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KrJOZ Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Samstag, 24. August 1935

Wehr und Waffen.

gewesen, da bei dem verhältnismäßig geringen Be­darf an Reserveoffizieren die Auswahl unter der Ueberzahl von Anwärtern scharf sein konnte.

Die Einjährigen genossen während ihrer Dienst­zeit mancherlei Vorteile. Sie brauchten nicht, oder wenigstens nur kurze Zeit, in der Kaserne zu wohnen, nicht an derMenage" teilzunehmen. Sie wurden rascher befördert, konnten sich Regiment und Standort auswählen. Aber sie hatten auch manche Verpflichtungen. Zunächst war ihre Dienstzeit bei Lichte besehen, nicht viel kürzer als die ihrergezogenen" Kameraden. Sie dauerte ihre volle 12 Monate bei der Truppe. Dazu kamen zwei achtwöchige Hebungen als Unteroffizier, und Vize-Feldwebel der Reserve und zum mindesten drei achtwöchige Hebungen a l s Reserveoffizier, zusam­men 22 Monate, während jene 23 Monate unter den Fahnen blieben und allerhöchstens noch 4 bis 6 Wochen in der Reserve und Landwehr übten. Sie erhielten keine Löhnung, sie hatten sich selber unterzubringen, zu beköstigen und zu beklei­den, hatten bei den berittenen Truppen ein Pferd mitzubringen oder Pferdeentschädigungsgelder zu zahlen. Es wurden auch sonst allerlei geldliche An­sprüche (Beiträge zu Festlichkeiten, Tragen einer besseren Ausgehuniform, Beschaffung der Offiziers­bekleidung und Ausrüstung) an sie gestellt, die das Einjährigen-Jahr bei manchen Truppenteilen zu einer recht kostspieligen Angelegenheit machten.

So wenig eine Führerauslese unter Hereinspielen des Geldbeutels irgendwie gebilligt werden kann, so darf .doch andererseits nicht vergessen werden, daß es dem geldarmen Staat der Vorkriegszeit durch die auf eigene Kosten dienenden Freiwilligen ermöglicht wurde, fast 1OOOOO Mann mehr

unter den Waffen zu halten als sein Haus­halt ihm erlaubte. Erzieherisch wirkte sich das Ein- jährig-Freiwilligenjahr ohne Zweifel ungünstig aus. Es schuf vom Diensteintritt an eine Kluft zwischen den zweiKlassen" der Wehrpflichtigen. Es weckte den Neid der Zweijahre-Dienenden auf die äußerlich besser gestellten Kameraden, die an körperliche An­strengungen und Handarbeit nicht gewohnt, im praktischen Dienst häufig weniger als sie leisteten. Es ließ den heilsamen Einfluß, den die aus politisch einsichtigeren, vaterländisch zuverlässigeren Lebens­kreisen stammenden, geistig geschulten Einjährig- Freiwilligen im engen Zusammenleben auf die Masse der Kameraden hätten haben können, nicht zur Geltung kommen. Es nahm umgekehrt den Söhnen des Bürgertums die Möglichkeit, sich in die Sorgen, die Denkweise ihrer Volksgenossen aus dem Arbeiter- und Bauernstand einzufügen.

Dennoch. Alle diese dem Einsichtigen längst offen­baren Mängel einer überlebten und verwässerten Organisation haben den gesunden soldatischen Sinn der Masse unserer Vorkriegs-Einjährigen nicht an­fechten können. Ihre aktive Dienstzeit und ihre Hebungen im Beurlaubtenstande haben ihnen die innere und äußere Haltung, da5 Maß an militäri­schen Kenntnissen gegeben, die sie zu jenen Reserve- und Landwehroffizieren werden ließen, die nach wenigen Wochen Felddienstzeit den aktiven Kame? raden ebenbürtig waren.

Das neue deutsche Heer hat neue zeitgemäße Formen für die Heranbildung seiner Führerschicht des Beurlaubtenstandes gefunden. Die Männer, die in seiner Schule zu Führern heranwachsen sollen, werden an vaterländischem Opfersinn und an mili­tärischem Wissen und Können den Einjährigen, den Reserve- und Landwehr-Offizieren nicht nachstehen.

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Die blanken Waffen

Einst waren des Kriegers Stolz:Das neidliche Schwert, die schattende Lanze!" Sie wurden vererbt von Geschlecht zu Geschlecht. Sie hingen am Ehrenplatz in des Hauses Halle. Sie wurden gefeiert vom Dichter, vom Sänger. Sie wurden wacker geschwungen gegen Gläubige und Hn- gläubige. Sie wurden nicht in die Scheide ge­steckt, an die Wand gelehnt, ohne daß der Ehre des Trägers Genüge getan war. Im Zeitalter der Maschinenwaffen, der großen Schußweiten ist viel von ihrer Poesie oerlorengegangen. Dennoch: ganz zum alten Eisen wird man sie nicht tun kön­nen. Wird es doch auch in einem Zukunftskriege zu Nahkämpfen kommen, in denen der Soldat nach einer handlichen, wirksamen Waffe ruft. Mit Säbel, Lanze und Seitengewehr sind wir vor 20 Jahren in den Krieg gerückt. Den Säbel haben wohl die wenigsten von uns gezogen, und noch viel weni­gere haben ihn gebraucht. Die Lanze hat auch nicht ganz die Mühe gelohnt, die auf die Ausbil­dung mit ihr im Frieden verwandt war. Sie war, da Massenattacken sich als undurchführbar erwiesen, nur hier und da den Patrouillen von Nutzen, war dagegen bei Ritten querbeet und im Fußgefecht ein Hindernis. Das Bajonett hat sich besser be­währt. Die Geschichte des Weltkrieges weiß von zahlreichen Gefechten, in denen das Bajonett den Ausschlag gab.

Die Nachkriegszeit hat die Folgerungen aus die­sen Erfahrungen gezogen. Die Kavallerie des deut­schen Heeres und die französische Kavallerie führen keine Lanze mehr. Die italienische und die englische Kavallerie zeigen sie nur noch bei Para­den. In Polen und Rußland ist sie für einen Teil der Reiter, meist für die ersten Glieder der Schwa­dronen beibehalten. Die Amerikaner haben sogar ihren Reiterregimentern außer der Lanze noch den Säbel genommen und sie dafür reichhaltiger mit Faustwaffen ausgestattet. Zu einem so weitgehen­

den Schritt hat sich die deutsche Heeresleitung nicht entschließen können. Irgendeine Waffe muß der Reiter auf dem Pferde behalten. Das Schießen vom Pferde mit dem Karabiner eine schwere Kunst hat unseren Reitern nie gelegen, und auch die Handhabung der Pistole, mit der ja ein Teil der Reiter (Portepeeträger, MG.-Schützen) bewaffnet ist, ist nicht einfach. Nur in der Hand kühl überlegener, selbstbeherrschter Kämpfer wird die Pistole Nutzen stiften".

Um das Bajonett ist in der Fachpresse ein Kampf der Meinungen entbrannt. Ein Teil der Sachverständigen lehnt es gänzlich ab. Er behaup­tet, eine Schußwaffe eine handliche, nur für einen Nahkampf berechnete Maschinenpistole sei auch im Nahkampf unter allen Umständen einer Hieb- oder Stichwaffe vorzuziehen, oder falls er nicht ganz so weit geht, wendet er ein, jede andere Waffe, jedes Handwerkszeug, das der Mann so­wieso mit sich führte, vom Gewehrkolben und Spa­ten bis zum Schraubenschlüssel könne, wie die Kriegführung aller Jahrhunderte beweise, als Hieb­waffe verwendet werden. Zum Stich in lebendes Fleisch entschlösse sich der Mann sowieso schwer. Der andere Teil setzt sich in dem Sieben, dem Manne im Gefecht eine Waffe zu geben, mit der er sich den Gegner eine Strecke vorn Leibe halten könne, für das Bajonett ein. Das deutsche Heer hat mit der Mehrzahl aller Heere seinen Schützen d a s Bajonett belassen. Es verzichtet aber dar­auf, sie im kunstvollen Bajonettfechten, wie wir es vor dem Kriege kannten, auszubilden. Die Kriegs­erfahrung hat es gelehrt, daß es zu Zweikämpfen mit dem Bajonett so gut wie nirgends gekommen ist, daß es vielmehr, wenn die Gegner im Hand­gemenge um die Entscheidung rangen, im Taumel der Leidenschaften nur auf kraftvolles, schnelles Zu­stoßen und Zuschlägen ankam. By.

Wirtschaftliche Kriegführung.

33on Ertzard Wegeli, Oberstleutnant a. O.

Im Weltkriege hat unsere wirtschaftliche Krieg­führung trotz gewaltiger Leistungen versagt, und unsere Niederlage ist zum großen Teil auf dieses Versagen zurückzuführen. Eine der wesentlichsten Ursachen dieses Versagens war die vor dem Kriege und im ersten Teile desselben herrschende Meinung, daß eine lange Kriegsdauer undenkbar sei. Diesem falschen Gedanken und einer ebenso falschen Sparsamkeit der gesetzgebenden Körperschaften vor dem Kriege entsprechend waren die wirtschaftlichen Vorbereitungen für den Krieg unzulänglich. Und doch hatte es nicht an Mahnun­gen und Anregungen, besonders seitens des Gene­ralstabes und des Kriegsministeriums gefehlt, in denen der Grundgedanke einer wirtschaft­lichen Mobilmachung sich deutlich abzeich­nete. Es blieb leider bei geringen Vorarbeiten, die für den wirtschaftlichen Teil der Kriegführung nicht den erforderlichen ausgiebigen Nutzen brachten.

Wir hoffen von ganzem Herzen, daß unferm Vaterlande das Unglück eines Krieges auf recht lange Zeit erspart bleiben möge, und wir wissen, daß der Führer und die nationalsozialistische Re­gierung den Frieden wollen und ihre Politik auf dessen Erhaltung eingestellt haben. Wir können aber nicht daraus vertrauen, daß alle europäischen Staatsmänner das gleiche Streben haben, wenn sie es auch versichern. Keinesfalls dürfen wir uns in Sicherheit wiegen, und es wäre ein Verbrechen am deutschen Volke, wenn nicht alle Vorbereitungen getroffen würden, die erforderlich sind, um Deutsch­land vor einer neuen Niederlage zu bewahren, wenn uns der Krieg aufgezwungen werden sollte, denn eine zweite Niederlage würde uns noch ver­nichtender treffen als der ungünstige Ausgang des Weltkrieges.

Wir wissen, daß ein neuzeitlicher Krieg in weit höherem Maße als der Weltkrieg auf dem Boden der Wirtschaft ausgefochten werden würde und müs­sen uns darauf einstellen. Die nachstehenden Aus­führungen sollen lediglich zum Nachdenken über die wirtschaftliche Kriegführung anregen. Daß das un­geheure Gebiet dieses Teiles der Kriegführung im Rahmen eines kurzen Aufsatzes nur gestreift, nicht aber erschöpfend behandelt werden kann, ist selbst­verständlich.

Wir wollen zunächst die personelle Frage behandeln. Hierbei müssen wir uns darüber klar sein, daß das ganze Volk, soweit es körper­lich und geistig leistungsfähig ist, in die Kriegfüh­rung einbezogen werden muß, was ja auch aus dem neuen Wehrgesetz klar hervorgeht. Wir möch­ten hierzu das Volk in das Kampfheer und das Arbeitsheer einteilen. Heber.das Kampf­heer braucht hier nur wenig gesagt zu werden. Ihm werden die aktive Wehrmacht und die ausgebildeten Reserven, diese, soweit sie tiicht für das Arbeitsheer unabkömmlich sind (Fach­arbeiter), angehören. Außerdem werden Ersatz- formationen gebildet werden müssen, um die Ausfälle des Kampfheeres zu decken. Daß in einem modernen Kriege, der noch in weit höherem Maße als der Weltkrieg Materialkrieg sein wird, nicht der­artige Menschenmassen für das Kampfheer benötigt werden wie in diesem, ist wahrscheinlich. Dafür spricht schon der Hmstand, daß bei der heutigen Waffenwirkung in den gleichen Kampfräumen er­heblich weniger Menschen eingesetzt werden können und dürfen als im Weltkriege.

Um so größer wird aber das Arbeitsheer sein müssen, das zur Schaffung des ungeheuren Materials dient, das für die neuzeitliche Krieg­führung erforderlich ist. Wir dürfen auch nicht den in den Jahren 1914/18 gemachten Fehler wieder­holen, daß wir der Landwirtschaft die zur intensivsten Bewirtschaftung des Bodens unentbehr­lichen Arbeitskräfte entziehen. Im Gegenteil wer­den wir den Ertrag aufs äußerste steigern müssen.

Der Einjährge.

Von Oberstleutnant a. D Venary.

Natürlich der Einjährige!" Wer von uns alten «oldaten kennt nicht den Stoßseufzer des vielge­plagten Kompanie-Chefs, wenn der bebrillte Doktor der Philosophie wieder einmal als einziger seiner Korporalschaft nicht im Längssprung über das Uebungspferd kam! Der Einjährige der Vorkriegs­zeit! Er war gewiß kein Meisterstück seines mili- Wir wünschen gewiß nicht seine Auferstehung. Aber er hat ein besseres Schicksal verdient, als daß er als eine Gestalt der Witz­blatter, als ein Musterbeispiel unsozialer Gesin­nung weiterlebt. Er war ein Kind seiner Zeit und ist auch heute nur aus ihr heraus zu verstehen und zu würdigen.

. ^biner Ahnen Namen klingen noch heute gut in deutschen Gauen. Es sind jene freiwilligen ^seiheitskriege, deren hoher vaterländischer Sinn durch die Lieder eines Kör- ners und eines Schenkendorfs schwingt. Sie gaben nach rascher Ausbildung die Führer und Offiziere u Regimenter der allgemeinen Wehrpflicht .7 , ch dem Kriegsende wurde die Einrichtung der Elniahng-Freiwilligen als Grundlage eines C a n b m e I) r = u n ö e f e r D e o f f i 3 i e r f o r p s beibeljalten unö durch die Instruktion vom 19. Mai löib im Heeresgefüge verankert. Als Einjähriq- Freiwilllgb sollten in erster Linie Studierende der UniDerfitaten angenommen werden. Das Recht der Annahme sollte den Jäger-Bataillonen Vorbehalten bleiben. Bald jedoch wurde der Andrang so groß, baß auch die übrigen Truppen die Erlaubnis er- hielten, Elniahrig-Freiwillige einzustellen. Bei der Garde 3, B. hatte dieses Recht 3uerst nur das A"roe-Schutzen-Bataillon, von 1817 an auch das §^>-Iäger-Bataillon. Wenige Jahre später folgten Oie Garde-Pioniere und die beiden Garde-Lcmd- wehr-Kavallerieregimenter. Aber erst seit dem Jahre 1841 wurde das Recht auf alle Garde-Truppen aus­gedehnt., Bon 1817 bis 1842 trugen die Einjährig- Freiwilligen um rote Achselklappen einen weißen, um andersfarbige einen roten Vorstoß, bei den Husaren rote Achfelschüre, von 1842 ab die uns allen noch bekannten schwarzweißen Schnüre.

... Der ursprüngliche Sinn der Einrichtung der Ein- jährig-Freiwilligen war, jungen Leuten, die e r ft nach jahrelanger Ausbildung in einen Lebensberuf eintreten konnten, diese Zeit nicht durch einen drei- später zweijährigen Militärdienst noch weiter zu verlängern. Dadurch daß die Bevorzugung im Laufe der Jahre von dem Bestehen »einer Prüfung, der Einjährigen-Prü- fung abhängig gemacht wurde, die erheblich gerin­gere Anforderungen als die Reifeprüfung für die Hochschule (das Abiturium) an die Prüflinge stellte, wurde die Einrichtung entwertet. Auch mittelmäßig begabte konnten die Prüfung bestehen. Verfügte der Vater über einen genügend großen Geldbeutel, so war das Einjährigen-Zeugnis zuersitzen". All­mählich gehörte es in weiten Kreisen des Bürger­tums zum guten Ton, dasEinjährige" zu machen, als Einjähriger zu dienen und so wenigstens Aus­sicht zu haben, einmal die ersehnten Ofstziersepau- letten zu tragen. Auch immer mehr Beamten­gruppen und bürgerliche Berufe verlangten von ihren Anwärtern und Lehrlingen das Einjäh - rigen-Zeugnis, so daß man in den letzten Jahren vor dem Kriege von einem Berechtigungs­unwesen sprechen mußte.

Im Kriege hat es sich zweifellos verhängnisvoll ausgewirkt, daß man an dem Einjährigenzeugnis als Vorbedingung für die Reserveoffizierlaufbahn festhielt, anstatt den Nachwuchs aus der G e - samtheit der Frontkämpfer auf Grund ihrer Führereigenschaften auszuwählen. Manche ungeeigneten Anwärter sind dadurch in Offiziers­stellen geraten, während geeignete Elemente aus diesem rein äußeren Grunde zurückstehen mußten. In Vorkriegszeit waren diese Klippen zu umschiffen

Die Schlacht vonAliioy-Mmssin

Eine Erinnerung an den 22. August 1914.

Von Otto Mütter.

Am 22. August 1935 kehrt zum 21. Male der Tag wieder, an dem das Infanterie-Regiment Kaiser Wilhelm II. (Grohh. Hess.) Nr. 116 fe i n e Feuertaufe erhielt, der Tag von Anloy- Maissin, der mit ehernen Lettern in den Annalen der Geschichte des Regimentes verzeichnet ist. Da soll man einmal sich zurückdenken in die große Zeit des Aufbruches der Nation, an die Mobil­machungstage und ersten Kämpfe, und dann steigen die blaffen Schemen der Kameraden, die gleich in diesen Tagen für die Heimat starben, aus ihren Gräbern und sie sehen, daß heute im Reiche Adolf Hitlers, das feine Verwirklichung findet, für das sie gestorben sind und daß ihr Sterben nicht umsonst gewesen ist.

Heiß brannte die Augustsonne des Jahres 1914 vom Himmel, aber rastlos zogen in unendlichen Kolonnen die grauen Schlangen der deutschen Re­gimenter von den Grenzen Hollands bis tief hin­unter in die blauen Wälder der Vogesen, nach dem Westen. Noch einen letzten, feierlichen Appell hielt das Regiment am 6. August auf dem Hofe der Neuen Kaserne ab, dann folgte am 7. August die Verladung der drei Bataillone. Herzliche Ab­schiedsgrüße winkend, mit Gesichtern, auf denen sich alle Gefühlsnuancen widerspiegelten, umsäumte die Bevölkerung die Straßen des tiefen Ernstes der Stunde des Abschiedes ihres Regimentes bewußt.

Nach einigen Tagen der Ruhe im Aufmarsch­gebiet von Luxemburg, die dazu benutzt wurden, dem Regiment den letzten kriegsmäßigen Schliff zu geben, marschierte es am 18. August als Spitze der Division gegen den Feind, um am 19. 8. d i e b e l- gische Grenze bei Martelange zu überschreiten. In begeisterter Stimmung sanken unter nervigen Soldatenfäusten die belgischen Gren^zpfähle zusam­men. Nach Sicherung durch Vorposten an dem Surebach biwakierte das Regiment bei Hollange und trat am 20. 8. gefechtsmäßig den Marsch auf Tronquoy an. Zu einer Kampfeshcmdlung kam es aber hier noch nicht, da dgs französische Kaval- leriekorps, das sich schon seit dem 19. 8. vor der Front der Armee herumdrückte, überraschend von der 21. Division gefaßt und nach kurzem, aber heftigem Kampfe zurückgeworfen wurde. Hier zeigte der Krieg zum ersten Male sein hartes Ge­

sicht. Verstreut lagen die verkrampften Leichen französischer Kavalleristen und drückten der Land­schaft ihr Gepräge auf. Die Nacht vom 21. zum 22. August verbrachte das Regiment in ßibramont und Recogne und sicherte sich durch Feldwachen und Vorposten, die längs der großen Straßen vor- gescboben waren. Wiederum zeigten sich starke feindliche Kavalleriepatrouillen, die sich aber nach kurzem Geplänkel zurückzogen.

Nach unruhiger Nacht dämmerte der Morgen des 22. August herauf. Langsam färben sich die Nebel rötlich und in rosige Dunstschleier gehüllt steigt glühend der Sonnenball empor. Morgenrot...

Gegen 6 Hhr morgens marschiert das Regiment als Vorhut der 25. Hessischen Infanterie-Division von Recogne über Ochamps nach Claireuse. Noch einmal rasten die Kompanien bei zusammengesetzten Gewehren nördlich von diesem Ort, dann schließt das Regiment 115 auf und setzt sich in Marsch­kolonnen daneben. Die II. Abteilung des Feld­artillerie-Regiments Nr. 61 schließt sich an und folgt auf der Straße nach Claireuse.

Allmählich scheint die Sache ernster zu werden. Scharf peitschen Gewehrschüsse durch das Vorge­lände .und bestätigen die Meldungen, die bei der Division eingelaufen sind, und die besagen, daß der Feind die Wälder jenseits des LeßbachtaleS südlich von Maissin und Anloy besetzt hält und mit allen Mitteln versuche, unseren Kavalleriepatrouillen den Einblick zu verwehren. Aufs höchste ist die Span­nung gewachsen, fester an die Rippen pocht das Herz, fiebernd steht manchem die Erregung in den Augen und hinüber eilen die Gedanken mit der Fro^e: Was verbirgt sich dort in jenen finsteren Wäldern?

Wie eine Erlösung kommt endlich gegen 12 Hhr der Divisionsbefehl, den Leßbach zu überschreiten und den Feind anzugreifen. Rasch ist das Regiment entfaltet und mit vorgenommenem II. Bataillon in erster Linie links, dem III. Bataillon rechts und dem I Bataillon als Reserve der Brigade, am linken Flügel heraus gestaffelt, wird der Vor­marsch angetreten, Marschnchtungspunkt rechter Flügel Südecke des Bournonwaldes mit Anschluß an den linken Flügel des Regiments 115. Dem lin­ken Flügel fällt der Auftrag zu, an der Südecke von Anloy oorbeizugehen, ohne die Linie Bournon- wald-Anloy zu überschreiten. Gegen 13 Hhr setzt der weitere Vormarsch der entfalteten Bataillone mit vorgeschobenen Schützenlinien ein und unbe­schossen wird nach Heberschreiten des Leßbachgmn- des die befohlene Lini-e erreicht. Kein Laut unter­

bricht die Stille der Lanschaft, nichts verrät die Nähe des Feindes, und so tritt keine Hnterbrechung der Vorwärtsbewegung ein.

Jäh zerreißt plötzlich die Mittagsstille, einige Ge­wehrschüsse fallen aus den Getreidefeldern und vor­liegenden Waldstücken, dann setzt schlagartig beim Erklimmen der Höhenkämme das Jnfanteriefeuer ein. Aber nervös ist der Feind und planlos sein feuer', so daß trotz der nahen Entfernung von 200 bis 400 Metern die meisten Schüsse zu hoch gehen und daher wenig Schaden anrichten. Hnd' nun zeigt sich, was der deutsche Soldat in langer Frie­densschule gelernt hat. Ruhig wie auf dem Schieß­stand wird das Feuer eröffnet. Schuß auf Schuß fliegt aus den Läufen der Gewehre, so daß der Handschutz zu klappern anfängt und bald zeigen sich ausgebrannte Stellen in den französischen Li­nien, die Wirkung gutsitzender Geschoßlagen. Auch das I. Bataillon und die Maschinengewehrkompanie, die östlich an Anloy vorbeigegangen sind, werden in ein Gefecht mit einem weitüberlegenen Feind verwickelt, der den Au-Foret-Wald und das Haier de Wez besetzt hält. Hngeachtet der heranrauschen­den Geschoßgarben greift das I. Bataillon mit wei­ten Sprüngen den übermächtigen Gegner an und eröffnet mit der Maschinengewehr-Kompanie ein wirkungsvolles Feuer. Heulend ziehen die ersten Granaten ihre Bahn und schlagen dumpf in Anloy ein. Schrapnellwölkchen stehen am lachenden Mit­tagshimmel und immer mehr reihen sich daneben. Sonnenglast liegt über der Landschaft und mör­derisch ist der Kampf. Ein Vorstoß der Franzosen aus dem Au-Foret-Wald wird im dichten Unter» holz im blutigen Nahkampf zurückgeworfen.

Aber noch immer kritisch bleibt die Lage für das kämpfende Bataillon. Immer neue Kompanien setzen die Franzosen ein, um das hartringende Ba­taillon zu umfassen, so daß zu seiner Entlastung der Einsatz der II. Pionier-Kompanie 21 erforder­lich wurde. Ein darauf unter dem Schutze der schweren Maschinengewehre von der 2. und 3. Kom­panie Dorgetragener Gegenangriff gelangte zwar bis zum Rande des Haier de Wez, lief sich aber dann in dem unwegsamen Gelände fest und alle Anstrengungen, durchzustoßen, waren erfolglos.

Hart nimmt der Jnfanteriekampf seinen Fort­gang. Es ist 14.30 Uhr. Auf vier Kilometer langer Front hatte das Regiment seine letzten Reserven eingesetzt und kämpft einen Verzweiflungskampf gegen etne dreifache Uebermacht. Jetzt versuchen feindliche Jägerbataillvne durch das Haier de Wez den linken Flügel des I. Bataillons zu umfassen.

Gelingt dies, dann ist die Lage des Regiments un­haltbar. In der richtigen Erkenntnis der gefahr­vollen Lage reitet der Regimentskommandeur, Oberst Schimmelpfennig, zu einer Haubitz­batterie, die in der Nähe von Anloy aufgefahren war, und leitet persönlich das Feuer auf die dicht gedrängten feindlichen Kolonnen im Walde.

Eine Feldkanonenbatterie schließt sich an und nach halbstündigem, rasendem Feuer sind die feind­lichen Bataillone zerschlagen und zersprengt. Heiß war der Kampf der beiden Artillerien.

Inzwischen ist es 18 Hhr geworden und noch immer liegt das Regiment in hartem Kampfe. Da merkte man beim II. und III. Bataillon, daß das feindliche Feuer nachließ und Teile der feindlichen Infanterie sich zur Flucht wandten. In richtiger Erkenntnis und Ausnutzung der gegebenen Lage stießen die beiden Bataillone, mit Teilen des Re­giments 115 vermischt, dem fliehenden Feinde bis tief in die vorliegenden Wälder nach. Lange rangen hier noch die 10. und 11. Kompanie bis zum Ein­bruch der Dunkelheit mit dem sich zäh wehrenden Gegner, während das I. Bataillon und die Ma­schinengewehrkompanie auf Befehl zum Schutze der Artillerie östlich von Anloy in Stellung gingen. Von Maissin aber rönte unvermindert grollend der Ge­fechtslärm herüber, wo die 50 Brigade in schwerem Häuserkampf um den Sieg rang.

Unbarmherzig sandte die Sonne ihre versengen­den Strahlen auf die zwischen Toten und Ver­wundeten liegenden Kämpfer und unruhig flackerte ab und zu noch einmal der Jnfanteriekampf auf, um dann bald wieder zu verstummen. Da ertönten plötzlich gegen 19.30 Uhr laute Kommandos und in losen Schützenlinien durchschritten die Musketiere des Reserve-Regiments 28 die Reihen der 116er, um die Verfolgung des fliehenden Feindes aufau= nehmen. In Eilmärschen waren sie direkt auf den Kanonendonner zu marschiert und kamen gerade recht, um den Sieg zu vervollständigen

Auf dem Schlachtfelde aber ließ der Feind meh­rere Tausend Tote und Verwundete fünf verschie­dener Jnfanterieformationen zurück. Aber auch in den Reihen des Regiments hatte der Tod reiche Ernte gehalten, 13 Offiziere und 340 Unteroffiziere und Mannschaften waren den Heldentod gestorben, während weitere 20 Offiziere und 600 Kameraden verwundet worden waren, so daß bas Regiment über ein Drittel feiner Gefechtsstärke verloren hatte. Heber das Schlachtfeld senkte sich die Nacht und deckte mit dunklen Fittichen die Schrecken des Tages.