Ur. 268 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
5reitag, 15. November 1955
Der Devisenprozeß des Bischofs von Meißen.
Berlin, 14. Nov. (DNB.) Vor der IV. Strafkammer des Berliner Landgerichts, der Spezialkammer für Devisenstrafsachen, begann am Donnerstagvormittag der Prozeß gegen den Bischof von Meißen, Peter Legge, und seine Mitangeklagten, dessen Bruder, der 46jährige Dr. Theodor Legge, Generalsekretär der Akademischen Bomfatiusvereinigung in Paderborn, sowie der 47jährige Generaloikar Domherr Professor Dr. Wilhelm S o p p a aus Bautzen, die 25jährige Auguste Klein aus Paderborn, die aber vom Erscheinen in der Hauptoerhandlung entbunden worden ist, und der 39jährige Generalsekretär Wilhelm F r e ck m a n n vom Bonifatiusverein in Paderborn. Gegen diesen ist das Verfahren vorläufig eingestellt worden, weil er nur der Begünstigung des Dr. Th. Legge angeklagt ist und die hierfür zu erwartende Strafe kaum ins Gewicht fallen würde neben den fünf Jahren Zuchthaus, die er bereits kürzlich in dem gemeinschaftlichen Verfahren mit dem Generalvikar des Pistums Hildesheim erhalten hat.
Die Ankkase
Den ersten drei Angeklagten werden fortgesetzte Devisenverfehlungen in zwei Fällen, begangen in Bautzen, dem Sitz des Bistums Meißen, in Berlin, Paderborn und Münster in der Zeit vom 20. Januar bis 9. April 1934 gur Last gelegt. Die beiden anderen Angeklagten sollen sich der Begünstigung des Dr. Theodor Legge schuldig gemacht haben, indem sie bei der Durchsuchung seiner Arbeitsräume durch die Beamten der Zollfahndungsstelle belastende Sch riftstücke beseitigten. Unter dem Vorgänger des angeklagten Bischofs hatte das Bistum Meißen im Jahre 1926 in Holland eine 300000- Gulden-Anleihe ausgenommen. Hiervon waren bereits 90 000 Gulden getilgt worden. Der Kurs der Obligationen im Auslande schwankte zwischen 40 und 45 v. H. und reichte daher zur Tilgung auch mit erlaubten Mitteln, als infolge der inzwischen erlassenen einschneidenden Devisengesetze der frühere Weg nicht mehr beschritten werden konnte. Vom Jahre 1935 ab war ein Obligationsrückkauf nur noch mit Hilfe der Exportbonds möglich. Das verteuerte aber den Kurs erheblich, und daher wurde unter Mitwirkung des berüchtigten Dr. Hofius, des Leiters der Unioersumbank, ein anderer ungesetzlicher Weg gefunden. Durch Vermittlung des Dr. Theodor Legge flössen dem Bistum um die Jahreswende 1933/34 aus dem für Diasporazwecke ausgeschütteten Vermögen des Schutzengelvereins in Paderborn darlehensweise 100 000 Ma^k zu. Dieser Betrag wurde der Zweig st elle Münster der Uni- versumbank überwiesen, nachdem er zur Verschleierung seines Verwendungszweckes einen Umweg über verschiedene andere Banken und Konten genommen hatte. Die noch fehlenden 80 000 Mark wurden vom Bistum selbst aufgebracht. Es soll sich um Geschenke des Vonifatius- vereins zur Entschuldung eigener Gemeinden sowie um Beträge handeln, die vom bischöflichen Gabenkonto stimmen Don den 80 000 Mark wurde später ein Teilbetrag von 40 000 Mark bei der Universum- bank in Münster bar abgehoben. Die Quittung erteilte Dr. Theodor Legge. Die Anklage sieht aber als erwiesen an, daß der Betrag in Wirklichkeit dem D r . Hofius zugeflossen ist, der diese 40 000 Mark zusammen mit den vorerwähnten 100000 Mark nach Holland verschoben hat. Die jeweils über die Grenze geschmuggelten Beträge wurden dem Bistum Meißen unter dem Decknamen „Bistum Utrecht" bei der'Univer- fumbank in Amsterdam gutgeschrieben.
Die Mitschuld des Bischofs leitet die Anklage aus einer von ihm am 27. November 1933 erlassenen Verfügung her, wonach der mit der Führung des
Briefwechsels und der mündlichen Verhandlungen betraute Mitangeklagte Prof. Dr. Soppa dem Bischof persönlich alle 8 bis 10 Tage Bericht über den Stand der Anleihe-Angelegenheit erstatten sollte. Als weiterer Mitarbeiter und Berater in finanziellen Fragen stand dem Bischof ^ein Bruder Theodor zur Seite.
Dec Lebenslauf des Bischofs.
Der angeklagte Bischof Peter Legge wurde 1882 als Sohn des Bierbrauereimeisters Legge in Brakel (Westfalen) geboren. Nach erfolgreichem Studium wirkte er zunächst im Mansseldischen als Priester. Von 1911 bis zu seiner Berufung als Propst nach Magdeburg im Jahre 1924 war Peter Legge als Vikar und Studentenseelsorger in Halle tätig. In Magdeburg war Legae auch mit dem Kommissariat für den sächsischen Anteil der Erzdiözese Paderborn betraut. 1932 wurde er an die Spitze des Bistums Meißen berufen. Der Angeklagte war feit Jahren im Vorstand der Paderborner Diözese, die ihm mit Rat und Tat zur Seite stand.
Die Vernehmung der Angeklagten.
Der angeklagte Bischof erklärte bei seiner Vernehmung, daß er über die Einzelheiten der wirtschaftlichen Verhältnisse im Bistum nicht unterrichtet gewesen sei. Das sei Angelegenheit des Generalvikars Prof. Dr. Soppa gewesen.
Vorsitzender: Was wollen Sie überhaupt über die Anleihe wissen? Sind nicht Verhandlungen über eine verstärkte Tilgung geführt worden?
Angeklagter: Wir wollten Obligationen in Holland aufkaufen mit Hilfe von Geldern, die uns zur Verfügung gestellt wurden. Soviel mir erinnerlich ist, haben auch Verhandlungen mit der Devisenstelle in Dresden stattgefunden, nach denen wir Obligationen aufkaufen durften.
Vorsitzender: Welche Rolle hat denn Ihr Bruder als Ihr Finanzberater gespielt?
Angeklagter: Mein Bruder hat mir mitgeteilt, man könne die Holland-Anleihe auf einem legalen Wege ab st oßen. In Holland gebe es ein kirchliches I n st i t u t, das habe die Möglichkeit, die niedrigstehende Anleihe aufzukaufen, um so unserem armen Bistum zu helfen. Das erforderliche Geld werde bei einer Bank in Münster ein gezahlt, die mit dem holländischen Institut zusammenarbeite und das Geld als Sicherheit für das holländische Unternehmen verwalte. Ich habe mit keinem Gedanken daran gedacht, daß das Geld über d i e Grenze gehen könnte. Vielmehr rechnete man damit, daß in späterer Zeit die Devisengesetze wieder aufgehoben würden und dann sollte der Ausgleich mit Holland erfolgen.
Vorsitzender: Wann ist denn der Name des Dr. Hofius gefallen?
Angeklagter: Ich habe ihn erst in den Devisenprozessen gehört.
Vorsitzender: Wieviel hat man in Deutschland sichergestellt, und für welchen Betrag sind Obligationen aufgekauft worden?
Angeklagter: Ich weiß aus einer Sitzung, daß wir 100 000 Reichsmark oom Schutzengeluerein in Paderborn erhalten hatten. Dieser Betrag und das, was ich privatim gesammelt hatte, sollte nach Münster gehen,'damit die Bank damit arbeiten könne.
Der Bischof betont, daß er sich für finanzielle Angelegenheiten überhaupt nicht interessiert habe. Auch über die Einzelheiten über die Einzahlung der Gelder für das holländische Obligationsgeschäft will er nichts wissen.
Der Bruder des Bischofs, Dr. Theodor Legge, bekundet, Dr. Hofius habe ihn gefragt, ob er an der Ablösung der Holland-Anleihe des Bistums
Meißen interessiert sei. Dies habe er bejaht, will aber gleichzeitig darauf hingewiesen haben, daß der Rückkauf der Obligationen mit Hilfe von Exportbonds zu unvorteilhaft sei, und ein anderer gesetzlicher Weg noch nicht in Frage komme. Darauf habe ihm Dr. Hofius erklärt, daß es noch einen anderen, durchaus legalen Weg gebe. Danach sollten die Obligationen von holländischen Klöstern aufgekauft werden, während das Bistum Meißen bei der Universum-Bank in Münster einen entsprechenden Betrag sicher stellen sollte. Nach Aufhebung der Devisengesetzgebung sollte dann die Verrechnung mit den ausländischen Ordensniederlassungen erfolgen. Mitte Dezember 1933, so erzählt der Angeklagte weiter, habe er seinen Bruder, der damals gerade sehr krank war, in Bautzen besucht. Um ihm eine Freude zu machen, habe er seinem Bruder erzählt, daß es einen Weg gebe, die Holland-Schuld zu tilgen. Sein Bruder, der in finanziellen Dingen wenig Bescheid wußte, habe darauf seine Bereitwilligkeit mit dem vorgeschlagenen Weg erklärt, wenn es sich um ein gesetzlich ftatt» Haftes Vorgehen dabei handeln würde. Aus Sammlungen feien darauf vom Bistum Meißen zunächst 40 000 Mark aufgebracht worden, die er, der Angeklagte, an Hofius weiterleitete. Später sei dann noch der Betrag von 100 000 Mark, nämlich das Darlehen des Schutzengel-Vereins in Paderborn, dazu gekommen.
Der Angeklagte erklärt, er habe mitunter Argwohn gegen D r. Hofius gehabt. Hofius habe aber seine Bedenken immer zu zerstreuen verstanden. Eines Tages habe Hofius ihn darüber aufgeklärt, daß er für das Bistum Meißen ein Guldenkonto in Holland angelegt habe. Er, der Angeklagte, sei sehr empört über das eigenmächtige und ungesetzliche Vorgehen des Dr. Hofius gewesen. „Ich habe ihn angebrüllt wie ein Stier", so bekundete er. „Was sollte ich nun machen? — Die Sache war passiert. — Vor allen Dingen das war mein Gedanke, durfte mein Bruder nichts erfahren.
Der Angeklagte
Generalvikar Professor Dr. Soppa schilderte, wie sich die wirtschaftliche Lage des Bistums immer mehr verschlechtert habe, so daß bald aus pekuniären Gründen kaum noch an einen Rückkauf von Obligationen gedacht werden konnte. Schließlich versagte die Devisenstelle auch grundsätzlich die Genehmigung hierzu und verwies das Bistum auf den Weg, die Obligationen mit Hilfe von Exportbonds aufzukaufen. Der Angeklagte hat auch tatsächlich einige Schuldverschreibungen mit Hilfe von Exportbonds in Holland aufkaufen lassen. Durch den Sekretär eines befreundeten katholischen Vereins in Paderborn sei ihm mitgeteilt worden, daß Dr. Hofius allein hel° f e n könne. „Dr. Hofius schwebte mir", so erklärte der Angeklagte, „vor wie eine Art Wundermann, der mancherlei fertigbrachte, ohne sich dabei gegen die Gesetze zu vergehen." Im persönlichen Umgang machte er allerdings keinen besonders vertrauenerweckenden Eindruck. Der Bischof hat dem Dr. Soppa etwa im Januar 1933 mitgeteilt, sein Bruder habe einen gesetzmäßigen Weg gefunden, auf dem zu gegebener Zeit die Holland- Anleihe abgelöst werden könne. Hierzu müsse nur Geld beschafft werden. Darum habe er sich denn auch in der Folgezeit bemüht. Er begrüßte es daher besonders, daß dem Bistum vom Boni- faziusverein in Paderborn ein Darlehen von 100 000 Mark angeboten wurde. Davon, daß dieses Geld nach Holland verschoben und zum Ankauf von Obligationen benutzt wurde, will der Angeklagte damals nichts gewußt haben. In feiner Volksverratsanzeige hat er auch als einziges Vermögen des Bistums lediglich die von ihm mit Hilfe
von Exportbonds aufgekauften Obligationen aufgeführt. Noch nach Erlaß des Dolksverratsgefetzes habe ihn der Bischof beruhigt mit der Erklärung, es fei alles gesetzesmäßig geschehen und überdies amnestiert. An der Wahrhaftigkeit der Erklärungen feines Bischofs zu zweifeln, habe er nie gewagt.
Es wurden dann die Protokolle über die kommissarische Vernehmung der vom Erscheinen entbundenen 25jährigen Mitangeklagten Auguste Klein verlesen. Daraus ergibt sich, daß diese aus dem Verhalten des Dr. Theodor Legge in der Anleiheangelegenheit den Verdacht geschöpft hat, daß irgend etwas nicht in Ordnung fei. Als dann die Beamten der Zollfahndungsstelle die Arbeitsräume des Dr. Legae in Paderborn durchsuchten, vernichtete sie die Geschäftsbücher, in denen die Geschäfte mit der Unioersumbank verbucht waren. Auch hat sie einen Brief, den sie für belastend hielt, ungeöffnet verbrannt.
Ein Rechtsanwalt Vor st mann aus Amsterdam hatte der Verteidigung erklärt, daß er wichtige Aussagen über die Obligationsgeschäste machen könne. Er bekundete als Zeuge, daß er bei der Universumbank in Amsterdam ermittelt habe, daß alle Aufträge zum Rückkauf der Obligationen b e - reits vor dem 16. Oktober 1934, dem Stichtag für die Volksverratsanzeige, erteilt worden feien. Die von Rechtsanwalt Kaltenbach für das Bistum auf Grund einer Blankovollmacht des Generalvikars Dr. Soppa erstattete Dolksverrats- anzeige sei also richtig. Die Staatsanwattschaft ist der Meinung, daß zur Zeit der Erstattung dieser Anzeige ein Teil der Effekten erst zu einem späteren Lieferungstermin angeschafft werden sollte.
Beamte sammeln für das Winterhilfswerk.
Reichsminister Dr. Frick zum Sammeltage der deutschen Beamtenschaft.
Berlin, 14. Nov. (DNB.) Der Reichs- und Preußische Minister des Innern Dr. Frick veröffentlicht anläßlich des Sammeltages der deutschen Beamtenschaft für das WHW. am 1. Dezember folgenden Aufruf:
Am 1. Dezember stellt sich die gesamte Beamtenschaft des Reiches, der Länder und Gemeinden i n b i e Front des Kampfes gegen Hunger und Kälte. An diesem Tage wird sie im ganzen Reichsgebiet eine Straßensammlung veranstalten und dadurch ihrer nationalen Solidarität mit jenen Volksgenossen Ausdruck geben, die leider noch immer ohne Arbeitoder genügendes Einkommen sind. Die deutsche Beamtenschaft beweist mit ihrem Einsatz für die notleidenden Volksgenossen, daß sie die Kameradschaft des Schützengrabens, des Einstehens des einen für den andern, aus der die Idee des Nationalsozialismus geboren wurde, begriffen hat und praktisch betätigen will.
Der nationalsozialistische Staat fordert vom deutschen Beamten, daß er sich dem Volke verbunden fühle. Er darf kein sich selbst genügendes, in klassenkämpferischen Dünkel ausartendes Svnderda- sein führen, sondern muß sich offen und ehr - l i ch zur deutschen Volksgemeinschaft bekennen. Der deutsche Beamte war immer ein Muster der Staatstreue, der Ehrenhaftigkeit und der Sauberkeit. Das große Sammelwerk des Winterhilfswerks wird beweisen, daß er im praktisch betätigten Opfersinn keiner anderen Gruppe des deutschen Volks nachsteht. Der 1. Dezember, der Tag der Reichsstraßensammlung der deutschen Beamten, soll und wird ein Ruhmesblatt in der Geschichte des deutschen Beamtentums und ein Ehrentag der nationalen Solidarität werden.
Deutsche Beamte an die Front. — Der Führer ruft zum Kriege gegen Hunger und Kälte. Wir folgen seinem Befehl."
Wilhelm Raabe.
Zum 25. Todestage des Dichters
am 15. November.
In seinem Zimmer in einer der schmalen Gassen an der Fnedrichsgracht steht Wilhelm Raabe am Fenster. In der Nooemberdämmerung huscht drüben eine kleine Putzmacherin vorüber. Schade, daß er so schlecht sehen kann; die Augen hat er sich durch das nächtelange Lesen gründlich verdorben. Aber er hat ein Bläschen im Fensterglas entdeckt, und dadurch sieht er nun die Welt scharf, wenn auch winzig klein: die Welt der kleinen Leute im Spreeviertel von Alt-Berlin. Auf das dünne, gelbe Papier, das er aus einer Zigarrenkiste reißt, schreibt er die ersten Zeilen an der „Chronik der Sperlingsgasse". 1857 erscheint das Buch. Die Ironie und der scharf ausgeprägte Wirklich- feitsfinn erinnern an Dickens und Thackerray, dle traumhafte Weichheit der Sprache an Andersen, mit dem ihn die gemeinsame Liebe verbindet: für Kinder, enge Gassen und arme Leute.
Der Aut"r Sohn einer Familie kleiner Beamter und „treü^eißiger Schulmeister", Buchhändlerlehrling in Magdeburg und jetzt, da er als entlaufener Sekundaner nicht immatrikuliert werden kann, Hörer an der Universität Berlin, wo er in den warmen Hörsälen während der Vorlesungen an feinem Roman schrieb, der sechsundzwanzigjährige Autor, dessen Namen das Braunschweiger Wochenblatt erst einmal gebracht hatte und zwar unter den Steckbriefen, weil er versäumt hatte, sich zur Musterung zu stellen, er faßt den Entschluß, sich gänzlich der Literatur zu widmen. Für die „Chronik der Sperlingsgasse" hatte er, anstatt ein Honorar zu erhalten, noch fünfzig Taler zu den Druckkosten beitragen müssen. Der nächste Roman, nach einigen Erzähluno-'n für Westermanns Monatshefte, ist ein völliger Mißerfolg. Achtzig Exemplare werden ab- gcfetzt; den Rest muß Raabe für fünfundsiebzig Pfennige das Stück zurückkaufen. Er endet teils im Ofen, wie Gottfried Kellers „Grüner Heinrich", teils als Unterlage für den Stubenteppich. Das ist der wenig verheißungsvolle Anfang.
Die in den Jahren des Stuttgarter Aufenthalts veroffntlichten Novellen spielen meist in vergangenen Jahrhunderten. Für Raabe ist die Geschichte nichts als der alte Gobelin, vor dessen verblassendem Grunde Menschenschicksale sich erfüllen. Von rotem Fackellicht übergossen schwankt die „Schwarze Galeere" der Wassergeusen auf der Schelde; verzehrende Tropensonne glüht über der westindischen Pestinsel „St. Thomas"; die Sammlung „Regenbogen" schließt mit der Elegie von der Liebe des Marwjtzschen Reiteroffiziers.
1865 beginnt mit dem „H u n g e r p a st o r" die Trilogie der Romane vom Wert und Unwert der Welt. Hans Unwirrsch, der Sohn der Wäscherin und des philosophierenden Schusters aus der Kröp- pelgasse zieht aus mit seinem Hunger nach dem Leben und endet in einer Hungerpfarre an der Ostsee unter armem Volk. Er hat eins der „wirklichen Königsreiche dieser Welt" gewonnen.
Zwei Jahre danach folgt „Abu T e l f a n". Ein Mensch kommt aus langer Gefangenschaft bei den
Scherl-JBildmaterndienst
Negern im Tumurkieland in die philiströse Verlogenheit und Enge der deutschen Kleinstadt; in die Welt der „Herren, die sich am liebsten mit ihren Titeln nennen und Gott sei Dank alle einen besitzen." 1870 erscheint der „Schüdderum p", der zweirädrige Karren, auf dem man einst die Pestleichen zur Grube fuhr, „der schwarze Wagen, der immerfort seinen Weg durch die Geschlechter der Lebendigen fortsetzt"
Raabes Spätwerke, darunter die „See- und Mordgeschichte, Stop fluchen" und die „Akten des Vogelsang s", sind kaum beachtet worden, ftür jedes Buch mußte er einen neuen Verleger suchen Zu den Vielgelesenen hat er nie gehört. Wie Blei lagen feine Romane in den Läden, vor denen die Damen Schlange standen, um die neueste „Gartenlaube" mit dem „Geheimnis der alten Mamsell" zu bekommen. Mit dem Beginn des literarischen Umschwungs, der in den achtziger Jahren emsetzte, im Svätherbst seines Lebens, ist er zu dem Ruhm
gelangt, van dem er gesagt hatte, er würde ihn wohl erst dreißig Jahre nach seinem Tod erreichen, wenn er bei Reclam erscheine. Zu seinem siebzigsten Geburtstag traten die Dekane der ältesten deutschen Universitäten an, um ihm die Doktorhüte ihrer Fakultäten zu überreichen, während im Hintergrund die Ratsherrn von Braunschweig und seiner Geburtsstadt Eschershausen mit den Ehrenbürgerbriefen warteten. Als Neunundsiebzigjähriger ist er 1910 gestorben, im November, den er so geliebt hat.
Raabe ist deutsch, im Fühlen und in der niedersächsischen Schwere seiner Sprache, ungeachtet ihrer barocken Verschachtelungen. „Vergesse ich dein, Deutschland, großes Vaterland: so werde meiner Rechten vergessen." Das schrieb er in seinem Erstlingswerk. Und über „Hastenbe ck", der letzten seiner Erzählungen, steht das Wort des Freiherrn vom Stein: „Ich habe nur ein Vaterland, das heißt Deutschland!" Aus der Reinheit und Tiefe dieses Nationalgefühls, das eherner hallt als das blechenere Fanfarengeschmetter der Konjunkturritter, kommt das bittere Wort über die „Gründerjahre": „Wie nach einer großen Feuersbrunst in einer Gasse ein Sirupsfaß platzt und der Pöbel und die Buben anfangen zu lecken, so war im deutschen Volke der Geldsack aufgegangen, und die Taler rollten auch in den Gassen und nur zu viele Hände griffen auch dort danach. Es hatte fast den Anschein, als sollte dies der größte Gewinn sein, den das geeinigte Vaterland aus seinem großen Erfolge in der Weltgeschichte hervorholen konnte!"
Raabes Liebe galt den kleinen Leuten, dem Volk, „das mit feinen Händen zum Fortbestand der Welt hilft". Dem „Abu Telfan" war der arabische Spruch vorangestellt: „Wenn ihr wüßtet, was ich weiß, sagt Mahomed, würdet ihr viel meinen und wenig lachen". Als der „Schüdderump" erschien, glaubte man vollends, in Schopenhauer den schläfrig düstren Fuhrmann des polternden Totenkarrens zu sehen. „Das ist das Schrecknis der Welt", so endet das Buch, „schlimmer als der Tod, daß die Canaille Herr ist und Herr bleibt."
Und doch ist der Dichter des „Schüdderump" nicht pessimistischer als der der „Sperlingsgasse", der seinen Schiller verkaufte, um das Honorar für den Tanzlehrer auftreiben zu können, als der, der über den „Hungerpastor" das Wort der Antigone setzte: „Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da!" und der zehn Jahre später die köstliche Geschichte des entlaufenen Fürsorgezöglings „H o r a ck e r" schrieb. Sein Glaube an die Welt ist unerschüttert. „Der Mensch hat doch nichts Besseres als dieses schmerzliche Streben nach oben; ohne dieses bleibt er immerbar Erde von Erde genommen; in demselben steht er in dem engsten Kreise als Herrscher des unendlichsten Gebietes da, als Herrscher seiner
selbst." Zuversichtlich sagt die „liebe Frau von der Gedulde" im „Abu Telfan": „Wir sind wenige gegen eine Million, wir verteidigen ein kleines Reich gegen eine ganze, wilde Welt, aber wir glauben an den Sieg, und mehr ist nicht nötig, um ihn zu erringen". Aber es ist ein Sieg ohne Paukenschall, ein Sieg, der „im Dunkel der Verborgenheit unter Tränen" erfochten wird. So verklingen die Werke Raabes in leiser Kadenz.
Arbeit und Liebe! Das sind die Waffen des Lebens, mit denen Hans Unwirrsch sein Königreich der Seele erkämpfte. Da blickten sie auf das Meer, über dem in zerflatternden Nebeln die Sonne aufging, der Huntzerpastor und sein Weib Franziska. „Arbeit und Liebe", zitterte es durch ihre Herzen. Sie wußten, daß ihnen beides gegeben worden war. lieber den Gräbern deS armen Dorfes Grun- zenow standen Johannes und Franziska und fürchteten in der Liebe weder das Leben noch den Tod. „Gib deine Waffen weiter, Hans Unwirrsch!"
Walter Schwerdtfeger.
Zeitschriften.
— „Berliner Monatsheft e", Zeitschrift zur Vorgeschichte und Geschichte des Weltkrieges, herausgegeben von Dr. h. c. Alfred von Wegerer. Quaderverlag, Berlin W15. Preis vierteljährlich 2,50 Mark. — Der Breslauer Privatdozent Dr. Peter Raffow gibt im Novemberheft eine lieber» sicht über den Kampf, der während des Weltkrieges gegen Deutschland mit dem Mittel der Kriegsschuldanklage geführt worden ist. Dieser Kampf, der schon in den ersten Augusttagen 1914 einsetzte, hat sich gesteigert bis zu dem Tage, wo er im Artikel 231 des Versailler Vertrages und in den ungeheuerlichen Anklagen der Note Clemenceaus vom 16. Juni 1919 feinen Niederschlag gefunden hat. „Das gefühlsmäßige ,dennoch< des besiegten deutschen Volkes" — schließt Rassow seinen Aufsatz —, „ins Bewußtsein gehoben durch die Arbeit der deutschen historischen Wissenschaft, hat schließlich doch die Wahrheit über die Schuld am Kriege siegreich ans Licht gebracht." Die Arbeit von Dr. Rassow ist besonders geeignet, der jungen Generation, die mit Bewußtsein den Krieg selbst nicht erlebt hat, klar vor Augen zu führen, welche gewalttge Rolle die moralische Diffamierung Deutschlands während des Krieges gespielt hat und wie stark ihre Wirkung beim Friedensschluß hervortrat.
Hochschulnakbrichten
Der Dozent Dr. Georg Rohde von der Universität Marburg hat von der türkischen Regierung einen Ruf an den Lehrstuhl für klassische Philologie an der Universität Ankara erhalten und angenommen.


