Ausgabe 
17.8.1935
 
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Itr.191 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

8amrtag,l7. August (955

Randgloffen zur kleinen Zeitgeschichte

Don Ernst v. 7!iebelschüh.

Sammler von menschlichen Narrheiten brauchen sich heute wahrhaftig nicht über Mangel an Stoff zu beklagen. Der vom Geiste verlassene Homo sapiens liefert ihn in Hülle und Fülle, und längst nicht mehr bloß in Amerika, das seinen sauer erworbenen Weltruhm, das gelobte Land aller Verdrehtheiten zu sein, heute mit fast allen euro­päischen Hauptstädten teilen muß, von denen viele ihr transozeanisches Beispiel bereits übertreffen dürften. Wer sich daran erinnert, daß sich in Berlin schon vor zwanzig Jahren junge Mädchen aus bester Familie um den weggeworfenen Ziga­rettenstummel von Adalbert Matkowski Straßen­kämpfe lieferten, wird jedenfalls nicht allzu sehr erstaunt sein über eine Nachricht, die unlängst aus Paris kam: bei einer Versteigerung have die Stirnlocke der Schauspielerin Bernhardt die Höchstsumme von 1010 Franken erzielt, während die Briefe berühmter französischer Schriftsteller für ein Butterbrot weggingen Ohne der Schauspielerin sie ist tot und ruhe m Frieden ihre Verdienste um die französische Li­teratur abstreiten zu wollen, muß man doch fest- stellen, daß es sich bei diesem Kult um eine De­kadenzerscheinung handelt, die geeignet ist, das ent- götterte Europa über den Bestand seiner Kultur nachdenklich zu stimmen. Gewiß muß der Mensch etwas haben, was er anbeten kann, aber daß er aus Mangel an echten Götterbilder^ zu den übel st en Surrogaten greift und damit einen Kultus treibt, der einer besseren Sache würdig wäre, das gerade ist es, was uns mit Grausen erfüllt. Denn dieser Vorfall ist eben doch mehr als eine Schrulle, über die man lächelnd hinweg­gehen dürfte er ist das Symptom für einen fort­schreitenden Verfall der Ehrfurchtskräfte im Men­schen, der durch Hunderte von ähnlichen Beispielen leicht zu belegen wäre.

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Dem Unfug der Schönheitskonkurren- jen, den Deutschland in seinen Grenzen beseitigt hat, ist in einem weiteren europäischen Lande das wohlverdiente Ende bereitet worden, nämlich i n Ungarn. Seine Regierung hat erklärt, diese Königinnen des Zufalls, die meist nichts als eine schöne Figur ihr eigen nennen, in Zukunft nicht mehr dulden zu wollen, und das Verbot ist im gan­zen Lande mit ungeteiltem Beifall ausgenommen worden. Die Verwaltungen der mondänen Bä­der, die damit um eine Sensation kommen, werden sich also in Zukunft eine neue Verrücktheit aus­denken müssen, was ihnen wohl nicht allzu schwer fallen dürfte. Interessant ist es, wie das Verbot der Schönheitskonkurrenzen begründet wird Den Siegerinnen, so heißt es, stünde fast immer ein trauriges Schicksal bevor, da das Herumreisen auf Gastspielen und das Auftreten in schönen Kleidern ein schnelles Ende zu nehmen pflegte, und das Erwachen aus der Illusion zur grauen Wirklichkeit erfahrungsgemäß nur um fo grausamer sei, je un­verantwortlicher dieMajestäten" verwohnt worden sind. Viele Königinnen hätten diesen Wechsel nicht vertragen können und seien dann moralisch und seelisch zugrunde gegangen. Das trifft wirklich den Nagel auf den Kopf. Die ungarische öffentliche Meinung aber stellt sich mit der einmütigen Zu- stimnzung zu dieser Maßnahme ihrer Regierung selbst das beste Zeugnis aus.

Daß der große Mensch, die ihm zugemessene Zeit­spanne im irdischen Leibe geistig überdauert, gibt uns die tröstliche Gewißheit, daß in Wahrheit d i e Ideen es sind, welche die Zeiten verknüpfen und Geschichte" im höheren Sinne erst möglich machen. Daß Napoleon vor mehr als 100 Jahren auf einer einsamen Felseninsel als ein von ganz Europa Verfehmter starb, will nicht allzu viel besagen gegenüber der Tatsache, daß sein Andenken noch heute in seiner Geburtsstadt Ajaccio auf Kor­

sika eine politische Realität ist, die das soziale Leben der Inselbewohner nicht unwesentlich beein­flußt. Fast klingt es wie ein Märchen, und ist doch wahr: unter anderen Parteien gibt es in Ajac­cio noch jetzt eine bonapartistische, die nichts als die mythische Erinnerung an Napoleon zusammenhält, und die erst kürzlich bei den Er­gänzungswahlen zum Gemeinderat als ein sehr ernst zu nehmender Faktor des munizipalen Le­bens hervorgetreten ist. Was wollen gegen diesen Beweis historischer Unsterblichkeit Denkmäler aus totein und Erz bedeuten?

In einer russischen Waffenfabrik wer­den jetzt als Kinderspiel zeuge kleine Maschinengewehre hergestellt, um die lieben Kleinen rechtzeitig in der Handhabung eines Instru­mentes zu üben, dem die bolschewistische Regierung nichts weniger als die radikale Befreiung von allen Widersachern zu danken hat. Denn es ist nicht zuviel gesagt, wenn man behauptet, daß ohne das Maschinengewehr und dessen aufräumende Wir­kung der Sowjetstaat heute nicht das wäre, was er ist. Nicht als ehrliche Waffe gegen äußere Feinde wurde es verwendet, sondern als brauch­bares Mittel der gegen das eigene Fleisch und Blut wütenden Mordsucht Unwillkürlich müssen wir an ein ähnliches Kinderspielzena" denken, das zur Zeit der französischen Revolution auch in Deutschland vertrieben wurde: die Miniatur- Guillotine. Als Goethe seiner Mutter zumutete, für sein S^bncknn August eine solche kleine Guillotine in Frankfurt zu erstehen, schrieb ihm Frau Aja folgendes zurück.Alles, was ich dir zu gefallen tun kann, geschieht gern und macht

mir selbst Freude, aber eine solche infame Mordmaschine zu kaufen, das tue ich u m keinen Preis. Wäre ich Obrigkeit, die Ferti­ger hätten ans Halseisen gemußt, und die Ma­schine hätte ich durch den Schinder öffentlich verbrennen lassen. Was, die Jugend mit so etwas Abscheulichem spielen lassen, ihnen Mord und das Blutvergießen als einen Zeitvertreib in die Hände geben? Nein, da wird nichts draus." Eine gesund empfindende deutsche Frau. Wir zweifeln nicht daran, daß die meisten russischen Mütter heute nicht anders denken. Nur aussprechen oder schreiben dürfen sie es nicht. DerFort­schritt" der Kultur .

Nach einer kürzlich im Jahrbuch der deutschen Museen veröffentlichten Statistik hat sich d i e Z a h l der Museen in den letzten Jahren mehr als verdoppelt. Der entscheidende Sprung erfolgte im Jahre 1929, das in dem genannten Handbuch mit 1504 deutschen Museen gegen 1021 im Vorjahre verzeichnet ist. In etwas langsame­rem, aber stetigem Tempo hat sich dann in den folgenden Jahren diese Zahl beträchtlich erhöht. In der Hauptsache darf man dieses schöne Ergebnis wohl als eine Frucht der heimatkund­lichen Bestrebungen buchen. Bei der Mehr­zahl der Neugründungen handelt es sich ja nicht um anspruchsvolle und kostspielige wissenschaftliche oder Kunstinstitute, sondern um volkskundliche Sammlungen, die sich heute manche kleine Landstadt bei gutem Willen mit äußerst geringen Mitteln anschaffen kann. Einen nicht unerheblichen Anteil an dem Ergebnis dürfte auch das ständig wachsende, alle Schichten des Volkes umfassende

Interesse und im Zusammenhang damit der leiden­schaftliche Sammeleifer für Gegenstände der deut­schen Vorgeschichte haben. Eine jahrelange und un­ermüdliche Erziehungsarbeit, der es gelungen ist, ein weitgehendes Verständnis für den Bildungs­wert vergangener Kulturen in alle Volkskreise hineinzutragen und sich insbesondere im Lehrer­stande ein Organ sachgemäßer Vermittlung zu schassen, hat auf diesem Gebiete die besten Früchte gezeitigt.

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Wozu die Menschen nicht alles Zeit haben! Wäh­rend in Europa Millionen wertvollster Kräfte brach­liegen und froh wären, wenn sie nur einen win­zigen Bruchteil der Arbeit hätten, die sie normaler­weise verrichten könnten, zerbricht man sich an Stätten des Luxus' und des Müßigganges den Kopf nach immer neuen und raffinierten Betäu­bungsmitteln gegen die Langeweile. Den Welt­rekord des Unsinns scheint jetzt aber doch e i n französisches Seebad an der Riviera auf­gestellt zu haben, indem es einenW ettbewerb der schön st en Männerbeine" veranstaltete. Man kann den Einfall nicht einmal originell nen­nen, da sich die Damen längst auf die Preiswürdig, feit ihrer Beine besonnen und auch entsprechende Konkurrenzen ausgeschrieben haben, mit immer­hin mehr Nachsichtigkeitsanspruch als ihre männ­lichen Partner, von denen eine alte Sage zu be­richten weiß, daß Gott ihnen ein größeres Quan­tum Vernunft auf den beschwerlichen Lebensweg mitgegeben habe. Die französische Männerwelt scheint dieses Vorurteil durch die Tat widerlegen zu wollen.

Neuigkeiten auf der Berliner Rundfunkausstellung.

Wenn in diesem Jahre die Sonderzüge von neuem einen Strom runbfunfbegeifterter Menschen nach der Reichshauptstadt bringen, dann werden auch Kenner der beiden vergangenen Ausstellungen staunen über die Fülle von neuen Eindrücken, die sie erwartet. Dennoch erwartet den Besucher nicht das jahrmarktähnliche Durcheinander einer Messe. Die Ausstellungsleitung hat mit großem Geschick den Stofs zu einer Schau des deutschen Rund­funks geordnet, die Kenntnis und Liebe zu dem modernsten Kulturinstrument vertiefen und durch einprägsame Anordnung erweitern soll.

O-e 3er sehstr<che

Die stärkste Anziehungskraft übt diesmal die Vorführung des Fernsehens aus. Seit sich die ersten Versuche auf diesem Gebiet im Jahre 1928 an die Öffentlichkeit wagten, hat die Technik große Fortschritte gemacht, um den Traum der Menschen zu verwirklichen, der die unpersönliche Stimme aus dem Aether durch das sichtbare Bild ergänzt sehen möchte. Heute ist es bereits möglich, Bilder auf dem gleichen Wege drahtlos durch den Raum au senden, wie die Stimme und den Klang. Selbst der Umweg über d i e Aufnahme eines Films, der dann im Wege des Fernsehens ge­sendet wird, ist inzwischen überflüssig gewor­den. Mit einer geringen Verzögerung von 100. Sekunden kann die Gestalt des Menschen auf dem Schirm eines Groß-Projektions-Empfängers sicht­bar gemacht werden, ohne andere Zwischenglieder einzuschieben als ein Negativ, das in andert­halb Minuten entwickelt, fixiert, gewässert, ge­trocknet und auf den Bildwerfer geleitet wird. Hier ist denn auch das Staunen am größten.

Betritt man den halbdunklen Raum, der die Fern­sehgeräte birgt, dann überrascht den Besucher an der entgegengesetzten Wand der Halle das bewegliche Bild eines Mannes, der irgendwo vor einer entsetz­lich hellen Lichtquelle sitzt und sich dort unterhält, während jede seiner Bewegungen in neun Quadrat­meter Größe auf dem Bildschirm sichtbar wird. In den nächsten Tagen wird man auf diese Weise alles beobachten können, was draußen im Funk- turmgarten vor sich geht, während man selbst in einer dunklen geschlossenen Halle steht. Zwar ist

der Raster ziemlich grob, so daß feinere Stufungen des Bildes ausbleiben, aber die weitere Verbesse­rung ist nur eine Frage der Zeit. Für die Praxis unserer Massenversammlungen ergeben sich schon jetzt aus diesen Fernsehergebnisfen praktische Auswirkun­gen: kann doch die Gestalt des Redners auch für die Besucher der letzten Reihen deutlich sichtbar gemacht werden, genau wie die Lautsprecherverstärkung der Stimme.

So weit ist es freilich mit den Sendungen, die von den zwanzig serienmäßig hergestellten Fern­seh-Empfängern der Industrie geboten wer-- den, noch nicht. Denn die Bilder, die regelmäßig vom Sender Witzleben gefunkt werden, oder die

Filme, die hier reproduziert werden, leiden noch zu sehr an'Flimmern und Unklarheit, um unser durch den Kinematographen verwöhntes Auge befriedigen zu können. Vorläufig find diese Geräte ja auch noch so teuer, daß ihre Erwerbung durch Privatpersonen nicht in Frage kommt und die Techniker noch wei­tere Verbesserungen ersinnen müssen, bis an die praktische Auswertung des kombinierten Schall- und Bildempfängers gedacht werden kann. Aber auch hier schreitet die Zeit schnell voran: die Reichspost führt bereits einen Gegenseh - Fernsprecher vor, mit dem jeder Ausstellungsbesucher ein Fernsehge- spräch führen kann. Die MahnungBitte kurz fas­sen" ist hier nicht erforderlich; denn unter der Ein-

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Lin Modell desDAI. 1011".

Nie Nacht in Mailand.

(Sine ^eifeermnerung von Paul Alverdes.

Der Portier sprach mich auf englisch an, als ich nach einem Zimmer fragte. Vielleicht hat das Un­heil feinen Anfang schon damit genommen. Viel­leicht auch war ich übermüdet und daher überwach oder des langen Schweigens endlich fatt kurz, als er mir hernach auf deutsch ein Zimmer mit einem Bad vorschlug der Herr habe gewiß eine lange Reise hinter sich und werde gegen ein Bad nichts einzuwenden haben, fo hatte ich Zwang, ihm herzlich zu antworten, daß er recht geraten habe, und daß ich auf ein Bad nur gewartet hatte, Laß es überhaupt nichts Schöneres gebe, als nach fo staubiger, rußiger Bahn- und Dampferfahrt noch zu baden. Ich komme vom (Tomer See, gab ich weiter zu verstehen, während er einen kurzen Blick mit dem Zimmerkellner wechselte und meine Personalien aus dem Paß in seine Liste schrieb ein herrlicher See wahrhaftig, wechselnd heißes und kaltes Wetter, und das große Gewitter in der Nacht, ich hätte mich nicht entschiedener gegen mein Schweigegelübde vergehen können und auch nicht freudiger, während ich auch meinerseits an Forma­litäten erledigte, was noch zu erledigen war, aber die eine, dem Reifenden, der nicht reich wie Lukul­lus ist, so notwendige leider vergaß. Er tauschte noch einen Blics mit dem wartenden Zimmerkellner und erwiderte meine Aufgeschlossenheit mit der herzlichen Versicherung, daß ich mit dem Zimmer und dem Bad wohl zufrieden fein wurde.

Das war ich denn auch, ich bin nicht leicht mit einem Bad und Zimmer so zufrieden gewesen. Em breites Bett, Platz genug, mich der Quere oder der Lange nach hinzulegen, ein Schreibtisch wie für einen Statthalter, einen Kurtisanenspiegel, der alle nur möglichen Ansichten vermittelte, und die Fen­ster auf den Domplatz hinausgehend, mit schweren Seidenvorhängen verschlossen. Aber nun erst das Bad im Zimmer nebenan: es war eine ganze Aus­stellung von Meisterwerken der Klempnerkunst und der hygienischen Keramik, alle Arten von Decken und Wannen, klein und groß, mit mannigfaltigen Kranen und Duschen, nach unten und nach oben und nach allen Himmelsrichtungen spielend, von Kupfer und Nickel funkelnd und blitzend. Dampf und Wasser aller Grade versendend.

Munter verstreute ich meine Siebensachen, zog mich aus und nahm in Gebrauch, was zu ge­brauchen war. Die Wasserkünste spielten, der Dampf wölkte sich, und das warme, das kalte

Wasser, die breite, die flache, die harte, die weiche, die Stachelbrause, im Sitzen, Stehen und Liegen zu empfangen, ich genoß es von Herzen, während die flaumweichen Badetücher über dem Heizgitter meiner warteten. Ins Bett dann mit einem Sprunge, wohlriechend vom Uebermaß der Seife und ein wenig schlaff und zur Melancholie geneigt vor lauter Erweichung der Muskeln und des Fleisches. Hingerollt in die Decke, zephirleicht war sie, ein Hauch, ein Wölklein wahrhaftig, schwerelos ruhend über dem Körper, aber wärmespendend, und die Wärme tat jetzt wohl, es hatte doch abgekühlt nach dem Wetter, auch in der lauten Stadt Mai­land unter dem Zephirwölkchen also eingeschla- fen, diesen Kuß der ganzen Welt, noch einmal rechts hinüber gerollt, noch einmal links hinüber gerollt und gute Nacht.

Eingeschlafen aber doch nicht gleich, die Gedan­ken gehen hin und gehen her, und die große Stadt Mailand ist laut, immer noch laut um zwei Uhr in der Nacht. Die kleinen Autos, feuerrot lackiert, sie flitzen fo um die Ecken der kleinen Gassen, und so wie sie unaufhörlich hupen, mit einem hellen, quäkenden Ton! Quäk, quäk! So unablässig, wie manchmal im Feld geschossen wurde, auch in der Nacht, oder der Summer tönte im Feldtelephon, auch wenn einer schlief, auch wenn einer, gegen alle Ehre und gegen allen Befehl bei Todesstrafe, auf Posten schlief in der Nacht, fo wie ich jetzt unter dem Wölkchen schlafen werde.

Aber was schreien die denn da immer, was haben sie denn da draußen, was rufen sie und klatschen Bravo und grölen und lachen immer noch so laut? Das muß auf dem Platz da draußen sein, vor dem großen Dom, mitten in der Nacht, aber das muß ich sehen, denn ich bin zu sehen herge­kommen in das fremde Land. Hervor unter dem Wölkchen, die Augen aufgeriffen und an das Fen­ster getappt.

Da lag der große Platz vor den Türen des Domes, mit dem Reiterdenkmal inmitten, der Mond schien auf fein steinernes Pflaster und das Gespensterlicht der Bogenlampen. Es war nun doch leer geworden auf den Straßen ringsumher, nur die roten Autos quäkten immer noch und preschten immer noch wie rasend um die Ecken. Aber dort kam ein Zug daher, ein Keil von Menschen über den Platz, ein Keil, wie manche Zugvögel fliegen, oder wie die letzten Goten gekämpft haben, ihren König Teja an der Spitze. Aber dies waren keine Goten, sondern Mailänder mit Strohhüten und mit Sportmützen, vielleicht aber auch welche mit Goten- 1 blut darunter, und sie schrien und lachten, und der

Keil bewegte sich schwankend fort, seiner Richtung nicht sicher, und wenn er sie ganz verlieren drohte, dann schrien und lachten sie noch ärger, alle, die da nachtappten, ober in den beiden Schenkeln des Keiles nebenher. Die Spitze des Keiles aber bildete ein Mann, dem die Augen mit einem weißen Tuche verbunden waren, wie zum Blinde­kuhspiel, und der mit tappend vorgestreckten Hän­den das Portal des Domes zu finden hatte, vom äußersten Rand des weiten Platzes aus, an Viktor Emanuel auf feinem Pferde vorbei und die Stufen hinan und in das richtige Portal hinein.

Das also spielten die Mailänder in der tiefen Nacht und schrien und klatschten dazu, daß es schallte, und die Carabinieri-Zwillinae mit den rot­ausgeschlagenen Fräcken und den Zweispitzen, die Hände in den weißen Handschuhen auf die Rücken gelegt, sahen unbeweglich zu. Ich sah auch zu, es war prächtig anzusehen, wie der Keil über den Platz schwankte, und wie aber jetzt einer den Weg so schnurgerade fand, daß die Mailänder vor Staunen und vor Spannung immer stiller wurden und am Ende ganz verstummten. Nur das Schlei­fen und Trappeln ihrer Füße war zu hören, und manchmal ein erstaunter Ausruf: Madonna! die Himmelsmutter! Sie sollte es auch sehen, wie dieser Teufelskerl blind seinen Weg fand über den ganzen riesigen Platz und hinein in das richtige Portal. Aber dann knatterte auch eine Beifallssalve über den Platz und das Bravifsimo-Rufen und Evviva- Rufen stieg zum Himmel empor, und nun fiel der Keil in Trüppchen auseinander, und die Wetten wurden bezahlt, auf der Stelle und in bar, wie sich das unter Ehrenmännern versteht.

Darüber mußte ich niesen, mein Kopf war wohl immer noch nicht trocken, und dann fand ich nicht gleich ins Bett zurück, sondern stieß mich furchtbar an die große Zehe, denn vom Bett zum Fenster, das findet einer im Dunkeln leicht, aber nicht um­gekehrt, denn das Bett gibt keinen Schein, und ich war ja auch nicht der Mann, der blind über den Mailänder Domplatz fand. Ich fand aber den Schal­ter des Lichts, ach, den hätte ich lieber nicht mehr finden sollen in dieser Nacht, denn nun stand ich vor der kleinen schmucken Tafel inmitten der Tür, auf welcher zu lesen war: Prezzo di questa camera, Preis dieses Zimmers, mit Bad und allen Abgaben, Steuern und Stempeln und die dreistellige Ziffer stand da, die einen nicht geringen Teil meiner noch übrigen Reisekasse benannte. Ich träumte nicht, ich schlief auch nicht, sondern war bald hell erwacht und starrte auf die Tafel, und die große Zehe er- blutete heftig, aber schmerzte nicht mehr.

Doch da half nun nichts, es war gebadet, geduscht, gebraust, gespült, gespiegelt, getrocknet, geföhnt, es war unter dem Zephirwölklein gelegen, die Sieben­fachen lagen umher, und noch tropfte es im Bad und näßte von der Decke, wohin ein unberechneter Strahl seinen Weg genommen hatte. Geschlafen wurde nun nicht mehr, auf dem Doppelbett faß ich und stürzte die Kasse um und blätterte und zählte und rechnete, verrechnete mich bis zur entsetzenden Feststellung, daß der Bestand nicht einmal mehr zur Begleichung dieser einen Zimmerrechnung langen würde. Aber ich rechnete mich auch wieder hinaus, doch so viel stand fest, daß gespart werden mußte fortan am eigenen Leibe, bescheidene Zimmer, kleine Käfterchen ohne Bad, Kutscher- und Bedientenzimmer waren zu neh­men, wenn sie zu haben waren, und mit dem Essen vor allem mußte hausgehalten werden, Semmeln würden es auch tun müssen, Semmeln und Kirschen beispielsweise, oder Tomaten und Feigen, bis diese Scharte ausgewetzt war. Was war noch zu tun? Sogleich noch einmal haben und brausen auf Vor­rat, ä conto gewissermaßen? Aber ich hatte schon den Schnupfen, die Nase erbrannte mir immer häufiger, und fo hinein denn unter die Daunen und voller Zorn und Beschämung wachgelegen.

Ich muß aber doch eingeschlafen fein, denn ich er­wachte erst spät von einem Taubengurren auf der Fensterbank, ein Tauber saß dort und putzte sich das Gefieder und machte in den Pausen seiner Schönen den Hof, hin und wieder trippelnd in feinen roten Schuhen und die seidig glänzende Brust heraus- geroölbt. Der Kopf schmerzte mir, aber nun hieß es noch einmal hinein in das Bad und unter die Duschen, denn wahrhaftig, es wurde bar bezahlt

Der Portier kam aus feiner Loge hervor und wollte wissen, wie ich geruht hätte und zufrieden gewesen sei: Oh, ausgezeichnet, ein prächtiges Zim­mer, und was für ein schönes Bad!

Nehmen Sie an unserem Mittagessen teil?", fragte er mit gezogenem Notizbuch.Ach, diese Hitze", bedauerte ich, ich könnte wohl kaum etwas zu mir nehmen." Nun, es gebe auch leichte Spei­sen, meinte er, eigens bei Hitze zu essen. Wir würden sehen, sagte ich scherzend aus Italienisch, und übrigens reifte ich mit dem Nachmittaaszug nach Bologna. Er bedauerte das sehr, aber es freute ihn zugleich, denn in Bologna hätten sie ein be­freundetes Haus mit einem befreundeten Direktor, an den werde er mich mit einer Karte empfehlen. Ich ließ mir die Karte gleich geben und verwahrte sie wohl, denn nun wüßte ich, wohin ich mich in Bologna auf keinen Fall wenden durfte.