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185. Zahrgang

§rettag,12.ZLli 1955

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Eichener Anzeiger

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Kulturfrühling im Lande der Mitte.

Don Otto Corbach.

Bis zum Jahre 1931 bedeutete es für die über- wältiaende Mehrheit der Bevölkerung Chinas ein Verhängnis, daß sich die Außenhandelsziffern ununterbrochen in auf steigender Linie be­wegten, trotzdem im Innern Überschwemmungen, Dürren, Erdbeben, Zyklone, Sandstürme, Heu­schrecken- und andere Insektenplagen mit Räuber­banden, fremdenImperialisten" und gegenein­ander kämpfenden einheimischen Heerhaufen darin wetteiferten, Wohlstand zu zerstören. Seitdem gibt jedoch den führenden Kreisen Schanghais, des chinesischen London", das fast die Hälfte des Aus­fuhrhandels vermittelt, eine eigentümliche Wand­lung in den Bedingungen ihres Wohlergehens viel zu denkest. Nach wie vor strömt aus dem Innern flüchtendes Kapital herein. Mehr und mehr aber beginnen für den vermehrten Kapitalzustrom die geschäftlichen Möglichkeiten zu fehlen, die er befruchten könnte. Mit anderen Worten: der fremde Handel hört auf einmal auf, von dem Verfall alter Kultur zu leben; er muß, um nicht.immer mehr zusammenzuschrumpfen, anfangen, neue Kultur aufbauen zu helfen. Japan hatte das viel früher als seine abendländischen Konkurrenten begriffen; seine militärischen Erfolge allein hätten es nicht zuwegbringen können, daß sich sein Einfluß auch außerhalb Manschukuos in Nordchina unaufhalt­sam ausbreitete.

In gewiß nicht zufälliger Uebereinstimmung mit dem Gesinnungswandel Schanghaier Geschäftsleute kam seit etwa einem Jahre in Nanking und Nan- tschang, dem Sitze des Hauptquartiers Tschiang- Kaischeks, die Erkenntnis zum Durchbruch, daß nur die Entwicklung produktiver Kräfte, die Weckungneuen Lebens" und nicht bloße Unterdrückung die Ruhe und Ordnung in aufrührerischen Landesteilen für dauernd wieder­herzustellen vermag. Man senkte Steuern, hob wucherische Pachtverträge auf, brachte hartherzigen Gläubigern Geduld und Nachsicht bei, verteilte Saatgut, baute Straßen und gründete landwirt­schaftliche Genossenschaften. Man trieb mit einem Wort: modernenW iederaufba u".

Das alles wäre nicht möglich gewesen, wenn nicht die Schanghaier Banken dafür weitherzige Kredite zur Verfügung gestellt hätten. Das Strom­gebiet des Jangtse, dessen Ausfalltor ja Schanghei ist, verbindet fast die Hälfte der Bevölkerung ganz Chinas. Solange man aus deren Verelendung durch Anziehung der Wucherschraube nur Vorteil zog, wähnte man, es genüge, die Rüstungen Tschiang- Kaischeks zur Niederwerfung kommunistischer Auf­stände zu finanzieren. Jetzt entwickelte man Ver­ständnis dafür, daß die Siege überRote Arnieen" nur durch moralische Eroberungen dauernd frucht­bar gestaltet werden können. Nun erst machten die Anstrengungen zur Befriedung der innern Pro­vinzen rasche Fortschritte. Die rote Flut, die zeit­weise bereits die Küste erreicht hatte, ebbte un­aufhaltsam ab.

Tschiang-Kaischek, der die Zeichen der Zeit noch immer für sich richtig zu deuten wußte, verstand es auch, für die neue Reformbewegung eine ange­messene weltanschauliche Grundlage zu schaffen. Das ist der Sinn seiner Regeln für die Bewegung Neues Lebe n", die, sehr zum Unwillen der Japaner, seit etwa einem Jahre in allen Teilen Chinas in Massenversammlungen dem Volk als Heilslehre verkündet werden. Worum es sich vor allem handelt, ist die Wiedererweckung uralter konfutsianischer Lebensregeln in neuer Gestalt aus einer Erstarrung, in die sie die Überrumpelung durch massenhaft eingedrungene Kräfte fremder Kultur versinken ließ. . .

Vor fast zweieinhalb Jahrtausenden, in einer Zeit staatlicher Zersplitterung und sittlichen Verfalls, lebte Konfutse seinen Landsleuten das Ideal eines musterhaften Einheits-Chinesen vor. Er sah für sein mitten in eine überallhin offene Ebene innerhalb des größten Kontinents verschlagenes Volk kein Heil, als in strenger Unterordnung des einzelnen unter die Gemeinschaft der Familie und der Sippe. Erst sollte es sich zur zahlreichsten und rassisch wie kulturell einheitlichsten Bevölke- rungsmasse Asiens auswachsen, bevor sich im Durch­schnittsmenschen die Persönlichkeit vom Gattungs­zusammenhang mit Verwandten loslösen könnte. In der Tat erwiesen sich konsutsianische Satzungen, die tägliches Leben im Geiste alter Überlieferung bis ins kleinste regelten, als so nachhaltig wirksam, daß sich noch um die letzte Jahrhundertwende chine­sisches Leben seit Jahrtausenden kaum verändert hatte, nur daß die Zahl derer, dessen Schicksal da­durch bestimmt wurde, auf etwa 480 Millionen Köpfe angeschwollen war. Wie in grauer Vorzeit trieben Väter und Söhne im aHaemeinen mit gartenbaumäßiger Gründlichkeit Landwirtschaft, während Mütter, Töchter und Schwiegertöchter im gemeinsamen Haushalt einer Großfamilie nicht nur das Essen zu Hause bereiteten, sondern auch, vom Spinnen und Weben an, alle Kleidungsbedürfnisse befriedigten. Zur Ergänzung der Selbstgenügsam­keit innerhalb der Familien, wie sie in solcher Voll­ständigkeit beispiellos war, reichte meist die ge­legentliche Beanspruchung von Dorfmärkten aus, aber auch die wenigen Handwerker und Kaufleute, die dadurch Aerdienstmöglichkeiten fanden, blieben in der Regel von eigenem Ackerbau abhänmg. Un­glaublich klein war im Verhältnis zur Veoölke- rungsmasse die Zahl der Beamten, die die Be­ziehungen der sich fast gänzlich selbst verwaltenden Familien und Sippen zum Staatswesen regelten.

Jahrtausende hindurch wurden die Chinesen in ihrer sozialen Ordnung nur durch kriegerische No-

Das Unterhaus billigt die Außenpolitik des Kabinetts Valdwin. 3m englischen Unterhaus wurde nach ZRcöen Sir Samuel Hoares und Edens zu später Nachtstunde ein Antrag der Arbeiteropposition, der sich gegen die Außenpolitik der Regierung richtete, mit 236 gegen 40 Stimmen abgelehnt. Zahlreiche Abgeordnete hatten bereits vor der Abstimmung das Haus verlassen.

London, 11. Juli. (DNB.) Der englische Außenminister Sir Samuel Hoare eröffnete am Donnerstagnachmittag die große außenpoli­tische Aussprache im Unterhaus In der Diplomatenloge sah man die Botschafter Deutsch­lands, Frankreichs, Italiens, Sowjetrußlands. Auch der britische Botschafter in Berlin, Sir Eric Phipps, war anwesend.

Sir Samuel Hoare erklärte, der Krieg habe eine verarmte, aufgeregte und mißtrau­ische Welt zurückgelassen. Der Krieg habe auch die meisten Leute überzeugt, daß der Friede ein Ganzes ist, und diese Auffassung habe die Länder der Wett zur Schaffung des Völker­bundes veranlaßt. Viele Leute schienen ein tiefes Vergnügen an Aufregungen und Abenteuern zu finden. Er wolle das englische Volk und die anderen Länder auffordern, etwas mehr Gut­mütigkeit, gesunden Menschenver- stand und freundliche Toleranz in die Lebenshaltung und die außenpolitischen Erwägungen hereinzubringen. In diesem Geiste wolle er auch an die vorliegenden Schwierigkeiten herantreten.

Das Flottenabkommen.

Der Außenminister betonte, daß das Flotten- a b k o m m e n keineswegs selbstsüchtig sei. England hätte kein solches Abkommen Unterzeichnet, das nicht auch zum Vorteil der anderen See­mächte gewesen sei. Jedes Abkommen mit Deutsch­land hätte derart sein müssen, daß es die Aussichten- eines allgemeinen Flottenoertrages nicht ungünstig beeinflusse. Es habe überragende Grüstde gegeben, warum England im Interesse des Friedens die sich ihm bietende Gelegenheit hätte ergreifen müssen. Zu viele Gelegenheiten zur Herbeiführung einer Abrüstung seien in den letzten Jahren ent­gangen. Hier habe jedoch ein Fall vorgelegen', in dem die Marinesachverständigen auf Grund marinetechnischer Gründe der Ansicht waren, daß ein Abkommen geschlossen werden mußte. Hier habe sich eine vielleicht nie wiederkeh­rende Gelegenheit geboten, um eine der Hauptursachen für die Verschlechterung der Beziehungen zwischen den beiden Ländern vor dem Krieg zu beseitigen, nämlich einen R ü - stungswettbewerb zur See. Weiter habe das Abkommen zur Beseitigung des unbe­schränkten U-Bootkrieges geführt. Die englische Regierung brauche sich nicht zu entschuldi­gen, wenn sie einen praktischen Beitrag zum Frieden liefere. Wenn man die Dinge ohne Leidenschaft ansehe, werde man sagen, daß die britische Regierung den einzigen praktischen Weg beschritten habe, der für sie offen gewesen sei.

Der Lusipatt.

Die Regierung strebe nach wie vor einen Luftpakt an, der von einer Begrenzung der Luftrüstungen begleitet sein müsse. Die Schwierigkeit bestehe jedoch hier darin, die ver­schiedenen Ansichten auf einen Nenner zu bringen, wie man die Verhandlungen darüber führen solle. Die' fünf Locarnomächte wollten den Luftpakt nicht von anderen Bedingungen trennen. Es sei befürch­tet worden, daß England das tun rooüe. 2)emgegen= über betone er, daß der Friede eine Ein­heit sei.

Der Ost- und Donaupatt.

Das führe ihn direkt zur Frage des O ft p a k t e s. Wenn auch England keine weiteren Ver­pflichtungen übernehmen wolle, so schließe das nicht ein In t e r e s s e an der Regelung der Ost­fragen aus. Ein Krieg in Mittel- oder Osteuropa

könne zu einem allgemeine Konflikt führen. Das fei der Grund, warum die britische Regierung den Abschluß eines östlichen und Donaupaktes sobald wie möglich wünsche. Der deutsche Reichs­kanzler habe einen beftimmten Vorschlag zur Ostpakkfrage gemacht. Die Franzosen hätten die­sen Vorschlag als Verhandlungsgrundlage ange­nommen, auch der Donaupatt könne nach die­sem Muster behandelt werden. Es stehe jetzt i n b e r Macht b e 5 beutschen Kanzlers, einen wirklichen Beitrag zur Sache des Friedens zu leisten, und zwar leicht zu lei­

sten einen Beitrag, der bei manchen Regierun­gen nicht nur in Mittel- und Osteuropa, sondern auch in Westeuropa eine Ursache der Besorgnis be­seitigen würde. Hoare erklärte wörtlich:

Ich möchte mir erlauben, ihn dringend zu bitten, diesen Beitrag zu leisten. Ich glaube in der Tat, daß er feiner eigenen Sache dienen wird, wenn er ihn leistet. Sr selbst sprach sehr offen in feiner Rede vom 21.2Uai und ich weih, dah er es nicht unfreundlich aufnehmen wird, wenn ich ebenso offen spreche. Wir in England

Der Eindruck in Paris.

Sie französische presse ist mit der Erklärung Sir Samuel Hoares von der Unteilbarkeit des Friedens einverstanden.

P a r i s, 12. Juli. (DNB. Funkspruch.) In Paris begrüßt man die Rede des englischen Außenmini­sters und erwartet in naher Zukunft Verhand­lungen über den Luftpakt. Die Erklärung des Außenministers, das zukünftige Luftabkommen müsse von fünf Mächten abgeschlossen werde, legt man hier dahin aus, daß nunmehr die Möglichkeit eines zweiseitigen Abkommens und direkter Verhandlungen nicht mehr bestehe. Der nationalistischeMatin" schreibt, Sir Samuel habe formell anerkannt, daß der Friede ein un­teilbares Ganzes fei. Seine Aufforde­rung an Deutschland, den Donau- und den Ostpakt zu unterzeichnen, stimme völlig mit den Ansichten der französischen Regierung überein. Wenn Laval auch Anhänger einer Einigung mit Deutschland d?eibe, so hänge doch diese Einigung von einer allgemeinen Regelung aller schwebenden Fragen ab. Die zukünftigen Verhand­lungen über den Luftpakt müßten mit denen über den Ost- und Donaupakt Hand in Hand gehen. Man könne es nur begrüßen, daß die großen Richtlinien Frankreichs und Englands zusammen- f allen. Der offiziösePetit Pari sie n" be­tont vor allem, der Gesamteindruck der Rede sei von der Tatsache beherrscht, daß England wieder in die Linie der Londoner Erklärung vom 3. Februar und der Stresa-Konferenz zurückkehre. Dieser Um­stand sei ermutigend.

Der regierungsfreundlicheE x c e l s i o r" schreibt: Wenn die Rede Ausdruck eines dauerhaften Ak­tionswillens zugunsten einer kollektiven Organisie­rung des europäischen Friedens bedeute, scheint sie die Mißverstände zu zerstreuen, die seit dem Abschluß des deutsch-englischen Abkommens die guten Beziehungen zwischen London, Rom und Paris beschatteten. Sir Samuel forderte Deutsch­land auf, seinen Beitrag zum Frieden zu bringen. Diesen Wunsch teilt Laval vorbehaltlos und mit ihm das darin einmütige französische Volk. Für Frankreich hängt aber diese so notwendige Politik der deutsch-französischen Annäherung davon ab, daß Deutschland bereit ist, Verpflichtun­gen kollektiver Sicherheit zu übernehmen.

Die radikalsozialistischeR e p u b l i q u e" meint, Frankreichs öffentliche Meinung werde zwar nicht allen Vorschlägen des Außenministers zustimmen, aber die Bedeutung der Rede liege in der sehr deut­lichen Stellungnahme zu den großen internationa­len Verhandlungen. Frankreich müsse jetzt die ihm von England dargebotene Gelegenheit benutzen, um eine aufbauende Politik des Frie­dens und der Begrenzungen der Rü­stungen einzuleiten. Die linksradikaleE r e Nouoelle" bemerkt, England biete Frankreich schöne Worte, die mit den Taten der letzten Zeit nicht in Einklang gestanden hätten. Die nahe Zu­kunft werde beweisen, ob sich in der englischen Po­litik tatsächlich eine Aenderung vollzogen habe.

Zwiespältiges Echo in Italien.

Mailand, 12. Juli. '(DNB. Funkspruch.)Po- polo d'Jtalia" schreibt, Sir Samuel Hoare habe nicht viel gesagt, was nicht schon von anderen wiederholt ausgedrückt worden sei. N e u sei jedoch der Ton der ganzen Rede. Die Erwähnung der freundschaftlichen Tradition, die Eng­land mit Italien verbinde, werde in Italien ein gutes Echo auslösen, ebenso auch der Hinweis, daß England nicht daran denke, kollektive Sanktionen gegen Italien vorzuschlagen. Das Unterhaus habe aber vergeblich darauf ge­wartet, daß der britische Außenminister sich klar über die Absichten der Regierung ausspreche.

Stampa" meint, man könne wahrlich nicht finden, daß die Rede eine Klärung der Lage ge­bracht habe. Die Haltung Englands im italienisch­abessinischen Streit sei keineswegs klarge- stellt worden. Die Zeitung fährt fort:Die Rede klingt nach Eindämmung der Polemik und etwus, was wie Anerkennung des Rechtes Ita­liens auf Ausdehnung aussieht! Aber soll

dieses Recht hinter den Wolken bleiben, soll Italien vielleicht auf einem anderen Pla­neten Ausdehnung suchen? So bleibt nur die negative Bestätigung, daß man in London nicht an Zwangsmaßnahmen gedacht hat. Dies ist aber wirk­lich sehr wenig. Die englische Regierung wird das Ziel von gestern, das dahin ging, Abessinien unter seinem Schutz zu halten, mit weniger Drei­stigkeit und vorsichtigeren Methoden weiter verfol­gen. Der Negus hätte schwerlich bei den Arbeiten der Kommission zur Schlichtung des Zwischenfalls von Ual-Ual eine derartige Unverschämtheit gezeigt, wenn er nicht die Hoffnung ober gar die Gewiß­heit gehabt hätte, England für eine Wiederaufrol­lung dieser Frage im Völkerbund auf seiner Seite zu haben. Dies ist ein sehr gefährliches Spiel, zu dem sich Italien nicht hergibt. Die Freundschaft Italiens ist ein so kostbares Gut in Europa und in Afrika, daß keine Regierung, die guten Willens ist, diese leichten Herzens gegen die Zuneigung eines Haufens von Negerstämmen opfern wird."

mabenftämme, die aus den Steppen und Wüsten im Nordwesten und Norden vorbrachen, gestört. Von diesen wieder und wieder überrannt und unterworfen, konnte die größere Masse der Be­siegten in dem riesigen Lande doch äußerem Druck leicht ausweichen. Die Sieger wurden von den Be­siegten jedesmal verhältnismäßig rasch aufgezogen. Dashimmlische Reich" glich nach einem Sprich­wort demOzean, der alle Flüsse salzt".

Ganz allmählich aber hatte Rußland seine Stellungen durch Sibirien bis zum nördlichen Stillen Ozean vorgeschoben, während w e st e u r o - p ä i.s ch e Kolonialmächte auf dem Seewege an den asiatischen Gestaden des Indischen und des Stillen Ozean festen Fuß faßten. Aus einmal war es vorbei mit der glücklichen Abgeschlossenheit des Reiches der Mitte. Aus einer Linie verläßlichster Sicherheit hatte sich die chinesische Küste in eine solche leichtester Verletzlichkeit gewandelt. Die Ein­öden und Steppen Jnnerasiens, das Weltwunder der Großen Mauer und die Eiswüften Sibiriens verloren ihre alte Bedeutung als Schutzgürtel. Die Handelswege durch Mittelasien verödeten; um so leichter konnte die erzwungene Deffnung chinesischer Häfen Handel und Wandel aus herkömmlichen, binnenwirtschaftlich bestimmten Bahnen locken und fremder Seeherrschaft botmäßig machen. Mit den westlichen Kolonialmächten wetteiferten bald die Vereinigten Staaten und das moderni­sierte fernöstliche Jnselreich Japan darin, chine­sische Ordnung zu stören und aufzulösen.

Noch bedeutet das der Nankinger Regierung

unterworfene Gebiet erst die weitaus größte unter einer Anzahl Ordnungsinseln, die aus dem aufge­wühlten Meer chinesischer Menschheit heroorragen. Machtpolitisch allein läßt sich der Anspruch der führenden Männer derZentralregierung", den Kristallisationspunkt für die Entstehung eines neuen großen und mächtigen chinesischen Reiches geschaffen zu haben, gegenüber inneren und äußeren Wider­sachern nicht durchsetzen. Auch die Lehren Sun- Jatsens erwiesen sich als unzulänglich, eine ähn­liche sozialmoralische Kraft auszustrahlen, wie einst die Lehren Konfutses und feiner Nachfolger. Die alten Formeln aber verloren unter völlig ver­änderten äußeren Verhältnissen jede praktische Be­deutung.

Wie aber, wenn man kvnfustiünische Moralde- griffe gleichsam in die Sprache eines durch moderne Technik umgewandelten Alltaglebens Übersetzte? Wenn man den Motor überlieferter Familien­moral, entsprechend umgebaut, für das komplizierte Getriebe eines modernen Staatswesens nutzbar machte? Würde dann nicht dieselbe Selbstzucht, die das Chinesentum seit Jahrtausenden im Rah­men patriarchalischer Gesellschaftsformen bewährte, die Zuchtlosigkeit überwinden, die man überall um sich greifen sah, wo moderne Kultur die alten familiären Bande lockerte ober auf löste? Aus solcher Erwägung entstand im Kopfe Tschiang- Kaischeks die Idee einer Massenbewegung für ein neues", aber aus den Urgünben konfutsianischer Weisheit sich organisch herausentwickelnbes soziales Leben. Es war daher eine wohlüberlegte Maß­

nahme, als die Nankinger Regierung am 27. August vorigen Jahres den Geburtstag des Nationalheili­gen Konfutse zum erstenmal seit Jahrzehnten wie­der in ihrem Machtbereiche allgemein öffentlich feiern ließ.

Es sind die fünf Kardinaltugenden der konfutsia- nischen Lehre: Scham, Ehrgefühl, unbestechliche Lauterkeit, pflichtmäßiges Handeln und anständiges Benehmen, die nun, rote einst für das soziale Leben verwandtschaftlicher Gruppen, für die Organe eines modernen Staatswesens praktische Bedeutung ge­winnen sollen. Die in diesem Sinne aufgestellten Lebensregeln umfassen eine lange Liste von Ge- boten und Verboten. Man erzielt dadurch, über die moralischen Wirkungen eines streng geregelten All­tagslebens hinaus, eine besondere für die einhei­mische Textilindustrie wichtige Normalisie­rung allgemeiner Gebrauchsg egen - stände. Es darf sich niemand in fremde Stoffe kleiden und für die Machart der Kleidungsstücke für beide Geschlechter bestehen einheitliche Vorschriften. Frauen ist die Verwendung von Lippenstiften, das Färben der Fingernägel und anderer Modebrauch verboten. Auf offener Straße darf sich niemand in Pantoffeln oder im Badeanzug, noch mit brennen­der Zigarre oder Zigarette im Munde zeigen, lieber alles das wacht die Polizei. Übertretungen werden bestraft, am strengsten, wenn es sich um chinesische Beamte handelt, deren Neigung zur Bestechlichkeit durch besonders scharfe Vorschriften ausgerottet werden soll.