mal aufzurappeln und die faulen Knochen zusammenzureihen und zu zeigen, was du kannst treibst du ziellos in der Gegend herum. Weiht du, daß solche Menschen in unserem heutigen Deutschland und ganz besonders in den Reihen der HI. keinen Platz mehr haben!"
„Jetzt übertreibst du wieder. Du weißt doch, dah ich etwas an meinem Fuß habe und aus diesem Grunde nicht mitmachen kann."
„Ach so, der Fuß. Es ist doch gut, daß du dir vor einem Jahre einmal den Fuß vertreten hast. Das ist ja eine feine Ausrede. Als neulich ein Schutzmann hinter dir her war, da hab' ich von einem verstauchten Fuß weiß Gott nicht das geringste gemerkt. Da bist du gelaufen wie einer, der den Weltrekord im 100-Meter-Lauf gewinnen will."
„Und dann kommt am Sonntag meine Tante zu Besuch!"
„Menschenskind, nimm mir's nicht übel, daß ich einmal leise lache. Ausgerechnet deine Tante. Die liebe, gute, alte Tante kommt und du mußt hübsch zu Hause bleiben und der Tante gelehrte Vorträge halten. Deine Anhänglichkeit an deine Tante ist ja ganz lobenswert, aber in diesem Falle scheint sie doch etwas übertrieben. Ich glaube, deine Tante würde sich sehr freuen, wenn du sie mit auf den Sportplatz nehmen würdest und ihr zeigtest, wie du deine Kameraden alle hinter dir läßt. Das würde ihr sicherlich mehr imponieren, und ich glaube, sie würde dir noch eine Mark obendrein schenken.
„Recht hast du ja, aber ..."
„Kein aber! Bei uns wird nicht lange gefeilscht, das hast du doch sicherlich schon gelernt. Und gezögert wird erst recht nicht. Du machst am kommenden Sonntag mit, da gibt es nichts zu bedenken. Bei einem solchen Sportfest, wie wir das_ am Sonntag veranstalten, darf kein Angehöriger der Hitler-Jugend fehlen. Jeder hat zu erscheinen und mitzumachen. Das ist Ehrensache eines jeden Hitler-Jungen."
„Also gut, ich werde mitmachen. Du kannst dich darauf verlassen. Wir wollen doch mal sehen, ob unsere Knochen noch elastisch sind. Am Sonntag sehen wir uns dann wieder ..."
K u m a r e.
Wiedersehensfeier ehem. 118er in Wonns.
Das große Treffen unter dem Schirmherrn Reichsstatthalter Gauleiter Sprenger steht vor der Tür. Kommenden Samstag und Sonntag, 24. und 25. August, werden die alten Kameraden des gelben Regiments in Worms erwartet. Der Festausschuß des Verbandes ehem. 118er hat es an nichts fehlen lassen, um die Kameraden in würdiger, froher Weise zu unterhalten. Von den Veranstaltungen seien erwähnt:
Samstag, 2 4. August: Nachmittags Kranzniederlegungen, Derbands-Führerschaftssitzung; um 20 Uhr: Großer Kameradschaftsabend im Festhaus. Ansprachen: Begrüßung, Kamerad Hisgen, Der- bandsführer; Festrede, Kamerad Freund (Mainz); Darbietungen verschiedener Art, u. a. Aufführung „Vaterländisches Feierspiel", verfaßt von Kamerad Gröber (Worms), ferner Konzert und Tanz.
Sonntag, 2 5. August: 9 Uhr: Morgenandacht auf dem Kasernenhof. Anschließend Marsch zum Ehrendenkmal. Daselbst 10 Uhr Gedächtnisfeier. Ansprachen: Hauptmann d. R. a. D. Schmoll und Kamerad Bohländer. 11 Uhr Treffen der Kameraden in den Standquartieren. 11.15 Uhr Besprechung der Offizier-Vereinigung. 14 Uhr General-Appell auf dem Kasernenhof. Ansprachen: Reichsstatthalter Gauleiter Sprenger, Molzan, ehem. Reg.-Adj. Res.-JR. 118. Anschließend Marsch durch die Stadt zum Festhaus. Daselbst nachmittags und abends: Große Militärkonzerte usw.
Nicht nur die Wormser 118er erwarten ihre Kameraden, auch die ganze Wormser Bürgerschaft, von jeher mit dem Regiment verwachsen, wird eingedenk der ruhmreichen Kriegstaten des Regiments und seiner Feldformationen alles aufbieten, den Empfang seiner alten Soldaten auf das herzlichste zu gestalten.
Die Reichsbahn gibt im Umkreis von 150 Kilometer Sonntagsrückfahrkarten aus, gültig von Freitag nachts 24 Uhr bis Montaa nachts 24 Uhr. Freiquartier-Anfragen an Kamerad Wilh. Selbst, Worms, Gaustraße 22. Alle übrigen
Auskünfte erteilt Kamerad Schnegelsberg, Worms, Jahnstraße 1. Auskunfts-, Empfangs- und Wohnungsausschuß ab Samstag, 24. August, von 13 Uhr und Sonntag ab 7 Uhr früh im Hauptbahnhof (Fürstenzimmer, Bahnsteig 1). Daselbst Eintrittskarten, Abzeichen und Festschrift.
Das Regiment 118 stellte folgende Feldformativ- nen auf: Res.-JR. 118, 224 und 254, II. ML 88 und II. Batl. 221, Landw.-JR. 118, Landsturm-Batl. XVIII, 18 und 29, 2lrm.-Batl 87, 198 und 188, I und 88. Ers.-Batl. 118, Landst.-Ersatz-Batl. XV III 39 und 43, Brig.-Ers.-Batl.59, Masch.-Gew-Komp Scharfschützen-A'bt. 55 und 59, Mmenwerfer und Bergkompanie 118.
Gießener Vochenmarktpreife.
* G i e ß e n, 22. Aug. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Molkereibutter, das Pfund 1,50 bis Mark Landbutter 1,40 bis 1,42 Mark Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stuck 5 bis 10, Eier (inländische) 11 bis 12, Wirsing, das Pfund 15 bis 20 WEraut 10 bis 12, Rotkraut 15 bis 20, Gelbe Rüben 10 bis 15, Rote Rüben 10 bis 12, Spinat 18 bis 20, Römischkohl 6 bis 10, Bohnen (arün) 15 bis 20, (gelb) 20 bis 25, Erbsen 25 bis 35 Tomaten 15 bis 25, Zwiebeln 10 bis 15, Rhabarber 8 bis 10, Kartoffeln 5 bis 6 Pf., der Zentner 4 bis 4,50 Mark, Frühäpfel, das Pfund 20 bis 50 Pf., Falläpfel 6 bis 8, Pfirsiche 45 bis 50, Brombeeren 45, Preiselbeeren 45, Birnen 15 bis 40, Pflaumen 13 bis 20, Zwetfchen 18 bis 25, Mirabellen 30, Renekloden 25 bis 30, junge Hähne 80 bis 90, Suppenhühner 70 bis 80, Blumenkohl, das Stück 10 bis 70, Salat 5 bis 12, Salatgurken 5 bis 25, Einmachgurken 1 bis 5, Endivien 5 bis 15, Oberkohlrabi 5 bis 10, Lauch 5, Rettich 5 bis 20, Suppengrünes 8 bis 10, Radieschen, das Bündel 8 bis 15 Pf.
Vornotizen.
— Tageskalender für Donnerstag: NSG. „Kraft durch Freude", 20 bis 21 Uhr und 21 bis 22 Uhr nur für Frauen Fröhliche Gymnastik und Spiele, Lyzeum, Dammstraße; 16 bis 18 Uhr, Allgemeine Körperschule auf dem Universitätssportplatz am Kugelberg; 18.30 bis 20 Uhr Prüfung für das Sportabzeichen auf dem Unioersitätssportplatz am Kugelberg. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Der Herr Senator". — Verein der Einzelhändler zu Gießen, 20.30 Uhr, im Kaufmännischen Vereinshaus, außerordentliche Generalversammlung.
— Die Baugenossenschaft1894 hält am Samstag, 31. August, im „Aquarium" eine ordentliche Hauptversammlung ab. Die Mitglieder seien auf die gestrige Anzeige der Genossenschaft besonders hingewiesen.
** Eine Fünfundsiebzigjährige. Am morgigen Freitag, 23. August, kann die Witwe Frau Karl Fach, Wetzlarer Weg 63, in geistiger und körperlicher Frische ihren 75. Geburtstag begehen. Die Jubilarin, die ihre Umgebung immer wieder durch ihr unterhaltsames Wesen erfreut, nimmt an allen Geschehnissen unserer Zeit noch regen Anteil. Frau Fach ist seit über 50 Jahren treue Leserin des Gießener Anzeigers.
** Die Berufsberatungs-Sprechstun- den imArbeitsamt Gießen fallen am kommenden Montag und Mittwoch, 26. und 28. August, aus.
** Straßensperre Sich — Langsdorf. Wegen Ausführung von Straßenbauarbeiten wird die Landstraße Lich—Langsdorf vom 26. August ab für jeden Verkehr gesperrt. Die Umleitung erfolgt von Lich über Nieder-Bessingen nach Langsdorf, von Hungen über Bettenhausen —Muschenheim — Hof- Gill nach Lich.
** Aufgehobene Straßensperren. Dom 26. August ab wird die Straßensperre auf der Provinzialftraße Langsdorf—Hungen wieder aufgehoben. — Auf der Provinzialstraße Gießen— Mücke wirÄ die Sperre auf der Teilstrecke Reiskirchen—Abzweig Lehnheim, Kilometer 17,8 bis 25, vom heutigen 22. August ab aufgehoben. Die Umleitung des Verkehrs für den Nahverkehr erfolgt von heute erb über Weickartshain oder Atzenhain. Für den Fernverkehr bleibt die Umleitung bestehen.
** Eine Schweinezwischenzählung findet am 4. September statt. Die Zählung, mit deren Durchführung die Bürgermeistereien beauftragt sind, ist mit einer Ermittlung der beschau-
pflichfigen Hausschlachtungen in der Zeit vom 1. Juni bis 31. August 1935 und einer Ermittlung von Kälbergeburten in den Monaten Juni bis August 1935 verbunden.
** Richtige Anschriften im Auslandpostverkehr. Die Pressestelle des Reichspostministeriums teilt mit: Der Postverwaltung der Union der Sozialistischen Sowjet-Republiken gehen häufig Postsendungen mit Ortsangaben wie Pe- trovgrad, Moskov, Petersburg usw., die nach gleichnamigen Orten in andern Ländern, z. B. in Amerika, bestimmt sind, unrichtig zu, weil vom Absender das Bestimmungsland nicht bezeichnet ist. Es empfiehlt sich stets, bei Sendungen nach dem Ausland in der Aufschrift das Bestimmungsland anzugeben. Unbedingt notwendig ist dies bei Sendungen nach Orten, deren Namen öfter vorkommen.
Führerwechfel
im GS.« Abschnitt XXX.
LPD. Frankfurt a. M., 21. Aug. In derFüh. rung des SS.-Abschnitts XXX, der die SS.- Standarten 2 (Frankfurt), 35 (Kassel) und 83 Gießen) umfaßt, ist ein Wechsel eingetreten. SS.. Oberführer Konrad Unger- Kassel, der bisher dem Abschnitt XXX vorstand, übernimmt auf Befehl des Reichsführers der SS. den SS.- Abschnitt XXIV in Oppeln. Zum Führer des Abschnitts XXX wurde der bisherige Führer der Standarte 57 (Schleusingen), SS.-Standartenführer Karl Lud» w i g besohlen.
Allerlei Diebstähle.
Bericht der Kriminalpolizeistelle Giehen.
Gestohlene Fahrräder.
a) Herrenräder. Marke „NSU.", Fabrik- Nr. 655 762; Marke „Phänomen", Nr. 160 956; Marke „Wanderer-Continental", Nr. 536 623; Marke „Presto", Nr. 581 790; Marke „Westfalenstolz", Nr. 202118; Marke „Viktoria", Nr. 1053 252; Marke „Presto", Nr. 548 520; Marke „Opelblitz", Nr. unbekannt; Marke „Sigmar", Nr. unbekannt; Marke „Miele", Nr. unbekannt, Marke „B. G. C.", Nr. unbekannt.
b) Damenräder. Marke „Westfalen", Nr. 1265 320; Marke „Opollo", Nr. 882 011; Marke „Adler", Nr. 993 340; Marke „Anker", Nr. 240 639; Marke „Goldrad", Nr. 1280; Marke „W.K. C.", Nr. unbekannt.
Sichergestellt wurden folgende Fahrräder: Herrenräder. Marke „Naxos", altes Rad mit Karbidlaterne, zwei ältere Fahrräder ohne Markenbezeichnung. Ein älteres Damenrad Marke „Adler".
Eigentümer gesucht.
Bei der Kriminalpolizeistelle Gießen sind folgende Gegenstände, die aus Diebstählen herrühren, sichergestellt: Ein komplettes Autoersatzrad von einem 1,2 Liter Opelkraftwagen. Eine elektrische Fahrradlampe, die am 5. Juni 1935 an der Lie- bigshöhe entwendet wurde. Eine Aktenmappe mit drei Ampullen Medizin und einer Spritze, die aus einem DKW.-Kraftwagen, der während der Durchfahrt hier in einem Hotel aufgestellt war, entwendet wurde. Eine Mappe mit Werkzeugen, die an einem Kraftrad entwendet wurde. Eine Lichtmaschine, Marke „Marell-Milano". Eine vermutlich aus der Müllerfchen Badeanstalt entwendete kleine silberne
Damenuhr. Eine Autobrille, eine Kopfhaube, ein Roller, Marke „Steiff", mehrere Werkzeuge, die aus Werkzeugtaschen an Krafträdern entwendet worden sirck).
Einbruchsdiebstähle.
In der Nacht vom 11. zum 12. August wurden aus dem Keller eines Gießener Lebensmittelgeschäftes durch Einbruch folgende Gegenstände ent- wendet: Sechs Flaschen Obstsekt, eine Büchse Lachs, drei kleine Flaschen Weinbrand. In der gleichen Nacht wurde in einem Wasserhäuschen eingebrochen und folgende Gegenstände gestohlen: 280 Zigaretten, Marke „Güldenring", 250 Zigaretten, Marke „R 6", 30 Zigaretten, Marke „Overstolz", etwa 30 Zigaretten, Marke „Attikah", 92 Zigarren, Marke „Das sind Sächelcher", 40 Zigarren, Marke „Rekord", 30 Zigarren, Marke „B. W.", etwa 15 Tafeln Schokolade, Marke „Sarotti", „Waldbaur", „Mauxion" und „Galapeter". Aus einem Garten wurde eine fast neue Flügelpumpe, Größe 2, entwendet.
Einbruchsversuch.
Am 2. August wurde in einem Hause in der Stephanstraße in Gießen ein Einbruchsversuch begangen. Der Täter versuchte die Vorplatztüre mit einem Nachschlüssel zu öffnen, wobei der Schlüssel» bart abbrach und im Schloß steckenblieb.
Verlorene Gegenstände.
Am 7. Juli wurde auf dem Wege Frankfurter Straße — Hindenburgwall bis zum Stadttheater eine Doubl6armbanduhr mit einem Doublöglieder» armbanb verloren.
Personen, die sachdienliche Angaben machen können, wollen diese der Kriminalpolizeistelle mitteilen.
Die Deutsche Arbeitsfront.
Ausschneiden und aufbewahren!
Vordfeefahrt mit Dampfer „Der Deutsche" vom 31. August bis 8. September.
Nachdem bei den letzten beiden Seefahrten wegen zu starker Anmeldung nicht alle Interessenten berücksichtigt werden konnten, wurde jetzt noch eine Urlaubsfahrt nach der Nordsee mit Dampfer „Der Deutsche" eingelegt. Die Fahrt geht über Bremerhaven. Die Kosten betragen, wie bisher, 59,50 Mk. Urlaubszug 3tr. 42/35 vom 24. August bis 1. September 1935 nach der Kieler Bucht.
Bei der geringen Teilnehmerzahl ist es nicht möglich, diese Fahrt durchzuführen. Wir bitten die gemeldeten Teilnehmer, sich für einen anderen Urlaubszug zu entscheiden. Der Zug 47/35 Kieler Bucht wird bestimmt gefahren.
Sonderzug an den Rhein am 15. September.
Wir veranstalten am Sonntag, 15. September, die letzte Rheinfahrt. Die Fahrt geht ab Gießen mit dem Zug nach Mainz-Kastel, von Mainz-Kastel mit dem Dampfer nach Rüdesheim. In Rüdesheim wird den Teilnehmern Gelegenheit zur Besichtigung der Stadt geboten. Von Rüdesheim geht die
Fahrt mit dem Dampfer weiter nach Koblenz. Die Rückfahrt geht ab Koblenz mit dem Sonderzug nach Gießen. Der Fahrpreis beträgt einschließlich Mit» tagesien 5,50 Mark. Anmeldeschluß 1. September.
Urlaubszug Nordsee uom 24. August bis 1. September.
Fahrkarten zu dieser Fahrt können in den Dienststunden auf dem Büro, Schanzenstraße 18 II, Zimmer 8, abgeholt werden. Die Fahrt geht ab Gießen 23.20 Uhr.
Achtung, Abfahrt der Omnibusse an die Edertalsperre (Waldeck) am Sonntag, 25. August.
Die Abfahrt geht vom Hauptbahnhofsplatz Gie» ßen Sonntag, 25. August, morgens 7 Uhr. Als Fahrkarte gilt die von der Geschästsstelle erhaltene Quittung.
Bunter Abend mit Willy Reichert am 24. August in der Volkshalle in Gießen.
Für den Bunten Abend mit Willy Reichert in der Dolkshalle sind Karten im Vorverkauf zu haben bei Oberhessische Tageszeitung, Schokoladenhaus Huntemann, Seltersweg; Musikhaus Challier; Orts»
Mitten im Leben...
Von Johan Luzian.
Eine Schlange wollte uns narren, wollte die schöne Welt uns "erberben, im Schilf, zwischen den buttergelben Teichrosenkrönlein, ben strahlenbweihen Nymphaeen mit Dem golbenen Dotter. Sie hing geringelt um die Halmschläuche der Wasserblumen, ihr Schwanz schlug erregt gegen ein dürres Rohr vom vergangenen Jahre, das noch die braunen Wimpel wehen ließ über den raschelnden Blättern des jungen Schilfs. Wuchernd, strotzend, mannshoch, klaftertief wuchs es hinaus in die stille Bucht, Jahr um Jahr rückte es ein wenig weiter vor, als wolle es den ganzen See austrinken, den stahlblauen, mildgrünen See, um den die Wälder dunkeln.
Die Natter hatte den schwarzgrünen Wasserfrosch an einem Hinterbein gepackt, ihr Zahn hatte ihn geschlagen, und nun zappelte das Fröschlein vor dem Nattermaul und quarrte, und fein Herz pochte unter der weißen Kehle, und seine Goldaugen flehten bas Schilf unb bie Rosen urtb bas Wasser unb den wolkenbetupften Himmel an, aber es half ihm nie» manb unb nichts. Die Natter ließ ihn sich mübe zappeln unb bann schluckte sie roieber ein wenig weiter an bem Fröschlein, bis es ihr munbgeredjt war, bis es in ihrem Rachen verschwinben konnte unb in bem schuppenbunklen, weiß unb schwarz am Bauche glitzernben Leib ein Klümpchen bilbete, ein immer geringeres Klümpchen, ein Nichts. Aber ba war bie Natter ängst fort, war ringelnb untergetaucht zwischen ben schwimmenben Blattinseln, auf benen Fliegen unb schimmernbe Libellen unb stumpfe verflogene Hummeln saßen, unb alles war roieber regungslos zwischen bem Schilf, auf bas bie Sonne brannte, unb in bem ber rasche, roanbernbe Winb sich vergnügte.
Du hattest bie Augen voll Angst unb voll Mitleid unb hattest bas Ruber gehoben, um biese Natter zu treffen, bas Fröschlein zu retten. Doch ließest du alles geschehen und rührtest dich nicht, und wir beide sahen dem Tode des Fröschleins zu, unb erst als bie Schlange verschwunben war, sagtest bu: Komm, laß uns fort! ... Unb als wir weiter- ruberten: Rubere ein wenig schneller, bitte! ...
Sieh einmal hier unter uns in bas Wasser, antwortete ich. Vielleicht kannst bu ben großen Hecht sehen, wie er den Weißfisch verschlingt. Oder den Zander, ber ben Barsch erjagt hat. Oder sieh einmal dort hinüber nach dem Lärchenwalb, siehst bu, bort rüttelt ein Falke, unb gleich stößt er hinab auf bas Mäuschen, bas aus bem Loche spitzt, ober sieh nur die Schwalben, wie sie blitzen in der Sonne und den
Schnabel voll Insekten haben, ober vielleicht kannst bu auch ben Marber dort am Ufer erkennen, ber bie jungen Vögel erwürgt ... Ach, sieh bort bie Spinne, bie bitte, gestreifte, wie viele Blinbfliegen hat sie gefangen ... Ja, Liebe: Eines nährt bas erobere durch feinen Tod. Doch wollen wir uns bie chöne Welt mit ben schwarzen Fragen verbunkeln?
Nein, nein! — Unb bu breitest bie braunen Arme weit aus, als wolltest bu ben Winb fangen, den frischen, wasserfrohen unb sagtest: Wir wollen sie lieben, bie Welt, wir wollen es lieben, bas Leben! — Unb nach einer Weile: Schließ einmal bie Augen ein wenig zu einem Spalt ... Jetzt ist alles nur Golb unb Grün unb Blau, ein roogenber Traum.
Ja, so muß man die Erde sehen, jetzt in der hohen Zeit dieses Sommers.
Wir glitten weiter am Schilfrand entlang, unb es lockte uns, noch einmal burch bie Binseninsel zu rubern, die Seerosenstille zu stören, die jungen Fische zu jagen, bie sich hier wärmten.
Da fanben wir bas Nest des Haubentauchers, des scheuen Fischräubers. Er schwamm zwischen den blaugrünen Binsen auf einer kleinen Insel von Halmen, rund geflochten, mit Schlamm überspritzt, unb in dem Nest lagen drei hellbraune Eier. Der schöne Vogel aber forrte und köckerte nur eine Bootslänge von uns entfernt, er tauchte ein kurzes Stück zwischen den Halmen hin und her und kam immer wieder rund um das Nest hervor. Dabei schalt er mit einer hohlen, angstvollen Stimme, sein Dolkschnabel stand sperroffen, fein Kopf ruckte, die schönen kupferroten Federbüschel an ben Seiten waren wie Flämmlein im Dickicht des Schilfs. Wir aber sahen ber Angst, dem Entsetzen des Wasser- vogels zu, sahen die hübschen gebräunten Eier an unb fühlten uns versucht, sie in bie Hcrob zu nehmen unb ihre Wärme zu kosen ... Wir sahen gern, wie ber Vogel tauchte, immer von neuem tauchte, blitzschnell, unb roieberfam, immer an anberer Stelle, als wie wir geraten hatten: Da! Nein, bort! Hier! Es war nur ein Spiel für uns, ein zufallsgeschenktes Spiel in ber Stille, für ben Vogel aber war es die Todesangst um das Nest.
Dann sagtest bu heiter unb satt von bem Spiel: Nun laß uns weiter! Unb später: Das Tierchen hatte eine Stimme, wie ein Mensch, der um Hilfe ruft ...
Und wir tarnen uns sehr gütig vor, daß wir ihm nichts zuleide getan hatten, daß wir besserwarenalsdie Schlangen, die Hechte, die Falken und die Marder.
Gegen Abend schallte ein Schuß in den Wäldern, weit von uns fort, und noch einmal ein Schuß. Das Echo ber Schüsse rollte von Ufer zu Ufer, rollte lange unb satt über ben See unb die Felder au ben Höhen bort drüben.
Wir fuhren darauf zu unb stiegen an Lanb, gingen Arm in Arm bie blaugeteerte Lanbstrahe nach unserem Hause. Dort begegneten wir bem Jäger bes Grafen.
Er trug ben Rehbock über ber Schulter. Durch die Fesseln des Tieres hatte er einen Schnitt gemacht, sie zusammengebunben unb sich bie braunschimmernde Last über bie Schulter gehängt neben seinem Gewehr. Der Jäger hat einen langen grauen Bart, der ihm in zwei schönen Spitzen über ber Brust bebt, wenn er lacht, unb er lacht gern, er steckt voller Scherze. Seine Augen blitzten über bas Glück bes Schusses, als er vorüberging, stolzen Gesichtes, ben schönen langen Bart voll Pfeifenrauch.
Balb kommt bie Zeit der Entenjagd, dann wird er hinaufschießen in den dunkelnden Himmel, den Abendstern auf der Kimme, wird in den schaukelnden, rauschenden Flug der Tiere den Tod senden. Ja, er lebt gern und er tötet gern, der starke, fröhliche Jäger.
steht im Baedeker .. "
Ein Abgesandter ber Königin Viktoria von England erhielt eine Audienz bei Kaiser Wilhelm I. Er war zum erstenmal in Berlin und nützte die Tage vor der Audienz zur Betrachtung ber Reichshaupt- ftabt. Stets mit einem roten Baebecker bewaffnet, ging er umher unb kam auch schon manches Mal an bem Palais Unter ben Linden vorüber, das er bald betreten sollte. Sehr auffällig war ihm jeden Mittag nach zwölf Uhr die Ansammlung der Berliner vor diesem Palais, das für sie, wie er wohl wußte, eine Art Heiligtum war. Das Publikum wartete auf die Wackstparahe, eine Kompanie der Garde, welche die Faynen trug. Sobald sie sich mit klingendem Spiel dem historischen Eckfenster bes Palais näherte, erschien hinter ben Scheiben ber greife Monarch unb neigte bas Haupt, bas Generationen vertraut war.
Dann kam der Mittag der Audienz. Das Herz chlug bem kühlen, würbevollen Briten, denn auch ein Leben erfüllte von je eine echte Verehrung bes chlichten Monarchen. Er würbe in das Arbeitszimmer des Kaisers geführt und sah nun das historische Eckfenster von der anderen Seite. Wilhelm I., im blauen Preußenrock mit roten Aufschlägen, erhob sich vom Schreibtisch unb reichte bem Abgesanbten feiner „hohen Schwester" bie Hanb. Dor diesem menschlichen Fürsten schwand jede Scheu, man saß sich gegenüber, es gab eine ziemlich lange Unterhaltung. Doch Minister M. glaubte allmählich eine gewisse Unruhe bei bem hohen Herrn zu bemerken. Er fragte sich beklommen, ob er bie Besuchszeit zu
lange ausgebehnt hätte. Aber es war ja nicht an ihm, sie abzubrechen — er jnufjjte ben Wink des Kaisers erwarten. Währenb er noch überlegte, würbe es ihm nur halb bewußt, baß braußen Unter ben Linben Militärmusik herannahte. Zugleich wurde ein eigentümliches Summen, das nur von einer großen, erwartungsvollen Menschenmenge herrühren konnte, vernehmlich. Als der Hohenfriedberger Marsch nahe- aekommen, erhob sich plötzlich der Urgroßneffe des Alten Fritz. Mister M. schnellte vom Stuhl auf. Doch der alte Kaiser sagte lächelnd: „Bleiben Sie ruhig sitzen und entschuldigen Sie mich eine Minute. Die Wachtparade kommt. Da muß ich ans Fenster treten. Es steht im Baedeker." H.
Zeitschriften
— Die „Süddeutschen Monatshefte" haben ihr Augustheft der Jugend Europas gewidmet. Hervorragende Sachkenner führen uns ben Entwicklungsstand der außerdeutschen europäischen Jugend unter politischen, moralischen unb seelischen Gesichtspunkten vor. Graf Paul Toggenburg zeigt bie junge französische Generation, wie sie in einem bürgerlich-konservativen ßanbe bisher jeder Entscheidung fern herangewachsen, ben noch unklar sich abzeichnenden Weg zur eigenen Verantwortung sucht. Aehnlich unübersichtlich unb langfam bahnt sich in Englanb bie Erneuerung an. Was Klaus Mehnert in Moskau aus ber oben Gleichmacherei des russischen Bolschewismus an aufbauwilligen Kräften heranreifen sieht, mag in gewissem Sinne hoffnungsvoller stimmen, als weniger Eingeweihte zunächst zu vermuten geneigt sein bürsten. In Polen wie in der Tschechoslowakei ist die gegenwärtige Jugend der älteren Generation hinsichtlich der Staatwerdung verpflichtet. Egon Heymann unterwirft die neuen Generationen in Jugoslawien, Bulgarien und Rumänien einer zusammenfassenden Beleuchtung. Ueberall macht sich hier bas Streben nach autoritären Staatsformen geltend. Die italienische Jugenb empfängt ihre staatliche Prägung schon jahrelang in bekannter Weife. Was im Hinblick auf ben abessinischen Konflikt an neuen Momenten zutage tritt, ist vielbeutig genug. Der Einblick in die Seelenhaltung der kommenden Gene» ration zeigt uns bie ganze Vielseitigkeit und nationale Gegensätzlichkeit unseres einzigartigen Erdteils. Unb doch schließen schon die beiben Begriffe „Jugend" unb „neues Werden" eine so weitgehende Gemeinschaft in sich, daß wir in der Hoffnung leben dürfen, ein neues europäisches Geschlecht Hand in Hand mit Deutschlands werdender Generation einer besseren Zukunft entgegenschreiten zu sehen.


