Einzelbild herunterladen

Tennis am Sonntagvormittag; Von 8 bis 9 und 9 bis 10 Uhr auf den Städtischen Plätzen am Schützenhaus.

*

kdA."-Sport im Herbst und Wintert

Neben den bisher eingerichteten Kursen: Allge­meine Körperschule, Fröhliche Gymnastik und Spiele, Reiten, Schwimmen, Reichssportabzeichen, Leichtathletik, Tennis, werden in den Herbst- und Wintermonaten noch folgende 'Kurse eingeführt: Waldlauf, Hallentennis, Skigymnastik, Ski-Trocken- kursus und Kleinkaliberschießen. Auskunft erteilt das Svortamt KdF., Schan^enstraße 18, Telephon 2919. Sprechstunden von 8 bis 13 Uhr.

Gesund und spannkräftig durch Leibesübungen mitKraft durch Freude"!

Weihnachtszeugniffe erst nach dem Fest.

Die neue Bestimmung, daß es jetzt auch in Hessen wieder Schulzeugnisse zu Weihnachten geben soll, hat manchem Schüler das Herz in die Hosen sinken lassen. Wie wird da der Gabentisch aussehen, wenn Fritz immer nochknapp genügend" im Rechnen als schwarzen Fleck im Zeugnis stehen hat und Else es mit ihren Nudelfingerchen bei den Hand­arbeiten nur zu einemim ganzen gut" brachte, während die Mutter in allen Nadelarbeiten doch so geschickt ist? Eltern und Kinder wären in eine verzwickte Lage gekommen. Zur Beruhigung kann mitgeteilt werden, daß die Weihnachts-Schulzeug­nisse erst nach dem Fest ausgegeben werden.

Oas Theater hat mich überzeugt!

Aus dem Büro des Stadttheaters wird uns geschrieben:

Ich wollte eigentlich nicht, aber ich abon­niere doch!" Diese und ähnliche Worte hören wir gerade in den letzten Tagen erfreulich oft. Auch unseren Werbern begegnet man allenthalben mit diesen zustimmenden Aeußerungen. Gewiß, man sieht den regelmäßigen Theaterbesuch als eine der kulturellen Pflichten des Staatsbürgers gegenüber dem Vaterland an; auch hat man persönlich das Bedürfnis, in der Woche wenigstens einmal durch Theaterbesuch das gemeinsame Erlebnis wahrer Feierstunden zu haben. Vielleicht bin ich zwar früher Abonnent gewesen, aber in den letzten Jah­ren wollte ich nicht mehr gebunden sein. Ich nahm mir vor, hier und da Einzelkarten zu kaufen; es wurde nichts daraus, es kam immeretwas da­zwischen". Ging ich jedoch mal ins Theater, dann war es nicht dasselbe wie früher. Der Platz, den ich gern gehabt hätte, war vergriffen. Ich saß als Fremder zwischen Fremden. Die Künstler waren mir auch zum größten Teil fremd. Kurz und gut, der Genuß war ungetrübt als ich noch ständiger Abonnent war, meinen gewohnten Platz hatte und mich um nichts zu kümmern brauchte.

Ich will und muß das Theater wieder besuchen, aber nur als Abonnent. Ich freue mich schon auf die festlichen Abende im Theater, auf Anregung und Ausspannung im arbeitsreichen Winter. Ich freue mich auf das regelmäßige Zusammentreffen mit meinen Bekannten, außerhalb des Alltags, in festlicher Umgebung. Ich freue mich darauf, wieder in lebendige Verbindung zur Kunst und zur Künst­lerschaft zu kommen. Ich will wieder mitsprechen können, wenn vom Theater die Rede ist. Ich will teilnehmen an den großen Ereignissen der kom­menden Spielzeit und nicht zurückstehen, wo andere sich zusammenschließen.

Ueberzeugt hat mich das hübsche und inhaltreiche Werbeheft, denn dadurch erfuhr ich die Pläne und Absichten der neuen Theaterleitung, lernte die neuen Mitglieder kennen, wußte über den in Aussicht ge­nommenen Spielplan Bescheid und vernahm die nicht unbeträchtliche Preissenkung und die beque­men Zahlungsbedingungen. 32 Vorstellungen aller Kunstgattungen an einem bestimmten Tag der Woche, bis zu 30 Prozent Ermäßigung gegenüber den Tagespreisen, dazu ständig meinen guten Platz und im Verhinderungsfälle noch Umtauschmöglich­keit. Ich brauche nicht an der Kasse au stehen und erspare mir alle diese zeitraubenden Unbequemlich­keiten und letzten Endes sogar noch Merger und Verdruß. Dazu als Abonnent das beglückende Ge­fühl: auch mein Abonnent erhält das Theater!

Diesen Gedankengängen hängt man stets nach in

den letzten Wochen und Tagen vor Beginn einer neuen Spielzeit. Und besonders vor Beginn dieser Spielzeit des Stadttheaters Gießen unter der Lei­tung des neuen Intendanten. Es gibt dann nur eine Antwort: noch heute werde ich Abon­nent und suche alle Freunde, Verwandte und Be­kannte zu überzeugen.

Die Theaterkasse gibt über alle Fragen Auskunft, und zwar werktäglich von 10 bis 13 Uhr, ober tele­phonisch unter der Nummer 2930.

Künstler von Weltruf gastieren in Gießen.

Vom Reichsoerband Deutscher Rundfunkteilneh- mer, Kreisgruppe Gießen, wird uns geschrieben: Am 19. Oktober veranstaltet der RDR.-DFTV., Kreisgruppe Gießen, in der Volkshalle zu Gießen ein Konzert, für das zwei Solisten von Weltruf verpflichtet sind: Erna Sack, Koloratursopran, vom Staatstheater Dresden und der Tenor Herbert Ernst Groh, Berlin. Zwei Künstler, die jedem Volksgenossen durch Rundfunk, Film und Schall­platte keine Unbekannten mehr sind. Wer möchte biefe Künstler, bie ihm durch künstliche Ton- und Bildwiedergabe längst bekannt sind, einmal persön- lich kennenlernen und ihrem unerreicht künstlerischen Gesang lauschen. Die Begleitung der Künstler und die musikalische Umrahmung, bie auch auf einem hohen künstlerischen Niveau steht, hat bas verstärkte Stäbtische Orchester unter ber Stabführung von Kapellmeister Paul Walter übernommen. So verspricht diese Veranstaltung ganz bedeutend zu werden. Die Eintrittspreise sind so gehalten, daß jedem Volksgenossen der Besuch möglich ist. Wir verweisen auf die Voranzeige in unserer heutigen Ausgabe.

Gießener Dochenmarktpreise.

* Gießen, 14. Sept. Auf dem heutigen Wochen­markt kosteten: Molkereibutter, das Pfund 1,50 bis 1,55 Mark, Landbutter 1,42 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10, Eier (inländische) 11 bis 12, (inländische, ungekennzeichnet) 10 vis 11, Wirsing, das Pfund 9 bis 12, Weißkraut 8 bis 12, Rotkraut 10 bis 15, Gelbe Rüben 8 bis 12, Rote Rüben 8 bis 10, Spinat 20 bis 25, Römischkohl 6 bis 10, Bohnen (grün) 15 dis 20, (gelb) 20, Unterkohlrabi 8 bis 10, Erbsen 25 bis 30, Tomaten 10 bis 15, Zwiebeln 10, Meerrettich 35 Pf. bis 1 Mark, Rhabarber 8 bis 10 Pf., Kürbis 6, Pilze 30 bis 40, Kartoffeln 4 bis 4Vg Pst, der Zentner 3,50 bis 4 Mark, Frühäpfel, das Pfund 10 bis 30 Pf., Falläpfel 5 bis 6, Pfirsiche 40 bis 50, Brombeeren 40 bis 45, Preiselbeeren 40 bis 45, Birnen 10 bis 30, ZweUcyen 11 bis 15, junge Hähne 80 bis 90, Suppenhühner 70, Tauben, das Stück 50 bis 60, Blumenkohl 5 bis 60, Salat 5 bis 10, Salatgurken 4 bis 25, Einmachgurken 1 bis 2, Endivien 5 bis 15, Oberkohlrabi 8 ms 12, Lauch 5 bis 10, Rettich 5 bis 15, Sellerie 15 bis 40, Radieschen, das Bündel 8 bis 10 Pf.

Vornotizen.

Tageskalender für Samstag: NSG.Kraft durch Freude": 16.30 bis 17.30 Uhr Leichtathletik auf dem Universitätssportplatz, Am Kugelberg. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Die Heilige und ihr Narr".

Tageskalender für Sonntag: Licht­spielhaus, Bahnhofstraße:Die Heilige und ihr Narr."

*

** Ein Achtzigjähriger. Am gestrigen Freitag,-13. September, konnte der Telegraphen­assistent t. R. Daniel Becker in körperlicher und geistiger Frische seinen 80. Geburtstag feiern. Der Jubilar ist feit dem Jahre 1884, also seit 51 Jah­ren, Leser des Gießener Anzeigers.

** Eine Achtzigjährige. Am kommenden Montag, 16. September, kann Frau Katharina H i l l g ä r t n e r Wwe., geb. Zecher, Hammstraße 13, in geistiger und körperlicher Frische ihren 80. Ge­burtstag feiern.

** Viehmärkte in Gießen. Am Dienstag nächster Woche findet in Gießen Rindvieh-(Nutzoieh-) Markt statt, am Mittwoch folgt Schweinemarkt. (Siehe heutige Bekanntmachung der Bürgermeisterei.)

** Die Ehestandsdarlehen. Im Gieße­ner Anzeiger Nr. 212 vom Mittwoch, 11. Septem­ber, veröffentlichten wir einen Artikel über dis Ehestandsdarlehen, dessen Einleitung durch eine

an verkehrter Stelle eingesetzte Zeile unklar wurde. Der Sinn des Satzes wird klar, wenn die dritte Zeile der ersten Spalte als neunte Zeile gelesen wird.

** Die Mitteilung von Todesursachen durch Standesbeamte. Die Akten der Stan­desbeamten enthalten ebenso wie die Kirchenbücher häufiq Angaben über die Todesursachen Verstorbe­ner. Diese Angaben sind aber vielfach insbesondere dann unzuverlässig, wenn ihnen eine ärztliche Be­scheinigung nicht zugrunde liegt. Anderseits könnte ihre unbeschränkte Bekanntgabe unter Umständen auch eine Gefährdung der ärztlichen Schweigepflicht bedeuten. Die Standesbeamten werden daher in einem Erlaß des Reichs- und Preußischen Innen- Ministers angewiesen, bei der Mitteilung von To­desursachen an Privatpersonen größte Zurückhal- tung zu üben. Insbesondere würden Mitteilungen an Versicherungsgesellschaften und sonstige Stellen, die sich ihrer im gewerblichen Interesse bedienen

wollen, nicht in Frage kommen. Den Nachkomme« oder sonstigen Angehörigen der Verstorbenen seien die Todesursachen nur dann mitzutellen, wenn ein ausreichender Grund für die Bekanntgabe nachge- wiesen werde und nach der Persönlichkeit des An- tragstellers die Gewähr dafür geboten werde, daß er die Angaben nicht mißbräuchlich benutzt.

** Sonntagstarten 3 u r1. Frankfu r- ter Gast wirte messe". Die vom 21. bis 29. September auf dem Festhallenge ände zu Frank­furt a.M. stattfindende1. Frankfurter Gastwirts- messe" hat einen sehr nachhaltigen Anklag gefunden. Aus diesem Grunde gibt die Deutsche Reichsbahn während der ganzen Dauer der Ausstellung von allen Bahnhöfen im Umkreis von 100 Kilometer um Frankfurt a. M., sowie von etwa 40 größeren weiter entfernt liegenden Orten Sonntagsrückfahr­karten mit dreitägiger Geltungsdauer aus. Die «ar­ten haben zur Rückfahrt nur Gültigkeit nach Ab­stempelung durch die Ausstellungsleitung.

putz- und Flickstunde bei der:

ehrmacht.

Ein Bild aus der Gießener Kaserne. (Aufnahme: Photo-Pfaff, Gießen.)

MU

T|

I M

Wie schlägt das Herz des alten Soldaten, wenn er diese Worte hört! Welch köstliche Erinnerungen an frohverlebte Stunden kehren ihm ins Gedächtnis zurück.Auch du hast sie mitgemacht, diese Putz- und Flickstunde, haft genäht, gewaschen und geflickt, und am anderen Morgen beim Antreten gebangt und gebebt, ob der strenge Blick des Kompanie­feldwebels, der durch sieben Wände gehen kann, vielleicht ausgerechnet an dir noch ein Fleckchen fin­den könnte."

Ob es auch heute noch so ist, heute, wo das Kleid des Soldaten grau und unempfindlich ist? Betrachten wir also einmal eine Putz- und Flickstunde bei unserer jungen Wehrmacht.

Kaum ist der Außendienst des Nachmittags be­endet, da kündigt auch schon ein Klingelzeichen oder die schrille Pfeife des Unteroffiziers vom Dienst ihren Beginn an. Einen Augenblick wird es ruhig auf den Fluren. Doch schon hört man den Schritt des von Stube zu Stube gehenden aufsichtshabenden Feldwebels. Gerade hat er die dritte Stube betreten. Der bei feiner Korporalfchaft anwesende Unteroffi­zier, der Korporalschaftsführer, meldet ordnungs­gemäß.

Die Tische aneinandergestellt, die Rückseite der Tischplatte nach oben, sitzen die Leute mit einerKop- vellange" Abstand nebeneinander. Fleißig reiben die Hände den Wollappen auf dem Koppel hin und her, denn der Herr Oberfeldwebel ist glücklich, wenn er seine sonst so strengen Gesichtszüge im Glanze eines gut geputzten Koppels noch einmal so schön widerspiegeln kann. (Der goldfunkelnde Messingputz der Vorkriegszeit hat einem intensiven Lederputz mit Spiegelglanz Platz machen müssen.) Und so sitzen sie am Tisch, die grauen Kameraden, und glätten,

reiben und polieren mit nimmermüden Händen das Lederzeug, jeder von dem gesunden Ehrgeiz ge­trieben, am andern Morgen der Beste zu fein. Prü­fend geht das Auge des Unteroffiziers von Mann zu Mann, ob sie auch alles praktisch und richtig machen.

Fast jeder hat sein besonderes Mittelchen. Der eine reibt mit der Kehrseite derErdalschachtel". Ein anderer nimmt die Kante seiner Bürste, wieder ein anderer hat sich ein abgerundetes Holz gefertigt. Auch finden wir Koppelglätter, diss kaufbar sind, Koppelwachs und dergleichen. Ist der Lederputz der Ausrüstungsstücke beendet, geht es an den Anzua. Was gibt es hier nicht alles zu flicken. Der lange Chri­stian, dem jede Drillichhose zu eng und zu kurz ist, hat sie natürlich beim Vormittagsdienst wieder zer­rissen. Was hilft's? Zu Hause hat ihm die Mutter alles wieder zurechtgeflickt, Jetzt hat er unter der Anleitung feines Korporalschaftsführers in ganz kur­zer Zeit gelernt, wie man die Nadel führt.

Hinten in der Ecke steht Ludwig und betrachtet sich feine Strümpfe. Der letzte Marsch hatte sie zu sehr mitgenommen. Vier Finger der rechten Hand schauen nun neugierig aus dem Strumpf heraus. Schadet's was? Heran mit dem Stopfei, und schon hebt und senkt sich die Spitze der Stopfnadel. Kein

adio Photo

163 D

Seltersweg 67

UM1 Telephon 3170

Herbst um das Dorf.

' Don H. A Weber.

H. A. Webers VolksstückHolzappel^ wird zu Beginn der neuen Spielzeit am Gießener Stadttheater uraufgeführt.

Kühe wandeln langsam wie dumpfe Blöcke in nebligen Pferchen, rote grauenvolle stumme Sche­men, bis ein stumpfer muhender Ton aus dem dampfenden Rachen strömt. Heber den nahen baumlosen Buckel wehen gespenstische schwarze Be­wegungen: gebückte Menschen, die Kartoffeln aus- machen.

Em ferner Rus fängt sich in den gefalteten Nebeln.

Die roten Beeren der Eberesche liegen wie kleine Pilze am Wege im kurzen ©ras, die Distel, Herbst- blume, schimmert dazwischen. (Binfterreijer und hellglattes Schlehengebüsch kochen im Nebeldampf. Ein ausgefahrener nasser Fleck leuchtet rot im Weg. Hier tritt Eisen zutage. Es sieht aus wie eine Wunde.

Quer durch die lastenden Wiesen- führt ein Weg zum Wald. Das Gehen ist hier wie auf Gummi. Peitschenknall springt wie ein Schuß in den Mor­gen. Aber es ist, als wollte das Land nie mehr erwachen.

Herbstzeitlosen stehen mit ihrer weißlick-blauen Kälte zu Hunderten im blassen Gras. Em Bach rauscht auf feiner immerwährenden Fahrt, fern, es kann auch ein naher Wald im Wind fein. Aber es weht kein Wind. Der Wind ist in die Nebel zerronnen wie ein Strom in einen riesigen Sumpf.

Der Weg hebt sich zu einer kleinen Brücke. Das Wasser fließt kalt unter dem Steinbogen weg. Schmutziggrau starren die kleinen Rieddschungeln im Bach. Die äußersten sind immer in unberechen­baren Zuckungen bewegt. Ein krummer Stamm verschalt den Widder der kleinen Brücke. Jenseits der Brücke greift ein blitzzerspaltenes Baumgerüst in den Dunst wie eine gichtige Hand.

Haselgestrupp taucht plötzlich und verworren auf. Einzelnes Blatt sinkt vom Zweig. Zwei Mäuse spielen am Weghang. Wo oer Bach vom Hügel hinunterstürzt, ist eine Mühle. Seltsam ruhig ist das Haus. Ich gehe quer durch den Hof, meine Schuhe klopfen hart an die Steine, aber niemand läßt sich sehen. Nur aus der Tiefe eines Schuppens sieht mir ein bärtiges Gesicht nach, eben, als ich den Hof verlasse.

Der Weg führt am Waldrand vorüber, lehnt sich mrrnchmal schräg an den dichten Tannenstand,

sinkt in ein kleines Tal, steigt wieder an, streift an einem tiefen Hang hin, an dessen Fuß sicy Wiesen wellen.

Ueberall stößt der gewachsene Fels durch den duftenden Humus. Das Gestein ist schleimig-glatt. Ein Apfelbaum steht am Rain. Ungeerntete Früchte verderben im Gezweig.

Durch das verworrene Haar dichter Tannenstände bricht ein Tier. An einer sumpfigen Wiese finde ich Rehspuren. Ein Hirsch orgelt. Der Tag geht in die schwere Melancholie des Abends. Die Sonne treibt greifbar nah und rot im grauen Lee beweg­ter Nebelsümpfe.

Das Bumbooi.

Von Hans Friedrich Blunck

Es gibt manch unterschiedliche Arten von Booten, die sich im Hamburger Haien herumtreiben. Es gibt Fahrzeuge, die sich tagsüber gründlich abrarfern und zur Vesperzelt ordnungsmäßig vor Anter gehen und Ruhe pflegen. Es gibt aber auch Boote, die tagsüber schläfrig an der Kette liegen, als ginge sie das Leben und Treiben ringsum durchaus nichts an, die erst nachts erwachen, sich in der Richtung auf die Schuten bewegen und vorsichtig Umwege machen, wenn die blinkenden Lichter der Polizei- barfaffe auftauchen. Es gibt schließlich auch Mittels dinge, die weder Kohlen fischen gehn, noch sich wirk- lich abrarfern, tagsüber, in denen aber ein man- bernber Händler sitzt und von Schiff zu Schiff fährt, um feine Ware loszuwerden. Das sind die Bumboote.

Klaus Brocks Bumboot war etwas reichlich klein, und man wußte nie recht, wo er all das Mehl, die Rosinen und den Rum verstaute, den er den Schif­fen verkaufte oder gelegentlich durch den Zoll brachte. Am wenigsten aber wußte man, wie das Boot seinen Besitzer faßte, denn Klaus Brock ist ein baumlanger Bursche, ber auf jebem Schiff noch eine gute Heuer bekäme, wüßte man nicht, daß er fo erbärmlich trinkt. Aber ein gutmütiger Kerl ist er babei, ber gern alle Späße ber Schiffer über sich ergeben läßt, wohl eine halbe Stunde lang, bis er Plötzlich mit einem Angebot in Rum ober Rosinen kommt und so freundlich und versöhnt dazu nickt, daß den Ewerführem ihr rauhes Herz ob soviel Duldsamkeit schlägt und sie ihm halb freundschaftlich irgend etwas abnehmen. Dann holt Klaus Brock mit tiefernstem Gesicht feine Gewichte, schlenkert die kleine Waage hin und her und zerrt und legt zu, bis der argwöhnischste Schiffer seine Schale schwer herabsinken sieht und zufrieden das Geld aufzählt.

Und trotzdem niemand wußte warum- man sagte, daß Klaus Brock nicht ganz ehrlich zu Werk ginge, und konnte es ihm auch keiner nachweisen, so munkelte man doch allerlei und war mißtrauisch, wenn das kleine schwerbeladene Boot kam und vom Wrlckruder Klaus Brocks lange, etwas gebückte Ge­stalt heraufkletterte. Bis fein alloersöhnendes Lachen und das breite Grinsen über die gemütlosen Worte, bie man Ihm entgegenrief, Klaus Brock roieber als bieberen, wackeren alten Bumbootsmann erkennen Hetzen.

Peter Kölln behauptete zwar mit Bestimmtheit, er habe an Land einmal nachwiegen lassen und habe bestimmt statt drei Pfund Farbe nur 2% Pfund be­kommen. Seitdem mied Klaus Brock Peter Köllns Ewer, wurde ärgerlich, wenn er ihm vor den Ste­ven kam, und konnte fast jähzornig werden, wenn jemand von den 3 Pfund Farbe anfing. Ja, als Karl Jwerfen vom SchlepperElbe 9" einmal be­haupten wollte, Ihm fei es genau so gegangen, sprang Klaus Brock so wütend auf, um dem andern zu Leibe au gehen» daß er zum erstenmal lieber« gewicht bekam und der Länge nach in die spritzende Elbe fiel.

Im übrigen war das Bumboot eine ber beliebte­sten Erscheinungen im Hafen. Wenn irgendwo etwas gestohlen war Klaus Brock wußte Be- scheib. Wenn Kindtaufe war, Klaus Brock kam mit ber Harmonika gegen gute Gastfreundschaft na­türlich! Wenn jemand verkaufen wollte, wenn je­mand heiraten mußte, wenn jemand sterben sollte, Klaus Brock wußte Rat. Er wußte die schwierigsten Stücklein mit dem Zoll zu erfinden wußte die Schankerlaubnis zu regeln, ohne daß die Polizei etwas merkte. Und wenn Sturm im Hafen war ober bas Treibeis kam und kein Mensch vom Ewer herunterkommen konnte Klaus Brock kam hin­über und brachte Rum und Zucker für die trostlosen Stunden.

Das ging auch lange gut, recht lange sogar, fast ZU gut; penn selbst die gleichgültigsten Schiffer sahen etwas ängstlich drein, wenn Klaus Brock, ohne grade nüchtern zu sein, mitten in der Eistrift auf­recht in seinem schaukelnden Kahn stand, mit tief­sinniger Miene tue Gewichte auf bie Waagschale legte, ausschwenkte, mit einem Wrickschlag an die Reling kam und die Ware hinüberreichte.

Bls^lhn eines Tages das Schicksal ereilte. Als er Karl Jwerfen, mit dem er sich wieder vertragen hatte, ein gut Teil Bandwerk, Gummi und Zigar­ren wagemutig hinüberreichen wollte, hob eine Welle den Schlepper hoch, drückte das Heck auf das Bum- boot und duckte es im nächsten Augenblick unter

Klaus Brock hatte im nächsten Augenblick die Reling ergriffen und kletterte scheltend und pudel­naß an Bord.

Jwersen griff nach dem Bootshaken und stocherte im Wasser, aber vom Bumboot und feiner Last war nichts mehr zu sehen und zu fischen rein nichts mehr.

Nur die Gewichte schwammen nach oben ...

Roter Mann undSteuer Vogel".

In der Salzwüste von Utah, einem ber Felsen- qebirgsftaaten von Norbamerika, unternahm' der berühmte eüglische Rennfahrer Sir Malcolm Camp- b e 11 eine Reihe neuer Rekorbversuche, ba er dort die günstigste Rennstrecke ausfinbig gemacht zu haben glaubt. So hat er benn auch schon beim ersten Anhieb seinen Weltrekorb von 445 auf 482,5 Kilometer in der Stunde verbessert. Bei die­sem Rennen hatte er eine Zuschauerschaft, wie man sie sich romantischer kaum vorstellen kann. Da das Land weithin Wüste ist und Ackerbau nur mit Hilfe künstlicher Bewässerung ober unter Benutzung des sogenannten Trockenfarmsystem betrieben werden kann, so ist das Land nur dünn besiedelt. Die Kunde von dem Auftauchen eines englischen Rennfahrers mit seinem geheimnisvollenBlauen Vogel" hatte sich dennoch in Windeseile verbreitet, und von nah und fern kamen in vorsintflutlichen Automobilen, aber auch mit Pferdefuhrwerken und Karren, die Farmer mit ihren Familien herbeigefahren, um sich dies seltene Schauspiel mit anzusehen. Auch die Cowboys von den Viehweiden kamen herbeigerit- ten, in verwegener Tracht, wie wir sie zuweilen noch in Filmen zu sehen bekommen. Die seltensten Gaste aber waren die Nachkommen der Ureinwoh- er selbst, Angehörige des Jndianerstammes, die dem Land seinen Namen gegeben haben. Etwa dreitau- send Indianer leben hier noch in einem ihnen zu- geroiefenen Territorium, und auch sie verschmähten es nicht, Campbells Rekordversuchen beizuwohnen. Wahrend die Cowboys es nicht an ermunternden Zurufen und kritischen Aeußerungen fehlen ließen, sahen die Indianer nicht weniger aufmerksam aber 'm.^Ötzier Gelassenheit dem rasenden Flug des o !?.uen Vogels" über der Salzwüste zu. Seltsamere Zuschauer hat sicherlich noch kein Autorennen ge­habt, und es berührt uns eigenartig, daß jene Be­wohner ber Einsamkeit Zeugen eines neuen Welt- reforbs wurden. Sicherlich wird der Besuch des unternehmungslustigen Rennfahrers aus England auch nach feiner Rückkehr in den Gesprächen beim Lagerfeuer noch lange eine Rolle spielen.