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Hr.257 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oderhesien)

Donnerstag, (0. Oktober 1955

Die ersten Absagen an die Genfer Gankiionspoiiiik.

Oesterreich und Ungarn schließen sich von Gühnemaßnahmen gegen Italien aus.

scharfe Angriffe gegen Oesterreich und Ungarn, die alsVasallen Mussolinis" bezeichnet werden. Die gegenwärtige österreichische Regierung stehe natür« lich völlig unter italienischem Ein­fluß. Die Erklärung des österreichischen Vertreters sei lediglich ein Widerhall der Stimme seines Mei­sters gewesen.

Genf, 9. Oft. (DRV.) Die Völkerbunds- Versammlung, die zur Behandlung der Sank­tionsfrage im italienisch-abessinischen Konflikt erneut einberufen worden ist, trat Mittwoch kurz nach 18 Uhr in dem Gebäude des Genfer Generalrates zu­sammen. Die meisten europäischen Staaten sind wiederum durch ihre Außenminister vertreten. Das Interesse von Publikum und Presse ist stärker als bei den meisten früheren Plenarsitzungen.

Der tschechoslowakische Außenminister Dr. Be­ne sch eröffnete die Sitzung mit einer Mitteilung über die Umstände, die die Einberufung der Ver­sammlung notwendig gemacht haben. 'Er verlas dann den Beschluß des Völkerbundsrates, in dem Italien als Angreifer und Verletzer des Paktes fest­gestellt wird und erklärt, daß nunmehr die Mitglie­der der Versammlung berufen seien, sich zu äußern. Dabei werde erwartet, daß sich diejenigen äußern, die Aenderungen oder Vorbehalte zu machen haben. Das Schweigen der anderen werde als Zustimmung ausgelegt.' Das Gleiche gelte für den Wunsch nach Stimmenthaltung, da eine formelle Abstimmung nicht vorgenommen werde. Die beson­dere Lage einzelner Staaten zum Sanktionsproblem soll in dem einzusetzenden Derbindungsaus- schuß, also nicht vor der Vollversammlung erör­tert werden.

Hierauf erhielt als erster Redner der ö st e r r e i - chische Delegierte, Baron Pfluegl, das Wort, er erklärte, daß Oesterreich sich nicht in der Lage sehe, den Schlußfolgerungen hinsichtlich des Sanktionsproblemes zuzustimmen, zu denen an­dere Völkerbundsmitglieder bereits gelangt seien. Der Delegierte betonte die Sympathie seines Lan­des für Italien, das er den großen Nachbarn und zuverlässigen Freund Oester- r e i ch s nannte. Oesterreich werde nicht vergessen, daß Italien in einer tragischen Stunde seiner Ge­schichte im besten Völkerbundsgeist dazu beigetragen habe,seine Unversehrtheit zu sichern". Diese Freundschaft werde weiterdauern. Die Aufgabe des Völkerbundes fei es, den Frieden zu erhalten. Er könne nicht umhin, auf die ernste Gefahr aufmerk­sam zu machen, die die Sanktionen für das Wirtschaftsleben Europas mit sich brin­gen müßten, besonders für Staaten, die infolge un­günstiger Umstände sich in einer besonders schwierigen Lage befinden und die nicht nur in sich selber, sondern auch an ihre Gläu­biger denken müssen. Im gleichen Sinne sprach der u ng a r i s ch e Delegierte, von V e l i i t s ch. Der Zweck des Völkerbundes und des Paktes sei die Er­haltung des Friedens, und das setze voraus, daß die Kriegsursachen ausgeschaltet werden. Der Krieg dürfe nur eine ultima ratio sein. Das internationale Zusammenleben dürfe nicht ver­steinern. Auch der ungarische Vertreter sprach von der schwierigen Lage Ungarns gegenüber dem Sanktionsproblem, besonders, da Ungarn wirtschaft­lich auf den Absatz in Italien angewie- sen sei. Hierauf wurde die Aussprach auf morgen vertagt. Als erster Redner wird Aloisi sprechen.

Frachtkonjunktur auf der Donau.

Wien, 10. Okt. (DNB. Funkspruch.) Die gegen­wärtigen politischen Spannungen haben zu einer bedeutenden Belebung des Frachtver­kehrs auf der Donau geführt. Die Donau- Dampfschiffahrt-Gesellschaft soll derartig stark be­schäftigt sein, daß ihr 232 000 Tonnen fassender Ge­samtladeraum nicht mehr hinreicht, alle Aufträge zu bewältigen. Selbst die beiden kürzlich fertiggestell­ten großen Schleppboote von je 1000 Tonnen konn­ten keine fühlbare Entlastung bringen. Bei den Verschickungen handelt es sich hauptsächlich um Vorratskäufe Italiens, aber auch anderer Staaten, wobei in erster Linie der Transport

von Getreide und von Erdöl aus Ru­mänien eine Rolle spielt.

Holland zu Sühnemaßnahmen bereit.

Haag, 10. Okt. (DNB.) In der Ersten Kammer erklärte Ministerpräsident Dr. C o l i j n , daß die niederländische Regierung ihren Völkerbunds­verpflichtungen getreulich nachkom­men werde. Die Regierung werde sich also auch an Sühnemaßnahmen beteiligen, wenn sie auch hinsichtlich der von ihr zu ergreifenden Ausführungsmahnahmen eine gewisse Vorsicht

beachten werde. Die Regierung habe bereits Gesetz­entwürfe vorbereitet, durch die die Einfuhr italienischer Waben und die Gewährung holländischer Kredite an Italien unter­sagt werden. Ferner besitzt sie nunmehr auch die Möglichkeit, ganz unabhängig von Völkerbunds­aktionen Ausfuhrverbote für bestimmte Waren zu treffen, für die in Holland selbst ein dringendes Bedürfnis vorhanden ist. Von letzterer Möglichkeit hat die Regierung so­fort Gebrauch gemacht. Durch einen königlichen Beschluß ist die Ausfuhr von Benzin mit sofortiger Wirkung verboten worden, um die st arten Benzinaufkäufe, die sich in letzter Zeit in Holland bemerkbar machten, zu unterbinden.

Heimliche Vesnedigung in Paris.

Paris, 10. Okt. (DNB. Funkspruch.) Die Wei­gerung Oestereichs und Ungarns, an wirtschaftlichen und finanziellen Sühnemaßnahmen gegen Italien teilzunehmen, wird von der Pariser Presse mit einem leichten Unterton der Befriedigung hin­genommen, sei es auch nur, um zu beweisen, wie berechtigt die französischen Bedenken gewesen seien, daß die Sühnemaßnahmen ernste Schwierigkeiten auslösen würden.Oeuvre" stellt fest, daß d i e italienische Nord grenze außerhalb des Bereiches der Sühnemaßnahmen bleibt. Deshalb feien die meisten Vertreter in Genf sehr skeptisch über das Ergebnis der Sühnemaßnah­men geworden. Da man aber in Genf seit einigen Tagen den Eindruck habe, daß Italien in O st - afrika auf größeren Wider st and st o - ß e n könnte, als erwartet, würde die schlimmste Sühnemahnahme darin bestehen können, Italien seinen Krieg fortsetzen zu lassen. Man habe in Genf den Eindruck, daß England in sechs bis acht Wochen zur Blockade der italie­nischen Häfen in Eritrea und Jtalie- nisch-Somaliland schreiten werde.

Echo de Paris"meldet aus Genf, daß die Wei­gerung Oesterreichs und Ungarns niemanden überrascht habe, da zwischen Italien, Ungarn und Oesterreich das Abkommen vom 17. März 1934 bestehe. Das wichtigste Ergebnis der gestrigen Völ­

kerbundssitzung bestehe darin, daß im Norden Ita­liens einschließlich der Schweiz nunmehr ein Loch bestehe, eine Eingangs- und Ausgangspforte, die die Mächte mit ihren Sühnemaßnahmen kaum schließen könnten. Man könne Italien daher nur sehr schwer von den von ihm benötigten Rohstoffen ab- schneiden. Hingegen würde eine gemeinsam durch­geführte Beschränkung derKäufe in Ita­lien durch die anderen Mächte Italien in seinem finanziellen Aufbau schwer treffen und seine Gold­reserven beeinträchtigen. Allerdings werde dieses Mittel nur sehr langsam wirken.

DerPetit Parisien" zeigt sich über die Haltung Ungarns nicht überrascht. Die von Oesterreich und Ungarn gezeigte Opposition könne für künftige Fälle zu denken geben. Wenn z. B. Zwei große europäische Mächte in Streit gerieten, genüge es, daß ein Staat mit dem Angreifer befreundet sei, um die Einstimmigkeit Genfs hinfällig werden zu lassen, und die Anwendung des Artikels 16 unmöglich zu machen.Figaro" vermutet, die Englänoer würden zur Blockade Ita­liens schreiten, wenn zu viele Mächte sich den Sühnemaßnahmen entzögen. Die Dölkerbunds- juriften seien aber der Ansicht, daß Entscheidungen von solcher Tragweite nur nach vorheriger Beratung getroffen werden würden.

peinlicher Eindruck in London.

London, 10. Okt. (DNB. Funkspruch.) Die Er­klärungen der Vertreter Oesterreichs und Ungarns in Genf, daß ihre Länder sich nicht an Sühnemaß­nahmen gegen Italien beteiligen könnten, haben in London großes Aufsehen erregt. Die Blätter spre­chen von einerUeberraschung". Die Haltung Oesterreichs und Ungarns werde das geplante Sühneverfahren durch die übrigen Staaten nicht verhindern. Reuter meldet, in Genf werde die An­sicht ausgesprochen, daß weniger der Umfang der Sühnemaßnahmen als die bloße Tatsache, daß überhaupt Sühnemaßnahmen angewandt wer­den, entscheidend sein werde. Ein politischer Beob­achter in Genf habe sogar zynisch erklärt, die schlimmste Sühnemaßnahme wäre es, wenn man Italien den Krieg in Abessinien fortsetzen lasse.

Daily Telegraph" sagt, der Gerechtigkeitssinn verlange, daß mandas grausame Dilemma", in dem sich besonders Oesterreich befände, anerkenne. Es sei zwischen der Treue zu einem starken Freunde und der Treue zu einem hohen moralischen Grundsatz zerrissen. Trotzdem hätte es mehr als andere Länder in Europa zu verlieren, wenn die kollektive ©irfjer»

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heit und die Anwendung von Sühnemaßnahmen auf Grund seines Verhaltens topediert werden sollte. Daily Mail" schreibt: Wenn noch irgendein Zwei­fel über die wirtschaftlichen Störungen gestanden habe, die durch die Anwendung von Sühnemaß­nahmen hervorgerufen würden, dann sei er durch die Erklärungen des österreichischen und des unga­rischen Vertreters beseitigt worden. Ihre Befürch­tungen fänden ein Echo bei mehreren anderen in Genf vertretenen Staaten und die Dölkerbundsver- sammlung werde sich wahrscheinlich weiteren Absagen gegenübersehen. Ohne Einstimmigkeit seien aber irgendwelche Sühnemaßnahmen lächer­lich und zwecklos.

Daily Expreß" sieht in dem Verhalten Oester­reichs und Ungarns den Beweis, daßein halber Völkerbund" keine Sühnemaßnahmen durchsetzen könne. Beabsichtige England etwa, Oesterreich, zu dessen Verteidigung es verpflichtet sei, zu boykot­tieren?Oesterreich und Ungarn, die Verbündeten Italiens, haben die Frage der Auflehnung gegen die Sühnemaßnahmen auf die Tagesordnung ge­bracht." Der oppositionelleDaily Herald" bringt

Begeistertes Echo in Rom.

Mailand, 10. Okt. (DNB. Funkspruch.) Die italienische Presse feiert die Haltung der Vertreter Oesterreichs und Ungarns im Völkerbund, die als beispielgebend hingestellt wird.Stampa" spricht von einer edlen Neubekräftigung der Freundschaft dieser beiden Staaten für Ita­lien. Mit einem moralischen Mut, der dem Edelmut ihrer Länder würdig sei, hätten die Vertreter bei­der Staaten anstatt zu schweigen, offen ihre Gründe dargelegt und damit ein Beispiel gegeben. So wie Italien niemals, den Verrat vergessen werde, so werde es auch niemals diese freundschaftliche Geste vergessen.Popolo d'Jtalia" sagt: Zwei kleine Staaten hätten sich mit großem Mut und mit nicht weniger großer Loyalität gegen den kalten, welt­herrlichen und einschüchternden Willen derjenigen gestellt, welche glaubten, die Stärksten zu sein. Das seien die Freunde, auf welche Italien zählen könne, Italien werde das niemals ver­gessen.

Oer Abbruch der diplomatischen Beziehungen.

Rom, 9. Okt. (DNB.) Die italienische Regierung hat ihren Gesandten in Addis Abeba telegraphisch ermächtigt, seine Pässe zu ver­langen und seinen Posten zu verlassen. Graf Vinci wird spätestens Donnerstag von Addis Abeba nach Dschibuti abreisen. Gleichzeitig ist der italienischen Regierung vom hiesigen abes­sinischen Geschäftsträger die Mitteilung ^gegangen, seine Regierung wünsche, daß er sich oie Pässe aus händigen lasse und Ita­lien verlasse. Diesem Wunsch wird in Kürze entsprochen. Damit sind die diplomatischen Bezie­hungen zwischen den beiden Ländern vom Donners­tag ob als abgebrochen zu betrachten.

In Rom wird Wert darauf gelegt, zu betonen, daß die italienische Maßnahme auf eine Mitteilung aus Genf zurückgehe, wonach Abessinien die Abreise des italienischen Gesandten verlange. Der Abbruch der Beziehungen gehe also in beiden Fäl­len auf die Initiative Abessiniens zurück.

Kleine politische Nachrichten.

Die L a n d e s st e l l e n l e i t e r des Reichspropa­gandaministeriums traten am Mittwoch wieder zu einer Tagung in Berlin zusammen, wobei zunächst Reichsminister K e r r l über die Kirchenfrage längere grundlegende Ausführungen machte. An­schließend sprach Reichsminister Dr. Goebbels über aktuelle politische Fragen. Zum Schluß wurden verschiedene Spezialfragen behandelt.

Die Gesamtzahl der Rundfunkteilnehmer im Deutschen Reich betrug am 1. Oktober 1935 6 651 924 gegenüber 6 542 168 am 1. September. Im Laufe des Monats September ist mithin eine Zunahme von 109 756 Teilnehmern (1,7 v. H.) eingetreten. Unter der Gesamtzahl am 1. Oktober befanden sich 483 189 Teilnehmer, denen die Rund­funkgebühren erlassen sind.

Der Präsident des Danziger Senats, Greiser, der auf Einladung der polnischen Regierung zur Jagd in den Karpathen weilte, hatte auf der Durchreise in Warschau eine kurze Aus­sprache mit Ministerpräsident S l a w e k, dem Außenminister Oberst B e ck, Finanzminister Z a - w a d z k i, Dizehandelsminister L e k n i ck i und dem Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses F ü r st e n Radziwill. Gegenstand der Besprechungen wa­ren u. a. die Danzig-polnischen Hafenverhand­lungen.

Die veränderlichen Sterne.

Von Dr. M Lindow, Münster.

Wenn ein Astronom von Sternen schlechthin spricht, so meint er immer Fixsterne, nicht Planeten oder Kometen. Die Fixsterne scheinen einer gewaltigen Kugel angeheftet (hxae) zu sein und drehen sich mit ihr jeden Tag einmal um die Weltachse. Zueinander nehmen sie immer dieselbe Stellung ein, so daß man sie in Gruppen zu- sommenfassen kann, wie Städte zu einer Provinz. Ebenso, wie man auf einem Erdglobus die wichtigsten Städte eintragen kann, so auf dem H i m m e l s g l o b u s die hellsten Fixsterne Ebenso, wie man zur genaueren Darstellung der Erdober­fläche den Globus in Kartenblätter zerlegt, die ein bestimmtes Gebiet mit viel größerer Genauigkeit darstellen, macht man es auch mit dem Himmels­globus. Ein Planet oder Komet kann hier eben­sowenig einen bestimmten Platz erhalten, wie em Eisenbahnzug auf der Landkarte.

Die Bedeutung der Orte mißt man gewöhnlich nach ihrer Einwohnerzahl (Weltstadt, Großstadt, Mittelstadt, Kleinstadt, Dorf, Flecken). Je volkreicher ein Ort ist, um so größer macht man den Kreis, der ihn auf der Landkarte abbildet. Genau so ist s auf der Himmelskarte; ein großer Kreis bedeutet einen besonders hellen Stern. Ob dieser an sich eine größere Leuchtkraft besitzt oder wegen feiner größeren Nähe auf unsere Netzhaut kräftiger wirkt, tut hier nichts zur Sache. Man rechnet die hellsten Sterne zur e r st e n Größenklasse, dann folgt die zweite usf., bis man bei der sechsten Klasse auf Sterne kommt, die das unbewaffnete Auge noch gerade wahrnehmen kann; bei Fernrohrbeobachtun­gen muß diese Skala natürlich noch viel weiter fort­gesetzt werden. Ein Stern erster Klasse ist etwa zweieinhalbmal so hell wie einer der zweiten, dieser strahlt wieder zweieinhalbmal so stark wie einer der dritten usw.

Der BegriffGroßstadt" umfaßt Orte von 100 000 bis 499 999 Einwohnern, wenn man dieWeltstadt" mit 500 000 beginnen lassen will. Eine genauere Vorstellung von ihr erhält man erst durch eine fd,ärferc 6rfafiung der betreffenden Ziffer sie ist -> B für Stettin 2,6 Hunderttausend. Auch die Lniateit der Sterne ändert sich nicht sprungweise: um sie genauer zu bezeichnen, muß man an dl- aanzen Zahlen Dezimalstellen anhangen, so liegt ? B die Helligkeit eines Sterne- 2^5. Graß- genau t Mitte zwischen der eines Normalsternes 2.

eines Norma st-rnes S. Größe. Beim Wagen ^ Großen Barens ist die Helligkeit der ItebTn Hauptsterne, °°m äußersten D-ichselstern an

gerechnet, 2,3; 2,4; 2,2; 3,5; 2,7; 2,6; 2,0. Wenn man nachprüft, wird man zum mindesten leicht fest­stellen können, daß der mittlere Stern, die Ansatz­stelle der Deichsel, weitaus schwächer leuchtet als die andern. Das Reiterchen (Alkor) gar, in un­mittelbarer Nähe des zweiten Sternes gelegen, ist nur 4,2. Größe.

Die Einteilung nach Größenklassen ist uralt; man kann sich daher das Erstaunen des ostfriesischen Pfarrers David Fabricius vorstellen, als er am 13. August 1596 im Sternbild des Wal­fisches (cetus) einen Stern zweiter Größe (also so lichtstark wie der hellste Bärenstern) entdeckte, den er vorher nie dort gesehen hatte. Er gab ihm den NamenMira ceti (mirus=rounberbar). Nur einige Wochen leuchtete er, dann wurde sein Licht so schwach, daß er dem unbewaffneten Auge ent­schwand. Das Fernrohr war aber damals noch nicht erfunden. Nach einiger Zeit kam er wieder zum Vor­schein, und der Vorgang wiederholte sich. Im Jahre 1667 fand Montanäri, daß der Stern Beta im Perseus (Algol) ebenfalls veränderlich ist. Weitere Entdeckungen folgten, so stellte' Good- ricke den Lichtwechsel von Beta im Schwan fest. 1840 kannte man erst 23 veränderliche Sterne, heute mehr als 6000!

1844 gab Argelander fein berühmtes Stu­fe n s ch ä tz u n g s v e r f a h r e n an. Der zu unter­suchende Stern wird mit zwei anderen von bekann­ter, gleichbleibender Helligkeit, z. B. 3. und 4. Größe, verglichen. Ist er heller als der eine und schwächer als der andere, so braucht er nicht ge­rade 3,5. Größe zu sein, er kann auch etwa die Größe 3,2 oder 3,7 haben. Wie man mit den gering­optischen Mitteln nach Argelander den richtigen Wert findet, kann hier nicht näher auseinanderge­setzt werden. Wir übergehen auch eine ganze Reihe oon Apparaten, die ersonnen wurden, um die Beobachtungsgenauigkeit zu steigern, und wenden uns gleich den modernsten zu, dem Blinkkom- parator und dem Plattenphotometer. Der Blinkkomparator vergleicht zwei photographi­sche Platten, die zu verschiedenen Zeiten von der­selben Himmelsgegend ausgenommen wurden. Ver­änderliche Sterne verraten ihr Dasein durch Auf­blinken. Das Plattenphotometer dient zur Messung der Größenklasse. Das Licht wird in Elektrizität übergeführt, deren Stärke leicht bestimmt werden kann. Sie erlaubt dann einen Rückschluß auf die Helligkeit, die der Stern zur Zeit der Aufnahme hatte. Gegenüber der visuellen Methode hat dies Verfahren verschiedene Vorzüge: Es ist unabhängig oon der Witterung, denn die einmal hergestellten Platten können jederzeit im Laboratorium unter­sucht werden mit all den Tausenden von Sternen,

die sie enthalten. Zum andern sind die Messungen exakt, d. h. den physiologischen Fehlerquellen des elementaren Verfahrens entzogen. Die Genauigkeit ist viel größer.

Das Ergebnis dieser Beobachtungen ist die L i ch t- kurve des Veränderlichen. Jeder hat wohl einmal gesehen, wie ein Registrierthermometer die Temperaturkurve eines bestimmten Ta- ges aufzeichnet. Auf einer waagrechten Linie find die Stunden des Tages in gleichmäßigen Abständen abgetragen; ein Schreibstift geht um fo weiter nach oben, je heißer es ist; wird es kälter, so senkt er sich bis zur Nullinie oder, bei Temperaturen unter 0 Grad, noch weiter. Auch ohne diesen Mechanismus könnte man dieselbe Kurve erhalten, wenn man in angemessenen Zeitabschnitten ein gewöhnliches Ther­mometer ablesen und die Messungsergebnisse senk­recht zu jener Normalgeraden, der Höhe der Queck­silbersäule entsprechend, abtragen würde. Es müssen dann nur noch die so ermittelten Endpunkte durch eine Kurve verbunden werden. Ebenso geht man bei den Veränderlichen vor, nur daß man nicht Tempe­raturgrade, sondern Helligkeiten, in Größenklassen, zeichnerisch darstellt.

Bei Algol verläuft die Lichtkurve 2 Tage 11 Stunden lang horizontal (gleichbleibende Hellig­keit). Dann senkt sie sich in 4 Stunden 54 Minuten zu einem Minimum hinab, um in derselben Zeit wieder zur Normalhelligkeit anzusteigen. Ein Mini­mum trat am 30. September d. I. um 20 Uhr 6 Mi­nuten ein, die folgenden erhält man, wenn man diese Zeit um 2 Tage 20 Stunden und 49 Minuten ver­mehrt und dieses Verfahren wiederholt.

Bei Beta Lyrae müssen wir ein Haupt- und ein Nebenminimum unterscheiden. Die Lichtkurve ähnelt einem großen lateinischenM, in dem man die Ecken durch Bogen abgeschliffen hat, die der Sterne vom Typus Delta Cephei zeigt einen schnellen Anstieg und ein allmähliches, oft wellenförmiges Abfinken.

Während der Ablauf des Lichtwechfels bei den bisher aufgeführten Klaffen streng periodisch ist, wechselt die Periode bei Mira Ceti, sie kann zwischen 320 und 370 Tagen liegen. Auch die Gestalt der Lichtkuroe ändert jedesmal ihr Aussehen. Derart unregelmäßige Veränderliche gibt es viele; den gigantischen Abschluß dieser Gruppe bilden die Neue n" Sterne, z. B. die im Dezember 1934 ent­deckteNova Herculis. Hier haben wir einen steilen Anstieg von ganz geringer bis zu äußerst starker Helligkeit, dem ein langsamer, meist wellen­förmiger Abfall folgt, bis das Objekt wieder dem unbewaffneten Auge für immer entschwindet.

Wie erklärt man sich die Veränderlichkeit jener weltenwett entfernten Glutbälle? Nun, im einfach­

sten Fall, A l g o l t y p u s , kann man allen Erschei­nungen gerecht werden, wenn man annimmt, daß ein heller Stern von einem verhältnismäßig dunklen regelmäßig umkreist und durch den Vorübergang teilweise verfinstert wird. Bei Beta Lyrae ist der Abstand zwischen den beiden Sonnen so gering, daß ihre gegenseitigen Anziehungskräfte ausreichen, ihre Kugelgestalt in eine Eiform umzuwandeln. Von den Delta-Cephei- Sternen meint man (nach einer der möglichen Hypothesen), daß sie sozusagenatmen". Sie vergrößern und verkleinern sich mit periodischer Regelmäßigkeit, sie führenPulsationen" aus. Für die unregelmäßigen Veränderlichen gibt es eine ganze Reihe oon Erklärungen, die nicht immer be­friedigen; bei denNeuen" Sternen müssen wir wohl an eine Weltkatastrophe denken.

Zeitschriften.

Das Oktoberheft derZeitwend e" (Wiehern- Verlag, Berlin-Spandau, Ev. Johannesstift), stellt die Frage:Ist Nietzsche zeitgemäß?" Auf den ersten Blick möchte man sie bejahen. Der Künder eines kämpferischen Ethos, einer tragisch-heroischen Lebensauffassung könnte als der Philosoph des neuen Deutschland erscheinen. Aber bei näherem Zusehen ändert sich das Bild: Nietzsche hat nicht nur jede Form des Sozialismus entschieden abge­lehnt, sondern stand alsguter Europäer" auch dem Nationalsozialismus völlig fern. Don Jahr zu Jahr werden seine Urteile über unser Volk geringschätzi­ger, während er das Judentum als einen wesent­lichen Bestandteil der von ihm ersehnten neuen Mischrasse ansieht, die der Träger der künftigen , Vereinigten Staaten oon Europa" werden soll. Karl Kindt zieht das Fazit aus Nietzsches Stellung zum deutschen Volke. In die Tiefen persönlichsten geistigen Ringens mit Nietzsche und den durch ihn wachgerufenen Fragen führt eine Betrachtung von Dr. Tim Klein, die höchst eindringlich das Nietzsche-Erlebnis eines nahen Freundes schildert: sein anfängliches Gepacktsein durch den Dichter­philosophen, dann seine enttäuschte Abwendung von dem Vernichter aller Werte, seinen Weg von Nietzsche zu Kant und schließlich durch dieHöl­lenfahrt der Selbsterkenntnis" hindurch- zu Lu­ther. Im Mittelpunkt des Heftes steht eine um­fassende Betrachtung überNietzsche und die refor­matorische Botschaft" (von D. Dr. Earl Schweitzer). Einen epischen Ruhepunkt zwischen diesen Aufsätzen bildet der Beginn einer Erzählung von Otto Frei­herrn von TaubeDas Mysterienspiel zu Eisenach", die in feiner Weise die Frage nach demchristlichen Fürsten" stellt. DieUmschau" enthält einen lebendig vergegenwärtigenden Gedenkaufsatz Michael Schneiders zum $50. Geburtstag von Heinr. Schütz«