Ausgabe 
18.12.1935
 
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Nr. 295 vierter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffenj

Mittwoch. 18. Dezember r935

inter und Weihnachten in der Photographie

einmal historisch würdigen werden. Mit diesen Bil­dern schaffen wir also über den Tag hinaus, soviel ernste Freude wir selbst an ihnen haben. Aber es kommt nicht einmal immer nur auf die Freude an. Selbst das Photographieren des Lieb­habers kann den Zweck erfüllen helfen, dem jetzt so vieles in unserem Gemeinschaftsleben dient: Auf­ruf zu sein, für uns selbst und andere. In diesem Sinne können wir die Tage vor Weihnachten nutzen, können ohne die Entbehrung zum Schauspiel herabzuwürdigen, vielleicht Bilder als Dokumente herrschender Not schaffen. Aber in all diesem Tun muh immer die Absicht sein, für die Not und Ent­behrung Abhilfe zu finden, vielleicht sogar mit Hilfe unserer Bilder, sie mobil zu machen. Hierbei ist an Ausgabestellen der W i n t e r s p e i s u n g e n ge­dacht, an die Kleider- und Pfundsammlung, an alle anderen Kampfmittel des deutschen Winter- hilfswerkes. Aber es sei nochmals betont, daß solche Aufnahmen mit viel Takt gemacht fein wollen, damit wir niemand kränken.

Gelingen sie, helfen sie auf irgendeine Weise die Not lindern, dann dürfen wir um fo freudiger und um so unbeschwerter dem Fest selbst entgegengehen.

Einnahmen, die in erster Linie die Reichsbahn, vor allem aber die vielen Wintersportorte durch den Besuch erholungsbedürftiger und lufthungriger Flachlandbewohner haben. Hier kommen alljährlich erstaunliche Zahlen heraus, die beweisen, daß der Wintersport in man kann ohne zu übertreiben sagen wenigen Jahren zu einem Volkssport ge­worden ist, dessen Gemeinde der anderer volks­tümlicher Sportarten nicht nachsteht.

Zu den vielenZünftigen", b. h. denen, die den Wintersport in erster Linie auf ihre Zah­nen geschrieben haben und im Sommer irgend­einen Ergänzungssport treiben, kommen die vielen anderen Sportler aus anderen Lagern, die ihrerseits wiederum den Wintersport als Ergänzungssporl betrachten.

inlerfpori ist Volkssport

Anregungen und Winke für den Kamera-Liebhaber.

Von Walther Appelt

Zum Reichsberufswettkampf

jetzt anmelden!

LPD. Frankfurt a. M., 17. Dez. Nachdem in der Zeit von Oktober bis Mitte Dezember die weit- verzweigte Organisation des Reichsberufs­wettkampfes geschaffen wurde, sind in den letzten Tagen überall in Stadt und Land die Wett­kampfleiter für die einzelnen Gruppen ernannt und die Arbeits- und Prüfungsausschüsse gebildet wor­den. Auch im Gau Hessen-Nassau schreiten

Gleichmaß der Gezeiten, dem Wechselspiel von Ebbe und Flut, dem bald mächtig rauschenden, bald leise flüsternden Gesang der Wellen. Die minter* lichen Berge lösen die gleichen Schwingungen in unserer Seele aus, sie offenbaren uns Schönheiten von überwältigender Einmaligkeit, sie lindern und lösen bei ungezählten Tausenden die Sorgen und Nöte, die uns im Alltag zu schaffen machen.

Zu diesem seelischen Erleben treten die großen gesundheitlichen Vorzüge, über die heute eigent­lich kein Dort mehr verloren zu werden braucht. Wintersport in jeder Form, ob als Eislauf, als Schlittenfahrt oder als Skilauf betrieben, ist ein Jungbrunnen im wahrsten

Sinne des Wortes.

Unsere Lungen weiten sich in der klaren, fast bak­terienfreien Luft, der ganze Körper wird von der trockenen Kälte, die uns in den Bergen umfängt, gleichsam massiert, alle Muskeln bekommen Arbeit, wenn wir uns durch den tiefen Schnee in die reinen Höhenspuren" oder sausend mit dem Schlitten zu Tal fahren.

Ja, zugegeben, werden manche sagen, aber die Kosten! Gemach! Sie spielen heute keine ausschlag- gebende Rolle mehr. Die segensreiche Organisation Kraft durch Freude" veranstaltet alljährlich viele Fahrten in die winterlichen Berge, die zu den schön­sten und bevorzugtesten Wintersportplätzen führen. Diese Fahrten, gleichviel ob man sich zu einer acht­tägigen oder öierzehntägigen entschließt, sind so billig, daß sie heute fast jeder Volksgenosse erschwin- gen kann. Im Lause eines Jahres kann man die wenigen Mark, die eine solche Reise kosten, zusam­mensparen. Auch die Kostenfrage der Ausrüstung bereitet keine unüberwindlichen Schwierigkeiten mehr. Ein PaarBrettl", ferner Stöcke und Ski­stiefel sind zu wirklich niedrigen Preisen zu haben, das Material ist haltbar und gut, es genügt den Anfängeransprüchen und auch denen, die schon etwas tiefer in die Geheimnisse des Wintersportes einge­drungen sind, vollauf. Genau so ist es mit der Wintersportkleidung.

Für den Anfänger genügt vollkommen ein der­ber Sportanzug, ja, eine feste Knickerbockerhose, ein warmer Pullover.

Wer sich zu Höherem berufen fühlt, wer Leistungen erstrebt, wird sich allmählich anschaffen, was seiner Passion gemäß ist. Für alle jedenfalls, die eine Winterwanderung auf Schneeschuhen als das Schönste schätzen, was uns die gütige Natur bereitet hat, darf die Kostenfrage keine Angelegenheit des Zweifels ober gar Verzichtes mehr fein. Sie ist es auch nicht mehr, das beweist die van Jahr zu Jahr ständig steigende Zahl der Wintersportler. Wintersport ist Volkssport!

die Arbeiten rüstig vorwärts. Die Kreisausschüsse sind inzwischen züsammengetreten, und die Orts­ausschüsse, in denen maßgebende Vertreter der Be­wegung, des Handwerks, des Handels, sowie der Industrie und der Landwirtschaft vertreten sind, sind ebenfalls gebildet oder in der Bildung begrif­fen. Nunmehr wird von Berlin aus die gesamte schaffende Jugend unseres Volkes zur Teilnahme am Reichsberufswettkampf aufgerufen. In diesen Tagen gelangen in allen Betrieben, Berufsschulen und son­stigen Stellen im Gau Hessen-Nassau die Merk­blätter zum Reichsberufswettkampf 1 936 an sämtliche Jungarbeiter und Lehrlinge, so­wie an Mädels in der Berufsausbildung zur Ver­teilung. Damit find die Vorbereitungen zur Olym­piade der Arbeit, wie wir von der Gaujugendwal- tung erfahren, in ihr zweites Stadium getreten. Auch diesmal werden die Jungarbeiter und Jung­arbeiterinnen in hellen Scharen zu den Anmelde­stellen strömen, denn die Idee dieses die gesamte schaffende Jugend umfassenden Leistungswettstreites hat nach zweimaliger Durchführung die gesamte deutsche Jugend erfaßt. Sämtliche Berufe sind wieder beteiligt, zum ersten Male auch die Stu­denten und nicht zuletzt die ungelernten Arbei­ter, männliche und weibliche. Voraussetzung für die Zulassung zum Reichsberufswettkampf ist die arische Abstammung. Die Altersbeyrenzung liegt bei 23 Jahren. Da für jeden Ort Höchstteilnehmer­zahlen festgesetzt sind, findet unter Umständen eine Auslese der Anmeldungen statt, die durch die ört­liche Wettkampfleitung erfolgt. Die Teilnahme ist kostenfrei. Die eigentlichen Wettkämpfe werden in der Zeit vom Februar bis Mai n. I. durchgeführt. Der große Voreittscheid, bei dem von insgesamt 1 Million Teilnehmern im Reich im Gau Hessen- Nassau 56 000 Jungarbeiter und Jungarbeiterinnen antreten, findet vom 2. bis 15. Februar statt, der Gauwettkampf, der jeweils die Besten des Gaues vereinen soll, in der Zeit vom 4. bis 15. März. Der Endkampf wird in den Tagen vom 24. bis 30. April in Danzig ausgetragen und bringt die Reichssieger, die vom Führer in der Reichskanzlei empfangen werden.

In gewissem Sinne sind es die Festzeiten unseres Alltages, die uns selber immer neu die Schönheit unserer liebhaberischen Betätigung im Photo- Sport beweisen. . Erinnerungsaufnahmen, die »rotzdem nicht gar zu oberflächlich im Motiv haften müssen von frohen und aus der gleichförmigen Reihe herausgehobenen Tagen machen uns das Photographieren der Opfer wert, die wir ihm bringen. Aber nicht nur an Gruppenauf­nahmen von einem Geburtstag oder einem Der- einsjubiläum ist hier gedacht, die der ernsthaft ar­beitende Liebhaber fast ganz ablehnt. Sondern ge­meint sind Sommer und Reise, Winter und Weihnachten. Der Winter, der uns zeitlich in diesen Wochen nähersteht als andere Motivgruppen, ist in seinen Auswertungen für den Photographen so vielgestaltig, daß wir heute nicht mehr begreifen, wieoiele früher die Kamera in tiefer Winterruhe irgendwo verstauten und versteckten. Hat auch die weniger hochentwickelte Leistungsfähigkeit des Aufnahmematerials hierzu ihren Teil beigetragen, so behauptete doch mancher, der Win­ter wäre zu tot, böte keine lohnenden Motive. Das gilt nicht einmal immer für den November, aber immerhin für ihn zuweilen doch. Und feine grauen, nebelverhangenen Wochen verleiden dann manchem die Luft, obwohl ihnen doch in jedem richtigen Wijfter gerade für die Schwarz-Weiß-Kunft des Photographen die reichste Auswahl an schönen Motiven folgt. Auch der stimmungsmäßige Höhe­punkt des deutschen Winters, Weihnachten und bie Weihnachtszeit, bietet lohnende Motive. Wo Kinder im Hause sind, oder wo an Kindern gedacht und für Kinder gebastelt wird, haben diese Freuden der Arbeitsabende schon an- gefangen. Das gilt auch für die Handarbeiten der Mädels und der Frauen, die dann als Geschenke auf Gabentischen liegen sollen. So handelt es sich bei den Arten von Winter- und Weihnachtsauf­

nahmen, von denen zunächst die Rede sein soll, zu­meist um Heimaufnahmen. Und im Gegensatz zu den schwierigeren Feiertagsbildern, auf denen die quecksilbrige Schar der Kleinsten möglichst un­beobachtet beim Spiel geknipst werden sott, erlauben dievorweihnachtlichen" Bilder ruhige Vorberei­tung. Man darf es ihnen sogar ansehen, daß sie im Zimmer, und daß sie bei künstlichem Lichte gemacht sind. Deshalb brauchen also nicht ängstlich, wie sonst bei vielen Innenaufnahmen, Einrichtungsgegenstände der Wohnung aus dem Bildfelde herausgenommen zu werden, außer wenn etwa helle Türrahmen, weiße Decken, Spiegel oder blitzende Metallsachen unerwünschte Reflexe werfen oder störende, ablenkende Linien ins Bild bringen. Das Wesentliche muß immer der Mensch und die Gruppe bleiben, die er mit anderen oder mit seiner Arbeit bildet. Aber wenn es sich machen läßt, wirkt es besser, wenn er nicht im unbestimm­ten, scheinbar leeren und ganz beziehungslosen Raume schafft, sondern wenn Der Hintergrund ohne Aufdringlichkeit als behagliches Wohnzimmer an wenigen, aber klaren Einzelheiten erkenntlich ist. Das ist nicht fo leicht, wie es klingt. Denn die Gruppe soll den Bildraum doch so füllen, daß sie ihn beherrscht. Mehr als Andeutungen bleiben also für das Zimmer kaum übrig. Wegzufallen haben sie im Vordergrund, also etwa auf dem Tische. Da soll kein Leuchter stehen, auch wenn er sonst dort seinen Platz hat. Und da soll keine großblumige Decke lie­gen, die das Augenmerk mehr auf sich zieht als das darauf liegende Handwerkszeug oder Arbeitsgerät unserer Bastler.

Bei Aufnahmen dieser Art, die voller Freude sind oder doch sein sollen, muß heutzutage immer wieder auch an das Opfer gedacht werden. Viele deutsche Gaue sind abwechselnd mit der Herstellung der Winterhilfsabzeichen beschäftigt, und min- bestens die damit beschäftigten Heimarbeiter und -arbeiterinnen hat mancher einmal Gelegenheit, zu photographieren. Diese Bilder sind dann weit über das Persönliche, Familiäre und Engbegrenzte hin­aus Einblicke in eine Zeit, die spätere Geschlechter

Wäre diese Überschrift vor einigen Jahrzehnten in einer Tageszeitung erschienen, so hätte sie be­rechtigtes Erstaunen und Kopfschütteln hervorgeru­fen. Diese Tatsache kennzeichnet am besten die Ent­wicklung, die der Wintersport in den Jahren nach dem Kriege nicht nur bei uns, sondern bei allen Völkern, bei denen die natürlichen Bedingungen des Landes die Ausübung des Wintersports ge­statten, genommen hat. Noch eine andere Tatsache ist für den ungeheueren Auftrieb, den der Winter­sport erfahren hat, bedeutsam. Heute ist es selbst­verständlich, daß in den großen Städten des Reiches Wintersportausstellungen stattfinden, daß es Spezialgeschäfte gibt, die Wintersportartikel ver­treiben, wodurch gleichzeitig wieder dokumentiert wird, daß das Emporblühen irgendeiner Sportart immer gleichzeitig ein Auftrieb für irgendeinen Wirtschaftszweig bedeutet. Eine Statistik darüber, wieviel Menschen heute Brot und Arbeit dadurch erhalten, daß man sozusagen den Winterent­deckt" hat, daß die Freude am Tummeln in den winterlichen Weiten mit der Erkenntnis der unge­heueren gesundheitlichen Vorzüge eines Winter­urlaubs Hand in Hand geht, würde sehr über­raschende Zahlen bringen. Unzählige Skier, Ski­stiefel und Stöcke, Schlitten und Schlittschuhe, von dem außerordentlich reichhaltigen Bedarfsmaterial für den Wintersport, der für ganze Zweige der Bekleidungsindustrie ein bedeutsamer Faktor ge­worden ist, ganz zu schweigen, verlassen heute die Fabriken und gelangen auf dem Wege über zahl­lose Sportartikelgeschäfte an die Verbraucher.

Aber das ist nur !die eine Seite des Winter- sports als Wirtschaftsfaktor. Hinzu kommen die

ganz zu schweigen von denjenigen, die in jedem Jahr für sich das winterliche Paradies entdecken, ihm, obgleich sonst vielleicht dem Sport fernstehend, für immer verfallen sind und dem Winter die Treue halten.

Aber nicht die wirtschaftliche Lage ist allein wich­tig, sondern Wintersport bedeutet für Hunderttau- scnde deutscher Volksgenossen den Jungborn nach einem Jahr schwerer Arbeit. Er bedeutet ein wun­dervolles Erleben, dem nur wenig an die Seite ge­stellt werden kann, ein Einbezogensein in die Land­schaft und ihre ganze feierliche Pracht, das viele Menschen vielleicht noch tiefer ersaßt als ein Aufent­halt am Meer. Es sind dieselben Erlebnisquellen, die hier zusammenführen. Auch das Meer überwäl­tigt uns ja in feiner stummen Großartigkeit, in fei­ner majestätischen Erhabenheit und dem ewigen

Opferwoche des deutschen Radsports.

Die Radfahrer wollen in ihrer Opferbereitschaft hinter den übrigen deutschen Sportlern keineswegs zurückstehen und stellen sich auch in diesem Winter wieder in den Dienst der guten Sache. Der vor­jährige Opfertaq wird diesmal zu einer Opferwoche des deutschen Radsports ausgestaltet. In der Zeit vom 2 9. März bis 4. April werden alle Glie­derungen des Fachamtes aufgefordert, gewinnver­sprechende Veranstaltungen durchzuführen, deren Ertrag dem Winterhilfswerk zufließt.

Rodheim (Sieger im Mannschastsgercite- kampf in Rodheim

Der am Samstag zum dritten Male ausgetra­gene Kampf zwischen den Mannschaften der Turn­vereine Kinzenbach, Krofdorf und Rod - heim in Rodheim brachte den Gastgebern den ersten Sieg in den bisher ausgetragenen Kämpfen. Auf den zweiten Platz kam Krofdorf vor Kinzenbach.

Kurze Sportnotizen.

Die Paarungen für die Vorschlußrunde um den Fußball-Bundes-Pokal lauten: Bayern Süd- roeft in Augsburg und Sachsen Brandenburg in Chemnitz. Die beiden Spiele kommen am 5. Ja­nuar zum Austrag.

C1 u b" und Schalke weilen während der Weihnachtswoche in Berlin. DieKnappen" spielen

Südliche Lusel.

Von Wera Wagenschein.

Mit freundlicher Erlaubnis des Verlages Pfister & Schwab, Gettenbach bei Geln­hausen, aus dem soeben erschienenen Buch: Wera Wagenschein, Südliche I n - s e I. Mit Umschlagzeichnung und Vignetten von der Verfasserin. Preis kart. 1,80 Mark, Seinen 2,50 Mark.

Die See liegt vollkommen glatt heute, sanft und hell. Fern am Horizont fpringt ein Delphinenpaar und später eine ganze Herde; Silber und glänzen­des Schwarz.

Wir schwimmen weit.

Wenn Riffe aus der Tiefe steigen bis nahe zu uns empor, grünblasse Felsennadeln, die mit kleinen Rucken sich höher zu winden und nach uns zu züngeln scheinen, staunen wir über die liebliche Buntheit: jeder Stein, jede Alge hat einen Regen­bogen.

Der Meeresgrund mit seinen Schluchten und Bäumchen fährt unter uns hin. Herden von durch­sichtigen Fischen, schwarz geringelt an Kopf und Leib, spielen und jagen uno reifen tief unter uns und leuchten hell im Sonnenschein; bis sie in unsere Schatten geraten, die wie riesige dunkle Schmetter­linge mit langsamem Flügelschlag dort unten ziehen.

Heiße weiße Mittagswölkchen über dem Vellebit steigen und wandern dahin.

Im leichten Wind ziehen schwere Fischerbarken hinaus. Eine kleinerefolgt ihnen, auf deren weißem Segel ein rotbraunes Pferdchen springt; es hebt sich auf die Hinterfüße, und mit runden Vorder­beinen und zurückgeworfenem Kopf drängt es vor­an. Die großen Segel der andern sind zitronengelb mit dunkelroter Bemalung, flammend auf dem blauen Meer. Eins hat das Bild eines großen Fisches, eins einen Stern, ein anderes das byzan­tinische Kreuz über dem Möwenvogel, der schlafend den Kopf in den Flügeln verbirgt.

Die Rücken der Ruderer, die Segeltiere, das bißchen Gartenerde zwischen den Steinen am Berg __ sie haben das gleiche warme, still brennende Braunrot auf dem Grunde von lauter Blau oder ©rau.

Die Strandzwiebeln zittern vor Hitze. Stille und Bienengesumm. Nur von der nahen Bucht das leise frohe Geschrc' der Knaben.

Es weht von Süden und alle Kreatur ist sehr lebendig. Gekräuselt strömt die See, nur der dunkle Horizont steht fest. Der Delphin springt hohe herr­liche Bogen.

Es ist Sonntag.

Die Klippen sind voll von Schmetterlingen, die die kleinen Blumen und Kräuter in den Spalten besuchen. Manche gaukeln aufs Meer hinaus, samt­schwarze mit hellen Sternen am Rand, und ein elfenbeinfarbener mit langem treibendem Schweif.

Meertiere wedeln wellig mit den zarten Flossen.

Auf den Steinen schimmert es bunt; die beweg­teren Wellenscharen schmückten sie mit funkelnden Trümmern.

Ein kleines Ungeheuer wie aus Glas spreizt den beperlten Fächerschwanz und hüpft und glitzert im Mittag.

Orangefarben und wunderbar steigt der Mond empor hinter dem Dellebit. Er läßt ein Stückchen des scharfen Grates sehen, den er langsam abstreift. Eine ferne Welt

Heimliche Unruhe in der Nacht. Die Sterne flackern unstet, als ob irgendein gewaltiger Wind dort oben ihre Lichter entflammte.

Am Morgen weht die Bora, und der Sturm fährt übers Meer.

Eine blauschwarze Hummel stürzt sich auf die Brandung hinaus.

Begegnung mit Laufjungen.

Von Mare Stahl.

Der Laufjunge, der mir zum erstenmal den Staubsauger ins Haus brachte, war von zwergen­haftem Format und trug daher, um einen gerechten Ausgleich zu schaffen, bereits lange Hosen. Sein Benehmen war äußerst väterlich und wohlwollend und er betrachtete mich von der hohen Warte seiner Erfahrungen herab mit lächelnder Herablassung, der er aber doch alle Schärfe durch eine gewisse Milde nahm.

Ich war etwas beschämt, als ich sah, daß dieses Staubsaugersystem mir fremd war. Aber der Jüng­ling tröstete mich und sagte:Man kann alles lernen, wenn man nur will." Er warf sich dabei in die Brust, man sah, daß er aus Erfahrung I sprach.

Er setzte den Apparat unter weisen Belehrungen zusammen, gab mir den Bürstenstiel in die Hand, schaltete den Strom ein und sagte:Sehen Sie so, nur zu, machen Sie es gut, junge Frau, bis ich wiederkomme."

Ich saugte artig Staub, bis er wieder kam, mich lobte und den Staubsauger mit sich nahm. Er kam dann noch öfters und schüchterte mich durch seine Persönlichkeit vollkommen ein. Wenn man seinen Worten Glauben schenken wollte, flog das ganze Personal der Eisenwarenhandlung vor ihm. Ich glaubte ihm unbedingt.

Eines Tages schob sich an seiner Stelle ein riesi­ger Schlacks durch die Korridortür, der an allen Ecken anstieß und dessen lange, bloße Beine von dem Rudiment einer Hose bedeckt waren. Er setzte seine Last ab, schaute mich ratlos an, und ich hatte das Gefühl, er beherrschte sich sehr, um nicht vor Verlegenheit den Finger in den Mund zu stecken.

Meine durch seinen Vorgänger geknechtete Seele bekam sofort Oberwasser und ich sagte aufmunternd: Sieh da, ein neuer Herr, wo ist denn der frühere Laufjunge?"

Geflogen!" sagte der Goliath lakonisch.

Ich war darüber sehr verwundert, da ich doch stets von ihm gehört hatte, daß alle andern vor ihm geflogen seien. Ich bewunderte den Inhaber, der den Mut gehabt hatte, das Zeitwortfliegen" auch auf den jungen, forschen Mann anzuwenden.

Der junge Riese war ehrlich froh, als ich den Staubsauger selbst fertig machte, denn er versicherte mir, daß er von dem Mechanismus dieses Dinges keine Ahnung habe.

Plötzlich bemerkte er meinen grauen Kater, schrie: Eine Mulle!" und begann ihn zu streicheln.

Er war auf einmal beredt.Lassen Sie sich nicht stören", sagte er freundlich,saugen Sie ruhig den Teppich, ich spiele ein bißchen mit dem Tier."

Ich arbeitete also, und er spielte.Müssen Sie denn nicht zu Ihrer Firma zurück?" fragte ich.

Och, die können warten", erklärte er phlegma­tisch und strich über Jonnys Fell.Hat sie Junge?" fragte er.

Nein, das ist ein Kater", sagte ich.

Na ja", meinte er,dann kann man das nicht von ihm verlangen."

Endlich trennte er sich widerwillig von seinem lebenden Spielzeug.

Jedesmal, wenn er kam, spielte er ausgiebig. Als einmal das Telephon wütend läutete, sagte er ahnungsvoll:Sie suchen mich".

Der Chef war am Telephon und donnerte den Sünder an. Er verschwand langsam unter Mit­nahme mehrerer angebotener Bonbons und wurde nicht mehr gesehen. Das nächste Mal schob sich eine kleine, neue, freche Nase durch den Türspalt.

SJlorjen", sagte der Neue, ,,hier is er!" Schön", sagte ich,stellen Sie ihn nur hin." Er machte keine Miene zu gehen. ,Wollen Sie nicht einen Staubsauger kaufen?" fragte er.

Ich schüttelte den Kopf. Nein, mir war es viel lieber, ihn nur manchmal zu haben und ihn nicht immer herumstehen zu sehen, dazu fehlte mir der Platz.

Schade", sagte er.Fahren Sie Rad?" fragte er mich dann.

Nein", sagte ich.

Schade", meinte er,ich verleihe eins zu reellen Preisen."

Es tat mir sehr leid, aber ich wollte seinetwegen nicht extra radfahren lernen.

Wie roärs denn mitner Höhensonne?" fragte er.Prima gegen Rheumatismus, schmerzenswegen, aber auch schönheitswegen, zum Braunbrennen."

Ich sagte, ich hätte eine.

Dann ist kein Geschäft zu machen", seufzte er. Ich kaufe nämlich allerhand Kram für alt und mache es auf neu, ich bin nämlich Fachmann, wissen Sie."

Als er den Staubsauger abhulte, schlang er sich den Spiralenschlauch kunstgerecht wie ein Bande­lier um die Brust, nahm das Saugrohr wie einen Feldherrnstab in die Hand, und den Behälter setzte er nach Art orientalischer Frauen auf den Kopf.

Vorher hatte er den ganzen Apparat mir zu Nutz und Frommen auseinandergenommen, um mir alle Feinheiten zu zeigen. Leider sprangen da­bei einige Spiralen so vollkommen aus ihrem Lager, daß keine Macht der Welt sie wieder in Ordnung bringen konnte.

Das kann nicht jeder", sagte er, als er die Treppe herunter ging,das muß man gelernt haben."

Gleich darauf hörte icy ein Riesengepolter und sah, daß er samt seiner balancierenden Last die Treppe himmtergefatten war.

Ich sah ein, daß pian wirklich, um Laufjunge zu l sein, allerhand gelernt haben muß.