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Nr. 16 Dritter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Samstag, V). Januar 1935

Aus -er Provinzialhauptstadt.

Cfö soll nit verderben

Ungebeugtes Volk" heißt ein Erzählungbuch des fudetendeutschen Dichters Hans Watzlik. Zwei von den Erzählungen singen das Hohelied von dem schollentreuen deutschen Bauern.

Der Dreißigjährige Krieg ist verbraust. Da sucht der Eibenstöcker aus der Asche seines Hofes die übriggebliebenen Körner heraus.Zwei rauhe Tage kniete er gebückt über das mühselige Werk, und da er es vollbracht hatte, sagte er:Herrgott, ich dank' dir, daß du mir langsamem Mann die Geduld gibst! Und so soll es nit unter mir verderben, mein Fleck­lein Deutschland!"

Nun weht das Wort zu uns her in die Gegen­wart:Und so soll es nit unter mir verderben, mein Flecklein Deutschland!" Es weht zu dir, zu mir her, gleich ob wir Bauern sind oder nicht. Jeder hat sein Flecklein Deutschland unter sich: seinen Schaffens- Platz, seine Daseins-Statt oder seinen WinkelHalt dich brav!"

Müssen wir dabei nicht an das Mütterlein von der Saar denken, das sich welken Leibes und krank an den Ort der Abstimmung schleppte und sagte: Ich bin deutsch geboren und werde deutsch sterben!"

Fürwahr, solcheLiebhaber des Winkels" (Luther prägte das Wort) kann unser Vaterland brauchen innerhalb seiner Grenzen und rundum in der Welt.

Jedem ward sein Flecklein Deutschland anver­traut von Gottes und Geschickes wegen, und auf diesem Grunde haben wir mit höchster Verantwor­tung zu stehen als ein Glied der großen Gemein­schaft-

Dein, mein Flecklein, auf dem wir schaffend stehen und leben, ist ein Lehen. Gott gab es uns in diesem Volke und gerade in ihm. Also nicht ein Zufalls­ort ist es, sondern der Platz unserer Bestimmung, und zu demErgreifen unserer Bestimmung" im Sinne Fichtes gehört auch die Anschauung von der Werthaltung unseres Lebens-Platzes.

Geschah uns das Schlimmste, daß er wie bei dem Eibenstöcker zu einer Brandstätte ward, dann sollen auch wir versuchen, es zu einem neuen Saatfelde zu machen, und sei der Anfang noch so dürftig.

Wenn Deutschland im Laufe seiner mächtig-be­wegten Geschichte nicht so viele herrlicheEiben­stöcker" gehabt hätte, wäre aus jedem Niederbruche nicht immer wieder ein Aufbruch geworden.

Es lebe jedes unverwüstliche Herz, überall, wo es über seinem Daseinsgrunde schlägt! Ein solcher kann ja nicht verderben, wenn die Liebe allzeit das Ihre tut: Furchtlos, treu und fröhlich! Wo Liebe ist, da ist auch Leistung! Wo Leistung ist, da ist auch Ehre. Und eines jeden Ehre ist ein Teil der großen Dolksehre.

So sei's: Dein, mein Flecklein Deutschland: Unsere Ehrstatt, unsere Wehrstatt, und geb's Gott, auch unsere Nährstatt!

Ins Herz nehmen wollen wir, ganz tief, was der Dichter Otto Gmelin in seinem BucheFrühling in Deutschland" sagt:Lausche dem ewigen Sang deines Landes! Halte dich rein wie die lichtdurch­flossenen Tage; halte dich klar wie die silbernen Nächte. An die Maschine trag' es und an deinen Schreibtisch, ins Büro und in das Gelärme der Großstadt! Dein ist das Land, und dein ist der Himmel, und nur aus ihm bist du und all' dein Werk!"

Spenden

für das Winterhilfswerk 1934/35.

Der hessische Staatsminister teilt allen unterstell­ten Behörden, Gemeinden, Gemeindeverbänden und sonstigen Körperschaften des öffentlichen Rechts ein Schreiben des Reichsministers der Finanzen vom 14. Dezember 1934 zur Kenntnisnahme und Be- achtung mit. In diesem Schreiben führt der Reichs­finanzminister aus:

In meinem Schreiben vom 15. Oktober 1934 habe ich als Monatsspende, die zum Erwerb der

Schüler und Föhrerschulungslehrgänge der $3.

Die Ministariotabteilung für Bildungswesen, Kul­tus, Kunst und Volkstum bringt den Direktionen der höheren Schulen, der gewerblichen Unterrichts­anstalten und den Kreis- und Studtschulämtern aus­zugsweise die von dem Reichs- und Preußischen Mi­nister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung für die Beurlaubung von Schülern zu Führer­schulungslehrgängen der Hitler-Jugend erlassenen Richtlinien zur Kenntnis. In diesem Auszug heißt es:

Zur Sicherung des Führernachwuchses der Hitler­jugend werden laufend Führerschulungslehrgänge ab» geholten. Es ist voran festzuhalten, daß die Heran- Ziehung von Schülern der mittleren und höheren Lehranstalten zu derartigen Lehrgängen nach Mög­lichkeit nur während der Ferienzeit zu erfolgen hat. Es wird sich jedoch mit Rücksicht auf die räumlichen Verhältnisse, die zur Verfügung stehende Zeit und die notwendige gemeinsame Besetzung der laufenden Lehrgänge mit Schülern und Jungarbeitern eine Heranziehung einzelner Schüler auch während der Schulzeit nicht vermeiden lassen.

Soweit Schüler während der Schulzeit zu solchen Lehrgängen herangezogen werden, darf nach Maß­gabe der nachfolgenden Richtung Urlaub erteilt werden:

1. Der Urlaub soll nur erteilt werden, wenn bei Begabung, Fleiß und Leistungen des Schülers durch die Unterbrechung des Unterrichts dauernde Nach­teile für seine unterrichtliche Ausbildung nicht zu erwarten sind Der Urlaub darf nicht erteilt werden, wenn zu befürchten ist, daß der Schüler infolge der Unterbrechung des Unterrichts das Klassenziel nicht erreichen wird. Schülern des letzten Schuljahres darf

innerhalb der Zeit von 6 Monaten vor Schuljahr­schluß kein Urlaub erteilt werden.

2. Der Urlaub darf die Höchstdauer von 4 Wochen nicht überschreiten.

3. lieber die Beurlaubung entscheidet der Schul­leiter nach Fühlungnahme mit den Klassenlehrern und den übrigen am Unterricht des Schülers betei­ligten Lehrern.

4. Die Urlaubserteilung bedarf der Zustimmung der Erziehungsberechtigten. Diese sind, soweit es an­gebracht erscheint, darauf hinzuweisen, daß bei Be­urteilung der Schulleistungen eine Rücksichtnahme auf die Teilnahme an dem Lehrgang nicht erfolgen kann.

5. Die Urlaubsanträge sind von dem zuständigen Gebietsführer unter Benutzung der von der Reichs- jugendführung mit meinem Einverständnis heraus­gegebenen Formblätter an den Anstaltsleiter zu richten. Gibt der Schulleiter dem Antrag statt, so ist das Formblatt mit entsprechender Stellungnahme dem zu beurlaubenden Schüler auszuhändigen. Kann der Urlaub nicht erteilt werden, so ist das Formblatt mit kurzer Begründung der Ablehnung dem zu­ständigen Bannführer der Hitlerjugend zuzuleiten.

6. Die gleichen Richtlinien gelten für Beurlaubun­gen bei der Einberufung zu Geländesportkursen und Luftschutzübungen. Ziffern 1 bis 4 der Richtlinien gelten auch für die ausnahmsweise stattfindenden Beurlaubungen von Schülern für die Ausleseschu­lung der Obleute des Volksbundes für das Deutsch­tum im Auslande. Ob und inwieweit Beurlaubungen auch in anderen ähnlichen Fällen stattfinden können, bleibt meiner Entscheidung Vorbehalten."

Plakette des WHW. berechtigt, für die Monate No­vember und Dezember 1934 einen Betrag von 20 Prozent und für die Monate Januar bis März 1935 einen Betrag von 15 Prozent der für diese Monate zu entrichtenden Lohnsteuer als angemessen bezeichnet. Zur Klarstellung weise ich darauf hin, daß vom Monat Januar 1935 ab diese 15 Prozent von der nach dem Einkommensteuergesetz vom 16. Oktober 1934 zu entrichtenden neuen Lohnsteuer zu berechnen sind Um Härten zu vermeiden, soll indesien die Spende der Lohnsteuerpflichtigen zum WHW. im Einzelfall die Dezemberspende (20 Pro­zent der alten Lohnsteuer) nicht übersteigen. Die Sonderspende der veranlagten Einkommensteuer­pflichtigen (monatlich 3 Prozent der nicht durch Lohnabzug getilgten Einkommensteuerschuld für 1933) wird hierdurch nicht berührt."

Den Adel der Arbet

kennzeichnen die diesmaligen deutschen Wohlfahrts­briefmarken. Es find Darstellungen gewählt worden, die die friedliche Tätigkeit des deutschen Volkes in all seinen Ständen am Wiederaufbau des Reiches ausdrücken sollen. Sie zeigen Bilder von Männern der schaffenden Welt nach Entwürfen von Professor Ferdinand Spiegel und dürfen als erheblich schöner als manche der bisher erschienenen Wohlsahrtsbriesi marken bezeichnet werden. Es ist damit jedenfalls wieder eine Briefmarkenserie in den Verkehr ge­kommen, die nicht allein bei dem Sammler, sondern auch beim Publikum Anklang finden wird. Die Wohlfahrtszuschläge fließen in erster Linie dem Winterhilfswerk zu. Sie sind besonders bei den am meisten gebräuchlichen Werten derart gering ge­halten, daß die Verwendung der Wohlfahrts­briefmarken kaum eine Belastung bedeutet und da­her die kleine Mehrausgabe von jedermann ge­tragen werden kann, wenn man des guten Willens ist, durch Pfennige mit dazu beizutragen, den Zweck des Wohlfahrtsbriefmarkenvertriebs zu fördern und zu unterstützen. Wer möchte überdies zurückstehen, wenn Dank und Freude der Aermsten das Ergebnis sein werden? Die Richard-Wagner-Wohlfahrtsbrief­

marken lieferten im Vorjahre im ganzen Deutschen Reich einen Reinertrag von etwa 825 000 RM., ein Beweis dafür, daß auch durch zahlreiche kleine Spenden die großen Sammlungen des Winterhilfs­werks wirkungsvoll ergänzt werden konnten. Durch die Opferfreudigkeit der Bevölkerung und die tat­kräftige Mitarbeit aller am Betrieb beteiligten Kreise gelang es, in Hessen eine Absatzsteigerung von über 100 Prozent zu erzielen. Doch wie sagt ein Dichterwort:Genug ist nicht genug genug kann nie genügen". Darum ergeht auch heute wieder an alle die Bitte, zu Frankierungszwecken aus­schließlich Wohlfahrtsbriefmarken als vollgültige Postwertzeichen im In- und Auslandverkehr zu be­nutzen. Erhältlich sind die Marken außerpostalisch durch die NS.-Volkswohlfahrt, deren Kreisamts­leitungen, Ortsgruppen-, Block- und Zellenwarte sowie durch die Übrigen anerkannten Organisationen der freien Wohlfahrtspflege. Die postalische Gültig­keit der Marken währt bis 30. Juni 1935.

NSSDT. (früher KDAI ).

Der Kreisamtsleiter macht die Mitglieder des NSBDT. auf einen Vortrag im Bund für Volks­tum und Heimat aufmerksam, den Professor Dr. Rauch am nächsten Mittwoch, 23. Januar, im Studentenhaus, Leihgesterner Weg, über das Thema Die alten Fachwerkbauten Gießens" halten wird. Der Besuch dieses mit Lichtbildern ousgestatteten Vortrags wird den Mitgliedern des NSBDT. bestens empfohlen.

Kameradschastsabend der Motor-SS.

Der SS.-Motorsturm 7/30 veranstaltet heute abend 8 Uhr mit seinenFördernden Mitgliedern" im Cafe Leib einen Kameradschaftsabend. Die mu­sikalischen Darbietungen, welche die Kapelle der 2. SS.-Standarte Frankfurt a. M. und bedeutende Solisten des Frankfurter Opernhauses bestreiten, werden allen Teilnehmern einen genußreichen Abend verschaffen. Deutsche Tänze werden den Abend be­schließen. Es soll in dieser Vorbesprechung die Freude des Ueberraschtwerdens durch vorzeitiges

Herrmann Kraus, Frankfurt a.M., spielt im dritten Symphoniekonzert des Konzertvereins das Violinkonzert in l)-Dur von Beechoven.

Ausplaudern nicht gestört werden; nur soviel sei gesagt: die Teilnehmer an dieser Veranstaltung echter deutscher Volksgemeinschaft werden sich noch lange und gern der gemeinsam verlebten frohen Stunden erinnern. DieFördernden Mitglieder" nebst Angehörigen und Gästen sind herzlich ein­geladen.

Zwei Veranstaltungen des Neichsbundes Volkstum und Heimat.

Am kommenden Mittwoch tritt der Reichsbund Volkstum und Heimat mit zwei Veranstaltungen an die Oeffentlichkeit, die beide der Erhaltung hoben* ständiger Kulturformen dienen sollen.

Am Nachmittag wird der Landschaftsführer im RVH., Ministerialrat Ringshausen, in unserer Stadt eine Spitzen- und Stickerei-Werk* schau eröffnen, die das Interesse für Frauenarbei* ten und die damit verbundenen, in deutschem Volks* tum wurzelnde Heimgestaltung wachrufen soll. Diese Schau alter Spitzen, Stickereien und Mustertücher aus den beiden letzten Jahrzehnten des 19. Jahr* hunderts wird jeder deutschen Frau Anregungen geben, besonders über den technischen Lehrerinnen Wege zeigen für einen an hessisches Volkstum ge­bundenen Stickereiunterricht. Die Ausstellung dauert 14 Tage, der Ausstellungsraum wird noch bekannt­gegeben.

Für Mittwochabend lädt der RVH. alle Heimat* freunde ein zu einem Lichtbildervortrag von Prof. Dr. Rauch überDa s alte Gießen". Unsere alten Fachwerkbauten lind andere heimische Bau­denkmäler werden im Lichtbild gezeigt. DerFroh­sinn-Quartettverein" wird durch Vortrag von Hei­matchören die Veranstaltung bereichern. Nach den bisherigen Erfahrungen ist wieder mit einem starken Besuch beider Veranstaltungen des RVH. zu rechnen.

Genehmigungszwang

für Veranstaltung von Musikfesten.

Der Präsident der Reichsmusikkammer hat unta dem 9. Januar folgende Anordnung, Musikfeste be­treffend, erlassen: In der letzten Zeit haben wieder­holt Gemeinden und Provinzen Musikfeste veran-

Oer Zinnteller.

Von Wilhelm Scharrelmann.

Einmal, es ist in einem Hungerjahr gewesen zur Winterszeit und hat schon so scharf gefroren ge­habt, daß alle Gräben bis in den schwarzen Moor­grund hinein zugefroren gewesen sind, sitzt die junge Frau eines armen Holzschuhmachers im Teufels­moor abends noch spät und mutterseelenallein auf der Diele an ihrem Herde und wartet auf ihren Mann. Der ist auf Arbeit gewesen im Nachbardorf. Ader die Stunden vergehen, und er kommt nicht und kommt nicht. Zuletzt gibt sie es auf und denkt, er ist vielleicht bei seinen Verwandten über Nacht geblieben, stellt ihr Spinnrad und die Wolle an die Seite, nimmt die Pfanne vom Nagel und will sich ein paar Bratkartoffeln zum Abendbrot machen.

Da es aber in der Zeit gewesen ist, daß sie ihr erstes Kind erwartet hat und sie mit ihrem Mann feit langem, Abend für Abend, immer nur Brat­kartoffeln gehabt hat, ist plötzlich ein so großes Ver­langen nach etwas anderem über sie gekommen, daß sie sich gar nicht hat lassen können und alles darum gegeben hätte, wenn sie sich einmal wieder an einem Pfannkuchen hätte satt essen können. Sie hat aber nichts von dem, was dazu gehört, im Hause gehabt, nicht mal ein Lot Mehl und nur ein einzi­ges Ei, das Sins ihrer wenigen Hühner trotz der Kälte und wohl nur aus Versehen gelegt gehabt hat.

Wie sie noch sitzt und in den blauen Rauch des Feuers blickt, und mit sich kämpft, ob sie nicht we- nigstens das Ei zu ihren Kartoffeln in die Pfanne schlagen soll, hört sie plötzlich Schritte beim Hause meint, daß ihr Mann doch noch gekommen ist, und geht hin und stößt den Riegel von der Tür.

Als sie aber hinausguckt, sieht sie, daß es zu schneien begonnen hat und ein Fremder vor ihrer Tür steht, der einen Packen auf dem Rucken tragt und da steht, so weiß wie ein Müllerknecht, der eben aus der Mühle kommt. Da meint sie, daß es ein Handelsmann ist, der bei dem Schnee vom Wege abgekommen ist, wundert sich freilich, daß so einer noch zu der späten Stunde unterwegs ist, mag aber weiter nicht fragen und sagt nur:Kumm rin un warm Di." r , .

Das hat der Mond denn er ist es gewesen bei der bitterkalten Nacht nicht ungern gehört, ist doch ein Ostwind über das Moor gegangen, so rauh und scharf wie eine Zweimännersäge.

Sie rückt also ihre Kartoffeln vom Feuer, setzt die Pfanne auf den Tisch im Unterschlag, legt em paar Gabeln auf und nötigt den Fremden mit zu essen. Der läßt sich auch nicht lange bitten und langt zu, bescheiden und still und ganz in der Weise, wie er die Leute im Moor von jeher hat essen sehen.

Die Frau aber muß bei jedem Bissen an den Pfannkuchen denken, den sie so gern gegessen hätte

und seufzt über ihrem heimlichen Verlangen so laut auf, daß der Fremde sie fragt, ob ihr etwas fehle und er ihr helfen könne. Da erschrickt sie ein wenig, daß sie sich verraten hat, will aber nicht sagen, was sie bedrückt, und steht lieber vom Tisch auf, damit der Fremde aufhören soll, mit Fragen in sie zu dringen. Als er aber immer noch nicht nach­läßt, stößt sie zuletzt doch heraus, daß sie für ihr Leben gern einmal wieder Pfannkuchen äße, aber fein Mehl und nur einziges Ei im Hause habe, und muß sich darüber heimlich eine Träne aus dem Augenwinkel wischen.

Der Mond nun, kaum, daß er ihren Wunsch ver­nommen hat, antwortet ihr, wenn sie weiter keinen Kummer habe, solle ihr bald geholfen fein. Er wolle ihr einen Pfannkuchen backen, wie sie in ihrem Leben noch keinen gegessen habe.

Sie meint aber, daß es nur Spaß ist und sagt:

Kannst du ok backen van wat un van nicks, denn tühn man nid) lang un back em man fix", hat aber nicht wenig erstaunt aufgesehen, als der Mond sogleich alles, was zu einem Pfannkuchen gehört, aus seinem Sack genommen, Wasser dazu aus dem Eimer beim Herde geschöpft und in einer Schüssel, die er aus dem Tellerrack an der Wand genommen, einen so herrlichen Teig bereitet hat, daß der Frau die Augen darüber groß geworden sind. Wie er dann den Kuchen in der Pfanne aufs Feuer gestellt und ihn auf beiden Seiten schön braun gebacken hat, ist ihr schon von dem Duft das Wasser im Munde zusammengelaufen, daß sie die Zeit nicht hat abwarten können, bis er fertig ge­worden ist und sie sich hat dahinter setzen können.

Wie sie noch ißt und gar nicht satt werden kann wie ein überhungriges Kind, sieht sie, daß der Fremde, ein zufriedenes Lächeln auf seinem breiten runden Gesicht, seinen Sack wieder zuschnürt und sich anschickt weiter zu wandern. Da will sie sich gern dankbar erzeigen und ihm etwas schenken für seine Mühe und die herrlichen Zutaten zu dem Pfannkuchen und beginnt herumzukramen, was sie ihm denn wohl geben könne, und findet nichts Rech­tes. Ohne Dank aber, mit einem bloßen Wort, soll er nicht gehen. Da fällt ihr zuletzt das Halstuch ein, das sie einmal von ihrer Mutter bekommen und immer sorgsam geschont hat. Das ist aus himmelblauer Wolle gewesen und mit Silberfäden durchwirkt. Wie sie es nun dem Fremden schenken und es ihm bei der Kälte draußen gleich um den Hals legen will und dabei ganz dicht vor ihn hin- tritt und der helle Schein aus seinem Gesicht in das ihre fällt, wird ihr so wunderlich zu Sinn, daß sie meint, es sei ihr in ihrem Leden noch nicht so gewesen. Der Fremde will aber ihr Tuch nicht nehmen, schüttelt nur den Kopf und geht so still zur Tür, wie er hereingekommen ist. Da wird sie traurig, daß er nun doch ohne Dank bleiben soll.

und will ihm wenigstens den Weg zeigen, damit er sich nicht von neuem verirrt. Darüber hat der Mond lächeln müssen, so still und gut, wie nur er lächeln kann, hebt die Hand zum Gruß und ist schon sacht davon. Sie aber geht ihm nach und fühlt die Kälte nicht, kann ihn jedoch draußen nicht erreichen, soviel Mühe sie sich auch Darum gibt. Da verlegt sie sich zuletzt aufs Rufen, er solle umkehren und einen anderen Weg nehmen, sonst gerate er in das tiefste Moor! Wirklich glaubt sie auch, daß er sie gehört hat und sich umwendet. Als er aber näher kommt, erkennt sie, daß es der Fremde nicht ist, sondern ihr Mann, der vor sie hintritt. Der wundert sich nun nicht wenig, daß sie bei ihrem Zustand in Nacht und Schnee im Moore herum­irrt, und meint, daß sie ihm hat entgegengehen wollen. Sie ist aber wie verstört und weih nichts zu sagen und sieht ihn nur groß an, daß ihm ganz fremd dabei wird.

Erst als er sie wieder ins Haus geführt hat, kommt sie zu sich und nötigt ihn an den Tisch, da­mit er den Rest von dem Pfannkuchen esse, den ihr der Fremde gebacken hat. Aber da ist fein Pfannkuchen gemeßen, und nur der blanke Zinn­teller steht da ünb gleißt im Mondschein wie Silber.

Da hat es dem Mann keine Ruhe gelassen, und er ist noch in derselben Nacht auf die Nachbarschaft gegangen, ein wenig Mehl und Zucker zu dem Ei zu borgen, das seine Frau für ihn geschont hat, und hat ihr einen Pfannkuchen gebacken, so schön, daß sie still und mehr als satt davon geworden ist.

Der Mond hat aber auf diese Weise doch noch seinen Willen gekriegt...

Blitzchen kriegt neue Zahne.

Von Herbert Grünhagen

Pap liegt auf der Chaiselongue, Blitzchen sitzt auf seinem Brustkorb. Sie sitzt dort oben wie auf einem hohen Turm. Vor den Fenstern pfeift der Ostwind herum und spielt mit dem Schnee und der Dämmerung, hier auf dem Turm aber ist es warm und hell.

Blitzchen ist einundeinhalbes Jahr alt. Wenn sie gesund ist, fährt sie durch die Wohnung wie ein kleines Segelschiff. In ihrem Hellen Lebenssegel sitzt ein milder Wind, daher schlingert und schwankt sie ein bißchen, wenn sie so fährt. In der Küche hat sie eine besondere Freundschaft mit den Eierbechern. Sie hat schon eine ganz schöne Anzahl ums Leben gebracht. Wenn Ta Lene das Geschirr wäscht, muß Blitzchen einen Löffel und einen Lappen haben, und Dann wischt sie mit Inbrunst am Löffel herum.

Blitzchen hat einen großen Brummkreisel. Der ist roten und gelben Streifen bemalt Oberdrauf sitzt ein roter Knops aus Holz. 2m Bauch des Kreisels

sitzt eine Schnecke Zieht man den Knopf hoch un!) drückt ihn wieder herunter, so dreht sich der Krei­sel. Und während er sich dreht, macht er eine sum­mende Musik. An dem arbeitet nun Blitzchen uner* müdlich herum, und er dreht sich ein bißchen, aber er kriegt keinen Schwung und er macht keine Mu­sik. Doch Blitzchen ist mit ihrem Kreisel sehr ftolfc

Pap hat eine gewaltige Lunge. Er baut grvßtz Türme aus lauter Kästen und dann bläst er sie um. Das ist eine begeisternde Sache. Blitzchen pustet unb bläst, und schwupp ist der Turm um. Nimmt man's genau, hat ihn Blitzchen mit der Hand um* geschlagen.

Heute sitzt Blitzchen ganz still auf Paps Brust. Sie ist ein bißchen blaß. Sie mag nicht viel essen, sie kriegt Zähne. Acht winzige, weiße Zähnchen hat sie schon. So einen Zahn zu gebären, Teufel, das ist eine Sache. Blitzchen sitzt da, still und blaß, und tippt auf Paps Westknopf.

Pap fragt sich, warum es so schwer fein mag, einen Zahn hervorzubringen. Blitzchen hat eine halbe Stunde gequiekt, als ob sie am Bratspieß stäke. Ma bat sie auf den Arm genommen, Ma hat gelungen, Ma bat Blitzch-ms kleinen Kopf an ihre Brust gelegt, Ma hat Blitzchen gewiegt, Ma hat sie auf die Fensterbank gestellt und ihr die Schnee* flocken gezeigt, Ma hat die Eierbecher schön in eine Reihe gestellt und den Brummkreisel Musik machen lassen Blitzchen aber hat gebrüllt und gebrüllt und keine Träne gemeint. Dann hat Ma sie wieder ins Bett gelegt und fein zugedeckt. Und Ma war kaputt unb Blitzchen hat weitergequiekt. Ma bat gedacht, ob sie Bauchweh hat, vielleicht war die Milch nicht in Ordnung, unb sie wirb es ber Milch* frau sagen aber nein Blitzchen soll Zähn« kriegen. Unb ein Zahn, nein, dos ist nicht so ein­fach. Aus einmal aber war Blitzchens Gebrüll wie abaeschnitten. Blitzchens Augen hatten einen nassen, verschwimmenben Glanz. Unb als Pa kam, lächel* ten l'e ihn an ^ur daß nochmal unb nochmal ein erschütternbes Schluchzen burch sie hin ging.

Nun spielt sie mit Paps Westenknopf. Dann steckt sie zwei Finger in ben Munb unb lutscht. Paps Brille, fällt ihr ein, ist eigentlich auch ganz hübsch, unb sie roanbert langsam mit dem Zeigefinger auf Paps Brillengläser herum, aber bas Spiel, Paps Schlips aus ber Weste zu ziehen, ach, bas strengt heute viel zu sehr an. Mama, sagt sie leise unb zärtlich vor sich hin, unb bann roanbert bie Spitz« ihres linken Schuhs ein bißchen von links nach rechts, unb Blitzchens Augen wandern hinter ber Spitze her.Da", sagt sie.Da". Pa berounbert ben Stiefel, ben ihr Oma geschenkt hat, gehörig. Unb bann wandert,da", Blitzchen mit dem rechten Schuh, unb auch ben wirb Pa gehörig bewundern. Unb ein paar Tage später wird Ma sagenGiut mal. Pap, zwei Zähne."