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Bücher unter dem Weihnachtsbaum
erlebten. Siebenundsiebzig
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— Werner Ber
Geb. 5,80 Mark.
Die Herzogin von Sagan
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Die Geschichte eines jungen Mdchens
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falten begann.
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— Marie von Bunsen: Talleyrands Nichte, die Herzogin von Sagan. Mit 6 Bildtafeln. Preis in Leinen geb. 5,50 Mark. Deutsche Verlagsanstalt in Stuttgart. — (503) — Herzog Peter von Kurland, der vor der großen Katharina aus seinem baltischen „Gottesländchen" ins preußische Thronlehen Sagan hatte weichen müssen, hatte vier Töchter, die alle in der europäischen Gesellschaft um die Wende des 18. Jahrhunderts eine Rolle gespielt haben. Aber zu einer geschichtlichen Berühmtheit hat es nur die jüngste der vier „kurländischen Grazien" gebracht, von der in diesem Buch die Rede ist. Coopers ausgezeichnete Talleyrand-Biographie hat uns wieder ins Gedächtnis zurückgerufen, mit welchem Recht die Herzogin von Sagan als „Talleyrands Nichte" in die Geschichte eingegangen ist. Sie hatte aus reinen Nützlichkeitserwägungen den oberflächlichen und unbedeutenden Neffen des damals schon berühmten französischen Staatsmannes geheiratet, nachdem sich eine Ehe mit dem polnischen Fürsten Czartoryski, dem Busenfreund des Zaren Alexander, als unmöglich herausgestellt hatte. Die Ehe mit dem jungen Talleyrand blieb leer und bald trennten sich die Gatten gänzlich. Dorothea von Sagan fand für ihr nach Geist und Charme dürstendes Gemüt beim alternden Onkel Ersatz für das, was ihr der Neffe nicht hatte bieten können. Aber im Herzen des Vielgeliebten mußte sie erst die eigene Mutter verdrängen, um dann bis zu seinem Lebensende die erklärte Herrin seines Hauses und seiner Liebe zu sein. Im berühmten Pariser Hotel Talleyrands in der Rue St. Florentin und in dem schönen Schloß Valen^ay stand sie dem erlesenen Zirkel geistreicher Frauen und Männer vor, die Talleyrand namentlich in der Zeit seiner erzwungenen Untätigkeit während der bourbonischen Restauration um sich versammelte. Marie von Bunsen, selber aus altem Diplomaten-Geschlecht, hat aus der Schilderung dieser Jahre in ihrer Biographie Dorotheas ein kleines kulturgeschichtliches Kabinett-
bandelt von der menschlichen Verbundenheit sieben ehemaliger Schulkameraden, die nach Jahren der Trennung in einem einsamen Waldgasthaus ein frohes Wiedersehn feiern und reihum die Erlebnisie austauschen, die ihrer frühen Jugend Inhalt und Richtung gaben und ihnen zum Schicksal wurden. Abwechjelungsreich und mannigfaltig sind die berichteten Ereignisse, Vie den Leser vom ersten Satz an in ihren Bann schlagen. Neben kurzen, von besinnlicher Heiterkeit erfüllten Anekdoten stehen die Schilderungen einiger düsterer und leidenschaftlicher Begebenheiten. Bund und abenteuerlich sind die vor uns ausgebreiteten Schicksale und ungewöhnlich die Menschen und Landschaften, die in ein« so echte und nur ihnen eigene Atmosphäre hineingestellt sind, daß man sie unmittelbar wahrzunehmen glaubt. Kräftig ist die Sprache, behaglich der Humor, beherrscht die Leidenschaft des siebenbürgischen Er-
deutsche Luftfahrer erzählen. Mit 98 Bildern. 384 Seiten. Geb. 4,40 RM. C. Bertelsmann Verlag,
GEISTER KLASSE
Deutsche Erzähler.
— Walter von Molo: Ein Deutscher
ohne Deutschland. (Verlag Holle & Co., Berlin.) Preis geb. 5,80 Mark. — (324) — Der historische Roman Walter von Molos, der den Kampf Friedrich Lists gegen die deutsche Kleinstaaterei, für ein deutsches Eisenbahnwesen und deutsche Weltstellung schildert, erschien vor vier Jahren und hat seitdem beträchtliche Auflagen erlebt, so daß, nachdem sein Titel fast ein geflügeltes Wort geworden ist, über das Buch nichts weiter gesagt zu werden braucht. Es erscheint jetzt in neuer, handlicher und billiger Ausgabe, eben zu der Zeit, da Deutschland des hundertjährigen Bestehens seiner ersten Eisenbahnstrecke zwischen Nürnberg und Fürth gedenkt.
~ ™ .Der Groß-
Dann kommen die großen Fahrten, die Flugerpedi- tionen nach Afrika. Er reist mit Dr. Fancks Grönland-Expedition hinaus in die Arktis und rettet mit seinem Flugzeug Dr. Sorge aus dem ewigen Eis. Das alles und vieles andere erzählt Übet von seinem Leben. Er erzählt es, wie Soloaten sprechen, schlicht und ohne Schnörkel und mit einem sympathischen Zwingern in den Augenwinkeln, durch das er andeutet, daß er sich selbst gar nicht so furchtbar wichtig nimmt. So ist es ein ehrliches, tapferes und männliches Buch geworden.
— Werner von Langsdorfs: Flieger
zählers.
— Hans Franck: Die Pilgerfahrt nach Lübeck. Eine Bach-Novelle. 93 Seiten. Holle & Co. Verlag, Berlin. — (415.) — Hier wird erzählt, wie der 20jährige Arnstädter Organist Johann Sebastian Bach im Herbst 1705 sich zu Fuß auf die 450 Kilometer weite Reise nach Lübeck machte, um dort den alten und berühmten Buxtehude Orgel spielen zu hören und sich zugleich als sein Nachfolger um die Organistenstelle zu St. Marien zu bewerben. Er gelangt auch nach zwölftägigem Marsch wahrhaftig ans Ziel, und die erste Begegnung des jungen Sebastian mit dem greisen Meister in der Marienkirche ist von solcher Art, daß sie beide einander erkennen, alsbald miteinander zu musizieren anfangen und Bachs Aufenthalt im Haufe Buxtehudes sich nach und nach viel länger hinzieht, als das Konsistorium in Arnstadt ihm für diese Reise Urlaub gegeben hat. Jedoch: so bedeutsam die „Pilgerfahrt" für den jungen Bach wie für den alten Buxtehude erscheinen muß, — aus der Lübecker Organistenstelle wird nichts, weil die Bewerbung mehrere Haken hat, und weil Bach sich nicht entschließen kann, „die achtundzwanzigjäh. rige Anna Margareta Burtehudin als Knochen- beilage in Kauf zu nehmen . Er kehrt also — nach beweglichem Abschied von seinen Lübecker Gast- und Musikfreunden — mit erheblicher Verspätung, abermals zu Fuß, ins Thüringische heim, wo er alsbald von seinem Gräflich Schwarzburgisch Arn- städtischen Konsistorio angeklagt und verhört wird wegen beträchtlicher Urlaubsüberschreitung, wegen seines mitllerweile „in Verwahrlosung geratenen" Orgelspieles und schließlich auch wegen Musizierenr in der Kirche mit einer „frembden Jungfer. Das ist zuviel für Johann Sebastian; er verläßt Arnstadt und hat das Glück, in Mühlhausen eine neue Stelle zu finden, wo er an der Kirch« Divi Blasii die „Kunst des Orgelschlagens" ausüben kann und auch sogar mit der „frembden Jungfer", nämlich seiner leibhaftigen Base Maria Barbara (die alles andere ist als „Knochenbeilage"), unter himmlischer Musik getraut wird. — Diese Geschichte ist von Hans Franck — den unsere Leser seit langem als Mitarbeiter im Feuilleton kennen und schätzen — in guter Manier, mit behaglicher Breite, nicht ohne Humor und Feingefühl erzählt: von einigen Wert- schweifigkeiten und sprachlichen Eigenwilligkeiten abgesehen, eine angenehme und nicht nur für musikalische Leser anregende Lektüre. ~-y—
— Friede H. Kraz«: Deutsche Weihnacht. Fünf Erzählungen. Preis gebunden 1,10 Mark. Verlag C. Bertelsmann, Gütersloh. — (540) — Fünf Erzählungen voll zarter Stimmung. Wenn drei Brüder zur verlassenen Schwester pilgern, wenn ein Kind im russischen Schnee seine letzte Christnacht erlebt oder gar der Wurzner den Heiland verbrennt und der Schwedensoldat die kleine papistische Madonna schlägt, — sie sind ja doch alle nur rauhe Hirten und Könige aus dem Morgenland, die demütig die Knie beugen vor dem mütter- lichen Geheimnis deutscher Weihenacht.
neuen Beginn, — zur Arbeit in der Stille nach einer langen, unruhigen und im Grunde unbefriedigenden Wanderung zu den Wundern der Welt. (Hermann heißt dieser Jugendfreund, und es ist vielleicht nur ein Zufall, daß er den Nachnamen mit Anton Reiser, dem Helden eines berühmt gewordenen Romans aus dem 18. Jahrhundert gemein hat.) Wir können uns denken, daß mancher mit den oft grausamen Schicksalen dieser Anna Linde nicht recht fertig wird oder sich innerlich nicht einverstanden erklären kann; wir glauben auch, daß ein neuer und vielleicht wichtigerer Roman erst beginnen müßte, wo dieser abbricht und endet. Aber gewiß ist, daß der Lebens-Ausschnitt, der hier beschrieben wurde, gut geschrieben wurde, gescheit, geschickt und technisch sehr sicher, dabei, was wertvoller ist, aus einem erfreulichen Fundus menschlicher und künstlerischer Bildung, Einsicht, Reife und Lebenserfahrung heraus. Das rein Gegenständliche, das Gerüst und Gerippe der Fabel ist übrigens in einer Besprechung schneller und einfacher zu umreißen als das Drumherum und Nebenbei, auf das es der Erzählerin aber sehr anzukommen scheint; wir meinen nicht einmal die oft schwer überschaubare Fülle von Gesichtern und Gestalten, die den Roman bevölkern, und von denen viele, wenn nicht die meisten, undeutlich, schattenhaft oder nur mit ein paar Konturen eingeführt und also nicht immer leicht zu greifen sind. Der „Gang der Handlung" ist stark durchsetzt mit Gespräch und vor allem mit Reflexion, mit Betrachtungen, Empfindungen und einer gewissen „Moral", — wenn man das Wort in diesem Zusammenhang richtig verstehen will. Auch glauben wir beim Lesen zu spüren, daß das Buch aus einer künstlerischen Sphäre hervorging, in einem Malerhause entstanden ist, und wir freuen uns — neben anderm — an der Empfindlichkeit und Delikatesse, mit der gerade künstlerische Probleme dieser Entwicklung umschrieben und geschildert werden. Wie weit die Lebensgeschichte, über das eigentliche Thema hinaus, das einen einzigen jungen Menschen in den Mittelpunkt der Betrachtung stellt nun auch ins Allgemeine sich ausweiten läßt dergestalt, daß in der Geschichte dieses einen zugleich die Geschichte aller oder doch vieler von uns sich spiegelt, die Entwicklung also einer ganzen Generation oder der bürgerlichen Gesellschaft vor dem Kriege, — das wagen wir nicht zu entscheiden: dies kann wohl nur von Lesern beurteilt werden, welche tiefer und bewußter in der Vorkriegswelt wurzeln als wir, deren Leben damals erst eben sich zu ent-
könig „angekratzt" wird, oder dem unverwüstlichen Stamer eine Rakete unter der Sitzfläche schmort! Da spricht die große Leistung eines Transsibirienfluges und dann wieder der Stolz auf die Güte deutschen Materials. Da kommen sie zu Wort, die großen Kanonen der Vorkriegszeit: Süring, der Stratosphärenflieger im Freiballon, Kätchen Paulus als Fallschirmpilotin 1893 (besonders den älteren Frankfurtern noch gut bekannt) und manche andere. z)em Luftpassagier von heute machte noch nachträglich angst und bange werden, wie dies bei den „Zünftigen" manchmal zugegangen ist. Und wozu all die Namen der Nachkriegszeit nennen, die doch heute in aller Munde sind? Die Ozean-, Sport- und Transportflieger bis hin zum „Führer des Führers" Flugkapitän Bauer; nicht zu vergessen unsere
Gütersloh. — (537) — Kein Fliegerlatöin, sondern. rers oiuyiupiiuii ou wahre Erlebnisse! Da wechselt Spannung mit Hu- jüngsten Segelflieger, mor, — etwa wenn Udet beim Filmen vom Wüsten-1 -
tyrann und das _ Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg. — (438) — Dies Buch ist die Geschichte eines Tyrannen der Renaissancezeit, der in souveräner Herrschaft ein Staatsgebilde lenkt. Ein Mord, dessen Geschehen im Dunkeln liegt, wird dem Leiter der Sicherheitsbehörde Nespoli zur Aufklärung anvertraut; er bürgt mit seinem Leben für die Aufdeckung des Verbrechens. Der entstehende Konflikt zwischen Leben und gestellter Aufgabe bringt eine ganze Stadt in Verwirrung. Ein undurchdringliches Labyrinth von Verdächtigungen, Versuchungen und Verwirrungen findet seine überraschende Lösung in dem Bekenntnis des Großtyrannen. Bergengruen hat in den Rahmen seiner svannenden Handlung die tiefsten Fragen menschlichen Daseins eingesponnen; die Fragen der Herrschaft, der Gerechtigkeit und der Sünde. In scharf geschliffenen Dialogen wird um ihren Inhalt, ihren Sinn und um den ihnen innewohnenden Wert gerungen. Sein Werk ist aber auch ein echtes Zeitgemälde der Renaissance. Ber- gengruens Gestalten tragen die schärfsten Kontraste in sich, die gante Fülle des Lebens der Renaissance.
— Erwin Wi11stock: D i e Freundschaft von Kockelburg. Die Erlebnisse der Sieben. Leinen 5,50 RM. Verlag Albert Langen/Georg Müller, München, 1935. — (374) — Dieses Buch
— Francesco Petrarca: D i e Triumphe auf das Leben und den Tod der Monno Laura. Deutsch von Benno Geiger. 109 Seiten. Im Phaidon-Verlag, Wien, 1935. — (484) — Zu den berühmten und in der Weltliteratur verklärten Liebespaaren gehören der italienische Renaissance- Dichter Francesco Petrarca (1304—1374) und seine Madonna Laura. Ihr, die übrigens verheiratet und, wie es heißt, Mutter von elf Kindern war, sind die „Trionfi" gewidmet, ein Alterswerk Petrarcas, eine Dichtung in Terzinen, die sich in zwölf Kapitel und in sechs Motivkreise gegliedert: wir lesen hier vom Triumph der Liebe, der Keuschheit, des Todes, des Ruhmes, der Zeit und der Göttlichkeit; alle sechs zusammen aber waren als eine Einheit empfunden und im Stile der Zeit als Hymnus zum Preise der Geliebten gedacht. Diese Form wird dem heutigen Leser gewiß erstaunlich Vorkommen; er wird die große Terzinenfolge vielleicht ein wenig besser begreifen, wenn er am Ende der kurzen Einführung liest, wie diese Triumph-Gesänge gemeint und zu verstehen sind: „...So triumphiert die Liebe über den Menschen; die Keuschheit über bie Liebe; der Tod über beide; der Ruhm über den Tod; die Zeit über den Ruhm; die Göttlichkeit über die Zeit. Die Reihe dieser sechs Triumphe ist aber gleichzeitig ein einziger Triumph für Laura." Man sieht, es ist eine unserem Empfinden fremd gewordene, romantische und auch schon humanistische Welt, in welche die Dichtung Petrarcas einfuhrt; sie zu lesen, ist zweifellos auch heute noch von Reiz, ob- wohl die Lektüre nicht ganz einfach ist und beispielsweise recht eingehende Kenntnisse in der klassischen Mythologie voraussetzt. Den reinsten Genuß wird ohne Zweifel die Lektüre im Urtext vermitteln; die vorliegende Uebersetzung von Geiger bemüht sich — mit wechselndem Erfolg — um eine unserm Empfinden und Sprachgefühl entsprechende Eindeutschung, die dennoch das Original nicht vergewaltigt. — Die Abbildungen sind der florentini- schen Ausgabe von 1499 entnommen; die Gesamtausstattung des Bandes ist durchaus großzügig und vornehm. y
stück gemacht. Ihm reiht sich ebenbürtig an die ungemein plastische Darstellung des Hoflebens im England Wilhelms IV., bei dem Talleyrand als Botschafter Ludwig Philipps beglaubigt war und als hoher Siebziger mit der Versöhnung des orleani- stischen Regimes mit dem revolutionsfeindlichen Europa sein diplomatisches Meisterstück vollbrachte. Es ist fast eine chronique scandaleuse, die hier Marie von Bunsen vom Hof von St. James unter dem letzten König des Hauses Hannover entwirft, aber sie trägt wie überhaupt das ganze Buch durch das geschickte Einflechten von Zitaten aus zeitgenössischen Briefen, Tagebüchern und Memoiren den Stempel quellenmäßig gut belegter Echtheit. Nach Talleyrands Tod fließt Dorotheas Leben in ruhigere Bahnen. Nur einmal noch erfüllt eine große Liebe ihr Herz. Fürst Felix Lichnowsky, der liberale Aristokrat, in der Politik wie in der Liebe gleich temperamentvoll und vielseitig, erobert sich einen festen Platz im Herzen Dorotheas. Doch ein schrecklicher Tod unter den Flintenschüssen eines aufgehetzten Pöbelhaufens in Frankfurt macht diesem Verhältnis ein schnelles Ende. Dorothea verbringt den Rest ihrer Tage in dem herrlichen Besitz ihres Thronlehens Sagan, im Winter führt sie in Berlin ein großes Haus, auch zu dem geistreichen Friedrich Wilhelm IV., einem Freund ihrer frühesten Kindheit, ist sie wieder in engere Beziehungen getreten, später verband sie Freundschaft mit der Prinzessin Augusta von Weimar, der ersten deutschen Kaiserin. So wenig wie ihr die Ehe jemals etwas hatte sein können, so herzlich war ihre Zuneigung zu Kindern und Enkeln, in deren Kreis sie ihren Lebensabend zubrachte. Man wird das Buch Marie von Bunsens aus der Hand legen, bereichert um ein Stück interessanter Kulturgeschichte des vergangenen Jahrhunderts und um den Einblick in die große Welt einer Epoche, in der schöne und geistvolle Frauen vielleicht zum letzten Mal in der Geschichte den Charakter der politischen „Salons"
Heue und alle Gedichte.
— AlmanachderDame. Zweite Folge aus- erwählter Gedichte. 86 Seiten. Gebunden 2 Mark. Propyläen-Verlag, Berlin. — (553) — Wir haben über das Ergebnis des diesjährigen Lyrik-Preis- ausschreibens der „Dame" im November bereits berichtet. In dem dieser Tage erschienenen Almanach wird nun die Ernte gesichtet und gesammelt: von den rund zehntausend Gedichten, die auf Bewerbung eingereicht worden waren, sind hier fünfzig der besten ausgewählt und der Öffentlichkeit übergeben worden; darunter befinden sich die preisge- frönten und auch einige außerhalb des Wettbewerbs eingereichte. „Sie treten", wie das Geleitwort sagt, „jo gesammelt, nicht mit dem Anspruch auf, ein erschöpfendes Bild vom gegenwärtigen Stand deutscher Lyrik zu vermitteln. Aber sie können doch als bedeutungsvoller Teil in diesem Bild mit dazu beitragen, den nie verlierbaren Reichtum tiefen Gefühls, feelrfcher Erlebnisbereitschaft und Hingabefähigkeit, der gerade in der lyrischen Dichtung unfern Zeit und unseres Volkes sich offenbart, ... sichtbar zu machen ..." Das ist gelungen, und es darf wohl auch als erwiesen gelten, daß der bei der zweiten Ausschreibung unternommene Versuch geglückt ist, durch die Hervorkehrung bestimmter Themengruppen oder Motiokreise ohne Zwang die allgemeine Richtung zu weisen und gewisse Anregungen zu vermitteln. Das Ergebnis spiegelt sich deutlich genug in den einzelnen Abschnitten des Almanachs: Weltgefühl — An die Heimat — Lieder der Liebe — Landschaft und Jahreszeiten — Arbeit und Gemeinschaft. Das Register bringt recht aufschlußreiche, kurze Angaben über die landschaftliche Herkunft und die generationsmäßige Zugehörigkeit der Dichter und Dichterinnen; die jüngste von diesen ist die erst 1918 in Berlin geborene Unterprirnane- rin Susanne Harich. Und auch sonst ist das Bild von erfreulicher Vielfalt der Begabungen, Kräfte und Temperamente; das kleine Buch vereinigt angesehene und gesicherte Namen wie Bergengruen, Britting, Bröger, Claudius, Kasack, Pleyer, Schnack und von der Dring mit denen der Jungen, eben Bekanntgewordenen oder noch Unbekannten. Die Leser des Feuilletons werden in diesem Almanach manchen unserer Mitarbeiter wiederfinden und begrüßen. Uebrigens ist der kleine Band verlegerisch mit soviel Siebe und Geschmack ausgestattet, daß er sich, wohlfeil wie er ist, als ein apartes und anmutiges Weihnachtsgeschenk schon äußerlich empfiehlt.
— Editha Klipstein: Anna Linde. Roman. 468 Seiten. Ganzleinen 6,80 Mark H. Goverts Verlag, Hamburg 1935 — Edttha Klip- stein, die Gemahlin des in Laubach lebenden, geschätzten Malers und Graphikers, von der uns bisher nur hier und da Aufsätze und Abhandlungen literarischen Charakters zu Gesicht gekommen sind, legt mit diesem Roman ein erstes großes Werk vor, ein Buch, das nach Umfang und Inhalt gewichtig und anspruchsvoll genannt werden muß. Es ist, das sei gleich gesagt, keine leichte Lektüre, eine anspruchsvolle vielmehr, die allerhand voraus- ictzt, sich an ernsthafte und zum Nachdenken bereite Leser wendet und diese zur Auseinandersetzung zwingt. Das Thema des Buches wird von jeder- mann, der in literarischen Dingen ein wenig Bescheid weiß, ein männliches Thema genannt werden; und obwohl ber Roman, wie an vielen Einzel- heUen untrüglich zu spüren wäre, aus einer weiblichen Hanb kommt, jo barf man hinzufügen, baß eine Fabel wie diese, an der sonst Männer sich zu erproben und zu bewähren pflegten, mit einer bis zuletzt erstaunlich gleichbleibenben Kraft ber Ueber- schau und ber Gestaltung gegliebert unb bewältigt würbe. „Anna Linbe" ist bie Geschichte eines jungen Mädchens, und zwar, um das Stichwort zu bringen, ein Erziehunas- und Entwicklungsroman; die Geschichte eines Lebens ober eines Lebensbeginns, ber Bericht von einer Menschwerbung. Anna Linbe ist bie Enkelin eines liebenswürdigen, alten Pfarrers, Abkömmling eines guten, bürgerlichen, beutschen Hauses vor bem Kriege, über den Durchschnitt begabt, aufgeschlossen unb nachdenklich, welt- unb lebenshungrig, in allem, was sie benkt, tut unb empfinbet, ganz sie selbst, eine unfertige kleine Person (Persönlichkeit soll sie erst werden), mit vielen guten Anlagen und natürlich auch vielen Schwächen. Den Weg der Anna Linde verfolgen wir nun an der Hand ber Erzählerin: einen Weg zu sich selbst, zum Sinn ihres Lebens, unb wie es nicht anders fein kann, führt dieser Weg über Höhen unb Tiefen, bis wir mit ber Heldin ans Ziel ober an ein vorläufiges Enbe, also zu einem neuen Anfang gelangen Denn siehe, ber Weg die- jcs Mädchens zu sich selbst ist ein einziger, großer Umweg; es bleibt ihr nichts erspart, sie scheitert mit ihrer Kunst, an ihrer Ehe, ja an den meisten Menschen, bie sie auf ihrem Wege begleiten ober ihn kreuzen; nur einer, ein Jugenbsreunb, welcher ber rechte Begleiter für immer gewesen märe unb auch hätte sein können, zwingt sie burch sein einfaches Da-sein, burch sein unaufbringliches Vorbllb unb die unangreifbare innere Geschlossenheit seines Wesens zu einem neuen Lebenswillen unb zu einem
♦ Europameister -
Zwei Flieaerbücher.
— Ernst Udet: Mein Fliegerleben. 184 Seiten, mit 80 Bildern. Ganzleinen 4,80 RM., broschiert 3,50 RM. Verlag Ullstein, Berlin — (523) — „Ueber uns — die Fliegerei!" war das Gesetz, unter bem er angetreten, unb „lieber mir — bie Fliegerei!" ist noch heute Ubets Wahlspruch. 1907 baut der Elfjährige seine ersten Flugzeugmobelle, zwei Jahre später grünbet er mit Gleichaltrigen ben „Aero-Club München 1909" unb springt in Nie- deraschau mit einem von ihm selbst konstruierten Gleitflieger zwei Meter hoch in bie Luft unb fallt zum Jubel der bayerischen Dorfjugend auf die Nase. In den ersten Tagen des Weltkrieges tritt er als freiwilliger Motorradfahrer ein, ein Jahr darauf ist er bei ben Fliegern, zwei Jahre später hat er den „Pour le merite", unb am Enbe des großen Völkerringens ist er der erfolgreichste überlebende Kriegsflieger, „as des as", den Besten der Besten von allen Deutschen nennen ihn die Franzosen. Die Revolution zerschlägt ihm alles, aber er kapituliert nicht. 1920 befliegt er die erste Luftpoststrecke München—Wien unb legt ben Grunbstein für ben Udet- - Flugzeugbau-München, bem wir unter anberem bas beste beutsche Schulflugzeug, ben „Flamingo" verdanken. Mit wenigen Jnflationsmark in ber Tasche fährt er für seine Firma hinüber nach Südamerika.


