Nr. 292 Sechster Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Samstag, 14. Dezember 1935
OJlXfport
Kurzlehrgang für Vereinsdietwarte in Großen-Linden.
Dieser Tage fand in der Kreisführerschule zu Großen-Linden der erste Kurzlehrgang für Vereins- dietwarte des Unterkreifes Giehen statt. Kreisdiet- wart Dr. Römer führte eingangs in das Dieb wesen und in die Dietarbeit im Reichsbund für Leibesübungen ein. Rektor Siegfried (Großen- Linden) sprach dann in längeren Ausführungen über Nationalsozialismus und Wehrmacht. Er zeigte in klaren Linien die Entwicklung der Wehrmacht, ihre Stellung im heutigen Staat und die Grundlagen, die Nationalsozialismus und Wehrmacht zusammenführen. Am Abend fand gemeinsam mit dem Turnverein Großen - Linden ein Kameradschaftsabend statt, über den wir bereits berichteten. Nach dem Frühsport am Sonntag wurde den Teilnehmern an Hand von Lichtbildern der tiefe Sinn und die große Bedeutung der Erbgesundheitslehre für unser Volk gezeigt. Anschließend sprach Kreis- schulungsleiter Michel in einem längeren Vortrag über die Grundgedanken des Nationalsozialismus. Die große Aufbauarbeit in einem neuen Staat, die augenblicklichen politischen und wirtschaftlichen Fragen wurden klar in ihrer Bedeutung und Auswirkung für die zukünftige Gestaltung unseres staatlichen Lebens herausgestellt.
Am Mittag schloß Dr. Römer den Lehrgang.
Er forderte die Vereinsdietwarte auf, weiterhin treu zu dem Jahnschen Gedanken zu stehen und ihn hineinzutragen in die größere Deutsche Turnerschaft, deren Aufbau nun vollendet wird in dem Reichsbund für Leibesübungen.
1900zum Handball Gauligaverbauds- fpiet in Marburg.
Am Sonntag weilen 1900s Handballer beim VfB.-Kurhessen in Marburg. Die Blauweißen stehen dabei vor keiner leichten Aufgabe. Denn die Marburger haben in letzter Zeit eine auffallende Formoerbesserung an den Tag gelegt. So konnte sich der Gaumeister Casseler Turngemeinde nur mit letzter Anstrengung die beiden Punkte sichern, während die Eschweger auf eigenem Platz eine Niederlage einstecken mußten. Die Marburger Mannschaft setzt sich fast ausschließlich aus Soldaten zusammen, die körperlich ausgezeichnet disponiert sind und zumeist Über eine reiche Spielerfahrung verfügen. Der bekannteste Mann ist der Stürmer Schirakowsky.
Die 1900er hinterließen am Sonntag gegen Bettenhausen einen guten Eindruck. Mit der gleichen Leistung müßten sie auch in Marburg bestehen können. Da man jedoch auf Steines und wahrscheinlich auch aus Krüger, die erkrankt bzw. verletzt sind, verzichten muß, wird dies immerhin in Frage gestellt.
1900s zweite Mannschaft muß nach Hausen.
Fußball der heimischen Mannschaften.
Die Bezirksklaffe am Sonntag.
Niedergirmes — VfB.-Reichsbahn Gießen, 1900 Gießen — Sinn, Watzenborn-Steinberg — Frohnhausen, Dillenburg — SV. 05 Wetzlar.
Die Dillenburger verbessern von Sonntag zu Sonntag ihre Position. Wir glauben daher, daß die Wetzlarer schon eine große Leistung aufbringen müssen, wenn nicht Dillenburg die Punkte zu Hause behalten soll.
(Spielvereinigung 1900 Gießen.
1900 — BL. Sinn.
Am Sonntag empfängt die Spielvereinigung 1900 den Ballspielclub 1924 Sinn zum Rückspiel. Das Vorspiel in Sinn endete 1:1, obwohl 1900 damals, besonders in der zweiten Halbzeit, überlegen war. Mehrfacher Ersatz, mangelnde Stürmerleistungen der Blauweihen und zahlreiche Abwehrarbeit der Platzbesitzer waren der Grund dafür, daß ein anderes Resultat nicht zustandekam. Inzwischen haben sich die Verhältnisse wohl etwas zu Gunsten der Platzbesitzer gebessert. Die Blauweißen sind im Verlaufe der Pflichtspiele etwas reifer geworden in ihren Leistungen. Wenn dies auch nicht in überzeugenden Siegen zum Ausdruck gebracht werden konnte, so ist zu berücksichtigen, daß die Mannschaft Sonntag für Sonntag in anderer Besetzung antreten mußte.
Auch am kommenden Sonntag wird die Elf eine Aenderung erfahren müssen. Wilhelmi, der keinen Urlaub erhalten kann, muß ersetzt werden. Dafür hofft man jedoch Clement einsetzen zu können. Von der Hintermannschaft wird, falls auch für Kleinbell die Spielerlaubnis eintrifft, Heilmann in den Sturm vorrücken, so daß die Mannschaft folgendes Aussehen hätte: Fischer; Zeiler, Lippert; Mank, Kleinbell, Schäfer; Günther, Clement, Schmelz, Heilmann, Henkelmann.
Diese Elf müßte für einen glatten Sieg gut sein, denn sämtliche Vorteile sprechen für sie. Den einen Fehler darf sie jedoch nicht wieder begehen, daß sie, wie am vergangenen Sonntag, den Gegner unterschätzt. Gerade Sinn ist nicht die Mannschaft, die sich einschüchtern läßt. In der Elf stehen verschiedene ehrgeizige Spieler, die vor dem Schlußpfiff kein Spiel aufgeben. Besonders der Sturm besitzt in den beiden Außen die gefährlichsten Leute. Auch die Hintermannschaft ist sehr solide. Hier ist es der Tormann, der durch fein kluges Stellungsspiel und sicheres Fangvermögen schon manchen Punkt für seine Mannschaft sichergestellt hat.
Für die Blauweißen heißt es daher, von allem Anfang an die Maschine auf volle Touren zu stellen. Als Schiedsrichter amtiert Krug, Friedberg.
1900 II — Rodheim.
Rodheim, am vergangenen Sonntag von VfB. kräftig hereingelegt, dürfte auch hier keine große Chance haben, denn die Reserve der Blauweißen ist zur Zeit ebenfalls in guter Form.
Grüningen — 1900 III.
Auch hier dürfte ein Sieg der Blauweißen möglich fein, wenn es die Junioren verstehen, sich nicht von dem Gegner verwirren zu lassen.
VfB.-5ieicksbayn Gießen.
Die erste Mannschaft in Niedergirmes.
Mit dem Derbandsspiel gegen Niedergirmes eröffnen die Gießener die Rückrunde. Es wäre verkehrt, aus dem Tabellenplatz des Gastgebers Rückschlüsse auf feine Spielstärke ziehen zu wollen. Die Niedergirmeser haben bis jetzt auf eigenem Gelände immer gute Leistungen gezeigt. Dem Gastgeber fehlt ein Sturm mit der nötigen Durchschlagskraft. Es ist klar, daß gegen diesen spielstarken Gegner die Gießener Mannschaft, die offensichtlich sich in einer Krise befindet, nicht viel Aussicht auf Erfolg hat. Die Gießener haben ihre endgültige Mannschaft noch nicht zusammengestellt. Trotzdem wird man in Anbetracht der Wichtigkeit des Spieles die stärkste Aufstellung herausbringen.
VfB.R. II — Heuchelheim I.
Die Heuchelheimer stellen zur Zeit eine spielerisch und körperlich gute Mannschaft ins Feld. Demgegenüber sind auch die Gießener besser geworden. Man kann mit einem Spiele gleichwertiger Mannschaften rechnen.
BfB.-R. III — Steinbach I.
Den Gästen sollte es dieses Mal nicht leicht fallen, ihren Dorspielfieg zu wiederholen.
Die erste Jugendmannschaft fährt am Sonntag zum Freundschaftsspiel nach Klein-Linden. Die zweite Jugend hat in Krofdorf zum letzten Pflichtspiel der Vorrunde anzutreten. Die dritte Jugend ist spielfrei, ebenso die erste Schülerelf. Die zweite Schülermannschaft fährt mit der ersten Jugend, auch zum Freundschaftsspiel, nach Klein-Linden.
, FC.Teutonia" Watzenborn-Gteinberg
Watzenborn-Steinberg — Frohnhausen.
Auf eigenem Platze empfängt die 1. Mannschaft der Teutonen die gleiche aus Frohnhausen zum
Nachrundenverbandsspiel. Bei den Einheimischen ist in letzter Zeit zweifellos eine kleine Formoerbesfe- rung feftzuftellen. Obwohl gegen Spielvereinigung 1900 in Gießen Lang, Euler, O. Burger und Jung fehlten und gegen Naunheim Fett und O. Burger nicht mit dabei sein konnten, wurden annehmbare Resultate erzielt. Aller Poraussicht nach steht aber am kommenden Sonntag wieder Fett im Sturm, so daß nur noch 1 Mann zu ersetzen bleibt. Der Sturm der Teutonen dürfte daher an Durchschlagskraft gewonnen haben. Der Gegner ist aber auf keinen Fall zu unterschätzen. Als langjähriger Be- zirksklassenverein haben die Gäste sehr viel Spielerfahrung und verfügt die Mannschaft auch über ansprechendes Können. Ihr derzeitiger Tabellen- stand dürfte dies am deutlichsten beweisen. —Schiri Pfeil, Marburg, wird zum erstenmal in Watzenborn- Steinberg als Spielleiter auftreten.
Die 2. Mannschaft der Teutonen fährt zum ersten Verbandsspiel der Nachrunde zu der ersten Mannschaft des Turnvereins Allendorf a. d. Lahn. Das Vorspiel in Watzenborn-Steinberg konnte Allendorf knapp gewinnen. Der Sieger dieses Zusammentreffens ist nicht vorauszusagon, da beide Mannschaften bisher mit wechselndem Erfolg kämpften.
Die Jugend- sowie die Schülermannschaft sind spielfrei.
Fußball der Krersklaffen.
1900 II — Rodheim (Kleemann, Bisfenberg); VfB -R. II — Heuchelheim (Holzapfel, Lich); Gro- ßen-Buseck — Lollar (Küster,Berghausen); Grünberg — Leihgestern (Koob, Garbenheim); Bissenberg II — Oberbiel (Wolf, Allendorf); Wetzlar II — Ulm (Rüspeler, Gleiberg); Stockhausen — Albs- haufen (Bocher, Gießen); ViB.-R. III — Steinbach (Rohrbach, Gießen): Allendorf — Steinberg II (Decker, Garbenteich); Lich — Garbenteich (Knietsch, Wetzlar); Grüningen — 1900 III (Gerhardt, Steinbach); Wißmar — Launsbach (Rüspeler, Gießen); Alten-Buseck — Vetzberg (Schmidt, Krofdorf); Lollar II — Fellingshausen (Müller, Rüddings- hausen); 1846 Gießen — Rodheim II (Happel, Steinberg); Geilshausen — Londorf (Kreiling, Gießen); Großen-Buseck II — Lollar III (Körber, Gießen); Daubringen — Flensungen (Bender, Fellingshausen); Großen-Linden — Klein-Linden (Gesellschaftsspiel; Laux, Garbenteich).
Grünberg erwartet Leihgestern. Die Gäste haben viel von ihrer früheren Spielstärke eingebüßt, auch liegt ihnen der Platz in Grünberg nicht, so daß ein knapper Sieg der Platzherren möglich sein sollte. Steinberg II muß zum Rückspiel in Allendorf antreten. Spannend dürfte der Lokalkampf Wißmar gegen Launsbach werden, zumal Launsbach erstens die Niederlage des. Vorspiels wettmachen will und zweitens durch den Sieg des Vorsonntages gestärkt den Kampf bestreitet. Wer hier Sieger wird, ist
nicht vorauszusagen. Vetzberg sollte wenig in Altem Buseck zu bestellen haben und hat alles daranzu- setzen, daß das Ergebnis nicht zu hoch ausfällt. Die Gießener Turner empfangen in Rodheim II einen Gegner, der sie nicht zur Hergabe ihres Könnens zwingen sollte. Scharf wird in Geilshausen gekämpft, denn im Vorspiel siegte Londorf. Der kleine Platz hat schon vielen Mannschaften zu schaffen gemacht; es ist leicht möglich, daß auch Londorf die Punkte dort lassen muß. Flensungen muß zum Tabellenführer und hat nichts zu bestellen. Im Gesellschaftsrückspiel treffen Großen-Linden und Klein- Linden zusammen. Hier dürfte der Platzverein dis bessere Aussicht haben.
Sportverein 1920 Lollar.
Der kommende Sonntag sieht wiederum alle bret aktiven Mannschaften des SV. 1920 im Kampfe«, Und zwar spielen:
Großen-Buseck I — Lollar I. Großen-Buseck II — Lollar III. Lollar II — Fellingshausen I.
Die erste Mannschaft unternimmt zusammen mit der dritten Elf die Reise zum Verbandsspiel-Rivalen Großen-Buseck. Schon Jahr für Jahr waren beide ersten Mannschaften jeweils in der Spitzengruppe zu finden und kämpften mit wechselndem Erfolge gegeneinander. Großen-Buseck steht auf dem zweiten Tabellenplatz und dürfte den Lollarer das Siegen nicht leicht machen. Die Mannschaft selbst tritt in ihrer besten Aufstellung an:
K. Ziegler; E. Hörstel, K. Naumann; F. Sommer, F. Geißler, L. Römer; A. Ziegler, K. Gabriel, A. Löhr, A. Kreiling, W. Ziegler.
Diese Mannschaft ist in allen Teilen gleich gut besetzt und versteht bis zum letzten Augenblick zu kämpfen. Das Spiel selbst dürfte erst mit dem Schlußpfiffe entschieden sein.
Die zweite Elf tritt auf eigenem Platze der ersten Elf von Fellingshausen gegenüber und sollte wohl den Sieger stellen können.
Die dritte Elf wird in veränderter Aufstellung die Reise nach Großen-Buseck antreten. Da einige Spieler krank sind und andere an die zweite Elf abgegeben werden mußten, wird die Mannschaft aus älteren Spielern ergänzt werden. Man hofft, daß sie ehrenvoll besteht.
Ä. f. 5t Lich.
VfR. 1920 Lich I — Garbenleich I.
Am morgigen Sonntag empfängt die erste Mannschaft des VfR. Lich die gleiche vom Sportverein Garbenteich zum fälligen Verbandsspiel. Bei diesem Treffen wird Garbenteich beweisen müssen, daß der Sieg, den sie im Vorspiel für sich buchen konnten, verdient war. Allerdings steht ein Sieg noch nicht fest, da Lich in letzter Zeit an Spielstärke gewonnen hat.
Handball im kreis VIII lLahn-M.
Für den kommenden Sonntag steht wieder eine Reihe wichtiger Spiele auf dem Programm. Während in einzelnen Staffeln die Meisterfrage bereits geklärt ist, kämpfen die anderen noch hartnäckig um die Spitze. Aber gerade dieser Kampf bis zum Schluß zeigt, wie ausgeglichen die beteiligten Mannschaften sind. In der
Vezirksklasse
stehen sich gegenüber:
TV. Wetzlar — TV. Münchholzhausen
Mtv. Gießen — TV. Hochelheim
TV. Heuchelheim — Tuspo. Marburg. Münchholzhausen geht einen schweren Gang. Es dürfte ihm kaum gelingen, sich auch nur einigermaßen zu behaupten. Wetzlar, zur Zeit wieder außerordentlich in Form, ist eben die Mannschaft, die nächst Lützellinden die meisten Aussichten für den Staffelsieg hat. Der Mtv. wird keine Mühe haben, die in ihrer Spielstärke immer mehr zurück- gehenden Turner aus Hochelheim sicher niederzuringen, zumal auch das Vorspiel bereits hoch gewonnen ging. — Ein interessantes Treffen ist in Heuchelheim zu erwarten. Die Einheimischen werden natürlich alles auf eine Karte fetzen, um aus dem Unentschieden des Vorspiels einen Sieg werden zu lassen. — In der
I. Kreisklasse
werden spielen:
TV. Holzheim — TV. Groß-Rechtenbach.
In Holzheim werden zwei Mannschaften aufeinandertreffen, von denen beide bis zum letzten um den Sieg kämpfen werden. Denn für beide steht viel auf dem Spiel. Gewinnt Holzheim, so behält es Anschluß an die Spitzengruppe, verlieren die Gäste, so haben sie keine Möglichkeit mehr, an die Spitze zu kommen. Nach der derzeitigen Form zu urteilen, hat Groß-Rechtenbach die meisten Chancen.
TV. A tz b a ch — TV. Hörnsheim. Dis Spitzenstellung der Platzmannschaft ist zur Zeit sehr stark erschüttert. Zu dem Punktverlust vom vergangenen Sonntag kann sehr leicht ein weiterer hinzutreten, zumal Hörnsheim darauf bringt, die im Vorspiel erlittene Niederlage auszugleichen und das umso leichter fertig bringen dürfte, als Atzbach Ersatz in seinen Reihen hat. — In der
II. Kreisklasse
sind angesetzt:
Tv. Allendorf (Lahn) — Tv. Wetzlar II: Die Allendörfer müssen, wenn sie vorne bleiben wollen, alles daransetzen, daß sie dieses Treffen gewinnen. Hoffentlich ist sich die Mannschaft dessen be-
Nicht müde werden, Annelies!
Vornan von Bernhard Lonzer.
Urheberrechtsschutz: Aufwärts-Verlag, Berlin.
10. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
„Nein, ich bin dir nicht böse!" sagte er und sah mit tiefem Aufatmen zum Himmel auf, der sich plötzlich aufzuhellen begann. Der Regen ließ nach, so schnell, wie er gekommen war. Noch tropfte es von den Bäumen, aber die silbergrauen Striche da draußen wurden dünner und dünner.
„Ich glaube, wir haben Glück gehabt!" fuhr Günter erleichtert fort und trat zum Wegrand vor. „Wir kommen wirklich um das restlose Aufweichen."
Es wurde heller und heller. Bald glänzten die Strahlen der durchbrechenden Sonne auf den feuchten Blättern. Vogelstimmen begannen ringsum wieder zu erschallen. Es war wie ein Erwachen.
„Wirklich, wir haben unverdientes Glück!" erwiderte Mia mit plötzlich veränderter Stimme. Sie zog Günters Rock wieder aus und half ihm hinein. „So, vielen Dank! Und nun wollen wir machen, daß wir weiterkommen. Ich habe Appetit auf eine Tasse Kaffee. Du auch?"
„Ich auch! Dann also los!"
Sie gingen. Mia schien mit einem Male wieder eine andere geworden zu sein. Sie plauderte lebhaft und unbefangen, und es gelang ihr wiederholt, Günther ein herzhaftes Lachen abzulocken. Er war ihr dankbar dafür.
Die Gartentifche in der Waldmühle waren noch leer; sie waren bei dem plötzlich einsetzenden Regen von den Gästen fluchtartig verlassen worden. Aber die Veranda und die Gastzimmer waren dicht besetzt. Mia und Günter mußten mit einem Platz auf der Veranda, dicht am Eingang zum Restaurant, fürliebnehmen. Günter sah sich um, als man sich gesetzt und den Kaffee bestellt hatte. Bekannte wa- ren nicht zu entdecken, wie er erleichtert feststellte. Gut so, es war nicht notwendig, daß man ihn mit Mia zusammen sah.
Mit der vorrückenden Zeit leerte sich die Veranda allmählich. Sie verließen ihren Platz und setzten sich in eine Ecke im Hintergrund. Günter fühlte sich dort geborgen und freier, man brauchte nicht jedes Wort abzuwägen und immer in der Erwartung zu sitzen, von Bekannten gesehen zu werden. Das war wirklich kein angenehmer Zustand gewesen. Wie ein Verbrecher in der Furcht vor dem Ertapptwerden kam man sich vor. Lag denn wirklich eine Ursache dazu vor? Was war denn schon dabei, wenn man hier mit einer schönen Frau zusammensaß, die man zufällig getroffen hatte, und die man vielleicht nicht wiedersehen würde! Man unterhielt sich doch ganz harmlos, tat niemandem ein Unrecht damit.
Niemandem...? Günters Stirn zog sich plötzlich zusammen, ohne daß er es wußte. Mia bemerkte es wohl, stellte aber keine Frage. Um ihn abzulenken, machte sie ihn auf eine Wandergruppe aufmerksam, die in einiger Entfernung vorüberzog.
„Es ist wirklich schön hier", sagte sie nach einiger Zeit mit einem flüchtigen Blick auf die schmale, kostbare Armbanduhr. „Hast du noch eine Stunde Zeit für mich? Ich möchte gern hier zu Abend essen. Aber — du wirst ja wohl zum Essen erwartet?"
Ihr Blick war ganz ruhig, aber Günter wich ihm aus.
„Allerdings", erwiderte er zögernd und unentschlossen. „Aber — schließlich wird man ja auch mal ohne mich essen können, es ist ja nichts Ungewöhnliches. Ich bin öfter mal geschäftlich verhindert. Ich könnte ja mal anrufen, damit man wenigstens Bescheid weiß und nicht unnötig auf mich wartet..."
„Oh — das wäre wirklich schon! Tu es, Günter! Wer weiß, wann und ob wir uns noch mal Wiedersehen werden . . ."
Er streifte ihre merkwürdig verschleierten Augen mit einem unsicheren Blick. Dann erhob er sich stumm und begab sich in das Gastzimmer. Er mußte warten, die Telephonzelle war besetzt. In leichter Unruhe ging er ein paar Schritte auf und ab. War es wirklich richtig? War es wirklich gut?
Da wurde die Zelle frei. Er trat ein und schloß die gepolsterte Tür umständlich hinter sich, als müßte er noch ein paar Augenblicke Zeit gewinnen. Dann trat er an den Apparat. Sein Kopf war un
frei, als er mit unsicherer Hand die Nummer ein» stellte.
Korbinian Sartoris meldete sich auf den Anruf. Günter atmete auf. Ebensogut hätte Annelies am Apparat fein können...
„Du, Onkel Korbinian?"
„Ja. Was gibt es?"
„Ich wollte nur Bescheid sagen, daß ich zum Abendbrot nicht zu Hause sein werde. Wartet also nicht auf mich! Ich habe Bekannte getroffen."
„Ich weiß."
Günter stutzte.
„So...?"
„Jawohl. Laß dich nicht zu lange aufhalten. Hier find nämlich auch noch Leute, die Wert auf deine Gesellschaft legen — und Anspruch darauf haben."
Ein knackendes Geräusch im Apparat, dann war alles still. Korbinian Sartorius hatte angehängt.
Günter stand einen Augenblick wie vor den Kopf geschlagen da. Onkel Korbinian wußte Bescheid. Man war also doch gesehen worden? Von wem aber? Und sollte man sich dadurch abhalten lassen? Man konnte nicht zurück, ohne sich von Mia zu blamieren. Und außerdem...
Er reckte sich in den Schultern. Na, auch gut! Wie Trotz kam es über ihn. Mit festen Schritten kehrte er auf die Veranda zurück.
Mia sah ihm mit glänzenden Augen entgegen, in denen nur schwer verhüllte Erwartung lag.
„Nun, erledigt? Ist der Urlaub verlängert?"
„Von mir aus, wohlverstanden!"
„Brav von dir. Man darf sich nicht dauernd an der Kandare halten lassen. Und warum sollen wir denn nicht auch mal ein paar Stunden für uns haben! Es ist doch kein übertriebener und ungesunder Egoismus, wenn wir das mal für uns verlangen. Also stelle mal eine vernünftige Abendkarte zusammen. Oder soll ich dir das abnehmen? Soll ich die Bestie füttern, wie es sich gehört?"
„Walte deines Amtes!" stimmte er mit pathetischer Gebärde zu.
Sie wählte die Speisenfolge aus, auch den Wein, und sie bewies dabei Geschmack und Erfahrung. Lächelnd hieß Günter alles gut. Seine trotzige Stimmung hielt nicht lange an, immer wieder einmal tauchte in ihm die Frage auf, woher Onkel Korbinian wußte — und was er eigentlich wußte. Aber Mia ließ ihm nicht Zeit zum Nachdenken. Auch
der Wein, der ebenso vorzüglich war wie das Essen, hob die Stimmung und ließ alle Fragen und Bedenken verlöschen. Er überhauchte alles mit seinem würzigen Duft und feinem edlen Feuer. Es war wundervoll, hier zu sitzen und an nichts zu denken, was außerhalb des Kreises dieser Stunde lag.
4. Kapitel.
Man war nahezu mit dem Essen fertig, als draußen auf dem breiten Wege vor der Veranda ein Wagen vorfuhr, dem vier Herren entfliegen« Günter sah zufällig hinaus und stutzte plötzlich. Der eine von ihnen, der Breitschulterige, Hellblonde —- war das nicht Schulenburg? Das würde allerdings fatal sein!
Die Herren schienen sich in sehr animierter Stimmung zu befinden. Mit lebhaften Gesten kamen sis die Stufen herauf und sahen sich nach einem geeigneten Platz um. Und jetzt sah Günter, daß es wirklich Schulenburg war. Ausgerechnet der! Der schon am Nachmittag auf dem Sattelplatz Zeuge davon gewesen war, daß man sich kannte und miteinander den Rennplatz verlassen hatte. Und über« Haupt ...
Da hatte auch Schulenburg das Paar im Hintergründe entdeckt. Er schien im Moment überrascht, dann zog ein verständnisvolles Lächeln über sein Gesicht. Er winkte zu Günter hinüber und machte eine Verbeugung, die Mia galt. Die anderen drei hatten sich inzwischen gesetzt, sie wurden aufmerksam und sahen gleichfalls herüber. Da ließ Schulenburg sich nieder, sie sprachen miteinander. Es war deutlich zu fühlen, daß Mia und Günter den Gegenstand der Unterhaltung bildeten.
Günter war mit einem Male die Stimmung verdorben. Mia bemerkte es sofort, wenn er sich auch bemühte, es nicht fühlbar werden zu lassen.
„Wer war das?" forschte sie.
„Ein Bekannter. Großer Pferdeliebhaber, überhaupt Sportmensch. Im übrigen aber nicht sehr angenehm, mir wenigstens nicht. Man wird nicht recht klug aus ihm. Wir treffen uns selten mal; aber ich weiß bis heute noch nicht, wovon er eigentlich lebt."
„Es ist dir wohl unangenehm, daß er uns zusammen gesehen hat?"
Günter bemühte sich, ein gleichgültiges Gesicht zu zeigen, und fuhr mit der Hand durch die Luft.
(Fortsetzung folgt!)


