keineswegs MchbKEnd sein Mtz ni« flSndlgem I Ewfter Mi es dagegen im Berliner KettMKben
Rubato; vielmehr verpflichtet es die Sänger zu äußerster Prägnanz im Duett und zur Verlagerung des in Deutschland auch bei Verdi so beliebten „Ausdrucks" in den bei canto der in sich gefchloffe-
aus. Nicht, daß die Hochflut der Konzerte aller Gattungen nachgelassen hätte. Aber die Zierde der Reichshauptstadt, die Philharmonischen Konzerte leiden unter dem Mangel an einem ständigen Dirigenten. In kluger Voraussicht der Möglichkeit, den freigewordenen Platz Furtwänglers an der Spitze des Philharmonischen Orchesters in der früheren Weise wieder zu besetzen, und auch wohl aus Mangel an geeigneten Kräften ist eine Dauerberufung nicht erfolgt. In die Leitung des siebenten, achten und neunten der zehn großen Konzerte haben sich Gastdirigenten geteilt. Schu- r i ch t interessierte vor allem durch eine feinnervige Aufführung der Balletsuite „Daphnis und Chloe" von Ravel. Abendroth war nach seinem erfolgreichen Gastspiel mit dem Leipziger Gewandhausorchester der gegebene Mann für das nächste Konzert und erwies an Karl Höllers „Hymnen für Orchester" feine innige Vertrautheit mit der modernen Orchestersprache, die er in ihrem ganzen Reichtum an Gegensätzen und rhythmischen Feinheiten beherrscht. Max Fiedler verteidigte seinen bedeutenden Ruf als Brahms- dirigent mit bestem Erfolg und erweiterte ihn vor einer kritischen Hörerschaft um eine bedeutende Gestaltung der fünften Symphonie Beethovens. Aber das Gastdirigentenwesen hat auch bereits auf die Sonderkonzerte übergegriffen, die die Philharmoniker mit Erich Kleiber angesagt hatten. Das erste der beiden noch ausstehenden leitete Leopold R e i ch w e i n. Als Kernstück eines stillos zusammengewürfelten Programms brachte er Bruckners „Fünfte" in glanzvoller Beleuchtung aller Einzelheiten zur Aufführung, ohne jedoch das Riesenwerk immer mit dem großen Bogen zusammenfassen zu können, den Bruckner fordert.
nen musikalischen Form. Als Verdi-Sänger von vornehmer Kultur erwies sich Hans Reinmar in der Rolle des Vaters Germont. Walter Ludwig entfaltet seinen lyrischen Tenor mehr und mehr zu erfreulicher Weite des Umfanges und der Tonbildung, während die bewährte Margret Pfahl die Violetta stärker von der Tragödin als von der Verdi-Sängerin her gestaltete.
Dem Mangel an guten neuen Operetten sucht Nico Dostal im Schiller-Theater abzuhelfen. „Die Vielgeliebte" ist die Hollywooder Schauspielerin Dena Darlo, die Ferien von ihrem Ruhm machen will. Mit einem eleganten Asienforscher verbringt sie unerkannt idyllische Tage in einem sizilianischen Fischerdorf, bis sie die Rolle ihres Doubles fallen lassen muß und als die Vielgeliebte erkannt wird. In einem Hollywooder Filmatelier erholt sich der erschrockene Liebhaber jedoch bald wieder und läßt seine Trauung mit der einsamen Weltberühmtheit gleich filmen. Zu diesem Textbuch Rudolf Köllers hat Nico Dostal ge- schmackvolle Schlager geschrieben, die mit viel Geigenklang sich in die Ohren schmeicheln, wenn auch manche bekannte Weise von Grieg bis Lehar hindurchklingt. Die hübsche Aufführung unter Walther Brügmanns szenischer und des Komponisten musikalischer Leitung bekommt Niveau vor allem durch die Darstellerin der Titelrolle: In Lillie E l a u s von der Wiener Staatsoper steht eine wirkliche Sängerin auf der Bühne; sie hat einen weichen, in der Höhe unbeschreiblich reizvollen Sopran, mit dem sie ein wahres Tongeschmeide ausbreitet, das ebenso gleißt wie ihre bezaubernde Erscheinung.
Die einheitlichen Lehrverträge im Rhein-Mainischen Wirtschaftsgebiet. Keine alten Muster verwenden!
Die Deutsche Arbeitsfront, Abteilung des Amtes für Berufserziehung Gau Heffen-Naffau, Sitz beim Rhein-Mainischen Industrie- und Handelstag, hat bekanntlich für den Kaufmannsberuf und die Facharbeiterlehrlinge der metallverarbeitenden Industrie einheitliche Lehrvertragsmuster im Rhein-Mainischen Wirtschaftsgebiet vorgeschrieben. Durch diese Lehrverträge ist ein grundsätzlicher Wandel in der Lehrlingsausbildung eingetreten. Bei der Vorlage dieser Lehrverträge zur Eintragung in die Lehrlingsrolle ist nun — wie uns von der vorgenannten Dienststelle geschrieben wird — mehrfach festgestellt worden, daß Schreibwarenhandlungen den Lehrherren oder Lehrlingen überholte und ungültige Lehrvertragsformulare ausgegeben haben mit dem Hinweis, daß dieses die neuesten Lehrverträge seien. Da die überholten Lehrvertragsmuster vom Amt für Berufserziehung der Deutschen Arbeitsfront und den Industrie- und Handelskammern nicht anerkannt werden, sind die Lehrherren und Lehrlinge durch den Kauf geschädigt. Die Lehrherren und Lehrlinge werden deshalb darauf aufmerksam gemacht, daß nur die Lehrverträge gültig sind, die den nebenstehenden Aufdruck tragen:
*
Der Lehrvertrag für die metallverarbeitende Industrie trägt die gleiche Umrandung, wie der hier wiedergegebene Vertrag für den Kaufmannsberuf. An Stelle der zwei geflügelten Merkurstäbe trägt er jedoch zwei mit einem Eichenzweig umwundene Hämmer.
für den Laufmannsberuf
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Aus der Provinzialhauptstadt.
Oer Möbelwagen.
Wiederum ist die große Zeit der Möbelwagen da! Schwerfällig, ein wenig plump, die Straßen- audsicht und oft auch den Verkehr sperrend, rumpeln sie wie friedliche Tanks durch die Stadt von einem Ende zum andern. Oftmals werden sie auf Güterbahnhöfen verladen und machen große Reisen. Kinder sehen den Möbelwagen mit weiten Augen sehnsüchtig nach! Wer doch auch so kreuz und quer durchs Leben fahren könnte! Erwachsene haben ihre besonderen Gedanken über Möbelwagen. Denn entweder kommen Möbelwagen zu früh, oder sie kom- men zu spät. Meistens kommen sie zu spät! Oft sind Möbelwagen Zeichen der Freude. Besonders wenn es der erste Möbelwagen ist, der in die junge Ehe einrollt. Mitunter sind Möbelwagen aber auch Zeichen der Einengung, des Abstiegs, der Trauer.
So haben also auch Möbelwagen ihre Schicksale! Und man könnte sich dranmachen, und eine Geschichte der Möbelwagen schreiben. Aber sie würde zu lang werden. Und darum sei hier nur die Geschichte eines Möbelwagens erzählt ...
Jenes Möbelwagens, dem es beschieden war, ein Kriegsschicksal zu erleben! Wir hatten gerade den Anfang mit der Winterschlacht in Masuren gemacht. Am 8. Februar 1915 zogen wir in die brennende Stadt Bialla ein. Eine Stunde vorher hatten die Russen sie verlassen. Unsere Kompanie hatte den Ostgang und den Bahnhof zu sichern. Posten wurden ausgestellt. Aber wohin mit dem Rest der Kompanie? Die Häuser brannten lichterloh, auf der Straße wehte schneidend kalter Wind, es fror Pickelsteine! Da entdeckten wir jenen Möbelwagen, der traumverloren mitten auf der Straße stand. Hinein in ihn! Seine dicken, gepolsterten Wände schützten wenigstens vor Wind und Schnee. Wir lagen in dem Möbelwagen etwas sehr drunter und drüber, ein bißchen zu eng, aber doch mollig warm. So wurde er unsere Rettung, denn in jenen Nächten hatten Frost und Kälte viele Opfer gefordert.
Doch unser Stolz auf die Entdeckung, daß Möbelwagen ein vorzügliches Soldatenquartier abgeben, wurde am nächsten Morgen jäh gedämpft. Wir fanden an der Außenwand der großen Wagentür eine Aufschrift: „Besten Dank für Nachtquartier!" Als Datum war ein Tag des August 1914 angegeben. Also schon einmal hatten deutsche Feldgraue hier Unterschlupf gefunden. Der Zufall wollte es, daß ich später einem Kameraden begegnete, der mir die Tatsache bestätigte. Kaum hatte ich begonnen, „un- ern" Möbelwagen zu preisen, als er mir ins Wort iel und sein Prioritätsrecht anmeldete! So ergab sich, daß dieser Möbelwagen einmal vor dem Russeneinfall und einmal nach ihm Obdach für deutsche Truppen gewesen war. In der langen Zeit der Russenbesetzung hatte er aber brav an seinem Ort gestanden und gewartet. Sein Vertrauen aus den deutscher Waffen wurde nicht enttäuscht.
Was mag aus diesem Möbelwaaen geworden sein? Und wie war er überhaupt aus der rheinischen Stadt, deren Name auf seiner Außenwand prangte, nach der kleinen ostpreußischen Stadt Bialla gekommen? Wer hatte ihn zu so weiter Fahrt benutzt? Wo waren die Möbel geblieben? Wo die Familie, deren Eigentum sie gewesen waren? War sie den Russen zum Opfer gefallen? Geflohen? Vertrieben? War Bialla ihr Schicksal geworden? Niemand weiß es. Nur der Möbelwagen könnte erzählen. Aber Möbelwagen sind verschwiegen, sie plaudern nicht. Und vielleicht ist es gut so! Denn wenn Möbelwagen erzählen könnten, wir würden vielleicht unseres Lebens nicht mehr froh ...
B. vornotizea.
— Tagestalender für Dienstag: Stadttheater: 20 bis 22.45 Uhr „Der Traum ein Leben . — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Peer Gynt". — Handels- und Gewerbebank, Gießen, 20.30 Uhr im Hotel Hindenburg: 76. ordentl. Ge
neralversammlung. — NS.-Kriegsopferoersorgung, Ortsgruppe Gießen, 20.30 Uhr im Cafä Leib, Mit- gliederversamEmg. — Oberhessischer Kunstvereln Turmhaus am Brandplatz: 16 bis 17 Uhr, III. Jahresausstellung.
— Stadttheater Gießen: Heute abend zum erstenmal in dieser Spielzeit die dramatische Dichtung: „Der Traum ein Leben" von Franz Grillparzer. Spielleitung Karl Löser; Mitwir- kende: Damen: Stirl, Wielander; Herren: Sieten, Geiger, Kühne, Lüpke, Neuhaus, Quadflieg-, Sold. Herr Schorn wird in der Rolle des Zanga mit Herrn Neuhaus wechseln. Ende 22.45 Uhr.
— Eine Ortsgruppenversammlung der Ortsgruppe Gießen - M i t t e, zu der alle Parteigenossen und die Angehörigen der Gliederungen zu erscheinen haben, findet am kommenden Freitag, 20.30 Uhr, statt. Redner ist der stellvertretende Kreisleiter der Deutschen Arbeitsfront, Pg. Hahn.
— Die Evangelische Frauenhilfe veranstaltet am kommenden Donnerstag, 15 Uhr, im Cafe Leib eine Derbandsversammlung, in der Frl. Dr. N o p i t f ch über den evangelischen Mütterdienli sprechen wird. Auf die heutige Anzeige sei aufmerksam gemacht.
Kein Gemeinschastsempfang der SA. am Donnerstag.
Nachdem der Chef des Stabes der SA. den Aufmarsch der alten SA.-Garde in Berlin auf einen späteren Zeitpunkt verlegt hat, wie wir in unserem gestrigen Blatte bereits meldeten, findet auch der von der SA.-Standarte für kommenden Donnerstagabend in der Volkshalle vorgesehene Gemeinschaftsempfang der Gießener SA. nicht statt.
Deutsche Arbeitsfront.
NS.-Gemeinfchafi „firaft durch Freude".
Sonntag, 24. März, Anfang 15, Ende 17.30 Uhrr Geschlossene Vorstellung der NS.-Gemeinschaft,Kraft durch Freude" im Stadttheater „Frischer Wind aus Kanada". Lustspiel von Hans Müller (Nürnberg). Preise: 0,60 RM., 0,80 RM., 1,00 RM., 1,30 RM. Die Karten sind bei den KdF.-Betriebswarten zu bestellen. Ferner Kartenverkauf auf der Kreisgeschäftsstelle, Schanzenstraße 18, Zimmer 10.
Neunte Symphonie von £. van Beethoven.
Heute abend um 20.15 Uhr zweite Probe (Sopran und Alt) im Großen Hörsaal der Universität. Weitere Beteiligung erwünscht.
Zwischendurch mal was anderes!
Sei es nun die pikante „Knorr Ochsen- schwanz-Suppe" oder die neue herzhafte »Lrnorr Jager-Suppe"! Wenn Sie dem „Herrn des Hauses" etwas ganz Besonderes bieten wollen, so geben Sie diesen würzigen Suppen noch einen Schuh Rotwein zu. 1 Würfel» 2 reichliche Teller = 10 Pfennig.
Schon seit 5 0 fahren:
Suppen - gute Suppen!
OieIfflandstöchter und ihre Kreier.
ZRoman von J. Schneider-Hoerfil.
Copyright by Verlag Oskar Meister, Werdau L Sa.
8. Fortsetzung Nachdruck verboten!
Mitten in diesen Frieden hinein kam eine Alarmnachricht aus der nahen Stadt.
Der Hausarzt ließ Frau Henriette ans Telephon bitten und unterrichtete sie schonend, daß ihr Gatte vor zehn Minuten — ja, so etwas mochte es gewesen sein — einen Gehirnschlag erlitten habe.
„Tot?" rief sie entsetzt und sah zugleich Luzies Gesicht neben sich auftauchen, die den anderen Hörer an sich riß.
Nein, nicht tot. Herr Jfslcmd wäre sogar transportfähig. Ob er alles Nötige veranlassen oder ob ihr Herr Gemahl ins Krankenhaus gebracht werden solle.
„Heim!" schrie Luzie fassungslos. „Vater muß heimgebracht werden! Henriette, sag's ihm doch!"
Frau Jffland, selbst blaß und erschüttert, nickte nur. „Ich schicke sofort einen Wagen", beschied sie dem Arzt.
„Das ist nicht nötig, gnädige Frau. Auch nicht zweckentsprechend. Ich verständige gleich die Sanität. In einer halbe Stunde ist Ihr Gatte zu Hause. Wenn Sie wünschen, daß ich selber mitkomme —"
„Bitte!"
Klaudine, durch Luzies Schrei herbeigerufen, hatte m wortloser Betäubung das Gespräch verfolgt. Dor einer Stunde noch hatte sie zusammen mit dem Vater gefrühstückt und ihn dann, wie immer, nach Dem Hof begleitet, wo der Gaul gesattelt bereitstand. Nichts, aber auch gar nichts hatte die schreckliche Vermutung aufkommen lassen, daß eine solche Katastrophe im Anzug war.
Der Vater wollte nach der Stadt, wo er sich mit einigen Herren zu einem Frühschoppen verabredet hatte. Und nun das!
Zwanzig Minuten später brachte man Kaspar Jffland heim: Das Gesicht vergilbt, den Mund Der- schoben, das eine Auge von Dem herabhängenden Lid verdeckt. Die Sanitäter trugen ihn nach dem großen Schlafzimmer, dessen Fenster in den herbstlichen Garten mündeten, und wo von Klaudine und dem Diener alles vorbereitet war.
Der Hausarzt Dr. Vierland sprach im gedämpften Ton zu Frau Henriette, daß eine Besserung durchaus nicht ausgeschlossen sei, obwohl auch das Gegenteil eintreten könne. Vorläufig ließe sich nichts tun, als abwarten und dem Kranken möglichste Ruhe zu verschaffen. Und das wäre ja keine Schwierigkeit in diesem Frieden von Haslbach
Von irgendwelchen Diätvorschriften wolle er ab* ehen, denn die Nahrungsaufnahme würde vorläu- ig ohnehin nur eine ganz minimale [ein.
„Soll ich jemand von Den Verwandten verständigen?" fragte Klaudine, an den Tränen würgend.
„Ich halte es nicht für nötig, Fräulein Jffland." Der Arzt trat wieder an das Bett und fühlte den Puls des Kranken. Er schlug unverändert langsam und setzte stoßweise aus. —
♦
Margot kam eben vom Schwimmen zurück. Ihr Gesicht brannte noch von James Picks Küssen, und ihre Augen spiegelten ihre große Liebe wider. James war seinerzeit nicht abgereift, weil das Wettschwimmen mit Nießling verschoben worden war. Erst in der kommenden Woche sollte er zum Start antreten.
Als sie glückstrahlend über den Hof schritt, sah sie Luzie auf sich zulaufen. Der Schrecken, als die Schwester sich ihr wortlos an den Hals warf, war lähmend. „Vater?" fragte sie in unbewußtem Ahnen.
Luzie schluchzte auf. „Wir haben überallhin nach dir geschickt. Du warst nirgends zu finden. — Er lebt ja noch!" rief sie ihr nach, als Margot sich losriß und die Stufen ins Haus hinaufrannte.
Klaudine stand mit verschwollenen Augen vor der Tür des Schlafzimmers und hielt die Schwester zurück. „Er hat eine Einspritzung bekommen und darf durch nichts erregt werden. Warte noch, bis Henriette kommt. Sie hat nur an die Schule telephoniert, daß man Fritz schonend vorbereite."
Margot lehnte zitternd gegen die Mauer. „Was soll dann werden, wenn Vater stirbt?" wimmerte sie verzweifelt.
„Es ist ja noch nicht so weit", versuchte die Ael- tere zu trösten und bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen.
Frau Henriette kam und sah die Töchter außer Fassung. „Papa darf nicht erregt werden", sagte sie mahnend und legte, als Luzie die Treppe heraufeilte, den Finger an die Lippen. „Wir wollen ganz ruhig sein." Die Tür öffnend, ließ sie die Mädchen eintreten.
Kaspar Jffland hatte jetzt die Augen offen. Auch das herabgefallene Lid hatte sich wieder etwas erholt und gemahnte nicht mehr so fürchterlich an einen Toten wie vorher. Er hächelte Henriette zu und griff dann nach Klaudines Hand, die die seine an die Lippen drückte. „Nun — würde ich ... deinen ... trainierten Körper brauchen ... Margot." Es war mehr gelallt, als gesprochen und wirkte unsagbar niederdrückend.
„Du mußt Geduld haben, Papa!" bat Klaudine. „Es wird alles wieder gut." Aber sie hörte selbst aus ihrer Stimme die Hoffnungslosigkeit dessen, was sie eben gesagt hatte.
„Hans", lallte Jffland. „Bitte ... Henriette!"
Sie beugte sich sofort über ihn. „Möchtest du, daß «dein Bruder kommt?"
„Bitte."
„Ich werde sofort telephonieren."
Wie eine einzige Stunde alles verändert, dachte Luzie und schlich hinter den Schwestern aus dem Zimmer, denn der Vater lag wieder in vollkommener Apathie. Die Fenster im Korridor standen weit offen und liehen Gesang und Rufe von den Feldern herein. Schwalben kreuzten knapp über dem Sims und schossen freudetrunken durch die blaue Lust des Spätoktobertaqes. Auf der Straße, die dicht am Park vorüberführte, raffelte ein Wagen. Der Knecht, der ihn lenkte, mochte froher Laune [ein, denn er pfiff laut vor sich hin und knallte Dazu mit der Peitsche.
„O Gott, laß meinen Papa nicht sterben!" bat Luzie und hielt die Hände um den Knaus des Treppengeländers geschlungen. Gestern noch waren sie zusammen über die Felder geritten, und der Vater hatte ihr im Jungwald einen Wechsel gezeigt. Heute abend hatten sie auf den Anstand gewollt.
Von draußen war plötzlich nichts mehr zu hören, denn Klaudine hatte Die Fenster geschlossen.
♦
So ist das Leben!
Solange es im gleichen Trab dahingeht, nimmt man sich nicht Zeit, auch nur einmal im Jahre Zwiesprache mit seinen nächsten Angehörigen zu halten. Da saß man nun am Rhein und hatte Autos und Flugzeug, aber der Weg nach Haslbach, wo der einzige Bruder saß, war immer zu weit gewesen.
Und nun war die Nachricht gekommen, daß Kaspar im Sterben lag ...
Hans Jffland senior hatte fahrige Hände, die dem Bedienten die Krawatte aus den Fingern rissen, und das Knopfloch des Kragens nicht finden ließen. „Hat meine Frau sich schon entschlossen, ob sie mitkommen will?" wandte er sich hastig an den hinter ihm hilfsbereit Stehenden.
„Die Zofe hat bereits Auftrag erhalten, zu packen, Herr Kommerzienrat."
„Sagen Sie, daß es eilt! — Hat Kölbe alles nachgesehen? — Herr von Wellisch soll noch einmal zu mir kommen."
Jffland schloß nachdenklich die Knöpfe feiner Weste. Da fuhr man nun im grauen Reiseanzug, um Kaspar nicht zu erschrecken, und der lächelte vielleicht über dieses Täuschungsmanöver, das keinen Zweck mehr hatte ... Was wohl die neue Schwägerin sagen würde, wenn er sie nach kaum einem Vierteljahr Derheiratetsein schon wieder als Witwe zurückließ?
Ein leichter Luftzug veranlaßte Jffland, sich um« Zusehen. Seine Frau war eingetreten. „Du bist schon bereit, Maria?"
Die noch immer schöne Frau nickte. „Wie lange warst du eigentlich nicht mehr in Haslbach?"
„Sechs Jahre ungefähr."
„Mein Gott, so lange! Ich finde, daß man sich herzlich wenig um die Verwandten gekümmert hat.
„Leider!" stimmte er zu und bekam dabei Der« schleierte Augen.
Sie trat ganz nahe an ihn heran und strich teilnehmend über seinen Arm. „Vielleicht ist es gar nicht so schlimm, Hans. Wenn aber — — bann könnten wir möglicherweise etwas von unserem: Versäumnis gutmachen. Ich würde gern eine von. den Nichten zu uns nehmen, als Gast — auch- als Tochter, wenn du willst."
„Wie gut du bist, Maria."
„Das ist doch nur selbstverständlich." Sie trat auf Den Balkon, denn Herr von Wellisch, der Privat« sekretär ihres Mannes, kam eben ins Zimmer, und' sie hatte jetzt keinerlei Interesse für Geschäfte. Ihre Gedanken eilten in diesen Augenblicken weit weg vom Köln zu dem Sohn, der auf einer Amerikareise begriffen war. Er würde nicht zur Beerdigung kom» men können.
„Schrecklich", dachte sie. „Nun ist mir die Beerdigung schon eine gegebene Tatsache geworden ..,
Der Rhein trug im Glanz der sich neigenbeit Sonne seine Wellen und Wellchen in zartes Ros« getaucht. Ein Dampfer fuhr vorüber und zog eine schwarzgraue Rauchfahne hinter sich her. Dick und dunkel legte sie sich in breiten Schwaden über bas Wasser. Das deutete auf Regen. Auch die Weinberge standen unwirklich nahe und zeigten nichts von dem feinen Hauch, der Beständigkeit des schönen Wetters verhieß.
Maria Jffland wandte den Kopf nach rückwärts und hörte, wie die beiden Männer noch immer mit' einander konferierten. Wie doch der Mensch, solang« er lebt, mit allem, was Geschäft heißt, bis ins Innerste verstrickt ist. Da lag drüben in der bar)’ rischen Heimat der einzige Bruder im Sterben, und nicht einmal in dieser Stunde gehörten ihm di« Gedanken feines nächsten Verwandten voll und ganz
Endlich vernahm sie, wie der Sekretär sagte: „G$ wird alles, wie Sie es bestimmt haben, geregelt werden, Herr Kommerzienrat. Gestatten Sie, daß ich Ihnen und der gnädigen Frau eine gute Reis« wünsche."
Aus einem Seitenweg des Parkes kam ein Mann im Lederdreß, die Brille über der Kappe hochge' schoben. Es war Kölbe, der Pilot: Etwas jung, etwas selbstsicher, aber sehr zuverlässig. Das Letztere hatte bei feiner Wahl den Ausschlag gegeben.
„Bereit?" rief Frau Maria hinunter und sah ar der Art, wie er die Hand an die Mütze legte, doh man jederzeit starten konnte.
Als man zehn Minuten später vor dem warte»' den Flugzeug stand, wehte bereits Westwind, um» Jffland sah besorgt nach der schweren Wolkenwand, die sich hinter den Weinbergen hochschob. KiM schenkte ihr keinen Blick.
(Fortsetzung folgt 1)
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