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Ostern in der heimatlichen Natur

In meinem gelben Kleid.

Aus der Provinzialhauptstadt

Bei

nicht leicht zu verwechseln ist. Mit den bekannten Lockrufen einiger Meisen vermischt sich der klang­volle Ruf des Kleibers, und aus der Ferne klingen die vollen absinkenden Pfeiftöne eines Gr aufp echtes. Auch Buntspecht, Grün­specht und Schwarzspecht lassen nicht selten ihren, für jede Art verschiedenen Ruf oder gar ein Trommeln auf dürrem Ast vernehmen. Während am Waldrand ein Bussard seine Kreise zieht, steigt auf einer Waldblöße ein Baumpieper eine Strecke in die Luft, um dann singend im Gleit­flug auf einen Holzstapel niederzugehen.

Als Vertreter des Jnsektenreiches fliegen Hum­meln und Bienen in sonnigen Stunden von Blume zu Blume oder von Kätzchen zu Kätzchen. Auch ein Zitronenfalter ist auf der Suche

nach Blüten, die für ihn den Tisch gedeckt haben. Es sind ihrer noch nicht allzuviel, und ungünstige Witterung kann den so früh erschienenen Schmetter­ling in Rot bringen. Mit feinem Humor besingt Mörike denZitronenfalter im April":

Grausame Frühlingssonne, Du weckst mich vor der Zeit, Dem nur in Maienwonne Die zarte Kost gedeiht!

Ist nicht ein liebes Mädchen hier. Das auf der Rosenlippe mir Ein Tröpfchen Honig beut. So muß ich jämmerlich vergehn, Und wird der Mai mich nimmer sehn

Kuckuck, Kuckuck, rust's aus dem Wald.

Frühling, Frühling wird es nun bald!" jauchzen die Kinder. Denn e r ist da, der Lenzesbote! Schon im 15. Jahrhundert heißt es:Wann der Gauch guket", dann ist Lenzesbeginn.

Aber nicht nur den Lenz sagt er an, der selt­same Vogel, er kann Glück und Unglück weissagen. Darum wird trotz aller Warnungen der Prophet auch eifrig befragt. Namentlich seine Lebensdauer hofft der Frager zu erfahren. So erzählt schon Aegidius AlbertinisNarrenhatz" (Augsburg 1617): Jnmaßen jenem alten Weib beschehen, welche einen Guguck fragte, wieviel Jar sie noch zu leben hette? Der Guguck fieng an, fünf Mal Guguck zu singen, da vermeinte sie, daß sie noch fünf Jar zu leben hette."

Heute heißt's in der Schweiz:Gugger, wie lang leb i no?" und in Mitteldeutschland fragen die Kinder:Kuckuck, Kuckuck, sag mir doch, wieviel Jahre leb ich noch?"

Der Kuckuck weiß aber nicht nur die Lebens­dauer des Menschen anzugeben, er ist überhaupt ein kluger Vogel, der weit in die Zukunft blickt. Als solchen kennt ihn schon der Bamberger Schul­meister Hugo von Trimberg, der in seiner im Jahr 1300 beendeten DichtungDer Renner" von einem

ren Plätzen hat das zierliche Frühlingshun- 9 lumchen ganze Flächen mit seinen kleinen weißen Bluten uberkleidet. An solchen Stellen fin­det sich auch das E r d b e e r f j n g e r k r a u t das einer blühenden Walderdbeere täuschend ähnlich sieht.

Auch die Frühblüher des Waldes sind so ihrem Standort angepaßt, daß sie ihre Blütezeit bis zur Laubentfaltung der Bäume hinter sich haben. Neben Anemonen, Scharbockskraut, Gold- n e s s e l n fällt das Lungenkraut 'mit seinen herzförmigen, meist weiß getupften Blättern auf Die trichterförmigen Blüten sind anfangs rosa gefärbt. Nach der Bestäubung ändert sich die Farbe der Blüten in Blau-Violett um. Durch diesen Farben­wechsel wird den die Bestäubung ausführenden Insekten ihre Arbeit erleichtert. Früher wurde das Lungenkraut gegen Lungenkrankheiten gebraucht, weil man in der verschiedenen Färbung der Blüten eine Beziehung zu der verschiedenen Farbe des Blutes vermutete. Mit dem Lungenkraut steht oft das Ausdauernde Bingelkraut zusam­men, dessen unscheinbare Blüten wenig ausfallen Gefingerter und Hohler Lerchensporn treten nicht überall, meist gesellig unter Gebüsch, Baumen, an Zäunen und in Grasgärten auf

Auch die V o g e l w e l t trägt ihr Teil zur Ver­herrlichung des Osterfestes bei. Auf den Feldern schrauben sich die Lerchen jubilierend in die Lüfte. Hier und da treiben sich Hänflinge, meist paarweise, umher, und an einigen vorjährigen Distelstengeln befinden sich zwei Stieglitze auf der Futtersuche. War im Wald bis vor wenigen Wochen außer dem Rufen eines Spechtes oder dem pink, pink" einer Meisengesellschaft kaum eine Dogelstimme zu vernehmen, so ist dies jetzt anders geworden. Schon am Waldrand begrüßt uns das Schnickern" eines Rotkehlchens und schmet­ternder Buchfinkenschlag Singdrossel und Amsel lassen ihren flötenden Gesang von den Baumwipfeln erschallen, und im Gezweig der Bäume tummeln sich Weidenlaubsänger, nach ihrem Gesang auchzilp, zalp" genannt, sowie Fitislaubsänger, deren absinkende, weiche, schwebende Singweise mit anderen Vogelstimmen

wenig am Halbdutzend fehlt".

Wie hier der Künder des Glückes, so ist er andererseits auch Unglücksbote. So meldet Paulus Diakonus, der Geschichtsschreiber der Langobarden, von König Hildebrand: Als diesem sich ein Kukuk aufs Scepter setzte, glaubten einigekluge Män­ner", das sei ein Zeichen und besage, daß seine Herrschaftnutzlos" sein werde.

Dem serbischen Haiducken bedeutet es Unheil, wenn der Kuckuck früh erscheint und aus dem schwarzen Wald schreit. Glück dagegen, wenn er aus dem grünen Wold ruft.

In der Schweiz glaubt man, der Kuckuck könne nicht rufen, ehe er ein Vogelei gefressen habe und rufe nie vor dem dritten April und nie nach Johannis. Ruft er aber doch nach Johannis, so bedeutet das Teuerung, wie dieChemnitzer Rocken­philosophie" zu berichten weiß; oder es heißt:

Wenn der Kuckuck lang nach Johannis schreit. Kündet er Mißwachs und teure Zeit.

Das erstekuckuck!" im Lenz spielt eine große Rolle im Volksglauben. Hört man im Frühling den Kuckucksruf zuerst aus Norden schallen (also von der unglücklichen Seite her), so hat man während des Jahres Trauer zu erwarten, tönt der Ruf aber zuerst von Osten oder Westen, so bedeutet er Glück. Ruft der Kuckuck von Süden her, so ist er der Butterausrufer.

Geld im Sack muß man haben beim ersten Kuckucksruf, denn dann hat man's im ganzen Jahr die Fülle; ist aber der Beutel leer, so ist das ein böses Omen fürs ganze Jahr. Und Schmalhans wird Küchenmeister sein zwölf Monate lang, wenn man das Pech hat, den Kuckuck zum ersten Male mit nüchternem Magen zu hören.

Er ist also ein gefährlicher Bursche, derGauch", dem das Volk auch sonst allerhand böse Dinge nach­sagt: er gilt als Ehebrecher, als Geizhals, z. B. bei Freidank:

fo der gouch daz erste loup gesiht, so getar (getraut) er sich's gesäten niht, er vürht, es im zerinne (mangle).

Er legt seine Eier in fremde Nester (schon bei Galler von Kaiserberg heißt's:Ein Gauch leit seine Eier dem Grasmückele in fein Nest), und gar sehr

Goethe (imFrühlingsorakel") kündet der Blütensänger" einem liebenden Paar,wie lange es warten soll", und die Zahl der Kinder, wobei

Mann spricht, der ein übles Leben führen will; aber wie lang er seiner Freuden Spiel treiben werde,Daz weiz der gouch, der im oür war. Hat gegutzet hundert jar". (Daraus ist dann unser heutigesdas weiß der Kuckuck!" geworden, d. h. ich weiß es nicht, sondern jemand, der klüger ist als ich, welch letzterer Bedeutung wir uns aber kaum mehr bewußt sind.)

Im Hunsrück sprechen die Mädchen:

Kuckucksknecht: Sag mir's recht, Sao mir fein Auf Latein, Wie lang ich wohl werde ledig fein!"

Zlnenwneii. Ausnahmen: Vogl, Gießen.)

Das germanische Osterfest war die Feier des Erwachens der Natur von ihrem Winterschlaf und ££ Annens sichtbaren Wachsens und Grünens.

deutsche Benennung des christlichen Osterfestes, Jls.Jltc5 ^ Auferstehung Jesu, ist sehr wahr­scheinlich auf das Fest der Ostara, der Göttin der im Frühling wiederauflebenden Natur, welches die alten Sachsen um diese Zeit zu feiern pflea- ten zuruckzufuhren. Mit dem Kult bei diesem Fruhlingsfest hangen die Gebräuche des Oster! feuers des Osterwaßers, der Ostereier zusammen.

Huflattich.

Um die Osterzeit regt es sich überall in der Natur, besonders erst recht, wenn das Osterfest auf einen so späten Zeitpunkt fällt, wie in diesem Jahr.

Abgesehen von den Gärten, in denen einheimische und aus der Fremde eingeführte Frühlingsblüher zu Ostern ihre weißen, gelben, blauen und roten Blüten entfalten, finden wir draußen im Freien nur eine bescheidene Zahl blühender Pflanzen vor. Auf den bebauten Aeckern sind es unscheinbare Un­kräuter, wie Efeublätteriger Ehren­preis, Vogelmiere und Hirtentäschel, die mit ihrem Blühen schon Halbwegs im Winter begonnen haben. Die Bearbeitung' und Bewirt­schaftung der Felder zwingt diese Pflanzen mit ihrer Entwicklung so rechtzeitig zu beginnen, daß sie, bevor der Mensch mit seiner Feldarbeit ihr Dasein bedroht, wenigstens teilweise zur Samen­bildung gelangt sind Auf tonigen, quelligen Stellen, auf Dämmen, Halden, Aeckern mit töni- gem Boden entfalten sich die goldgelben Körbchen­blütchen des Huflattichs. Die zugehörigen, bis 15 Zentimeter großen rundlich eckigen Blätter, die als Hausmittel gegen Husten gebraucht werden und hier und da während des Krieges von abge­härteten Rauchern als Ersatz für 'den fehlenden Tabak benutzt wurden, erscheinen nach den Blüten. Im Schutz von Hecken und Büschen, an Rainen und Zäunen findet sich nicht selten das Wohl­riechende Veilchen und meist überall das Gänseblümchen. Am sonnigen, steinigen Südhang, wo sich der Boden während der oft nur kurz anhaltenden Bestrahlungen durch die Früh­lingssonne rascher und durchdringender erwärmt, haben sich Pflanzen angesiedelt, denen diese Stand- ortsbedingungen zusagen. Hier bildet das Früh­lingsfingerkraut gelbe Polster, und stellen­weise schmückt die Küchenschelle den Hang mit ihren violetten Vlütenqlocken. Auf mageren, dür-

Gießener Siadttheater.

Carl Hauptmann:

Die armseligen Besenbinder/

Gerhart Hauptmanns 1921 verstorbener, um vier Jahre älterer Bruder Carl, 1858 in Obersalzbrunn in Schlesien geboren, hat seine literarische Lauf­bahn erst begonnen, als der Jüngere bereits be­kannt und berühmt war. Carl hatte sich ursprüng­lich mit naturwissenschaftlichen und philosophischen Arbeiten befaßt, war von dem Jenaer Kreise um Haeckel und Eucken beeinflußt worden und hatte 1892 ein Buch Über die Metaphysik in der moder­nen Physiologie geschrieben ein Werk, das von seiner späteren Entwicklung noch nichts ahnen ließ. Er begann dann später, auf neuem Felde, wie der bedeutendere Bruder, mit naturalistischen Dramen (Marianne",Waldleute",Ephraims Breite") und wenn man auch bald aus die Wesensunter­schiede im Werk der beiden aufmerksam wurde, so dürften doch auch gewisse Gemeinsamkeiten und verwandte Züge kaum zu übersehen sein.

In einem von Carl Hauptmanns bekanntsten Dramen, dem Märchenspiel von den armseligen Besenbindernirgendwo in einem entlegenen Ge­birgsdorf, hoch oben am Waldsaume in der letzten Hütte" mischen sich reale und Übersinnliche Züge auf eine wirre und wunderliche Weise. Die karge und elende Welt dieser Besenbinderfamilie hat szenenweise eine verzweifelte Aehnlichkeit mit den Hungerdörfern der schlesischen Web^r; wenn aber im zweiten Aufzuge der alte Raschke im Traum vor der Himmelstür steht, wo die ehrenwerten Bürger eingehen und empfangen werden, dann muß man ein paar Augenblicke lang an das Fieber­paradies des armen Hannele denken; die Besen­bindertochter Rapunzel wiederum ist ein wenig mit der tanzenden Pippa verwandt; die Szene vor dem Amtssekretär im vierten Akt erinnert da und dort an die Diebskomödie vom Biberpelz; und auch jener berühmte Fremde, der als Bote aus der Außenwelt in den Kreis der Handelnden eintritt, ist eine bei Gerhart Hauptmann mehr als einmal anzutreffende typische Figur des naturalistischen Schauspiels.

Die reale und die übersinnliche Sphäre durch­dringen sich in denBesenbindern" auf eine Weise, daß es kaum möglich ist, einen geordnetenGang der Handlung", der ja überdies dem Märchen- und Traumspiel-Charakter zuwiderliefe, zu erzählen. Die Geschichte, die hier geschildert wird, ist, mit

einfachen Worten, das alte Märchen von der Sehn­sucht nach dem Glück. Dieses Märchen könnte ja nirgends inbrünstiger gespielt werden als in der armseligen Welt der schlesischen Besenbinder. Aber es ist nicht nur die leibliche Sehnsucht, einmal im kalten Winter den nagenden Hunger mit der Diebesbeute aus dem Dorfkruge zu betäuben, und nicht nur der wilde Triumph der armen Leute, dem Gendarmen auf ihrer Spur ein Schnippchen zu schlagen. Der älteste in der Familie, der Groß­vater Raschke, wartet mit gläubigem und sehn­süchtigem Herzen auf die Heimkehr des verscholle­nen Sohnes aus der Fremde, der ihm sein Kind, die Märchenprinzessin Rapunzel zurückließ, auf daß er sie bewahre und rein erhalte in der armseligen Hütte im hohen Walde. Und wenn der Alte seinen Johannes auch an der Himmelspsorte nicht findet die Tochter begegnet ihm unter allem Volk in der Schenke, und es ist ein feiner und reicher Herr, ein Graf und ein Zauberer, dem das Mädchen alsbald auf geheimnisvolle Weise verbunden ist. Als er dann endlich die heimatliche Hütte betritt, kann er dem Alten nur noch die müden Augen schließen, ehe Rapunzel, den Vater erkennend, in seine Arme stürzt. Die reale und trostlose All­täglichkeit wird zuletzt, wie am Anfang, von den milden Klängen aus der jenseitigen Welt Über­spielt, und der Tod mit seiner Geige gehört ebenso in die aus der Phantasie geborene Märchenwelt wie jene arme, irrePrinzessin Trull aus Arau- fanien", die sich, wunderlich genug, in die Besen- binderhütte verirrt hat und sich hier ein längst ver­sunkenes Königreich vorzugaukeln versucht.

Herr Neuhaus hatte die Spielleitung und folgte in seiner Wiedergabe dem eigentümlichen Rhythmus, welcher die Vorgänge so ungewiß und oft verwirrend auf der Schwebe zwischen den bei­den Welten hält, zwischen harter, nüchterner Reali­tät und den übersinnlichen Bezirken des Traumes und der Phantasie. Das äußere Bild (Dekorationen von Löffler. Beleuchtung: Keim) unterstrich diesen Eindruck auf eine sehr sinnfällige Art in der Gegenüberstellung von Besenbinderhütte, Kret­scham und Gerichtsstube hienieden und jener para­diesischen Waldwiese, die von Wolken umsäumt ist und an der Himmelstür endigt.

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Unter dem Besenbinderoolk ragte die Gestalt des alten Raschke nicht nur körperlich über seine Sippe heraus: Herr Kühne spielte ihn so, daß zwar die landschaftliche und soziale Verwandtschaft mit Ge­stalten wie Vater Baumert und Vater Hilfe aus denWebern" spürbar blieb, aber auch die mysti-

scheu Züge des Glückssuchers aus einemalten Märchen" zu begreifen waren. Ganz naturalistisch wirkten daneben die andern: Frau Stirl, Frau Schubert-Jüngling und Herr Q u a d f I i e g, die vor allem im ersten und im vierten Akt die reale Welt des Spieles mit scharfen Strichen ver­deutlichten. Ganz ins Jenseitige, Mystische und Märchenhafte gewandt gab Herr Neuhaus die barocke Figur des Johannes Habundus; doch wußte er in der Kneipenszene auch die rein theatralischen Elemente der Rolle wirksam auszuschöpfen. Fräu­lein W i e l a n d e r gab die Rapunzel als ein zar­tes und von der Wirklichkeit nie völlig umfangenes Geschöpf aus der Welt der Pippa und des Hannele. Fräulein Decker in den wirren Phantasien der Prinzessin Trull; Herr Sieten als handfester Gendarm; Herr Volck als Amtssekretär wie aus dem Skizzenbuch von Spitzweg; die Herren Gei­ger und Göbel, die Damen Pflug und W e y l seien aus dem umfänglichen Ensemble noch ge­nannt.

Die Besucher schienen sich zumeist an die spär­lichen heiteren Momente zu halten und spendeten zum Schluß freundlichen Beifall hth.

Klavierabend Georg Kuhlmann.

Sie sind selten geworden, die selbständigen Kla­vierabende. Nicht nur an kleineren Plätzen, auch in der Großstadt, und da vielleicht noch mehr, sind sie jetzt ein Wagnis; denn in den überwiegenden Fällen spielen die Ausübenden vor leeren Stühlen. Nur Leute mit berühmten Namen können auf ein volles Haus rechnen, der unbekannte Künstler hat es schwer, sich durchzusetzen. Herr Georg Kuhl­mann veranstaltete zugunsten des Studentenwerks Gießen im Studentenheim einen eigenen Klavier­abend. Er hatte sich eine recht anspruchsvolle Folge gewählt. Sie enthielt Werke von Bach, Mo­zart, Chopin und Schumann, also Stücke aus den verschiedensten Stilperioden, die einem Künstler wohl Gelegenheit geben, sein technisches und musikalisches Können unter Beweis zu stellen.

Dieses Riesenprogramm auswendig zu spielen, ist eine erstaunliche Gedächtnisleistung, und es ist durchaus zu verstehen und zu entschuldigen, wenn bei der anfänglichen Befangenheit hierbei kleine Unebenheiten vorkamen. Der Konzertgeber ver- fügt über eine recht solide Technik, der nur noch wenig fehlt, um sie allen Schwierigkeiten gewachsen zu machen. Sein Anschlag ist sehr modulations- fähig, beHnders gepflegt erschien das Pianospiel.

Der em Anfang gespielten C-Moll-Partita von'

Bach fehlte noch etwas die Ruhe und Klarheit, die bei diesem Meister Grundbedingung ist. Max Reger sagte einmal mit Recht, man dürfe Bach nur so schnell spielen, daß die Klarheit nicht dar­unter leide. Die Tempi hätten ruhig breiter fein dürfen. Der Vortrag verlor sich hie und da zu sehr ln Kleinigkeiten (besonders dynamisch), zum Schaden der großen Linie. Die Allemande und Sarabande waren sehr schön.

Die Sonate von Mozart ist eine der letzten des Meisters. Er schrieb sie im Jahre 1789, also zu einer Zeit, als schonFigaros Hochzeit" und bedeutende Symphonien geschrieben waren. Sie nimmt mit noch zwei anderen Sonaten, der großen b-Dur- und der Phantasiesonate in C-Moll eine besondere Stellung ein. In ihnen tritt nämlich eine hohe Satzkunst zutage, die man in den übrigen Sonaten nicht findet. Die kontrapunktische Be­arbeitung der Themen ist in allen drei Sätzen gleich bewundernswert, und dabei klingt alles so elbstoerständlich, als ob es nur so und nicht anders em könne.

5)err Kuhlmann spielte die Sonate^srisch und lebendig, hob besonders im ersten und zweiten Satz die Themengruppen klar van einander ab und ge­staltete dynamisch recht farbig.

Die Romantiker Chopin und Schumann scheinen dem Veranstalter besonders zu liegen. Vier Etüden oon Chopin und die Barkarole wurden mit jenem Gefühlsüberschwang gespielt, der bei diesem Meister unerläßlich ist. Im Hinblick auf das Er- zieherische, das doch jedes Konzert haben soll, ist die Angabe der genauen Werkzahl (es war op. IQ 3, 4, op. 25 6, 12) unbedingt nötig.

Den Beschluß machten die im Jahre 1837 er- schienenen Etüden in Form von Variationen von Robert Schumann. Das Thema stammt nach Angabe des Komponisten von einemAmateur". Dem Meister scheint dieses herrliche Werk besonders am Herzen gelegen zu haben, denn er änderte bei der zweiten Ausgabe teilweise den Notentext und die Vortragsbezeichnunaen. Der Vortrag durch Herrn Kuhlmann löste ungetrübte Freude aus. Technisch und oortraglich gelang alles gut. Jede der zwölf Variationen erhielt ihr eigenes Gepräge. Der Beifall der recht zahlreichen Zuhörer war deshalb nach dieser Leistung besonders herzlich. Er zwang den Künstler nach dem anstrengenden Abeird noch zu zwei Zugaben.<

Sochschulnachrichten.

Geh. Rat Professor Dr. Heinrich Lüders, der namhafte Indologe an der Universität Berlin, ist mit Wirkung vom 1. April an emeritiert worden.