M.lZl vierter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für DberhesseM
Samstag, 25. M1935
3m Zentrum des heimatlichen Fernsprechnetzes.
ORunhgang durch den technischen Betrieb des Gießener Fernsprech- und Telegraphenamtes.
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Teilansicht Des Selbstanschlußamtes
Autnahmen: Neuner. Gießener Anzeiger)
seinem Zlnuner den Hörer am Fernsprecher ab, so trifft der damit automatisch eingeschaltete Stromkreis über den Hauptoerteiler hinweg auf den Vorwähler, welcher dann gewissermaßen das Anrusoraan darstellt. Im gleichen Augenblick ertönt das „Amtszeichen". Setzt nun der Anrufende die Nummernscheibe in Bewegung, so spielt sich folgender Vorgang ab: Der Strom trifft über den Hauptverteiler und über den Vorwähler hinweg aus den (automatisch vom Lorwähler gesuchten und vorbereiteten) 1 Gruppenwähler, der für die Tausenderzahl bestimmt ist. Relais setzen im gleichen Augenblick ein Kontaktstück auf elektromagnetischem Wege in Bewegung, der Kontaktarm strebt der gewählten Nummer entsprechend auf dieser Nummer-Analog-Stuse des in zehn Stufen (0—9) aufgeteilten Gruppenwählers zu Mit diesem Vorgang ist die Verbindung zum 2. Gruppenwähler hergestellt. Dieser vermittelt die Hundertergruppen auf die gleiche Weise, wie sein Vorgänger, und stellt seinerseits die Verbindung mit dem Leitungs- wähler her. Dieser ist ein Hebdrehwähler und hat zwei Funktionen zu erfüllen: nämlich die Vermittlung der Zehner und der E i n e r Er vermittelt die Zehnerziffer (naturgemäß immer nur veranlaßt durch den an der Scheibe wählenden Teilnehmer) in der Form seiner Vorgänger durch eine Hebelbewegung die Einer aber durch eine seitliche Drehbewegung, und zwar bis zu jenem Kontaktzahn, der "der gewählten Ziffer entspricht. Aus diese Weise ist die Nummer des angerufenen Teilnehmers rekonstruiert worden und die Verbindung hergestellt. Der Stromkreis zwischen dem Anrufenden und dem Angerufenen ist geschlossen
Sinnreich ist auch der Rufapparat der vom Amt aus die verschiedenen Signale gibt, das Amtsfreizeichen, den Summerton der „Belegt" und jenes Zeichen, das den vollzogenen Anschluß meldet Kontaktstücke gleiten über einige besonders geformte Erzenterscheiben, durch die der Stromkreis unter» brochen oder geschlossen wird Mit dem automatischen Selbstanschlußapparat ist für jeden Teilnehmer auch gleich em Zählwerk verbunden, das immer dann in Funktion tritt, wenn der angerufene Teilnehmer den Hörer aus der Gabel aenommen hat Zu bestimmten Zeiten wird der Zählerstand abgelesen und der Fernsvrecbteilnebmer -'rhält bann seine Rechnung
Der Mechanismus des Selbstanlcblußapparaies ist einzigartig und in seiner Art mit keinem irgendwie gearteten anderen vergleichbar. Die Formen, in denen sich der Mechanismus aufbaut sind rein zweck- bedingt An etwa 3 Meter hohen Stablgeriisten sind die Wählapparate befestigt und untereinander ner- bunden. Die Montage des Selbstanschlußamtes mag sehr schwierig und außerordentlich langwierig gewesen sein Zehntausende von Leitungsdräbten ofl
Der Fernsprecher ist uns, die wir täglich im Erwerbs- oder irn Privatleben x-mal den Hörer m die Hand nehmen zu einer selbstverständlichen Alltäglichkeit geworden So alltäglich, daß wir uns nur ganz zufällig einmal Daran erinnern, wie großartig die Erfindung des Fernsprechers ist, wie' weit der Weg war von den ersten Versuchen eines Philipp Reis bis zur heutigen Vollkommenheit und Alltäglichkeit Vielleicht ist es der größte Ruhm aller wirklich großen Erfindungen, daß sie unseren Alltag bis'zum äußersten durchsetzen So wie es beim „Telephon" in ganz besonderem Maße der Fall ist Uebrigens wäre es schön, wenn alle Volksgenossen das deutsche Wort „Fernsprecher" an Stelle des Fremdwortes übernehmen würden.
Jedermann kennt das Rückgebäude der Hauptpost an der Bahnhofstraße Dort ist das Gießener Telegraphenamt untergebracht, dessen wesentlichste Teile die Fernsprechbetriebs-Abteilungen darstellen Än diesem Fernsprechamt laufen rund 2400 Leitungen zusammen, das heißt praktisch, daß im Amt 2400 Doppel-Drähte vereinigt werden, die — hier beginnt schon eines der technischen Wunder des Amtes — durch sinnreiche Vorrichtungen untereinander verbunden werden können. Das geschieht auf zweierlei Art: im Fernverkehr durch das „Fräulein vom Am t", das früher alle Gespräche vermittelte, und im Ortsverkehr durch das „S e l b st - a n s ch l u ß a m t", das jedem Teilnehmer die Möglichkeit gibt, eine Verbindung selbst herzustellen.
Die Ausgaben, die das „Fräulein vom Amt" zu erfüllen hatte und im Fernverkehr heute noch erfüllt, sind hinreichend bekannt. Das Selbstanschlußamt ist aber sicherlich noch manchem Volksgenossen ein Buch mit sieben Siegeln, das er nur von der Existenz der Nummernscheibe an seinem Fernsprecher her ahnt. Der Gang der Dinge, vom Abheben des Hörers aus der Gabel bis zum Abschluß eines Gespräches, soweit die Verbindung über das Selbst- ansiblußamt geschieht, sei hier kurz geschildert.
Fm Keller des Fernsprechamtes treffen sich in verschiedenen starken Kabeln vereinigt, zusammen- gesührt aus den Straßenzügen, die Fernsprechleitungen Don hier aus sind' die Kabel mit dem Hauptverteiler verbunden Fede einzelne Leitung ist nach außen, wie nach innen auf die übliche Weise „gesichert" Der empfindliche Mechanismus wird dadurch vor jeder stärkeren Stromzusuhr bewahrt.
Prüfung. Dadurch können Störungen behoben werden, ehe sie der Fernsprechteilnehmer auch nur hätte ahnen können. Seit ihrer Montage arbeitet die Anlage denn auch untadelig. Interessant ist, daß, um das Funktionieren der Anlage nicht zu gefährden, die Lust im Raume, in dem der Mechanismus untergebracht ist, eine bestimmte Feuchtigkeit haben muß, die nicht unter 45 Grad betragen darf. Ein besonderer Apparat zerstäubt Wasser und löst es völlig auf, so daß es noch nicht einmal möglich ist, an der Austrittsöffnung Feuchtigkeit zu spüren.
Der Kraftstrom, der für den Betrieb unseres Gießener Fernsprechnetzes notwendig ist, wird dem Netz des hiesigen Elektrizitätswerks entnommen. Der Strom wird allerdings umgeformt und von der normalen Spannung auf 60 Volt Spannung gebracht. Das geschieht durch Elektromotoren, die auf direktem Wege mit Dynamos gekuppelt sind. Aber noch wird der Strom nicht in das Fernsprechnetz geschickt, sondern er geht erst durch Batterien, in denen gleichzeitig das Motorengeräusch absorbiert wird
Der Fernverkehr spielt sich in der bekannten Form ab. Das Fräulein vom Amt ist die Mittlerin; zwölf Frauen sitzen während der Hauptverkehrszeit vor den Schränken. Beim hiesigen Fernsprechamt übernimmt auch der „Kundendienst" die Benachrichtigungen aller Art. Ueberflüffig zu sagen, daß die Störungsstelle für jeden Fall sich in das Netz einschalten kann und auf ihre Weise dem Kunden dient. Zwei Millionen Ortsgespräche vermittelte das Selbstanschlußamt im Jahre 1934. 369 000 Ferngespräche gingen über das hiesige Fernsprechamt während der gleichen Zeit.
Der Telegrammverkehr spielt sich heute zum größten Teil ebenfalls in anderer Form ab, als noch vor Jahren. Der Mvrsetaster ist fast außer Betrieb. An seine Stelle ist der Fernschreiber getreten. Er sieht einer Schreibmaschine sehr ähnlich, denn er ist mit der gleichen Tastatur ausgerüstet. Der Beamte, der diesen Apparat bedient, schreibt die Telegramme genau so wie auf der Schreibmaschine. Eingehende Telegramme werden von der Maschine selbsttätig auf schmale Papierstreifen geschrieben' Es bedarf keiner Uebersetzung mehr. Wie die Streifen die Maschine verlassen, so können sie auf das Telegrammformular aufgeklebt und rasch transportiert werden. Nicht weniger denn etwa 42 000 Tele-
Fm Derstärkerraum.
zcyeinbar sinnlosen Gewirr von Drähten bildet ein geschlossenes Ganzes. Die Dorwähler sind jeweils mit den Leitungswählern und den Zählern verbunden
Der ganze Mechanismus unterliegt ständig einer sorgsamen, systematisch gehandhabten
aber aucy Der j)orer selbst ist durch die Einrichtung geschützt. Nach Nummern der Teilnehmer geordnet wird die Leitung von hier aus zum eigentlichen Wähl appärat geführt
Nimmt der Teilnehmer, der einen anderen zu sprechen wünscht, in
Oben: Fernieitungs-Storungspelle. Mitte: Majchinenraum.
Unten: Die Batterien.
nur wenige Zentimeter lang, galt es an den Kon takzähnen anzuschließen. Der Hauptverteiler mit seinen vielen Einzelsicherungen und seinem nur
Oben Der Sprmgichrelber.
Mitte: Die Rufzeichen-Maschine.
Unten: Das Fernamt.


