Nr. 188 viertes Statt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)
Mittwoch. U. August 1935
Die Geißel Asiens.
Englands Kanpf gegen das Opium. — Zn einer Chandu-Fabrik Singapores.
Don Johannes Tlewel
In einer der testen Sitzungen des Opium- Komitees im Dilkerbund hat der chinesische Delegierte der Glückwunsch entgegennehmen können, den seine Klllegen ihm in Anerkennung der neu in Kraft getreenen rigorosen Dpiumab - wehrgesetze der chinesischen Nationalregierung gebracht haben. Man will in China mit allen Mitteln versuchen, Dpiimbau und Opiumgenuß im Laufe von sechs Jchren verschwinden zu lassen. Eine unerhört Aufgabe, wenn man weiß, welche Macht dieses gift im Fernen Osten besitzt.
Wenig beachtet weden die Worte des siamesischen Delegierten in dieser Sitzung geblieben sein. Er führte aus, laß Chinas Schritt unverzüglich auch einen Abbau des Opiumoerbrauchs in Storr und den umliegenden Gebieten nach sich ziehe, würde, die in allen ihren Maßnahmen von dem Vorgehen Chinas abhängig feien. Diese wenigen Torte des siamesischen Diplo- maten werfen ein grlles Schlaglicht auf dieses finstere Kapitel Ostasins. Schlimmer als Pest, Cholera und Ueberschwmmungen wütet diese Gift- seuche unter den Menschn. Hunderttausende sterben jährlich an den.Folger des Opiums. China mit feinem unerschöpflichen Nenschenreservoir ist die Quelle dieses Hebels, da; sich überall dort ausgebreitet hat, wo der Chi ese ein Tätigkeitsfeld gefunden hat. Siam mit ?inen drei Millionen Chinesen und Chinesenmischlngen leidet genau so bar- unter wie Britisch-Mi laya, dessen Bevölke- rung zur Hälfte aus Chinsen besteht, und Nieder- ländisch-Jndien. Auf de, Philippinen, in Indien und Amerika kann man den süßlichen Geruch der Opiumpfeife lechen. Und selbst in Europa scheint sich das Mft einnisten zu wollen.
3n Singapore, dem Knotenpunkt des fernöstlichen Verkehrs, befindet sich auch ein Sammelpunkt für den internationoen Opiumhandel. Das heißt, er befand sich hier; dein die englische Regie- rung hat in den letzten Iahen in dieser Stadt ein aeradezu bewundernswertes Werk vollbracht. Der freie, unkontrollierbare Opiuihandel in Singapore existiert nicht mehr. Die Reierung hat ein M o - nopol auf Opium errichet. Sie rationiert den Verbrauch, verringert von Ihr zu Jahr die erlaubten Mengen, so daß im 'taufe von absehbarer Zeit Opium ganz aus Malay verschwinden wird.
Durch das freundliche Entggenkommen der Behörden war es mir möglich gmacht worden, etwas tiefer in die Maschinerie bei Opiumbekämpfung einzubringen Der Grunbgeban? bieses Kampfes ist denkbar einfach. Die Regierug der Straits Settlements, jener eigerümlichen englischen Kronkolonie in Hinterindien, d eigentlich nur aus den zwei Großstädten Singaore und Penang und der alten berühmten Hafastadt Malacca besteht und deren Bevölkerung fff: ausschließlich Chinesen sind, hat erkannt, daß m wirksamer Kampf nur möglich ist, wenn der ge'ante Opiumverbrauch staatlich geregelt wird. Das it riederum nur möglich, wenn Herstellung i tri, Weitergabe in staatlichen Hände, legen. Aus dieser Ueberlegung heraus entstand dös Opium-Monopol. Die Regierung oenrbeiet den Opiumsaft, das Produkt einer Mohnpflmze, zu der in diesem Teil der Erde üblichen Hoibelftorrn, dem sogenannten Chandu, das inkleiUm Zinntuben mit verschiedenem Inhalt in benstaailich konzessionierten Kleinverkaufsstellen zumVerkiuf gelangt.
Diese Chandufabrik ist eie der interessantesten Fabriken, die ich bisher geshen i)abe. Unweit der Stadt Singapore am Fuß eines kleinen Sandberges liegt ein langgestrckter Gebäudekomplex. Das schwere eiserne Tor önet sich erst nach verschiedenen Anrufen. Hier)at kein Fremder Zutritt. Mißtrauisch fürt uns der riesenhafte, nordindische Polizist zum iian Besar, dem Direktor. Erst als dieser uns eunblich begrüßt, verschwindet der Riese. Wir »treten eine der weiten, Hellen und kühlen Arbeiteallen. Kleine Chinesen
mädchen sitzen an Maschinen, an denen in ununterbrochener Folge kleine Zinntuben erzeugt werden. Im nächsten Saal werden diese Tuben gefüllt. Der klebrige braune Saft sickert zähflüssig in die kleinen Röhrchen, die im nächsten Raum, verschlossen und mit dem ©taatsfiegel versehen, in den Kontrollsaal wandern. Hier wird die wichtigste Arbeit getan. Jedes Röhrchen wird auf einer feinen Waage ausgewogen. Es darf kein Zehntelgramm zuviel oder zu wenig Inhalt fein. Der Raucher würbe sofort ben Unterschieb merken, Mißtrauen gegen ben Staat fassen unb versuchen, auf illegalem Wege sich bas Opium zu verschaffen.
Der letzte ber großen Säle ist bie Packkam - mer. Mit kaum glaublicher Geschwinbigkeit sortieren bie kleinen Chinesenmäbchen bie gefüllten Röhrchen in Kisten zu je hunbert. Ohne aufzusehen, arbeiten sie. Die gelenkigen Finger arbeiten wie auf einem Klavier. 75 000 Röhrchen orbnet bie Meister- pacferin täglich in bie Kasten ein. Sie wirb auch befonbers hoch bezahlt. 60 Zents (zirka 0,90 Mark) erhält sie für bie achtstünbige Tagesarbeit. Das ist ein unerhörtes Gehalt für ein kleines Chinesenmäbchen. Ihre Altersgenossinnen erhalten kaum bie Hälfte unb können auch mit biefem Betrage glücklich leben. In bem großen gepanzerten Tresorraum lagern bie Chanbu-Vorräte. Tausenbe von Kisten sinb aufeinanber gestapelt. Jebe biefer kleinen Kistchen stellt ein Vermögen von 28,00 Straits Dollar (zirka 40 Mark) bar. Von hier aus geht ber Versank» in bie vielen kleinen malayischen Sultanate, nach Borneo unb Hongkong unb ben britischen Jn-
Die systematische Hetze ber Emigranten unb ber damit im Zusammenhang stehende Boykott deutscher Waren auf ben Weltmärkten haben bie Stellung ber beutschen Wissenschaft im Auslanb nicht erheblich erschüttern können. Abgesehen von wenigen kleinen Geistern hat ber vorurteilslose, rechtlich benfenbe Auslänber stets bie Errungenschaften ber beutschen Wissenschaft anerkannt unb geschätzt.
Das Deutsche Hygiene-Museum, her- oorgegangen aus ber Internationalen Hygiene-Ausstellung Dresben 1911, hat es unternommen, bie Fortschritte unb Errungenschaften ber beutschen mebizinischen Wissenschaft bem interessierten Ausland in bildlicher Form durch Ausstellun- g e n zu zeigen. Anläßlich ber Jahresversammlung der American Public-Health-Association in P a sa- dena (Kalifornien) wurde im Rahmen einer größeren Ausstellung auch eine vom Deutschen Hygiene- Museum zusammengestellte deutsche Abteilung mit dem Titel „Bevölkerungspolitik im neuen Deutschland" gezeigt. Zum ersten Male seit der Olympiade 1932 ist Deutschland wieder mit Erfolg in Kalifornien aufgetreten. In Form von reichhaltigem Bild- unb sonstigem Anschauungsmaterial würben bie Gegenwartsfragen ber Bevölkerungsstatistik, bie Grunbgesetze ber Vererbung unb bie Durchführung bes Sterilisationsgesetzes gezeigt, ferner Darstellungen über bie aufbauenben Maßnahmen ber beutschen Bevölkerungspolitik, wie Ehe- stanbsbarlehen, Ehrenpatenschaften unb länbliche Sieblungen.
Ein Beweis für bie Vorzüglichkeit bes Dargebotenen ist es, baß wohl alle 900 Tagungsteilnehmer bie beutfche Ausstellung besichtigt haben. Das Interesse ber amerikanischen Fachleute machte sich be- fonbers bei ben Führungen bemerkbar. Die von ben Gegnern Deutschlanbs wissentlich verbreiteten Entstellungen unb bie baraus entftanbenen Mißver- stänbnisse ber gesetzlichen Maßnahmen auf mebi»
felbesitzungen in ber Umgebung. Millionenwerte werben hier täglich umgesetzt. Aber in jebem Jahr verringert sich ber Umsatz. Unb, merkwürdig, aber verständlich, es herrscht an jedem Jahresende Freude, wenn man einen größeren Umsatzrückgang feststellen kann.
Da jeder Opiumraucher eingetragen sein muß, und nur eine bestimmte Menge Chandu von ben staatlichen fiäben erhält, bie nach einer ärztlichen Untersuchung jeweils feftgeftellt und in seiner Berechtigungskarte vermerkt wird, versuchen viele von den leidenschaftlichen Rauchern sich weitere Mengen des Giftes auf unerlaubtem Wege zu beschaffen. Kaum jemals gelingt es einem dieser Menschen, sein Vorhaben auszuführen. Der Opiumschmuggel - Abwehrbien st arbeitet mit unfehlbarer Sicherheit. Kein Schiff, bas in ben Hafen einkommt, wirb unburchsucht gelassen. Die schnellen Boote mit ben fünfen malayischen Suchbeamten fahren ben Schiffen schon weit in bie offene See entgegen unb beginnen ihr schwieriges Werk mit Gebulb unb Ausbauer. Es ist bestimmt nicht einfach, einen ber großen Dampfer in kurzer Zeit zu burchsuchen. Aber beinahe unmöglich scheint es, bie Verstecke zu finben, bie schlaue Chinesen ausgetüftelt haben. In ben Wassertanks, unter ben Kohlen, in ben Rettungsbooten unter bie eiserne Ration geschmuggelt, finben sie bie Päckchen mit bem süßlich riechenben Opium. Tag unb Nacht hegen bie jungen englischen Beamten mit ihren braven malayischen unb chinesischen Helfern auf ber Lauer. In ftrömenbem Tropenregen burchsuchen sie bie vielen kleinen Inseln, bie bem Hafen von Singapore vorgelagert sinb. Es ist ein Kampf bis aufs Messer. Manch einer ist geblieben. Unb trotzbem wirb weiter gekämpft. Es gilt, bas Gift zu'ver- bannen, bas jährlich Hunberttaufende von Unglück- lichen Menschen tötet. Man sollte Kolonisation auch einmal von biefer Seite betrachten.
zinischem Gebiete konnten nunmehr an Hanb bes Anschauungsstoffes klargestellt werben. Verfchiebene amerikanische Institute, Behörben unb Persönlichkeiten haben ihre Anerkennung unb ihre Einbrücke schriftlich zum Ausdruck gebracht u. a. die Columbia University, College of Thysicians and Surgeons, Neuyork, die Carl Schurz Memorial Foundation, Philadelphia, der Präsident der American Public- Health-Association vom Departement of Public Health-Association vom Department of Public- sioner of Health, City of New York.
.Mehrere interessierte amerikanische Gesellschaften hielten während ber Ausstellung Tagungen ab, zu denen stets bie beutschen Vertreter geloben waren. Bei einem Begrüßungsfrühstück ber Metropoliton- Life Insurance Comp. wurde der Plan erörtert, eine dem Deutschen Hygiene-Museum ähnliche Einrichtung zu schaffen und ebenfalls Wan- derausstellungen hauptsächlich gegen Tuberkulose und Geschlechtskrankheiten in den Vereinigten Staaten durchzuführen. Im Anschluß an Pasadena wurde die Ausstellung in Los Angeles gezeigt, Verhandlungen wurden auch mit der Mayo-Klinik in Rochester geführt, die ein eigenes medizinisches Museum eröffnet. Die American Medical-Association unb die Hall of Science, Chikago, beabsichtigen, einen Teil der Chikagoer Weltausstellung in Gestalt eines dauernden Gesundheitsmu- feums zu erhalten unb erhoffen bei bem weiteren Ausbau Mithilfe Deutschlands durch Bereitstellung von Anschauungsmaterial.
Die Stadt Buffalo verfügt in ihrem Musern of Science rooljl über das beste naturwissenschaftliche Museum Amerikas. Auch hier besteht großes Interesse für eine Zusammenarbeit mit Deutschland. Bei der Eröffnung der neugeschaffenen Abteilung für Eugenik im Januar 1935 wurde die deutsche Wanderausstellung ebenfalls gezeigt. Vorgesehen ist die Uebernahme eines Teiles des deutschen Mate
rials in den Besitz des Museums. Das National Commitee zur Bekämpfung der Tuberkulose plant eine Wanderausstellung gegen Tuberkulose und hat im Frühjahre 1935 einen amerikanischen Mediziner nach Deutschland entsandt, um das Deutsche Hyaiene-Museum und sonstige Einrichtungen des Gesundheitsdienstes zu studieren. Weitere Verbindungen wurden mit der John-Hopkins-Universität in Baltimore unb ber Aale-Universität jn New-Hoven angebahnt.
Die Reichhaltigkeit seines Materials ermöglichte es bem Deuischen Hygiene-Museum, sich neben ber amerikanischen Veranstaltung erneut in ben nordischen Ländern zu betätigen. Nachdem bereits 1927 die Sammlung „Der Mensch" mit Erfolg in Norwegen gezeigt wurde, konnte eine weitere Wanderausstellung des Deutschen Hygiene-Museums „Gesunde Mütter — Gesundes Volk" in Oslo in Gegenwart des Kronprinzen von Norwegen, des deutschen Gesandten unb füh- renber Persönlichkeiten Norwegens eröffnet werden. Die Ausstellung enthielt in Bildform unb Plastiken Darstellungen aus ber Fortpflanzungslehre, ber Frauen-, Geburts- unb Säuglingshygiene, ber Zwillingsforschung u. a. m. Besonderes Interesse fanben bie Aufklärungsabteilungen „Kampf bem Krebs" unb ben „Geschlechtskrankheiten". Bei einer Besucherzahl von über 40 000 Personen fanb bie Ausstellung ihren Abschluß unb würbe banach in Drontheim mit 11 500 Besuchern unb in Stavanger gezeigt.
Anläßlich bes 25jährigen Bestehens bes Aerzt- lichen Vereins in Reykjavik in Island fand gleichfalls eine Hygiene-Ausstellung statt. Aehnlich der Sammlung „Der Mensch" wurde in Modellen und Tafeln Bau und Funktion des menschlichen Körpers gezeigt. Neben verschiedenen Gruppen der Gesundheitslehre gab ein Tafelwerk Aufschluß über „Ziele und Aufgaben ber beutschen Rassenhygiene". Die Ausstellungen in allen brei ßänbern waren ein voller Erfolg für bas Deutsche Hygiene-Museum, für die deutsche medizinische Wissenschaft und ein Beweis für den hohen Stand der deutschen Kultur.
(Sine Großtat des Arbeitsdienstes.
LPD. Ehringshausen (Kreis Wetzlar), 13. Aug. In Anwesenheit des Gauarbeitsführers Neuerburg wurde der letzte Spatenstich an bem neuen F l uh lauf ber Dill ausgeführt. Hiermit steht ein bebeutenbes Arbeitsdienstprojekt im Kreise Wetzlar vor seiner Vollenbung. Es galt, Ehringshausen von ber ständigen Hochwassergefahr ber Dill zu befreien. Hierbei wußte bas Flußbett der Dill verlegt werden. Der Dilldurchstich ist mit einem Fassungsvermögen von 251 Kubikmetern imstande, die größte Hochwassermenge, die bisher je gemessen wurde, durchzuführen. Notig waren hierzu eine Erdbewegung von 40 000 Kubikmetern unb eine Pflasterung von 30 000 Quadratmetern. 10 000 Kubikmeter würben zur Planierung von Deblanb bewegt unb bie Kultivierung einer Oedlandfläche von 5,9 Hektar bewirkt. Außerdem war mit dem Projekt die Herstellung einer Bewässerungsanlage für Wiesen in der Gemarkung Werdorf m etwa 15 Hektar Größe verbunden. Die Kosten des Projekts waren mit 120 000 Mark veranschlagt.
Geistesgegenwärtiger Autobusführer.
LPD. Königstein imTaunus,13. August. Ein mit 3 4 Frauen aus Mainz besetzter Autobus befand sich mittags auf ber Rückfahrt von einem Ausflug auf ben Felbberg. Auf ber steil abfaüenben Straße oberhalb bes Roten Kreuzes versagten plötzlich bie Bremsen bes Wagens, so baß biefer in immer schnellerem Tempo bergab raste. Da es bem Führer bei biefer Geschwindigkeit nicht gelang, bie Kurve am Roten Kreuz zu nehmen, steuerte er fein Fahrzeug geistesgegenwärtig über bie Kurve hinaus in ben a n- grenzenden Walb. Hier gelang es ihm zunächst, ben Wagen ohne nennenswerte Beschädigung über eine sechs Meter hohe Böschung hinauszubringen. Etwa 50 Meter weiter kam das Fahrzeug dann zum Stehen. Nur der Geistesgegenwart des Fahrers ist es zu verdanken, daß nur drei Personen leicht verletzt wurden.
Deutsche Wissenschaft im Ausland.
Von Or. Carl Alexander v. Tyszka, Professor der Siaatswiffenschaffen an der Universität Hamburg.
ber
Oie Geuferbrücke.
Von Sigisnmn von Radecki.
hinrollst. Und es gibt meii Brücke in Java, die bas schäbigste, jammervollste Ättbrett von einer Brücke war, das sich je im Waft gespiegelt hat. Ein anständiger Ingenieur fonr nichts tun, als an ihr Geländer treten unb wei n. Und das kam so:
Die wollten damals ittBatama ihre große Uferchaussee landeinwärts uleiten, weil das Fundament vom Meer unterssit wurde. Und so bauten wir eine Straße hin, vover die Tiger den Schweif einzogen und die Anakcdas „Ich bin klein, mein Herz ist rein ..." ftüftten: eine Straße jag ich Ihnen — ein Lineal ist le krumme Linie dagegen! Keine von diesen roinfeDen, schwachherzigen Straßen, die vor jedem Snpf einen Bogen machen unb um {eben Felsbron 'ne Haarnadelkurve — no Sir! Wir bohrten ns durch bie Berge, wir trampelten uns burch e Sümpfe — und stießen endlich mit ber Nase t\ den Fluß.
Wir hätten hier dieörücke selbst dann gebaut, wenn bas Uferterrain riefjpubbing gewesen wäre — die gerabe Linie ha uns hitzig gemacht, wissen Sie. Aber zufällig tren beibe Ufer fest wie British Consols, vor bi Krieg mein' ich natürlich.
Also berechne ich e Wunderwerk ber Technik, Kostenanschlag 80 00C Gulden, und 500 Kulis brauchten wir auch. T Malaien müssen jeder 21 Tage im Jahr für diRegierung arbeiten. Das ist ihre Steuer. Mithin ig ich zum Häuptling vom Dorf neben ber Bauste — fo eine fettumwachsene Würbe, aber mit änclichen Augen. Erst verbeugten wir uns eine $rteiftuntoe hin und her wie zwei Pendeluhren, hn spielte ich auf die 500 Kulis an. Zunächst bann er sich heftig Luft zuzu- fächeln, bann lächelter mit schwarzen Zähnen — schwarz vom Betelkcrn — und bann strahlte er wie ein falscher Diaant unb sagte bie Kulis au. Ich glaube, er Hütternch am liebsten aufgefressen und schwankte nur och wegen der Sauce. Jetzt neigte er sich läched und flüsterte: Der große Mynheer hat die wstelle sicher von oben erleuchtet ausgesucht • selbst bie Göttin der Weisheit könnte keine b(tre finden — nur... hat dis
Stelle einen ganz kleinen Mangel. Sie ist ein ,Schall. Es ist nicht gut, dort eine Brücke zu bauen. Nicht gut; gar nicht gut ..." Tief traurig wackelte sein Turban hin und her.
Ein „Schal" ist... ja, wie sag' ich's meinem Europäer?... Es ist aljo eine Art Klubzimmer für Dämonen, für Geister, verstehen Sie? In seinem Klub will man’s gemütlich und ungestört haben. Unsympathische Menschen werden nachsichts- los geblackballt... na, und erst eine Brücke!
Unb bas uns! Uns Helden von ber geraden Linie! Als ich die Nachricht meinen Jungens überbrachte, wollten sie in der Hitze gleich losbauen, noch diesen Abend... Sie tauften bie Brücke „Sihal-Broadway" unb tränten, bis sie die Sternschnuppen wie Mücken einfingen. So bauten wir frisch darauf los. In unserer glorreichen geraden Linie. Zuerst eine provisorische Brücke. Die berechnete ich für alle Fälle mit hundertfacher Sicherheit: die Holzbalken waren keine Splitter, sondern so dick, als hätten wir sie uns selbst aus den Augen gezogen. Ein Elefant hätte daraus Shimmy tanzen können. Sie war K. O., es konnte nichts passieren.
Darauf fuhr ich nach Batavia, mal wieder Ladies und ©entfernen zu sehen. Auf einmal werde ich per Telephon angerufen. Von meinem chinesischen Vorarbeiter. Ist solle schnell zurückkommen, es habe mit der Brücke was gegeben.
Schon beim Heranfahren sah ich die Bescherung: „Sihal-Broadway" war halb zusammengebrochen, unb bas Geländer geborsten. Ein jammervoller Anblick! Ein Lastauto von ber Erzmiene brühen war auf völlig unerklärliche Weise — bie Brücke war ja kinderleicht zu befahren — plötzlich gegen bas Geländer gerannt unb mit einem Salto mortale in den Fluß gestürzt. Zwei Mann schwer verletzt, einer leicht. Da das Geländer bie Streben nicht mehr band, hatten auch diese nachgegeben. Und unsere Kulis waren auseinandergelaufen wie eine Handvoll Schrot, bas man auf den Tisch fallen läßt... „Sihal, Sihal!"
Ein kleiner Junge, der seine Wade mit dem Fuß rieb, suchte mich zu sprechen. Ein Abgesandter vom „Dukun , bem örtlichen Dorf-Fakir unb Zauberer. Ein Mann, bem bie Menschen Luft sind und bie Lüfte Menschen. Dabei scharf auf Silbergelb. Der Dukun ließe mir sagen, daß er täglich für mich bete, und baß eine Brücke an der Stelle gar nicht in Frage käme. Ich zeigte dem Burschen meine Pläne auf Wattmann-Papier und sagte: „Sieh mal, mein Junge —: So — wirb — bie — Brücke
Eine Brücke ist bie unartigste Sache von Welt. Sie schwebt über de Gefahr — hinüber zum Du. Es gibt eine Brüd in Avignon, von der fingen die Kinder. Es gi eine Brücke „Firth of Forth“, wo du im Schiwagen über den Ozean
— gebaut. Und genau hier. Und meinen besten Gruß bem Dukun — ich würbe ebenfalls für ihn beten."
Der Schaben wurde tadellos repariert Die Kulis einzufangen war schwerer.
In der Nacht darauf werde ich von einem Geheul geweckt — als fei bas Rabio auf Hollenlänge eingestellt...! Der Chinese, ber Vorarbeiter, rüttelt an meiner Bambustür und schreit: „Hilf mir, Herr, man hat mich ermordet! Hilfe!!" Man konnte von dem Mann keine Logik erwarten, denn er hatte von einer vergifteten Frucht gegessen. Unter Magenkrämpfen beschwor er seine sämtlichen Vor- fahren in auffteigenber Linie: als er ans Jahr 3000 herangekommen war, wurde er plötzlich ganz still, schrumpfte ein wie ein Gummischweinchen unb begann Brücken nach anderen Gegenden zu bauen. Wir brachten ihn nur mit Mühe durch. Der Täter konnte nicht ermittelt werden.
Ich sage Ihnen, wir haben noch nie mit solcher Energie eine Stahlbrücke in Angriff genommen wie dieses Mal. Es ging ums Prinzip, es ging um die gerade Linie, es ging um Europa! Das wuchs auf Betonklötzen mit feinem Netzbogen in die Luft — wie ein stählerner Tigersprung aufs andere Ufer. Allerdings fetzte es so kleine Unglücksfälle; ohne Militär hätten wir die Malaien kaum bei ber Stange gehalten: ich registrierte Dutzenbe Knochen- brüche, diverse Quetschungen, zwei Fieberepidemien, und außerdem lief einer Amok. Schade, daß er dem Dukun, dem Zauberer, nicht begegnete.
Aber eines Tages war bie Brücke fertig. Die gerabe Linie war gerettet. Wir garnierten sie mit Lotosblüten, spannten weiße Bänber quer und hingen extra eine große Tafel an: „Schal-Broadway". Dann luden wir zur Einweihung für den nächsten Morgen Ladies und Gentlemen ein, aus Batavia. Und außerdem noch, maßlos höflich, den Dukun, ben Mann mit bem Fernruf ohne Voranmeldung ins Geisterreich. So etwas wie: „Komm und sieh" — aber in gewundener Ausdrucksweise. Und bann tranken wir, bis O'Murphy bie Weltmeere mit ber Serviette wegwischte, unb Piet Hvvgstraaten sich aus bem Aequator 'nen Ohrring machte.
Das Dorf aber trommelte bie ganze Nacht burch.
Am nächsten Morgen weckten mich bie Leute. Ich solle schnell hinkommen unb nachsehen. Ich lauf au meiner Brücke: ba liegt „Sihal-Broadway" | schief im Wasser, auf jedem Ende gute vier Meter in den Boden gesunken. Unser fester Boden, bie I
1 Br’tish Consols, hatte seufzend nachgegeben. Das 1 guckte aus dem Wasser wie der Rückenwirbel eines Ichthyosaurus, noch mit den Lotosblüten garniert.
1 Und die große Tafel schwimmt auf dem Wasser: ^Schal-Broadway". Die ganze Arbeit war hin.
1 Man sah direkt bie 80 000 Gulden den Fluß hin- ! unterschwimmen. Herr, Sie bemerken vielleicht, daß ■ mein Schädel ein wenig ä jour hindurchkommt ' ourch die Haare — also das geschah an jenem 1 Morgen: ich warf sie büschelweise in den Fluß und ! sah die Hechte banach schnappen...
Bei bieser Beschäftigung trifft mich ein Mann ■ an. Nicht klein, nicht groß, nicht dick, nicht dünn — bloß mit zwei Riesenaugen unterm Turban, i Der „Dukun" stellt er sich vor. Er sei zur Ein- 1 weihung gekommen. Schon wollt ich ihn in ber Zerstreutheit meinen Haarbüscheln nachwerfen, als brei Autos Vorfahren — bie Labies unb ©entfernen aus Batavia. Unb, ich glaube, noch so ein Wege» ' bauminifter. Ringsum im Halbkreis bas Volk.
■ Was sagen Sie zu ber Situation? Ich hoffte . immer, ich würbe aufwachen, es sei ein Traum. Dann lud ich ben Wegebauminister idiotisch zu ' einem Picknick ein — bie Luft sei so schon, bas ■ ©ras so grün... Worauf er selber grün würbe ■ unb bem Chauffeur die Richtung Batavia angab.
Weg waren sie, bie brei Autos — unb uns blieb die bekannte Staubwolke, sowie ein gewisses ' Jchthyosaurusgerippe.
Und dann kam Anweisung aus Batavia, eine neue Brücke solle 300 Meter oberhalb gebaut werden. Man sei im Ministerium zu ber Erkenntnis gekommen, daß es manchmal falsch sei, bie gerabe Linie restlos burchzuführen. Unb ber Dukun schickte feinen Boten: Er ließe niich grüßen, und die neue Stelle fei kein „Sihal".
Aber, wissen Sie, uns machte die Wegbauerei plötzlich keinen Spaß mehr... wir hatten unsere Idee aufgegeben, unsere glorreiche gerade Linie — wir schauten uns nicht mehr in bie Augen, sondern ins ©las.
Na, und ba haben wir ja auch irgenbroo so ein Plättbrett von Brücke hingebaut oberhalb — jeder mit dem füllen Gedanken, möglichst schnell den Beruf zu wechseln. Aber warten Sie, jetzt kommt die Pointe: Dieses Biest von einem Plättbrett hat nie den geringsten Unfall gehabt. Weder beim Bau, noch später. Es steht noch heute da und gähnt über den Fluß hinüber — für bie Ewigkeit. Wenn Sie's nicht glauben — fahren Sie selbst nach Java!


