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Nr.M Drittes Blatt

Gießener Anzeiger iGeneral-Anzetger fürGberhesien)

Samstag, 12. Oktober M5

Oas Sack-Groh-Konzert wird nicht vom Sender übertragen.

Die Sängerin Erna Sack.

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I

Wie die Kreisgruppe des RDR. uns mitteilt, wird das Konzert mit der weit bekannten Kolora­tur-Sopranistin Erna Sack und dem Tenor Her­bert Groh am 19. Oktober in der Gießener Volks- Halle weder vom Reichssender Frankfurt veran­staltet, noch von diesem als Sendung übertragen. Es handelt sich vielmehr um eine rein örtliche Ver­anstaltung des Reichsverbandes Deutscher Rund­funkteilnehmer, Kreisgruppe Gießen. Zur akusti­schen Verstärkung im Saale selbst wird die eigene Verstärkeranlage des RDR. benutzt, so daß eine für jeden Platz klare Uebertragung garantiert wird. Eine gute Bühnenbeleuchtung wird dafür Sorge tragen, daß auch von dem letzten Platz die Künstler gut zu sehen sind. Die Volkshalle ist in Anbetracht der vorgeschrittenen Jahreszeit angenehm geheizt, und es ist auch sonst für einen angenehmen Auf­enthalt Sorge getragen worden. Der Vorverkauf der Karten hat bereits rege eingesetzt, so daß mit einer großen Beteiligung aller Volksgenossen zu rechnen ist. Im übrigen verweisen wir alle Inter­essenten auf die heutige Anzeige.

Mit vollen Segeln in den Kamps!

'

Das Angriffssignal ist gegeben, der Kampf gegen hunger und Kälte beginnt! Der Führer selbst hat das neue Ringen gegen die Rot eröffnet und die Marschroute klar vorgezeichnet. Run gilt es für die Gemeinschaft des ganzen deut- chen Volkes als höchste Pflicht, den Kampf im Dienste des Winterhilfswerks 1935 /36 mit aller Energie durchzu- ü h r e n.

Das Kampfreichen gegen die Wintersnot Monat Oktober

Zede deutsche Wohnungstür trägt diesesZeichen der Opferbereitschast

Die erste Schlacht wird am morgigen Sonntag geschlagen. Der Eintopf, das schönste Symbol der tatfrohen deutschen Opfergemeinschaft, oll den Tag beherrschen. Jede deutsche Fa­milie bekenne sich an diesem Sonntag 3 um (Eintopf! Er bedeutet mehr als nur eine bewußte Einschränkung des Sonntagsspeisezetlels an einem Tag im IHonat, sein tieferer Sinn ist darin zu erblicken, daß durch ihn das Bekenntnis zur Gemeinschaft mit den Volksgenossen ab­gelegt wird, bei denen der Eintopf in jeder Woche mehrere Tage, ja vielfach alle Tage beherrscht. Und am Eintopf-Sonntag, der in den beiden verflossenen Wintern sich eine feste Stellung im Herzen aller deutschen Volksgenossen erobert hat, opfere man freudigseineGabe für das Wh W., damit notleidende Volksgenossen Hilfe erhalten können!

Der Führer hat betont und gefordert, daß nur ein wirkliches Opfer die rechte Bekundung des Volksgemeinschaftsgeistes darstellt. Beherzigen wir alle diese Mahnung! Geben wir nicht nur, sondern opfern wir mit Anspannung aller unserer Kräfte, insbesondere am Liuto pfsonntag! Wer so mitmarschiert in der großen deutschen Kampffront gegen die Rot, der handelt im Sinne des Führers I und dient damit dem ganzen deutschen Volke! Welch' reicher Segen von der Arbeit des WHW. auch in unserer engeren Heimat im Kreise Gießen vielen Familien zugule kommt, haben wir in unserem Bildbericht überDas Werk der Räch- stenliebe im Kreise Gießen" im Gießener Anzeiger vom 28. September überzeugend dargelegt. Auch aus dieser Schilderung gilt es, die gebotenen Schluß­folgerungen im Sinne einer weiteren tatfrohen Mit­arbeit am WHW. zu ziehen.

Alle deutschen Männer und Frauen erfüllen eine hohe und schöne Pflicht, wenn sie unter bewußten Opfern dem Winterhilfswerk immer neue Kraft durch Geld- und Sachspen­den zuführen, ferner IN i t g t i,e b der R S.- Volkswohlfahrt mit einem auf den Grund­satz des Opferns eingestellten Beitrag werden, den Eintopf-Sonntag zum Tag des Be­kenntnisses für die deutsche Volksge­meinschaft und ihren Führer machen und auf diesen Wegen mit vollen Segeln in den Kampf für das WHW. zum Besten der deutschen Ration sich einreihen. Deutsche Wanner und deutsche Frauen, auf zur Opfertat!

Aus der Provinzialhaupistadt.

Mein Dorf.

So will ich dich malen, mein Dorf, da du seit Kriegsende meine Heimat bist. Will dich malen mit all der Liebe und Zärtlichkeit, die alte fromme Maler auf ihre Bilder verwendeten.

Du liegst da im Tal,im schönsten Wiesen­grunde". Die Hügel sind um dich gebaut, weit und beschwingt. Und ein Bach fließt mitten durch das Tal und mitten durch das Dorf: eine Freude, ein Segen! Manchmal wohl auch ein Schrecken, der über die Ufer tritt, der gierig in Stuben und Kel­ler dringt. Aber, das ist selten.

Du Bach im Tal, ich liebe dich! Du bist das Herz des Tales! Du wässerst die Wiesen! Du spendest dem Wanderer Kühlung! Wasserhühner, Wasser­amseln, schimmernde Eisvögel und Libellen, Schwert­lilien, Schilfrohr, Weidenröschen, Mädesüß und Baldrian, all das hat feine Heimat bei dir!

Doch was ist wesentlich zum Bild meines Dorfes? Jst's die weiße Wolke drüben überm Berg? Oder das Rauschen des Brunnens vor meinem Haus? Jst's der barocke Kirchturm? Sind's die Häuser in ihrer Gesamtheit, die die Dorf- und Talstraße ent­lang stehen, freundlich, mit feuerroten Geranien an den Fenstern? Jst's der Gesang der Bauern, der Sonntags mächtig aus der Dorfkirche emporrauscht? Das Murmeln der Abendgebete an den Winter­abenden aus allen Häusern? Was ist's, das mir das Dorf so lieb macht, dieses Dorf, das ein Stück Mittelalter darstellt im zwanzigsten Jahrhundert!

Sind nicht die Dörfer anderswo schöner? Warum liebe ich dieses Dors so sehr, das in der abgelegen­sten undreizlosesten Gegend" liegt, wie die klu­gen Menschen sagen, die die Welt kennen!

Weil ich mein Haus und meinen Garten, meine Bilder und Bücher, meine Arbeit, mein Brot, mein Herz hier habe. In mein Haus kommen Tag für Tag die Kinder des Dorfes. In der Gottesfrühe des Mai-n streife ich mit ihnen durch die frischbe­laubten Wälder, dem Gesang der Amseln und Dros­seln zu lauschen. Im Sommer ziehen wir durch Busch und Feld. Wir grüßen jede Blume am Weg­rand, im Anger, im Äcker, am Hag und am Bach.

Ast, Waldrand lesen wir die schönsten deutschen Märchen.

Naht aber der Winter, so spielen wir dasGot- ieskind" Da aeht ein heimliches Lernen und Pro­ben in allen Häusern an, wo Kinder sind. Da wer­den Hirtenstäbe und Königszepter geschnitzt, da werden Kronen für Könige und Königinnen gefer­tigt und vergoldet, das golden alle Finger sind. Und ist der heilige Abend da, so kommt alles Volk im schönsten Saal des Dorfes zusammen, zu staunen, in Ehrfurcht zu schauen. Mit vielen traulichen Spie­len geht der Winter zur Neige.

Eines Tages aber, um die Fastnachtszeit, aeben Scbwänke von Hans Sachs über die Dorfbühne. Und je und je kommen Bauern zu mir ins Haus. Wir besinnen uns auf letzte und tiefste Dinge. Wir suchen einen Weg zu den aroßen Gütern unserer Kultur. Wir lesen an ein-rn Abend Albrecht Dürers Werk. Wie schön ist die Bilder- und Bücherstube im entlegenen Dorf.

Ich schaue hinunter auf mein Dorf. Ich bin eins geworden mit ihm. Etwas von meinem Herzen floß Über in das stille Dorfim schönsten Wiesen­grunde" V.

Tageskalender für Samstag.

NSGKraft durch Freude": 17 bis 19 Uhr Leichtathletik auf dem Universitäts-Sportplatz. Stadtheater: 20 bis. 22 Uhr Tanzgastspiel von Harald Kreutzberg. Lichtspielhaus, Bahnhofstr.: Ein ganzer Kerl". 13 Uhr Reit- und Fahr­turnier auf dem Turnierplatz an der Rodheimer Straße. Deutscher und Oesterreichischer Alpen­verein Sektion Gießen: 20.15 Uhr im Horsaal des Geographischen Instituts, Brandplatz, VortragDer Ausbau der Alpen". Oberhessischer Kunstverein, Turmhaus am Brandplatz: Eröffnung der Aus­stellungFriesische Maler der Gegenwart, Klem- tierplastik von Lily König" um 17 Uhr.___________

Tageskalender für Sonntag.

NSG.Kraft durch Freude": 8 bis 10 Uhr Ten­nis auf den städtischen Plätzen am Schützenhaus. Stadtheater: 11 bis 13 Uhr, Ring deutsche Bühne:Schach dem Zaren". 19.30 bis 22.30 Uhr Paganini". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Ein ganzer Kerl". 14 Uhr Reit- und Fahrturnier auf dem Turnierplatz an der Rodheimer Straße.. Friseurinnung für Stadt und Kreis Gießen: 19 Uhr im Cass Leib Schau- und Werbefrifieren. Schützengesellschaft 1926: 9 bis 18 Uhr öffentliches Preisschießen auf dem Wald-Schießstand. Eisen­bahn-Fahrbeamtenverein: 15 Uhr Mitgliederver­sammlung in der Stadt Wetzlar. Reichsfach­gruppe Imker e. V., Ortsfachgruppe Gießen: 14 Uhr Versammlung bei Hopffeld in Gießen. Oberhessischer Kunstverein, Turmhaus am Brand- platz: 11 bis 13 Uhr Ausstellung friesischer Maler der'Gegenwart und Kleintierplastik von Lily Komg.

Stadtheater Gießen.

heute, 20 Uhr, einmaliges Gastspiel des besten Tänzers der Welt, von Harald K r e u tz b e r g. Das Tanzgastspiel ist außer Abonnement. Ende gegen I 22 Uhr. _____

Erstaufführung der OperettePaganini" von Lehar.

Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Die Meisteroperette Franz LehärsPaganini" wird am Sonntag, 13. Oktober, im Stadttheater Gießen erstmalig unter der Spielleitung von Heinrich Hub und unter der musikalischen Leitung von Ernst Bräuer aufgeführt. Diese Operette wird mit ihren wundervollen Melodien das Gießener Publikum hinreißen, denn sie ist ein echter Lehär. Es wirken mit: die Damen Decker, henckell, Perry, Schubert- Jüngling, Stirl; die Herren: Greif, Hille, Hub, Lindt, Tank, Dolck. Dauer von 19.30 bis 22.30 Uhr.

Spielplan des Stadttheaters vom 13. bis 20. Oktober.

Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Sonntag, 13. Oktober, 11 Uhr, findet als Auftakt für die kulturelle Winterarbeit der NS.-Gemein­schaftKraft durch Freude" die Erstaufführung der dramatischen SzeneSchach dem Zaren", eine Stunde weltgeschichtlicher Entscheidung, von Wil­helm Müller-Scheld statt. Diese geschlossene Kultur- und Werbeveranstaltung der NS. - Gemeinschaft Kraft durch Freude" yird durch eine Ansprache

und durch den Vortrag von Musik von Friedrich dem Großen abgerundet. Die Spielleitung von Schach dem Zaren" liegt in den Händen von Intendant Schultze-Griesheim. Ende 13 Uhr. Sonntag, 13. Oktober, 19.30 Uhr, zum ersten Mal Franz Lehärs MeisteroperettePaga­nini". Musikalische Leitung Ernst Bräuer, Spiel­leitung: Heinrich Hub, Tänze: Li I h l e n f e l d t. Außer Abonnement. Die Intendanz macht beson­ders daraus aufmerksam, daß diese Operette nicht durch das Äbonnement geht.

Dienstag, 15. Oktober, der Uraufführungsersolg Holzappel", ein lustiges Dolksstück von h. A. We­ber. Spielleitung: Intendant Schultze-Gries­heim. Diese Vorstellung gilt zugleich als 3. Dor-

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Oer König von Ostindien.

Von Alfons v. Ezibulka

An einem Frühlingstag des Jahres 1776 zog ein armer ältlicher Mann, dem man es ansah, daß er viel gewandert war auf Gottes weiten Straßen, die Glocken des Würzburger Juliusspitals.

Als der Pförtner neugierig die Nase Zum Guck­fenster herausschob und nach des Mannes Begehr ragte, antwortete der Alte demütig, er bitte um Aufnahme als Pfründner. Worauf der Torgewal­tige, mißtrauisch das Bettlerkleid des Bittenden musternd, die forschende Frage stellte:Wer seid Jhl denn überhaupt?"

Da glaubte der Pförtner seinen Ohren nicht zu trauen denn b» Antwort, die er auf -in- Frage erhalten hatte, lautete klar und deutlich.Der König von Ostindien".

Der Torhüter tippte bedeutsam mit der Hand an die Stirne, schüttelte mißbilligend den Kopf. Em Narr also ober, was noch wahrscheinlicher war, ein Lump'. Liefen ja gerade genug solche Glücks­ritter durch die Welt. In London schröpfte eben der vielberedete Cagliostro die Dummen und gar nicht lange war es her, daß der Graf Saint-Germain behauptet hatte, er habe noch Seine Exzellenz den Herrn römischen Statthalter Pontius Pilatus ge­kannt und Anno 1562 mit den Eminenzen beim Trienter Konzil zu Mittag gespeist. Warum sollte sich da ein anderer nicht König von Ostindien nennen?

Doch nach Hochstapler sah der in seinen Bettler­kleidern eigentlich nicht aus. So kratzte sich der Pförtner eine Weile unschlüssig Hinterm Ohr und führte dann den Bittsteller zum Verwalter und Rentmeister. Sollte der sich darüber den Kopf zer­brechen, warum und wieso der König von Ost­indien nicht indisch oder sonstwie heidnisch sprach, fondern unverfälschtes Würzburgerisch und wes­halb er durchaus Pfründner im Juliusspital werden sollte statt in Freuden bei seinen Bajaderen zu bleiben oder wie sonst diese sündhaften Frauen­zimmer der indischen Fürsten hießen.

Dock als der Verwalter und Rentmeister und auch sons noch etliche genaue Leute den Gesuch- nnf Herz und Nieren und vor allem auf Mer auf <3 u stellte es sich heraus, daß tan Johann Georg Wüft, b J n 1720 !u Grafenrheinfeld bei Würzburg, 8^en .1720 zu Gr°f mQr Also setzte

ttaMa?estät für ihre restliche Lebenszeit 7n bi- Ehren^ftl Pfründn-rfaals, ohne °°ll,g

das Gefühl loszuwerden, daß sich das Ganze doch eines Tages als grober Schwindel enthüllen werde. Doch das tat es nicht.

Mit einer nicht gewöhnlichen Tat sprang oder ritt vielmehr Johann Georg Wüst auf die Buhne seiner Zeit. Im zweiten Schlesischen Krieg, nn September 1744, hatten die Preußen Prag besetzt. Da fegte eines Morgens an der Spitze von mir zwölf österreichischen Husaren ein junger Fähnrich nach Prag herein, bemächtigte sich des Tors, das auf die Wiener Reichsstraße führte und hielt es an die zwei Stunden lang, bis die Hauptmacht der Oesterreicher herankam. Wenige Tage darauf er­nannte Maria Theresia den Fähnrich Johann Georg W ü ft trotz feinen jungen Jahren zum Ritt­meister und schenkte ihm für die Befreiung Prags ihr von gnädigen Worten begleitetes Bildnis

Nun hatte man glauben können, daß damals em junger Kriegsmann, der schon so früh durch eige­nes Verdienst so hoch über seinesgleichen gehoben wurde doch zumindest schon das Generalspatent, wenn nicht gar den Marschallstab im Tornister ober vielmehr in ber Satteltasche trug.

Das Generalspatent unb ben Marschallstab unb noch ein wenig mehr bazu hatte bas Schicksal dem Dorfbuben aus Grafenrheinfeld wohl in die Wiege qeleqt aber anders als er sich hatte träumen lasten, da er'als Rekrut mit dem Bastheimfchen Regiment des Würzburger Fürstbischofs in das ferne Ungarn, in den letzten Türkenkrieg Karls VI. gezogen war.

Als nämlich infolge dieses sich immer unglück­licher gestaltenden Feldzugs auch die Trommeln der bischöflichen Werber im Würzburgischen geschlagen hatten, war auch Wüst zu den Soldaten gelaufen. Abenteurerlust, der ewig junge Zauber des bunten Tuchs mögen den Grafrheinfelder Lausbuben zu den Fahnen getrieben Haden. Vielleicht auch die Ueberlegung, daß er auf diese Weise mit Anstand ber weiteren Lateinschule entrann, burch bereu un­tersten Klassen er sich mit Mühe geschlagen hatte.

War es bas Uebermaß, mit dem er seine Sehn­sucht nach Frankens heimatlichen Feuerweinen allzu gründlich bei ungarischen ober bonauländischen zu vergessen suchte, ober bie Leibenschast, mit benen er die Würfel über die Kalbfelle rollen und die Karten über die Tische gleiten ließ: wenige Jahre nach seinem Prager Husarenstreich wurde der Ritt­meister Wüst in die berüchtigte Festung Spielberg bei Brünn gebracht, wo kurz zuvor der Panduren­oberst Trenk seine Tage beschlossen hatte. Die haft bauerte nicht lang. Weil aber Wüst auch bort auf bem Spielberg an den Kantinenwirt mehr Gulden verloren hatte als er einschließlich seiner Perücke

haare auf dem Kovf besaß, wurde ihm der Boden in Oesterreich zu heiß. Er entsagte Maria Theresias Diensten und ging nach Frankreich.

Wüst hat zeit seines Lebens mit bem Spielen fein Glück gehabt; ob bafür um so mehr in ber Liebe, ist nicht überliefert. Doch biesmal hatte er auf die richtige Karte gesetzt: der König von Frank­reich ernannte den Rittmeister zum Oberst eines Husarenregiments. Bald darauf ging der Colonel Wüst, noch nicht zweiunddreißig Jahre alt, als Be­fehlshaber einer aus Kavallerie und Infanterie be­stehenden Brigade nach Ostindien.

Dort im südlichen Ostindien war Frankreich eben im Begriff, ein mächtiges Kolonialreich zu grün­den. Es kam zu gewaltigen Kämpfen mit England. Während im alten Abendland Preußen und Oester­reich um die deutsche Vormachtstellung zu rinaen begannen, rauften in Ostindien und Kanada die Franzosen und Briten um die Herrschaft der Welt.

Umsichtig und tapfer führte Johann Georg Wüst seine Regimenter in diesen glücklosen, von der Hei­mat kaum unterstützten und kaum begriffenen Feldzügen gegen die Engländer. Und als der Ober­befehlshaber unb Gener'algouoerneur ber franzö- sifch-inbischen Besitzungen vor bem großen Lorb Clive bie Waffen strecken mußte, würbe ber einstige Würzburger Rekrut zum Generalissimus aller'französischen Streitkräfte in Jnbien ernannt.

Mit erstaunlicher Tatkraft versuchte er, bas über bie Franzosen hereingebrochene Unglück zu roenben. So entschlossen unb kühn führte er nach ben gro­ßen Nieberlagen seines Vorgängers Frankreichs schwache Truppenmacht, baß Lorb Clive noch ein­mal in Indien erscheinen mußte. So geschickt und nachhaltig verstand er es auch, ben Wiberstanb ber inbischen' Bevölkerung gegen die britische Macht- ergretiuna wachzurufen, daß es noch einmal schien, als sollte Frankreich und nicht England zum Herrn Ostindiens werden. Sein Ansehen stieg so sehr, daß der indische Schattenkaiser in Delhi, ein spater Nach­fahr jener gewaltigen Großmoaulen, die einst über Indien geboten hatten, den Deutschen Johann Georg Wüst zum König von O st i n b i e n erhob.

Mit allen Ehren wurde er in Pans empfangen. Mit dem königlichen Befehl in der Tasche, in Ost­indien Frankreichs Macht von neuem aufzurichten, schiffte er sich wieder ein. Da ereilte ihn wahrend her Reise in noch jungen Jahren ein schwerer Schlaganfall. Er genas wohl wieder. Loch von Glanz und Ruhm hatte er genug. Auch mag sich m feinem Leben doch noch manches ereignet haben, was ihn nun, da der Tod ihn schon beim Namen gerufen, zu Reue und Einkehr zwang. Der Gene­ralissimus in Ostindien nahm Abschied aus dem

königlichen Dienst, entsagte allem Reichtum und allen Ehren und wanderte, ein während der Krankheit getanes Gelübde erfüllend, aus dem fer­nen Asien als Bettelpilger nach Loretto unb Rom. Dann trieb ihn wohl bas Heimweh nach fast vier­zig Jahren bes Fernseins nach Würzburg zurück, wo sich bie Pforten bes Juliusspitals hinter ihm schlossen.

Doch still zu sitzen, hatte bieser große Land­streicher von vielen Graben nicht gelernt. Immer noch war bas Unstete unb Schweifenbe seiner Ju- genb in ihm. Die beschauliche Ehrentafel im Pfründ- nerfaal, wo er mit uralten abeiigen Damen, mit ausgebienten Apothekern, Chirurgen unb Stein­schneidern beisammen saß, besagte ihm wohl nicht. Ost unb oft noch Hat er Urlaub von diesem klein­bürgerlichen Altersfrieden und geruhsamen Pfründ­nerdasein genommen und ist hinausgewandert in die Welt des brausenden, lockenden und so aben­teuervollen Lebens.

Auf einer solchen Wanderfahrt ist der König von Ostindien verschollen.

Vertauschte Vollen.

Auf geheimnisvolle Weife ist kürzlich der Unter­suchungsgefangene Charles Pölifsier, der einer Unterschlagung beschuldigt wird, aus einem Ge­fängnis in Paris entflohen. Man hatte ihn am Morgen zum Verhör in das Gefängnis gebracht, aber da der Tag mit langen Verhandlungen gefüllt war, so konnte Plissier nicht mehr vernommen werden. Als man am Abend seine Zelle öffnete, war der Häftling verschwunden. Statt dessen be­fand sich eine Frau im Gang vor den Zellen, die erklärte, Charles Pelissiers Gattin zu sein. Sie hatte durch einen Unbekannten den schriftlichen Be­scheid erhalten, sich mit zwanzigtaufend Franken sofort im Gefängnis einzufinden. Gegen Vorzeigen dieses Briefes hatte man sie auch zu ihrem Gatten eingelassen, der sogleich seine wohlvorbereitete Flucht durchführte, Er hatte es verstanden, sich mit Hilfe eines Unbekannten in den Besitz der wichtigsten Schlüssel zu setzen, und so gelangte er ohne Schwie­rigkeiten in die Freiheit. Der Zufall aber wollte es, daß eine Tür, zu der er den Schlüssel nicht besaß, hinter ihm zuschlug, ehe seine Frau ihm folgen konnte. So war sie nun an seiner Stelle gefangen. Die ihr übermittelte Aufforderung zum Besuch bes Gatten erwies sich als geschickte Fäl­schung. Man hat sofort einen Steckbrief nach dem Flüchtigen erlassen ...