dem Mittel­fenster schaut ein von dem Darmstädter Künstler Habich geschaffener Jdealkops auf die zu ernster Arbeit sich hier täglich einfindenden Besucher her­nieder Auf den Büchergestellen an den Wänden und auf der von Holzpfeilern getragenen reich ge­schnitzten Galerie sind etwa 4000 Nachschlagewerke aufgestellt Bibliographien, Konversationslexika, Wörterbücher aller großen Kulturvölker: Grundrisse und Enzyklopädien der einzelnen Wissenschaften; Reichsgesetzblatt und Hessisches Regierungsblatt, Gesetzestexte, statistische Handbücher usw. In einem Wandgestell findet der Besucher eine kleine, alle 14 Tage wechselnde Ausstellung der wichtigeren Neuanschaffungen von allgemeinerem Interesse. In leichteren Formen und helleren Tönen ist der an­

schließende Zeitschriften-Lesesaal gehalten, in dem von etwa 2000 Zeitschriften der laufende Jahrgang aufliegt. Auch ein paar Tageszeitungen findet der Besucher Die Registrierung der ein­gehenden Zeitschriften erfolgt mittels der modernen FlachkarteiKardex" Auf der schmalen Galerie sind die caßen biographischen Nachschlagewerke (3 B. dieAllgemeine deutsche Biographie", das Diction­ary of national biography, die hessischen Biogra-

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phien von Strieder, Scriba und Haupt) sowie das Siebmachersche Wappenwerk auf­gestellt. In einem Nebenraum werden die laufenden Hefte der vielen Zeitschriften, die aus Raummangel nicht aufgelegt werden können, in ähnlichen Wand- aestellen wie im Hauptzeitschriftensaal gesammelt, bis sie zum Binden reif sind. Die Lesesäle und der Katalog sind. z. Z. von 8 bis 19, Samstags nur von 8 bis 13 Uhr geöffnet. Die Benutzung ist gebührenfrei.

An den drei Arbeitszimmern der Bibliothekare vorbei gelangen wir zum Herzen der Bibliothek, dem Katalogzimmer. In dem weltbekannten, von Geheimrat Haupt und dem Buchbindermeister I. P. Sann erfundenenGießener Kap» s e l n" sind hier der alphabetische rind der systema­tische Katalog aufgestellt. Die Bibliothek hat schon seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts das Zettel­katalog-System; heute würde man das Format der Zettel wesentlich kleiner wählen und damit viel Raum sparen, aber an ein Umschreiben der etwa zwei Millionen Zettel ist natürlich nicht zu denken. Der alphabetische Katalog gibt uns Auskunft, ob ein bestimmtes Werk ober eine Zeitschrift vorhanben ist, bie auf bem Zettel verzeichnete Signatur gibt ben Platz im System unb bamit zugleich ben Standort an. Denn wir halten noch an der systematischen Aufstellung der Bücher fest. Wir folgen dabei im wesentlichen dem von bem Darmstäbter Hofbiblio­thekar Schlekermacher aufgeftettt-nBiblio­graphischen System der gesamten Wissenschafts- künde" (1852), das allerdings von dem katalogi­sierenden Beamten eine genaue Beurteilung des In­halts der einzuordnenden Werke verlangt. Dafür stehen bann aber auch bie inhaltlich zusammengeho- renbrn Bücher auch im Magazin zusammen, und der Bibliothekar und der Gelehrte, der das Recht bat. sich die Bücher selbst im Bücherhaus zu holen.

Zu unseren Bildern:

Bildreihe links (von oben nach unten): Ein Erübris von der Hand Ludwig Richters. In der Bücher-Ausleihe der Universitäts-Bibliothek. Täglich gehen viele Menschen ein und aus. Die Gießener Kapsel", ein überaus praktisches Hilfs- mittel für Kataloge. Ein Blick in den Katalog der Universitäts-Bibliothek

Rechts oben: Ein Blick in das architektonisch sehr ansprechend gestaltete Treppenhaus der Uni» versitäts-Bibliothek

Mitte links: In der Zeitschrrften-Ablage sind Hunderte regelmäßig erscheinender Schriften verein:

Mitte rechts: Tausende von Büchern harren auch in der Oefjentlichen Bücherhalle (Torhäuschen an der Neuen Bäue) ihrer Leser

Unten links: Der geräumige Lejesaal Der Universitäts-Bibliothek mit vielen großen Arbeits­tischen. Im Vordergrund rechts (der hufeisenförmige Tisch) sieht man die Bücherqusgabe für den Lesesaal

Unten rechts Im Bücherhaus der Univer­sitäts-Bibliothek sind in eisernen Regalen Z"hn- ia.i-»de aon Büchern untergebrad)!

(Ausnahmen |8|: Neuner. Gießener Anzeiger.»