Ur. 157 Zweites Blatt
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)
5amstag,I5.Zuni 1955
großes Geschäft handelt, sondern auch um Liebe nebst zugehöriger Eifersucht, wird manchem Besucher noch von der hiesigen Aufführung her in Erinnerung sein und versteht sich außerdem nahezu von selbst. Im übrigen wird wirklich lustspielmäßig und angeregt gespielt. Die Hauptperson ist Harald Paulsen, der als Jonny Baker aus Kanada den frischen Wind macht: er macht ihn reizend, das muß man sagen, mit einer liebenswürdi- gen Frechheit und einem entwaffnenden Humor, mit einer Energie und einer Schlagfertigkeit, die etwas Ueberzeugendes und Bezwingendes an sich haben. Sehr gut gesehen sind auch die Typen, die Gülstorfs, Hörbiger, Wäscher, Tiedtke und Sima auf die Beine bringen. Bon den Damen wirkt Dorit Kreysler ein bißchen nüchtern und konventionell; ganz scharmant daneben die Konstantin, die'noch immer eine der ersten deutschen Salondamen repräsentiert; sehr ausgeprägt kommt hier auch die Kabarettbegabung der Blandine Ebinger zur Geltung. Brause- weiter hat leider eine so ungeschickte Rolle, daß er sich darstellerisch kaum durchleben kann Alüs in allem: ein harmlos vergnügter Nachmittag. Im Beiprogramm bringt das Lichtspielhaus die neue Ufa-Tonwoche und einen Bildbericht von den Vorbereitungen zu den Festspielen in Bayreuth. r
BaUonabenteuer im Sturm.
Bei günstigem Wetter sind kürzlich drei belgische Lustschiffer mit einem Fesselballon vom Gelände der Weltausstellung in Brüssel gestartet, um dem Bürgermeister einer benachbarten Stadt, zu der die Winde den Ballon treiben sollten, den Gruß der Hauptstadt zu überbringen. Dieser Werbeflug ist aber nicht ganz programmäßig verlaufen. Aufkommende Unwetter trieben den Ballon weit über das belgische Land hinaus aufs freie Meer, und die drei Luftreisenden mußten die äußersten Anstrengungen machen, um die Herrschaft über den Ballon zu behalten. Der Korb wurde zerstört und das Netzwerk zerrissen, schließlich hingen die Luftschiffer nur noch an Seilen festgeklammert an dem Ballon. Erst am anderen Tag ging der Ballon nieder, und zwar auf das Moor von Briere in der Bretagne. Aber damit waren die Gefahren noch nicht über- standen. Fast fünf Kilometer weit wurde die Hülle des Ballons mit den drei Männern über das Moor hingeschleift ebe es ihnen gelang, sie am B^d-n festzumachen. Sie trugen nur noch Fetzen am ° ’ •. denn ihre Kleider waren zerrissen worden; die br-t Luftfahrer waren völlig erschöpft.
Die deutsch-englische Flottenaussprache.
Ein Musterbeispiel für die Abrüstungsmethode.
London, 14. Juni. (DNB.) Die deut sch- englische Flottenaussprache wurde nach der durch die Pfingstfeiertage verursachten Unterbrechung am Freitag wieder ausgenommen. Die englische Presse rechnet durchweg mit einem günstigen Aus gang der Besprechungen. Die Grundlage der Besprechungen ist, wie Preß-Asso- ciation zu berichten weiß, die Anerkennung der deutschen Forderung auf eine gleichmäßige Verteilung der 35 v. H. auf die verschiedenen Schiffsklassen durch England.
Auch die „E v e n i n g News" bezeichnet eine Einigung auf dieser Grundlage als höchstwahrscheinlich, und es sei nicht einzusehen, welche wesentlichen Einwände von anderer Seite hiergegen erhoben werden könnten. Reichskanzler Hitler verschließe sich nicht der Notwendigkeit, daß Großbritannien zur See allen Nationen, mit Ausnahme der Vereinigten Staaten, überlegen sein müsse.
Venn andere festländische Mächte entweder im Hinblick auf England oder auf Deutschland ihre
, Flotten beträchtlich verstärken foUfen, so werde auch Großbritannien aufrüffen, und Deutsch-
' land werde auf Grund des Abkommens mit Großbritannien automatisch befugt fein, Schritt zu halten.
Aber, so fährt das Blatt fort, nicht auf die Einzelheiten komme es an, sondern auf die Tatsache, daß ein Abkommen so leicht erreicht zu werden pflege. Die Abrüstungskonferenz, unternommen von einer Vielheit der Nationen, die argwöhnisch und beunruhigt seien, und an der eine Armee von Staatsmännern und Sachverständigen teilgenommen habe, jeder mit seinen eigenen kleinlichen Sorgen und vorgefaßten Meinungen, sei von vornherein zum Fehlschlag verurteilt gewesen. Diese Methode sei jetzt ausgegeben worden. Es stelle der Intelligenz der Diplomatie ein schlechtes Zeugnis aus, daß so viel Zeit und Geld nutzlos verschwendet worden sei.
Die Notwendigkeit für eine allgemeine Rüstungsbeschränkung bleibe bestehen, und es empfehle sich, die bei der Regelung der deutschen Flottensrage angewandte Methode auch auf anderem Gebiet zu befolgen.
Wenn die britische Flotte als allgemein gültiger Maßstab angenommen werde, müsse es jeder anderen Flottenmacht leicht fallen, ihre Flottenbedürfnisse zu bestimmen.
e o n d o n, 15. Juni (DRV. Funkspruch). Wie der Flotlen-Korrespondent des „Daily Telegraph" meldet, wird voraussichtlich Anfang nächsten Jahres d«m englischen Parlament das erste langfristige Flottenbauprogramm feit der Flottenakte von 1889 vorgelegt werden.
Die Aufstellung des Programms soll, dem Blatt zufolge, grundsätzlich angenommen worden sein. Die Einzelheiten mühten jedoch noch geregelt werden, bevor die Ergebnisse der auf den Herbst angesehten Flottenkonferenz in London bekannt würden. Es fei aber damit zu rechnen, daß das Programm zunächst die systematische Ersetzung überalterter Schiffe in jeder Schiffsgattung, ferner eine ständige Ersetzung des Flottenpersonals und schließlich größere Erleichterungen für Seeübungen vorfehe. Das Programm werde sich auf eine 2N.n- destdauer von vier Jahren erstrecken, wobei der
Ribbentrop beim englischen Außenminister. London, 14. Juni. (DNB.) Botschafter von Ribbentrop begab sich am Freitagvormittag in Begleitung des Konteradmirals S ch u st e r in das Foreign Office und hatte dort eine längere Unterredung mit dem neuen englischen Außenminister Sir Samuel Hoare.
Inoffizielle Belprechunaen
London, 15. Juni. (DNB. Funkspruch.) Im Rahmen der deutsch-englischen Flotten- verhandlungen fand am Freitagabend eine inoffizielle Besprechung der einzelnen Delegationsmitglieder statt zur Vorbereitung der Sitzung am Samstag. Der Verlauf der Besprechung war zufriedenstellend.
Oie Hermkehr
des Kreuzers „Emden".
Wilhelmshaven, 14. Juni. (DNB.) Der Kreuzer „Emden" ist am Freitagnachmittag von seiner halbjährigen Auslandsreise wieder in seinen Heimathafen Wilhelmshaven zurückgekehrt. Trotz des Regens warteten viele tausend Menschen, bis um 16,30 der Kreuzer aus dem Regendunst vor der Einfahrt auftauchte und sich dem Hafen näherte. Auf der mittleren Mole der Einfahrt hatten sich Vizeadmiral Schultze und sein Stabschef, Konteradmiral Stobwasser, eingefunden. Unter den Klängen der Musikkapelle näherte sich die „Emden" mit ihrem langen Heimatwimpel der mittleren Mole. Dann wurde unter dem Jubeln und Winken der riesigen Menge am Kai der Kreuzer festgemacht, Stationschef Vizeadmiral Schultze begab sich mit seiner Begleitung, unter der sich auch Vertreter der NSDAP., sowie die beiden jadestädtischen Oberbürgermeister befanden, an Bord und begrüßte die heimgekehrte Besatzung, die ihre Aufgabe, sich überall im Auslande mit Ehren zu zeigen und das deutsche Vaterland würdig zu vertreten, in schöner Weise erfüllt habe. In das Siegheil auf den Führer und Oberbefehlshaber der Wehrmacht Adolf Hitler stimmten die riesige Volksmenge und alle Soldaten der Krieasmarine begeistert ein. D'" Musik spielte das Deutschlandlied und das Horst-Wessel-Lied.
Umfang der für jedes Jahr bestimmten Neubauten klar festgelegt werde. Für das Finanzjahr 1936/37 fei als erstes die Bauvorbereitung für fünf Schlachtschiffe geplant, die die bis dahin veralteten Schiffe „warfpite" und „Queen Elizabeth" ersehen sollen. Zwei weitere Schlachtschiffe wurden voraussichtlich im Jahre 1938 folgen und eines im folgenden Jahr, um die Ersetzung der gesamten „Queen EUzabeth"- Klasse zu vervollständigen. Ferner müßten 7Naß- nahmen zum Ersah von 2 2 Kreuzern und einer großen Anzahl von Zerstörern getroffen werden, die sämtlich überaltert seien, oder es wenigstens sein werden.
Der Korrespondent meldet weiter, daß nicht die Tätigkeit irgend einer einzelnen Wacht, sondern die beinaheallgemeineAufrüskungder ausländischen Flotten seit dem Flottenvertrag von 1930 für das neue englische Bauprogramm verantwortlich
fei. Ein deutfch-englifches Flottenabkommen auf der Grundlage von 35 v. h. würde an sich nicht zu einer unmittelbaren Erhöhung der britischen Stärke führen. Nachdem das bisherige Verhältnisfyftem der Flottenbegrenzung von Japan abgelehnt worden fei, fei man der Ansicht, daß die beste Hoffnung auf Vermeidung eines neuen Flottenwettrüstens in der freien Veröffentlichung der britischen und ausländischen Flottenbauprogramme liege. Die Finanzierung des Programms fei immer noch ein großes Geheimnis. Die Wög- lichkeit einer Anleihe werde von der Regierung nicht günstig beurteilt.
Besprechungen bei Sabal.
Paris, 15. Juni. (DNB. Funkspruch.) Die Unterredung, die Ministerpräsident Laval am Freitag mit dem französischen Botschafter in Rom, d e Chambrun, hatte, bezog sich, wie „Petit Pa- risien" erklärt, in erster Linie auf den italienisch-abessinischen Konflikt, in zweiter Linie auf den Donaupakt.
Da weiter mitgeteilt wird, daß Frankreich inzwischen mit Italien wegen der deutsch-englischen Flottenbesprechungen Fühlung genommen hat, hält es der Korrespondent des „Oeuvre" nicht für ausgeschlossen, daß bei der Besprechung Lavals mit dem Botschafter auch diese Frage angeschnitten worden ist.
Französischer Mmisterrat.
Paris, 14. Juni (DNB.) Nachdem der M i n i - sterrat das Programm für die Beisetzungsfeierlichkeiten des verstorbenen Unterrichtsministers Marcombes geregelt hat, hat Kriegsmarineminister Pie tri den Rat über den Stand der deutsch-englischen Flottenverhandlungen in Kenntnis gesetzt. Der Ministerrat hat darüber beraten und den Außenminister und den Kriegsmarineminister beauftragt, den Wortlaut der französischen Antwort an die britische Regierung auszuarbeiten.
lieber den Verlauf des Ministerrats wird weiter bekannt, daß keine Einzelbeschlüsse über
LPD. Frankfurt a. M., 14. Juni. Reichshandwerksmeister Schmidt suchte am Freitagnachmittag im Adolf-Hitler-Haus zu Frankfurt am Main den Reichsstatthalter und Gauleiter Sprenger auf, um ihm persönlich die beiden Plaketten zum Reichshandwerkertag zu Überreichen. In seiner Ansprache hob
Reichshandwertsmeister Schmidt
die Verdienste hervor, die sich der Gauleiter, der ja bekanntlich auch Ehrenobermeister des rhein- mainischen Handwerks ist, um das Handwerk erworben habe. Er hoffe zuversichtlich, daß die Stadt Frankfurt a. M. f ü r immer d i e Stätte der Reichshandwerkertage werde. Die Entscheidung hierüber liege allerdings beim Führer.
Gaulerter (Sprenger
dankte dem Reichshandwerksmeister für die durch die Überreichung der Plaketten zum Ausdruck ae- brachte Aufmerksamkeit. Das deutsche Handwerk habe nunmehr eine große Aufgabe zu erfüllen, die darin bestehe, in einer Zeit der Fortentwicklung neue Wege zu suchen. Und er sei überzeugt davon, daß das Handwerk diesen Weg finden werde, denn er sei oorgezeichnet durch den unbeirrbaren Weg des Nationalsozialismus. „Richten Sie", so schloß der Gauletter zum Reichs-
die wirtschaftlichen und finanziellen Pläne der Regierung gefaßt worden sind, doch ist ein umfangreiches und genaues Arbeitsprogramm festgelegt worden. Die von der Regierung zu treffenden wirkungsvollen Maßnahmen find vom Ministerrat grundsätzlich gebilligt worden. Ministerpräsident Laval hat zum Ausdruck gebracht, daß man energisch sein müsse, aber ohne unnütze Schärfe. Außer mit den Ersparnismaßnahmen hat der Ministerrat sich mit den Mitteln befaßt, die die wirtschaftliche Tätigkeit des Landes beleben sollen. Es wird besonders betont, daß man den Franc unentwegt verteidigen und den Kampf gegen die Spekulation besonders tatkräftig weiterführen werde. Ein neuer Ministerrat wird voraussichtlich am Dienstag der nächsten Woche stattfinden.
Ernste Warnung an die Spekulanten.
Paris, 15. Juni. (DNB. Funkspruch.) Die Regierung erläßt eine ernste Warnung an die Kreise, die versuchen, die Maßnahmen zum Schutze des Frank zu sabotieren. Laval, so heißt es jn einer amtlichen Mitteilung, sei fest entschlossen,, keine Handlung durchgehen zu lassen,' die den ihm vom Parlament zur Verteidigung der Währung erteilten Auftrag durchkreuzen könnte. Die dek Regierung übergebenen Befugnisse reichten aus, um diejenigen an der Fortsetzung ihrer Manöver zu hindern, die versuchen sollten, sich der Rettungsaktion zu widersetzen.
Man spricht davon, daß der in der kommenden Woche zusammentretende Ministerrat auf Grund des am Freitag aufgestellten Arbeitsprogramms eine erste Reihe von Maßnahmen in die Wege leiten wird. Die Verordnungen würden voraussichtlich Ende des Monats erscheinen, sobald das Parlament in die Ferien geschickt sei. Der 28. Juni wird als der wahrscheinlichste Zeitpunkt für den Schluß der Parlamentssession angegeben.
Annahme der neuen Nira-Dor?age.
Washington, 15. Juni. (DNB.) Das N e • präsentantenhaus nahm in seiner Freitagsitzung die neue Nir a-Vor läge an, die eine Verlängerung der Nira-Gesetze um 4A Monate, bis zum 1. April 1936, vorsieht.
Handwerksmeister gewandt, „Ihr Augenmerk in erster Linie darauf, aus unserer Jugend die besten Kräfte zu entwickeln.
Das Handwerk muh wieder künstlerisch und schöpferisch der Industrie vorangehen und ihr die Wege weisen.
Ich halte es für meine Pflicht, das Bestreben, Frankfurt a. M. zur Stadt des Handwerks zu machen, in jeder Weise zu unterstützen."
Dem ÄefchshandNerkettag zum Geiett!
Der Reichshandwerkertag 1935 ist die größte Kundgebung in der bisherigen Geschichte des deut- scheu Handwerks. Nachdem in den vergangenen Jahren alle Arbeit darauf verwandt wurde, das Handwerk organisatorisch in den Aufbau des Dritten Reiches einzugliedern, nachdem es weiter gelungen ist, eine einheitliche Richtung in das handwerkliche Schaffen zu bringen und darüber hinaus die Tugenden wieder zu erwecken, die das Handwerk in der Vergangenheit großgemacht haben, können
in diesem Jahre Weister, Gesellen und Lehrlinge mit reinem Gewissen vor das deutsche
Ein langfristiges englisches Floitenbanproglanim
Auftakt zum Reichshandwerkertag.
Der ReichshandwerkSmeister überreicht Gauleiter Sprenger die Reichshandwerkerplakelten.
Stunde des Handwerks.
von Hans Franck
Wie das neue Reich den Weg zur Größe unserer deutschen Vergangenheit, den Weg zu Blut und Boden freigelegt hat, die lange verschüttet, verstopft waren, so wird es auch, soweit es nicht schon geschehen ist, die unterbrochenen Verbindungen zu dem deutschen Handwerk wiederherstellen.
Wer wie ich als Sohn eines ehrsamen Dachdeckermeisters geboren ist — in der Werkstatt feines -Eifa)5 leronkels'die schönsten und schmerzlichsten Stunden der Kindheit erlebte, wie im „Hans Huwelmann nachgelesen werden kann — flum Jugendfreund den 'Sohn eines Zimmermanns hatte, in dessen Stube auf einem Ehrenplatz das Gesellenstuck, eine schwindlige kleine Wendeltreppe stand, an einem Ehrenplatz das Bild des Wiener Stephansdomes hing, zum Zeichen, wie weit die Wanderschaft führte — stundenlang hinter der flimmernden G as- kugel mit dem „Plücks" des Schuhmachermeisters spielte der im eigenen Haus wohnte, aus den glitzernden Abfällen des Glasermeisters im Haus zur Linken bunte Märchengebilde formh?, unb die Lettern des Buchdruckermeisters zur Rechten zu feinem Namen zusammenzufetzen fudjte, ^bet fo= bald die Probe gemacht wurde, lange Zeit hindurch etwas anderes herauskam als Hans Franck wer diese und manche anderen Lebensverbindungen mit dem deutschen Handwerk hatte, der weiß unverlierbar, welche Fülle des Segens unserem Volk aus dem Handwerkertum gekommen ist, welchen inneren Reichtum es in sich selber barg. Er weiß aber auch, daß dieser Reichtum nicht nur gefährdet, sondern wie manches andere unschätzbare Polksgut vielfach vergeudet, unterwühlt, zerstört wurde.
Woran lag es? An diesem: Der Handwerksmeister, der in vielfacher Hinsicht ein schöpferischer Mensch war, so daß es keine Schande, sondern eine Selbstverständlichkeit für den schaffenden Künstler bedeutete, wenn er zu seiner Zunft gehörte, wurde zum Unternehmer. Teils weil die „Entwicklung ihn dazu unhemmbar drängte; teils, weil er den großsprecherischen Verlockungen der Zeit durch eigene Schuld erlag. Er „schaffte" nicht mehr, er „machte Geschäfte". Das westlerische Ideal des Rentnerdaseins griff auf die nordisch gearteten deutschen Menschen über. Wer mit sechzig oder gar mit fünfzig Jahren „Rentier spielen" konnte — wie bezeichnend ist dieser Ausdruck in mehr als einer Hinsicht! — der „hatte es geschafft", der wurde bewundert, der galt als Vorbild, dem man nacheifern mußte. Das Gefühl für das Entwürdigende, das Volksschädliche eines Drohnendaseins, das feiner Er
haltung nicht schöpferischer Arbeit, sondern dem Zins des ausgeliehenen Kapitals verdankte, war völlig verloren gegangen.
Walter Harlan hat vor Jahren den Handwerksspruch geprägt:
„Meines Lebens Zweck und wahre Meinung brave Tische sind es, brave Stühle;
Geldoerdienen ist Begleiterscheinung.
Immerhin erzeugt es Lustgefühle."
In diesen Worten ist der Urzustand festgehalten und damit auch der Weg zur Besserung des aufgezeigten Verfalls. Ursprünglich war dem Handwerk die brave die gute, die wertschaffende Leistung „Zweck und wahre Meinung" des Daseins aus Erden, ohne daß deswegen der angemessene Ausgleich unterschätzt wurde. Im zweiten Reich verkehrten sich diese Dinge ins Gegenteil: was Begleiterscheinung zu sein hat —'zugegeben: lustvolle Begleiterschei- nung — das Geldverdienen, wurde zur Hauptsache, und zwar, wie es für die Sauer< gar nicht anders sein konnte, auf Kosten, zum Schaden der Leistung. Dem Dritten Reich fiel also auch hier die Aufgabe zu, den ursprünglichen, naturgemäßen, unverdorbenen Zustand wieder herzustellen Denn, recht verstanden, hieß auch in diesem Fall ^urückgeben Vorwärtsschreiten, da es galt zunächst einmal' jenen Kreuzweiser wiederzusiuden, an dem 3Ur falschen Seite abgebogen war, und von dort aus allerdings dann in Neuland vorzustoßen.
Aber damit, daß die verfahrenen Dmge des Handwerks auf das rechte Geleise zuruckgefuhrt wurden und werden, daß man Verschobenes an fti- nen angestammten Platz rückt Verbogenes zurecht- bieat ist es nicht getan. Wie der Künstler ohne das Publikum nicht fein kann, sondern seine Kunst im echolosen, im luftleeren Raum verkümmert erstickt so kann der Handwerker ohne die innere und äufeere Anteilnahme des Volkes, ohne Anregung und Auitrag nicht gedeihen. Die Forderung von oben her muß durch Mittun vom Volk her ergänzt werden. Es ist unbedingt notwendig, daß wir — und zwar wir alle uns wieder dem Handwerk zu-
9frh" höre ich sagen, „meine Tage sind bis wnHehten^ausgefüllt." Wer kennt diese Klage nicht? Dennoch Eine" Stunde ist frei zu machen, eine Stunde in der Woche, und wenn nicht in feder Woche, bann alle vierzehn Tage falls auch» das angeblich nicht geht, bann eine Stunbe in ,ebem Mo nat Die beutschen Meister beburfen ber „Stunbe bCmfoanmanF5ftEUe in dieser Stunde fest was es in Haus unb Hof, in Stall unb Garten hanbwerk- hh »u befiem gilt. Es kann nichts schaden, wenn man Lunachit felb« die Abhilse uorzunchmen krach-
tet. An nichts ist bie Leistung eines Meisters besser zu ermessen als an eigener Stümperei aber eigenem Unvermögen. Wenn man am Ende feiner Kunst ist, hole man den Handwerker. Wohl bemerkt: Hole ihn, schicke nicht bas Mädchen ober bas Kind mit eine Bestellung hin. Mit Bestellung unb Bezahlung ist es in solchem Fall nicht getan. Man nehme Anteil. Ober: wenn man — mit Recht, meistens mit Unrecht — meint, alles in schönster Orbnung, bann mache man sich zu bem Hanbwerker auf ben Weg, um ihn an ber Arbeit zu sehen. Schon auf bem Gang zu ihm wirb ber, ber bie Augen auf hat, staunen über bie Zahl ber Hanbwerker, benen er bei ihrer Arbeit begegnet. Wer aber teilnehmenb in eine Werkstatt eintritt, ber wirb nicht nur wohl empfangen sein, sonbern, wenn er innere Teilnahme beweist, eine Bereicherung an Einbrücken, eine Vertiefung seiner Anschauungen erfahren, bie er als einen unverlierbaren köstlichen Besitz mit nach Hause nimmt.
Ober: Man gehe ben Weg des Geistes zum Handwerk, lese allein, besser noch: gemeinsam, was Meister der Kunst, die zum guten Teil Handwerkersöhne sind, in ihren Erzählungen und anderem Sprachgut an Handwerkertum gestalten: Otto Ludwigs „Zwischen Himmel und Erde", Stehrs „Nathanael Mächler", Pontens „Der Babylonische Turm", Schaffners autobiographische Bücher, Otto B r ü e f e n s „Klaas Pottbäcker" und vieles andere noch. Summa: Helft regelmäßig dem Handwerk, so helft ihr euch selbst: wollt ihr euch selber, eurem Haus, eurer Wohnung, euren Besitztümern auf Erden — seien sie noch so klein wie sie wollen — wirklich dauernd helfen, so müßt ihr — ihnen helfend — dem Handwerk helfen.
„Irischer Wind aus Kanada.^
Wir kennen die Geschichte von dem frischen Wind schon aus dem Theater, als Lustspiel mit Musik von Hans Müller, Nürnberg. Hier im Film (Ufa) ist die Sache minder musikalisch, aber nicht minder amüsant. Vor der Kamera wirkt das alles geräumiger und übersichtlicher: bie Welt ber großen Konfektion — auch wenn sie, wie in diesem Falle, knapp vor der Pleite steht — ist recht verführerisch und appetitlich in Szene gesetzt, von den beiden Regisseuren Heinz Kenter und Erich Holder überdies mit allerlei hübschen und lustigen Episoden ausgestattet. (Die weiblichen Besucher wird zum Beispiel eine sehr stilvoll ausgewogene Modenschau lebhaft interessieren, zumal sie hier nicht aus dem Rahmen fällt, sondern durchaus zur Sache gehört.) Daß es sich dabei nicht nur um schöne unb teure Kleider unb um em ziemlich


