Nr. U2 Zweites Blatt
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Zreitag,2l.Zuni 1955
Feuerzeichen zum Feste der Lugend.
Altes deutsches Brauchtum
„Balders Holzstoß glühend stand Wie die Sonn' auf dem Herde; Bald ist die hellste Loh verbrannt, Und Höder herrscht aus der Erde"
Aus diesen Versen spricht ber uralte M y thos von der Sonnenwende in der altgermanischen Göttersage. Wenn die Sonne aus ihrer Fahrt über den Himmel in der Scheitelhöhe der Sonnenbahn angelangt ist, und der strahlende junge Balder, oom Geschoß des blinden Höder getroffen, sich zur Fahrt nach Hella, dem Totenreich, rüstet, feierten unsere Vorfahren auf den Gipfeln der Berge das Sommersonnenwend- oder Mittsommer- f e st. Dann flammten in dieser Nacht die Feuerzeichen zum Himmel aus und grüßten weit- hin über das ganze Land. Mit Spruch und Reigen wurde alsdann des wundersamen Wandels der Gestirne gedacht, im Sprung über das Feuer die Reinigung der Herzen vollzogen und das Bündnis geweiht, das von den Feiernden im Angesicht der heiligen Flamme neu geschlossen worden war
Niemand weiß, wie sich solche Sitten und Bräuche bewahren, aber in unzerstörbarer Kraft wirken sie durch die Jahrtausende und beleben sich aus der Phantasie und der Glaubenskraft des Volkes immer wieder aufs neue. Das Sonnwendfest ist seit je ein G e m e i n s ch a f t s f e st gewesen. Die zahlreichen Gebräuche, die sich in vielen Gauen noch erhalten haben, beweisen das. So sollte jeder zum Feuer ein Scheit mitbringen und jeder mithelfen, den Holzstoß zu errichten. „Komme niemand zum Jo- hannisfeuer — ohne Brandsteuer!" mahnte ein alter Spruch, mit dem offenbar weniger die Aufbringung des Holzes zum Feuer gemeint war, sondern daß ein sichtbares Zeichen des Dienstes aller gegeben werden müsse, damit das Feuer aus allen Herzen schlage und sich in einer Flamme vereine. So heißt es im Frankenland, wenn die Kinder, eine geschmückte Birke ihrem Zug vorantragend, das Holz zum Sonnwendfeuer einsammeln: „Maja, Maja, mia mö — Wöll mä Holz zusamma trag'n — Uebers Kannesfeuer" Wer sich weigert, seinen Tribut zu leisten, dem wird verkündet: „Wer kein Holz und Feuer git, erreicht das ewige Leben nit".
So haben sich denn auch in alter Zeit weder Herren noch Fürsten davon ausgeschlossen, am Sonnwendfeuer teilzunehmen. Nach einer alten Münchner Chronik aus dem Jahre 1401 soll der Herzog Stephan mit seiner Gemahlin im Reigen der Bauern und Bürger um das auflodernde Sonnwendfeuer getanzt haben. Auch von König Friedrich III. wird berichtet, daß er keine größere Freude als die Teilnahme an einem Sonnwendfest kannte. Er kam mit großem Gefolge zum Reichstag in Regensburg gezogen, und als er von der Feier des Mittsommerfestes vernahm, beschloß er, mit all seinen Herren und Knechten daran teilzunehmen.
Im Jahre 1840 soll in Frankfurt hinter dem Sonn- wend'euer die königliche Fahne aufgepflanzt gewesen sein. Nicht minder zahlreich aber find in den alten Chroniken, die uns oorliegen, die Berichte über die Feste der Bürger und Dauern selbst in den kleinsten Städten und Dörfern. Während viele andere Bräuche in Vergessenheit gerieten, brannte das Feuer der Mittsommernacht durch die Jahrtausende fort bis auf den heutigen Tag. Immer sah man in seinem Glanz, der weit über das Land hinschien auch ein Symbol der oolklichen Einheit und einen Ausdruck des Gemeinschaftswillens.
So wurden von der nationalen 'Beroegung, die zu Beginn des 19 Jahrhunderts wie em Früh-
zur Sommersonnenwende.
lingssturm über Deutschland hmbrauste und alle Herzen weckte, die Sonnwendfeier aus den Bergen als Wahrzeichen der vaterländischen Einheit entfacht, und auch jene ersten Wandervögel, die aus den Städten wieder nächtens auf Die Berge fliegen, um die Sonnwendfeuer aus den Höhen an- zuzunden, erneuten bewußt diese Zeichen oolklicher Gemeinsamkeit und schlossen aufs neue den Bund mit Heimat und Volk
„Heilige Glut!
Rufe die Jugend zusammen,
Daß bei den lodernden Flammen Wachse der Mut!"
So trägt auch jetzt wieder die Jugend des Volkes die Feuerscheite auf die Berge im Gelöbnis zu einem gemeinschaftlichen Leben und Denken Sie erweckt wieder allerorts die altüberlieferten Bräuche. So darf nach altem oftpreußischem Brauchtum das Feuer nicht mit einem Streichholz entzündet werden, sondern es muß auf einem zugespitzten eichenen Pfahl ein hölzernes Rad, in das ein Stück Zunder eingelegt, worden ist, so lange gedreht werden, bis der Funke überspringt. Dann wird ein Reisig angezündet, und einem jungen Burschen und einem jungen Mädel fällt die Aufgabe zu, den Holzstoß, der als mächtiger Schatten zum Nachthimmel aufragt, zu einer lodernden Feuersäule zu entfachen. Dann ertönt feierlich der Feuerspruch, in dem sich die Jugend der heimatlichen Erde gelobt. Weithin über die Lande ruft er andere Feuer auf und wie ein heiliger Flammenkranz umschließen sie schützend und segnend die Heimat.
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Sprung durchs Sonnenwendfeuer. — Zeichnung von Edmund Erpf
Aeichsbauernführer Darrs im 28e|iertt>aiö.
Besuche in Herborn und Hachenburg.
Lpd. Herborn, 20. Juni Auf einer Besichtl- gungsfahrt weilte Reichsbauernführer D a r r £ auch in Herborn und Hachenburg. In dem Wester- waldftädtchen Hachenburg besuchte er einen alten Frontkameraden, der dort ein Friseurgeschäft betreibt. Beide bedienten während des Krieges in der 4. Batterie des Feldartillerie • Regiments Nr 111 ein Geschütz. Der Reichsminister hatte seinen alten Kameraden in guter Erinnerung behalten. Bei der Vereidigung der Bauernführer in Darmstadt erkundigte er sich seinerzeit nach dessen jetzigem Ausenthalt und ermittelte so die Adresse. Der Besuch des Reichsbauernführers löste bei feinem Frontkameraden und in der ganzen Stadt große Freude aus. Später stattete der 'Reichsbauern- führer auch der Stadt selbst einen Besuch ab und zeigte großes Interesse für die Schönheiten der Westerwaldstadt.
Deutsches Mädel, zurück auf's Land!
An alle deutschen Mädel im Alter von 17 bis 30 Jahren ergeht dieser Aufruf:
Zurück zur Scholle?
Der Reichsnährstand führt eine große Erzeugungsschlacht durch, die die Nahrungsfreiheit des deutschen Volkes sicherstellen soll.
Die deutsche Bauersfrau, die im Haushalt, im Stall und auf dem Felde überall mit fleißiger Hand bei der Arbeit fein muß, wartet auf eure Hilfe. Wir rufen deshalb die gesund denkenden Mädchen der Stadt auf: Folgt unserem R u f und helft der deutschen Bauersfrau bei ihrer großen Aufgabe. Das Essen ist gut und reichlich. Der monatliche Reinoerdienst beträgt zwischen 20 bis 30 Mark. Die Freizeit verbringen wir in ernster und freudiger Gemeinschaft, mit Singen, Spiel und Volkstanz.
Anmeldungen sind sofort zu richten an die Landarbeitsgemeinschaft Arbeitsdank Nordmark Schwerin i. M., Postfach Nr. 1.
Arbeitsdienstkameraden herhören'
Wir rufen dich, Kamerad: zum Dienst an Der Scholle. Helft Eurem Volke an dem entscheidensten Abschnitt seines Lebenskampfes, helft mit!
Die Landesarbeitsgemeinschaft Arbeitsdank Nordmark belohnt Eure Ärbeitsdienstzeit durch dey Dank der Arbeit. Wir können Euch Lohn und Brot geben bei dem Bauer in Mecklenburg und bei dem Bauer in Schleswig-Holstein. Das Essen ist gut und reichlich, der Lohn beträgt zwischen 30 und 40 Mark im Monat.
Wir wollen aus Euren Reihen die Besten, pflegen in unseren Dorfgemeinschaften die alte Arbeitsdienstkameradschaft, wir kümmern uns um Euch, denn wir kennen auch Eure Nöte aus eigener, harter Erfahrung.
Darum kommt und helft! Meldung sofort an Die Landesarbeitsgemeinschaft Arbeitsdank Nordmark, Schwerin i. M., Postfach 1.
Ein juaendlicher Klettermaxe.
Abgestürzt und schwer verletzt.
LPD. Frankfurt a. M., 20. Ium. Ein ^jähriger Schüler fand, als er von der Schule zurückkehrte, die elterliche Wohnung in der Speyerer Straße verschlossen. Er kletterte daher an der Mauer empor, um durch ein nach dem Hofe gelegenes Fenster in die Wohnung zu gelangen. Am zweiten Stockwerk angelangt, stürzte er plötzlich ab und brach sich die Knöchel beider Füße. Die Rettungswache brachte den Verunglückten sofort ins Krankenhaus.
Geschichten um Adele Sandrock.
23on Peter Peppermmt
Von Der älteren Generation Der Deutschen Schauspielerinnen ist Adele Sandrock yeute zweifellos die volkstümlichste, zahlreiche Filme haben sie auch in der Provinz populär gemacht.
Adele Sandrock kreuzt Die Fahrbahn Ein keckes Kleinauto kommt ihr zu nahe; schon biegt sich leicht der Kotflügel _
Was soll Das heißen", schreit Adele den Fahrer an, „bei mir zieht so eine Anbändelei nicht — ich bin eine eiserne Frau!" *
Der Schauspieler F. unterhält sich mit Adele und beklagt sich bitter über die Kollegen
„Ja, ja, diese Schauspieler", nickt Adele, „das ist ein ganz entsetzliches Volk Seien Sie froh, daß Sie keiner sind!"
*
Ein Sänger erzählt der eisernen Frau von einem Mißgeschick, das ihn betroffen hatte. Em ganzer Leberknödel sei ihm im Halse stecken geblieben.
„Wann, mein Lieber, sagten Sie, sei da^ gewesen?" „ r, .. ...
,Erst gestern, Verehrteste, erst gestern!
^Seltsam — seltsam — als ich Sie vor vierzehn Tagen in der Oper hörte, hatten Sie den Klotz doch schon im Halse!"
„Ich habe zwei ausgezeichnete Filmstoffe für Sie, gnädige Frau!", sagte der junge Autor zu Adele
„Lesen Sie vor, junger Mann!"
Der junge Autor las den ersten Plan vor „Der andere ist der bessere!" sagte Adele.
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„Warum treten die Damen H und L. tn den Konzertsälen immer mit Duetten auf /
„Um Die Verantwortung gemeinsam zu tragen . meinte Adele. *
einmal wurde Adele bei einem Gastspiel krank. Sie verlangte gegen Morgen einen ilr^t. 2) schien auch im Hotel und traf seine Anordnungen. Er griff zu einer Morphiumspritze. Dann klingelte er nach dem Kellner, der einen Eisbeuttl brachte.
„Gräßlich, lieber Doktor, wenn em Mensch schon früh um sechs im Frack herumlaufen muh. Dann schlief sie ein.
Sie hat auch Schüler gehabt. „Sie werden es nie lernen, junger Mann", sagte sie zu em em, „wenn Sie nicht einmal einen so emsachen Satz sprechen können. Sie sagen sa etwas anderes. S,e sollen tagen: „Nun ist der Mai erschienen! Das druckt etwas ganz anderes aus als das, was Sie jagen.
„Das jage ich doch aber."
„Nein, mein Lieber Sie sagen Nun ißt der Maier Schienen!"
„Ich würde mich schon porträtieren lassen. Teuerste", sagte die göttliche Adele, als man über Bildnisse sprach.
„Es wird nicht billig sein", meinte die Kolleain.
,Ach — ich werde die Farben selbst liefern?'
Ein Kollege klagt Adele gegenüber Darüber, daß sein Söhnchen, auf das er so stolz ist, in der Schule jetzt beinahe den letzten Platz erreicht habe.
„Was gibt es da zu jammern? Ich würde da ohne Sorge sein — der Unterricht ist auf allen Plätzen derselbe!"
Einmal war sie im Konzert eines bekannten Pianisten. Er war an diesem Abend reichlich nervös.
Ihr Urteil zu Ihrer Begleiterin lautete: „Mit den Noten, die dieser Mann heute abend unter das Klavier fallen ließ, mache ich noch ein ganzes Konzert"
„Sie haben, liebe Kollegin, heute abend im ,Tannhäuser' die Venus wieder ausgezeichnet gesungen". stellte Adele Sandrock fest.
„Ich danke für die Anerkennung, hebe Frau Sandrock, aber ich habe das Gefühl, daß ich nicht mehr jung und hübsch genug für die Venus bin.
„Nein, Kollegin — es war trotzdem eine wundervolle Leistung!" *
Was sagen Sie dazu, Hebe Sandrock — Die F.' hat sich malen lassen — Akt, liebe Sandrock, Akt — unerhört!" .
„Wieso unerhört? Das Atelier wird doch hoffentlich geheizt gewesen sein!"
Oos poühnrn
Verschollenes Sinnbild atter Keifer omanftt.
Wer heute mit dem „Fliegenden Hamburger" oder einem der anderen neuen Blitzzüge durch die Lande rast, ist leicht geneigt über die Reisefreuden der ,guten alten Zeit^ herablassend zu lächeln Aber die«'Erlebnis einer in ihrer Art neuen Reiseromantik sollte uns das Verständnis für die erlebnisreichen Ueberlanbreifen der Vergangenheit nicht oerschHe- tzen Da* Sinnbild alter Reiseromantik, die heute verklungen ist, war das Posthorn, dessen melodische Klänge mit dem Pfiff der Lokomotiven, dem Tuten der Automobilhupen, und dem Surren der Flugzeugpropeller verstummten. Heute hört man wohl nicht einmal in dem abgelegensten Gebirgstalchen oder Dörfchen die bald fröhlich schmetternden, bald lieblich verhallenden Klänge des Posthorns das von vielen Dichtern besungen wurde Aber als Abzeichen der Post lebt es noch fort, und wir dürfen in ihm eine deutsche Eigentümlichkeit erblicken, wie dies der weitgereiste Demokritos Weber heroorhebt,
der das Posthorn als den „Inbegriff" deutscher Reiselust feiert.
Als gegen Ende des 15. Jahrhunderts die alten Botenposten in den verschiedenen deutschen Ländern zu festen Verbänden zusammengeschlossen wurden, trat das Posthorn zusammen mit dem Postschild und Postspleß zum ersten Male in die Erscheinung. Die Fußboten der Post trugen das Horn an einer um den Hals hängenden Schnur auf der linken Seite, während auf der rechten Seite die Brieftasche hing, in der sie die Schriftstücke bewahrten. Auf der Mitte der Brust, blitzte ein Schild, auf dem das Wahrzeichen der Stadt, in deren Dienst der Bote stand, zu sehen war. In der Hand führten diese ältesten Postboten einen langen hölzernen Spieß, den sie als Waffe gegen die Hunde oder bei räuberischen Ueberfäüen benutzten und mit dessen Hilfe sie auch über breite Gräben sprangen.
lieber den Zweck des Posthorns erfahren wir in einer der ältesten Verordnungen: „Es dient hauptsächlich dazu: 1 damit auf den Ruf des Posthorns den Posten zur Nachtzeit die verschlossene Tür und Barrieren geöffnet werden, 2 damit diejenigen, welche den Posten unterwegs Briefe aufgeben wollen, sich auf dieses Zeichen ungesäumt einfinden können; 3. damit die Ankunft der Posten den Leuten wegen Abholung der Briefe und Zeitungen bekannt gemacht werde; 4 damit auf das mit dem Home gegebene Zeichen jedes entgegenkommende Fuhrwerk ausweiche oder stillhalte; 5 damit bei Verirrungen des Nachts oder Gefahren und Un- glücksfällen auf den Hilferuf Leute herbeieilen."
Das Posthorn wurde so zur Zierde des amtlichen Postillons; er allein durfte es führen und bei bestimmten ungeschriebenen Gelegenheiten darauf blasen. Bald bildeten sich bestimmte Signale für die verschiedenen Arten der Posten heraus. Die Schnell- poften hatten eine besondere Melodie, und beim Abfahren wurde ein anderes Zeichen gegeben als bei der Ankunft, ebenso beim Passieren der Schlagbäume oder beim Ausweichen vor Fuhrwerken und Herden. Zu Anfang des 17. Jahrhunderts finden wir bei verschiedenen Postverwaltungen die Verfügung, daß der Postillon während der ganzen Fahrt oom Stadttor bis zum Posthaus blasen muß Er gab also ein kleines Konzert, und es ist natürlich, daß die Postillone ihre Ehre darein setzten, aus ihrem Horn, ober wie es in Preußen hieß, auf der „Post- trompete" gut zu blasen.
Die preußische Postordnung von 1812 befiehlt den Postmeistern, darauf zu halten, daß „fleißig und wohl geblasen wird". So bildeten sich allmählich Posthornvirtuosen heraus, die ihre Weisen bei Tag und Nacht durch Wald, Hain und Flur erschallen ließen. Die Landschaft gewann gleichsam eine melodische Stimme; andererseits wird aber auch viel über das mißtönende Geblase der „Schwager" geklagt. Manche Posten waren auf die Leistungen ihrer Postillone besonders stolz; es wurden schwierige Stücke geblasen, indem sich die Führer von
Hauptwagen und „Beichaisen" während der Fahrt zu Duetten, Terzetten und Quartetten vereinigten, während das Echo von fern antwortete.
Goethe, Lenau, Eichendorff, Mörike, Chamisso und viele andere haben die Poesie des Posthorns in ihren Gedichten verherrlicht. In der Zeit der Romantik war die Posthornmusik geradezu gleichbedeutend mit Reiselust und Reiseglück, und als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Eisenbahn den Postwagen mehr und mehr verdrängte, als das geflügelte Rad als Sinnbild an die Stelle des Posthorns trat, da nahm man wehmütig Abschied von diesem lieben, altgewohnten Brauch. Mancher sah im Verklingen des Posthorns das Ende der guten alten Zeit gekommen und seufzte humorvoll-wehmütig mit Scheffel:
„Jetzt geht die Welt aus Rand und Band, Die Besten ziehen davon,
Und mit dem letzten Hausknecht schwand Der letzte Postillon."
Weiße Mäuse vor Gericht.
Vor den Schranken eines englischen Gerichtshofes in Epsom sanden sich kürzlich drei weiße Mäuse ein. Man mar nämlich mit ihrem Tun und Treiben in einem kleinen Spielkasten nicht einverstanden, den ihr Herr und Meister, der Schausteller Ernest Alfred Smith aus Rotherhithe, unter Mithilfe von William Halles für sie verfertigt hatte. Die beiden Angeklagten hatten sich ein neues Glücksspiel ausgedacht, bei dem drei weiße Mäuse als Glücksbringer auftraten Es wurde ein großer Schaukasten angefertigt, in dem sich auf der einen Seite der Stall der weißen Mäuse, auf der anderen aber eine Reihe von Schlupflöchern befand, von denen jedes mit einer Nummer versehen war. Jeder Mitspieler zahlte einen kleinen Geldbetrag ein und erhielt dafür die Nummer eines Schlupfloches. Dann ließ man die drei Mäuse aus ihrem Stall herauslaufen Verwundert sahen sie sich in dem Schaukasten um, über ben sich, eng aneinandergedrängt, viele große Menschengesichter in größter Spannung herabneigten Ausgeregt suchten sie nach einem Schlupfloch und fanden deren denkbar viele. Sie liefen hin und her und schließlich verschwanden sie in einem der Locher, ohne eine Ahnung davon zu haben, daß sie damit dem Besitzer der betreffenden Nummer eine Tafel Schokolade als Gewinn einbrachten. Die beiden Schausteller machten dabei offenbar ganz gute Geschäfte. Als man sie wegen verbotenen Glücksspiels zur Anzeige brachte, nahmen sie kurzerhand ihren Schaukasten und führten ihn dem Gerichtshof vor. So wurde eine Sondervorstellung vor den Schranken des Gerichts gegeben, und wenn die Richter auch nicht bezweifelten, daß die beiden Schausteller die Wege der drei Mäuse nicht beeinflußten, so mußte doch wegen verbotenen Glücksspiels eine Strafe ausgesprochen werden.


