r.22 Sechstes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Samstag, 26. Zanuar 1955
BodenständigesHandwerk im hohenVogelsberg.
Im hohen Vogelsberg liegen die Dinge ähnlich denen in anderen deutschen Mittelgebirgen: Jahrhundertelange Erbteilung hat die Güter zerstückelt, hat kleine und kleinste landwirtschaftliche Betriebe geschaffen, deren Ertrag trotz schwerster, angestreng- ler Arbeit zur Ernährung der Familie selbst bei ollerbescheidensten Ansprüchen nicht hinreicht. Der Druck der Zange Ertrag — Bedarf zwingt den Vogelsberger Kleinbauern, sich nach einem Nebenerwerb umzusehen. Das war schon sehr lange so. Das früher am meisten verbreitete häusliche Nebengewerbe, die Weberei, erlag bereits im vorigen Jahrhundert dem gemeinsamen Ansturm der Maschine und der vordringenden städtischen Tracht. Es verblieben dem Vogelsberger damals nur jene aus der häuslichen Bastelarbeit herausgewachsenen häuslichen Handwerkszweige, deren Rohstoff das In den ausgedehnten Wäldern reichlich vorhandene Holz ist.
Nahezu in jedem der Dörfer, die den höchsten teil des Vogelsberges, den Oberwald, umsäumen, und deren Namen fast all auf ihre Entstehung durch Rodung des Waldes Hinweisen, ist ein anderes Heimhandwerk von den Vätern her boden- siändig. So stellen die Rudingshainer und Kebgeshainer Sensenwürfe und hölzerne Siechen her, in Helpershain fertigt man Schindeln, in Köddingen schnitzt man Löffel, Salat- destecke und dergleichen — um nur einige Dinge zu nennen.
Viele der Vogelsberger Heimhandwerker betreiben dies Nebengewerbe nur in den Wintermonaten. Wenn im Ofen das erste Feuer prasselt, dann holt der Köddinger Löffelmacher Hackklotz, Beil, die sonderbar geformten Schnitzmesser und auf Länge geschnittene Holzstücke herein. Einige schnelle Beil
Wetterau und neuerdings auch des öftern wieder in die Städte, um durch die „Drechselarbeit" auszuführen, d. h. jene geschindelten, oft eintönig braun, öfters aber auch in lebhaften Farben gestrichenen Häuserfronten herzustellen, die das Gesicht so manches unserer Gebirgsdörfer bestimmen und in mancher Stadt wieder hie und da dem von all der Kälte und Nüchternheit „modernen" Hausbaues beleidigten Auge des volksnahen Beobachters einen Ruhepunkt voller Wärme und Behaglichkeit darbieten. Wenn dann fünf bis sechs fleißige Arbeiter an der eingerüfteten Hausfront Brettchen neben Brettchen feftnageln, so versteht der Hörer dieses Gehämmers recht wohl, warum der Volksmund den Helpershainer Schindlern den Namen der „Bretterfpatzen" gab.
lieber den Rahmen einer bloßen Winterbeschäftigung ist auch die Herstellung von Sensenwürfen und Rechen in Rudingshain und Rebgeshain hinausgewachsen. Einzelne Handwerker betreiben dies Gewerbe das ganze Jahr über und setzen nur aus, wenn sie im Frühjahr mit hochbeladenem Wagen über Land ziehen, um ihre Ware zu verkaufen. Gar manches Kind in den Dörfern des Vogelsberges und der Wetterau wartet sehnsüchtig auf den Rechenmann, der ihm den schönen, bunt bemalten Rechen mitbringen soll, den Mutter ihm schon lange versprach und ohne den es beim Heumachen nicht helfen will... .
Jedes dieser Vogelsberger Handwerke ist auf eine bestimmte Holzart angewiesen: Der Köddinger Löffelmacher braucht Linde und Ahorn, der Schindler glattes Rotbuchenholz und der Rechenmacher kann nur das feste, aber leichte Holz der Eiche verwenden, bei dem er im Rechenbalken die Löcher für die Zinken einbohren kann, ohne ein Aufreißen
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Der Schindelmacher in Helpershain bei der Arbeit.
hiebe spalten aus dem Rundholz Platten und schaffen dann aus ihnen die rohe Form des Löffels. Wenige rasche, bestimmte Schnitte mit dem geraden Schnitzmesser vollenden die äußere Form des Löffels Die mit dem Zirkel vorgezeichnete runde Höhlung der Laffe wird mit einem hakenförmig gebogenen Schnitzmesser ausgeschnitten und zuletzt §er ganze Löffel mit Glaspapier glattgeneben.
Bei den Schindelmachern zu Helpershain beobachten mir eine Art Arbeitsteilung: em Tett von ihnen arbeitet nur den Winter über Auch Zen mtrb die Stube zur Werkstatt. Beil, Schmtz- bank, Schnitzmesser und em Stanzelfen zur Ab- runbuna der gespaltenen und nut dem Schnitz- meffer geglätteten Schindeln bilden hier das Werk- 4>ug Die anderen, die „Meister", bleiben auch L (Sommer über am „Geschäft". Auch sie haben über Winter fleißig Schindeln hergestellt. Kommt dann der Frühling, so wandern sie hinaus in die Dörfer des Vogelsberges, der Schwalm, in die
Der Löffelschnitzer in Köddingen: Die Lasse wird hohlgejchnitz)
des Holzes befürchten zu müssen. Während er und der Schindelmacher stets genug Holz für ihre Arbeit in den unerschöplichen Waldrevieren des Oberwaldes erwerben können, macht die Holzversorgung den Löffelmachern schon seit Jahren ernste Sorge. Zu sehr haben die auf Heranziehung reiner Bestände bedacht gewesenen Forstverwaltungen Linde und Ahorn aus unseren Wäldern verbannt. Vier bis fünf Stunden Wegs weit müssen die Köddinger Löffelmacher ihr Hölz herholen lassen. So wurde es schon unter normalen Umständen zu teuer, um so mehr heute, wo die Maschinenware der Fabriken die Preise drückt und die Händler für einen mittelgroßen Holzlöffel kaum noch zehn Pfennige zahlen wollen Ist es da verwunderlich, wenn niemand mehr Löffel schnitzen mag und nur einige alte Leute das Gewerbe noch ausüben?
Auch das Schindlerhandwerk war fast zum Erliegen gekommen. Niemand wollte fein Haus mehr schindeln lassen. Immer mehr verdrängte in der Nachkriegszeit auch in waldnahen Dörfern der Kunststein- und Backsteinbau das alte, bodenständige Fachwerkhaus, dessen Schau- und Wetterseiten man der größeren Dauerhaftigkeit und Warmhaltigkeit wegen gerne mit Schindeln verkleidete. Die Wiedererweckung der heimatlichen Bauweise wird auch dem Handwerk der Schindler wieder zu neuer Blüte verhelfen.
Vom wirtschaftlichen Gesichtspunkt aus verdienen diese Handwerkszweige alle Förderung durch unsere Volksgenossen in Stadt und Land. Die schwerrm- gende Bevölkerung im Vogelsberg, die jahraus und jahrein bei dem kargen Ertrag des Bodens mit Sorgen und Mühfalen um das tägliche Brot überreich beladen sind, wird für die Förderung des bodenständigen Handwerks ihrer Dörfer dankbar fein. Darüber hinaus wird auf diese Weise der jungen Generation ein Erbe erhalten, das sich bisher in den beteiligten Handwerker- und Bauernfamilien von Geschlecht zu Geschlecht vererbt hat.
Don manchem anderen Erzeugnis des Vogelsberger Heimhandwerks und seinem Kampfe gegen die Erzeugnisse der Industrie wäre noch zu berichten, so von den „Schanzen", den Spankörben der Si- chenhäuser und den Kummethölzern der O b e r» Laiser. Aber es sei genug. Künstlerisches Handwerk fehlt im Vogelsberg fast völlig. Nur die kunstvollen gedrehten Spinnräder des Spinnradmachers sind hier zu nennen mit den lose über den Speichen hängenden Ringen und der eigenartigen Bemalung voller alter Motive. Das Geklapper dieser hölzernen oder beinernen Ringe untermalt das leise (Surren des Spinnrades, das die Winterabende im Vogelsberger Bauernhaus so anheimelnd macht. Denn mit der wieder neuen Auftrieb nehmenden Schafzucht wird auch das Spinnrad immer öfter roieber aus feinem oft viele Jahre langen Dornröschenschlaf hervorgchost. Iritz Ssu«l.
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Der Rechenmacher bei der Herstellung der Zinken im Durchschlag.
Oie Hausfrau kaust ein.
Die Hausfrau kauft ein, wir wollen dabei mit einigen kurzen Hinweisen helfen.
Eier.
Beim unmittelbaren Verkauf vom Bauern an den Verbraucher fällt die Aufsicht über bestimmte Größe und Güte der Eier fort. Die Hausfrauen müssen also selber aufpassen, daß sie zu ihrem Rechte kommen, denn die Eier sind nicht gestempelt, eine Gewähr also nicht gegeben. Kauft die Hausfrau die Eier über den Handel, so erhält sie gestempelte Eier. Dabei ist folgendes wichtig zu wissen:
1. Die nicht einwandfreien Eier sind bei der Stempelung aus dem Handel gebracht worden.
2. Die guten Eier werden nach Gewichtsklassen ausgesucht. Die Hausfrau erkennt dies aus den Stempeln, die die Aufschrift tragen: Deutsch S, A, B, C, D. Das 8-Ei ist am größten, das v-Ei wiegt am wenigsten, ist auch infolgedessen am billigsten.
3. Die Eier, die den Stempel „aussortiert" tragen, sind entweder nicht mehr ganz frisch oder leicht angebrütet, auch Knickeier sind dabei, oder sie haben ein Gewicht unter 45 Gramm.
4. Alle Wintereier werden mit einem roten Stempel, alle Sommereier mit einem schwarzen Stempel versehen, damit die Hausfrau davor geschützt ist, daß ihr in den Wintermonaten gut gelagerte Sommereier als Frischeier verkauft werden.
5. Konservierte Eier tragen den Stempel „konserviert".
6. Auslandseier sind nicht in Gewichtsgruppen eingeteilt. Sie tragen den Stempel ihres Herkunftslandes, beispielsweise „Finnland", „Da- nish" usw. Eine Gewähr für die Güte kann hier nicht gegeben werden.
7. Kühlhauseier sind Qualitätseier, die sich dank fachmännischer Einlagerung in Kühlhäusern gut als Kocheier, ja sogar noch zum Schneeschlagen verwenden lassen. Die Kühlhauseier werden, ehe sie aus dem Kühlhause kommen, nochmals einer strengen Prüfung unterzogen, so daß die Hausfrau dem Kühlhausei in jeder Hinsicht volles Vertrauen entgegenbringen kann. Die Güte der Kühlhauseier ist nicht mit konservierten Eiern vergleichbar.
Butter.
Nach der neuesten Butterverordnung kommt die Butter, gleichgültig ob sie inländischen oder ausländischen Ursprungs ist, nur noch einheitlich unter den bekannten 5 Sortenbezeichnungen zum Ver
kauf. Preise und Kennzeichnung dieser 5 Butter» [orten sind, je Pfund Verpackung:
Mark
1,34 m. schwarzer Aufschrift 1,42 „
1,52 „ grüner „ 1,57 „ blauer
1,60 „ blau-roter (deutsch) einfarbig rot (ausl.)
Die Beschriftung erfolgt in deutscher Schrift.
Margarine.
Falls in Haushaltungen mit höherem Einkommen Margarine verbraucht wird, ist es selbstverständlich, daß von den betreffenden Hausfrauen nur die Mittelsorte zum Preise von 98 Pfennig je Pfund oder besser noch die Spitzensorte zum Preise voii 1,98 Mark je Pfund gekauft wird. Die Kon- fummargarine zum Preise von 63 Pfennig für 1 Pfund sollte der kaufschwächeren Bevölkerung überlassen bleiben.
Milcheiweihbrol.
Das Milcheiweißbrat ist eine neue Art der Brotherstellung, die den besonderen Vorzug hat, daß der Nährwert durch Zusatz von Pulver aus entrahm- ter Milch erhöht wird (auf 100 Pfund Mehl 2XA Pfund Milchpulver). Das Brot ist sehr wohlschmeckend und hält sich länger frisch. Durch den höheren Nährwert wird der geringe Mehrpreis weitaus ausgeglichen.
Kartoffeln.
Die Erzeugerpreise der Winterkartoffeln sind für das gesamte Reich festgelegt. Als Maßstab für die Verbraucherpreise können die für Berlin und das Rheinland festgesetzten Preise zugrunde gelegt werden. In Berlin kosten: gelbe Kartoffeln je Zentner 3,75 Mark und 10 Pfund 40 Pfennig. — Rote und weiße Kartoffeln je Zentner 3,55 Mark und 10 Pfund 36 Pfennig. Diese Kartoffelpreise stehen ungefähr auf dem gleichen Stand wie in der Vorkriegszeit, während sie im Ausland, z. B. Holland, 45 v. H. über dem Stand der Vorkriegszeit liegen.
Gemüse.
Die Hausfrau fei daran erinnert, daß ihr für den Küchenzettel im Januar noch folgende Gemüse zur Verfügung stehen: Weißkohl, Wirsing, Rotkohl, Kohlrabi, Rosenkohl, Grünkohl, Kohlrüben, Rote Rüben, Teltower Rüben, Mohrrüben, Schwarz- wurzeln, Meerrettich, Rettich, Radieschen, Sellerie, Schnittlauch, Zwiebeln, Petersilie, Spinat, Breitlauch (Porree), Grüner Salat, Rapunzelsalat, Aep» fei, Birnen, Nüsse.
Kochbutter:
Landbutter:
Molkereibutter:
Feine Molkereibutter:
Markenbutter:
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