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Nr. '0 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesfen)

Samstag, 12. Zannar 1935

die französisch-italienischen Gesellschaften und Kul­turgemeinschaften (was man etwa von den deutsch-, italienischen und italienisch- deutschen in den kriti­schen Julitagen nicht behaupten konnte). Ja. es ist sicher nicht zu viel gesagt, wenn man neben der staatsmännischen Kunst Mussolinis der französischen Propaganda das Hauptoerdienst an dem Erfolg zuspricht.

Italien gibt nichts, es bekommt. Es kriegt immer, wie seit einem Menschenalter. Langsam, aber sicher rundet sich sein schon riesiger Kolonial­besitz. Es ist erst vierzehn Tage her, daß es in einer öffentlichen Versammlung in Florenz das Gebiet bis zum Tschadsee fordern konnte, und heute steht es, wenn nicht schon am Ufer und damit vor dem Atlantischen Ozean, so dach dicht davor. Haben wir kürzlich die Frage aufgeworfen, ob die römischen Adler den südwestlichen Weg zum Atlan­tischen oder den südöstlichen zum Indischen Ozean einschlagen werden, so sieht es nun aus, als könnte die Antwort in einer nicht zu fernen Zukunft lau­ten: Zu beiden Weltmeeren!

Jeder politische Kopf wird sich nun überlegen, was denn um Himmels willen Frankreich zu der­artigen Opfern veranlassen konnte und warum trotz ihrer heute ein Jubel in Paris herrscht, der erheb­lich größer ist als der in Rom. Dazu wäre zunächst einmal zu sagen, daß Rom nach seiner Meinung nur mit Verspätung erhält, was ihm schon im Londoner Vertrag 1915 für den Fall eines glücklichen Kriegsausganges zugesprochen wurde. In der Tat sieht man allmählich auch in Frankreich ein, daß Italien die Entscheidung im Kriege herbeiführte, und wenn ein franzö­sischer Minister den Weg nach Rom fand Und dort besubelt wurde, so ist es eben wegen dieses Eingeständnisses, während Marschall Fach, der darüber eine andere Ansicht hatte, seinerzeit schon in Oberitalien ausgepsiffen wurde. Die Be­geisterung in Frankreich geht gleichfalls auf den

Weltkrieg zurück: man hält die Entente cor- di a 1 e wieder für hergestellt. Rußland, England, Frankreich und Italien auf der einen Seite was kann da Deutschland auf der andern noch viel Sorge machen?

Hier berühren wir nun aber den Kernpunkt des europäischen Komplexes und müssen feststellen, daß es nicht gelungen ist, den gordischen Knoten zu lösen. Scheinbar dreht sich Europa um Oest er­reich , wie die Sonne um die Erde, in Wirklich­keit war der große Faktor, der keine Entscheidung zuließ, die abwesende Großmacht Deutschland. Ohne Deutschland) ist eine Klärung in Mitteleuropa nicht möglich, das ist der unausgesprochene Haupt­inhalt der römischen Protokolle. Und je mehr Deutschland den Eindruck gewinnen sollte, daß die Entente wieder auferstanden ist, um so schwie­riger müßten die vorgesehenen Verhandlungen sich gestalten Darüber ist man sich in Rom völlig klar. Es spricht für Mussolini, daß er aus seinen Bedenken ebensowenig ein Hehl machte wie aus seiner Ueberzeugung, daß die Revision der Frie­densverträge nicht etwa um der österreichischen Un­abhängigkeit willen geopfert werden dürfe, wenn jemals Ruhe im Donaubecken einkehren soll. Er sieht in der Aussöhnung mit Frankreich weniger ein Endziel, als eine notwendige Etappe zum allgemeinen europäischen Frieden. Er hofft, daß die Rückkehr der Saar zum Mutterland diesen müh­samen Friedensweg abkürzen werde. Er baut auf die von Hitler immer wieder betonte Möglichkeit einer deutsch-französischen Verständi- g u n g und sagt sich damit innerlich los von dem Einkreisungsgedanken, der einer einfachen Neuauf­lage der Entente zugrunde läge.

Sicher ist das eine, daß Mussolini ungeachtet seiner persönlichen Auffassung vom Kriege den all­gemeinen F r i e d en anstrebt. Und das ist schon sehr viel im Jahre 1935.

Rhön und Spessart werden erschlossen.

Oie wirtschaftliche und soziale Sanierung eines deutschen Volksstammes.

Das Ergebnis einer Unterredung mit dem Gauleiter von Unterfranken Or.HeNmuth, Würzburg.

Körner und Gallier.

Don unterem römischen E.-Korrespondenten.

. Rom, im Januar.

Wieder einmal haben sich Römer und Gallier versöhnt, bevor sie ernstlich entzweit waren. Ver- cingetorix- Laval ist glücklich aus Rom heimge- kehrt und Cäsar Mussolini Gallienus scheint aeneigt, den Schlußstrich unter das letzte Kapitel seinesBellum Gallicum" zu ziehen. Blut und Rasse haben sich wirksamer erwiesen als die politi­schen Gegensätze, die gemeinsame Kultur und Sprache erleichterten den so lange ersehnten Aus­gleich zwischen den lateinischen Schwestern. Daß die Gallier die ihnen auferlegte Romanisierung nicht nur ertragen, sondern sogar stolz auf s i e sind, das ist der tiefere Grund dafür, daß die Versöhnung so leicht möglich war- wie die Tat­sache, daß die Germanen niemals unter römische Herrschaft gerieten oder, wo sie sich doch beugen mußten, das fremde Joch wieder a b- schüttelten , der tiefere Grund für das Un­verständnis ist, das die Italiener bis zckm heutigen Tage von den Deutschen trennt. Der Durchschnitts­italiener, also derjenige, der nie über die Alpen hinausgekommen ist, stellt Mich, und mit Recht, Frankreich so ähnlich vor wie Italien, als eine auch landschaftlich romanisierte Gegend; Deutschland hin­gegen von düsteren Wäldern bedeckt, immer m Nebel gehüllt und von mystischen, nie verständ­lichen Menschen bewohnt. Es ist durchaus nicht anachronistisch, auf solche Zusammenhänge und Imponderabilien heute hinzuweisen, nachdem Cäsar und Tiberius erst dieser Tage Standbilder auf der Via del lImpero in Rom errichtet wurden.

Betrachtet man das Bild mehr vom modernen, staatstheoretischen Standpunkt aus, so sieht man die Demokratie links und rechts einge­hängt in Bolschewismus und Faschis­mus. Es war wahrlich ein historischer Augenblick, als der Abgesandte Frankreichs sich an der Abend­tafel im Palazzo Venezia erhob und zum Duce ge­wandt ausrief: ,.S'e haben das schönste Blatt in der modernen Geschichte Italiens geschrieben!" Zehn zu eins, daß nun der Faschismus auch dort salon­fähig werden wird, wo man bisher mit kaltem Schauer auf ihn deutete. Das macht eben der Er­folg. Für die Deutschenfreffer war Mussolini ja auch der Gottseibeiuns, solange er mit dem Gegner Frankreichs zu liebäugeln schien, während man ihn nach der Abkühlung im vergangenen Sommer direkt reizend und vertrauenswürdig, ja geradezu seelenverwandt finden zu müssen glaubte.

Und Parteigänger, Verbündeter wurde er am D r e i k ö n i g s t a g , als er unter Blitz und Don­ner in die französische Botschaft, den grell beleuch­teten Palazzo Farnese einfuhr. Unaufhörlich grollte und vumperte es während des großen Empfangs, die Fenster klirrten, als ob sich die Schlacht ganz in der Nähe abspiele, aber Mussolini und Laval sonderten sich von der glänzenden Gesellschaft ab, in einem Nebenzimmer wurde der Friede ge­boren, Im Donnerrollen der Dreikönigsnacht des kritischen Jahres". Sterngläubiqe mögen das Horoskop stellen. Wie ein glückstrahlender junger Vater verkündete Mussolini den französischen Jour­nalisten das frohe Ereignis:Das Jahr des Kreu­zes beginnt unter den verheißungsvollen Zeichen den französisch-italienischen Abkommen!"

Das klang ohne Zweifel erfreulicher als fein letztes, furchtbares Wort, nach dem der Krieg für den Mann dasselbe sei, wie die Mutterschaft für das Weib.

Zuvor svrach er aber verdientermaßen den Män­nern der Presse seinen Dank dafür aus, daß sie die günstige Atmosphäre für die Wiederannäherung der beiden Völker geschaffen hätten. Ein Dank, der nicht zuletzt den römisch en Vertretern der französischen Presfe zukommt Sie haben sich niemals entmutigen lassen, mochte der Himmel noch so schwarz scheinen, sie waren d i e eigentlichen Träger der Propaganda für ihre Nation oder vielmehr für Frankreich, denn die Vertreter der größten französischen Zeitungen sind Schweizer. Erfolgreich gearbeitet haben ferner

In unserem neuen Deutschland wird ein bis heute fast völlig unbekanntes Land auf friedlichem Wege erobert und erschlossen: Sie Rhön. Was sich hier vollzieht, wird in seiner sozialen Bedeu­tung das Meliorationswerk in den Pontinischen Sümpfen, das die Aufmerksamkeit der ganzen kul­tivierten Welt auf sich lenkte, weit in den Schatten stellen.

Bei der Durchführung des völkischen Gedankens gilt es, das Großstadtelend und das Landelend zu beseitigen. Wie das Landelend mit seiner volkskraft- zersetzenden Wirkung ein für alle Male ausgeräumt wird, das zeigt der Rhön- und SpessarsiAufbau. Wir wollen kein technisches Können zeigen, son­dern eine Bevölkerungsschicht sozial eingliedern. Auf Grund gesunder Existenz- und Wohnverhältnisse soll eine gesunde Generation heranwuchsen. Nur ein gesundes Bauern- t u m kann dort die Grundlage für eine gesunde Wirtschaft im Dienste des Volkes bilden.

Eine Viertelmillion Menschen wohnen in Rhön und Spessart. Der Ertrag ihrer Ernte reicht bis Dezember nur aus. Millionen Mark müssen jähr­lich an Wohlfahrtsunterstützungen aufgebracht wer­den, für dieses an Boden so reiche Land! Hier setzt der Dr.-Hellmuth-Plan ein, der mit dem Kapital neue Arbeitsquellen erschlie­ßen wird. Wir sind überzeugt, alle Rhönbauern können sich vollständig ernähren, werden die 50 000 Quadratmeter Oedland in fruchtbaren Acker­boden umgewandelt. Es gilt die Fehler von Jahrhunderten wieder gutzumachen.

Die Voraussetzung für eine gesunde Wirtschafts­entwicklung ist ein gutangelegtes Stra­ßennetz. Bis heute durchzieht nur die Straße iBischofsheim Gersfeld die hohe Rhön. >Mit dem Bau einer Straße Bischofsheim

Fladungen hat man bereits begonnen und da­mit schon reiche Arbeitsmöglichkeit für die Arbeits­losen in der Rhön gefunden. Um sich über die Art der Kultivierung vollkommen klar zu fein, sind vor­herige meteorologische Beobachtungen an Ort und Stelle unumgänglich notwendig. Die Meldungen der Station auf der Wasserkuppe allein sind zu all­gemeiner Natur und genügen nicht.

Im Frühjahr 1935 entstehen auf den windreichen Höhen die ersten systematisch-angelegten Schutz- hecken, die als Windfang dienen und für die Be­völkerung eine sofortige Nutzunqsquelle bedeuten. Es sollen in kurzer Zeit möglichst viele solcher na­türlichen Schutz-Streifen wachsen, um die Kraft der Naturgewalten zu mindern. Im Schutz dieser Hecken wird die Anpflanzung gedeihen? Der verwitterte Basalt gibt fruchtbares Ackerland. Die entfernten Steine werden durch Handschlaa zerkleinert und so­fort als Schotter für den Straßenbau verwandt.

Da die Rhöon keinen Tropfen Wasser zuviel hat, kommt der Bewässerungsfrage eine neue Bedeutung zu. Die Gruppenwasserversorgung und Entwässerung einiger Moore soll durchgeführt wer­den. Ist der einzelne Acker zu steinig und die Frucht­barmachung unrentabel, so wird der Boden auf­geforstet. Auch mit den Anpflanzungen beginnt man in diesem Jahr. Die Schwierigkeiten liegen besonders in der Auffindung der geeigneten Grund­stücke. Es wird hier mitunter empirisch vorgegangen werden müssen, da die Rhön auf ihre Eigenart in der Bodenbeschaffenheit noch wenig untersucht wurde.

Das Erbhofgesetz ist die Grundlage der Agrar­politik. Was aber nutzt das Erbhofgesetz, wenn in der Rhön kein Erbhof vorhanden ist? Hier muß man Erbhöfe schaffen, um die Agrarpolitik in die Tat umzusetzen. Somit krönt der Dr.-Hell-

Der neue Präsident des Zentralaus­schusses für Innere Mission der Deutschen Evangelischen Kirche ist Pastor Konstantin Frick (Bremen), der Vorsitzende des Deutschen Evange­lischen Krankenhausverbandes und der Vorsitzende des Reichsverbandes der Freien Gemeinnützigen Kranken- und Pflegeanstalten. Durch seine Tätigkeit als Leiter des Bremer Diakonissenhauses ist er Jahr­zehnte hindurch mit dem Werk der Inneren Mission verbunden gewesen.

muth-Plan den völkischen Gedanken: Alles nur des Volkes wegen! Jeder Rhönbewohner bekommt, seiner Eigenart entsprechend, die Möglichkeit zur höchsten Kraftentfaltung. Der Bauer erhält genügend Land, .um nicht nur seine Familie ernähren zu können, sondern auch um den Ueberschuß des Er­trages noch zu verkaufen. Der Arbeiter und Siedler dagegen bekommt nur so viel Land, als er für die Ernährung seiner Familie benötigt. Es hat keinen Zweck, daß der Arbeiter Bauer wird oder der Bauer Arbeiter. Jeder einzelne Volks­genosse wird, seiner Fähigkeit entspre­chend, die Arbeit finden, die ihm eine dauernde Existenz sichert. Er bekommt Arbeit, wie er sie seit Jahren nicht mehr hatte, ob Handwerker, Arbeiter oder Bauer. Mit Ungeduld warten die Rhönbewohner aus die kraftvolle Entfaltung des Aufbauwerkes. Die Siedler sollen aus dem Tal her­aus auf die Höhe kommen, damit kilometerlange Wege über Höhenunterschiede von 300 bis 800 m vermieden werden. Dann trägt auch die Vieh­zucht wieder mehr ein, und der Kuhmist' bleibt nicht nutzlos auf den Wegen liegen. So wird der Boden zum dauernden Segen für die Bevölkerung neu geordnet.

Neu ist der Gedanke der Anlage eines Archives und der Schaffung einer Sta­tistik, der in diesem Jahr zur Durchführung ge­langt. Das ist notwendig, denn sonst würde später niemand glauben, daß man früher solche volksver- nichtenden Zustände vorfand. Jeder Weg, jedes Haus wird im Bild festgehalten, die wirtschaftlichen Ver­hältnisse des einzelnen und die der Gemeinden neu ausgenommen, um nachzuweisen, daß der Plan, der theoretisch richtig ist, auch praktisch in jedem einzelnen Fall verwirklicht wird. Man kann ein Land und feine Bevölkerung ja nur dann vor dem Untergang bewahren und ihm helfen, wenn man die Verhältnisse genau kennt.

Auch die Studentenschaft hat sich in den Dienst des großen Werkes gestellt. Die jungen Men­schen sollen nicht nur beobachten, was hier geleistet wird, sondern müssen sich an der Lösung der ein­zelnen Probleme beteiligen Sie sollen sehen, wie derartige Fragen angepackt werden. Bis heute fehlt uns jedes Beispiel, wie solche Probleme in Angriff genommen werden. Der junge Mensch soll hier Erfahrungen sammeln und soll sie dort aus- werten, wo ihn das Leben später einmal hinstellt! Wir haben es hier mit einer praktischen Schulung zu tun, denn die Rhönprobleme umfassen das ganze Leben. Hier kann der Jurist sehen, wohin die

Aaffau-Saarbrüüen im Dreißig­jährigen Krieg (1635-50).

-bon Dr (Sari Walbrach

hard, der vergeblich auf französische Hilfe hoffte, mußte nach Westen zurückweichen, nachdem er sein Fußvolk und seine Geschütze in den Festungen Mainz, Worms, Frankenthal und Kaiserslautern zurückgelassen hatte, und erreichte Ende Juni mit 7000 Reitern Saarbrücken. Seine Lage war sehr

Durch den Teilungsvertrag vom 29. Januar 1629 hatte Graf Wilhelm Ludwig die Grafschaft Saarbrücken nebst den Dogteien Herbitzheim, Ott­weiler und die Gemeinschaft Wellingen erhalten. Ge­meinsamer Besitz der vier Nassauer Grafen blieben u. a. die Grafschaft Saarwerden und Homburg. Die Nassauischen Länder hatten in den vergangenen Jahren trotz aller Beschwerden von der einen und Zusagen von der anderen Seite außerordentlich durch die Truppen des Kaisers gelitten, die bekanntlich auch in neutralen oder befreundeten Gebieten wie in Feindesland hausten, weil der Krieg den Krieg er­nähren mußte. So ist es begreiflich, daß Graf Wil­helm Ludwig und seine Brüder die Aufforderung des Königs G u st a v A d o l f von Schweden, mit dem seit dem Januar 1631 Frankreich verbündet mar, annahmen, in seine Dienste zu treten. Wilhelm Ludwig wurde Oberstleutnant im rheingrafl:chrn Re­giment. Als nach des großen Königs Tod sein Kanzler O x e n st i e r n a bas Heilbronner Bündnis der vier oberdeutschen Kreise und Frankreichs zu­stande gebra^y. hatte, traten auch die -Gossauer Grafen bei, und Wilhelm Ludwig nahm zur Siche­rung seiner Lande eine schwedische Besatzung in Saarbrücken und Homburg auf. Das Gluck der pro­testantischen Sache dauerte nicht lange. Rach der für die Schweden und Herzog Bernhard von W e v- mar verlorenen Schlacht von Nördlingen hielten bald neben Bernhard und dem Landgrafen Wilhelm von Hessen nur noch die Nassauer Grafen zu den Schweden.

Daß zunächst die rechtsrheinischen Gebiete der Grafen Idstein-Wiesbaden, Weilburg und Usin­gen die schwere Hand des Kaisers be­

kamen, bedarf kaum der Erwähnung. Wuhelrn Vuo- wig, der mit seinem Regiment unter dem Veseyi Bernhards von Weimar stand, hatte am 24. Dezem­ber 1635 Gelegenheit, durch einen Handstreich Rache für diese Verwüstungen zu nehmen. Er überfiel nachts in der Nähe von Hanau zwei kaiserliche Rem menter, vernichtete 17 Kompanien, nahm einige Ossi- "ziere gefangen und erbeutete vier Standarten und 800 Pferde. _ .,

Freilich konnte diese kühne Tat dem Sch'cksal keinen Einhalt gebieten. Nachdem der kaiserliche Feldmarschall Gallas das ganze rechte Rheinufer in seine Gewalt.gebracht hatte, schickte er sich an, den deutschen Strom zu überschreiten. Herzog Bern-

ernst, denn Gallas belagerte bereits Kaiserslautern, und die anderen kaiserlichen Generäle, wie Picco­lomini und Johann von Werth, waren auf dem Vormarsch. Die Franzosen versprachen wohl Hilfe, zögerten aber derart, daß am 17. Juli Kaisers­lautern fiel und Bernhard sein Lager nach Merlen­bach zurückverlegen mußte; die Kaiserlichen standen schon vor Zweibrücken und konnten in kurzem Saar­brücken besetzen.

Um seiner Familie die Demütigungen einer Ge­fangennahme zu ersparen, brachte Graf Wilhelm Ludwig sie nach Metz, wo bereits sein Weilburger Bruder sich aufhielt. Auch das Saarbrücker Archiv wurde dorthin geretten.

Für das Land an der Saar begann nun eine schl rnrne Zeit. Die Kaiserlichen besetzten Saarbrücken, mußten die Stadt aber am 29. Juli wieder räumen, als die endlich vereinigten Truppen Bernhards und der Franzosen zur Belagerung schritten. Gallas mußte sich bis zum Rhein zurückziehen und selbst die Belagerung von Mainz aufgeben Aber das sollte kein Erfolg von Dauer sein. Die Verbündeten muß­ten vor den Kaiserlichen wiederum nach Westen zurückweichen und erreichten, durch die Verfolgung ge­schwächt, am 26 September die Saar bei Waller­fangen und standen zwei Tage später hinter den festen Wällen von Metz.

Nach dem Gc sicht beim Saarübergang bei Waller­fangen wandte sich Gallas nach Saarbrücken zurück, das eingesch'ossen wurde. Ein Ausfall der Besatzung wurde zurückgeschlaaen, und der Kommandant lehnte die Uebergabe ab. So fan es zum Sturm, bei dem viele Häuser der Vorstädte in Flammen aufaingen. Da inzwischen 2000 Reiter aus Metz zum Entsatz eingetroffen waren, mußten die Kaiserlichen die Be­lagerung aufheben. Sie hielten aber das ganze um­liegende Gebiet besetzt, und so blieb Anfang Oktober nur die Uebergabe der Stadt übrig. Die Verwaltung führtemit Schonung der landesherrlichen Rechte" der kaiserliche Kommissar Albrecht

Bernhard von Weimar trat nun in den Dienst her Krone von Frankreich über und mit ihm Graf Wilhelm Ludwig Im März 16?6 konnte sich Gallas her Festung Homburg, die man denSchlüssel des Wasgaus" genannt hat. bemächtiaen. und vereinigte sich hei Duß mit dem Herzog von Lothringen.

Schon im November des vorheraehenhen Jahres mar beim Reichskammergericht ein Prozeß gegen die

Nassauer Grasenwegen Widersetzlichkeit und Be­leidigung kaiserlicher Majestät" eingeleitet und ihre Länder beschlagnahmt worden. Die Brüder versuch­ten vergeblich, durch die Vermittlung des Kurfürsten von Sachsen eine Zurücknahme der kaiserlichen Maß­nahmen zu erreichen. Nur die Gründe der Ungnade des Kaisers wurden ihnen mitgeteilt. In traurigster Lage verlebte Graf Wilhelm Ludwig in Metz seine Letzten Jahre. Während er und seine Familie, von allen Mitteln entblößt, nur durch Verkauf und Ver­pfändung aller Wertgegenstände mit Mühe ihr Leben fristen konnten, nagte der Gedanke an seiner Lebenskraft, daß die Fremden in seinem Lande hausten, seine Schlosser verfielen und seine Beamten Not litten. Zu Beginn des Jahres 1640 erkrankte er und starb am 22. August; man bettete ihn in dem einzigen Kleid, das er noch besaß, zur letzten Ruhe.

Ein Jahr später gelang es seiner Witwe Anna A m a l i a , mit ihren Kindern nach ihrem Schloß in Ottweiler überzusiedeln. In welchem Zustand sich das Land befand, ist aus einem Rentmeisterbericht bekannt. Daraus geht z. B. hervor, daß in Saar­brücken und St. Johann nur noch 70 Bürger wohn­ten, in Gerschweiler noch drei, in dem vollkommen abgebrannten Naßweiler niemand, in Sulzdach zwei, in St. Arnual vier, in Spittel niemand usw. Zwar tarn es in den nächsten Jahren nicht zu Komps-. Handlungen an der Saar, aber trotz der Bemühungen' der höheren Offiziere waren die (Einquartierungen der kaiserlichen Truppen und schließlich auch der französischen eine schwere Last. Als auf dem Regens­burger Tag 1640 eine Amnestie des Kaisers für seine Gegner verkündet wurde, sofern sie sich mit ihm aus= ! söhnten, hoffte die Gräfin, bald wieder in den Besitz ihrer Lande zu kommen. Aber es sollten bis dahin noch Jahre vergehen, während deren Saarbrücken, Homburg und andere Orte bald von lothringischen, bald von französischen.Truppen besetzt und die Ein­wohner bedrückt wurden Als es endlich zu den Frie­densverhandlungen in Münster und Osnabrück kam, bestand die Gefahr, daß wichtige lehnsrechtlich zum Bistum Metz gehörige Teile an Frankreich fielen. Die Reichsstände legten eine Verwahrung ein, sie wehrten sich dagegen,daß ihre Mitstände, die Vasallen von Metz, Toul und Verdun vom Deutschen Reich los- gerfffen" würden. Im Oktober 1648 wurde der Friede unterzeichnet, doch im Juni 1650 wurde Saarbrücken, in dem eine französische Besatzung tag, noch einmal von den lothringischen Truppen beschossen, und erst Ende dieses Jahres hörten mit dem Abzug der Lothringer die Kämpfe auf. Nach 15 Jahren Krieg, ha Ackerbau und Gewerbe, Handel und Kultur am Boden lagen, zog endlich wieder der Friede in das Land an der Saar ein.

Oas gerächte Nullchen.

Der alte Dessauer hatte seine besonderen Lieblinge, die sich wohl auch einmal etwas bei ihm herausnehmen durften. So stand der Bäckermeister Riede bei ihm in besonderer Gunst. Einmal.schenkte, ihm der Fürst eine nweisung auf einige Klafter Holz. Als er aber zufällig am Haufe des Bäckers oorbeiging, während gerade das Holz abgeladen wurde, bemerkte er, daß die Holzmenge sehr viel größer war.Karl!" schrie er,wieviel Holz habe ich Dir angewiesen?"Ach, das war viel zu we­nig," versetzte Riede, verschmitzt lächelnd,da habe ich noch ein Nullchen dazu gemacht.". Der alte Dessauer schwieg, aber seine Rache blieb nicht aus. Als er eines Abends bei Riede vorüberfuhr, ließ er halten und den Meister herausrufen. Dieser erschien sofort in seinem Hauskostüm, in Hemdsärmeln und Pantoffeln an den bloßen Füßen.Steig mal zu mir ein", sagte der alte Dessauer leutselig,ich will mit dir etwas plaudern." Natürlich folgte der geschmeichelte Meister der Einladung und nun gings bei lustiger Unterhaltung zum Tore hinaus und wohl zwei Stunden über Land, wobei die Pferde immer rascher ausgriffen. Plötzlich ließ der Fürst halten.So," sagte er,schönen Dank für die angenehme Unterhaltung. Jetzt kannst Du wie­der aussteigen." So verblüfft der Meister örein» schaute, es hal fihm nichts. Er mußte in seiner fragwürdigen Bekleidung im Regen und Dunkel den weiten Weg zurücktappen, und der alte Des­sauer rief noch hinter ihm her:Das ist für das dazugemachte Nullchen!"

Zeitschriften.

Das seltene Erlebnis der Begegnung mit einer Walroßherde schildert Alwin Pedersen in der neue­sten Nummer der LeipzigerI l l u st r i r t e n Zei­tung" in seinem ArtikelAuf Kamerajagd an der Ostküste Grönlands". Sehr anschauliche Bilder von dieser Begegnung begleiten den Text. In dieser Nummer beginnt auch eine unterhaltsame Geschichte um August den StarkenDas Abendbrot zu Pillnitz". Schöne Bilder aus dem Pillnitzer Lustschloß, dem Schauplatz dieser Erzählung, begleiten die Darstel­lung. Ein großer Beitrag über die Rettung der Sisto"-Besatzung, ein Reisebericht über Abessinien, eine Reportage aus einer Holzschnitzschule, ein Bil­derartikel über wohnliche Stahlhäuser und noch vieles andere mehr ist in dem reichhaltigen Heft zu finden.