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Nr. 16- vierter Blatt Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)_______________§amztag,!3.Zuli 1935

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Im Reich der dienen zu Besuch

Cin Blick in den Bienenstaat./Kömgmnenzuchi, die hohe Schule derLmkerei.

Der Imker prüft den Erfolg feiner Arbeit.

Verantwortungsgefühl

wird die Aufzucht der Nachkommenfchast betrieben. Erwähnt sei hier nur kurz und nebenbei, daß allein die Königin den Bestand des Volkes zu sichern ver­mag. . t

Wie aber kommt nun, so mag mancher Leser fragen, das Bienenvolk zu seiner Königin? Ja! Die Aufzucht einer Königin ist auch im Bienenstaat nichts Alltägliches. Während die vorhandene Köni­gin Eier legt, wird von den dazu bestimmten

beitsbienen aus- und ein­fliegen und die ihnen zu­gewiesenen Pflichten er­füllen, Honig sammeln als Nahrung für alle, erneut sich im Stock Minute um Minute das Volk, legt die Königin Ei um Ei in die dafür vorgesehenen Zellen. Bie­nen, die dafür abbeordert sind, tragen die Nahrung für die zukünftigen Bür­gerinnen und Bürger des Bienenstaates herbei. Mit aller Sorgfalt und allem

Teil der Bienen folgt ihr und der Imker sagt bann, die Bienen schwärmen". Er weiß: ein Stock hat eine neue Königin bekommen. Mit den aus- geschwärmten Bienen kann sich der Imker ein neues Volk bilden, wenn es ihm gelingt, den in einer dichten Traube an irgendeinem nahen Ast hängen­den Bienenschwarm (inmitten dessen Königin sitzt) zu fangen und in einen Stock zu bringen. Die junge Königin aber unternimmt ihren ersten und einzigen

Das Begattungskästchen wird mit Bienen gefüllt.

Hochzeitsflug. So geschieht die Bildung von neuen Völkern auf völlig natürliche Weise.

Für den Imker bedeutet aber diese natürliche Art der Volksvermehrung unter Umständen einen Ver­lust, und zwar bann, wenn es ihm aus irgenbeinem Grunde nicht möglich ist, ben Bienenschwarm zu fangen. Auch sinb im allgemeinen bie Völker, bie reichlich schwärmen, nicht bie besten Honigträger.

So ist denn der Imker dazu übergegangen, bie Natur etwas zu bevormunben. Er treibt eine künst­liche Volksvermehrung unb eine ganz bewußte Königinnenzucht. Dadurch ist es ihm auch möglich, Nachzucht nur von benjenigen Stämmen zu schaf­fen, bie ihm als bie leistungsfähigsten erscheinen.

Wie vollziehen sich nun Volksvermehrung und Königinnenzucht? Der Imker bringt je eine ber im Anfangsstadium ihrer Entwicklung befinblichen Larven in eine vorbereitete Zelle, fügt etwas von ber Königinnen-Nahrung hinzu unb bann werben biefe so behanbelten Zellen serienweise in einen Bie­nenstock gestellt. Die Bienen bauen bie Zellen sofort zu Königinnenzellen aus, bie, wenn sie fertig sind, einzeln in befonbere Kästchen gebracht werben, bie an einer Seite burch ein Sieb ber Luft unb, was sehr wichtig ist, auch ben Bienen Zutritt bzw. An­näherung gestatten. Die aus ben Zellen ausgeschlüpf- ten Königinnen werben, sodalb sie ben Zellen ent­schlüpft sinb, von ben Bienen burch bas grob­maschige Sieb hinburch gefüttert. Auf biefe Weise kann ber Imker Dutzenbe von Königinnen züchten.

Wie nun biefe gezüchtete Königin in ihre natür­liche Umgebung zu einem Bienenvolke gelangt, ist ganz befonbers interessant. Der Imker bringt zunächst einen kleinen Teil eines Volkes in einen bafür geeigneten Kasten, stellt einen Wabenrahmen hinein unb überläßt bas kleine Bienenvolk zunächst sich selbst. Es fühlt sich aber ohne Königin tot­unglücklich, benn ein Volk ohne Königin wäre zum Aussterben verurteilt. Diesem höchst beunruhigten Völkchen gibt nun ber Imker eine seiner gezüchteten Königinnen. Die Königin kommt aus ihrem Schlupf­käfig zunächst nut in eine kleine Kemenate (für etwa 24 Stunben) unb bleibt währenb bieser Zeit nur burch ein Gitterfensterchen mit bem kleinen Volk verbunben. Der Augenblick aber, in bem bas Völkchen seine Königin erhält, ist ein großes Ereig­nis. In bem Augenblick, ba bie gerabe am Draht­fenster sich befinblichen Bienen bie Anwesenheit ber Königin bemerken, lassen sie burch ihre Flügel ein Helles singenbes Surren hören unb im Nu machen es alle anberen im Stock nach. Alles ist eitel Freube! Die Zukunft des Volkes ist gesichert! Auch bie Köni­gin gibt burch ein HellesTüten" ihrer Freube Aus- bruck. Für einen Tag bleiben Volk unb Königin burch bas Drahtgitter getrennt, bann bürfen sie schließlich aueinanber unb am anberen Tag wird ber ganze Kasten zu ber von ben Gießener Imkern eingerichteten Begattungsstation tn ben Krofborfer Forst gebracht Dort unternimmt bann bie junge Königin ihren Hochzeitsflug in bas Freie unb kehrt begattet zum Volk zurück. Gleichzeitig ist bie einzige Mission ber Drohnen erfüllt worben Balb barauf verfallen bie bann bem Volke unnütz gewordenen Drohnen dem Tode

Der Imker schuf sich aber durch seine bewußte Arbeit ein oder mehrere neue leistungsfähige Döl-

Bienen an der Wabe vor gefüllten und ungefüllten Zellen.

Allzuleicht ist der Mensch geneigt, den Wert eines Tieres nach dem Nutzen zu bemessen, den es ihm aus seiner Lebenskraft und seinen gottgegebenen besonderen Fähigkeiten zu bieten vermag Das ist sicherlich eine schiefe Perspektive. Ein materieller Gesichtspunkt, der dem Tiere kaum aerecht werden kann, wenngleich dem Menschen in Anbetracht sei­ner überragenden Stellung in der Natur das Recht (einRecht des Stärkeren") kaum mehr bestritten werden kann, die Kraft des Tieres für sich auszu- nützen. Er rann es insbesondere bann, wenn er auch bem Tiere sein Lebensrecht zugesteht unb ihm die Existenzbebingungen erfüllt.

Unter biesen (Bebanfen betrachtet, gibt es wohl kaum ein ibealeres Verhältnis zwischen Mensch und Tier, wie bas bes Imkers zu seinen Bienen. Wohl erwartet ber Imker von seinen Bienen ben wert­vollen Honig, wohl nimmt er Wachs, aber dagegen gibt er den Bienen alles was sie brauchen, um ihr Leben und ihre Eigenstaatlichkeit erhalten zu kön­nen. Er gibt ihnen Zucker als Futter für den Win­ter, wenn, wie in diesem Jahre, die Natur ihnen die Nahrung vorenthält, er gibt ihnen den Stock, in dem sie ihre Zellen bauen können, er bewahrt sie, soweit es in seiner Kraft steht, vor Seuchen und schützt sie vor Feinden. Sie werden bei aller Pflege nicht verweichlicht, sondern völlig im Sinne der Bienen gesehen, in ihrer Lebenskraft gesteigert. Der Mensch sichert hier durch seine Maßnahmen dem Bienenvolk den Fortbestand über viele Gene­rationen.

Sehen wir einmal näher zu! Beobachten wir die

(Ausnahmen 18] Neuner, Gießener Anzeiger.)

Bienen in ihren vielfältigen Lebensregungen! Las­sen wir uns einmal vom Imker erzählen! Versuchen wir uns einmal zu vertiefen in die Ordnung im Bienenstaat, in das Wesen der Bienen, in das Gehabe der einzelnen Imme! Der Beobachter müßte ein sehr nüchterner Mensch sein, wenn er angesichts alles dessen, was es hier zu sehen und zu hören gibt, nicht in Staunen und nicht von tiefer Be­wunderung erfüllt werden sollte.

Wohl ist es jedermann bekannt den meisten unserer Volksgenossen aber vielleicht doch nur vom Hörensagen daß die Bienen einen glänzend organisierten Staat zu bilden wissen, in dem Ge­meinnutz vor Eigennutz geht und eines der kleinen eifrigen Wesen dem anderen und der Gesamtheit dient. Bewundernswert ist es, zu sehen, wie ein Teil der Bienen an den Zellen baut, andere den Honig einbringen, wieder andere die gefüllten Zellen schließen, diese den Nachwuchs füttern und jene der Königin dienstbar sind. Eine Anzahl der Bienen steht vor dem Flugloch Wache und andere sorgen mit fixer und ganz bestimmter Flügelbewe­gung für frische Lust im Stock.

Vor dem Flugloch auf dem Flugbrett herrscht an schönen Frühlings- und Sommertagen, wie auch im Herbst vom frühen Morgen bis zum Untergang der Sonne ein stetes Starten und Landen. Uner­müdlich wird Blütenstaub und Nektar zugetragen, die von den Bienen durch Ausscheidung von Wasser­gehalt und durch Zusatz von verschiedenen Fermenten zu goldgelbem Honig verwandelt werden. Zelle um Zelle füllt sich mit Honig. Und während die Ar-

Die Königin wird dem Begattungsvölkchen zugesetzt.

Bienen, wie aus einen geheimen und von den Menschen wohl kaum erforschbaren Befehl, eine der eibelegten Zellen vergrößert, verlängert und mit einem ganz besonders geartetem Futter gefüllt. In dieser länglichen Zelle wächst die zukünftige Köni­gin. Schlüpft diese junge Königin aus ihrer Zelle, dann gibt es so etwas wie eine Palastrevolution, der Staat gerät in nicht geringe Aufregung und dann verläßt die alte Königin den Stock, ein

Ein neuzeitlicher Bienenstand.

Das Arbeiten am Volk im Innern des Bienenhauses.

Die ausgeschlüpften Königinnen werden von Bienen gefüttert.

Zuchtrahmen mit Königin-ZeueN.