Ausgabe 
12.10.1935
 
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Nr. 239 vierter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Samstag, 12. Oktober (935

Licht

führt

ein überaus empfindsames Ohr uiutz dazu gehören, menfe wieder so herzustellen, wie er zu Bachs der Ton soll nicht zu hart noch zu weich sem. Er soll Zeiten war. Auch die Licher Orgelbauanstalt von Mli; r nnrnnlimnn omon nlnrronrotnOH .. A. AA . r- < , V < crx <

0eiten war. Auch die Licher Orgelbauanstalt von örster & Nicolaus sieht wieder in der Bach-

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J.R.

der deutschen Innerlichkeit".

(Sämtliche Aufnahmen [8]: Raiich, Frankfurt a. M.)

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ansprechen" Wir vernehmen einen glockenreinen Ton.Das war der Pariser Kammerton", erklärt derJntonierer",er macht in der Sekunde 435 Doppelschwingungen und ich erzeuge ihn mit der kleinen Stimmgabel da. Er wird dem Klange der

Register sind bekanntlich zum Ziehen da. Weshalb alsoNoli me tangere? (Zu deutsch:Rühr mich nicht an!") Der Küster einer kleinen hessischen Dorf­kirche, an deren Orgel anscheinend doch nicht alle Register zum Ziehen da sind, erläutert diesen wirk­lich seltenen Knopf: er sei nur in ganß besonders hartnäckigen Fällen, gleichsam als Notbremse, zu ziehen. Wenn nämlich einer von den Andächtigen gar zu fest eingeschlafen sei, dann würde dieses Register mit seiner ganz ungewöhnlichen Lautstärke chn ganz bestimmt wieder aufwecken!

In Deutschland gibt es ungefähr 25 Orgelbau­anstalten, oder richtiger gesagt O r g,e l b a u f a Mi­lien , bei denen diese Kunst schon seit Generationen ausgeübt und immer wieder vom Bater aus den Sohn vererbt wird.

Auch O b e r h e s s e n und zwar unser Nach­barstädtchen Lich beherbergt dieses meines Wissens m Hessen einzige Kunsthandwerk feiner Art seit über 200 Jahren. Wieviele Orgeln, die in Hessen und darüber hinaus ihre Choräle über eine

ist es nun gelungen, vielfach die Werkstätten zu bewegen, den Klangcharakter dieser schönen Jnstru-

Meister Nikolaus an derIntonier-Orgel", einem alten Instrument zum Nachstellen einzelner Pfeifentöne.

gelbauer eine Pfeife nach der anderen zur Hand, um sie zu intonieren, d. h. zu stimmen. Wirklich,

Immer wieder wird am Labium gefeilt, bis der klare und reine Ton erreicht ist.

Pfeifen zugrunde gelegt."

Der Pfeifenkünstler bläst auf einer Pfeife nach der anderen und verstellt den Ton jedesmal durch Erweitern oder Verengen des Schlitzes oder Ver-

Das Zinn oder die Zinkplatte wird rund um ein Eisenrohr gebogen und dann zusammengelötet.

scheu Orgel das Vorbild.

In diesem Zusammenhänge ist erwähnenswert, daß die Orgeln in der Iahrhunderthalle in Bres­lau und im Dom zu Passau wohl heute noch die größten Orgeln der Erde sind. Die Orgel in der Breslauer Iahrhunderthalle (1913 gebaut) hat 15133 Pfeifen, die Orgel im Dom zu Passau (1927/28 erneuert) weilt 208 Register und 17 000 Pfeilen auf.

andächtige Menge schicken, haben in Lich das der Welt erblickt.

Der Orgelbaumeister Nicolaus in Lich uns durch sein Reich. Aus seinen Worten spricht wirkliche Hingabe an das Werk, das gar nicht wenig von seinem Herrn und Meister verlangt. Wie zu jedem Handwerk, gehört zum Bau einer

Orgelbau in Oberheffen

Ein altes Kunsthandwerk.

Orgel zunächst technisches Wissen und rein hand­werkliche Fertigkeit. Da sind als Rohmaterial die verschiedensten Hölzer und Metalle auszuwählen und auf ihre physikalischen und akustischen Fähig­keiten hin zu prüfen. Denn nicht alle Pfeifen sind aus Metall, einige sind auch aus Holz, das ihnen einen weichen und dunklen Ton verleiht. Das Er­staunlichste an so einer Orgel ist immer wieder die Mannigfaltigkeit der Klangfarben: selbst wenn sie mehr als tausend Pfeifen besitzt, der Ton ist jedes­mal verschieden. Man muß den Orgelbau, um ihm einigermaßen gerecht zu werden, schon zumindest unter die Kunsthandwerke rechnen, denn zur Aus­übung dieses Berufes befähigt erst eine Summe technischer und künstlerisch - musikalischer Eigen­schaften.

Johann Sebastian Bach kleidete seine Ansicht über die Kunst des Orgelbaues einmal Silber - mann, dem berühmtesten Orgelbaumeister wohl aller Zeiten, gegenüber in die Worte: daß zum Bau diesesInstrumentes der Instrumente" eine bestimmte Gnade Gottes notwendig sei.

Meister Nicolaus weiß durch seine gute Füh- runa unsere Frage, wie nun eigentlich ein solches vollständiges Instrument entsteht, vortrefflich zu be­antworten. Da muß also zuerst ein genauer Plan aufgestellt werden. Denn die Orgel beansprucht viel Platz, an dem es in alten Kirchen häufig mangelt. Und sie darf auch nicht derart angelegt werden, daß nachher das ganz'e Gotteshaus verfinstert wird. Der Plan sowie die genauen Zeichnungen der Orgelbeftandteile- wandern nach der Anfertigung in die Werkstätten.

Wir gelangen zuerst in die Werkstätte, in. der die Metallpfeisen entstehen. Eine Zinnlegierung wird in einem Ofen geschmolzen und dann ver­mittels eines primitiven Holzkastens in Platten ge­gossen. Diese biegt man über Eisenrohre und lötet sie zusammen. Aber noch kann das Metall nicht erklingen, erst müssen der Pfeife Ober- und Unter­lippe eingesetzt werden, und auch derAusschnitt" und die Kernspalte darf nicht fehlen.

Höhe und Farbe des Pfeifentones, wovon hängen sie eigentlich ab? Nun, von ihrer Länge und Dicke und deren Verhältnis zueinander, von der Breite der Lippen und des Mundes, von der Stärke des eindringenden Luftstromes und von den verschie­densten anderen Ursachen. Man unterscheidet offene und gedeckte Pfeifen: die letztgenannten erklingen in einem dumpfen Ton und zwar eine Oktave tiefer.

Unter den vielen Tausenden von Pfeifen, die sich zum kunstreichen Bau der Orgel zusammenfinden, muß eine musterhafte Ordnung herrschen-. Denn nun nimmt ein besonders musikalisch geschulter Or-

derselben Form zu einem Reg s z s ^m hoter Temperatur werden hier Zinkplatten gegossen, die bann zur Röhre umgeformt und verlötet werden.

Klangremheit. unten reaji».. > >

Die Musikgeschichte weist uns bei der Frage nach der Herkunft des Meisterwerkes frommer Kunst m fernste Vergangenheit. Die heidnische Panflöte, jene einfache Schalmei mit Zusammenstellung einzelner in der Größe verschiedener Pfeifen, die mit dem' Munde angeblasen wurden, ist als Ausgangspunkt der Orgelentwicklung anzusehen. Sie gilt uns Heu­tigen, wenn wir die Bilder von Böcklin auch nicht kennen, immer noch als der Inbegriff aller Har­monie in der Natur.

Der nächste Schritt war dann, den Pfeifen die Luft nicht mehr mit dem Mund zuzuführen, sondern sie auf einen mit Blasebälgen durch Wind gefüllten Kasten zu stellen. Neben diesenWindorgeln" war schon um 150 vor Christi in Alexandria die Wasserorgel" bekannt, die den Druck des Wassers zur Regulierung der Windzufuhr benutzte.

Bei der Einführung des Christentums wird die Orgel damals schon dieKönigin unter den Instrumenten" zum Organon christlicher Weihe und Musik schlechthin. Cassiodor, Theoderichs des Großen großer Kanzler, rühmt schon im 6. Jahr­hundert ihren volltönigen und sehr lieblichen Gesang.

Im Mittelalter waren vornehmlich die Klöster Pflegestätten der Orgelbaukunst. So war auch die erste deutsche, historisch nachweisbare Orgel ein Werk klösterlicher Kunst und klösterlichen Fleißes; Karl der Große ließ jene Orgel im Jahre 812 im Dom zu Aachen aufstellen.

War also Orgelmusik schon von jeher christliche Musik, so wurde sie zurMusik der deutschen In­nerlichkeit" erst durch die Werke Johann Seb. Bachs. Wir wissen auch, daß die geistigen Wur­zeln dieser Musik in der Reformation zu suchen sind, wobei unter Reformation weniger das Werk Luthers gemeint ist, als vielmehr die Bewegung, die am Anfang der Befreiung des deutschen Geistes aus mittelalterlicher und klösterlicher Befangenheit steht. War die Musik bis dahin ähnlich wie Wissenschaft und Philosophie nur Dienerin der Religion,Begleitmusik", so wird sie dem kunst- frommen Zuhörer jetzt selbst zur Offenbarung des Göttlichen. In Dorfkirchen wurde die Orgel erst im 17. und 18. Jahrhundert allgemeiner.

Die musikfreudige Zeit des deutschen Barock (Buxtehude, Bach, Händel, Schütz) war auch in der Geschichte des Orgelbaues die Zeit derMeister" in dieser Kunst.

Unsere heutige Zeit weiß zwar keinen großen Orgelbauer zu nennen, aber die Namen zweier Meister des Orgelspiels sind für uns untrennbar mit Orgelmusik verbunden: Professor Günther Ra­min, Thomaskantor in Leipzig, wie weiland Bach selber, spielt bei den sonntäglichen Bach-Kantaten in Leipzig und oft im Rundfunk die Orgel ... und dann wird der Name jenes Großen in unserer Zeit, der Name Albert Schweitzers, wohl nicht vergessen werden: er, der Arzt in der Wildnis, der Wissenschaftler und Forscher von Rang auf vielen Gebieten und Goethe-Preisträger, ist heute der große Meister und Künstler des Orgelspiels, der uns die deutsche Orgelmusik wieder neuschenkte, sie uns immer wieder neu erleben läßt, dieM u f i f

schieben des Deckels. Jrn tiefsten Baß brummt die größte Pfeife, und in höchsten Pfeifentönen zir­pen die kleinsten. Für uns eine höchst vergnügliche Angelegenheit. Für den Meister aber eine Arbeit, die alle Konzentration erfordert

Jrn selben Raum steht ein Alter mit einem präch­tigen Kopf und setzt die Pfeifen derselben Form 3U einem Register zusammen. Gewöhnlich vereinigen sich darin 56 Tone, die sich über mehrere Tonleitern erstrecken.

DerFortschritt" in der Orgelbaukunst feit dem vorigen Jahrhundert besteht in der Einführung eines elektrischen Schaltwerkes, das die Verbindung von Tastwerk (Spieltisch) und dem eigentlichen Or­gelwerk (den Pfeifen) herstellt. Auf diese Weise wird die Bedienung wesentlich erleichtert, und ein sanfter Druck genügt heute schon da, wo früher oft an­strengende Arm- und Beingymnastik geleistet werden mußte. Es handelt sich also nur um eine rein tech­nische Errungenschaft, und technische Vervollkomm­nung und Förderung der Kunst braucht ja durchaus nicht immer identisch zu sein.

Im übrigen wird auch für eine Orgel der heutigen Zeit kein Lob größer fein als jenes, das Fried- r i ch der Große bei dem berühmten Potsdamer Bach-Konzert über die dabei benutzte Silbermann- Orgel ausgesprochen hat: es sei ein Instrument, würdig der Offenbarungen dieses göttlichen Genius.

Der Orgelbau des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts zielte leider allzusehr auf orche­strale Wirkung ab. Er ahmte das. Orchester nach auf Kosten einer durchsichtigen Klarheit. Den Be­mühungen von Dr. Mahrenholz aus Göttingen

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