Gewicht des Imperiums zu einer Konferenz ging, eine solche Behandlung erfahren hat. Die Folge hiervon wird zunächst eine Verstimmung sein. Aber welches sind die politischen Folgen? Diese grage stellt heute nach dem Abbruch der Konferenz bte ganze Welt. Niemand wird glauben, daß eine Einigung, der sich Italien in Paris in so brüsker Weise entjog, nun auf diplomatischem Wege mög« lich sein wird. Vorläufig herrscht die Ratlosigkeit vor. Nur Mussolini weiß genau, was er will. „Reden sind überflüssig", rief er in der Stunde des Konferenzabbruchs der Schwarzhemden-Division zu, die sich nach Afrika einschiffte. Er will den Krieg. England will ihn nicht, upd Frankreich hätte ihn gern vermieden. Aber auch dafür gibt es nur ein Mittel, und auch dieses heißt Krieg. Hier wird, wie man schon lange erkennen konnte, die abessinische Frage zu einer Schicksalsfrage für England und Europa.
Los von Frankreich!
Wallfahrt der Flamen nach Dixmuiden.
Dixmuiden, 19. Aug. (DRV.) Am Sonntag fand die 16. Wallfahrt der Flamen nach Dixmuiden statt, wo die Erinnerung an die im Weltkrieg ge* fallenen Söhne Flanderns seit einigen Jahren durch den im ehemaligen Kampfgebiet am Ufer der Mr errichteten mächttgen Heldenturm wachgehalten wird. Mit einer Heldenehrung für die an der Flandern' front gefallenen Flamen verbanden die Teilnehmer auch in diesem Jahr wieder ein machtvolles Bekenntnis unwandelbarer Treue und Anhänglichkeit an das flämische Volkstum. Im Mitte-lpunkt der Feier stand die Enthüllung von Gedenktafeln für Dr. v a n d e P e r r e, den Gründer des flämischen Fronttheaters, de G ruy ter und den noch lebenden Priesterdichter Derchaeve. Diese drei hatten sich während des Krieges um die Entwicklung des flämischen Nationalbewußtseins besonders verdient gemacht. Professor D a e l s aus Gent, Hauptorgani- fator der Wallfahrt, wandte sich gegen die belgischen Zentralisierungsbestrebungen. Die im Weltkriege gemachten Versprechungen seien nicht gehalten worden. Den Abschluß der Feier bildete ein großer Auf- marsch des flämischen Frontkämpferverbandes auf dem Marktplatz von Dixmuiden. Hierbei wurde em gegen den französischen Militaris- m u s gerichtetes Manifest verlesen. In scharfer Form wurde die Preisgabe des zwischen Frankreich und Belgien bestehenden Militärabkommens gefordert. Zum Schluß erhoben alle Teilnehmer die Hand zum Schwur und brachen in den Ruf aus: Los von Frankreich. Mit dem Gesang eines flämischen Nattonalliedes fand die eindrucksvolle Feier ihr Ende.
Sechs Tote bei religiösen Unruhen in Rumänien.
Bukarest, 19.August. (DNB.) In dem Dorfe Aldinesti in Bessarabien kam es zwischen Gendarmen und Anhängern einer religiösen Sekte, die für die Beibehaltung d e s alten orthodoxen Kalenders kämpft, zu einem blutigen Zusammen st oß. Die Gendarmen hatten den Auftrag, den Führer der Sekte und einige seiner Anhänger zu v e r h a f t e n. Die religiösen Fanatiker griffen jedoch die Gendarmen an und töteten zwei von ihnen durch Revolverschüsse. Die Gendarmen erwiderten darauf das Feuer, töteten vier von den Angreifern und verletzten zwölf weitere. Nach Herbeiholung von Verstärkungen konnte die Ruhe in dem Dorf wiederhergestellt werden.
Blutige Unruhen in Dalmatien.
Belgrad, 19. August. (DNB.) Während einer Versammlung in Sinj in Norddalmatien wollten 5000 Bauern d i e Rednertribüne stürmen, auf der der Wojwode Grabowatz zu sprechen begonnen hatte. Die Bauern wurden fedoch von einem Gendarmerieaufgebot mit aufgepflanztem Bajonett zurückgetrieben, nachdem sie mehrere Gendarmen und einen Gendarmerieoffizier durch Steinwürfe verwundet hatten. Im Orte kam es zu erneuten Zusammenstößen mit der Gendarmerie, die diesmal auch mit Revolverschüssen angegriffen wurde. Die Gendarmerie machte nunmehr von der Schußwaffe Gebrauch und feuerte. Die Zeitungen berichten nur, daß die Gendarmerie zwei Schwerverletzte hatte. Aus privater Quelle verlautet, daß auf Seiten der Bauern ein Mann getötet wurde.
Kunst und Wissenschaft.
Abschluß der Heidelberger Reichsfestspiele.
Die Heidelberger Reicksfe st spiele, die diesmal auch eine große Zayl von Ausländern angezogen hatten, fanden mit dem Thingspiel „Der Weg ins Reich", mit „Was Ihr wollt" und mit „Götz von Berlichingen" ihren Abschluß. Auf der Molkenkur fand ein Abschieds- und Kameradschaftsabend der Mitwirkenden statt, wobei stellv, Gauleiter R o e h n, Oberbürgermeister Dr. N e i ritz a u s und Intendant Erlich Worte des Dankes an alle Helfer an den Festspielen 1935 fanden. Man konnte auch diesmal wieder von allen Besuchern der Reichsfestspiele begeisterte Worte des Lobes hören.
6. Studienkonferenz der Deutschen Reichsbahn.
In Berlin begann mit einer Begrüßung durch Generaldirektor Dr. Dorpmüller die 6. Studienkonferenz der Deutschen' Reichsbahn, an der neben 4 7 Professoren der deutschen Universitäten, Technischen und Handels-Hochschulen, der Vize- generaldirektor der Kgl. Bulgarischen Staats- ahnen, der Direktor-Stellvertreter der Kgl. U n - garischen Staatsbahnen, ferner ein Vertreter der Hellenischen Staatseisenbahnen und der Generalsekretär der staatlichen TungChi Universität in Woosung bei Schanghai teilnahmen. Die Studienkonferenz, bei der in zahlreichen Vorträgen die verschiedensten Probleme des Verkehrs behandelt werden, findet in ihrem ersten Teile in Berlin statt. Anschließend werden die Teilnehmer nach Prenzlau und Züsedom bei Pasewalk fahren, um hier Der - kehrsprobleme der Landwirtschaft zu studieren. In Hamburg wird die Konferenz am 24. August ihren Abschluß finden. Dort werden u. a. auch Fragen der Seeschiffahrt, des Seehafenverkehrs und der Ausfuhr behandelt.
Der britische Konsul in Nanking hat im chinesischen Auswärtigen Amt eine Note überreicht, in der eine eingehende Untersuchung der Umstände, die zur Gefangennahme und Ermordung des Journalisten Jones führten, gefordert sowie die Verhaftung und Bestrafung der Schuldigen verlangt wird. Das chinesische Aus- wärttge Amt erklärte sich sofort bereit, dem briti- scheu Wunsche nachzukommen.
Paris fordert Aufrechterhaltung der Giresa-Froni.
Paris, 20. August. (DNB. Funkspr.) Die französische Presse hat nach dem ersten Schreck über das so plötzliche Ende der Dreier-Konferenz ihre Fassung wiedergefunden. Sie rechnet bereits mit dem Angriff in Abessinien wie mit einer Selbstverständlichkeit und empfiehlt nur, daß man sich vernähen möge, „das Feuer zu begrenzen und Mussolinis Waffenabenteuer im Rahmen der bisherigen Kolonialkriege zu ^Wichtiger ist, daß der französischen Presse offen- sichtlich ein Stichwort über ihr weiteres Verhalten gegeben worden ist. In fast allen Blättern findet man plötzlich die Feststellung, daß für bte Aufrechterhaltung ber europäischen Friebenspolittk b er Bestand der Stresafront unbedingt notwendig sei. Die Stresafront brauche unter dem afrikanischen Streitfall keineswegs zu leiden. Der Eifer, mit dem man wieder vom Donau- p a k t redet, läßt vermuten, daß man sich bemühen wird, diesen unter Dach zu bringen, bevor Mussolinis Aufmerksamkeit zu sehr von dem Waffengang in Abessinien in Anspruch genommen wird. So überrascht es auch nicht, in ber französischen Presse roieber besonders freundliche und verständnisvolle Worte für Italien zu finden, England für den weiteren Verlauf der Dinge ein größeres Maß von Verantwortung zuzuschieben, sei es in ber Frage bes Waffenausfuhrverbotes, fei es in ber Frage ber Ratsentfcheidung vom 4. September.
„Petit parlsien" erklärt, baß man sich in Paris und London keinen trügerischen Hoffnungen darüber hingebe, als ob die diplomatischen Deiterverhandlungen etwa von Erfolg sein könnten. Laval habe seinen beiden Konferenzkollegen beim Abschied Al ä h i g u n g empfohlen. 3m übrigen dürfe man die Ereignisse nicht dramatisieren. Denn der Krieg ausbreche, sei das gewiß bedauerlich, aber die Diplomatie müsse sich bann bemühen, den Streitfall auf Afrika zu begrenzen. Europa müsse an sich selber denken. Italien fühle*stch an Truppen und Rüstung stark genug, gleichzeitig den Brenner zu bewachen und in Abessinien Krieg zu führen. So könne derGeistvonStresa, der allerdings durch die italienisch-englischen Meinungsverschiedenheiten stark in Mitleidenschaft gezogen sei, doch innerhalb Europas lebendig gehalten werden. Nachdem der abessinische Streitfall zwei Monate die anderen wichtigen Fragen zurückgedrängt habe, müsse man nun auf sie zurückkommen. Der Ost Pakt und der Donaupakt würden wieder auf der Bildfläche erscheinen.
Das Blatt, das dem Außenministerium nahesteht, gibt bann Italien ben Rat, sich in Genf am 4. September nicht mehr wie bisher mit ber Rolle bes Angeklagten zuftiebenzugeben, fonbern selbst a l s Ankläger aufzutreten. Man könne dem „halbbarbarifchen Völkergemisch von Abessinien" viel vorwerfen, unb könne barlegen, wie sehr es einen Vormund nötig habe, um an ben Wohltaten ber Zivilisation teilzunehmen. Die Ent- scheibung bes Dölkerbunbsrates über ben Streitfall hänge zum größten Teil von ber Haltung ab, bie England inzwischen einnehmen werde. Ständig mit Grundsätzen zu fechten, die, so fügt bas Blatt hämisch hinzu, im übrigen bei anberen Gelegenheiten mangelhaft beachtet würben — sei nicht bas beste Mittel, einen Krieg in Afrika zu verhinbern.
Auch Frau T a b o u i s , die ihre Anregungen am Quai d'Orsay zu empfangen pflegt, und bte bisher an ber Haltung Italiens viel auszusetzen hatte, erklärt nun plötzlich, baß bie französische Grundhaltung sich aus den in Rom beschlossenen italienisch-französischen Vereinbarungen ergebe. Es sei daher möglich, daß Frankreich versuchen werde, so schnell wie möglich in Mitteleuropa die Lage zu stabilisieren. Laval habe in seinen Abschiedsbesprechungen mit Eden und Aloisi zu erkennen gegeben, bah es sich jetzt barum hanbele, nach Möglichkeit bie bedauerliche Expedition in Abessinien im Rahmen ber zahlreichen Kolonialkriege ber Bergan« aenheit zu halten. Anberseits könne ber Völker- bunb, ohne sich auf „brutale Sanktionen" gegen Italien einzulafsen, boch einen vorteilhaften Druck auf Italien ausüben, wenn Englanb, das in Genf die Hauptrolle spiele, es wolle. Rom ziehe unter den schlechtesten Bedingungen in den Krieg. Vor allem werde es für Italien schwierig sein, bte not» roenbigen Krebite für ben afrikanischen Krieg zu finden.
Aloisi vor der Presse.
Keine Vernachlässigung der europäischen Ausgaben.
Paris, 19. August. (DNB.) Baron Aloisi empfing vor feiner Abreife bie Presse unb stellte mit Bedauern fest, daß die Dreierbesprechungen zu keinem Ergebnis geführt hätten. Der Weg der divlomatischen Fühlungnahme bleibe offen. Er sehe allerdings noch keine Grundlage für neue Verhandlungen. Baron Aloisi wies ferner den Vorwurf zurück, daß Italien es ablehne, keine feiner Forderungen offen darzulegen. Mussolini habe Eden in Rom genau gesagt, welche Ziele sich Italien gesteckt habe. Das Ziel Italiens sei, die Sicherheit seiner o st afrikanischen Kolonien zu gewährleisten. Für den Bestand dieser Kolonien liege eine unmittelbare Gefahr vor, nachdem die jahrelangen Versuche, mit Abessinien zu einer Einigung zu gelangen, erfolglos geblieben seien.
Auf die Frage, was Italien unter Sicherheit verstehe, anmortete Aloisi: „Die Abrüstun g." Zu der Frage, wie das geplante Vorgehen Italiens sich mit ber in bem Dreiervertrag erwähnten Unabhängigkeit Abessiniens vereinbaren lasse, er- miberte Aloisi, daß die Unabhängigkeit des Irak unb Aegyptens in den entsprechenden Verträgen auch anerkannt worden sei.
Den Einwurf, daß ein militärisches Unternehmen in Abessinien gefährlich und kostspielig sein könne, beantwortete Baron Aloisi mit der Feststellung, baß bie italienische Regierung genau wisse, was sie vorhabe, unb die Folgen nicht scheue. Man brauchte nicht zu befürchten, baß die Kräfte Italiens in Abessinien so festgelegt werden könnten, daß Italien nicht in ber Lage wäre, sich europäischen Fragen zu widmen. An den bevorstehenden ManÖvern würden etwa eine Million Mann teilnehmen, außerdem verfüge Italien
noch über Reserven, denn es sei zwar arm an Rohstoffen, aber nicht an M e nschen. An ber Politik ber Str esa - Front änbere ber Ausgang der Pariser Verhandlungen nichts. Rom sei sich mit Paris und London darüber einig, daß die italienische Oesterreich - Politik in keiner Weise geändert werde. Es bestehe vielmehr die Absicht, die Zusammenarbeit mit Paris und London in dieser Hinsicht demnächst zu vertiefen. Die Einberufung einer Donaukonferenz werde angestrebt. lieber Ort unb Zeitpunkt liege noch keine Entscheibung vor.
Edens Linsengericht.
Italienische Blätterstimmen zum Abbruch der Konferenz.
M a i l a n b , 20. Aug. (DNB. Funkspruch.) Der „(Sortiere bella Sera" schreibt: Die Dreimächte- Konferenz habe nochmals bewiesen, baß Italien immer zu freundschaftlichem Verhan - beln bereit, aber fest entschlossen ist, s i ch
nicht von seiner Haltung abbringen zu lassen, bie moralischen unb historischen Lasten von lebenswichtiger Bedeutung entspreche. Die britische Regierung hätte wissen sollen, baß Italien einen Vergleich ober eine Teillösung ablehnt, bie ben Konflikt nur aufschieben und daher verschlimmern würde. Keine Regierung kann die Verantwortung übernehmen, ein von glühendem Kampfgeist beseeltes, bereits mobilisier t e s H e e r in die Heimat zurückzurufen, ohne alle moralischen unb materiellen Genugtuungen erlangt zu haben. Das von Herrn Eben angebotene Linsengericht könnte Italien nicht bewegen, seine Erstgeburtsrechte in Ostafrika herzugeben.
Die Turiner „Gazzetta bei Popolo" schreibt, das Mißlingen ber Konferenz sei durch bte* hartnäckige Verständnislosigkeit G r o ß - britanniens für die Bedürfnisse des faschistischen Italiens gekennzeichnet. Die Diplomaten verließen jetzt Paris, und gleichzeitig gingen von den italienischen Häfen bie Divisionen nach Dftafrita ab. Klarer könne man nicht sprechen.
Außerordentliche Kabinettssitzung in London.
Baldwin und seine Ministerkollegen brechen den Urlaub ab.
London, 20. Aug. (DNB. Funkspruch.) Der Zusammenbruch der pariser Dreimächte-Konferenz hat den Ferien ber britischen Minister ein jähes Ende bereitet. Bei der für spätestens Dienstag in Aussicht genommenen Sondersitzung des Kabinetts werden alle Minister zugegen fein.
Eden, der Montagabend, begleitet von seinem Sekretär und einem Rechtssachverständigen des Foreiga Office, auf dem Luftwege aus Paris eingetroffen war, lehnte es ab, die Fragen der ihn umringenden Pressevertreter zu beantworten. Er sagte lediglich: „Dir wissen ganz gut, was bisher geschehen ist. Wir müssen die Lage in Erwägung ziehen. 3ch werde sofort dem Staatssekretär des Aeußeren Bericht erstatten. 3ch wünschte, wir hätten Besseres leisten können. Ich kann natürlich nicht behaupten, daß ich zufrieden bin. Mehr kann ich leider nicht sagen, weil dies weder die Zeit noch der Ort dafür ist."
Sir Samuel Hoare hat seine Rückreise von seinem Dohnsih in Norfolk nach London i n Sandringham unterbrochen, um dem König Bortrag zu halten. Auch der Lordpräsident des Geheimen Staatsrates Macdonald, wird Dienstag von seinem schottischen Heimatort Lossie- mouth nach London zurückkehren, ebenso der in Schottland weilende prlvalsekretär des Königs, Lord D i g r a m. Der ständige Unterstaatssekretär des Aeuhern, Sir Robert Vanfittart, der in Paris mit Eden an den Verhandlungen teilgenommen hatte, ist nach A i x - l e s - V a l n s unterwegs, wo er mit dem Ministerpräsidenten Baldwin die Lage erörtern wird. Ls wird erwartet, daß Baldwin, ider erst am Sonntag in Aix-les- Vains eingetroffen ist, vielleicht schon heute Abend die Heimreise antreten wird, um im Ka- blnettsrat den Vorsitz zu führen. Der Schahkanzler Neville Chamberlain kehrt aus der Schweiz zurück, der Landwirtschaftsminister E l l i o t kommt aus der Nähe von Bordeaux: andere Minister wer- den aus verschiedenen Teilen Nordenglands und Schottlands in London zurückerwartet.
Ernste Sprache in der englischen presse.
London, 20.August (DNB. Funkspruch). Die Steuerungen ber Morgenpresse lassen keinen Zweifel daran, baß bie. Lage als ungemein kritisch betrachtet wirb. Der konservative „Daily T e - legraph" sagt, es werbe angegeben, baß bie Frage von Sanktionen jetzt m ben Vordergrund getreten ist. Die kleineren Staaten, besonders die skandinavischen Länder würden wahrscheinlich in Genf auf energisches Vorgehen drängen, um Italien an dem geplanten Kurs zu ver-
Hundstage in Paris.
Von unserem Dr. Ih.-Korrespondenien.
Paris, August 1935.
Die Pariser Saison ist vorüber. Die unter eifrigem Rühren ber Reklametrommel aufgezogenen Festwochen der französischen Hauvtstadt haben eine ziemliche Katerstimmung hinterlassen. Denn es fehlte an zahlenden Gästen. Wohl wurden ungefähr hunderttausend Fremde in den Hotels gezählt. Aber das waren zumeist die alljährlichen Besucher aus der Provinz. Die ausländischen Fremden, die wirklich Geld ins Land bringen, also Engländer, Amerikaner, Deutsche und andere, sind fast völlig ausgeblieben. Außer den üblichen Pferderennen, Flugfesten, Feuerwerken und Platzkonzerten gab es auch wenig zu sehen, was Besucher von weither hätte anlocken können. Eine einzige Ausnahme bildete die große italienische Kunstausstellungim „Pettt Palais", die dank der großzügigen Unterstützung Mussolinis, sowie aller bedeutenden Museen der Welt, unter diesen auch der deutschen, tatsächlich ein europäisches Kunstereignis allerersten Ranges darstellte. Außerdem war es ein gutes Geschäft; denn etwa 650 000 zahlende Besucher (der Eintritt kostete 10 Franken) wurden an den Eingangssperren gezählt. Aber davon abgesehen war das Ergebnis der Festwochen nur recht dürftig, so daß dem Handelsminister, Der für die Organisation verantwortlich zeichnet, nichts anderes übrig blieb, als, wie schon im vorigen Jahr, auf die nächste Saison zu vertrösten.
Nach dem Trubel des Nationalfeiertages, an dem groß und klein unb alt und jung zwei Tage und drei Nächte lang auf den Straßen von Paris tanzt unb sich vergnügt, was man sich auch in biefem Jahr trotz ber politischen Kundgebungen nicht hat nehmen lassen, wird bie Hauptstabt z u - sehenbs leerer und stiller. Die Pariser find mit Kind und Kegel aufs Land zu Bekannten ober Verwandten gezogen, um dort bie Sommerferien zu verbringen. Alle, die es trgenb» wie ermöglichen können, kehren ihrer geliebten Stadt in den heißen Augusttagen den Rücken, wenn die Sona« unerbittlich m ben engen Gassen brütet,
hindern. Die Fragen, benen sich bas britische Kabinett gegenübersehe, seien nicht weniger ernst, als bie vom-August 1914. In Paris sei bie Aeuherung getan worben: „Soll bie Welt einem Diktator erlauben, ben ganzen Bau ber Friebensorganrsation, ber durch Verträge mühselig errichtet worben ist, zu zerstören, um seinen nationalen Ehrgeiz zu beliebigen?" Eine wichtige Rolle spiele bie militärische Stärke Großbritanniens. Mussolini sei ber Meinung, baß bas heutige Englanb, verglichen mit ber Macht Italiens, schwächlich geworben sei. Das Zögern Frankreichs, eine entschiebene Haltung gegenüber Italien einzunehmen, fei in hohem Maße auf solche Bebenken zurückzufüyren. Mehr als eine europäische Nation habe ben Eindruck, daß Englanb nicht mehr bie notroenbige Macht besitze, um zu verlangen, baß seine Ansichten ernstlich in Rechnung gestellt würben. Dies sei eine schwere Hemmung für bie britische Diplomatie. Das Kabinett werbe sich in seiner nächsten Sitzung ernstlich damit beschäftigen.
Zu Aloisis Hinweis auf die Stresafront bemerkt der „Daily Telegraph", daß nach Ansicht der britischen Abordnung der ganze Bau der europäischen Sicherheit, dessen Eckstein das Einvernehmen von Stresa bilden sollte, durck die Ereignisse der letzten Tage z e r ft ö r t worden fei. „Daily Telegraph" warnt Mussolini vor ben finanziellen Unkosten feiner gewaltigen Mobilisierungsmah» nahmen unb vor ber Möglichkeit, baß Italien burch bie Inanspruchnahme aller (einer Kräfte in Afrika verhinbert werbe, bie in Europa von Mussolini in Aussicht genommene Rolle zu spielen, während zugleich ein Schlag gegen ben Völkerbunb die ganze Grundlage bes jetzigen europäischen Systems schwachen müßte.
„M o r n i n g P o st" (Blatt der Admiralität), stellt fest, daß Mussolini sich weder durch lieber- rebung, noch burch günstige Zugeständnisse, noch durch Achtung von vertraglichen Pflichten, deren Gülttgkeit er selbst nicht zu bestreiten wage, von seinen Plänen abhalten lasse. Das Blatt wendet sich gegen die Forderung der Pazifisten nach Sanktionen gegen Italien, verlangt aber sofortige Der« stärkung ber britischen Rüstungen. Der Pariser Korrespondent bes Blattes hat Den Eindruck, daß die französische Öffentlichkeit allmählich einsehe, daß bte französische Unterstützung Italiens bazu führen müßte, England in bie Isolierung zu treiben, ben Völkerbund zu entwerten und wahrscheinlich Frankreich seinen kleineren Verbündeten zu entfremden. Der liberale „News Chronicle" fordert, daß die brittsche Regierung jetzt endgülttg feftftelle, wie sich Frankreich in der Frage ber Anwendung von Sankttonen verhalten werde. — „Daily Mail" (Rothermere-Konzern) unb „Daily Expreß" (Beaverbrook-Konzern) oertreten nach wie vor bie Meinung, baß bas einzige Ziel ber britischen Politik fein müsse, England von jedem internationalen Konflikt fernzuhalten.
unb ein schwüler Dunst über bem unermeßliche« Häusermeer lastet. Theater, Kinos, Gaststätten, ein Sroßer Teil der Läden sind bis in den September inein geschlossen. Sogar der Zeitungsverkäu- er am Montpamasse hat an seine wacklige Holzbude einen Zettel geklebt, auf bem in winbschiefer Schönschrift gekritzelt steht: „Fermeture pour va- cances“, — „Während ber Ferien geschlossen!"
Doch in biefem Jahre ist bie Ferien-Beschaulichkeit in Frankreich nicht ungetrübt. Während sonst in den Monaten August und September auch die Politik ihren Sommerschlaf zu halten pflegt, können die Ministerien diesmal nicht zur Ruhe kommen. Der italienisch-abessinische Streitfall, ber bie Außenpolitik bes Quai d'Orsay in eine heikle Lage gebracht hat, weil der traditionelle Dölkerbundskurs sich mit den Erfordernissen der neuen Freundschaft mit Italien durchaus nicht ver- einbaren läßt, steht gerade in diesen Sommermonaten auf bes Messers Schneide, und es ist kaum an- zunehmen, daß die Dertagungs- und Kompromiß- kunftstücke bes französischen Ministerpräsidenten auf die Dauer eine bewaffnete Auseinandersetzung verhindern werden. Der einzelne Franzose, „le Fran^ais moyen“, kümmert sich allerdings herzlich wenig darum, was sich dort unten in Abessinien ereignet, von dessen geographischer Lage er kaum eine Vorstellung hat.
Erheblich stärker bewegen ihn die Laval- schen Notverordnungen, die in diesen heißen Hundstagen plötzlich wie Pilze aus ber Erbe schießen; denn hier geht es um seinen Geldbeutel. Das Sparprogramm ber Regierung ist bei ben breiten Massen Des Volkes auf heftige Einwände, Ablehnung, ja auf offenen Protest gestoßen, weil es ihrer Meinung nach allzu sehr den kapitalistischen Stemvel ber Herren ber Bank von Frankreich trägt. Die allgemeine Unzufriedenheit würbe noch stärker zum Ausbruch kommen, wenn nicht eben_ gerade Sommer und die heilige Zeit der Ferien wäre, die man sich nicht verärgern unb Der- herben lassen will. Aber dra einzelnen Wahlir«


