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Nr. 160 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien) 5reitag,12.)uli 1955

Seidenraupenzucht in Gießen.

Der Züchter mit dem Lattengestell, an dem sich zahl­reiche Raupen festgesponnen haben. (Aufnahmen [4] Neuner, Gießener Anzeiger.)

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Der Reichsminister für Ernährung und Landwirt­schaft hat wir berichteten gestern bereits darüber eine Verordnung über den deutschen Seidenbau erlassen, die dem Reichsnährstand zur Regelung der Gewinnung, der Verwertung und des Absatzes von deutschen Seidenkokons eine Reihe von Ermäch­tigungen erteilt, um im Rahmen der Erzeugungs­schlacht auch den deutschen Seidenbau und die Sei­denkokon-Erzeugung zu steigern.

In diesem Zusammenhang ist es sicherlich inter­essant, zu hören, daß sich in unserer Stadt ein

Mann schon feit einer Reihe von Jahren mit der Seidenraupenzucht beschäftigt. Der Postassistent Karl Gümbel, der übrigens ein begeisterter Ento­mologe ist und über eine ausgezeichnete, reichhaltige Schmetterlingssammlung verfügt, züchtet schon seit sechs Jahren mit gutem Erfolg Seidenraupen. Er hat sich in seinem Gartenhaus an der Lahn die not­wendigen Einrichtungen geschaffen und züchtet aus Eiern, die er von einer berufenen Stelle bezieht, Seidenraupen heran, die sich unter seiner sorgfäl­tigen Pflege gut entwickeln und einwandfreie Ko­kons liefern. Die Aufzucht der Seidenraupe ist, wie er selbst erzählt, nicht leicht. Zunächst gilt es, Maul­beerbäume zu beschaffen, deren Blätter den Raupen zur Nahrung dienen. Andere Nahrung nimmt die Seidenraupe nicht an. Der Züchter hat etwa 20 Maulbeerbäumchen stehen. Die Raupen bedürfen einer sorgfältigen Pflege, vor allem aber einer re­gelmäßigen Fütterung.

Interessant ist die Entwicklung der Seidenraupe. Aus den Eiern entwickeln sich kleine Räupchen, die zu stattlicher Größe anwachsen und sehr gefräßig sind. In einem bestimmten Stadium des Wachstums be­ginnen sie sich zu verpuppen, und zwar geschieht das so, daß sie sich zunächst in einen Rahmen einspin­nen, den ihnen der Züchter gebaut hat, dann das Netz immer enger spinnen, bis es eine länglich­runde Form annimmt. Die Raupe verschließt sich völlig in diesen so entstehenden Kokon, büßt dabei, da sie den Stoff, der hie Seide bildet, abgibt, er­heblich an Körpermasse ein und wird im Verlauf ihrer weiteren Entwicklung zur Puppe. Wenn es der Züchter soweit kommen läßt, beißt sich das ent­wickelte Insekt durch den Kokon und verläßt als Schmetterling die schützende Hülle. Da jedoch der Kokon nur dann wertvoll ist, wenn er unverletzt bleibt, muß das Ausschlüpfen verhindert werden. Von diesem Kokon, der von Seidenspinnereien ab­gesponnen wird, wird die reine Seide gewonnen, die je nach der Art der Raupen vom reinsten Weiß bis zum kräftigsten Goldgelb erglänzt.

Angesichts der zu erwartenden Regelung der Seidenraupenzucht durch den Reichsnährstand ist zu erwarten, daß die Seidenraupenzucht, die bisher da und dort nur als Liebhaberei betrieben wurde, an Bedeutung gewinnt.

Links: Die Seidenraupe auf Blättern des Maul beerbaumes. R e ch ts: Der weibliche (oben) und der männliche (unten) Schme tterling der Seidenraupe.

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Die wertvollen Kokons der Seidenraupe.

Aus Der provmzialhauptstadt.

Oer Juli in den Wettersprüchen.

Viel Regen im Juli (Heumond) ist nicht gern gesehen: das wird jeder verstehen, der weiß, daß das, was im Herbst geraten soll, im Juli braten muß.Juliregen nimmt Erntesegen", oder:Juli kühl und naß, leere Scheune, leer' Faß". Es müßte im Juli, idealerweise doch so sein, daß nach jeder halben Woche Sonne eine Nacht Regen folgt; denn: Auf drei Tag' Sonne 12 Stunden Regen, das ist Berg und Tal zum Segen". Das würde auch den Städtern gefallen, die man des Sommers für ein paar Tage aus ihrer Arbeit in sonnenarmen, oft düsteren Räumen entläßt, damit sie ihre Ausflüge hinaus aufs sonnige Land machen.

Schicksalsschwere Wetterterminstage sind beson­ders der 2. Juli (Mariä Heimsuchung) und der 10. Juli (Siebenbrüdertag). Vom ersteren heißt es: Geht Mariä über den Berg naß, regnet's sechs Wochen ohn' Unterlaß", und von den Siebenbrüdern sagt man:Wie das Wetter am Siebenbrüdertag, so bleibt es sieben Wochen danach". Wenn es am Magdalenentag (22. Juli) regnet, wollen wir darob nicht unmutig sein, denn:Magdalena weint um ihren Herrn, drum regnet's an ihrem Tag so gern".

Beim Jakobus (25. Juli) ist es aber schon wieder ganz anders. Da heißt es dann abermals aufgepaßt. Wieviel Holz, Torf oder Kohlen meine Oefen bis Weihnachten fressen werden, ob ich ohne dicke Win­terunterhose, ohne Fausthandschuhe, ohne rote Nase usw. durch die Monate Oktober, November und Dezember komme, oder nicht, das alles kündet mir der Jakobustag, bei dem man aber nicht recht weiß, was man an ihm wünschen und verwünschen soll. Ist es hell auf Jakobustag, viel Früchte man sich versprechen mag." Gut! also soll es hell und warm sein.Ist Jakobi hell und warm, friert man bis Weihnachten inn Darm." Hollah, Jakob, das ist wieder etwas anderes, was bist denn du für ein

doppelzüngiger Prophet! Was nützt es denn, wenn an Weihnachten der arme Städter feine Kartoffel­suppe am kalten Ofen einnehmen muß, weil das ihm spärlich zugemessene Heizmaterial schon aufge­braucht ist?

Wie schimpft man doch so gern über die Hunds­tage (24. Juli bis 24. August), wenn infolge der Sonnenglut die dauernde Gefahr besteht, daß einem im Geldbeutel das Silber schmilzt und die Hundert­markscheineverkohlen". Und wie wertvoll ist solch' eine Hundshitze!Hundstage heiß und klar, deuten auf ein gutes Jahr", oderHundstage heiß, lohnt Müh' und Schweiß", oderWas die Hundstage gießen, muß die Traube büßen".

Nach alledem beibt zu wünschen, daß der Juli vorwiegend trocken verlaufen möge, dennnur in der Juliglut werden Korn, Obst und Wein gut". Einige nahrhafte Gewitterregen nehmen wir als wohltuende Duschen gerne hin, meinetwegen mit Donner und Blitzen, aber nicht mit Wolkenbrüchen, Hagelschlag und Blitzschlägen, die wir ganz und gar nicht brauchen können, die aber auch dem kein Glück bringen, der weil er gut versichert ist sie weniger fürchten zu müssen glaubt.

Unser neuer Vornan.

Nachdem wir in der gestrigen Nummer des Gießener Anzeigers den RomanWarum verkennst du mich, Barbara?" von Liane Sanden zum Abschluß gebracht haben, beginnen wir heute mit der Veröffentlichung eines neuen großen Roman­werkes und erteilen damit wiederum einer unserer beliebte st en Autorinnen das Wort, die sich in den letzten Jahren beim gesamten deutschen Lesepublikum einen ausgezeichneten Namen zu schaffen verstanden hat. Unser neuer Roman heißt:

Wir sanden zueinander" von Klothilde von Stegmann.

ein Werk, das sich ohne Zweifel den früher bet uns erschienenen Romanen der Frau von Steg­mann wir nennen etwaDeiner Hände Werk", Weißt du, was Liebe ist?",Was mein einst war" undB 518. Yvonnes Geheimnis" würdig an die Seite stellt. In dieser mit Zartheit und außerordentlicher Spannung zugleich geschilderten Liebes- und Schicksalsgeschichte beweist die geschätzte Autorin wiederum, wie überaus fesselnd und lebens­warm sie zu erzählen und wie sie vor allem den Geschmack und die brennende Anteilnahme der weiblichen Leserschaft unwiderstehlich zu gewinnen versteht. Hier haben wir also einen Roman nach dem Herzen der Leser, einen Zeitungsroman aus einem Guß, wie er sein soll. Wir freuen uns, mit ihm allen unseren Leserinnen und Lesern in Stadt und Land eine wirklich genußreiche, von Tag zu Tag mit größter Spannung erwartete Lektüre bieten zu können.

Wieder hitzefrei in den hessischen Schulen.

Durch eine Verfügung der Schulbehörde in Hes­sen wird in teilweiser Abänderung der bestehenden Bestimmungen angeordnet, daß der nach 12 Uhr beginnende Unterricht ausfällt, wenn das Ther­mometer um 10.30 Uhr im Schatten mindestens 25 Grad zeigt.

Ausgrabungen nur mit Einwilligung des Oenkmalpflegers.

Jrn Interesse einer einheitlichen gewissenhaften Forschung unter Anwendung der durch Erfahrungen entwickelten Arbeitsmethoden dürfen, wie aus Darmstadt gemeldet wird, ohne Einwilligung und Mitarbeit des Denkmalpflegers für die Bodenalter­tümer Grabungen zvr Erforschung der Werke der Menschen aus früheren Kulturepochen nicht vor­genommen werden.

Wir sanden zueinander.

Vornan von Klothilde v. Sfegmann

Urheberrechtschutz: Fünf-Türme-Verlag Halle (S.)

Nachdruck verboten.

1. Kapitel.

Jutta von Berafelde ging nervös im Wohnzim­mer auf Schloß Veltheim auf und ab. Hin und wieder blieb sie stehen. Ihr zartes, helles Gesicht nahm den Ausdruck gespannten Lauschens an. Wie ewig lange dauerte doch die Unterredung zwischen Dietrich und Justizrat Niemann, dem Testaments­vollstrecker Tante Albertas! Die Uhr vom Schloßturm schlug Viertelstunde um Viertelstunde aber immer noch hörte Jutta nichts wie ein gedämpftes Mürmeln aus dem entfernten Arbeits­zimmer Tante Albertas. Doch jetzt erhob sich eine Stimme.

Niemals!" klang es aus dem Arbeitszimmer drüben. Und noch einmal:Niemals!" Dazu ein Laut, wie wenn eine Faust auf Holz schmetterte

Juttas Gesicht verzerrte sich.

Was bedeutete Dietrichs hartesNiemals!"? Konnte es möglich fein, Laß Dietrich die entschei­dende Testamentsbestimmung ablehnte? Ach Unsinn Sie sah Gespenster! Dietrich würde zu ihr zuruck- kehren. Solch ein Narr, die Erbschaft wegen der einzigen daran geknüpften Bedingung auszuschla­gen, würde er niemals im Leben sein. Sie war überreizt. Kein Wunder, wenn man wochenlang Krankenpflegerin gespielt. Aber es hatte fein müssen. Nur so hatte sie Tante Alberta dazu be­kommen, ihr Testament zu ändern.

Sie mußte sich zur Ruhe zwingen. Dietrich mußte ja jeden Augenblick kommen, um sich mit ihr aus­zusprechen. Sie setzte sich in den tiefen Sessel dicht vor dem Kamin, in dem ein Helles Feuer brannte. Dann zog sie die Stehlampe dichter heran. Ein schneller Blick in den Spiegel gegenüber überzeugte sie, daß sie sich so sehr vorteilhaft machte. Gegen das dunkle Trauerkleid hob sich ihr blonder Kops mit der Lockenfülle wirkungsvoll ab. Die Nacht­wachen hatten das rosige Leuchten der Wangen ein wenig weggenommen unter den blauen strahlen­den Augen, die fo kindlich blicken konnten, lagen zarte Schatten. Ihr Gesicht erhielt dadurch einen wehen, schmerzlichen Ausdruck.

Jutta war sich dieser Wandlung durchaus bewußt. Sie hatte ja auch bei der Beerdigung der Tante gehört, wie die Freunde und Bekannten darüber sprachen.

Der Tod der Tante scheint ihr sehr zu Herzen au gehen!" hatte sie diesen und jenen raunen hören. Andere hatten gemeint, daß vielleicht Die Trennung von dem Verlobten Jutta von Berg- selde so verändert hätte. Und Jutta selbst war mit

dem Eindruck, den sie gemacht, zufrieden. Moch­ten die Leute glauben, sie trauere Tante Alberta so tief nach. Mochte auch Dietrich, wenn er sie nun wiedersehen würde, annehmen, daß sie seelisch tief litte. Das konnte nur .vorteilhaft sein. Sie ver­suchte, sich in ihr Buch zu vertiefen. Schließlich wurde sie durch die spannende Handlung des Ro­mans doch so gefesselt, daß ihr die Zeit verging und sie ihre Gedanken von dem Geschehen dort in dem Arbeitszimmer loszulösen imstande war.

Nein!" sagte- eben Dietrich von Veltheim noch einmal. Es kam gedämpfter als vorhin, wo dies empörteNein!" bis hinüber zu Jutta gedrungen war. Aber trotzdem er leise sprach, war im Ton seiner Stimme eine unerbittliche Kälte. Seine blauen Augen funkelten zornig den alten Justizrat an. Der zuckte mit den Achseln:

Davon, daß Sie immerfort mir Ihr Nein ins Gesicht schleudern, wird es auch nicht besser, lieber Graf. Ihre Tante hat nun eben so und nicht an­ders testiert."

Dietrich von Veltheim beugte sich über den Schreibtisch.

Gebieterisch schaute er den älten Herrn an:

Und wo waren Sie, Herr Justizrat? Sie sind doch der Ratgeber meiner Tante gewesen. Konn­ten Sie die alte Dame nicht von dem himmel­schreienden Unsinn abbringen? Warum haben Sie Ihren Einfluß nicht geltend gemacht?"

Justizrat Niemann lächelte halb wehmütig, halb humoristisch:

Vielen Dank für Ihre gute Meinung, Graf. Aber wenn Sie mir einen Einfluß auf Ihre hoch­selige Frau Tante zutrauen, dann sind Sie falsch berichtet. Frau Alberta von Veltheim pflegte zeit ihres Lebens nur nach ihrem eigenen Kopf zu handeln."

Warum haben Sie dann die Aufnahme -des Testaments nicht angefochten?"

Der alte Juftizrat fah Veltheim ganz erschrocken an:

Warum um Himmels willen sollte ich das ge­tan haben, Herr Graf? Ich hatte nicht das ge- ringfte Recht dazu. Die Erblasserin war in vollem Besitz ihrer geistigen Kräfte, als sie das Testament zu Protokoll gab."

Bestreite ich!" Schneidend kam es.Sonst hätte sie nicht die Bedingung meiner baldigen Verlobung und Verheiratung an den Antritt der Erbschaft'durch mich geknüpft. Tante Alberto wußte doch genau, daß ich mich eben entlobt hatte."

Nun, und Ihre Tante war wohl eben der Mei­nung, daß Sie sich möglichst schnell wieder ver­loben sollen. Daher die Bestimmung des Testa­ments, daß Gut und Herrschaft Veltheim erst nach Ihrer Verheiratung rechtskräftig an Sie übergehen sollen." , .

Und falls ich auf diese Bestimmung nicht em- gehe?"

Dann fallen Schloß und Herrschaft Veltheim an die Seitenlinie Rombert."

Dietrichs Gesicht flammte in Zorn und Empö­rung:

Wissen Sie auch, was das heißt? Dann wird der alte Veltheimifche Besitz parzelliert werden. Die Romberts haben keinen Funken mehr von der Blutverbundenheit ihres Stammgeschlechts mit dem überkommenen Boden. Für die ist der Boden nur ein Handelsobjekt. Ich sehe schon, wie der schöne, alte Besitz zerstückelt wird, der Wald abgeholzt, die Gemarkung Schöneiche nach Braunkohlen durch­forscht bis nichts mehr bleibt von der herrlichen Stille der Gottesnatur hier."

Diese Gefahr können Sie ja mit einem Schlage abwenden. Seien Sie doch kein solcher Eisenkopf, Graf! Ihre Tante wollte nur Ihr Bestes. Sie wollte Sie zu Ihrem Glück zwingen."

Dietrich lachte herb auf:

Was wußte Tante Alberta von meinem Glück oder Unglück?"

Nun, darüber Dürfte sie einigermaßen unter­richtet gewesen fein. Fräulein Jutta von Berg­felde war ja die letzten Monate bei Ihrer Frau Tante zu Besuch"

Was sagen Sie da? Fräulein von Bergfelde zu Besuch bei meiner Tante? Aber die Eltern Fräulein von Bergfeldes und Tante Alberta stan­den doch wie Hund und Katze miteinander."

Das hat sich rasch gewandelt. Ich habe auch immer angenommen, Fräulein Jutta wäre in die­sem Sinne von ihren Eltern beeinflußt. Aber da scheinen wir uns geirrt zu haben. Sie erfuhr durch Zufall von der Erkrankung Ihrer Tante und erschien plötzlich hier. Frau Alberta war ganz ge­rührt über die verwandtschaftliche Anteilnahme ihrer Nichte. Das Zusammenleben hier soll äußerst harmonisch gewesen sein. Ich selbst war ja total perplex, als ich Fräulein Jutta hier fand und fest­stellen mußte, daß Frau Alberta und sie ein Herz und eine Seele wären."

Dietrich ging stumm im Zimmer auf und ab. Diese Mitteilung über Jutta und Tante Alberta war ihm etwas vollständig Neues. Er begriff die ganze Geschichte nicht. Keiner von ihnen hatte jemals etwas für Tante Alberta übrig gehabt. Sie war eine herrische, eigenbrötlerische Frau, hatte nach Aussagen der Verwandten ihren Mann tüchtig unter dem Pantoffel gehabt und anerkannte kein anderes Gesetz als ihren eigenen Willen.

Deshalb war es auch zwischen ihr und Dietrich vor ein paar Jahren zum Bruch gekommen. Tante Alberta hatte sich an den Erziehungskosten für den jung Verwaisten beteiligt Dafür aber hatte sie geglaubt, ihm in all und jedes hinein­reden zu können. Deutlich stand die Szene vor zwei Jahren vor ihm. Er war gerade mit dem Studium fertig geworden und hatte den Doktor der Naturwissenschaften gemacht Mühsam genug

hatte er sich die Erlaubnis zu diesembrotlosen Studium", wie Tante Alberta es verächtlich ge­nannt, vom Familienrat erkämpft! Aber sein ganzes Herz hatte daran gehangen. Onkel Hu­bertus Heidkemper, der alte General, hatte schließ­lich den Ausschlag gegeben. Von ihm hatte es Dietrich am wenigsten erwartet. Der alte Herr kannte außer seiner Militärwissenschaft nichts auf der Welt Als Dietrich ihn ganz fassungslos an* fah, weil er im Familienrat ihm die Stange hielt, meinte der alte Herr mit feiner knarrenden Offi­ziersstimme:

Ja, ja! Brauchst mich gar nicht so erstaunt an­zusehen, mein Junge! Naturwissenschaft und Kriegshandwerk sind zwar etwas sehr Verschiede­nes. Ich für meine Person kann es nicht begrei­fen, daß es einen interessiert, wieviel Beine ein Käfer hat, und ob eine Pflanze Knollenwurzeln hat oder nicht. Aber jedes Tierchen hat fein Pläsierchen! -Gerade wer einem Beruf fo ganz ergeben ist, wie ich dem meinen, kann ka­pieren, wie man von einer Arbeit besessen sein kann. Wenn du glaubst, daß du bei deinen Käfern und Kaulquappen etwas Ordentliches wirst, bann in Gottes Namen! Können ja schließlich nicht alle Menschen Soldaten sein."

Onkel Hubertus war es auch gewesen, der Tante Alberta derb über den Mund gefahren war, als sie empört erklärte, sie dächte nicht daran, auch nur noch einen roten Heller für solche Sinnlosigkeiten auszugeben! Wer kein Geld zum Studium hätte, der müßte sehen, auf andere Weise zu verdienen. Ihr seliger Mann hätte vielleicht auch lieber stu­diert, als seinen Kohl zu bauen; aber er hätte sich eben nach den Verhältnissen gerichtet.

Da wurde Onkel Hubertus Heidkemper grob:

Vermutlich wäre deinem seligen Jochen wohler gewesen, er hätte nicht seinen Kohl gebaut und sich von dir nicht kujonieren lassen, meine Beste. Es gibt noch Männer, die ihren Willen haben und ihr Leben auf ein bestimmtes Ziel richten. Dietrich sieht mir ganz danach aus, als ob er zu den Men­schen gehörte und darum pfuschen wir ihm nicht in seinen Lebensplan hinein. Obzwar es mir gegen den Strich geht, daß heute ein junger Mensch mit gesunden Gliedern und gesundem Kopf ausgerech­net ins Ausland gehen muß. Erklär mir bloß, mein Junge was willst du denn dann mit deinen Kenntnissen machen? Denn egalweg durchs Mikroskop gucken und Schmetterlinge aufspießen damit kann es doch nicht genug fein."

Dietrich hatte mühsam ein Lächeln verbeißen müssen, lieber Schmetterlingssammlungen ging das Verständnis Onkel Hubertus' in bezug auf die Naturwissenschaft nicht hinaus. Und dann hatte er versucht, Onkel Hubertus und den anderen vom Familienrat feine Ziele zu erklären.

(Fortsetzung folgt!)