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Hr. 59 Erstes Blatt

185. Jahrgang

Montag, U. März 1935

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Eichener Anzeiger

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Keule Beginn der Wehrdebaüe im britischen Unterhaus.

Premierminister Macdonald muß das Bett hüten. Regierung und Opposition treffen umfangreiche Vorbereitungen für die Auseinandersetzungen.

Eine Aeußerung Baldwins.

London, 11. März. (DRB.-Funkspruch.) 3n Er­wartung der großen Rüstungsaussprache im Unter­haus ist die ganze englische Presse, am Montag sehr zurückhaltend in der Beurteilung der politischen Lage. Ministerpräsident Macdonald wird wegen seiner Erkältung nicht der Aus­sprache beiwohnen können. Er muhte am Sonntag das Bett hüten. Baldwin, der heute das Wort ergreifen wird, hat an den Kandi­daten der nationalen Regierung bei der Rachwahl in Rorwood ein Schreiben gerichtet, in dem er sagt: Wir vertrauen darauf, dah die Besprechun­gen mit den anderen Rationen, in die wir jetzt eintreten, den Weg zu einem wirk­lichen Fortschritt in der Festigung des inter­nationalen Friedens und der Sicherheit ebnen, wobei der Vorschlag für ein Luftabkommen, wie wir hoffen, eine wichtige Rolle spielen wird."

Die Regierungseinpeitscher im Unter­haus sind zur regsten Tätigkeit veranlaßt worden, um eine überwältigende Stimmenmehrheit für die Regierung sicherzustellen. Die Opposition trifft ebenfalls weitgehende Vorbereitungen. Am Montag- nachmittag werden Massenabordnungen verschiedener englischer Organisationen, wie z. B. des Völkerbundsvereins, der sozialistischen Liga usw. vor dem Unterhaus aufmar­schieren. 30 Organisationen werden am Freitag eine Masfenprotestkundgebung gegen die Aufrüstung in einer der großen Londoner Hallen veranstalten.

DieTimes" für fair play.

Deutschland mutz unzweideutig gleichwertig behandelt werden.

London, 11. März. (DNB.-Funkspruch.)T i - m e s" schickt der heutigen Aussprache im Unterhaus -einen großen Leitartikel über die internationale Lage voraus. Die Erhöhung des englischen Rü­stungshaushaltes werde von keinem Lande und auch nicht von Deutschland mißverstanden oder als peinlich empfunden. Im Gegenteil sehe man sowohl in Deutschland als auch in Frankreich ein, daß dem Frieden Europas und dem kollek­tiven Sicherheitsfvstem wohl gedient jci, wenn England ft art fei. Etwaige bis­her bestehende Zweifel hätten sich nur darauf be­zogen, ob mit einer englischen Interven­tion gegen einen Angreifer st aat und im Interesse der Völkerbundsvereinbarungen über­haupt im Notfälle zu rechnen sei und wenn ja, ob diese Intervention mit genügen­der Macht aus.geübt werde. Die kürzliche Aktion aus dem Festlande und die Tatsachen des Weißbuches sollten die Zweifler beruhigen, Eng­land werde bald besser ausgerüstet sein, um seine Hauptrolle in einem kollektiven System und besonders in der Luft zu besetzen. Wenn einmal das kollektive System verwirklicht werden könne, dann werde seine natürliche und logische Folge eine allgemeine Herab­setzung der einzelnen nationalen Streitkräfte fein.

Notwendig für eine 100prozentige Teilnahme Englands an dem Friedensmechanismus müsse die Beteiligung aller Staaten auf der Grundlage der Gleichberechtigung sein.

Das maßgebende und unmittelbare Erforder­nis für eine Stabilisierung Europas ist tat- sächlich die gleichberechtigte Teil­nahme Deutschlands. Den weg für Deutschlands Beteiligung vorzubereiten, ist das besondere Ziel des Berliner Besuches des englischen Außenministers Simon, der jetzt glücklicherweise und, wie man hofft, end­gültig in etwa 14 Tagen stattfinden soll. Diejenigen, die heule für die Regierung spre­chen, werden daher ohne Zweifel daran denken, dah der Erfolg dieses wichtigen Schrittes zu einem großen Teil von dem abhängt, was sie heute sagen. Wenn es die Absicht der englischen Regierung ist, den Teil V des Versailler Vertrages durch ein System abzulösen, in dem alle Gleichbe­rechtigung haben, dann hat es keinen Zweck, auf einem Bruch des Ver­sailler Vertrages h e r u m z u r e i t e n. Deutschland allein zu tadeln, wäre außerdem unfair."

Es sei sicher, so führt dieTimes" u. a. fort, daß ein Aufschub oder ein Zusammenbruch der unmittelbaren englisch-deutschen Verhandlungen den Jsolierungs Politikern in die Hände arbeiten müsse und die Sache der kollektiven Sicherheit in Europa in nicht wie - dergutzumachender Weise schädigen könne. Der Augenblick sei kritisch. Man habe den Beschluß gefaßt, Deutschland als gleichwertig zu behandeln. Diese Politik müsse unzwei­deutig durchgeführt werden. Nachdem die

englische Regierung den Tatsachen ins Gesicht sehe, möge sie sich auch die Tatsache vor Augen halten, daß die Beschränkungen der deutschen Lüftungen auf den Versailler Stand unwiderbringlich vorbei seien. Es sei jetzt viel wichtiger i n d i e Zukunft zu blicken, als in die Vergangenheit.

Die Außenpolitik der Labour-Opposttion.

Paris, 11. März. (DNB.) Der Vorsitzende der englischen Arbeiterpartei, L a n s b u r y, hat dem Sonderberichterstatter desMatin" das Programm seiner Partei entwickelt, deren Wahlaussichten er als ungewöhnlich günstig bezeichnete. Zur außen­politischen Lage sagte er u. a.: Wir können kein endgültiges Urteil abgeben, da es uns an den not­wendigen Unterlagen fehlt, doch glauben wir, daß alle Friedens - und Abrüstungsfragen in Genf behandelt werden müssen. Die Mächte müßten alle Deutschland verbote­nen Angriffswaffen abschaffen. Heute fürchte jeder seinen Nachbarn. Das wird solange

der Fall fein, als nicht eine Nation den Mut hat, kl ar und bestimmte Vorschläge für eine allgemeine Abrüstung zu machen. Die Re­gierungen würden alsdann Stellung zu nehmen haben und die Völker würden sehen, wo die wirklichen Kriegshetzer sitzen. Wenn Eng­land, .Frankreich und die Vereinigten Staaten in diesem Sinne vorgehen wollten, würde die Lage sich klären. Unsere Bemühungen müssen in erster Linie der Frage der ßuftftreitfräfte gelten. Wir müssen eine Kontrolle einführen, das Handelsflugwesen internationalisie­ren, die nationalen Luftstreitkräfte abschaffen und eine internationale Luftstreitmacht schaffen. Wer allerdings be­haupte, daß in Genf eine Art autonomer Luftflotte eingerichtet werden könnte, die sich aus allen mög­lichen Elementen zusammensetze, der ist ein Narr. Die Zusammenarbeit englischer, italienischer und holländischer Truppen im Saargebiet zeigt zur Ge­nüge, welchen Weg man einschlagen müsse. Das chevalereske" Frankreich habe eine große Rolle zu spielen.

Flandm über Frankreichs Gicherheitsbedürfnis.

Die Rechtspresse kritisiert seinen Pessimismus.

Paris, 10. März. (DNB.) Auf einem Festessen anläßlich der (Eröffnung der Lyoner Messe er­klärte der französische Ministerpräsident F l a n d i n, die Aufrüstung Deutschlands, die die Un­terzeichner des Versailler Vertrages machtlos gewe­sen seien zu verhindern, habe die Lage angesichts des (Eintritts in die rekrutenarme Zeit für Frank­reich gefährlich gestaltet. Es werde von dem guten Willen Deutschlands abhängen, ob der große euro­päische Friede auf der Grundlage einer unbestreit­baren Gleichberechtigung verwirklicht werde. In­zwischen halte Frankreich seine Landesverteidigung aufrecht. Bedeutende Kredite seien im Dezember für die Rüstungen verabschiedet worden. Das Pro­gramm der Luftfahrt, der neue Abschnitt des Flot­tenbauprogramms und die Vervollständigung der Befestigungsanlagen seien zusätzliche, aber notwendige Sicherheitsgarantien, die bereits durch die diplomatischen Abkommen verbes­sert worden seien. Die Frage der E ff e k t i v be­stände, die bei der Einstellung der nächsten Re­krutenklasse auftauche, werde in demselben Geiste geregelt werden.

Flandms Rede hat auf viele Blätter reichlich pessimistisch gewirkt. DasEcho de Paris"

wirft dem Ministerpräsidenten geradezu vor, in herzzerreißendem Pessimismus zu machen, der schlecht angebracht sei bei einem Mann, der die schwere Regierungsbürde trage. Besonders bedauer­lich findet das Blatt, daß Flandin über die steigende revolutionäre Gefahr gar nichts, über die aus- wärrige Gefahr kaum etwas gesagt und das dra­matische Problem der Effektivbestände mit einer banalen, lakonischen Phrase" abgetan habe, die nicht geeignet fei, die vaterländischen Gefühle zu wecken und den Franzosen die Gründe zu erklären, aus denen sie ein neues schweres Opfer übernehmen sollen, das in einem Gesetzentwurf vorbereitet wor­den sei. Diesen von den meisten Blättern inhaltlich wiedergegebenen Gesetzentwurf, der den Neber- gang von der einjährigen zur 1 8 mo - notigen und zweijährigen Dienstzeit vorsieht, findet das Blatt des Generalstabes b e - friedigend. Gegen diesen Gesetzentwurf hat die Liga der pazifistischen Front­kämpfer Protest erhoben, weil er ihrer An­sicht nach einSignal f ü r den Rüstungs- wettla u f" sei. Diese allerdings nicht sehr ein­flußreiche Liga will überdies eine nationale Peti­tion gegen Den Plan des Generalstabes in die Wege leiten.

Veniselos und die griechische Revolution

Oer Gesandte politis über die Hintergründe des Militäraufstandes.

Paris, 10. März. Der griechische Gesandte in Paris Po litis erklärte demExzelsion", die augenblicklichen Ereignisse in Griechenland seien die Auswirkungen der Rivalität zweier

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Auch von der Seite der Rebellen treffen nunmehr Originalaufnahmen ein. Auf unserem Bild sieht man den früheren griechischen Diktator Veniselos, die Seele des Aufstandes, an Bord des zu seiner besonderen Verfügung stehenden Kreuzers bei der Beobachtung der zu ihm übergegangenen Seestreit­kräfte.

politischer Parteien. Bei den Wahlen im Jahre 1933 habe die Volkspartei mit einer sebr ge- rngen Mehrheit die Macht übernommen. Der Mord­anschlag auf Veniselos habe die Spannungen noch verstärkt, weil man trotz aller Anstrengungen die Täter nicht habe ausfindig machen können. Es

scheine aber, als ob feit zwei Monaten in g e = wissen militärischen Kreisen ein Kom­plott vorbereitet worden sei. Die Regierung habe das wohl gewußt, habe aber b i e Bedeu­tung unterschätzt. Die Regierung sei durch die Ereignisse vollkommen überrascht worden. Niemand könne sagen, ob Veniselos an der Vorbe­reitung des Aufstandes teilgenommen habe.

Sicher fei aber, daß er sich der Bewegung sofort angeschlossen habe. Veniselos sei der Ansicht, daß durch den Belagerungszustand, ohne Befragung der Kammer die Verfassung ver­letzt worden sei. Das sei aber nur ein Vorwand. Man habe behauptet, die augenblickliche Regierung stecke mit den M o n a r ch i st e n unter einer Decke. Das fei aber durch nichts erwiesen. Man habe sich über die Verspätung der militärischen Ope­rationen in Mazedonien lustig gemacht. Aber man dürfe nicht vergessen, daß die Witterungsverhältnisse in Mazedonien wirklich furchtbar seien.

Politis bedauerte sodann die Zerstörung des großen Staudammes am Strymon- F l u ß, der Hunderte von Millionen gekostet habe. Dieser sollte für ein Riefengebiet den Wohlstand bringen. Veniselos, der ihn s e l b st habe er­bauen lassen, habe ihn jetzt z e r st ö r t und da­mit mehrere hundertausend Bauern ruiniert.

Vor der Entscheidung?

Griechische Regierungstruppen schreiten heute früh zum Angriff bei Serres.

Athen, 11. März. (DNB.) Nach zuverlässigen Meldungen, die am Sonntagabend von der Front in Athen eingetroffen sind, sind die in der Mitte der Kampflinie stehenden Regierungstruppen b i s auf zwei Kilometer von Serres ent­fernt vorgerückt. Hier leisteten die Aufrührer nur sehr schwachen Widerstand. Dagegen stieß der linke Flügel der Regierungstruppen auf ernsthaften Widerstand, der jedoch gleich­falls gebrochen wurde. Heute, Montag, sollen 30 Bombenflugzeuge die Stellungen der

Aufständischen bei Drama und Kavalla mit Bomben belegen. Die Einkreisung der Aufrührer, die General Kondylis verfolgte, wurde am Sonntag in­folge der großen (Entfernungen und hauptsächlich infolge der Ueberschwemmung des Strymon noch nicht erreicht. Kondylis teilte Sonntag abend dem Ministerpräsidenten mit, daß die Regierungs­truppen 150 Gefangene gemacht und vier Geschütze erobert hätten. Unter den Gefange­nen befänden sich zahlreiche Offiziere und Zivilisten, die sich gegen Löhnung hätten anwerben und ein- stellen lassen.

Die Entscheidung steht dicht bevor. General Kon­dylis übernachtete mit seinem Generalstab in der Nähe von Serres im Dorfe Provata. Man rechnet mit einem Angriff auf d i e be - feftigten Stellungen der Rebellen um vier Uhr früh. Alle Straßen und Wege zur Front weifen einen überaus starken Verkehr von Muni- tions- und Proviantkolonnen, von Militär aller Waffengattungen auf. Am Sonntag trafen in Athen 50 höhere Offiziere, die in Saloniki an der Erhebung gegen die Regierung teilgenommen hatten, ein. Soldaten und Zivilisten bedrohten die Offiziere derart, daß sie unter Polizei» schütz genommen werden mußten. Sie rourbeji in Haft genommen.

Vermählung des Ministerpräsidenten Göring.

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Berlin, 9. März. (DNB.) (Eine uns heute zu­gegangene Nachricht, daß der Ministerpräsident und Reichsluftfahrtminister General Göring sich am Donnerstag, 11. April, mit Frau Staatsschauspiele- rin Emmy Sonnemann vermählen wird, ist uns auf Rückfrage bei der Adjutantur des Mini­sterpräsidenten als richtig bestätigt worden.

Staat, Technik und Wirtschaft.

Kundgebung der deutschen Technik auf der Leipziger Messe.

Leipzig, 10. März (DNB.) Zum zweiten Male fanden sich die im Reichsbund technisch- wissenschaftlicher Arbeit (RTA.) und im Nationalsozialistischen Bund deut­scher Technik (NSBDT.) vereinigten deutschen Ingenieure und Techniker aus Anlaß der Früh­jahrsmesse in Leipzig zu einem Messetreffen der Technik zusammen. Während das erste Treffen Or­ganisationsfragen galt, wurde diesmal die prak­tische Arbeit des Ingenieurs in Staat, Technik und Wirtschaft behandelt.

Reichsstatthalter M u t s ch m a n n eröffnete die Kundgebung mit einem kurzen Gedenken an Hanns Schemm. Die Ausgaben des Technikers, so führte er dann aus, bestehen nicht nur im Erfinden und Konstruieren, sondern seine schöpferische Begabung verpflichte ihn auch, sich am öffentlichen Leben zu beteiligen. Technik und Wirtschaft seien untrennbar miteinander verbunden, wie es auch kein Gebiet menschlicher Betätigung aebe, auf das die Technik nicht Einfluß habe. Auch auf dem Gebiet der Politik sei das heute der Fall, schon allein aus der Tatsache, daß sich Deutschland gegen­wärtig seinen wirtschaftlichen Weg aus eigener Kraft bahnen müsse.

Der Beauftragte für die Technik, Generalinspek­tor Dr. Jng. Todt, gab einen kurzen Ueberblick über die technischen Großleistungen, die in diesem Jahr in Angriff genommen und durchgeführt wur­den. Damit habe die Technik auch eine ungeheure Verantwortung übernommen. Von her Art, wie diese Aufgaben durchgeführt werden, hänge das Wohl unserer Nation ab. Die Technik werde diese Ausgaben zum Nutzen der Gesamtnation erfüllen.

Sodann sprachen Staatssekretär Dr.-Jng. ehrenh. Ohnesorge überStaat und Technik" und Dr.- Jng. Schulz (VDJ.) überUnsere Aufgaben und die technisch-wissenschaftlichen Vereine". Das deutsche Volk besitze einen großen Schatz, der ihm Ausgleich biete für alle von der Natur karg zugemessenen Güter: den forschenden und schaffenden Geist in der deutschen Technik Nicht nur das wirtschaftliche, son­dern zugleich das politische und völkische Leben beruhe weitgehend auf der Arbeit der deutschen Wissenschaft und Technik. Aufgabe der Staatsfüh­rung sei es, die technische Forschung auf ein be­stimmtes Ziel zu richten. Dann sprach als Vertre-