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Wr.185 Dritter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

5amrtag,l0. August 1955

Deutscher Garten deutsche Kultur.

Ein Besuch auf der Lubiläums-Gartenschau in Darmstadt.

9m 17. und 18. Jahrhundert verstand man es an vielen deutschen Fürstenhöfen, schöne, heiter-prunk-' volle Gartenschlösser zu bauen und dazu Gärten zu schaffen, die uns auch heute noch Bewunderung ab­nötigen. Zwar wurden diese Gärten t m franzö­sischen Stil angelegt, der in bewußter orna­mentaler Gestaltung der Beete und Wiesenflächen, wie auch in groetsker und unnatürlicher Beschnei­dung der Bäume seinen sinnfälligsten Ausdruck fand, sie waren aber doch der Ausdruck einer Kul­tur, der viele deutsche Fürsten huldigten. Später äu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde cher französische Stil durch den englischen Gar­te n b a u st i l abgelöst, der die Gartenlandschaft zwar natürlicher gestaltete, sie aber gleichzeitig in hohem Maße idealisierte. Lange, allzulange blieben diese fremden Gartenkulturen in unserem Vater­lande von starkem Einfluß und eine wirklich deutsche Gartenkultur konnte sich nicht entwickeln. Erst in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts lockerten sich die Bande. Vor allem wandte man sich auch mehr und mehr von dem Gartenstil ab. der die Pflanzen der Mittel­meerküsten nach Deutschland brachte (Palmen, Yucca, Zypressen usw.), die wir bei ehrlichem Ge­fühl immer als fremd empfinden mußten.

Darmstadt, die hessische Landeshauptstadt, ist seit Jahrhunderten Pflege st ä t t e zeitgenös­sischer Gartenkultur gewesen und ist es auch heute noch. Ein rühriger Gartenbauver­ein, der in diesem Jahre das Jubiläum seines hundertjährigen Bestehens feiert, tritt in zeitlichen Abständen mit richtungweisenden Ausstellungen hervor. Die Jubiläumsschau des Vereins, die in den Monaten August und September zugänglich ist, verdient deshalb nicht nur die Aufmerksamkeit der

Fachkreise, Am Mittwoch waren die Vertreter der Rhein-Mainischen Presse eingeladen und erlebten die Schau unter der berufenen Führung ihres Ge­stalters, des Gartenbaukünstlers Wilhelm Hirsch von Wiesbaden-Auklamm

*

Es fiele schwer, von dieser Gartenschau nicht be­geistert zu sein. Dem aufmerksamen und innerlich bereiten Besucher tut sich in der Darmstädter Oran­gerie eine neue Welt auf. Alles, was sich in dieser Schau darbietet, ist Uebereinstimmung in Form und Farbe, ist Harmonie und sublime geschmackliche Kultur. Die ganze Gartenschau ist der Sommer- blume gewidmet. So regiert die Farbe.

Ein großer bunter Teppich empfängt den Be­sucher schon am Orangeriehaus Leuchtend breitet sich die Fläche weißer Zwerglöwenmaul links und rechts des breiten Hauptweges, der mit warmem farbigen Ziegelmehl bedeckt ist. An die weißen Flä­chen schließen sich kräftig rote der Zinnien an, dann die violetten Petunien und das schöne Chrysanthe­mum segetum. Staudenphlox und Verbenen, Mohn und Schleierkraut steigern das Farbenspiel weiter­hin. Die Blütenflächen klingen in berückender Far­benpracht zusammen. Zahlen mögen angesichts des Bildes, das sich hier bietet, nebensächlich sein interessant ist es aber doch, zu erfahren, daß allein der Teppich des Zwerglöwenmauls aus 30 000 Pflanzen gewoben wurde

In dem hinter diesen breiten Farbenbändern liegendem, terrassenförmig erhöhten Gartenteil, hat der Gestalter dieser Schau nicht weniger denn 1 4 verschiedene Gartenmotive geschaffen, die vor allem dem Besitzer eines kleine­ren Gartens Anregung zu ähnlichem Schaffen sein sollen. Kaum ist es möglich, all die vielen feinen Einzelheiten zu erfassen, die in

diese 14 Garten- und Laubenhöfen harmonisch ver­einigt sind. Es entstanden hier in glücklichster Ver­wendung von Pflanze, Blume, Steinen, Garten­plastiken und Laubenmaterial Gartenhöfe von be­strickendem Reiz.

Eine schöne Fläche aus geschickt aneinandergefüg- tem Taunusquarzit ist gesäumt von oollerblühten Knollenbegonien, ein anderer Laubenhof, aus Schilf­stroh geschaffen und kreisrund angelegt, hat als Bodenbelag Klinker, ebenfalls kreisförmig gemauert, während Helle Begonien dem Ganzen die lebhafte Farbe leihen. Dann begegnet man dem Muschel­kalk, mit herrlichen, kräftig entwickelten roten Gera­nien verbrämt, und dem Mainsandstein in Verbin­dung mit einem zartfarbigem Sedum. In einem weiteren Hof, bildet eine schöne schmiedeeiserne Sonnenuhr auf einer kompakten Sandsteinsäule den reizvollen Mittelpunkt und im Hofe gegenüber träumt eine kunstvoll in Stein gehauene weibliche Figur in den heißen Sommertag und die Blumen­pracht ringsum. In wieder einem anderen Hof fül­len die vollblumigen Hortensien den Raum zwischen dem schön geschwungenen Weg. Spielhöfe mit Sand­kasten, Schaukel und Bänken für die Mütter schlie­ßen sich an. In einem anderen Hof sind an den Wegen kreisrunde Klinkerschalen, blumengefüllt, flach in das Erdreich gebettet und beleben durch ihre Form und die Farbenpracht ihres Inhalts.

Von den hohen Laubenhöfen vermittelt dann die fast vergessene Stockrose den Uebergang zu den an­grenzenden ebenen Flächen, auf denen u. a. und zu rechter Zeit auch Portulac in allen möglichen Far­ben blühend spielt. Mancher fast vergessenen Pflanze (Lantanen, Salbei, usw.) begegnet man hier. In bunter Pracht hat man denlustige n" Garten geschaffen, dem auf der anderen Seite dervor­nehme" Garten gegenüberliegt. Blumen von zartem, silbergrauem Schimmer der verschiedensten

Schattierung umschließen einen klaren Wiesenplan und ein Wasserbecken.

Während man neben demlustigen" Garten noch einen Staudengarten von reichem Bestand studieren kann, liegt hinter demvornehmen" Gar­ten ein vielgestaltiger Bauerngarten, wie er sich seit Jahrhunderten aus seinen Zwecken heraus ent­wickelte und festumrissene Formen gewann. In die­sem Bauerngarten findet man den Bienenstock, die Wasserpumpe und die Laube, Gemüsebeete von Blumenrabatten umschlossen, Obstbäume und alles das, was zu einem rechten Bauerngarten gehört.

Sehr originell und großzügig erscheint der K a puzinergarten, in dem sich große Flächen der Kapuzinerkresse zu einheitlicher Wirkung ver­einigen und ein großer ovaler Laubengang dem gan­zen den Rahmen gibt. Anschließend an den Kapu­zinergarten begegnet der Besucher noch großen Flä­chen von Sommerblumen der verschiedensten Arten und Farben. 200 000 Pflanzen hat man sich hier in verschwenderischer Pracht entfalten lassen.

Den Rundgang durch die universelle Schau wird man nicht beschließen, ohne auch dem Heilkräu­tergärtchen einen Besuch abgeftattet zu haben. Auch der Liebhabergarten verdient ob­wohl er Feinen Beitrag zur angestrebten Garten» kultur darstellt einige Aufmerksamkeit. In ihm ist eine Reihe von Pflanzen aus den verschiedensten Breiten unseres Erdballes zusammengetragen wor­den, die sich an speziell interessierte Besucher wen­det. Eine Ausstellung neuzeitlicher G a r t e n g e > rate ist geschickt in zwei Gewächshäusern unter­gebracht worden.

Die Schau in ihrer Gesamtheit und in der strik­ten Ablehnung alles dessen, was unseren Gärten nicht verbunden sein kann, weißt klar die neuen Wege zu einer deutschen Gartenkultur. Die Gar­tenbauausstellung in Darmstadt ist der Ausdruck eines starken kulturellen Willens und eines ebenso starken Willens zur Harmonie. Der Aufbau dieser Schau fand von vielen Seiten tatkräftige Förde­rung. Im bewußten Willen, Anregung zu geben, bereitet gerade diese Schau den so spät begangenen Weg zu einer unserer Art eigenen deutschen Gar­tenkultur. Ne.

Die großen Blumenflächen am Mittelweg. (Aufnahme: G. Mayer, Darmstadt.)

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Mein Leben für die Tiere...

Zum 25. Geburtstag des Geheimrats Dr. Ludwig Heck. - Ein Besuch beim Vater des Beniner Zoos.

Don Dr. Th. Biegler.

Hochsaison im Zoo.

Die Berliner stauen und drängen sich vor den Toren des Zoologischen Gartens. Die billige Zoo- Woche lockt die Massen. Auf den vielverschlungenen Wegen dieser phantastischen Tierstadt ist ein ewiges Kommen und Gehen, ein bewunderndes Stehen- bleiben, ein Geschiebe und Gewoge, wie man es seit vielen Monaten nicht mehr erlebt hat. Affen­haus, Elefantengehege, Robbenbassin, Raubtierzwin­ger: überall ein bewegtes, farbenbuntes Zuschauer­bild. Der Zoo hat seine große Zeit.

Bobby i st tot! Das plötzliche und über­raschende Ende dieses größten Mammut-Gorillas aller Zoologischen Gärten der Welt, hält die Men­schen noch immer in Atem. Vor dem leeren Käfig steht wie eine Mauer eine unübersehbare Gruppe von Zuschauern. Bobby war der Magnet und die Sensation des Berliner Zoos, und sein Wärter Liebetreu gehört seit langem zu den volkstümlichsten Persönlichkeiten Berlins.

Roch nie war der Zoo so aktuell wie in diesen

Tagen. Der. Herrscher über dieses geheimnisvolle Reich, der eigentliche Schöpfer der gigantischen Tieranlagen, Geheimrat Heck, feiert am 11. August seinen 75. Geburtstag! Im Verwaltungsgebäude klingelt unaufhörlich das Telephon. Der junge Mann in der Anmeldung muß eiserne Nerven haben. Von allen Seiten kommen jetzt schon die Gratulanten und der alte Geheimrat läßt geduldig und freundlich diesen Ansturm der Sympathie und Wertschätzung über sich ergehen.

Min Ideal-Direktor eines Zoologischen Gartens.

Da stehe ich also vor demgroßen Alten", dem Vater des weltberühmten Berliner Zoos. Dieser bewundernswert rüstige Gelehrte empfängt mich mit einer temperamentvollen Freundlichkeit. Man fühlt auf den ersten Blick: ein Gelehrter von der alten Garde", ein Mann, der die Welt gesehen hat, mit weißem Spitzbart und Brille und einer

Wir sanden zueinander.

Boman von Klothilde v. Gtegmaan

Urheberrechtlchutz: Füns-TürmeB-rlag -alle (6.)

24 Fortsetzung Nachdruck verbaten!

Marlen verspürte auf einmal gegen diesen Mann einen unerklärlichen Widerwillen. Sie konnte nicht hören, was besprochen wurde. Aber in der gart« »en Art dieses mageren, flinken Mannes lag für sie etwas Unangenehmes.

Jetzt schob der ältere Herr Georg em Papier hin. Georg unterschrieb, dann unterschieb auch der andere der Herren. .

Nun nahm der ältere Herr das Schriftstück in feine Aktenmappe.

Aha! Das war vielleicht der deutfch-amenka- nifche Anwalt, von dem Georg ihr erzählt hatte Also mußte der andere Mister Beyer sein. Schade! Sie hätte es gerade umgekehrt gewünscht!

Marlen ging wieder ins Vestibül. Es dauerte nicht lange, da kamen die drei Herren m lebhafter Unterhaltung miteinander den Weg entlang:

Good bye, Mister Korda!" sagte der altere Herr und schüttelte Georg die Hand.

Auf Wiedersehen!" sagte der ander Herr zu Georg. Dann gingen die beiden der Ausgangs- tür zu. _ , . .

Georg sah sich suchend um. Sem abgespanntes Gesicht erhellte sich, als er Marlen sah.

Entschuldige, Marlen! Es hat etwas langer ge­bauert. War eine heiße Sitzung. Aber nun haben wir alles unter Dach und Fach. Du bist sicher schon ganz verhungert, du Armes. Nun aber schnell. Weißt du was? Wir nehmen einen Wagen und fahren auf die Zooterrasse. Hier im Hotel tft es zu heiß." ,

Du, Georg", fragte Marlen unterwegs,wel­ches ist denn nun dein Mister Beyer?"

Der große Schlanke. Der andere ist em deutsch-amerikanischer Anwalt, Mister Thomas. Warum fragst du mich?"

Ach, eigentlich nur so ..."

Marlen wollte Georg nicht sagen, daß sie gegen Mister Beyer eine kleine Abneigung hatte. Sie hatte ja eigentlich gar keinen Grund dazu. Man durfte Menschen, die man nicht kannte, mcht beur­teilen Und Georg war so selig über den Vertrag, der nun auch formell abgeschlossen war. In menigen Tagen sollte er mit Mister Beyer hinüber in die Vereinigten Staaten von Amerika reisen.

Der Erntesommer ging vorüber. Die letzten Wagen fuhren, hMbepackt mit ihrer goldenen Last in die Scheuern. Schon sangen auf den Tennen die Dreschflegel ihren Takt.

Mud) auf Schl-ch Veltheim ließ d,e Arbeit: tang fam nach. Dietrich war vom frühen Margen bis zum späten Abend auf den Feldern gewesen. Jetzt

konnte er sich mit mehr Muße anderen Dingen widmen. Er plante den Bau einer großen Kartof- elbrennerei auf einem feiner Vorwerke. Da gab es stundenlange Besprechungen mit den Bauleuten, mit den Fabrikbesitzern, die ihm die Produkte ab­nehmen sollten. Nur am Abend kam er eigentlich zur Ruhe. Und dann überfiel ihn die Einsamheit in diesen warmen Augusttagen, die schon die Milde des Dorherbstes in sich bargen. Er lebte sehr, sehr einsam. Abgesehen von dem Forstmeister, der die Wälder von Veltheim betreute, und zwei Ober­inspektoren von den Vorwerken hatte er kaum Gäste. Hauptmann Weckenroth und Karla waren auf Reisen. Er erhielt ab und zu eine Karte, die begeistert von den Schönheiten der Welt erzählten. Mit den früheren Freunden und Bekannten auf den Gütern ringsum und aus der Kreisstadt aber pflegte er kaum noch Umgang. Er wußte, wie man über feine Ehe mit Marlen getuschelt hatte. Er war zu stolz, um sich als Mittelpunkt von Klat­schereien und Vermutungen zu wissen. Zu stolz und zu empfindlich. Er hatte sich doch wohl überschätzt, als er geglaubt hatte, er wäre über die Meinung der Welt erhaben. Es schmerzte ihn, daß man ihn nicht begriff und noch viel weniger Marlen.

Eigentümlich: Er selbst empfand ja in sich die bitterste Verachtung für Marlen. Aber wenn er daran dachte, daß andere sie in Gedanken verun­glimpften, dann brannte etwas in ihm auf. Em­pörung? Gekränkter Stolz für sich? Oder ge­kränkter Stolz für Marlen? Er wollte es nicht wissen. Aber es bohrte dumpf in ihm wie eine schlecht verheilte Wunde, die immer wieder zuckt und brennt.

In der Einsamkeit jetzt tauchte immer wieder Marlens Bild vor ihm auf, in seiner ganzen Schönheit und Reinheit. Er sah sie vor sich, so wie er sie das erste Mal gesehen, als sie ihm mit Karla und Weckenroth den ersten Besuch machte. Wie hold und rein war sie ihm damals erschie­nen! Wie hatte er gehofft, im Glauben an sie den Glauben an Liebe und Treue wiedergewinnen zu können. Und dann ihr Verlobungstag die Stunde, da sie sich gegenübergestanden batten rote ,wei Fremde, die einen Handel miteinander ab- schließen. Ihre Trauung, die erzwungene Fröh­lichkeit bei dem Hochzeitsmahl mit Doktor Lang- qiffer und dem Professor aus Heidelberg. Dann bie Trennung und die völlige Stille. Was mochte sie machen die vor der Welt seinen Namen trug?

Er hatte nichts von ihr gehört. Kein Sterbens­wörtchen. Nur durch feine Bankabrechnungen er­fuhr er, daß ein Teil der großen Beträge abgehoben worden war.

Also hatte sie es doch verstanden, dies ungeheuer große Vermögen, wie sie es damals genannt, zu

Vermutlich lebte sie in Glanz und Luxus, reifte vielleicht von einem eleganten Badeort zum anderen, wurde umschwärmt und verehrt. Plötzlich kam ihm ein Gedanke, der ihm bisher noch niemals gekom­

men: Wie mochte es mit dem Rufe der schönen jungen Gräfin Veltheim stehen, die ohne Mann da draußen in der weiten Welt war? Er wußte, wie es draußen zuging. Eine schöne, junge Frau ohne Beschützer war allen möglichen Verdächtigun­gen und Anerbietungen ausgesetzt. Vielleicht war es so, daß der Name der Gräfin Veltheim draußen ebenso im Munde der Leute war wie hier in der Heimat?!

Nein, nein!" tönte eine leise Stimme in ihm. Nie kann Marlen vergessen, was sie mir am Ver­lobungstage gelobt hat: »Ich werde nach außen hin Gräfin Veltheim fein und Ihrem Namen nur Ehre machend Wirklich, kann sie bas nicht? fragte eine andere wilde Stimme in ihm.Sie hat ja so vieles gekonnt. Sie hat dich heiraten können, nur um reich und sorglos leben zu können. Sie wird sich um deinen Ruf ebensowenig kümmern, wie sie sich um ihre Ehre gekümmert hat."

Zorn und Scham brannten in ihm auf. Er mußte wissen, was Marlen dort draußen in der Welt tat.

19. Kapitel.

Karla saß im Sanatoriumsgarten in Locarno zusammen mit Doktor ßanggiffer. Es war ein sehr warmer Abend. Der See, von hell erleuchteten Schiffen durchzogen, schimmerte zwischen den hohen Lorbeersträuchern und Feigenbäumen zu ihnen empor. Don der Terrasse des Sanatoriums hörte man fröhliches Lachen und Sprechen, dazwischen Gläserklingen. Hauptmann Weckenroth saß da mit ein paar Sanatoriumsgästen im eifrigen Gespräch.

Wissen Sie, mein gnädiges Fräulein", sagte Doktor ßanggiffer,daß es die erste Viertelstunde ist, die ich allein mit Ihnen plaudern darf? Sie sind ja niemals allein zu haben. Immer ist ir­gendwer bei Ihnen Ihr Herr Vater ober an« bere ßeute. Man hat Sie hier scheinbar schon ins Herz geschlossen, daß bie Kurgäste ohne Sie gar nicht mehr sein mögen."

Karla schwieg etwas verwirrt. Wie gut, baß es bunfel war! Sv konnte Doktor ßanggiffer bas verräterische Rot auf ihren Wangen nicht sehen. Sie konnte es ihm boch nicht sagen, baß s i e selbst sich immer hinter ben Menschen verschanzte, nur um bem Alleinsein mit ihm zu entgehen.

Als sie ßanggiffer vor ein paar Tagen roieber« gesehen hatte, ba hatte sie gewußt: sie war boch noch nicht so abgeklärt unb sicher in sich, wie sie ge­glaubt hatte. Tausenbmal hatte sie es sich gesagt, baß sie auf bas Glück ber ßiebe verzichten müßte. Daß sie ßanggiffer höchstens bas fein bürste, was sie Dietrich war eine schwesterliche Freundin! Aber ihr Herz hatte bagegen rebelliert. Kaum sah sie ßanggiffer mit feinem erwartungsfrohen Gesicht, kaum hatte er mit einem oibrierenben Ton in ber Stimme gesagt:Mein gnäbiges Fräulein, wie freue ich mich, baß Sie kommen!", ba war es mit all ihrer Entsagung vorbei. Kaum hatte sie sich so weit gefaßt, baß sie ihm ein paar Worte antwor­ten konnte. Die Rosen, die er ihr gebracht, hatte

sie daheim in dem schönen Sanatoriumszimmer zärtlich in eine Schale geordnet; ihre Lippen hatte sie daraufgedrückt. Sie waren ja ein Geschenk des liebsten Mannes. Sie liebte ja Werner ßanggiffer. Sie liebte ihn, aller Vernunft zum Trotz.

In den nächsten Tagen hatte sie es darum ängst­lich vermieden, mit ihm allein zu fein. Sonst wäre ^s mit ihrer Fassung vorbei gewesen. Aber heute hatte sie ihm nicht ausweichen können. Er hatte das Gespräch auf Marlen gebracht. Und ihr selbst brannte die Sorge um Marlen auf der Seele.

Mein gnädiges Fräulein, warum sind Sie denn so schweigsam?"

ßanggiffer ließ sich neben Karla auf die weiße Gartenbank nieder.Woran denken Sie?"

An meine Freundin Marlen, Herr Doktor." ßebhaft erwiderte ßanggiffer:

Wie merkwürdig, das habe ich eben auch gedacht. In Gedanken faß ich mit Frau Marlen zusammen in meinem lieben Wiesbadener Sanatorium. Das war ja der Beginn auch unserer Bekanntschaft, Fräulein von Weckenroth. Beinah möchte ich sagen, unserer Freundschaft, wenn ich das darf."

ßeife kam es aus der Dunkelheit:

Das dürfen Sie."

Also, gnädiges Fräulein, was machen wir mit Frau Marlen? Ich weiß, daß sie sehr unglücklich ist, und Graf Veltheim nicht weniger Ich stehe da vor einem Rätsel. Diese beiden Menschen sind ja geradezu füreinander bestimmt in ihrer klaren Art, ihrer inneren Kraft. Was steht nur zwischen ihnen? Können Sie es mir nicht sagen?"

Karla atmete tief auf. Es war fo schwer, Mar­len hatte sie ja zum Stillschweigen verpflichtet. Aber doch nur zum Stillschweigen Dietrich gegen­über. Konnte sie nicht zu Werner ßanggiffer sprechen? Freilich, es war eine kleine Zweideutig­keit. Und dennoch, es mußte getan werden, um Dietrichs willen und um Marlens willen.

Herr Doktor, glauben Sie, daß man etwas Un­rechtes tun kann, um einen anderen Menschen vor Unglück zu retten?"

Das kommt darauf an, was es ist. Was meinen Sie damit?"

Stockend erzählte Karla von dem Versprechen, das sie Marlen gegeben. Da lachte ßanggiffer fröhlich auf:

Wissen Sie was, mein gnädiges Fräulein? Wir wollen uns einmal als im Krlege befindlich be­trachten. Wir beide sind Bundesgenossen im Kriege gegen den Eigensinn Frau Marlens und Veltheims. Denn daß die beiden zusammenkommen könnten, wenn sie nur einmal ehrlich und aufrichtig mitein­ander sprächen, das ist mir ganz klar. Im Krieg aber ist uns alle ßift erlaubt. Sie sollen nicht mit Dietrich Veltheim sprechen. Aber ich bin nicht Dietrich Veltheim, sondern Werner ßanggiffer. Ich bin der Freund von Ihnen allen. Vom allem Ihr Freund. Ihr Kummer ist auch der meine, Ihr Glück wäre auch das meine."

(Fortsetzung folgt!)