Nr. 160 Zweiter Blatt ________Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)_______________5reitag,12.Zuli 1035
Papptäfelchen—nicht von Pappe.
Vom paffagierschein zur Fahrkarte. - Wenn der Anschluß verpaßt ist. 400 Fahrkarten pro Stunde. — Beförderungsverträge am laufenden Band
Von Or. X Schnitter.
Wenn ein sonniges Wochenende aus Werkstatt und Büro ins Freie lockt, oder wenn es gar erster Ferientag ist, dann stehen die Menschen Schlange an den Schaltern der Bahnhöfe. Keiner hat Zeit. Eben erst war Geschäftsschluß; man muß die Minuten bis zur Abfahrt des Zuges genau ein- teilen, um es überhaupt zu schaffen. „Eine Sonntagsrückfahrkarte nach Kirchmöser!" „Gibt es schon die Ferienermäßigung?" „Bitte zwei „Erwachsene" und vier „Kinder" nach Misdroy!" So schwirrt es den Scyalterbeamten um den Kopf. Aber ruhig und rasch werden die kleinen farbigen Karten ausgegeben, aus denen Zuaark und Klasse, Abfahrtsort und Reiseziel mit Entfernung in Kilometern und Fahrpreis vermerkt ist. Das Fahrgeld ist nicht „ab- gezahlt bereitgehalten?" — 5, 7, 9, 10 Mark! „Der Nächste bitte!"
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In den Jugendtagen der Eisenbahn, an die wir uns gerade in diesem Jahre besonders gern erinnern, da vor hundert Jahren die erste deutsche Eisenbahn von Nürnberg nach Fürth eröffnet wurde, ging das alles nicht so einfach. Wenn heute die Bahnverwaltung streng genommen berechtigt ist, die Ausgabe von Karten für einen bestimmten Zug fünf Minuten vor seiner Abfahrt zu schließen, so mußte man sich in den ersten Jahrzehnten der Bahn Berlin—Potsdam und vieler anderer Strecken seine Fahrscheine sogar schon am Tage zuvor bestellen, damit sich das Ausfüllen, das Verbuchen des Fahrgeldes uff. sorgfältig und mit der nötigen Ruhe vollziehen konnte. Aehn- lich wie man's von der Postkutsche gewöhnt war, wurde ein ziemlich umständliches Schreiben auf- aesetzt, in welchem handschriftlich Abfahrt- und Zielstation, Wagenklasse und Fahrpreis, ja nicht selten der Name des Reisenden eingetragen wurde. Vielfach waren außerdem, vorgedruckt, die Beförderungsbedingungen in diesem „Frachtbrief" verzeichnet. Man war sich eben auf der Seite der Privatgesellschaften, welche die Bahn betrieb, wie auf her der Reisenden weit stärker als heute bewußt, daß hier ein wichtiger Vertrag abgeschlossen wurde, dessen einzelne Bedingungen möglichst klar festgelegt sein mußten. Heute sind die Bahnen Staatsoahnen und haben als solche ein Beförderungsmonopol; sie sind deshalb auch verpflichtet, jeden zu befördern, der eine Fahrkarte kauft, sofern er nicht eine ansteckende Krankheit hat, geistig umnachtet oder so schwer betrunken ist, daß eine Belästigung oder Gefährdung der Mitreisenden befürchtet werden muß.
Der Charakter des Fahrkartenverkaufs als eines freien Vertrages kommt daher nicht mehr so zum Ausdruck. Dabei verpflichtet sich die Bahn mit Entgegennahme des Fahrgeldes, den Karteninhaber an das auf der Karte vermerkte Reiseziel zu bringen, soweit nicht höhere Gewalt, z. B. Naturkatastrophen dies verhindern; in diesem Fall ist aber die Bahn gehalten, den Fahrpreis für den nicht zurückgelegten Teil der Strecke zurückzu« zahlen. Und während die Bahn keine Gewähr für Anschlüsse gibt, da eine Zugverspätung immer im Bereich der Möglichkeit liegt, muß sie doch einen Reisenden kostenlos zurückbefördern, wenn dieser bei Derpassung eines Anschlusses durch Schuld der Bahn die ganze Reise für zwecklos hält und ohne Fahrtunterbrechung mit dem nächsten günstigen Zug zur Ausgangsstation zurückkehrt. Schadenersatz dagegen, z.B. für entgangenen Gewinn, den ein Kaufmann durch Zugverspätung oder aus Ausfallen eines Zuges einbüßt, braucht sie nicht zu leisten. Diese und viele andre Bedingungen, die sich aus den Beförderungsbestimmungen bzw. aus der Rechtsprechung ergeben, sind alle in dem kleinen Handelsakt einbegriffen, wenn
der Herr Schmidt an den Schalter geht: „Bitte eine Karte Dritter nach Breslau!" Und er selbst verpflichtet sich zugleich, die Verkehrsvorschriften der Bahn genau zu halten, — auch wenn er sie leichtsinnigerweise am Bahnhofsaushang nicht durchgelesen hat, — und „den Weisungen des Fahr- Personals Folge zu leisten". Freilich auf den Fahrkarten steht davon heute nur selten etwas. Seit Edmonson in den sechziger Jahren an Stelle der weitläufigen und zeitraubenden Fahrscheine die „Papptäfelchen" mit ihrem knappen Wort- und Zahlenaufdruck einführte, betrachtet sie der Fahrgast meist nur noch als Ausweis für seine Fahrberechtigung, höchstens als eine Art Gutschein.
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Edmonsons Erfindung der Fahrkarte ermöglichte es zunächst, selbst bei der wechselnden Zahl der möglichen Zielstationen eine so große Menge fertiger Fahrtanweisungen vorrätig zu halten, daß die verschiedensten Wünsche auch bei starkem Andrang rasch befriedigt werden konnten. Aus dem Fahrkartenschrank mit unzähligen Stapelfächern zog der Schalterbeamte einfach das Gewünschte heraus. Für sehr kompliziert zusammengesetzte Strecken behalf man sich freilich noch lange mit den ausgeschriebenen Scheinen und für Rundreisen u. ä. kauft man beim Reisebüro auch jetzt noch meist ein „F a h r s ch e i n h e s t". Dem laufenden Betrieb ist aber bekanntlich der Kartenschrank schon lange nicht mehr gewachsen. Wenn an „Großkampftagen" alle Schalter geöffnet sein müssen, um in der Stunde je bis zu 4 0 0 Fahrkarten — neben Auskunftserteilung und sorgfältiger Geldabrechnung — auszugeben, kann der Beamte nicht lange im Kartenschrank Herumsuchen. Beim sogenannten „Stoßverkehr" oder auf der Berliner Stadt- und Ringbahn werden oft sogar an 600 pro Stunde bewältigt; in einem Jahr wurden hier allein 230 Millionen Fahrkarten verbraucht. Da Hilst nur der Fahrkartendrucker!
Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß die ältesten Arzeneistoffe die Pflanzen gewesen sind. Der kranke Naturmensch suchte nach Heilmitteln und fand diese ob durch Zufall oder den Naturtrieb der Tiere nachahmend bei gewissen Kräutern. Mit der zunehmenden Zahl der Krankheiten wuchs in weit stärkerem Maße der Glaube an die Kräuterheilkraft, so daß es bald dahin kam, daß fast jede auffällige Pflanze als heilkräftig angesehen wurde. In dicken „Kräuterbüchern" aus dem 16. und 17. Jahrhundert finden wir diese Pflanzen und ihre Verwendung als Heilmittel eingehend beschrieben. Diese Kräuterheilkunde erreichte ihren Höhepunkt nach der Entdeckung Amerikas, wodurch zahlreiche neue Heilpflanzen eingeführt wurden. Wenn man auch heute weiß, daß der Aberglaube fast tausend von ihnen wunderbare Kräfte andichtet, so steht doch fest, daß gewisse Kräutersäfte bei manchen Krankheiten einen sichtbaren Erfolg herbeiführen.
Ein Teil der heilsamen Stoffe, die man früher nur aus Pflanzen gewann, werden heule auf chemischem Dege erzeugt. Immerhin werden im „Arzneibuch für das Deutsche Reich" noch etwa hundert Kräuter als gebräuchlich aufgezählt. Dazu gehören auch die meisten einheimischen Giftpflanzen, die nur in der Hand des Arztes wichtige Heilmittel sind.
i Hier sollen uns vornehmlich die Arzneipflanzen ! beschäftigen, die noch überall als Hausmittel Verwendung finden. Es gibt wohl keine ländliche
Wer neugierig durch das Schalterfenster blickt, während der Beamte die gewünschte Fahrkarte holt, sieht einen langen, schmalen Tisch, auf dem sich eine sechseckige „Trommel" dreht, auf der bis zu 2 5 0 0 Zielstationen verzeichnet sind. Der Beamte rückt einen Zeiger auf den gewünschten Ort, drückt auf einen Knopf und eine frisch bedruckte Fahrkarte fällt aus dem Apparat, die alle notwendigen Angaben enthält. Es ist freilich ein recht komplizierter Mechanismus, der das leistet, eine vollständige kleine Druckerei. In dem Tisch verborgen ruhen 2500 Druckstöcke. Schiebt der Beamte nun den Zeiger und dreht die Trommel mit den Bahnhofsnamen, so wird das betreffende Metallplättchen durch Zahnräder hinaufbefördert in den „Druckschlitten", dem von einer anderen Seite automatisch ein Pappband zugeführt wird. Während die Karte gedruckt und abgeschnitten wird, druckt ein anderer Teil der Druckplatte noch genaue Angaben auf einen zweiten Streifen, der als Kontrolle für den Beamten dient und zugleich eine wichtige Unterlage für Verrechnung mit fremden Bahnverwaltungen ist, für deren Beförderungsmittel der Reisende schon auf der Heimatstation das Nutzungsrecht erwirbt. Außerdem werden automatisch die Preise addiert, um die zeitraubende Arbeit des Nachrechnens zu ersparen. Mit dem Auswerfen der Karte wird dann auch die Druckplatte wieder an ihren Platz zurückbefördert. Neben diesen Fahrkartendruckern gibt es noch Kleindrucker, wie sie jeder auf Stadt- und Untergrundbahnen sehen kann. Hier ist nur eine Druckwalze nötig; denn das Verkehrssystem ist so vereinfacht, daß man mit zwei oder höchstens drei Kartentypen für das ganze Verkehrsnetz auskammt. Immerhin sind auch sie noch komplizierte Apparate, da nicht -selten z. B. die Abfahrt-Stunden automatisch wechselnd verzeichnet werden müssen. — Eine Kurbeldrehung, ein Hebeldruck — Fahrkarte um Fahrkarte wandert über den Schaltertisch, um für Minuten oder für wenige Stunden die Rolle eines wichtigen Wert- papieres zu spielen. Sind sie nach Beendigung der Fahrt an der Sperre abgegeben und nochmals gebucht worden, dann haben diese kleine Karten ihren Wert verloren, die doch Beförderungsverträge waren, „öffentliche Urkunden" im Sinne des Gesetzes — freilich heute Urkunden am laufenden Band.
Hausfrau, die nicht alljährlich „Tee" sammelt, sowohl für die Lieben der Familie, als auch für die Haustiere. Leider muß festgestellt werden, daß die Jungen dieser Fürsorge des öfteren achselzuckend gegenüberstehen und oft noch ein Stück Aberglauben darin erblicken. Viel zu wenig ist auch bekannt, daß unfern Heilkräutern eine vorbeugende Heilkraft innewohnt. Dabei sei an die von Kneipp empfohlene Frühlingskräuterkur erinnert, die darin besteht, daß man dem Körper den Saft gewisser Frühlingskräuter zuführt. Mir sind heute noch ländliche Haushaltungen bekannt, die jahrein, jahraus selbstgesammelten Tee trinken und dabei über mangelnde Gesundheit nicht zu klagen haben.
Zu den bekanntesten Heilpflanzen zählt die echte Kamille.
Tee, aus den getrockneten Blütenköpfen hergestellt, wirkt schweißtreibend und beruhigend und findet bei Erkältungen, Leibschmerzen und Blutandrang nach dem Kopfe vielfach Verwendung. Vielfach wird der Fehler begangen, den Tee äu kochen anstatt nur zu überbrühen. Erwärmte Blüten in Kissen — landläufig Kamillesäckchen genannt — auf Geschwüre und Entzündungen aufgelegt, wirken zerteilend und erweichend. Sie leisten auch vorzügliche Dienste gegen Zahnschmerzen.
Die
Linde
liefert in der gelblichen Doldentraube den köstlichsten und gewürzhaft schmeckendsten Tee. Er hat schweißtreibende, krampfstillende Wirkung und man
Jetzt einheimische Heil- und Teekräuter sammeln!
Unsterblichkeit auf Packpapier
Von Erich Grisar
Von allen Künsten ist keine so wenig vorn Material abhängig wie die Dichtkunst. Der Bildhauer braucht, um seine Ideen Wirklichkeit werden zu lassen, nicht nur Stein und Ton, er braucht auch besondere Werkzeuge, um fein Material zu bearbeiten. Der Maler braucht Leinwand und Farbe, der Tonkünstler braucht zumindest ein Instrument, um seine Kompositionen durchzuspielen und der Architekt, der auf die Nachwelt kommen will, muß die Möglichkeit haben, eine halbe Stadt oder doch eine Anzahl ihrer größten Gebäude neu zu errichten. Der Dichter braucht nichts von alledem. Ein Stück Papier und ein Bleistift genügen ihm, um unvergängliche Werte zu schaffen. Nicht einmal auf die Qualität seines Schreibgerätes kommt es an. So soll Goethe das unvergleichlich schöne Gedicht „lieber allen Gipfeln ist Ruh'" mit dem Diamant seines Fingerringes in die Fensterscheibe des Jagdhauses auf dem Kickeihahn eingekratzt haben.
Mag diese Art, ein Gedicht niederzuschreiben, bei Goethe eine Ausnahme gewesen sein, es gibt genug Beispiele dafür, daß andere Dichter dem Material, das sie für die Niederschrift ihrer Werke benutzten, wenig Wert beigemessen haben. So hat Peter Hille viele seiner Gedichte und Aphorismen auf den Rand alter Zeitungen geschrieben. Und selbst, wenn er richtiges Schreibpapier nahm, schrieb er so oft kreuz und quer über dasselbe Blatt, daß es schwer ist, sich in seinen hinterlassenen Handschriften zurechtzufinden.
Wilhelm Raabe hat seinen berühmten Roman „Die Chronik der Sperlingsgasse" auf dem gelben Papier, mit dem die Zigarrenkisten ausgelegt werden, begonnen. In neuerer Zeit hat ein Pariser Schriftsteller, der einen Roman über die Obdachlosen unter den Seinekais schrieb, ganze Teile dieses Romans an Ort und Stelle auf feine Manschetten geschrieben, ein Beweis, wie wenig der Schriftsteller von dem Material, das ihm aur Niederschrift lei ne r Gedanken zur Verfügung steht, abhängig ist.
Allein der Geist des Dichters, sein Sprachgefühl ist es, das aus einem unbeachteten Stück Papier ein Manuskript von hohem Werte macht. Aber das hindert die Menschen nicht, in den Manuskripten des Dichters sehr oft nichts als wertloses Papier zu sehen, das sich im besten Falle zum Einwickeln von Käse benutzen läßt. Das ift fein Scherz, obwohl
er von den Witzblättern oft gemacht wird; denn es ist oft genug passiert, daß wertvolle Manuskripte verkannt und als Packpapier benutzt worden sind.
So ist es mit den Handschriften und Briefen Balzacs geschehen. Als die stark verschuldete Witwe des berühmten Romandichters starb, stürmten die Gläubiger das Haus der Verstorbenen, um sich alles, was ihnen wertvoll erschien, anzueignen. Die voroefundenen Handschriften und Briefe jedoch warfen sie durchs Fenster auf die Straße, van wo benachbarte Krämer sie auflasen und später als Einwickelpapier benutzten. Ein bekannter Autographensammler fand Reste dieses Nachlasses später in der ganzen Nachbarschaft verstreut.
Es ist jedoch auch schon einmal geschehen, daß ein Manuskript gerade dadurch der Nachwelt erhalten wurde, weil es zum Einwickeln benutzt wurde. So ist es dem Dichter Eichendorff passiert, der untröstlich war, als ihm der Wind eines Tages ein Stück Papier, auf das er soeben das später unsterblich gewordene Gedicht „In einem kühlen Grunde" niedergeschrieben hatte, durch das Fenster entführte. Das Gedicht war für das Blatt feines Freundes Justinus Kerner bestimmt. Und eben zu diesem Freunde kommt am nächsten Tage ein Händler, der ihm ein Bündel Tabak verkaufte, das mit einem Blatt Papier umwickelt war, das sich beim Oeffnen des Paketes als die verlorene Niederschrift des Gedichtes „In einem kühlen Grunde" herausftellte, das auf diese Weise gerettet worden ist.
Eine Geschichte, die Victor Hugo passiert ist, mag diesen Kranz von Geschichten um berühmte Manuskripte beschließen. Victor Hugo ließ sich eines Tages wie gewöhnlich rasieren. Der Friseur wollte den Dichter soeben einseifen, als Hugo sagte: Einen Augenblick. Er nahm einen Bleistift aus der Tasche und ergriff einen Bogen, der vor ihm auf dem Tische lag. Auf diesen Bogen schrieb er mit flüchtiger Hand ein paar Verse, die ihm soeben eingefallen waren. Der Friseur wurde ungeduldig und mahnte schließlich: Entschuldigen Sie, ich habe es heute sehr eilig. Ich auch, erwiderte Hugo und oer- schwand, ohne sich rasieren zu lassen.
Als der Dichter fort war, vermißte der Friseur das Verzeichnis der Damen, die er an diesem Tage in der Wohnung frisieren sollte. Hugo hatte es mitgenommen. Da dem Friseur von den dreißig Namen, die auf diesem Blatte standen, nur etwa fünfzehn wieder einfielen, verlor er durch diesen Vorfall, der die Weltliteratur um ein Gedicht bereicherte, die Hälfte seiner Kunden.
i „Liebe dumme Mama "
lieber dieses Lustspiel der Bavaria wären an sich nicht mehr Worte zu verlieren als über zahlreiche andere sommerliche Lustspiele. Das Motiv ist nicht neu und wird auch kaum auf originellere Weise serviert, als man das früher in ähnlichen Fällen getan hat. Bemerkenswert ift dagegen die überdurchschnittlich gute Besetzung der beiden weiblichen Hauptrollen. Die Mama, lieb und dumm und heiratslustig und eigentlich schon ein bißchen zu alt für bas unbekümmerte Witwenleben, das sie führt — das ist die Konstantin. Wir hatten neulich schon Gelegenheit, es festzustellen und möchten es heute wiederholen: sie ist die scharmanteste Salondame, die wir eben in Deutschland haben, und wenn sie, wie hier, ins mütterliche Fach hinüberwechselt, dann geschieht das auf eine überaus liebenswürdige Weise. Die entscheidende Szene der Aussprache zwischen Mutter und Tochter ist ein schauspielerisches Kabinettstück und der Gewinn dieses Films. Die Tochter ist Luise Ullrich. Sie ist in der jungen Generation der deutschen Schauspielerinnen zweifellos eine der allerbegabteften, und ihre große Leistung in der „Regine" ist uns noch unvergeßlich. Zwar kann sie sich hier nicht so entfalten wie damals, aber ihre natürliche Anmut, ihre jugendliche Frische und ihr gesunder Sinn für Humor geben dieser Lustspielfigur eine menschliche Folie, für die man dankbar fein muß. Außerdem zeigt der Film zwei unserer besten Bonvivants: Waldau von der alten Garde und Thimig von den Jüngeren; und zwei der populärsten Komiker: Lingen und abermals Thimig. Von den übrigen Henckels und Wernicke, die aber beide fast nichts zu spielen haben. — Der Film läuft feit gestern im Lichtspielhaus; im Beiprogramm: ein Schwank, ein Kulturfilm, die Wochenschau und ein Vorspann zu „Freut Euch des Lebens." —r—
Alles für den Fußball.
Bei jedem Fußballspiel in Wimbledon in England war der kleine Thomas Bedford unter den sachverständigen Zuschauern. Dazu brauchte er keine Eintrittskarte; er kannte die Umzäunung des Spielplatzes ganz genau und fand immer ein Schlupfloch, durch das er sich hineinschmuggeln konnte. Als er größer wurde, gab es dabei allerdings Schwierigkeiten, aber Thomas wußte sich zu helfen. Er übernahm das Amt eines Schokoladenverkäufers auf dem Spielplatz und konnte nunmehr sogar vor den Reihen der bestzahlenden Zuschauer auf und ab
erzielt bei Schnupfen, Husten und Verschleimung der Lungen mit ihm immer eine sichtbare Erleichterung. Durch Zusatz von Schafgarbe oder Kamille wird die Heilkraft verstärkt, und Versüßen mit echtem deutschem Bienenhonig erhöht die schleimlösende Wirkung. Sowohl die kleinblättrige Winter- wie auch die großblättrige Sommerlinde waren unseren heidnischen Vorfahren heilig.
Ein allgemein bekannter, aber noch mehr verkannter Strauch ist der
Holunder.
Ueberall ist er im Wege, und Junge und Alte schneiden und zerschneiden ihn. Wohl nirgends hat er Anspruch auf Pflege und Wartung. Dabei ist dieser Allerweltsstrauch Wildstrauch und Heilpflanze zugleich. Kenner sammeln seine duftigen Blüten und bereiten daraus einen Tee (ein Teelöffel auf eine Tasse), der blutreinigend, schweißtreibend und gelinde abführend wirkt. Aus den dunkelschwarz glänzenden Beeren, die uns im Herbst alljährlich in reichem Segen aus dem saftiggrünen Laub entgegenleuchten, läßt sich Saft, Gelee und Mus bereiten. Auch dient der dunkle Saft zum Färben des wafferhellen Birnweins.
Nicht genügend gewürdigt wird die
Schafgarbe.
Wohl sammelt sie der Bauersmann zum Heiltrank fürs Rindvieh. Gute Dienste aber leistet sie auch im Haushalt. Ein Tee aus Kraut und Blüten, mit Johanniskraut gemischt, löst den verstocktesten Schnupfen und erzielt bei Grippe immer Besserung. Daß sie so wenig als Arzneipflanze eingeführt ist, mag daran liegen, daß der Tee herb und bitter schmeckt. Reichlicher Zusatz von echtem deutschen Bienenhonig erhöht nicht nur die Heilkraft, sondern macht den Tee auch mundgerechter.
Der Baldrian
wächst überall an Gräben, Ufern, in Gebüsch und blüht von Mai bis August in rötlichen Trugdolden. Die Wurzel wird nach der Blüte gesammelt. Aus ihr bereitet man in getrocknetem Zustande einen krampf- und schmerzstillenden Tee. Badriantropfen, vier bis fünf jedesmal auf Zucker genommen, find bei nervöser Magenverstimmung und Magenkrampf von guter Wirkung.
Wir haben bis jetzt eine Auswahl der wichtigsten Heilpflanzen getroffen. Es sollen nun solche folgen, die sich der Gartenfreund selbst anbauen kann, und die in vielen Gärten bereits als Gewürzkräuter anzutreffen sind. Jedermann bekannt ist die
Anispflanze,
aus deren Blüten heute noch stillenden Müttern Tee bereitet wird zur Förderung vermehrter Milchabsonderung.
Der Garlensalbei,
ein Lippenblütler, hat in seinen Blättern und jungen Trieben Säfte, die heilend bei Durchfall wirken, und in Wein gekocht heilsam bei Leber- und Nierenleiden sind. Weiterhin sind noch Majoran, Thymian, Rosmarin und Ringelblume zu nennen, die alle als Hausmittel Verwendung finden. Wer Gartenpflanzen zu heilkräftigem Tee verwenden will, dünge möglichst wenig mit Pfuhl, aber reichlich mit Kalk und Phosphorsäure.
Nun noch ein Wort über das Sammeln und Trocknen. Gewiß kann man alle Teekräuter käuflich haben, aber es empfiehlt sich, diese selbst zu sammeln. Man hat dann die Gewißheit, frische Ware zu haben und kann immerhin auch ein schönes Stück Geld sparen. Man wähle nur gesunde Pflanzen aus und schneide sie ab, um den Wurzelstock zu schonen.
Das Trocknen der Pflanzen soll sachgemäß erfolgen, damit die Güte der Kräuter keinen Schaden erleidet. Niemals setze man sie den Sonnenstrahlen dabei unmittelbar aus, weil sonst die heilkräftigen Stoffe zum Teil flüchtig gehen. Man breite die Heilpflanzen an einem schattigen, der Zugluft zu- gängigen Orte aus und wende sie mehrmals. Je langsamer sie trocknen, um so gewürzreicher bleiben sie.
Die Aufbewahrung erfolgt am besten in gut schließenden Schachteln ober Blechbüchsen.
B. W.
gehen, wobei er seine Aufmerksamkeit mit größtem Geschick zwischen den kauflustigen Kunden und den Spielern auf dem Feld teilte. Er kannte jede Fuß- ballgröhe, ihre Fähigkeiten und Eigenarten und begleitete jeden feiner Lieblinge auf dem Spielfeld mit besorgten Blicken. Wenn die Mannschaft Spiele auf einem anderen Feld austrug, mußte Thomas allerdings wieder zu den Liften und Tücken feiner Knabenjahre zurückkehren, aber er scheute keine Mühe und rühmte^sich stolz, bei jedem Spiel der Mannschaft im Verlauf der letzten fünf Jahre — er war inzwischen siebzehn geworden — zugegen gewesen zu fein. Durfte diese lebendige Chronik der Wimbledon-Mannschaft beim Schlußkampf um einen Ehrenpokal fehlen, der in Middlesbrough ausgetragen werden sollte? Thomas war sich sofort klar, daß er auch diesmal wachsamen Auges seine Spieler begleiten müsse. Mit der Schokoladenkiste ging dies allerdings nicht, und ehe er sich ein Schlupfloch im Zaun suchen konnte, mußte er erst den Weg nach Middlesbrough zurückgelegt haben, und das waren nach der Karte gute vierhundert Kilometer. Aber Thomas wußte sich zu helfen. Er schlich sich in die Garage eines Klubmitgliedes, von dem er wußte, daß es andern Tags zu dem Spiel fahren werde, und als die Autofahrt begann, log Thomas unter einer Gepäckdecke auf dem Doch versteckt. Aber die Nacht war regnerisch und kühl, und noch zweieinhalb Stunden mußte Thomas aufgeben. Er beugte sich vor und klopfte zaghaft an die Scheiben des Wagens, was die Insassen in nicht geringen Schrecken versetzte. Sie hielten an und erbarmten sich des armen Burschen. Im Wagen fuhr er nun schlafend dem großen Ereignis entgegen. Aber bei der Ankunft stellte er fest, daß der Spielplatz viel besser gegen Schwarzzuschauer gesichert war als der heimatliche und daß es nicht einmal einem winzigen Bübchen gelungen wäre, sich hier einzuschmuggeln. So mußte Thomas auf andere Mittel sinnen. Wenn er fo treu zu feiner Mannschaft hielt, konnte diese auch einmal etwas für ihn tun! Er ermittelte das Hotel feiner Landsleute, rief dort an und schilderte ihnen seine Lage. Die Wimbledoner waren hoch erfreut, den Schokol.aden- Verkäufer am Spielort zu wissen; sie kannten ihn olle und hotten schon manchesmal über ihn gelächelt. Sie begrüßten ihn, bewirteten ihn auf- beste, und dann erhielt er eine Freikarte auf der Ehrentribüne. So stolz war Thomas Bedford noch nie gewesen, und es war nicht verwunderlich, datz an diesem Tage „seine" Mannschaft einen glänzenden Sieg im Schlußspiel dovontrug. Bei der Rückfahrt, zu der ihn seine Heimatmannschaft einlud, durfte Thomas sogar die Siegestrophäe tragen.


