Höhepunkt der Heringssaison.
Heringe und Bückinge billig und in Massen angeboten.
Die Schleppnetz-Herinasaison hat nunmehr ihren Höhepunkt erreicht. Die sehr großen Fänae werden jetzt längere Zeit anhalten. Sämtliche Fischdampfer sind in Fahrt, um den reichen Heringssegen des Meeres zu bergen. Auch der Fischhandel und die Fischindustrie arbeiten angespannt, um den Heringssegen den Verbrauchern zur Verfügung zu stellen. Zu dem reichlichen Angebot an Heringen kommt hinzu, daß auch die Qualität eine sehr gute ist, und schließlich sind auch die Preise niedrig, so daß für die Hausfrauen aller Anlaß besteht, den Hering mit seinem reichen Gehalt an Eiweiß, Fett und biologisch hochwertigen Stoffen noch mehr als bisher zur Ergänzung und Abwechslung im Speisezettel heranzuziehen. Wie kaum ein anderer Seefisch läßt sich der Hering in mannigfacher Gestalt verarbeiten. Der frische Hering, gebraten oder in anderen Zubereitungen, ermöglicht der Hausfrau, eine billige und dabei doch sättigende und gehaltvolle Mittagsmahlzeit herzustellen. Für die Abendmahlzeit eignet sich der Hering besonders als Bücking, Marinade oder Salzhering.
Nach den bisherigen Heringsfängen ist anzunehmen, daß auch weiterhin das Massenangebot anhält und daher jedem Bedarf an Heringen und Bückingen entsprochen werden kann.
Gießener Dochenmarktpreise.
* G i e ß e n, 20. Aug. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Molkereibutter, das Pfund 1,50 bis 1,55 Mark, Landbutter 1,40 bis 1,42 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 5 bis 10, Eier (inländische) 11 bis 12, Wirsing, das Pfund 15 bis 20, Weißkraut 12 bis 15, Rotkraut 15 bis 20, Gelbe Rüben 10 bis 15, Rote Rüben 10 bis 12, Spinat 18 bis 20, Römischkohl 6 bis 10, Bohnen (grün) 15 bis 25, (gelb) 20 bis 25, Erbsen 25 bis 35, Tomaten 25 bis 30, Zwiebeln 10 bis 15, Rhabarber 8 bis 10, Kartoffeln 5 bis 6 Pf., der Zentner 4 bis 4,50 Mark, Frühäpfel, das Pfund 20 bis 50 Pf., Falläpfel 6 bis 8, Pfirsiche 45 bis 55, Brombeeren 45, Preiselbeeren 45, Birnen 15 bis 45, Pflaumen 20, Zwetschen 20 bis 25, Renekloden 25 bis 30, junge Hähne 80, Suppenhühner 70 bis 80, Tauben, das Stück 50 bis 60, Blumenkohl 10 bis 70, Salat 5 bis 12, Salatgurken 5 bis 25, Einmachgurken 1 bis 5, Endivien 5 bis 15, Oberkohlrabi 5 bis 10. Rettich 5 bis 20, Suppengrün 5 bis 10, Radieschen, das Bund 8 bis 15, Mirabellen, das Pfund 30 bis 35 Pf.
Vornolizen.
— TageskalenderfürDienstag. NSG. „Kraft durch Freude": 19 bis 21 Uhr allgemeine Körperschule auf dem Universitätssportplatz; 21 bis 22 Uhr Reiten, Reitschule Schömbs. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Nacht der Verwandlung".
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* * 7 8. Geburtstag. Frau Elisabeth Dietz, Steinstraße 74, feierte gestern in körperlicher und geistiger Frische ihren 78. Geburtstag. Frau Dietz ist langjährige Bezieherin des Gießener Anzeigers.
* * Ein Siebzigjähriger. Am morgigen Mittwoch, 21. August, kann der Schuhmachermeister Albert Franke in geistiger und körperlicher Frische seinen 70. Geburtstag begehen. Herr Franke, der bereits seit 37 Jahren im Hause Dammstraße 28 wohnt, ist seit über 43 Jahren treuer Leser des Gießener Anzeigers. Seit 34 Jahren dient er der Hasio-Rhenania.
* * Straßensperre in Gießen. Wegen Vornahme von Kanalarbeiten wird die Straße „Am Nahrungsberg" zwischen der Guten- berastraße und Keplerstraße in der Zeit vom 19. August bis 22. August für den gesamten Fahrzeugverkehr polizeilich gesperrt. Die aufgestellten Sperr- und Umleitungsschilder sind zu beacyten.
* * Straßensperren in Oberhessen. Die Provinzialstraße Selters — Stockheim ist
Roman von Klothilde v. Stegmann.
Urheberrechffchutz: Fünf-Türme-Verlag Halle (S.) 82. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
„Hast du keinen Menschen in Berlin", fragte Karla, „der da eingreifen kann? Ich bin ja gern bereit, sofort herüberzufahren. Und Vater wird sicher damit einverstanden fein?"
Weckenroth nickte.
Karla fuhr fort:
„Aber bis dahin muß doch schon iraend etwas geschehen."
Dietrich überlegte.
„Justizrat Niemann, er könnte die ganze Angelegenheit, soweit es das Finanzielle betrifft, in die Hand nehmen."
„Der Meinung bin ich auch", nickte ßanggiffer und zog fein Notizbuch. „Bitte, triff deine Anordnungen — wir werden alles gewisfenhaft erfüllen."
Nach wenigen Minuten war alles besprochen. Innig nahmen die Freunde von Dietrich Abschied. Der Chefarzt hatte in Aussicht gestellt, daß Dietrich in zwei Tagen das Krankenhaus verlassen und die Reise nach Locarno wagen könnte.
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Mit der ersten Geschäftspost schielt Justtzrat .Niemann einen eingeschriebenen Eilbrief aus Goldau.
Justizrat Niemann öffnete das Schreiben. Sein Gesicht wurde immer erstaunter. Das war ja eine tolle Geschichte. Aber er freute sich darüber. Nun hieß es erst einmal, den Bruder der jungen Gräfin Marlen Veltheim, den Ingenieur Korda, zu erwischen. Er hatte keine Ahnung, wo er wohnte. Und bei Marlen Veltheim konnte er sich nicht nach der Adresse erkundigen. Das hätte den ganzen schönen Plan vorzeitig zunichte gemacht.
Aber die Geschichte von dem Raub des wissenschaftlichen Patents war ja in allen Zeitungen. Justizrat Niemann klingelte den Lokalredakteur einer ihm bekannten Zeitung an. Nach kurzer Zeit wußte er, in welchem Hotel Georg Korda abgestiegen war. Justizrat Niemann hatte nun noch einige dringende telephonische Gespräche in der ihm übertragenen Angelegenheit. Dann fuhr er. schnell zu dem bezeichneten Hotel. Er erreichte Georg Korda gerade, als der glückstrahlend vom Polizeipräsidium zurückgekehrt war. Er hatte soeben die vertrauliche Nachrichten von der Gefangennahme der beiden Betrüger erhalten.
„Wir'wollen die Nachricht jedoch der Presse noch nicht weitergeben, Herr Korda", hatte der Kriminalrat gesagt. „Ehe wir nicht die Verbrecher vernehmen konnten, wissen wir nicht, ob Ihr Geheimnis nicht schon weitergegeben worden ist. Wir wollen doch nicht noch andere verbrecherische Elemente uns auf die Spur setzen. Die beiden Betrüger, denen
wegen Pflasterarbeiten mit Wirkung vom 22. August für jeglichen Verkehr gesperrt. Die Umleitung erfolgt über Bleichenbach. Ferner ist die Ortsdurchfahrt Ober-Widdersheim mit Wirkung vom 19. August gesperrt. Die Umleitung erfolgt über Grundschwalheim.
** Eine Mahnung an säumige Bei- tragszahler erläßt die Allgemeine Ortskrankenkasse für den Kreis Gießen in unserem heutigen Anzeigenteil. Interessenten mögen die Bekanntmachung beachten.
* Wiedersehensfeier der 8/115er in Darmftaöt. Die 8. Kompanie des ehemaligen Lg.-Jnf.-Rgt. Nr. 115 hält ihre dritte Wiedersehens- feier am 12. und 13. Oktober in ihrer alten Garnison Darmstadt ab. Anmeldungen und Anfragen sind zu richten an Kamerad Trautmann, Darm« stadt, Kranichsteinerstraße Nr. 41.
* * 4-Pfennigstücke nur n o cd bis Ende September 1935 gültig. Am 30. September läuft die Frist für die Einlösung der außer Kurs ge- setzten 4-Pfennigstücke ab. Bis zu diesem Tage können diese Münzen bei den Reichskassen und Landeskas- fen zu ihrem Nennwert sowohl in Zahlung gegeben
als auch zur Umwechslung vorgelegt werden. Dom 1. Oktober 1935 ab haben die 4-Pfennigstücke keinen Geldwert mehr.
** Nachforschung in lieber fee. So manche Familie sorgt sich um ein Glied, das einmal ins Ausland ging und nun nichts mehr von sich Horen läßt. Die Nachforschung nach solchen Verschollenen ist meistens mit großen Schwierigkeiten verbunden, weil in Amerika kein polizeiliches Meldewesen besteht und daher durch Nachfrage bei behördlichen Stellen in den seltensten Fällen etwas über ihn zu erfahren ist. Immerhin ist es den Evangelischen Auswanderermissionen in Bremen, Georgstraße 22, und Hamburg 5, Rautenbergstrahe 11, in Verbindung mit ihren amerikanischen Vertrauensstellen in vielen Fällen gelungen, Feststellungen über Ausgewanderte der Nachkriegszeit zu machen und sie wieder in Verbindung mit ihren Angehörigen zu bringen. Die Tätigkeit erfolgt kostenlos. Die Nachforschung nach Auswanderern, die schon vor dem Kriege ins Ausland gingen, ist allerdings infolge mangelnder Unterlagen besonders erschwert und kaum noch möglich.
GießenerVerkehrswerbiW auf einer Ausstellung
In den nächsten Tagen wird in Frankfurt a. M. die Ausstellung „Die Rhein-Mainische Wirtschaft" eröffnet, die einen umfassenden Ueberblick über das gesamte Wirtschafts- und Verkehrsleben des Rhein-Main-Gebietes bieten wird. Unsere Stadt Gießen wird in dieser Anstellung mit einem wirksamen Werbestand vertreten ein. Wir hatten gestern Nachmittag Gelegenheit, )en nach Vorschlägen von Herrn Hans Fritz S ch u st e r vom Städt. Verkehrsamt durch Herrn Karl Löffler vom Stadttheater gestalteten Stand im Bühnenraum unseres Stadttheaters in Augenschein zu nehmen. Heute vormittag werden die einzelnen Teile dieses Standes auf städtischen Lastautos nach Frankfurt a. M. gebracht, um dort in der Ausstellung aufgebaut zu werden.
Den Werbestand der Stadt Gießen betritt man durch ein Säulentor, das eine wirkungsvolle Front darstellt. Auf der rechten Seite des Standes wird im unteren Teile der Wand die verkebrs- geogravhifche Lage der Stadt Gießen in übersichtlicher Linienführung zu zahlreichen großen Städten des deutschen Verkehrsnetzes gezeigt; in der oberen Hälfte der Wandfläche sieht man eine wirksame Werbung unseres Stadttheaters durch fünf Modelle von Bühnenbildern, die in Schaukästen aufgebaut sind und Szenen aus einem Schauspiel, einer Oper,
einer Operette, einem Lustspiel und einem Märchenspiel darbieten, ferner sind bei dieser Theaterwerbung eine Anzahl Spielprogramme, u. a. auch das Programm zur Eröffnungsvorstellung unseres Stadttheaters im Jahre 1907 und das Programm zu der 25-Jahrfeier unserer Bühne mit enthalten. Die Querwand des Standes ist von einer interessanten Nachbildung aus dem Liebig-Museum ausgefüllt, um hier den Ausstellungsbesuchern zu zeigen, wie stark in Gießen zu Liebigs Zeiten der Entwicklung der Chemie der Weg bereitet wurde. Die linke Seite bringt in der unteren Hälfte eine wirksame Werbung der Universität durch die Ausstellung zahlreicher guter Bilder und einer Büste von Röntgen, im oberen Teile der Wand wird unserer Stadt in ihrer Bedeutung als Garnison des Reichsheeres durch eine Anzahl guter Bilder der Oeffentlichkeit nahegebracht. Die Decke des Standes zeigt die Wappen der Stadt Gießen und der Universität.
Der Stand macht in feiner klaren Gliederung und in der guten Geschlossenheit der einzelnen Abteilungen einen vortrefflichen Eindruck. Er wird auf der Ausstellung zweifellos eine gute Werbung für unsere Stadt bedeuten und damit die geistige Arbeit und das künstlerische Schaffen seiner Urheber in schöner Weise belohnen.
Oberhessen.
Neuer Dekan in Lauterbach.
* Lauterbach, 19. Aug. Als Nachfolger des auf. feinen Wunsch von dem Amte des Dekans entbundenen Oberpfarrers Schlösser, wurde der seicherige Dekan-Stellvertreter, Oberpfarrer Zeh - fuß (Schlitz), mit der Leitung der Dekanatsgeschäfte des Dekanats LauterSach beauftragt.
Gottesdienst des Landesbischofs Lic. Or. Dietrich in Münzenberg.
(EPD.) Am Sonntag, 18. August, um 14.30 Uhr, fand im Burghof zu Münzenberg ein von vielen evangelischen Glaubensgenossen herzlich erbetener Gottesdienst des Landesbischofs statt. Etwa 1000 Personen füllten den gottesdienstlich hergerichteten Raum. Der Dekan des Dekanats Hungen, Dekan Engel, hielt die Eingangsliturgie, der Landes
bischof predigte über das Bibelwort Psalm 139, Vers 17: „Wie köstlich sind vor mir, Gott, deine Gedanken! Wie ist ihrer so eine große Summe". Seiner Perdigt lagen folgende Gedanken zugrunde: Köstlich sind Gottes Gedanken in der Schöpfung und in der Geschichte unseres Volkes. Aber diese herrliche Schöpfung ist auch dem Sterben und Vergehen unterworfen, die große Geschichte unseres Volkes ist zugleich Segen und Kampf. Darum bleibt der köstlichste Gedanke unseres Gottes: Jesus Christus, der unser Friede ist. Dieser Christus ist aber nicht nur Gedanke Gottes geblieben, er ist Mensch geworden und hat Fleisch und Blut angenommen; so wollen wir ihn, unseren Heiland, nicht bloß einen herrlichen Gedanken unter uns und über uns bleiben lassen, sondern in ihm und mit ihm leben durch die Tat.
Der Gottesdienst hinterließ einen tiefen Eindruck bei den andächtig lauschenden Zuhörern. Im Anschluß an die gottesdienstliche Feier fand im Gast-
Sie in die Hände gefallen sind, liegen noch schwer verwundet im Krankenhaus. Aber wie mir der Schweizer Kollege berichtet, wird man sie in diesen Tagen vernehmen können. Vielleicht fahren Sie mit mir zu diesem Zweck herüber. Sie können uns eventuell die Angaben der beiden wertvoll ergänzen."
Glückstrahlend kehrte Georg zurück. Er wollte sofort vom Hotel aus zu Marlen fahren. S i e sollte die erste sein, die von der glücklichen Wendung erfuhr.
„Herr Korda", jagte der Portier, als er ins Hotel eintrat, „hier, der Herr wünscht Sie zus pechen."
Justizrat Nieman trat schnell auf ihn zu.
„Justizrat Niemann, Sachwalter des Grafen Veltheim."
Georg Korda sah etwas erstaunt aus.
„In welcher Angelegenheit, bitte, Herr Justizrat?"
„3n Sachen Ihrer Frau Schwester, der jungen Gräfin Veltheim."
Befremdet trat Georg zurück.
„Das muß ein Irrtum sein, Herr Justizrat! Ich habe nur eine Schwester: Marlen Korda/'
Der alte Herr lächelte ftöhlich.
„Ja — und um die handelt es sich, Herr Korda. Haben Sie einen Augenblick Zeit für mich?"
Verwundert folgte Georg Korda dem Justizrat in das kleine Schreibzimmer des Hotels. Fassungslos hörte er dem Bericht des Justizrats zu. Marlen verheiratet? Eine Gräfin Veltheim?
„Es kommt mir vor wie ein Märchen, Herr Justizrat!" meinte er verwirrt.
„Das ist das richtige Wort, Herr Korda. Die Märchen fangen ja auch oft efhr traurig an und enden dann mit lauter Glückseligkeit. So wird es hoffentlich auch in diesem Falle fein. Nun hören Sie den Feldzugsplan, den sich Graf Veltheim ausgedacht hat."
Die beiden Herren fvrachen eifrig miteinander. Das Gesicht Georg Kordas hellte sich immer mehr auf.
25. Kapitel.
Das Gold der Herbstsonne lag über dem weißen Sommerhäuschen draußen inmitten der Blumen- und Gemüsefelder. Es sah schon herbstlich aus. Die lieblichen Sommerblumen waren verblüht, die großen Blüten der Dahlien waren kleiner und zarter. Nur die Astern, diese Spätherbstblumen, blühten in scheuem Weiß und ernstem Lila auf den Beten. Die Bäume standen in goldigem Laube da. Im lichten Herbstwinde segelten die Blätter müde in das welke Gras.
Marlen stand vor ihrem kleinen Häuschen und spähte auf die Straße. Ihr Gesicht war ernst und traurig.
©leid) würde ein Käufer kommen, der sich für beute vormittag angesagt hatte. Dort weit hinten auf dem Gelände arbeiteten die beiden treuen Gehilfen. Wer würde ihr nächster Herr fein? Wenn sie daran dachte, sich von den braven Menschen zu trennen, die mit ihr so treu geschafft hatten, wurde ihr das Herz schwer. Sie hing an ihnen wie an jedem Stückchen Boden hier. Dies alles hatte sie
mit Mühe und Arbeit gepflanzt, gesät und betreut. Hatte sich gefreut über jede Blume, die erblühte, über jede Frucht, die am Baum reifte. Und nun war alles vorbei. Wo würde sie hingehen? Was würde aus ihr werden und aus Georg?
Mit brennenden Augen schaute sie vor sich hin. Jetzt schlug es vom Turme der nahen Dorfkirche elf Uhr. Und zu gleicher Zeit hörte sie von fern her das Hupen eines Wagens.
Jetzt bog ein großer schwerer Mercedes um die Ecke, kam auf ihr Grundstück zu. Das war wohl der neue Käufer. Nun, es schien ein vermögender Herr zu sein. Aber was wollte er dann hier mit ihrem Grundstück? Hierher gehörte doch ein Gärtner, der verstand, mit dem Grund und Boden umzugehen. Für Leute, die an Luxusgärten gewöhnt waren, war das doch keine Gegend.
Dem Mercedes entstieg ein älterer Herr in dunklem Ulster.
Der Chauffeur war vom Sitz gesprungen und half dem Herrn ehrerbietig heraus.
„Fräulein Marlen Korda?" fragte der alte Herr und lüftete höflich den Hut.
„Jawohl!"
„Sie haben wohl meinen Brief bekommen? Ich interessiere mich für Ihr Grundstück. Darf ich näherkommen?"
Als Marlen nickte, wandte sich der Herr dem Chauffeur zu:
„Fahren Sie zurück — Sie wissen ja Bescheid." „Jawohl, Herr Justizrat!"
Der Chauffeur legte die Hand an die Mütze, wendete und fuhr davon.
„Gestatten Sie zunächst, daß ich mich vorstelle: Justizrat Niemann!" Er nannte seinen Namen absichtlich undeutlich, so daß Marlen ihn nicht verstand.
„Wollen Sie bitte nähertreten, Herr Justizrat!" Marlen öffnete die kleine Gartenpforte und schritt Justizrat Niemann voraus auf das Häuschen zu.
„Wunderschön!" sagte- der Justizrat und sah sich befriedigt im Gehen um. „Sehr gut gehalten! Das muß eine ganze Menge Ertrag bringen."
„Wenn man etwas vom Gartenbau versteht — allerdings. Wünschen Sie auch für einen Gärtner zu kaufen, Herr Justtzrat?"
Marlen wunderte sich. Warum lachte denn der alte Herr plötzlich so verschmitzt?
„Wie man's nimmt!" sagte er. „Also ich nehme das Grundstück, so wie es liegt und steht."
Marlen blieb vor Verwunderung stehen.
„Aber Sie wissen doch den Preis noch gar nicht, Herr Justizrat."
„Der spielt keine Rolle. Mein Auftraggeber hat es sich in den Kopf gesetzt, dies Grundstück zu erwerben. Also brauchen wir über den Preis gar nicht zu verhandeln."
Marlen war immer erstaunter. Wenn dieser alte Justtzrat nicht vollkommen normal und ver- nünftig ausgesehen, hätte sie geglaubt, sie hätte es mit jemandem zu tun, der entweder nicht bei Ver- ftanb war, ober der sich einen Scherz erlauben wollte.
Hof ,Lur Burg" eine überfüllte Nachversammkunck statt, in der der Landesbischof über die kirchliche Lage sprach.
Gemeindetag der Bekennenden Kirche in Münzenberg.
Arn Sonntag, 18. August, hatte die Bekennende Gemeinde Münzenberg Die Bekennenden Christen der Wetterau zu einem Gemeindetag „Unter dem Wort" in die alte, mächtige Kirche zu Münzen« berg eingeladen. Trotz allerkürzester Borberei- tungszeit waren 1560 Gemeindeglieder dem Ruf des Kirchenoorstandes der Bekennenden Gemeinde Münzenberg gefolgt. Die geräumige Kirche konnte die Herbeigeeilten bei weitem nicht fassen, so daß ein gleichzeitiger Gottesdienst auf dem Kirchplatz stattfinden mußte. In der Kirche geleitete die Orgel, auf dem Kirchplatz der bewährte Posaunenchor Lang-Göns die gewaltig erklingenden Glaubenslieder der Gemeinde. In der Kirche hielt der Ortspfarrer Lenz die Liturgie und predigten die beiden Frankfurter Pfarrer Göbels, Diakonissenhaus, und Lic. Fricke, Mitalied des Landesbruderrates der Bekennenden Kirche Nassau-Hessen. Auf dem Kirchhof verkündigten Pfarrer Fricks und Pfarrer Dr. Adam, Frankfurt, der andächtigen Gemeinde das Wort Gottes zur Not und Verheißung der Kirche. Das Opfer der Bekennenden Gemeinde für die Arbeit der Bekennenden Kirche ergab den überraschenden Betrag von 260 Mark.
Landkreis Gießen.
wg Großen-Bufeck, 20. August. Die G e« treibeernte ist bis auf geringe Ausnahmen vollendet. Das Dreschen im Freien wurde ebenfalls abgeschlossen. Nunmehr wird mit zwei Dreschgarnituren in den Scheunen gearbeitet. Der Strohertrag ist zufriedenstellend, der Körnerertrag bleibt gegen das Jahr 1934 stark zurück. Die Entearbeiten, hauptsächlich für Roggen und Weizen, wurden in unserer Gemarkung gegenüber anderen Gemeinden etwas verspätet ausgeführt, da auch dis Aussaat im vergangenen Herbst wegen der Feld« bereinigung erst gegen Ende Oktober vorgenommen werden kannte. Die Grummeternte hat nunmehr eingesetzt. Der Graswuchs läßt' auf allen Wiesen, mit Ausnahme der Rechtenwiesen, viel zu wünschen übrig. Auf den Rechtenwiesen hat sich dis durch die Feldbereinigung geschaffene Bewässerungsanlage gut bewährt. Auf trockenen Feld» wiesen lohnt sich kaum das Mähen.
)-( Staufenberg, 19. August. Kürzlich wurde amtlich bekanntgegeben, daß von zwei Pferdemärkten für den Ankauf von Militärpferden einer in Alsfeld und einer in Staufenberg stattfinden werde. Damit hat die Behörde, wohl mit Absicht, auf ein in früheren Jahren be* stehendes Recht von Staufenoerg ^urüdgegriffer^ was dem heutigen Geschlecht zumeist außer Gedächtnis gekommen ist. Dieser Entschluß ist dankbar zu begrüßen, denn in alter Zeit hatte (Staufenberg das Recht, drei Märkte jährlich zu halten, und zwar am Mittwoch nach Oculi, Mittwoch nach dem 1. Trinitatissonntage und dem 13. Trinitatissonntage. Die Landgräfin Elsiabeth Dorothee hatte dieses Recht der Stadt verliehen (1680), die Urkunde befindet sich noch auf dem Rathause unserer Gemeinde. Genannte Märkte waren an die Stells des in sehr alter Zeit vorhandenen, aber wegen „Unsicherheit" eingegangenen großen Viehmarktes in der „Kuhmark", gelegen zwischen Mainzlar und Hachborn, an der Straße, die früher von Gießen nach Kirchhain führte, getreten.
* Großen-Linden, 20. Aug. Hier ereignete sich am gestrigen Montag gegen 15 Uhr ein Verkehrsunfall. Ein Autofahrer aus einem Nachbarorte, der in die sogenannte Heeresstraße einbiegen wollte, um nach Lang-Göns zu fahren, stieß an der Ecke mit einem im gleichen Augenblick auf einem Motorrad hereinkommenden Soldaten zusammen.
„Darf ich Sie fragen, für wen Sie kaufen wollen, Herr Justizrat? Ist der Käufer imstande, meins Forderung sofort bar zu erledigen?"
Das Gesicht des Justtzrats wurde immer fideles.
„Ich glaube schon."
„Dann darf ich vielleicht wissen, für wen SiS kaufen?"
„Aber selbstverständlich. Mein Auftraggeber ist Diettich Graf Veltheim. Ich bin sein Sachwalter» Justizrat Niemann."
Marlen fuhr zurück.
„Graf Veltheim? — Unmöglich!"
„Aber warum denn, meine Gnädigste?" fragte der Justizrat, und tat vollkommen harmlos. „Warum erschreckt Sie das so? Sie sind doch meines Wissens die Gattin des Grafen Veltheim."
Marlen wurde es schwarz vor den Augen. Mit äußerster Energie nur bezwang sie das Schwindelgefühl, das von ihr Besitz ergriff. Sie wollte nicht schwach werden; sie wollte es nicht. Was war das für ein grausames Spiel, das da mit ihr getrieben wurde? Konnte Dietrich Velcheim es nicht genug damit sein lassen, daß er sie beschimpft hatte? Daß sie arm und elend war? Mußte er nun Den Spott so weit treiben. Das Grundstück hier zu erstehen, an dem sie hing, und das ihr letzter Besitz war? Aber er sollte sich getäuscht haben. Lieber wollte sie verhungern, als es ihm geben.
Sie richtete sich auf.
„Dann bestellen Sie dem Herrn Grafen Velcheim» Herr Justizrat, daß er sich in mir getäuscht hat. Ich nehme kein Almosen, in keiner Form! Ich verkaufe ihm das Grundstück nicht. Ich wünsche mit ihm nichts mehr zu tun zu haben. Niemals im Leben! Bitte, bestellen Sie ihm Das!"
„ In ihrer furchtbaren Aufregung hatte sie ganz überhört, daß sich Schritte der Gartenpforte genähert hatten. Daß die Pforte leise geöffnet worden und hinter ihr eine junge Dame aufgetaucht mar. Aber Justizrat Niemann, der mit dem Ge. sicht Zum Eingang gestanden, hatte es gesehen. Jetzt sagte er betont laut:
"Ja, das ist ja schlimm, gnädigste Gräfin. Dann werde ich wohl andere Hilfsttuppen heranholen müssen.
„Bemühen Sie sich nicht, Herr Justizrat!" kam es schneidend zurück. „Ich bedaure nur, daß ein UJlann, wie Sie, sich zu dieser Komödie hergegeben hat. Mein Entschluß ist unabänderlich. Ich wünsche von Herrn Grafen Velcheim nichts mehr zu hören."
Da fuhr sie zusammen. Eine sanfte Mädchenstimme hinter ihr erklang:
„Wirklich nicht, Marlen?
„Karla — du?" stammelte Marlen.
„Ja, Marlen, ich bin Die Hilfstruppe, Die der gute Herr Justizrat herbeigerufen hat."
„UnD Die hoffentlich ihre Schuldigkeit tun wird"» lächelte Herr Justizrat Niemann. „Gestatten Sie, Frau Gräfin, daß ich mich solange entferne. Ich glaube, ich kann Fräulein von Weckenroth jetzt Das Gefecht übergeben." 1 ö
(Schluß folgt.)


