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Nr. 195 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhessen) Donnerstag, 22. August 1955

Der Sport im VM.

Eine Untergau-Sportwartin über ihre Arbeit auf dem Lande.

Aus der Provinzialhaupisiadt.

Vielleicht doch zum Mond?

Dor kurzem hat ein Doktor in einer Wissenschaft- lichen AbhandlungWarum nie zum Mond?" haar­scharf bewiesen, daß es für uns Menschen unmöglich sei, jemals auf dem Mond zu landen. Die Schwer­kraft der Erde oder aber ihr Fehlen würde es nie zulassen.

Nun mutz ich allerdings zugeben, datz ich von der Schwerkraft der Erde nicht viel verstehe; ich glaube, ich fehlte in der Schule, als sie durchgenommen wurde. Auch verstehe ich nichts von der Wirkung der Schwerkraft auf die inneren Organe des Men­schen. Vielleicht hat der Doktor, der von derErd­gebundenheit der Menschen" überzeugt ist, durchaus recht. Vielleicht würde bei verminderter, oder auf­gehobener Schwerkraft der Mensch tatsächlich in sich zusammenfallen und sterben. Ja, ich gebe sogar zu, daß mir alle Ausführungen des Doktors zunächst sehr einleuchteten. Und ich gehöre auch keineswegs zu den ewigen Besserwissern, zumal ich keinerlei gelehrte oder wissenschaftliche, oder sonst treffsicheren Beweise vom Gegenteil beibringen könnte. Viel­leicht stehe ich sogar mit meiner Meinung in der ganzen Menschheit völlig vereinzelt da. Und viel­leicht tut der Leser oder die Leserin gut, hier abzu­brechen und sich den Worten eines klügeren Men­schen zuzuwenden...

... immerhin muß ich aber gestehen, daß mich das Wort von derErdgebundenheit der Menschen" doch etwas stutzig gemacht hat. Denn: gab es nicht einmal eirtc Zeit, in der die ganze Welt von der Erdgebundenheit und Schwerkraft so sehr überzeugt war, daß sie den Grafen Zeppelin für einen Schwachkopf hielt? Man wird einwenden, daß die­ses Fliegen innerhalb des Schwerkraftraumes der Erde vor sich ging und geht! Und daß ja schließlich (sagte man hinterher!) schon vor dem Zeppelin Freiballons sich in die Lüfte gehoben hätten, da sie leichter als Luft sind. Ja aber: hat es da nicht jenen Fall gegeben, daß das Reichspatentamt (bitte!) noch in den 90er Jahren des vorigen Jahr­hunderts es ablehnte^ ein Patent auf Flugzeuge zu geben, da diese schwerer als Luft seien und deswegenniemals" aufsteigen könnten?

Aber auch das Fliegen mit einem Flugzeug ist noch immer ein Vorgang innerhalb des Schwer­kraftbereiches der Erde? Hm! Auch Ballonaufstiege in die Stratosphäre waren einmal unmöglich, weil da oben die Luftviel zu dünn" sei, weil sie außerhalb aller Atmungsmöglichkeiten lägen.

Und heute?

Und morgen?

Und übermorgen??

Gibt es denn keine Grenzen des menschlichen Könnens? Gewiß gibt es Grenzen des menschlichen Könnens! Wer möchte so vermessen sein, sie zu leugnen? Nur wissen wir nid)t w o diese Grenzen liegen! Denn die Grenzen des menschlichen Könnens verschieben sich entsprechend den Grenzen des menschlichen Wissens? Auch sie gibt es! Wer wäre so unbescheiden, dies zu leugnen?

Ohne Grenzen aber ist der Wagemut der Men­schen! Und dieser grenzenlose Wagemut wird allen Niemals!" immer wieder ein Schnippchen schlagen, wobei es zuletzt ganz gleichgültig ist, ob wir auch wirklich einmal auf dem Monde landen oder nicht. Hätten wir Menschen diesen grenzenlosen Wagemut nicht, wir säßen noch heute in Erdlöchern und Höhlen und hielten den Mond für eine Laterne ... By.

Daten für den 23. August.

1572 (in der Nacht zum 24.): Bartholomäusnacht; AUedermetzelung von 2000 Hugenotten in Paris, von gegen 20 000 in ganz Frankreich; 1769: der Na­turforscher Georges Cuvier in Mömpelgard geboren (gestorben 1832); 1831: Feldmarschall Graf Neit-

Ja, eine Turnstunde auf dem Lande ist nicht so einfach. Don einer Sportwartin, die in einer Gegend sitzt, wo noch Trachten getragen werden, dringt ein Hilferuf zu mir:Komm so schnell wie es geht zu uns und mache den Mädels nochmals klar, warum, wie und was wir turnen wollen". Täglich kann man diesen Ruf vernehmen und dar­aus ersehen, wie sehr noch unsere Mädel gegen die Körperertüchtigung eingestellt sind.

Ja, hier muß ich wieder mal meine altbewährte Methode anwenden. Es kann nur eines helfen, auf irgendeine Weife hinfahren und mit den Mädeln so eine kleine Turnstunde erleben, daß sie dann ihre Turnstunde nicht mehr missen möchten.

Mit einigen Hindernissen denn es ist wahn­sinnig schwer, auf dem Lande in alle Gruppen zu kommen bin ich nun glücklich im Schützer Ländchen gelandet.

Die Mädel mit ihren hübschen, alten Trachten machen alle einen netten Eindruck, so daß ich mir vorerst noch nicht erklären kann, daß diese Mädel der Turnstunde so feindlich gegenüberstehen sollen. Ich mache mir so meine Gedanken und beschließe, erst mal die Ursache des Widerstandes zu erfahren. Langsam scheine ich ihr Vertrauen zu gewinnen, sie werden immer etwas zutraulicher, und auch die Antworten auf meine verschiedenen Fragen sind nicht mehr so knapp. Nach und nach erfahre ich, daß sie selbst eigentlich ganz gerne mitmachen möchten, aber die Eltern und sonstige Außen­stehende, die noch sehr an althergebrachten Sitten und Gebräuchen hängen, könnten und wollten sie nicht verstehen und würden sie an allem hindern. Hier Hilst es auch nicht, daß man den Eltern mit Worten klarmacht, was es für unser ganzes Volk bedeutet, daß unsere Mädel im BDM. ertüchtigt

werden, sondern sie müssen durch unsere Mädel, die ihre Pflicht erkannt haben, umlernen.

So, jetzt sind wir so weit, daß wir mit unserer Turnstunde anfangen können. Dieses Mal wird noch in Kleidern geturnt, denn die Mädel haben es bis jetzt noch nicht gewagt, in einer Turnhose herumzulaufen. Mit den primitivsten Bedungen fangen wir an, es geht noch sehr, sehr schwer, es krachen sämtliche Knochen und ab und zu hört man ein Halbwegs unterdrücktes Stöhnen. Nun genug, die Mädel dürfen auf keinen Fall überanstrengt werden. Wir fitzen im Halbkreis und singen erst ein paar lustige Lieder, dann beschäftigen wir uns mit noch ein paar einfachen Spielen Aha, das ist das Richtige, die Mienen der Mädel werden immer froher und bald steigert sich die Fröhlichkeit zur ausgelassenen Freude. Dann ein Pfiff. Eben noch laute" Freude, jetzt eine heilige Ruhe. Ich spreche nochmals zu den Mädeln über unser Untergausport­fest, das bald steigen wird, und sie versprechen mir alle mit strahlenden Augen, von jetzt ab ihre Turnstunden regelmäßig zu besuchen und sie wol­len sich Mühe geben, daß sie sich schon am Sport­fest beteiligen können.

Nun kommt für mich der schwierigste Teil: Wie komme ich nach Hause? Aber da laden mich schon verschiedene Mädel ein, bei ihnen zu übernachten. So, das ging ja auch mal wieder glatt.

Noch ehe ich einschlafe, lasse ich mir noch mal alles im Geiste vorüberziehen und komme zu dem Schluß, daß ich mit diesem kleinen Erfolg zufrieden sein kann. Es dauert lange, bis auf dem Lande etwas Neues Fuß gefaßt hat, aber es fitzt dann um so fester, und hier findet man dann die treuesten Anhänger.

Beurlaubung von Beamten zum Veichsparteitag.

Der Reichsstatchalter in Hessen Landesregie­rung macht alle unterstellten Behörden, Ge­meinden, Gemeindeverbände und sonstige Körper­schaften des öffentlichen Rechts auf den Runderlatz des Reichs- und Preußischen Ministers des Innern vom 6. August 1935 aufmerksam, wonach für die Zeit des Reichsparteitages der NSDAP, vom 10. bis 16. September in Nürnberg den Beamten, Be­hördenangestellten und -arbeitern, welche nachwei­sen, daß sie auf Veranlassung oder mit Billigung der NSDAP, am Parteitag teilnehmen, der erfor­derliche Urlaub ohne Anrechnung auf den Erho­lungsurlaub und mit Fortzahlung der Gehalts- und Lohnbezüge erteilt werden kann, soweit dienstliche Belange nicht entgegenstehen.

Die Gemeinden, Gemeindeverbände und sonstige Körperschaften des öffentlichen Rechts werden er­sucht, entsprechende Anordnungen zu erlassen.

Eine Erstattung von Kosten aus der Reichskasse kommt nicht in Frage.

Unser neuer Vornan.

Nachdem wir in der gestrigen Ausgabe unseres Blattes den RomanWir fanden zueinander" von Klothilde von Stegmann zum Abschluß ge­bracht haben, beginnen wir in der heutigen Nummer des Gießener Anzeigers mit der Veröffentlichung eines neuen großen Romanwerkes, mit dessen Er­werbung wir einen besonders glücklichen Griff getan zu haben glauben, und mit dessen Abdruck wir allen unseren Leserinnen und Lesern in Stadt und Land eine rechte Freude zu machen gedenken. Wir lassen diesmal eine junge, hier noch unbekannte Autorin zu Worte kommen, deren Romane schnell einen großen und begeisterten Leserkreis gefunden haben; ihr jüngstes Werk, mit dessen Veröffentlichung wir in der vorliegenden Nummer beginnen, heißt:

3u jedem kommt einmal das Glück .. von Ellen Kulm.

Das ist die mit feinem Gefühl geschriebene, zu Herzen gehende und ungemein spannende Geschichte vorn Schicksal zweier junger Mädchen, die nach mancherlei Irrungen und trüben Erfahrungen Den Weg zu einem reinen und dauernden Lebensglück finden. Wir sind gewiß, daß jedermann unseren neuen Roman mit wirklicher, innerer Anteilnahme, in hohem Maße aefesselt und befriedigt, bis zum letzten Kapitel verfolgen wird.

Du Laumann ...!

Was machst du eigentlich nächsten Sonntag? Fährtst du mit nach B ...?"

Mit nach B ...? Mensch bist du verrückt gewor­den! Weißt du nicht, was nächsten Sonntag hier los ist?"

Ach so, das hätte ich ja fast vergessen. Da habt ihr euer Bannsportfest. Man hört ja viel in der Stadt davon."

Du Laumann mußt auch gerade noch sagen euer Bannsportfest". Das sieht gerade so aus, als ob du gar nicht in der HI. wärest und dich das alles nichts anginge. Du scheinst dich noch gar nicht mit dem Gedanken vertraut gemacht zu haben, daß es deine Pflicht und A u f g a b e ist, am Sonntag mitzuwirken. Sag', was willst du denn eigentlich am Sonntag treiben?"

Ich sagte dir ja schon, daß ich nach B ... will." Natürlich nach B ..."

Immer nach B ... Das sind deine ganzen Ge­danken die Woche über.Erlaub' mal mein Lieber, hast du überhaupt für sonst etwas noch Interesse? Ein richtiger Laumann bist du geworden! Reg' dich nicht auf. Dxr Ausdruck ist nicht von mir. Er stammt von unserem Bannführer. Anstatt dich ein-

Hardt von Gneisenau in Posen gestorben (geboren 1769); 1836: der Anthropologe Johannes Ranke in Thurnau geboren (gestorben 1916); 1866: Friede zu Prag zwischen Oesterreich und Preußen; 1914 (bis 31.): Schlacht bei Tannenberg; Generaloberst Paul von Hindenburg und sein Generalstabschef Erich Ludendorff vernichten die russische Narew- Armee.

Gesundheits-Grundsätze fürRadfahrer.

Mehr als je sieht man heute Fahrräder auf den Landstraßen und Wegen. Auch die Frauen haben sich darauf besonnen, daß es eigentlich kein billige­res und bequemeres Verkehrsmittel gibt als das Fahrrad. Bei Ausflügen und sogar bei Reisen kann es einem die besten Dienste tun. Zu Rad ist man eben unabhängig.

Manche scheuen sich, an heißen Tagen Radfahr­ten zu unternehmen. Diese Abneigung ist unbe­gründet. Gerade beim Radfahren hat man immer einen Luftzug. Man muß sich natürlich bei einer Radfahrt so vernunftgemäß wie möglich verhalten. In den heißesten Tagesstunden wird man nicht im Sattel sitzen, sondern irgendwo in Kühle und Schatten rasten. Man soll an warmen Tagen auch nicht allzu schnell fahren, weil dabei die körper­liche Anstrengung zu groß ist. Außerdem soll man seine Nahrung so einrichten, daß man sich nicht un­nötig erhitzt. Vieles Trinken ist vor allem zu ver­meiden.

Wer zu Rad über Land will, soll früh austtehen, was im Sommer nicht schwer fällt. Dann hat man am Mittag Zeit genug, den kühlenden Schatten zu genießen. Hier kann man den vielleicht versäum­

ten Schlaf nachholen. Und wenn man gestärkt auf­wacht, soll man eine Tasse kühlen Tee, natürlich ungesüßt, trinken, und wird sich wunderbar er­frischt fühlen. Das Essen soll niemals gewürzt sein, weil das unnötig durstig machen würde. Eben­so muß während der Fahrt Alkohol jeder Art ver­mieden werden. Wichtig ist auch, daß man beim Radfahren durch die Nase atmet. Man bekommt dann nicht so leicht eine trockene Kehle, als wenn man die Luft durch den Mund gehen läßt. Gegen dieses oberste Gebot verstoßen sehr viele Radfahrer. Hat man erst Durst, so ist er ziemlich schwer zu bekämpfen. Oft ist es auch schon nützlich, den Mund gut mit Wasser auszuspülen und zu gurgeln.

Tee soll man, wie gesagt, ohne Zucker trinken, aber auch nicht in größeren Mengen. Auch im Ge­nuß von Speise-Eis bei Radfahrten soll man zu­rückhaltend sein, es kühlt zwar für den Augenblick, hinterläßt aber meist einen zuckerigen Geschmack im Munde, der das Durstgefühl nur steigert.

Die Kleidung muß angemefsen fein und darf besonders an den Gelenken nicht fest anliegen. Eine der Hauptbedingungen, um sich auch beim Rad­fahren wohlzufühlen, ist körperliche Sauberkeit. Daß man auf den Straßen staubig und schmutzig wird, ist nicht zu vermeiden, aber man wird dafür Sorge tragen, daß die Spuren so rasch wie mög­lich beseitigt werden. Allerdings soll man niemals, wenn man etwa vom Radfahren erhitzt ist, kalt baden.

Disziplin ist eine der wesentlichen Vorbedingun­gen für- den ungetrübten Genuß einer Unterneh­mung zu Rad. Dann aber kann man kaum ein schöneres Vergnügen haben als dieses.

Zu jedem kommt einmal das GM.

Vornan von Ellen Kulm

Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.) Nachdruck verboten.

von

sie.

von das

1. Kapitel.

Draußen war noch der strahlend-helle Sommer­tag; aber in dem kleinen Gartenhause, gleich neben der Tankstelle, das als Büro diente, begann es schon zu dämmern.

Monika rückte mit einer ungeduldigen Bewegung den Sessel näher zum Fenster, ohne von ihrem Buch aufzublicken. Wenn sie las, vergaß sie alles. Wie oft muhte sie Vorwürfe hören, daß sie in einer eingebildeten Welt lebte. Aber konnte sie denn dafür, daß ihr eigenes Leben so ereignislos war, und daß ihr nichts anderes übrigblieb, als mit ihrer ganzen Sehnsucht in die Welt der Bücher zu flüchten?

Ein kurzes, scharfes Hupensignal. Ein Auto ver­langsamte bei der Tankstelle die Fahrt, stoppte ab ... .

Sehr guter Wagen, dachte Monika; aber auch jetzt blickte sie noch nicht auf.

Das Signal wiederholte sich einmal, zweimal, dreimal, sehr ungeduldig. m 9

War denn der alte Matthias nicht im Garten? Er hatte die Hecken hinten beim Hause beschneiden wollen. Aber dann hätte er das Signal gehört. Wahrscheinlich war er wieder ins Gasthaus hin- übergeschlüpst, weil er wußte, daß Onkel heute doch nicht vor Abend zurückkam.

Monika warf das Buch auf den Tisch und ver­ließ das Haus.

Ein prachtvoller Tourenwagen.

Ein livrierter Chauffeur stand schon bereit, beim

Füllen zu helfen.

Dreißig Liter", sagte eine Gestalt, die vorn saß. Man konnte nicht gleich erkennen, ob es ein Mann ober eine Frau war. Eine mächtige Haube und eine breite Brille verdeckten das Gesicht fast gänz­lich, und die Stimme war tief und kurz angebun­den Es war aber doch eine Frau, denn jetzt öff­nete sie den Schlag und stieg selbst heraus Sie sah komisch genug aus in dem unförmigen Leder­mantel kurz und breit wie sie war. Und jetzt nahm sie die Brille ab und musterte Monika oben bis unten. , .

Können Sie denn das überhaupt? fragte Monika lachte nur, statt einer Antwort. Wie weit ist es bis Karlsbad.

Monika gab Bescheid, sie sah dabei fluchtig ihrer Arbeit auf und warf einen Blick in

Innere des Wagens. In dem breiten Fond saß nur ein einziger junger Mann. Er hielt ein Buch in der Hand und machte eifrig Eintragungen. Er chien noch jung zu fein, obwohl sein Haar, das von einem rötlichen Braun war, schon etwas ge­lichtet schien.

Jedenfalls war er eine Ausnahme. Monika war daran gewöhnt, von allen den Männern, die in ihren Autos an der Tankstelle vorbeikamen, be« wundernde Blicke zu ernten.

Aber dieser bebrillte Mann kümmerte sich nicht im mindesten um seine Umgebung. Dafür tat cs die ältere Dame um so mehr. Sie betrachtete Monika noch immer und sagte:

Sie erinnern mich an jemanden! Ich muß Sie schon irgendwo gesehen haben: München, Wien, Berlin?"

Monika schüttelte den Kopf. Und jetzt trat ein trauriger und sehnsüchtiger Zug in ihr Gesicht.

Ich bin seit meinem siebenten Jahre in Wun­siedel, und in all diesen Städten bin ich noch nie gewesen."

Der alte Matthias, mit der Mütze in der Hand, trat schuldbewußt heran aber seine kleinen, li­stigen Augen Winterten Monika zu. Ihr brauchte er nichts vorzumachen. Sie wußte, wo er gewesen war, und sie verriet ihn nicht.

Gute Reise!" sagte Monika und wandte sich dem Gartenhäuschen zu.

Die alte Dame stieg in den Wagen, der Schlag siel zu, und nun erlebte Monika ihre kleine Ge­nugtuung.

Der kleine Ruck, mit dem das Auto anfuhr, schreckte den Insassen des Wagens von feiner Ar­beit auf. Er sah Monika an, um im nächsten Augenblick zu schnell im Wagen hochzuspringen, daß er mit dem Kopfe an das Wagendach stieß und wieder zurückfiel. Und dann starrte er durch das Hintere Fenster des sich schnell entfernenden Wa­gens Monika an, mit offenem Munde und mit einem fo entgeisterten und, wie es Monika schien, so dummen Ausdruck, daß sie ihr Helles Auflachen nur gerade noch im 1 Gartenhäuschen verbergen konnte.

Unterdessen saß Monikas einzige Freundin, die Frau des Bezirksarztes, bei Monikas Tante, der alten Frau von Rieders .... ...

Beide Frauen, die alte und Die junge, hatten Handarbeiten, und so eifrig sie auch plauderten, die Arbeit ging ihnen mindestens ebenso schnell von

Sie sind doch nur wenige Jahre älter als Mo­nika" sagte Frau von Rieders,und Sie sind ihre Freundin! Können Sie nicht Einfluß auf Monika ausüben?" .

Die schmale, dunkelhaarige Lotte sah Frau von Rieders nachdenklich an.

Ich finde Monika eigentlich ganz richtig, Frau von Rieders! Sie hat eben keine richtige Be-

fchäftigung. Sie find fo eine gute Hausfrau, Mo­nika kann sicher von Ihnen lernen; aber fönst machen Sie doch alles allein und am besten!"

Um den verbitterten Mund der älteren Frau er­schien ein befriedigtes Lächeln, das aber schnell wieder einem bekümmerten Ausdruck Platz machte.

Ich konnte schon Hilfe brauchen, aber Monika hat ja keinen Sinn dafür; wenn'sie mal doch Hand anlegt, bin ich froh, wenn nicht alles verkehrt ist."

Und dabei sagt mein Mann immer, Monika begreife fo schnell und mache alles eigentlich viel richtiger als ich selbst. Mochten Sie sie nicht doch Erich als Ordinationshilfe geben? Ich weiß, daß Monika es gern machte. Und sie hätte vielleicht einmal einen Beruf."

Nein nein, liebe Frau Doktor! Monika beginnt alles gern, aber sie macht nichts zu Ende. Sie hat keinen richtigen Lebensernst. Und immer die Bücher... Nein, was eine richtige, tüchtige Frau werden soll, die steckt nicht den ganzen Tag in den Büchern, und macht erschreckte Augen, wenn man sie anspricht!"

Lotte seufzte leise. Sie wußte, wie gespannt das Verhältnis Frau von Rieders' zu ihrer einzigen Nichte war. Sie hörte so oft Monikas Klagen mit an, die es in diesem freudlosen Haushalt kaum ertragen konnte. Es war ja wahr: Frau von Rie­ders hatte viel in ihrem Leben durchgemacht.

Ihre Ehe mit dem viel älteren Rittmeister war kinderlos geblieben, und in den schweren Jahren der Inflation war das ganze Vermögen des pen­sionierten Rittmeisters weggefchmolzen. Damals hatte fein alter Diener den Gedanken mit der Tankstelle gehabt, und mit Feuereifer hatte er ihn verwirklicht. Später hatte es sich gezeigt, daß es ein wahrer Segen war. Denn die kleine Monika kam als vater- und mutterlose Waise ohne einen Pfennig zu ihren einzigen Verwandtem die ohne den Verdienst aus der Tankstelle gar nicht die Möglichkeit gehabt hätten, das Kind zu versorgen.

Und es fehlte der kleinen Monika auch niemals an Pflege, an Kleidung und Nahrung. Aber was ihr fehlte, war ein wenig Wärme, ein wenig Liebe.

Es war kein Wunder, daß Monika ruhelos war. Lotte dachte an ihr eigenes Leben, das immer von Liebe und Zärtlichkeit umhegt gewesen war.

Ach, wenn Monika nur etwas von Ihrer Art hätte...!"

Ich habe es viel besser gehabt als Monika. Sie sind gewiß gut zu Monika; aber Monika hat ihren Vater, den sie so liebte, früh verloren, und ihre Mutter nie gekannt. Und ich habe meine lieben Eltern noch und meinen Mann und meine kleine Annemarie." .

Ja, wenn Monika wenigstens ans Heiraten den­ken wollte! Aber sie erträgt es ja gar nicht, wenn man davon spricht."

Ja, sie ist eben dem Richtigen noch nicht be­gegnet."

Frau von Rieders machte eine abwehrende Hand- beroegung.

Wir hätten schon mehr als einmal einen braven Mann für Monika gefunden."

Lotte Hartenberg unterdrückte mühsam ein Lächeln.

Sie wußte wohl davon, wen Monikas Pflege­eltern für Monika im Sinne gehabt hatten. Einen Gutsbesitzer aus der Umgebung, einen älteren Witwer mit drei Kindern, der Monikas Vater hätte fein können; einmal auch einen Kollegen des Rittmeisters, der Junggeselle war und zu Besuch bei Rieders geweilt hatte.

Sie waren doch auch nicht älter als Monika, als Sie heirateten, Lotte; und Doktor Hartenberg ist auch seine fünfzehn Jahre älter als Sie!"

Lotte errötete. Es war, als hätte Frau von Rieders ihre Gedanken erraten.

Bei mir war es Bestimmung. Weniastens glaube ich fest daran, wo doch schon Erichs Pater bei meiner Geburt war. Und Mutter wünschte da­mals so sehr einen Jungen. Aber der Doktor nahm mich hoch und sagte: ,Schad't nichts, Mädchen müssen auch sein, das da wird mal eine prächtige Frau für meinen Erich!' Und Mutter hat mir das erzählt, als ich noch ein sehr kleines Mädchen war. Und ich weiß noch genau, einmal in der Schule ich glaube, ich war damals neun Jahre alt fragte die Lehrerin, was wir denn alle werden wollten. Da schrieb ich auf? ,Jch heirate den Erich vom Doktor und werde eine Hausfrau.' Und ich ver­stand gar nicht, warum die Mädels alle lachten. Denn mir roar's ganz ernst damit, obwohl der Erich damals schon auf der Universität war und mich gar nicht anschaute, wenn er auf Ferien da war und ich ihm in den Weg lief..."

Sie ließ den Sweater finken, den sie für ihr Tochterlein strickte, und blickte, mit einem glücklichen Lächeln um den feinen Mund, einer schnellen Sommerwolke nach, die gerade am offenen Fenster vorbeisegelte.

Aber zum Schluß hat er halt doch eingesehen, daß ich die richtige Frau für ihn bin. Vielleicht hat er sich auch bloß nicht retten können vor mir, der arme Erich..."

Sie brach schnell ab, denn sie wußte, daß die ernste Lebensauffassung der alten Frau keine sol- chen Scherze liebte.

Nun muß ich aber gehen. Mein Mann ist bei Schneider Sporke drüben. Hoffentlich wird es nun diesmal endlich ein Junge. Eigentlich hat er versprochen, daß er hier vorbeikommt. Wenn nur nichts passiert ist..."

Die kleine Lotte war eine richtige Arztfrau. Sie liebte den Beruf ihres Mannes, sie half ihm, wo sie konnte, und die Patienten kannten alle die Frcm Doktor und strahlten vor Freude, wenn sie mit ihnen sprach, und wußte, wo es fehlte.

(Fortsetzung folgt!)