Nr. 224 vierter Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Mittwoch, 25. September 1955
Monikas Stimme war von Tränen erstickt. Sie ließ den Brief sinken und sagte:
„Jetzt verstehe ich alles. Und auch Frau von Rieders ... Sie hat mich niemals lieb gehabt."
Niemand sprach ein Wort, bis sich Monika endlich mit einer entschlossenen Bewegung die Haare zurückstrich:
nur mich an und Herrn von Gerling. — Sie sind mir ein lieber, guter Kamerad", und sie hielt ihm die Hand hin — „aber ..."
Doch Johnie ließ sie nicht weiter sprechen.
„Du weißt wohl noch nicht, Monika, daß wir ein Brautpaar hier haben? Herr von Gerling hat soeben um Deine Schwester angehalten, und so will ich denn dasselbe tun und Frau von Tanner bitten, mir Monika zu geben."
Und Monika sagte nicht nein.
Nun Frau von Tanner meinte etwas wehmütig: „Nun habe ich gedacht, zwei Töchter zu haben, und werde binnen kurzem keine mehr bei mir haben ... !"
„Aber Muttchen! Sprich doch nicht so!" rief Evi. „Du verlierst uns doch nicht. Im Gegenteil, du kriegst noch zwei Söhne dazu. Und was für Söhne, Muttchen! Da wirst du deine Freude haben!"
Sie war ganz ausgewechselt, die schüchterne Evi, in ihrem Glück. So übermütig hatte sie noch niemand gesehen.
Aber noch eine Ueberraschung gab es an diesem Abend. Als alle endlich wieder um den Tisch herumsaßen, zog Johnie einen dicken Umschlag aus der Tasche.
Er sah zuerst Monika an.
„Mein Liebling", sagte er zärtlich. „Für dich habe ich noch gar nichts. Nicht einmal einen Ring für deinen Finger. Aber für meine Schwägerin Evchen habe ich hier bereits mein Hochzeitsgeschenk."
Er reichte Evi den Umschlag hinüber. Sie öffnete ihn und starrte hilflos auf die gestempelten, eng beschriebenen Bogen.
Johnie sah, daß er erklären mußte.
„Mir haben gestern eine lange Aussprache gehabt mit Evchen, und da habe ich nicht nur gesehen, was für ein goldiger, selbstloser Mensch sie ist, sondern auch, daß Frau von Tanners sehnlichster Wunsch war, aus der Stadt fort zu können und noch einmal auf Schloß Freienfelde zurückzukehren. Und so bin ich heute früh mit einem Notar nach Freienfelde gefahren, nachdem ich erfahren hatte, daß es der jetzige Besitzer wieder verkaufen will. Es war ein glücklicher Zufall. Es ging alles sehr schnell und ist in bester Ordnung. Es hat mir nu.r Sorge gemacht, ob Evi von Tanner mein Geschenk annehmen würde. Aber meine Schwägerin kann natürlich nicht nein sagen."
„Du guter, guter Mensch!" rief Evi und fiel ihm um den' Hals. Und auch Monika griff nach seiner Hand und drückte sie innig. Ihr brauchte er nichts zu erklären. Sie verstand den Zusammenhang.
„Und jetzt", saate Johnie. „wenn Frau von Tanner nicht zu müde ist, fahren wir alle ins Hotel zu meiner Mutter."
„Aber Frau Klinke wird schon schlafen!" meinte jetzt Monika.
„Macht nichts!" rief Johnie übermütig. „Dann wecken wir sie eben. Mutter wäre sehr gekränkt, wenn wir bis morgen damit warten würden. Sie
sagt immer, Freude ist das beste Lebenselexier; davon kann man nicht genug haben, und um jede Stunde, um die man es später bekommt, ist es schade."
Und so geschah es auch. Und bald vermehrte Frau Klinke den Kreis der glücklichen Menschen.
Als sie Monika m die Arme nahm, meinte sie lächelnd:
„Na, Monika, habe ich nicht recht gehabt, als ich dir damals in Wunsiedel sagte, daß jedes Mädchen, das meinen Johnie bekommt, glücklich sein kann?"
„Ja, das kann sie, und das ist sie auch!" versicherte Monika ernst.
Wenige Wochen darauf fand auf Schloß Freienfelde die Doppelhochzeit statt. Nur wenige Gäste waren anwesend, und auch die verließen bald nach den beiden jungen Paaren das Schloß, wo die beiden Mütter zurückblieben.
Frau von Tanner weinte.
„Es ist doch ein bißchen schwer für mich, sie beide auf einmal fortzugeben. Und Evi so weit!"
Doch die resolute Frau Klinke tröstete:
„Ach was, Das ist das Schicksal der Mütter! Und um Evi brauchst du keine Angst zu haben. Sie ist in guten Händen. Gerling wird sie schon zu schützen wissen, vor jeder Gefahr. Und in einem Jahr kehrt er ja für immer in die Heimat zurück. Und auch Johnie bleibt nicht mehr lange in Amerika.
Wir werden unsere Fabriken verkaufen. Er ist ja doch ein richtiger Gelehrter, der Johnie, und da wird er sich hier am wohlsten fühlen. Und ich eigentlich auch. Und besonders wenn ich Großmutter sein werde. Ich kann es eigentlich gar nicht mehr erwarten, bis man zu mir .Großmama' sagen wird. Du nicht auch?"
Da lächelte Frau von Tanner. Die beiden alten Frauen blickten schweigend mit rosigen Zukunftsgedanken in den sinkenden Abend.
*
Unterdessen jagte der alte graue Opel-Wagen des Doktors Hartenberg nach Wunsiedel zurück.
Er und seine Lotte waren natürlich bei der Hochzeit gewesen.
„Und da siehst du nun, daß ich recht behalten habe", sagte Lotte triumphierend. „Ich habe es doch immer gesagt, wenn Monikas Briefe gekommen sind..."
„Was denn?" meinte der Doktor erstaunt. „Ich weiß nur, du hast immer behauptet, daß Monika einen Mann braucht, der wie ein richtiger Romanheld aussieht, und das ist dieser Johnie Klinke, so ausgezeichnet er mir auch gefällt, doch wirklich nicht. Dann hast du immer geglaubt, daß es Gerling wird. Und drittens ..."
„Ach, du Pedant!" schmollte Lotte. „Als ob es darauf ankäme! Die Hauptsache ist doch, daß ei richtig war, daß sie die Klinkes mitgenommen haben. Und war es nicht ein wunderbarer Weg, den Monika gegangen ist?"
„Ja, wenn du es so meinst, hast du natürlich recht, mein Liebling!" sagte Doktor Hartenberg versöhnt. „Es war ein wunderbarer Weg, der Monika von Jnnemann zu ihrem Glück geführt hat. Und Gott erhalte es ihr!"
Ende!
Torpedoboote im Herbfisturm.
Mit Windstärke 10 von der Elbmündung zum Zadebusen.
Von unserem K.-B.-Berichtersiaiter.
.......
......../
sehr übel geendet, aber auf der Brücke fand sich ein Plätzchen, das halbwegs Schutz und Sicht zugleich bot. Bis „Elbe IV" war es noch gnädig abgegangen, aber dann ging es los und bei „Elbe II" hatten wir den schönsten „Kälbertanz", den man sich denken kann. Unaufhörlich rollten schwere und schwerste Brecher heran und überfluteten Bug und Heck, dazu pfiff der Wind in den höchsten Tönen.
Ein Bootsmann hielt den Windmesser hoch: Windstärke 10! Dazu Seegang 6 bis 7 und der Schwankungsmesser auf der Brücke zeigte Ausschläge bis zu 38 Grad an. Ganz schlimm sah es steuerbords nach Vogelsang zu aus. Das waren Bilder entfesselter Kräfte, die man nicht vergißt. Und über allem rasende Wolkenfetzen und zwischendurch, das Ganze phantastisch beleuchtend, die morgendliche Herbstsonne. Ein holländischer Dampfer, der wie ein Betrunkener durch die Wellen torkelte, kam uns entgegen. Nicht viel besser ging es einem Franzosen, der mit Holz nach Hamburg wollte. Eine halbwegs anständige Figur machte noch der Hapagdampfer „New York", der von draußen kam. Mitten in Sturm und Wogenbraus wurde aber doch der gegenseitige Gruß nicht vergessen, der durch Dippen der Flagge ausgeführt wurde.
Hinter „Elbe I" lag in voller Breite die offene Nordsee vor uns. Bisher hatten wir dem Sturm das Gesicht geboten, aber jetzt, nachdem wir eine Kursänderung auf Wangerooge zu genommen hatten, packte er uns mit frischen und verstärkten Kräften von der Seite an. Immer häufiger kamen die Rufe des Bootsmannes „Wahr — Schau!" die eiji kostenloses Salzwasserbad ankündigten, das auf der Brücke genommen wurde. Dagegen hilft nur Humor und der war bei Offizier und Mann reich
lich vorhanden. Dor uns lief das Führer-Boot. Der „T i g e r", so schien es, hatte manchmal noch härter zu kämpfen als der „Wolf". Sekundenlang wurde das ganze Boot durchrüttelt, sekundenlang schien es in den Wellen überhaupt verschwunden zu sein, aber immer wieder kam es hoch und immer kamen die Befehle des Kommandeurs, der seine Halbflottille in jeder Minute sicher in der Hand hatte. Der Sturm mochte die Boote hin und her schleudern, Maschinenkraft und Menschenwille erwiesen sich bei dieser Fahrt doch als stärker. Der vorgeschriebene Abstand und die vorgeschriebene Staffelung wurden genau innegehalten, der Abstand von Boot zu Boot blieb fast stets gleich und die Maschinen liefen genau nach Vorschrift und Befehl. Auf Befehl liefen die Boote neun Seemeilen in der Stunde, aber sie hätten auch fünfzehn laufen können, wenn es befohlen worden wäre. Und wenn auch der „Tiger" vor uns manchmal in die Wellentäler hineingestürzt zu sein schien und wenn es aussah, als ob er von den Wellenbergen zerschlage» würde, er hielt durch. Und wie der „Tiger", sa der „Wolf", der „Jaguar" und der „Iltis". Di« Großartigkeit des Sturmes schien ohne Beispiel zu sein, großartig war aber auch diese Sturmleistung der Torpedoboote.
Fürwahr, dieser Tag war ein schöner Abschluß gemeinsamer Tätigkeit. In zwei Jahren waren ditz 125 Mann Besatzung jeden Bootes eine Gemein« schäft geworden. Jeder stand an der richtigen Stelle, jeder tat seine Pflicht und an seinem Platz ausgezeichnete Arbeit. Unser Kommandant, Kapitänleutnant Zimmer, wurde sogar einen kurzen Augenblick fast schwermütig, als er seine zerrissenen Handschuhe in die brodelnde Flut warf. Die zwei Jahre,
Die Reichsautobahn Nanksurt- Heidelberg serliggestellt.
Der Bug des Schiffes stößt gerade in einen riesigen
An Bord des Torpedoboots „Wolf".
Das war ein rauher Gruß des blanken Hans, als einem oben an der Balustrade des Leuchtturms an fter „Alten Liebe" der Sturmwind von See her um die Nase pfiff, daß es nur so eine Art hatte. Der Turm schickte derweile unablässig seine Lichter iin die Elbmündung, aber da draußen ließ sich an diesem Septemberabend kein Schiff blicken. Keins Sam herein und keins fuhr aus. Bei solchem Wet- äer war die schützende Hafenzuflucht schon das beste. Menschenleer war der Pier, vom Lotsenhaus hatte Öer Sturm in den letzten Nächten das Dach her- □bgeriffen. An dem großen Mast hingen auch heute wieder — nun schon seit fünf Tagen — die beiden Sturmlaternen. Der vielbeschäftigte Lotsenkomman- Deur schüttelte bedenklich den Kopf und blieb auch pater beim gemütlichen Grog, der der Windstärke entsprach, bei seiner Meinung, daß nämlich bei solchem Wetter eine Toerpedobootsfahrt alles andere als ein Vergnügen sei, es sei schon eher eine Tortur gu nennen. Der Südwest heulte in seine Warnungen hinein und bestätigte die letzte Wettermeldung, die von einem erneuten Auffrischen des sturmes gesprochen hatte. Das war schon die rechte stunde, um einer Landratte die „Freuden" einer bevorstehenden Sturmfahrt bis ins letzte auszu- rmalen. Im Hafen aber lag d i e dritte Tor - fvedoboots-Halbflottille und bot die Ge- egenheit, von Cuxhaven nach Wilhelms- > a v e n , von der Elbmündung in den Jadebusen iiU fahren. Hier galt es. eine Entscheidung zu füllen. Schlimmer als schlimm konnte es nicht kom-
Wellenberg hinein. — (Scherl-Bilderdienst-M.)
men. Die Warnungen des Lotsenbeherrschers von Cuxhaven wurden in den Sturmwind geschlagen.
♦
Der Tag begann, wie die Nacht geendet hatte, stürmisch. Und die Stimmung wurde dadurch nicht gebessert, daß der Hotelportier das Wecken vergessen hatte und der „Badegast" ungewaschen und ungefrühstückt auf das Torpedoboot „W o l f" kam. Zu allem Ueberfluß stellte sich dann noch heraus, daß statt der Seekrankheits-Tabletten das Kopfschmerz- mittel einqepackt war. Aber zum Ueberlegen blieb jetzt sowieso keine Zeit, denn der Führer der Halbflottille, Korvettenkapitän Meendsen-Bohl- k e n , gab von seinem Kommando-Boot „T i g e r" den Befehl zur Abfahrt und die vier grauen Teufel der Raubtierklasse „T i g e r", „Ilti s", „W o l f" und „9 a g u a r" machten sich auf die bewegte Reise.
Bis zum Feuerschiff „Elbe IV" hatte man uns eine Gnadenfrist gegeben, von da an spätestens, so wurde uns prophezeit, würden der Seefahrt unkundige Leute die Reise in waagerechter Lage zurücklegen und die Stunde verfluchen, da sie gutmeinenden Warnungen kein Gehör gegeben hatten. Um es gleich vorweg zu sagen: Die Prophezeiungen erwiesen sich, wie so oft, als falsch. Die „Badegäste" haben sich durchweg brav an diesem Sturmtag gehalten und selbst das leicht ironische Lächeln des „Doktors" an Bord des „Wolf", der freundlicherweise schon bei der Begrüßung seine Hilfe angeboten hatte, verwandelte sich von Stunde zu Stunde immer mehr in ein anerkennendes Schmunzeln. Spaziergänge auf Deck hätten freilich sehr bald
W-
- V
''/-/ ':'A ■^v*’
Zahlreiche Persönlichkeiten, unter ihnen die Reichsstatthalter Sprenger und Wagner, nahmen unter Führung des Generalinspektors Dr.-Jng. Todt eine Besichtigung der neuen Strecke vor. — Unser Bild zeigt die Ausfahrt aus Mannheim; im ersten Wagen (rechts) Dr. Tod t.
(Presse-Illustration Hoffmann-M.)
Zu jedem ikomml einmal das Glück.
Vornan von Ellen Kulm
lUrheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.) Schluß. Nachdruck verboten.
„Muttchen! Nun verstehe ich alles! Und wenn du !-rlaubft, werde ich einiges aus dem Brief vorlesen, >oamit vor allem das Andenken meines Vaters wieder gerechtfertigt wird."
Mein geliebtes Kind!
Während ich Dir diesen Brief schreibe, bin ich voll Sorge um Deine Zukunft. Ich werde Dich bald verlassen. Meine Schwester wird für Dich sorgen, so gut sie es vermag, das hat sie mir versprochen. Aber ich weiß wohl, sie ist selbst ein unglücklicher, verbitterter Mensch. Wo wirst Du die Sonne hernehmen, .die Du so nötig brauchst, mein Sonnenkind?
Und doch, der Weg, den wir einmal eingeschla- gen haben, kann nicht mehr geändert werden. Vielleicht würde ich es versuchen, wenn es nicht zu spät wäre. Ich habe so viel nachgedacht. Vielleicht war es doch falsch, was wir taten.
Man hat Dir gesagt, daß Deine Mutter tot ift Sie ist nicht tot, meine Monika. Sie hat nur Dich und mich verlassen. Daß sie mich verlassen konnte, könnte ich noch verstehen — aber Dich ... ?
Wenn Du diesen Brief erhältst, bist Du em reifer Mensch. Du bist vielleicht sogarDoch davon später. Jetzt aber sollst Du die Wahrheit über das Schicksal Deiner Mutter erfahren.
Wir lebten in der glücklichsten Ehe, bis eines Tages mein teuerster Jugendfreund zu Besuch kam. Ich war gerade auf einer kurzen Reise. Als ich zurückkam, empfing mich meine Schwester in höchster Erregung. Sie erzählte mir, daß Deine Mutter mich mit meinem Freund hintergehe, daß sie ihr bereits gestern verboten habe, ihn noch in meinem Hause zu empfangen, daß sie aber beide soeben in unserem alten Gartenhaus beisammen wären. Ich wollte es nicht glauben; doch endlich gingen wir gemeinsam hin. Ich sah durch das erleuchtete Fenster, wie Deine Mutter ihm den Schmuck aufdrängte, den sie von ihrer Mutter geerbt hatte, wie er ihre Hände küßte, und wie sie seinen Kopf zu sich empor hob und ihn küßte. Blind vor Zorn, wollte ich zu den beiden stürzen. Meine Schwester zog mich fort. Aber als Deine Mutter bald darauf zurückkehrte, verbot ich ihr das Haus. Sie verteidigte sich nicht. Sie ging zu Ihrer alten Kinderfrau, die im Dorfe lebte. Am Morgen dachte ich bereits ruhiger. Ich bat meine Schwester, mit ihr zu sprechen, vielleicht könnte sie ihr Verhalten doch erklären. War doch Konrad von T... immer ein so charaktervoller, edler Mensch gewesen. Und gerade er sollte mich verraten haben! Doch meine Schwester brachte mir den Bescheid, daß Deine Mutter erklärt habe, sie würde nie mehr zurück- kehren, sondern sogleich nach Berlin abreisen.
Vielleicht hätte ich, da ich sie so gekränkt haben mußte, wenn sie vielleicht doch unschuldig war, selbst zu ihr gehen müssen. Doch das brachte ich nicht über mich. Monatelang wartete ich auf eine Nachricht. Und immer mehr hatte ich das Gefühl, daß ich ihr unrecht getan hatte. Die Sorge um ihre Existenz kam dazu. Ich wollte nach Berlin reifen. Doch meine Schwester wußte, daß es mir schwer fiel. Sie fuhr für mich und kam mit der Nachricht zurück, daß meine Frau bei Konrad von T.. .s alter Mutter wohne, und daß sie mir dringend rate, mich in das Leben meiner Frau und Konrad von T... nicht mehr einzumengen. Ich habe dann nur noch wenig gehört. Sie soll eine Tochter haben und noch immer nicht Konrad von T... geheiratet haben. Nun, ich hielt das immer für die Sache der beiden, die mich so verraten haben. Aber jetzt vor kurzem ist meine Gewißheit ins Wanken gekommen ... Ich habe das Zimmer Deiner Mutter niemals mehr betreten. Dor kurzem aber habe ich es doch getan. Meine Tage sind gezählt. Uebermenschli'ch stark packte mich vor kurzem die .Erinnerung. Es war wie ein Zwang. Ich öffnete die Schublade und fand ihr Tagebuch. Ich schlug es auf: meine Augen blieben auf Eintragungen aus den letzten Zeiten haften:
„Noch ist es nicht gewiß, aber doch glaube ich, daß ich endlich wieder ein Kind haben werde. Wie wäre ich Gott dankbar, wenn er unseren glücklichen Bund wiederum segnen würde. ."
Ich warf das Buch zurück, und seitdem foltert mich der Gedanke daran. Vielleicht ist jenes Kind mein Kind Ich wage nicht, nachzuforsch"n, es wäre wohl auch zu spät. Aber ich habe meine Schwester gefragt, und da hat sie mir einen Brief gegeben, einen einzigen Brief, den Deine Mutter einmal aus Berlin schrieb, und in dem sie mich um eine Aussprache anflehte.
„Warum hast du das getan?" fragte ich sie. Sie zuckte mit den Schultern und sagte hart: „Ich habe dir diesen Brief unterschlagen, weil ich fürchtete, du könntest weich werden. Diese Frau ist deiner nicht wert, und ich mußte über die Ehre dieses Hauses wachen."
Da habe ich wohl erkannte, daß meine Schwester Deine Mutter haßt. Ich kann es mir nicht erklären, aber es ist so. Ich habe die letzten Nächte nachgegrübelt, aber es gibt keinen Weg mehr für mich Meine Tage sind gezählt. Du bist zu iung, als daß ich Dir etwas erzählen könnte. Aber wenn Du diesen Brief erhältst, Monika, und wenn es eine Möglichkeit gibt, dann suche Deine Mutter auf, und wenn Du sie nicht findest, so lebt vielleicht Konrad von Tanner noch und kann Dir helfen. Er wird sie gewiß nicht verlassen haben, wie ich es tat. Und, Monika, wenn es wahr fein sollte, daß dieses Kind auch mein Kind ist, dann sage ihm, es soll mir verzeihen. Ich habe furchtbar gebüßt. Gott segne Dich, Gotte segne Deine Mutter und auch das Kind, das ich niemals gesehen habe, und von dem mir doch eine Ahnung sagt, daß es das meine ist..


