Nr. 2(1 Zweites Blaff
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Dienstag. (0. September (955
Oer Condottiere des Lust-Ozeans.
Oer Lebensroman des italienischen Marschalls und Gouverneurs Italo Balbo.
Marschall B a l b o, der Gouverneur von Libyen, wurde zum Oberstkommandierenden der italienischen Mittelmeer-Luststreitkräfte bestellt Damit wurde eine organische 93er» eimgung aller italienischen Luftstreitkräfte im Mittelmeer durchgeführt, die bei einem eventuellen Ausbruch des Krieges mit Abessinien von großer Bedeutung sein wird.
Vom Kriegsfreiwilligen zum Luflmarschall
Als der Führer der Himmelsflotte (ah ich dieser B a l b o im Jahre 1933 auf dem Gipfel einer Weltvolkstümlichkeit Er setzte sich damals an )ie Spitze jener acht Staffeln zu je drei Flugzeugen die von Ortobello aus die gefährliche Nordatlantik st recke bezwangen, auf dem M'ch'gan-See in USA niedergingen und über Neu-
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(Scherl-Bilderdienst-M)
vorbereitete. Der Aufstand mißglückte zwar — aber der junge Balbo hatte Blut geleckt. „Aktion" !st von nun an das große Gesetz seines Lebens ge- wesen
Der Barsch nach Fiume und der Barsch nach Rom.
Mit neunzehn Jahren wird er Kriegsfreiwilliger wird Reserveoffizier und mehrfach wegen seiner Tapferkeit dekoriert. Seine Bekanntschaft mit Mussolini stammt schon aus dem Jahre 1915 Der spätere „Duce" hat früher in diesem Jüngling voll Energie, Feuer und auch Ehrgeiz den kommenden Mann und wertvollen Helfer erkannt, der sich seinen Zukunftsträumen mit ganzem Herzen anschloß. Dieser junge Mensch muß einfach zwangsläufig dabei sein, als d ' A n n u n z i o an der Spitze seiner „Todeslegion" den berühmten Marsch nach Fiume antritt um die Stadt, die durch Friedens- vertrag Südslawien zugesprochen wurde, für Italien zu erobern. Hier in Fiume wird Balbo nach geglücktem Handstreich bereits Mitglied der provisorischen Regierung — und ist dem Faschismus längst mit Leib und Seele verfallen In seiner Heimat leitet er scharfe Aktionen der faschistischen Kampfschwadronen — und ist dann einer der Quadrumvirn neben Devecchi, De Bono und dem inzwischen verstorbenen Bianchi die den historischen Zug nach Rom leiteten, der Mussolini an die Spitze eines neuen Italiens brachte —: an der Seite seines Führers zieht er in die Hauptstadt ein
Man kann Balbo nicht den Ruhm versagen, von Anfang an unter den Faschisten — immer den gebührenden Abstand von Mussolini berücksichtigt — wohl der Aktivste und Begabteste in Bezug auf Or- ganisationstalent und auch Einfühlungsvermögen in die Massen gewesen zu sein. Es erfolgte ein schneller Aufstieg zum Unter st aatssekretär.
zum General und endlich, 1929, zum Minister für Luftfahrt. Auf diesem Posten hat Balbo Außerordentliches geleistet für die italienische Luftflotte die in ihrer glänzenden Organisation und Leistungsfähigkeit sein ureigenstes Werk ist. Dabei hat sich dieser geborene „Aktivist" immer selbst mit seinem Leben und seiner Leistung eingesetzt, das haben die mannigfachen Geschwaderflüge bewiesen, an deren Spitze er stets flog, und deren letzter und sensatio- netlfter der schon erwähnte Nordatlantik-Geschwaderflug vom Jahre 1933 gewesen ist
Einer der Vesten Italiens...
Das Unbegreiflichste an diesen Leistungen ist eigentlich, daß Balbo, als er 1927 als Unterstaatssekretär in das Luftfahrtsministerium kam, weder erprobter Verwaltungsbeamter, noch Generalstäbler, noch Ingenieur noch sonst irgend etwas war, was ihn auch nur im geringsten dazu befähigt hätte, Schöpfer und Führer der neuzubildenden starken italienischen Luftflotte zu werden. Als Zwanzigjähriger hatte er einmal einen Pilotenkurs in Turin knapp eine Woche hindurch besucht — das war alles! ... das war die Grundlage, von der er jählings aufstieg zum „Condottiere des Luftozeans"
Kurz nach feinem triumphalen Einzug in Rom nach der Heimkehr vom Geschwaderflug noch Nordamerika übernahm übrigens Mussolini selbst das Luftfahrtministerium und ernannte Balbo zum Gouverneur von Libyen. Das sah fast nach einer K a l t st e l l u n g aus — aber jetzt erweist sich, daß der Duce, träumend von einem afrikanischkolonialen „Imperium" Italiens sehr bewußt an die Spitze dieser afrikanischen Kolonie einen seiner besten Männer gestellt hat — einen Mann, den er jetzt wieder herangezogen zu der bekannten Mission in Paris .. und einen Mann, der, entwickelt sich der Konflikt mit Abessinien tatsächlich zum Krieg, wie aus der jetzt erfolgten Ernennung zum Oberstkommandierenden der italienischen Mittelmeer-Luftstreitkräfte zur Genüge hervorgehen dürste, sofort unter den führenden italienischen Persönlichkeiten solche Bedeutung erlangen wird, daß uns diese Schau auf sein ungewöhnliches bisheriges Leben wichtig und interessant erschien H. W. K.
Die Mein-Minische Wirtschafts-Ausstellung
geschloffen.
lieber 250000 Personen besichtigten die Ausstellung.
funblanb unb die Azoren in die Heimat zurückkehr, ten, um in Ostia, im Seehasen unb Rom, zu Wasser zu gehen. Ungeheuerlich war der Jubel der Bevölke- rung in der Hauptstadt nicht nur, sondern in ganz Italien während des festlichen Empfangs der kühnen Piloten, bei dem Mussolini dem „Führer der Himmelsflotte" den Marschallhut überreichte. Damit war zunächst eine-Laufbahn abgeschlossen, die in fünfzehn Jahren vom Kriegsfrei, willigen zum Luftmarschall geführt hatte — eine Laufbahn, deren letzter großer Leistung vor allem auch Deutschland seine Bewunderung zollte, indem es Jtalo Balbo zum Ehrenmitglied des deutschen Aero-Clubs machte
Erst neununddreißig Jahre zählt heute dieser Cor - bottiere des Luftozeans, wie ihn seine Landsleute verehrend getauft haben. 1896 wurde er Sohn einer alteingesessenen Familie, im ferrareischen Flecken Quartefana geboren Aus seiner Jugend erzählt man sich, daß er von jeher ein außerordentlicher Draufgänger gewesen fein soll, der sich s ch o n m i t v i e r- zehn Jahren in die Politik stürzte unb bereits als Schriftleiter seinen Lebensunterhalt oerbiente. Nicht mehr als vierzehn Jahre auch war biefer Tollkopf, als er sich, unter ber Vorspiegelung, zwanzigjährig zu sein, sich in sein erstes revolutionäres Abenteuer stürzte, indem er sich dem Abenteurer Ricciotto Garibaldi anschloß, als dieser in Albanien einen Aufstand gegen die Türken
LPD. Frankfurt a. M., 8. Sept. Am heutigen Sonntag ist die Ausstellung „D i e Rhein-Mainische Wirtschaft" auf dem Festhallengelände zu Fraykfurl a. M. g e s ch l o s - s e n worden Während der 1 6 t ä g i g e n Dauer haben mehr als 2 5 0 0 0 0 Personen diese große Schau rhein-mainischen Wirkens und Schaffens besucht. Die Ausstelluna hat nicht nur im Rhein- Main-Gebiet, sondern Darüber hinaus auch in ganz Deutschland und über seine Grenzen hinaus stärkste Beachtung gefunden. Das Ausland war mit mehr als 5000 Besuchern vertreten, wobei nicht nur die Mehrzahl der europäischen Nationen gezählt wurde, sondern auch lehr viele überseeische Länder -vertreten waren.
Wenngleich die ideelle Zielsetzung entscheidend war, Jo kann auch von einem überraschend guten geschäftlichen Erfolg berichtet werden Zwar konnten auf der Ausstellung große elektrotechnische Anlagen ober Farben in ihrer vielfachen Anwendungs- möglichkeit nicht abgesetzt werden, aber die Liste der Interessenten, die auf dieser Ausstellung aufgestellt werden konnte, ist sehr groß und wiro ihre wirtschaftlichen Wirkungen in den nächsten Monaten zeigen. Soweit es sich aber um messefähige Ware handelt, gab es nicht nur große Jnterefsentenlisten, sondern auch gefüllte Auftragsbücher, deren Ausmaß auch die besten Erwartungen übertroffen hat. Wenn dabei die Verkaufsstelle für oberheffi -
s ch e B a u e r n k u n st, die sich in den Dienst einer Wiederbelebung des bäuerlichen Kunsthandwerks gestellt hat, mit kleinsten Beträgen einen Umsatz von mehreren tausend Mark erzielte, so darf das ganz besonders hervorgehoben werden.
Entscheidend für das Gesamtergebnis bleibt die Wirkung, die zunächst m der Aktivierung der gesamten rhein-mainischen Bevölkerung für ihre wirtschaftlichen Aufgaben liegt. Mit dieser Ausstellung und durch diese ist ein lebendiges Bild rhein-mainischen Wirkens und Schaffens gegeben worden. Möge damit ein tragfähiger Baustein zum weiteren Aufbau der rhein-mainischen Wirtschaft und darüber hinaus der deutschen Volkswirtschaft gelegt worden sein
Am Samstagnachmittag hatten Reichshandwerks- meifter Schmidt und Reichsstatthalter Gauleiter Sprenger der Ausstelluna, namentlich der Handwerksschau, einen Besuch abgestattet. Landeshand- werksmeister Garner begrüßte den Reichshandwerksmeister und überreichte ihm ein Aquarell sowie dem Gauleiter Sprenger eine in Holz geschnitzte Handwerkergestalt, die sich aus das Zeichen der Deutschen Arbeitsfront stützt. Der Reichshandwerksmeister und der Gauleiter richteten herzliche Dankesworte an die versammelten Obermeister und Meister, die zum Teil in ihrer Berufskleidung angetreten waren.
Wettbewerb für Wegweiser und Wegschilder aus Holz.
LPD. Das nationalsozialistische Deutschland hat alle aus ethnischen und weltanschaulichen Quellen fließenden Schutzbestrebungen in seine Aufbauarbeit einbegriffen und sie in vorbildlicher Weise durch eine beispielhafte Gesetzgebung auf eine neue, abso- lut positive Grundlage gestellt. So sind in rascher Folge das Tier- und Naturschutzgesetz geschaffen worben. Darüber hinaus haben auf Anregung des Reichswerberats im vergangenen Jahr die NS.* Gemeinschaft „Kraft durch Freude" und der ehemalige Reichsbund Volkstum und Heimat mit den ersten Reinigunasarbeiten begonnen. Es wurde ein großangelegter Kampf gegen Die Verschandelung der Heimat durch unschöne, schreiende, das unberührte Bild der Landschaft störende Außenreklame und Beschilderung mit Erfolg durchgeführt. Nun sollen weiterhin alle notwendigen Beschilderungen in einer der Landschaft angepaßten Weise durchgeführt werden, so daß der Wanderer, der durch die deutschen Gaue zieht, um feine Heimat, ihre Schönheit und Seele zu erfahren, auch in diesen Hinweisen auf Wea und Ziel der Straße, auf bedeutsame Stätten und anderes ein Stück Deutschheit, deutschen künstlerischen Schaffens aus deutschem Werkstoff erlebe.
Für den Gau Hessen-Nassau haben als Anregung dieser sinnvollen Neubeschilderung der Wege und Straßen und zur Gewinnung geeigneter Entwürfe die Hessische Landesregierung,' Abteilung II, die Bezirksstelle Hessen des Reichsverbandes des Bildhauer- und Steinmetzhandwerks und der Landschaftsbund Volkstum und Heimat, Landschaft Rheinfranken-Nassau-Hessen, unter Leitung von Ministerialrat Pg. Ringshausen einen mit Pfeifen versehenen Wettbewerb ausgeschrieben. Alle in der Deutschen Arbeitsfront stehenden deutschen Holzbildhauer, Holzschnitzer und jedes Mitglied der Reichskammer Der bildenden Künste kann sich an diesem Wettbewerb beteiligen. Die Bedingungen des Wettbewerbs können bei der Geschäftsstelle des Landschaftsbundes Volkstum und Heimat, Landschaft Rheinfranken-Nassau-Hessen, Darmstadt,Neckarstraße 3, angefordert werden.
An die Mädels!
Der BDM., Obergau Hessen-Nassau, veröffentlicht folgenden Aufruf:
Modelst
Ueberall in unferm Gau Hessen-Nassau finden in diesen Tagen große Kundgebungen gegen die reaktionären und konfessionellen Dunkelmänner statt, und in diesen Kundgebungen und Versammlungen erleben wir immer wieder aufs neue das eine ganz stark: „Wir gehören als Volk und Nation ganz fest zusammen, müssen ein harter, granitener Block werden, an dem sich die Dunkelmänner der ganzen Welt den Kopf einrennen!" Und stolz sind wir, daß wir uns einreihen dürfen in den großen Kampfblock, stolz sind wir, daß unser Führer auch uns Jungmädel braucht, weil eben jeder echte Deutsche zu ihm gehört. Unb du Mädel, das du noch immer abseits stehst, du, Mädel, das du noch immer nicht ein Jungmädel bist, merkst und spürst du nicht, daß es sich jetzt entscheiden heißt: „Willst du oder willst du nicht?" Mädel komm, noch ist es Zeit, Jungmädel rufen dich und wollen dir Kameradin sein. Komm unb gib dem Führer unb feinem großen Werk all deine freie Zeit und all deine Kraft und deinen Willen und sei ein frohes, stolzes Jungmädel wie wir! Mädel, der Führer unb Deutschland braucht jeden Deutschen, auch dich, unb nur Dunkelmänner hören seine Stimme nicht.
Eröffnung der deutschen Dahlienschau.
D a r m st a b t, 8 Sept (LPD ) In bem mit Dahlien unb Nelken reichgeschmückten großen Saal des Orangeriehauses in der Gartenbau-Ausstellung wurde am Samstag die Deutsche Dahlienschau 19 3 5 eröffnet. Oberbürgermeister Kreisleiter Wamboldt gab der Freude darüber Ausdruck, daß die Deutsche Dahliengesellschaft Darmstadt zum Ort ihrer diesjährigen Tagung be-
Beispiel eines Verlegers.
3ur Erinnerung an Eugen Diederichs.
Von Wilhelm Kunze.
Am 10. September jährt es sich zum fünften Male, daß Eugen Diederichs starb. Er war der Begründer des nach ihm benannten, heute von feinen Söhnen weltergeführten Verlags in Jena. Der „Eugen-Diederichs-Verlag" hat lange Zeit im Mittelpunkt des geistigen Lebens der deutschen Nation gestanden, er hat dem seit der Jahrhundertwende erwachten Trieb des Deutschen: sich geistig zu finden und zu begründen, Raum unb Nahrung gegeben. Eine jahrzehntelange, sorgfältig geleitete Entwicklung hat ben Verlag zu einem deutschen Kulturverlag werden lassen, der das persönliche Werk seines Gründers und damit ein Ausdruck einer ebenso ziel-, wie verantwortungsbewußten Persönlichkeit gewesen ist. „Ich bin mir wohl bewußt und sage es in aller Bescheidenheit mit dem Gefühl der unvollkommenen Leistung", schrieb der Sechzigjährige 1927, „daß die Autoren meines 93er- tags in ihrer Wirkung auf das geistige Leben des Volkes aus der Geistesgeschichte um die Jahrhundertwende nicht wegzudenken sind und ebenso, daß »om Verlaa aus auch eine gewisse Wirkung auf den Buchhandel ausgegangen ist, nicht nur in Ausstat- lungsfragen, sondern auch in der Auffassung ber Inneren Verpflichtungen unseres Berufes"
Seine Vorfahren waren feit Generationen Bauern gewesen, die sich allmählich zu Wohlhabenheit em» porgearbeitet hatten. Auch Eugen Diederichs hatte zuerst Landwirt werden sollen, entschied sich aber mit etwa zwanzig Jahren für einen Beruf, „der Nicht mit meinen geistigen Interessen im Widerspruch steht", ohne dabei an materielle Vorteile zu denken. Es scheint selbstverständlich für einen kul- turtragenben Verleger, baß er nicht .materielle" ! Gesichtspunkte im Auge hat Dennoch wird seine Gestalt erst bann von solcher Beispielhaftigkeit wie hier sein können, wenn Kulturwille und Leben iibereinftimmen Mit Recht kann von Eugen Diebe- nchs gesagt werden- „Das Verlagsprogramm war für ihn zugleich das Programm seines eigenen gebens, und nur aus dieser innerlichen Ueberein- jtimmung unb Jneinssetzung von Mensch unb Werk erklärt sich letzten Enbes ber Erfolg seiner Arbeit"
Diese Lebensarbeit erhielt eine wesentliche Note furch die gewichtige Tatsache, daß Eugen Diederichs mit seinem Verlag eigentlich immer führend gewesen ist. Er war keiner, der Zeit-Moden und Sensa- tionen pachzülaufen trachtete, um mit ihnen sein «p-schött rii vnn*<m CFr »rfiroMo feine
erfolge mit Massenabsatz und riesigen Auflagen. ,Hch möchte sogar so weit gehen und sagen, der augenblickliche Erfolg ist gar nicht so entscheidend im verlegerischen Leben, das Entscheidende ist Ausdauer und Konsequenz. Der Zickzackkurs des Verlegers, der immer der neuesten Mode nachläuft, führt selten zu einem guten Ende": schrieb er einmal selbst. Diese Worte haben durchaus den Wert eines Bekenntnisses An sie konnte Richard Benz anknüpfen, der vor fünf Jahren bei der Trauerfeier für den Verstorbenen sagte: „Eugen Dieberichs hat eigentlich geführt: er ist ber Zeit nicht nachge- ganaen, wie es heute bas Schicksal des Verlegers zu sein scheint; er ist ihr Dorgegangen, vorangegangen; und hat in geistigen Krisen, Kämpfen, Strebungen entscheidender gewirkt als irgendein einzelner Dichter ober Denker der Epoche." Wenn man sonst von Dichtern und Denkern sagen kann, daß sie ein „Werk" geschaffen haben, ein Lebenswerk, das aus einer inneren unb geistigen Gesetzmäßigkeit entstaub, — hier erfüllte sich ber erstaunliche Einzelfall eines verlegerischen Lebenswerke»
Schon der Beginn des Unternehmens hatte nichts von tastender Unsicherheit an sich Diederichs war sich um die Jahrhundertwende bewußt, daß der Naturalismus und ber barwinistische Entwicklungsglaube ber Naturwissenschaft zu Enbe gingen — ehe noch bie Tatsache selbst eingetreten war. So Der« banb er sich einerseits mit bem „Kunstwort "• Kreis und anderseits mit den Männern der neu auftauchenden idealistisch-neuromantischen Lebens- anschauung Aus diesen Anfängen entfaltete sich in organischem Wachstum ein Verlag, der ungefähr alle Bezirke des deutschen Geisteslebens und der deutschen Kultur in Vergangenheit unb Gegenwart umfaßte
Dabei wird niemandem entgegen können, daß ber leitende Wille über dieser Fülle von Zeugnissen geistigen unb seelischen Lebens, religiösen Charakter trug. „Wahrscheinlich wirb in Zukunft erst ber eigentliche Grundzug des Verlegers, nämlich das Religiöse, deutlich sichtbar werden, freilich nicht religiös in kirchlicher Auffassung, sondern in dem Sinne, daß Gott und die Welt eins sind. In dem Sinne, daß Gott im menschlichen Geiste lebt unb als solcher bie Forberung stellt." (Eugen Dieberichs 1927.) Hier haben wir bas Bekenntnis eines beutschen Verlegers. In gewisser Hinsicht wirb es burch bie Art ergänzt, wie Dieberichs in seinem eigenen Wesen eine Fortwirkung seiner Vorfahren erkannte: „Ich danke es meinem Schicksal, noch direkt aus Bauernblut zu stammen und aus ihm heraus in den Beruf geistigen Pflügens und Samenstreuens Mnr,^r„Ah.-f-n M, Mn "
Oie Brieftasche.
von Jo Hanns Rösler.
Das Kaffeehaus war ziemlich leer. Nur zwei Tische waren besetzt. Und als sollte es so fein, saß an jedem der beiden Tische nur ein Mann und trotzdem genau gezählt siebenundfünfzig Tische im Saal standen, saßen die beiden einzelnen Herren just an zwei nebeneinanberlieaenben Tischen, als wollten sie wohl jeder für sich, aber keiner doch ganz allein in der Einsamkeit sein
Plötzlich ging die Tür auf.
Ein dritter Herr trat ein.
Er eilte auf einen der beiden zu.
„Ich bin ganz verzweifelt!"
„Was gibt es?"
„Ein Unglück!"
„Dir oder mir?"
„Mir."
„Was ist geschehen?"
„Ich habe meine Brieftasche verloren!"
„War viel Geld darin?"
„Vierhundert Mark!" flüsterte der Neue aufgeregt.
„Vielleicht hast du sie —"
Der Verzweifelte schüttelte traurig ben Kops.
„Nein — ich habe sie schon überall gesucht! Unb wie ich sie gesucht habe! Ich weiß auch schon, wo ich sie verloren habe!"
„Wo?"
„In ber Straßenbahn."
Der Herr am Nebentisch erhob sich. Er war groß, schlank, bartlos, einen braunen Anzug hatte er an unb in ber Krawatte trug er ein goldenes Hufeisen. Er trat an den Tisch der beiden und grüßte höflich.
„Entschuldigen Sie, meine Herren —"
„Sie wünschen?"
„Ich hörte soeben Ihr Gespräch. Ich habe nämlich heute früh eine Brieftasche gesunden."
Die beiden sprangen auf
„Zeigen Sie sie bitte!"
Der Herr vom Nebenttsch lächelte leise.
„So einfach geht das nicht — Sie müssen mich schon verstehen — ich bin gern bereit, Ihnen Ihre Brieftasche zurückzugeben — nur — es ist kein Mißtrauen — aber Sie müssen mir zuvor einige nähere Angaben machen, das ist ja wohl auch auf dem Fundbüro üblich."
„Gern. Was wollen Sie wissen?"
„Wo unb mann haben Sie Ihre Brieftasche verloren?"
„In der Straßenbahn. Linie fünf. Kurz nach
„Stimmt", nickte der Fremde, „ich habe sie kurz nach halb zehn Uhr gefunden. Sie lag unter der Bank. Welche Farbe hatte die Brieftasche und was enthielt sie?"
Der Unglückliche antwortete schnell:
„Sie war braun, oben an ber rechten Ecke etwas beschäbigt, vierhundert Mark waren darin unb ein Zeitungsausschnitt über die neuen Steuern, ferner eine unbeschriebene Postkarte vom Cafs Hohen- kogel. Genügt das?"
„Es genügt", sagte ber Herr vom Nebenttsch mit betrübter Miene, „leider wird das nicht Ihre Brieftasche sein, die ich gefunden habe — sie ist nämlich schwarz und enthält nur zehn Mark."
Er legte eine alte, abgegriffene Tasche auf ben Tisch.
„Ober ist sie es boch?"
Der Mann, ber die Tasche verloren hatte, sah traurig auf den Fund.
„Nein — sie ist es nicht."
„Schade. Ich hätte Ihnen gern ben Dienst erwiesen", antwortete ber Fremde freundlich, „aber geben Sie trotzdem die Hoffnung nicht auf. Die Welt ist ehrlicher, als man im allgemeinen annimmt. Sicher wird sie jemand gefunden haben, vielleicht der Schaffner ober ein Fahrgast, er wird sie im Fundbüro abgegeben haben. Gehen Sie heute nachmittag hin — so viel ich weiß, macht das Fundbüro gegen vier Uhr auf — ich bin überzeugt, Ihre Tasche liegt dort."
*
Es war kurz nach vier Uhr, als der Mann, ber die Brieftasche verloren hatte, im Fundbüro erschien.
„Ist eine Brieftasche abgegeben worden?"
„Wie sah sie aus?" fragte ber Beamte.
Der Mann beschrieb sie. Er beschrieb sie genau. Das Gesicht des Beamten wurde immer länger. „Die Tasche ist vor einer Stunde abgeholt worden", sagte er bann.
„Abgeholt?"
„Ja. Ein Herr erschien, erklärte, heute kurz nach neun Uhr in der Straßenbahnlinie fünf eine braune Brieftasche, oben rechts etwas abgeschabt, verloren zu haben. Da die Tasche dort auch gefunden wurde unb der Inhalt, vierhundert Mark, einen Zeitunqs- ausschnitt über die neuen Steuern und eine unbeschriebene Postkarte vom Caf6 Hohenkogel so genau nannte, bestand kein Zweifel, daß er der Eigentümer war."
Der andere sackte ohnmächtig zusammen.
„Wie sah der Herr aus?" röchelte er noch.
Der Beamte sagte sachlich:
„Groß^ schlank, bar^os — einen braunen Anzug und in der Krawatte trug er ein anfbenes Auf-


