Nr. 244 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Zreitag, 18. Oktober (935
Unter -en Jahnen der Hitler-Lugend.
Oie Lndustrie- und Handelskammer Gießen
Oie Ergebnisse der Werbeaktio
Die großangelegte Werbeaktion der Hitler. Jugend im Gau Hessen-Nassau ist be- kanntlich am 13. Oktober zu Ende gegangen. Die Veranstaltungen der Hitler-Jugend im Bereich des Bannes 116 umfaßten während dieser Zeit u. a. fünf Groß-Kundgebungen, in Gießen, Hungen, Lich, Lollar und Grünberg, wobei jeweils Redner aus dem Gebietsstab zu Worte kamen. Die Marine- und Flieger-HI. veranstaltete gemeinsam Vorführungen im Kreise Gießen. Dazu kamen rund 30 Singabende und Abendfeiern gemeinsam mit dem Jungvolk in Gießen und im Kreisgebiet. Eine Großkundgebung ver- anstaltete die Hitler-Jugend gemeinsam mit der Partei in der Volkshalle zu Gießen, wobei Gruppenführer Pg. Prinz August Wilhelm die Ansprache hielt. Zu nennen wäre ferner eine Radfahrer-Kolonne des Jungvolks, die sich in Stärke von etwa 200 Jungen mit Fanfaren und ihren großen schwarzen Fahnen mit der Siegrune durch die Stadt Gießen bewegte. Außerdem veranstaltete das Jungvolk im Nahmen der Aktion mehrere Fahrten aufs Land. Den Abschluß bildete der große Aufmarsch der Hitler-Jugend in Liin- burg in Anwesenheit des Reichsjugendsührers Baldur von Schirach.
Die Fanale der Jugend haben die Aktion äußerlich weithin sichtbar eingeleitet und beschlossen. So flammten zu Beginn allein im Kreise Gießen über 80 Feuer auf. Zum Abschluß in Limburg bildeten die Feuer einen flammenden Kranz rings um die Stadt; von hier aus liefen sechs große Strahlen ins Gebiet, nach Gießen, Darmstadt und zum Odenwald. Im Kreise Gießen brannten sechs Feuer bis nach Allendorf a. d. Lahn. Erwähnt sei schließlich noch ein großer S t a s f e l l a u f zu Beginn der Aktion, der den Befehl des Gebietsführers zur Werbewoche vom Großen Feldberg aus zu den einzelnen Bannsitzen trug.
Ein vorläufiges zahlenmäßiges Gesamtergebnis der Werbeaktion für den Gau bis einschließlich Sonntagabend haben wir bereits veröffentlicht. Die Zahl der Zugänge, d. h. also der Neuaufnahmen im Bereiche des Bannes 116, der den Kreis Gießen umfaßt, beträgt insgesamt 312; davon entfallen auf die Hitler-Jugend 62, auf das Jungvolk 250. Auf dem Lande find einzelne Orte 100prozentig erfaßt worden; d. h. also, daß in diesen Orten die gesamte männliche Jugend in den Reihen der Hitler-Jugend oder des Jungvolkes steht. In der Stadt Gießen sind nunmehr etwa 96 v. H. durch die Aktion erfaßt worden; schon vorher waren ungefähr 90 bis 92 v. H. ,ber Hitler-Jugend eingegliedert. Beim Jungvolk beträgt der Zugang annähernd 10 v. H.
Für jeden in der Hitler-Jugend oder im Jungvolk Neuaufgenommenen ist eine ärztliche Untersuchung des körperlichen Zustandes und der Diensttauglichkeit vorgeschrieben. Das geschieht in sog. Reihenuntersuchungen, die in Gießen durch den Bannarzt Dr. Boßler und die zuständigen Referenden vorgenommen werden. Im allgemeinen kann gesagt werden, daß körperliche Behinderung keinen Grund für die Nichtaufnahme eines Anwärters in die HI. bildet. Es ist im Gegenteil vorgesehen, geschlossene Einheiten für Gehörlose, für Körperbehinderte und für Blinde (im Gaubezirk haben wir keinen Fall) gesondert zusammenzufassen.
Der Neuaufgenommene wird der für ihn zuständigen örtlichen Gefolgschaft zugewiesen. Der Bannbezirk 116, Kreis Gießen, umfaßt insgesamt 16 Gefolgschaften in Stärke von durchschnittlich 90 bis 200 Mann. Gießen allein umfaßt vier Gefolgschaften, dazu tritt eine fünfte mit dem Sitz in Klein-Linden. Der Neuaufgenommene wird zunächst einer K a m e r a d s ch a f t als der kleinsten Einheit innerhalb der Gliederungen der HI. zugewiesen. Drei Kameradschaften bilden eine Schar. Im Rahmen dieser Kameradschaft erfolgt nun eine
n im Bereich des Bannes 116.
gründliche Ausbildung der Jungen auf allen Gebieten weltanschaulicher und körperlicher Art, vor allem auf den Kameradschafts- und Scharabenden. Die Heimabende sind in erster Linie der weltanschaulichen Schulung gewidmet. Da wird gemeinsam gesungen, erzählt und vorge- lesen, auch werden bei aktuellen Anlässen wichtige Gedenktage behandelt und in entsprechender Form gewürdigt. Hinzu kommen in regelmäßigen Zeitabständen Appelle, Aufmärsche, Geländespiele, Fahrten und Lager. Das Schwergewicht im Außendienst liegt naturgemäß in den Sommermonaten, während im Winter der Hauptnachdruck auf eine gründliche und vielseitige Schulungsarbeit gelegt wird, damit der junge Mensch allmählich immer fester und selbstverständlicher in die große Kameradschaft und Gemeinschaft der deutschen Jugend unter den Fahnen Adolf Hitlers hineinwächst.
Handball im Gau Nordhessen
Eine erneute Verlegung hat es im nordhessischen Gauliga-Handball für den 20. Oktober gegeben. Das Treffen Spielverein Kassel gegen Kirchbauna wurde abgesetzt, dafür wurde als neues und einziges Treffen des Sonntags die Paarung Tv. Efchwege — Tv. Kirchbauna neu anberaumt. Die übrigen Spiele fallen mit Rücksicht auf die Gau-Begegnung zwischen Niedersachsen und Nordhessen in Hannover aus.
Schiedsnchteransehungen im Kreis VIII (Labn-OiU)
Tv. Atzbach — Tv. Dorlar (Petry); Tv. Groß- Rechtenbach — Tv. Garbenheim (Schneider, Münchholzhausen); Tv. Hörnsheim — Tv. Holzheim (Luh); Spv. 1900 Gießen — Hausen (Becker); To. Lich — To. Grüningen (Ohly); To. Homberg — Tv. Alsfeld (Engel, Otto); Tv. Nieder-Ohmen — To. Burg- Gemünden (Müller, Lang-Göns); To. Herbornseel- bach — Tv. Katzenfurt (Schmidt, Herborn); Tv. Heuchelheim — Tv. Hochelheim II. (Fischer, Gießen).
Jugend: Tv. Wetzlar — To. Garbenheim (Brück); Tv. Dutenhofen — Tv. Niedergirmes (Weller); Sp. V. 05 Wetzlar — Tv. Münchholzhausen (Hederich); To. Lützellinden — Garbenteich (Ruppenthal); Tv. Lich — Tv. Grüningen (Ohly); MTV. Gießen — 1846 Gießen (Engel, Wilhelm); Spv. 1900 Gießen — Tv. Lang-Göns (Becker); Tv. Ruttershausen — Tv. Londorf (Hörr); Tv. Staufenberg — Tv. Krofdorf (Hermann); To. Straßebersbach — Tv. Dillenburg (Görzel); Tv. Katzenfurt — Tv. Herborn (Lindenstruth).
Neuer Adler-Sieg in Ungarn.
Bei einem Bergrennen in der Nähe von Budapest konnte Adler in der 2000-ccm-Sportwagen- Klasse wieder einen schönen Auslandserfolg buchen. Der Ungar Kovacs legte die 7 km lange Strecke mit dem deutschen Wagen in 6:50 Minuten zurück und erzielte damit die schnellste Zeit seiner Klasse. Tagesbester war Laszlo Hartmann auf Bugatti, der in der großen Rennwagenklasse 4:21,8 Minuten benötigte.
Gestürzte Sprünge werden nicht mehr angezeigt.
Verbindlich für alle Ski-Gaue.
Der bemerkenswerte Beschluß des Ski-Gaues Sachsen, in Zukunft gestürzte Sprünge nicht mehr anzuzeigen, wurde nunmehr erfreulicherweise vom Fachamtsleiter Maier (München) für den gesamten Deutschen Ski-Verband für verbindlich erklärt. In Zukunft werden also gestürzte Sprünge nicht mehr berücksichtigt und bei offiziellen Presse-
gibt Auskunft:
1174: Anordnung 11 der Ueberwacbungsstelle für industrielle Fettversorgung (Anordnung zur Einsparung von Leinöl).
1175: Vertretung deutscher Firmen in Lettland.
1176: Stellung von Anträgen auf Einfuhrbewilligungen in Lettland.
1177: Erteilung der Einfuhrbewilligungen für das dritte und vierte Vierteljahr in Rumänien.
1178: Ergänzungsbestimmungen zu den Vorschriften über die Begleitpapiere bei der Ausfuhr nach Belgien—Luxemburg.
1179: Bekanntmachung KP 41 der Ueberwachungs- stelle für unedle Metalle betr. Kurspreise.
1180: Zusammenstellung der bevorstehenden in- und ausländischen Ausstellungen und Messen.
1181: Gültigkeitsdauer deutscher Kontingentsbescheinigungen in Frankreich.
1182: Bekanntmachung KP 42 der Ueberwachungs- stelle für unedle Metalle betr. Kurspreise.
berichten nur mit einem Kreuz (ohne Weitenangabe) angezeigt. Dieses Vorgehen, das in Skandinavien schon seit langem als selbstverständlich angesehen wird, sollte sich sehr günstig auf die Leistungen verschiedener Skiläufer, die ihren Ehrgeiz nur darein setzen, möglichst „weite" Sprünge ohne Rücksicht auf Haltung und Sicherheit zu vollführen, auswirken. Um so mehr, als ja nach wie vor für „Gestürzte" zehn Punkte in Abzug gebracht werden.
Sportverein 1928 Garbenteich.
Garbenteich I — Allendorf a. d. Lahn I.
Am kommenden Sonntag treffen in Garbenteich die beiden Meisterschaftsfavoriten, die 1. Mannschaft des Sportvereins und die gleiche aus Allendorf an der Lahn (Meister der Verbandsspielserie 1934/35) aufeinander. Das Spiel wird vom Schiri Sack geleitet. Leider müssen die Platzbesitzer ohne ihren Mittelstürmer, der am Sonntag gegen Steinberg verletzt wurde, antreten. Die Blau-Weißen, die sich zur Zeit in guter Form befinden, werden — auch wenn sie mit Ersatz antreten — den Gästen den Sieg kaum überlassen wollen. Die Mannschaft aus Allendorf hat in den vorhergehenden Spielen bewiesen, daß sie wieder im Kommen ist und ungeschlagen an zweiter Stelle der Tabelle steht. Die Einheimischen werden dieses Spiel nicht auf die leichte Schulter nehmen dürfen.
Die Schülermannschaft spielt auf eigenem Platze gegen die Kleinsten aus Alten-Buseck.
Kurze Sportnotizen
Ueber 2 0 0 Teilnehmer wurden zu dem am 27. Oktober auf der 7,2 Kilometer langen Rennstrecke Saarlouis—Felsberg stattfindenden 3. Felsberg-Rennen gemeldet. In den Klassen der Motorradfahrer erscheint die erste Klasse der deutschen Fahrer am Start, in den Wagenklassen ist Hans Stuck auf seinem Auto-Union-Wagen der prominenteste Teilnehmer.
Vier deutsche Firmen, und zwar Adler, Auto-Union (DKW-Wanderer - Horch), Mercedes- Benz und Opel, befinden sich unter den Ausstellern beim Londoner Autosalon, der am Donnerstag eröffnet wurde. Insgesamt sind 88 Firmen vertreten, darunter 41 englische und 22 amerikanische
D i e Deutschen Jiu-Jitsu-Mei st er- schäften werden am 6 und 7. Dezember in München ausgetragen.
Das Goldene Reiterabzeichen wurde SA.-Standartenführer Heinrich Wiese (Eutin), einem unserer besten und erfolgreichsten Amateur- Rennreiter, verliehen. Wiese vermochte sich erst am letzten Sonntag in Pardubitz auszuzeichnen, wo er neben einem Sieg in einem kleineren Rennen in der großen Steeple Chase den zweiten Platz belegte.
Oberhessen.
Eine Führennnenschule des Frauen- arbeitsdienstes in Hessen.
heule EinwHhung der neuen Schule in Bingenheim.
Das BingenheimerSchloß,in dem die neue Bezirksführerinnenschule des Frauen-Arbeitsdienftes untergebracht ist.
(DNB.-Heimatbilderdienst. Photo: Reeck.)
LPD. Bad-Nauheim, 17. Okt. In Anwesenheit des Gauleiters und Reichsstatthalters Sprenger, sowie des Hauptamtsleiters der NSV., Hilgen- f e l d t, erfolgt am Freitagnachmittag die Ueber- gäbe der Bezirksführerinnenschule des Frauenarbeitsdienstes in Bingenheim (Kreis Büdingen), durch die Leiterin des deutschen Frauenarbeitsdienstes, Reichsführerin Frau S ch o l tz - K l i n k.
Daß eine der sechs Bezirksführerinnenschulen des Frauenarbeitsdienstes auch in Hessen eröffnet wird, ist für unseren Gau eine besondere Auszeichnung. Die Schule ist in mehreren Gebäuden des ehemaligen Bingenheimer Schlosses untergebracht.
Vorsicht
am unbewachten Bahnübergang.
LPD. Friedberg, 17. Okt. Nach eingebrochener Dunkelheit wollte der Landwirt Jak. B a y e r II. aus dem Kreisort Oppershofen mit einem mit Kartoffeln schwer beladenen Fuhrwerk den unbewachten Bahnübergang unweit der Bahnstation überfahren. Im gleichen Augenblick kreuzte ein Personenzug den Uebergang und erfaßte das Fuhrwerk. Es wurde vollständig zertrümmert. Dem Fuhrmann gelang es, sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen.
Landkreis Gießen.
§ Lollar, 17. Oktober. Als Abschluß des ersten Luftschutz lehrganges, der hier von der Ortsgruppe des Reichsluftschutzbundes abgehalten wurde, versammelten sich gestern abend die Teilnehmer in der Gastwirtschaft „Zur Bergschenke" (Pg. Petra sch) zu einem Kameradschaftsabend. Der Schulungsleiter, Berufsschullehrer Eberle hob in seiner einleitenden Ansprache die Bedeutung der Ka- merschaft beim Luftschutz hervor. Hier fei ganz besonders der Einsatz des einzelnen für die Gemein-
„Königswalzer."
Lichtspielhaus.
Dieses Lustspiel von E. Burri und W. Forster schwimmt sozusagen im Dreivierteltakt im Fahrwasser des tanzenden Wiener Kongresses und anderer, für eine bestimmte Produktionsserie der Ufa charakteristischer Filme, welche die Seifenblase einer winzigen Handlung mit einem bemerkenswerten Aufwand an Kosten, Personal und Ausstattung in Szene setzten und nicht selten zu internationalem Erfolg führten. Um den Erfolg wird man sich auch beim „Königswalzer" nicht zu sorgen brauchen, und man darf hinzufügen, daß die Handlung diesmal doch ein wenig mehr ausmacht, als nur ein mit Musik, Kostüm und Stimmung — was alles ja auch hier keineswegs fehlt — liebenswürdig aufgeputztes Nichtschen. Es beginnt ganz feierlich mit einer politisch-diplomatischen Mission zwischen den Höfen von Wien und München um die Mitte des vorigen Jahrhunderts: es handelt sich um öic Verlobung Franz Josephs von Oesterreich mit der Herzogin Elisabeth („Sisi") von Bayern, was die Kaiserin-Mutter zu verhindern wünscht; deshalb erhält der österreichische Gesandte in München, Graf Tettenbach, einen delikaten Auftrag. Aber dessen Neffe, -der jüngere Graf Tettenbach, „Ferdi", ein fescher Offizier, hat derweile ein kleines, galantes Erlebnis mit einem Münchener Bürgermädel im Englischen Garten, das durch einen Zufall auf- gebaufcht und weitergetragen wird, alsbald einen Skandal in der bayerischen Hauplstadt herauf- deschwört und schließlich wichtiger wird als das ganze österreichisch-bayerische Heiratsprojekt. Auf einem Hosball hat der leutselige König Max Gelegenheit, persönlich einzugreifen und das Glück einer jungen Münchnerin zu retten, eine Herzensgeschichte, die freilich schon durch ein wunderliches Doppelspiel des Zufalls sich hoffnungslos zu verstricken droht. Und erst im allerletzten Augenblick, als die aufgeregte Bürgerschaft bereits mit einer Revolution droht, gelingt es der klugen und gütigen Sisi die geistesgegenwärtig die Zusammenhänge durchschaut, alles zum Besten zu wenden, so daß Parade, Jubelgeschrei und Festmusik zur Begrüßung des Kaisers Franz Jcheph, der gekommen ist, seine Sisi zu holen, zugleich auch der Vereinigung des jungen Tettenbach und der Theres Tomasom gelten dürfen. Das alles wird vom Spielleiter Herbert Maisch (der vom Theater herkommt) mit Schwung und Glanz und großzügigen Mitteln in Szene gesetzt- eine Folge von bunten, bewegten Szenen, nicht ohne Humor und volksstückmäßige Zuge;
Franz D o e l l e hat eine hübsche Musik dazu geschrieben und insbesondere den Königswalzer mit einschmeichelnder und sangbarer Melodieführung instrumentiert. Außerdem wird reizend gespielt: das Liebespaar machen Heli Finkenzeller und Willi Forst. Heli Finkenzeller ist eine begabte junge Münchener Schauspielerin, die sich neuerdings auch im Film nach vorn gearbeitet hat; ihre Theres hier ist ausgezeichnet, mit herzhafter Natürlichkeit und Wärme bargefteUt, und die Szene in der Opernloge mit Forst, der draufgängerisch und mit unbekümmertem Humor den Tettenbach gibt, ist überhaupt das Hübscheste an diesem „Königswalzer". Für die Opernszene aus „Don Juan" wurden so renommierte Berliner Kräfte wie Käte Heidersbach und Karl Hammes engagiert. H ö r - b i g e r ist ein gemütlicher und leutseliger Münchener Landesvater, der fürwahr ein Herz für feine Bürger hat. Carola Höhn gibt in einer überraschend gelungenen Maske die „Sisi". Theodor Danegger und Oscar Sima erscheinen als originelle bayerische Bürgertypen von anno Tobak, und Ellen Schwannecke ist der ahnungslos begeisterte Backfisch, der im Englischen Garten das ganze Malheur heraufbeschwört
Im Beiprogramm gibt es einen Kulturfilm „Wiesbaden", einen ziemlich schwachen Kurzfilm der Ufa, die Wochenschau und den Vorspann zu „Vergiß mein nicht" mit Gigli. —r—
Der Elch im deutschen Walde.
Don Paul Eipver.
Wenn man zur Herbstzeit in Ostpreußen ist, kann es schon geschehen, daß man plötzlich mitten im Wald ein Brummen hört oder das Husten eines alten Mannes. Bleibt man dann reglos still, versteht sich auf die Windficherung (oder hat ganz einfach Glück!), so wird sich mit einem Mal das grüne Geflecht der Sträuche und jungen Birkenkronen auseinanderschieben; ein schwerer, dunkler Kopf mit ausladendem Geweih kommt zum Vorschein; über die sumpfige Waldschneise trollt lang- gezogen und hochbeinig eines der urigsten Tierge- schöpfe: auch heute noch lebt der Elch im deutschen Wald! +
2öir wollen uns einmal die Entwicklungsgeschichte des Elches kurz vergegenwärtigen. Versteinerungs- funde beweisen, daß der Elch im Diluvium, also in der quartären Eiszeit, nicht auf den Norden Europas beschränkt war, sondern bis nach Dberililien
gekommen ist. Auch in weit näherer „geschichtlicher" Zeit beherrscht er wohl alle deutschen Wälder; Cäsar traf ihn noch im herzynischen Wald, also im mitteldeutschen Berggebiet. Die germanischen Sagen künden allerwärts von ihm; auch das Nibelungenlied erwähnt ihn neben dem „Schelch" im Was- genwald. (Der Schelch ist übrigens aller Wahrscheinlichkeit nach der kampfesstarke Hengst des germanischen Wildpferdes!)
Allerdings wird die frühe Kunde über den Elch (auch „Elentier" oder „Elend" genannt) durch viele Uebertreibungen sehr verfälscht. So erzählt Plinius, der im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt gelebt hat, in seiner „Historia naturalis", daß der Elen wegen feiner viel zu großen Oberlippe nur rückwärts weiden könne.
Im Laufe der Besiedlung Mitteleuropas wanderte der Elch mehr und mehr gen Norden; einige Wissenschaftler sind der Meinung, daß diese Bewegung noch immer nicht zu Ende gekommen sei; jedenfalls hat sich das Vorkommen des europäischen Elches in der Jetztzeit auf die Ostseegebiete und auf Skandinavien beschränkt.
Noch um 1750 lebten „wilde" Elche auch in Sachsen, Schlesien, Pommern und Westpreußen, wurden aber in der zweiten Hälfte jenes Jahrhunderts dort völlig ausgerottet. Auch in Ostpreußen war der Fortbestand des Elches wiederholt sehr gefährdet. So ging in einem der Hauptreviere 1848, im Jahre der Jagdfreiheit, der Elchbestand auf 16 Stücke zurück. Strengste Schonung und eine Blutauffrischung durch eingeführte fchwedische Elche hielten jedoch die Vernichtung auf, so daß in Ostpreußens Wäldern nach zuverlässiger Schätzung um 11904 etwa 800 Elche vorkamen.
Das neue Deutschland mit seinen vortrefflichen Tierschutz-, Jagd- und Schongesetzen hat sich des Elches ganz besonders angenommen. Der „schwarze Hirsch des Nordens" wird uns und unseren Nachfahren erhalten bleiben; peinlich genau ausgearbeitete Schutzbestimmungen sorgen jetzt für die Arterhaltung dieses größten Waldtieres unsrer Heimat. Auch der Abschuß ist in allen Bezirken nach dem notwendigen Geschlechterverhältnis geregelt; — es läßt sich nämlich nicht leugnen, daß Elche in unbegrenzten Massen für die heutige Forstwirtschaft nicht tragbar sind. Deshalb wurde eine Zentralstelle eingerichtet, die — soviel ich weiß — von Königsberg aus die Regelung des ostpreußischen Elchbestandes nach dem Gesichtspunkt der Zuchtauswahl besorgt.
Aber der Reichsforstmeister ging noch einen Schritt weiter: künftighin soll der Elch nicht nur auf die ostpreußischen Wälder beschränkt bleiben.
Am Darß, in der Schorfheide und wohl auch bereits in andere Wald-Naturschutzgebieten find Elchfamilien angefiedelt worden, die zunächst in sehr weiträumigen Wildgattern heimisch werden und sich vermehren sollen, in zukünftiger Zeit aber vielleicht ihre volle Freiheit erhalten und jene Waldschutzgebiete bann so ungehemmt durchstreifen werden wie das Reh, der Rothirsch, das wilde Schwein.
*
Ich bin seit gut zwanzig Jahren immer wieder auf Elchspuren gegangen, sah den Schaufler droben in Schwedens dunklen Forsten, auf der Kurischen Nehrung, in Ostpreußen, sah ihn als ziehenden Schatten aus der Ferne, wohl gedeckt und ziemlich nahe während eines Brunftkampfes, bei Gewitter trollend über die Dünen laufen zum schützenden Wald; ich traf auf Förstereien junge Elchkälber, die verwaist im Revier gefunden und nun von der tierfreundlichen Försterfamilie mit der Milchflasche aufgezogen wurden, sich zu treuen, wenn auch etwas großen Hof- und Hausgenossen entwickelten.
Abenteuerliche Begegnungen hatte ich und komische! Soviel ist mir klar geworden: Bei der Elchpirsch in freier Wildbahn bleibt Glück die Hauptsache.
Zwei Beispiele dafür: ein ostpreußischer Waldarbeiter schlief über Mittag im Gras am Waldsaum und träumte, daß über ihm ein alter Mann huste. Er fuhr hoch, sah im Erwachen, daß wohl der Laut Wirklichkeit war, jedoch keineswegs von einem Menschen kam. Acht Schritte entfernt stand vielmehr ein kapitaler Elchschaufler, schnaubte im Brunstzustand und machte Miene, anzugreifen. Der Waldarbeiter erschrak begreiflicherweise, riß sein Fahrrad hoch, das neben ihm am Boden lag, und in seiner Aufregung setzte er die Klingel in Betrieb, worüber der Elch nun seinerseits erschrak und floh. Ein andermal griff im Bezirk derselben Oberförsterei ein Elch auf der Waldstraße die Botenfrau an, die sich aber beherzt und erfolgreich zur Wehr fetzte, indem sie mehrmals ihren Regenschirm auf- und zuklappte.
Ja, merkwürdige Dinge geschehen! Ich bin tagelang mitten im ostpreußischen Urwald gewandert, 20 Kilometer abseits jeder menschlichen Behausung, ohne auch nur den Schatten eines Elches zu sichten, indes gerade während dieser Zeit Abend für Abend ein Rudel von fünf Elchen sich wie zum Photographieren hinter dem Küchengarten der Dberförfteret aufstellte. Wenn man dann aber den „schwarzen Elchhirsch" vor sich hat, erlischt alle Mühsal vor solchem Erlebnis. Ein ausgewachsener männlicher Elch wird am Widerrist fast zwei Meter hoch, und seine Leibeslänge beträgt nicht viel weniger als drei Meter; das Gewicht 4 bis 500 Kilo.


