Nr. l5<r Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Besuch auf den Philippinen.
ständigen JR.HS -Berichterstatters in Tokio.
Zfteifebrief unseres
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) Hongkong, im Juni 1935.
Der Kapitän hatte recht behalten, und Matrosen und Stewards auch. Es waren zwei herrliche Tage in Manila, trotz der Hitze. Nur eins haben die anscheinend mehr materiellen Dingen zugeneigten Seeleute vergessen: Die Sonne in Manila, morgens und abends. Es gibt sicher viel Sonnen-Auf- und Untergänge. Jedes Land rühmt seine eigenen Schönheiten bei dieser Gelegenheit. Wir haben schon viele Sonnen auf dieser Reise in den chinesischen Gewässern gesehen: Im Monsunnebel des Indischen Ozeans, wenn man für Augenblicke einen goldenen Streifen zu sehen bekam; oder oben, vor Sumatra, die aus dem schwarzen Morgen in rotes Licht emporsteigende Sonne, deren Wachsen und Werden hinter den schwarzen, zitternden Palmenwäldern man Grad für Grad verfolgen kann; oder der königliche Untergang in die gewaltigen Feuersbrünste des afrikanischen Himmels; oder endlich der rotgelbe Sonnenball, der bleiern im feuchten Tropendunst hinter der indischen Küste verschwindet.
Aber die Manila-Sonne ist wirklich eine ganz besondere Sonne. Hier vereinigt sie alle Eigenschaften eines großen Farbenkünstlers in sich: Zunächst hüllt sich, wenn sie sich dort drüben, in Richtung Siam, zurückziehen will, in ein goldenes Abendkleid und entzündet gleichzeitig ein überwältigendes Farbenfeuer, das den tiefen schwarzblauen Horizont in eine riesige Lohe verwandelt: Gewaltige Farbenskalen türmen sich übereinander, blutendes Rot schwingt in glitzerndes Grün, leuchtendes Orange mischt sich m funkelndes Blau. Jetzt erscheint plötzlich zwischen den Farbenschichten ein sich rasch verbreitender Streifen in strahlendem Lila, der seine Ränder mit feuriggoldenen Borten säumt. In diesem Uebergang von rasch wechselnden Farben versinkt langsam, ständig größer werdend, die eben erst goldene, jetzt bernsteinfarbene, nun plötzlich rötliche und dann blutrote Sonnenscheibe. Der Himmel in seinen Farben verblaßt, leichtes Gold und Rot schwebt noch über dem Horizont, an dem schon ein schwaches Glitzern der Sterne steht. Und plötzlich, wie auf ein Zauberwort, fällt die Dunkelheit gleich einem schwarzen Tuch herab. Und mit dem gleichen Zauberwort leuchtet Manila auf, mit vielen tausend Kerzen, die wie Perlenschnüre an der'Küste entlang- gezogen werden und in der Stadt und weiter hinten in den Bergen verschwinden.
1898 nahmen die Amerikaner den Spaniern die Philippinen ab. Das ist fast vierzig Jahre her, zu einer Zeit also, als die Japaner sich gerade nach Süden über Formosa ausgedehnt hatten und im Norden überlegten, wie man nach dem mißglückten Versuch von 1895 auf das Festland gelangen könnte. Damals also versprachen sich die Amerikaner goldene Berge. Einmal sollten die Philippinen einen glänzenden F l o t t e n st ü tz p u n k t abgeben, gewissermaßen das äußerste Fort einer gewaltigen Flottenbasis, mit Jnselstützpunkten in gerader Linie bis zur Westküste Amerikas. Allerdings wären es immerhin 7000 Seemeilen bis zu den Heimathäfen gewesen, und es hätte schon einer gewaltigen Flotte und großer Kraftreserven bedurft, um die rückwärtigen Verbindungen auch nur einigermaßen sicherzustellen.
Heute sieht das ganz anders aus. Japan ist mit dem Besitz der Jnselmandate in diese strategische Linie vorgestoßen und hat neben militärischen auch wirtschaftliche Hoffnungen der Vereinigten Staaten in Bezug auf die Philippinen zerstört. Vor vierzig Jahren sah man nämlich die Inseln als willkommene Rohstoffbasis und als Absatzgebiet eigener Produkte an. Man hoffte also auf „Prosperität", ein Wort, das schon damals in USA. groß geschrieben wurde. Und tatsächlich entwickelten sich die Philippinen wirtschaftlich in echt amerikanischem Tempo. 70 v. H. der heimischen Produkte gingen zollfrei nach Amerika, in erster Linie Zucker, Reis, Tabak, Hanf und Kopra.
Die Philippinen erlebten goldene Zeiten. Nicht so die amerikanischen Farmer, am allerwenigsten
Kuba mit seinem eigenen Tabak und Zucker. Im Parlament gab es stürmische Szenen und lange Gesichter, und man überlegte ernstlich, wie man das Sorgenkind loswerden sollte. Zudem zeigten die Japaner großes Verständnis für die wachsenden Nöte ihrer südlichen Nachbarn. Heimlich schlich die Propaganda ins Land: „Zucker und Tabak können wir schließlich auch abnehmen; wir haben dafür billige, sehr billige Gebrauchsartikel. Ist es da nicht besser, unabhängig zu sein, besser, sich an eine asiatische Macht, statt an die Amerikaner anzulehnen? Liegen eure militärischen sowie politischen und wirtschaftlichen Interessen nicht hier im Osten?" Kurzum, die Amerikaner erfanden schließlich das Wort von dem „Selbstbestimmungsrecht der Völker" und gaben eine zehnjährige Frist für die Unabhängigkeit der Philippinen. Aber: noch weitere zehn Jahre müssen die Philippinen amerikanische Waren zollfrei hereinlassen, während sie selbst nur drei Fünftel der eigenen Produkte, in erster Linie Zucker, nach Amerika einführen dürfen. Auf dem Rest ist haushoher Zoll. Das gab den Sakda- liften, den Unabhängigkeitsführern, die sich von jeher für eine asiatische Verbindung ausgesprochen hatten, Wasser auf die Mühle, und die Japaner in Manila haben noch einiges dazu bemerkt. Die europäische Kaufmannschaft sieht deshalb der Zukunft recht sorgenvoll entgegen, da man in die Fähigkeiten der Philippinen sich selbst zu regieren, kein rechtes Vertrauen setzt.
Aber die Amerikaner haben, wenn man gerecht sein will, für die Entwicklung der Philippinen wirklich immerhin Außerordentliches gelei-
Der Verein deutscher Chemiker hielt in Königsberg unter Teilnahme von etwa 1500 Fachleuten aus dem ganzen Reich seine 48. Jahrestagung ab, die eine Fülle hochinteressanter Mitteilungen brachte.
Unter den neuen chemischen Forschungen beanspruchen besonderes Interesse die Untersuchungen von Professor Frank, Berlin, über die k ü n st - liche Herstellung von Fetten, insbesondere der Fettsäuren. Nach den bis jetzt vorliegenden Ergebnissen kommt als einziges Rohmaterial zur Erzeugung von Fetten oder Fettstoffen durch chemische Verfahren die Kohle in Betracht, von der aus über Karbid, Azetylen, Azetaldehyd, Aldolkonden- sation oder durch andere Verfahren Fettsäureketten aufgebaut werden können. So ist bereits die Herstellung von Glyzerin uuf diesem künstlichen Wege gelungen. Aus dem chemischen Abbau der Kohlenwasserstoffe hofft man in nicht allzu ferner Zeit synthetische Fettsäuren gewinnen zu können. Rein theoretisch ergibt sich hieraus die Möglichkeit, aus deutscher Kohle einen butterähnlichen Fettstoff herzustellen. Naturgemäß sind die auf synthetischem Wege gewonnenen Stoffe den natürlichen nicht immer gleichwertig.
Nach Ausführungen von Professor Dr. Noa ck, Berlin, hat in den letzten Jahren die Erforschung des Aufbaues der Zellulose, die das Ausgangsmaterial für viele chemische Verarbeitungsprozesse verkörpert, große Fortschritte gemacht. Die' Zellulose besteht demnach aus Substanzen, deren innere Struktur sich z. B. beim Holz am besten mit dem Prinzip des Eisenbetonbaues vergleichen läßt. Hieraus erklärt sich auch die ungeheure Widerstandsfähigkeit der Zellwand bei den Pflanzen. Während in den letzten Monaten Holz als Treibstoff für Kraftfahrzeuge im Vordergrund des allgemeinen Interesses stand, bildete auf der Königsberger Chemikertagung mehr der Torf einen Hauptgegenstand fachlicher Erörterungen. Die Vermehrung des
stet. Der Hafen mit den gewaltigen modernen Lagerhäusern, die vollkommen moderne Stadt mit den neuzeitlichen Fabriken und technischen Produktionsmitteln legen hierfür Zeugnis ab. Der innere Stadtkern, von moosbewachsenen Ringmauern umgeben, ist durch Stein- und eiserne Brücken mit der Außenstadt verbunden. Rund 400 Jahre haben die Spanier hier geherrscht: zahlreiche Klöster, Kirchen, Universitäten, Schulen und geistliche Orden sind aus der spanischen Zeit erhalten. In den Straßen flutet ein gewaltiger Verkehr der verschiedensten Rassen wie Malaien, Spanier, Chinesen, Ta- galen und Europäer. Die Hauptgeschäftsstraßen muten durchaus europäisch an, und die herrlichen Anlagen und großen Hotels an der Küste finden kaum ihresgleichen an Schönheit. Das riesige neue Parlamentsgebäude, ganz in weiß gehalten, ist auch in den späten Abendstunden erleuchtet, denn man berät über d i e neue Verfassung des freien Staates der Philippinen, die über genau 3146 Inseln verfügen werden.
Wir verbrachten einige- Stunden im neuen deutschen Klub, kauften Zigarren, Panamahüte und wanderten dann, wie immer in den großen Hafenstädten, in das Manila-Hotel, wo sich die internationale Welt zum Tanz trifft. Die Fenster des großen Saals find weit geöffnet, so daß man wie auf einer freien Veranda sitzt. Elegante Frauen in großer Toilette tanzen mit weißgekleideten Europäern und Amerikanern trotz der Hitze nach dem sich gleichbleibenden Rhythmus der Jazzkapellen, die dem musikalischen Bedürfnis der Kolonialbevölke- rung zu beiden Seiten des Aequators rund um die Erde gerecht zu werden suchen. — Als mir am nächsten Morgen Richtung Hongkong in See gingen, erzählte man von einem Taifun, der sich von Hongkong in nordwestlicher Richtung nach Japan zu bewege.
landwirtschaftlich nutzbaren Bodens in Deutschland, die möglichst vollständige Erfassung der deutschen Bodenschätze und die beabsichtigte Verteilung von möglichst viel Menschen und Industrien auf das Land lassen auch eine stärkere Ausnutzung der heimischen Torfmoore als Notwendigket erscheinen. Heute noch sind 3,5 Prozent der Oberfläche Deutschlands Oedland und Torfmoor. Der Vorrat an lufttrockenem Tors auf 17 000 Quadratkilometern unkultivierter Torfmoore wird auf nicht weniger als sieben Milliarden Tonnen geschätzt. Eine rationelle Torfindustrie vermöchte hier Werte von über zwanzig Milliarden Goldmark zu heben, wobei zahlreiche Industriearbeiter auf das Land verpflanzt und zu Siedlern gemacht werden könnten. Die einzige aussichtsreiche Möglichkeit für die industrielle Ausnützung der ungeheuren Torfmoore bietet die T o r f v e r k o k u n g. Seit kurzem kann man Torfkoks als Treibmittel für Lastwagen an Stelle ausländischen Benzins verwenden, was für den weiteren Ausbau der Torfoerkokung von besonderer Bedeutung'-ist. Praktische Versuche in dieser Richtung haben ergeben, daß 1 bis 1,25 Kilogramm Torfkoks schon etwa einem Liter Benzin entsprechen. Allerdings leisten die Motoren hierbei um etwa den fünften Teil weniger, als beim Benzinbetrieb, doch läßt sich dieser Krastverlust durch Steigerung des Verdichtungsverhältnisses wieder ausgleichen.
Infolge der Erfindung bernsteinähnlicher K u n st st o f f e ist der Bernsteinabsatz im Laufe der letzten Jahre außerordentlich zurückgegangen. Trotzdem muß aus politischen und sozialen Rücksichten die Industrie am Leben erhalten werden. Es ist somit hier dem Chemiker die dankbare Aufgabe gestellt, die Hauptmasse des Bernsteins, für die man noch immer keine Möglichkeit einer lohnenden Verwertung gefunden hat, einer solchen zuzuführen, nachdem alle auf diesem Gebiet bisher gemachten Erfindungen sich als unbrauchbar erwiesen haben. Ihre besondere Aufmerksamkeit widmet die Chemie
Neue Forschungsergebnisse der Chemie.
Künstliche Fette. — Probleme der Brennstoffwirtschast. — Möglichkeiten in der Bernsteinverwertung. — Steigerung des Harzertrages.
Donnerstag, 1 Zull 1935
Eine französische Iubiläumsniarke.
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Aus Anlaß der 300jährigen Wiederkehr der G r ü n< düng der französischen Akademie durch Kardinal Richelieu gab die französische Postver« waltung eine Gedenkmarke heraus, die das Bild deq Kardinals zeigt. Unser Bild stellt die 1,50-Franken«
Marke dar, die karminrot ist. (Scherl-M.) » . _ ......... 11 "■■g
dem Problem der Harznutzung in den deut« schen Wäldern. Es handelt sich hier vor aüent darum, den trägen Harzfluß, der beim Anreißen des lebenden Baumes zutage tritt, nach Möglichkeit anzuregen. Dies gelang durch Benetzen der frischen Wunde mit entsprechenden Chemikalien, wodurch dis Ausbeute fast auf das Doppelte gesteigert werden kann. Es besteht somit die Möglichkeit, einen er« heblichen Teil des deutschen Bedarfs an Kolo« phonium und Terpentinöl von nun an aus den einheimischen Waldungen zu gewinnen. Der« suche über die Wirkung der verschiedenen Chemikalien auf die Harzergiebigkeit der Bäume und beit Holzertrag werden mit Unterstützung der Notge« meinschaft der deutschen Wissenschaft durchgeführt.
Eines der interessantesten chemischen Gegenwarts« Probleme ist zweifellos in der Legierungskunde zu erblicken, von der man sich noch großä Erfolge verspricht. Man hat es heute in der ßegie« rungstechnik so weit gebracht, aus einem oder mehreren Metallen mit bekannten Eigenschaften durch Legierung ein ganz neues Metall mit ganz neuen und im einzelnen noch nicht übersehbaren Eigenschaften Herstellen zu können. - Ferner ist es gelungen, Leichtbaustoffe aus Beton unter Zusatz von Schaummitteln zu gewinnen. Diese Arbeitsmethode ist in letzter Zeit auch bei nichtmineralischen Stoffen angewendet worden, insbesondere bei Kunstharzen, wo die Herstellung von Körpern aus „Schaumleim" mit außerordentlich geringem Raumgewicht gelang. Die Isolierfähigkeit dieses neuen Erzeugnisses übertrifft sogar noch die des Korkes. Professor Dr. Kuh n, Heidelberg, ist es ferner gelungen, aus der Milch das sogenannte Lacto- flaoin, einen Vitaminbestandteil, zu isolieren und diesen Stoff synthetisch herzustellen. Der Forscher ging hierbei von einer leicht zugänglichen chemischen Substanz aus, von der ein einziges Kilo soviel Lactoflavin liefert, wie in sieben Millionen Liter Milch enthalten ist.
Sprechstunden der Redaktion.
1130 bis 12.30 Uhr, 16 bis 17 Uhr. Samslagnadj» mittag geschlossen.
M
öl: 55P1.-*MV2°
Wettstreit um Felicitas.
Äon Udo Wolter.
Eines Tages kam — wir holten unsere Post stets selber ab — ein Schreiben an, in dem sich Felicitas für eine Woche zu Besuch auf Thieren- berg anmeldete. Wir kannten unsere Base nur von Photographien her. Um so gespannter waren wir, sie nun einmal persönlich vor die Augen zu bekommen, denn an Abwechslung mangelte es uns auf dem Gute sehr, seitdem wir Primaner waren und uns demgemäß zu benehmen hatten. Felicitas jedoch . . .
Felicitas kam an. Sie war ein Wirbelwind mit ihren achtzehn Jahren und blond, wie alle Flachsköpfe unserer Gutsarbeiter zusammen. Sie bettelte Horst die Zügel aus der Hand und kutschierte selbst. Mich beachtete sie vorerst noch wenig.
Bei den Eltern hielt sie sich nicht lange auf. Wir sollten ihr das Gut zeigen. Horst, der im besten Zuge war, schleppte unsere beiden Windspiele heran, wundervolle schmale und reinrassige Tiere, die uns ein Gutsnachbar von einem größeren Wurf überlassen hatte. Wir hatten uns in letzter ZeU wenig genug um sie gekümmert. Früher hatten wir sie oft um die Wette rennen lassen. Seitdem jedoch nicht mehr genügend auf sie geachtet wurde, waren sie ein wenig verwildert und hielten nicht mehr Bahn. Einer von den beiden brach gewöhnlich aus, sobald er um einige Längen zurückgeblieben war, eine Unart, die in englischen Züchterkreisen ein Windspiel wertlos machte. Felicitas zu Ehren hielten Brown und Betty diesmal jedoch Kurs und der stürmische Beifall unseres blonden Wirbelwindes belohnte unsere Züchterarbeit.
Seitdem waren Betty und Brown wieder zu Ehren gekommen. Felicitas war schön, schöner als irgendein Mädel unseres Lyzeums. Waren wir früher manchmal bis in den Abend in der Stadt geblieben, so brachte uns von jetzt an der Mittagszug stets pünktlich auf das Gut zurück.
Es war schwer festzustellen, wen Felicitas bevorzugte. Sie ritt mit uns zusammen aus, ließ sich in die wildeste Einsamkeit verschleppen, ohne daß ihr Temperament einem von uns zugute kam. Außerdem behinderten wir uns gegenseitig in unserer Eifersucht. Nach zehn Tagen, als die Abreise unseres Wirbelwindes in immer drohendere Nähe rückte, waren wir uns einig, daß es so nicht weitergehen konnte.
Wir sahen uns. Horst glaubte sich bevorzugt, ich setzte die Summe aller Blicke dagegen, die Felicitas an mich verschwendet hatte. Horst war ein guter Reiter, ich der bessere Schütze. Unmöglich hier eine friedliche Entscheidung zu treffen, aber ebenso wenig war es gentlemanlike, sich um den blonden Wirbelwind zu prügeln.
Der letzte Tag kam heran. Am Vorabend hatte Felicitas einen Bxief erhalten, fast die ganze Besuchszeit hatte sie ihre Post allein abgeholt. Immer noch waren wir zu keiner Entscheidung gekommen. Aber daß dieser letzte abendliche Spaziergang durch Park und Felder diesmal einem von uns allein gehören muhte, war selbstverständlich. Den blonden Wirbelwind ungeküßt vom Hofe zu lassen, wäre uns, darin waren wir trotz aller Eifersucht solidarisch, doch allzu schmachvoll erschienen.
Wir hatten Felicitas an diesem Nachmittag wenig gesehen. Mein Vater lächelte, als wir nach ihr fragten. Er wußte wohl um unsere Bemühungen. „Zur Post", sagte er kurz. „Oder vielleicht auch zur Bahn..." Er sagte noch irgend etwas vor sich hin, doch wir waren bereits halb aus dem Zimmer, denn es galt nicht viel Zeit zu verlieren, an diesem letzten Tag.
Wir nahmen Betty und Brown an die Leine und machten uns auf den Weg. Post und Bahn lagen an der gleichen Straße.
Schweigsam gingen wir nebeneinander her. In unserer Kameradschaft klaffte ein tiefer Bruch, obgleich wir das zu verbergen bemüht waren. Er fraß von innen heraus und schmerzte uns alle beide. Als wir einige hundert Meter die Straße hinunter waren, blieb Horst entschlossen stehen.
„Betty und Brown sollen entscheiden". Er nahm Betty von der Leine und lockerte ihr das Halsband. Beide kennen sie Felicitas. Sie muß unbedingt die Straße heraufkommen. Ist Brown zuerst bei ihr, so..." Er verstummte, aber wir verstanden uns. Einer von den beiden Kötern mußte unbedingt zuerst bei ihr sein. Dem Besitzer gehörte der Abend mit Felicitas.
Wir stellten Betty und Brown in Positur und ließen die davonjagen. Eine Kurve entzog sie bald unserem Blick. Hastiger und gespannter schritten wir aus.
Wir hatten fast die Bahn erreicht, als Felicitas erschien. Sie hing am Arm eines blonden Mannes. Rollend verlief sich ein Zug in der Ferne.
„M ein Verlobte r", sagte Felicitas und lächelte ung zu quf eine Art, die uns beide diese
letzte Woche verrückt gemacht hatte. „Er holt mich ab. Onkel wollte ihn so gerne kennenlernen."
Der Blonde lächelte verbindlich.
Wir sahen uns um. Da kamen Betty und Brown mit hängenden Zungen aus den Feldern geschlichen und krochen schuldbewußt auf uns zu. Stumm nahmen wir sie an die Leine und gingen den beiden Blonden nach.
Felicitas hatten wir verloren, aber unsere Kameradschaft war gerettet...
Nie Ooktorrechnung in alter Zeit.
„Man betreibt nicht die Festsetzung des Honorars", riet der weise Hippokrates einst, „es ist besser, den Leuten erst nach ihrer Genesung Vorwürfe zu machen, als sie im gefährlichen Stadium vorweg anzuschnauzen." Damit rührte er eine Frage an, die seit den ältesten Zeiten bis zur Regelung der Kran- kenversorgung in unseren Tagen die verschiedenartigsten Beantwortungen erfuhr. Im alten Babylon wurde die Verpflichtung des Kranken zur Zahlung eines Arzthonorars nach der Behandlung gesetzlich festgelegt, und zwar richtete sich die Höhe des Entgelts nach der gesellschaftlichen Stellung des Patienten. Der Herr mußte für die ärztliche Versorgung seiner Sklaven einstehen, und der Arzt hatte bei Mißerfolgen einen gewissen Schadenersatz zu leisten. Bei den Sumerern überließ der Arzt, der durch seinen Sklaven chirurgische Eingriffe ausführen ließ, diesem das Trinkgeld, nahm aber das Honorar für sich. In Aegypten gab es in der späteren Zeit ein Arzneimonopol, durch das die Aerzte ihr Einkommen beträchtlich aufbesserten; bei den Indern war dem Arzt, dem das geforderte Honorar verweigert wurde, gestattet, sich an dem Besitztum seines Patienten schadlos zu halten, doch mußte er sich bei der Behandlung von grauen mit dem Entgelt durch Speisen begnügen. In der brahminischen Ethik gilt es für unedel, Brahmanen, Verwandten, Freunden und Unglücklichen überhaupt Honorare abzune- men, und hier findet sich das Verbot, unheilbare Kranke zu behandeln, eine Anschauung, der der griechische Arzt Hippokrates mit den Worten Ausdruck verleiht: „Ich halte dafür, daß es zur ärztlichen Kunst gehört, nicht Hand anzulegen an Personen, die schon durch Krankheit besiegt sind." Die Ge- schenke, die den Aerzten in den griechischen Tempeln dargebracht wurden, waren dadurch zur Pflicht gemacht, daß ihre Verweigerung göttliche Strafe und den, Rückfgll in Pas, alte Leiden nach sich ziehen
sollte. Das Christentum sah in der ärztlichen Tätigkeit zunächst eine Uebung der Wohltätigkeit. Hohe Bedeutung gewinnt dabei die Legende von Kosmos und Damian, den Schutzheiligen der Apotheker und Aerzte. Dieser Gedanke der Wohltätigkeit bleibt auch später noch bestehen, wenngleich sich früh ärztliche Taxen entwickelten. Diese mittelalterlichen Honorare waren aber sehr niedrig, und dem studierten Arzt machten Pfuscher und Quacksalber großen Wettbewerb. Trotz aller Reformoersuche blieb die wirtschaftliche Lage der Aerzte in Deutschland schlecht. Da halfen keine Taxen, da half auch keine Einmischung der Behörden, die etwa bestimmten: „Ferner und da von vielen, ja gar von Vermögenden und wohl öfters in ansteckenden Krankheiten das gebührende Sostrum nicht gereicht wurde, in solchem Fall soll, auf ihr gebührendes Ansuchen, ihnen zu ihrem verdienten Lohn mit Nachdruck geholfen werden." Die Taxen berücksichtigten die Schwere des Falles, unterschieden zwischen gemeinen Krankheiten und ansteckenden, berechneten Nachtbesuche höher als Tagbesuche und gewährten das Recht, von Fremden erhöhtes Honorar zu nehmen. Dagegen sollen aber die Aerzte „ihre Patienten nicht wider ihren Willen mit unnötigen Gängen beschweren." Immer wieder aber wird Mildtätigkeit gegen die Armen verlangt. So enthält der Er- laß Kaiser Sigismunds von 1426 den Befehl: „Aber von den Armen soll man nichts nehmen. Doch die hohen Meister in Physica dienen niemanden umsonst, darum fahren sie in die Hölle." Der große Arzt Camararius ermahnt 1592 die Aerzteschaft, sie solle „sich gegen den Armen aus christlichem Mitleiden dermaßen erzeigen, daß sich mit Fug niemand zu beklagen habe."
Hochschulnachrichten
Professor Dr. Hans L e w a l d , Ordinarius für römisches und bürgerliches Recht an der Universität Berlin, hat einen Ruf an die Universität Bafel erhalten.
Von den amtlichen Verpflichtungen entbunden wurden die ordentlichen Professoren K. A. Hof- mann an her Technischen Hochschule Berlin (anorganische Chemie), Leopold Wenger an der Unh versität München (bürgerliches Recht), und Georg M e n tz an der Universität Jena (mittlere und neuere Geschichte).


