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Chinesische Sintflut.

Von Otto Corbach

Chinas 400 bis 450 Millionen Bewohner sind über das riesige Reich sehr ungleichmäßig verteilt. Weit mehr als die Hälfte drängt sich in den Ge­bieten der beiden großen Ströme Hoangho und Langtsekiana zusammen. Seit Jahrtausenden führt in diesen fruchtbaren Landstrichen die bei» Mellos dichte Bevölkerung einen unaufhörlichen Kampf mit den Fluten, die immerfort Schlammassen mit sich führen, die den von Stür» . men in den Wüsten Jnnerasiens aufgewirbelten Staubwolken entstammen, von denen auch der Löß" herrührt, der als dunkelgelbe, poröse Erd­scholle die Fluhebenen wie mit einem Tuch über­zieht. Die sinkenden Schlummassen erhöhen das Flußbett, so daß nur unaufhörlich verstärkte und erhöhte Dämme und Deiche Ueberschwemmungen verhüten oder in ihren Wirkungen abschwächen können.

Der Hoangho, im Volksmunde seit den älte­sten Zeiten derKummer Chinas" genannt, hat in historischer Zeit zehnmal seinen Lauf verändert, jedesmal zahllose Dörfer und Städte in seinen Fluten begraben, Hunderttausende von Menschen ertränkt und Kulturland von gewaltiger Ausdehnung verwüstet. Wie im alten Aegypten, so war auch in China die Staatsweisheit von jeher vorwiegend für die Abwehr der Ueberschwemmun­gen und die Verteilung des Wassers der Flusse auf die Felder in Anspruch genommen. Der Charakter der Verwaltung des alten Kaiserreiches war der einer mächtigen Wasserbau - Bürokratie, die die Erfahrungen von Jahrtausenden instand- setzte, ein kunstvolles System von Dämmen und Deichen zu schaffen, dessen Instandhaltung unaufhör­liche Wachsamkeit erheischte. Auch europäische Inge­nieure haben nach sorgfältiger Prüfung die hervor­ragende Zweckmäßigkeit dieser Meisterwerke alt­chinesischer Jngenieurkunst bestätigen müssen.

Nun liegt, dank der gewaltsamen Oeffnung Chi­nas für den modernen Weltverkehr, das Jahrtau­sende alte Kaiserreich in Trümmern, während sich unter langwierigen, schweren Geburtswehen eine vom Geiste moderner Technik beseelte neue Staats­gewalt durchzuringen sucht, um einem Volke von mehr als 400 Millionen die Möglichkeit zu geben, in politischer Unabhängigkeit seine wirtschaftliche Rückständigkeit zu überwinden. Im Chaos des Ueberganges von einer alten zu einer neuen Ord­nung rissen indes vielfach unzulängliche Empor­kömmlinge die örtliche Gewalt an sich, deren Miß­wirtschaft im Zusammenhang mit den Verwü­stungen immer neuer Bürgerkriege die Dämme und Deiche vernachlässigen und teilweise verfal­len ließen! Nur darin ist die Erklärung dafür zu suchen, weshalb die Ueberschwemmungskatastrophen der letzten Jahrzehnte einen Umfang annahmen, der in der Geschichte Chinas und der gesamten Kul- tur-menschheit ohne Beispiel ist.

Während die technischen Mittel des alten Kaiser­reiches, das keine moderne Maschinerie zu entwickeln vermochte, niemals ausreichten, zu Zeiten außer­gewöhnlich hohen Wasserstandes im Gebiet des Ho- anabo Ueberschwemmungen großen Ausmaßes zu verhindern, gelang es einigermaßen, den größeren, aber viel weniger gefährlichen Jangtsekiang zu bändigen. Die schreckliche und beispiellose Kata­strophe, die sich vor vier Jahren zwischen Hankau und Wutschang ereignete, machte es daher beson­ders offenkundig, wie sehr in einemmodernen" Zeitalter die traditionellen Vorbeugungsmaßnahmen gegen Hochwassergefahren vernachlässigt wor­den sein mußten. Im Bezirk Hankau ertranken 15 000 Menschen, Während 400 000 obdachlos wur­den. Gräber, die in dieser Gegend nicht auf geschlosse­nen Friedhöfen, sondern verstreut auf den Feldern liegen, öffneten sich und gaben ihren Inhalt den Fluten preis.. Arme-Leute entleerten die herum­schwimmenden' Särge ihres Inhalts und bedienten sich ihrer als Kähne. In Wuhu, 50 Meilen ober» halb Nankings, stand das Wasser neun Fuß hoch. Aus weiter Entfernung hörte man Hunderttausende von Flüchtlingen um Hilfe schreien und beten. Zu­gleich raste ein Taifun über das Ueberschwem- mungsgebiet, um das Zerstörungswerk der Fluten zu vollenden. Viel geschah seitdem, um die zerstörten oder beschädigten Dämme zu erneuern oder wieder instandzusetzen, und doch konnte sich die Katastrovhe in diesem Jahre, wie man aus den neuesten Mel- düngen entnehmen muß, wiederholen.

Die damaligen Ereignisse fanden fn der Welt­öffentlichkeit deswegen starken und nachhaltigen Widerhall, weil sie sich in unmittelbarer Nachbar­schaft großer und reicher Fremdennieder­lassungen vollzogen. Im Hoangho-Gebiet kommt es jedes Jahr zu verhältnismäßig kleineren und alle paar Jahre zu großen Ueberschwemmungen, von denen die Außenwelt oft nichts und selten viel er­fährt. Die Sommerniederschläge des Jahres 1933 verursachten mehr als dreißig Dammbrüche auf beiden Ufern desgelben Flusses" in den Provin­zen Honan, Hopei und Schantung. Eine Fläche von mehr als 12 000 Quadratkilometer mit über 9000 Ortschaften und einer Bevölkerung von nahezu drei Millionen wurde überschwemmt. EineHoangho- Flut - Hilfs - Kommission^ wurde gebildet, die viel Elend linderte und ganze Arbeiterheere in Bewe­gung setzte, zerstörte Dämme und Ortschaften wieder aufzurichten, und dennoch konnte es in diesem Jahre zu einer noch größeren Katastrophe kom­men. Dabei offenbarten die Wassermassen des un­teren Hoangho die Neigung, den Fluß wieder, wie vor fünfhundert Jahren, südlich, statt nördlich der Halbinsel Schantung münden zu lassen. Es be­durfte des Einsatzes von mehr als 100000 Arbei­tern, um durch beschleunigte Dammbauten die Flu­ten zu zwingen, nach dem alten Bett zurückzukehren.

Der Plan, den ungebändigten Strom mit den Mitteln moderner Technik zu bändigen, wurde zum ersten Male um die Jahrhundertwende von der damaligen kaiserlichen Regierung in Peking ernsthaft ins Auge gefaßt. Damals war der bedeu­tende holländische Wasserbau-Ingenieur I e a n d e Reite Jahre hindurch von der japanischen Regie­rung damit damit beschäftigt worden, die Flußläufe im Sonnenaufgangsland zu regulieren. Nachdem diese Aufgabe unter Mitwirkung deutscher Forstleute befriedigend gelöst worden war, erhielt der bewährte Wasserbau-Techniker von der Pekinger Regierung den Auftrag, einen Plan zur Regulierung des Gelben Flusses auszuarbeiten. Jean de Reite trat an diese neue Aufgabe Anfcma 1900 heran und widmete ihr mit echt holländischer Gründ­lichkeit drei volle Jahre angestrengter Arbeit. Als er schließlich einen Kostenanschlag anfertigte, stellte es sich heraus, daß die Ausführung des Projektes einen Aufwand von etwa 35 bis 40 Milliarden Mark erfordern würde, da es sich nach feiner Meinung mit geringeren Mitteln nicht bewerkstelligen ließe, den Flußlauf durch Bauwerke so zu binden, daß die von krümeliger Lößerde ge­bildeten Ufer vom Wasser nicht andauernd zerfressen und zerrissen werden können. Die jährlichen Ko st en der Unterhaltung dieser Bauwerke berechnete er auf 7 bis 10 Milliarden Mark. Da­mals, um 1903, bezifferte sich der gesamte Staats­haushalt Chinas auf etwa 2,8 bis 3,1 Milliarden Mark jährlich, fo daß also ein Vielfaches des gesamten nationalen Einkommens nötig gewesen märe, den Riesenplan zu verwirklichen. Daran war natürlich nicht zu denken, und die Ar­beiten Jean de Reikes wurden einfach zu den Akten gelegt.

Seitdem haben sich viele fremde Ingenieure mit dem Problem der Regulierung des Hoangho befaßt. Aber noch niemand hat einen Plan auszuarbeiten vermocht, dessen Kosten sich im Bereich praktischer Möglichkeit hielten, um bessere Wirkungen zu er­zielen, als das alte Kaiserreich mit seinen in Jahr­tausenden entwickelten, zwar unzulänglichen, aber noch nicht wieder erreichten Ueberwachungs- und Dorbeugungssystem. Zu einer Zähmung des Ho­angho mit den Mitteln moderner Technik würde vor allem auch dieAnlagevon Speicherbecken im Mittellauf des Stromes und an den größeren Nebenflüssen, wie dem Weiho, gehören. Auch da­für liegen zahlreiche, von modernen Ingenieuren ausgearbeitete Projekte vor. Aber wer soll die Kosten tragen, so lange die in Betracht kom­menden Gegenden nicht industriell entwickelt werden können, so daß sie aus elektrischen Kraft­anlagen Nutzen zu ziehen imstande wären?

China ist im großen und ganzen erst in den Küsten­strichen für den modernen Weltverkehr aufgeschlossen, und auch dort steht seiner industriellen Entwicklung die eigennützige Politik fremder Seemächte, vor allem Japans, im Wege, das infolge feiner Klein­heit, feiner Jnfellage, feiner jahrhundertelangen Ge­wöhnung an ein straff organisiertes Staatswesen auf dem Wege der Modernisierung einen Vorsprung zu erlangen vermochte, den das vielmals größere, aber schwerfällige China als Einheit in aller abseh­baren Zeit nicht einholen kann. Der Zerfall des

alten China hat eine gewisie Aehnlichkett mit dem Untergang des römischen Weltreiches, aus dessen Trümmern nur allmählich neue Staatswesen kleineren Formats in mühsamer Entwicklung her­vorgehen konnten.

Wohl wäre es an und für sich denkbar, daß sich die Nankinger Zentralregierung, deren wirkliche Macht sich vorläufig erst über wenige Provinzen erstreckt, mit den Mitteln moderner Technik in eini­gen Jahrzehnten zu einer das Gebiet des ganzen ehemaligen Kaiserreiches umfassenden modernen staatlichen Organisation entfaltete, aber dazu müßten ihr die vorläufig weit stärkeren und überlegeneren fremden Mächte diesen Spielraum wirklich zu freier Verfügung überlassen. Davon kann einstweilen

um so weniger die Rede sein, als alle Anzeichen da- für sprechen, daß China einen der Hauptschauplätze der sich ankündigenden großen weltpolitischen Ent­scheidungen bilden wird. Bis diese gefallen sind, muß man leider damit rechnen, daß sich lieber- schwemmungskatastrophen in den Gebieten der gro­ßen Ströme des Landes der Mitte immer häu­figer wiederholen und immer ge­waltigeren Umfang annehmen werden, um sich schließlich zu einer wahren Sintflut auszu- wachsen, bei der im Zusammenhang mit Hungers­nöten, Seuchen und kriegerischen Ereignissen die Bevölkerung des riesigen Reiches, wie einst diejenige Europas in ähnlichen Zeitläuften, auf einen Bruch­teil zusammenschmelzen könnte.

Inseln -es Deutschtums.

Don unserem v.G.-Äerichterstatter.

ui.

Die Votschasl in Paris.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Paris, Ende Juli 1935.

Unweit des französischen Außenministeriums, nahe der Kammer, zwischen dem Quai d'Orsay und der auf dem Boulevard St. Germain zustrebenden Rue de Lille, befindet sich die Deutsche Bot­schaft etwa im Mittelpunkt von Paris. Aus dem Garten bietet sich ein abwechlungsreicher Blick über die Seine auf die Tuilerien bis zur Place de la Concorde. Im Umkreis des Sitzes unserer diplo­matischen Vertretung in Frankreich hat sich manch stürmisches Ereignis der französischen Geschichte ab­gespielt, und das heute in deutschem Besitz befind­liche Gebäude wurde durch die Personen, die dort gelebt haben, in die geschichtliche Ueberlieferung ein­bezogen, noch ehe es zu einem Mittelpunkt deutsch- französischer Politik wurde.

Vor 222 Jahren von dem Architekten Germain Bo sfr and für sich selbst wahrscheinlich als Ruhesitz errichtet, ging das Palais in den Be­sitz des Marquis De Torcy über, der 1699 bis 1715 Ludwig XIV. als Minister des Auswärti­gen zur Seite gestanden hatte. Nach ihm zog der Marschall Francois de Neuville, Herzog von Villeroy, auch ein Günstling Ludwigs XIV., als Herr in die Rue de Lille ein. Während der Revolu­tion verfiel das Palais als Adelsbesitz der Be­schlagnahme und wurde zu Beginn des 19. Jahr­hunderts von dem Stief- und Adoptivsohn Napo­leons I., Eugene Beauharnais, dem spä­teren Herzog von Leuchtenberg und Vizekönig von Italien, aus der Masse angekauft. Beauharnais, der damals noch unverheiratet war, hat das Palais ausgebaut und verschönt. Er selbst hat das Er­gebnis der mit reichlicher Verschwendung unter­nommenen Arbeiten nicht erlebt, da er bereits vor ihrer Vollendung nach Italien versetzt wurde. Eugöne Beauharnais zog sich übrigens einen Tadel feines kaiserlichen Vaters wegen der hohen Rech­nungen für die Ausschmückung des Palais zu:Es ist sinnlos", so schrieb Napoleon ihm,daß man in einem so kleinen Gebäude wie dem Deinen 1 500 000 Franken verausgabt, und was man dort getan hat, ist nicht eines Viertels dieser Summe wert!" Der Kaiser schloß mit der Bemerkung, Beauharnais solle sich nicht mehr um sein Palais kümmern. In der Tat hat der Vizekönig von Ita­lien, dem wir die schöne Ausstattung unserer heuti­gen Botschaft verdanken, nur vorübergehend im Jahre 1812 als Gast dort geweilt, denn Napoleon hatte das Palais inzwischen verschiedenen seiner nächsten Freunde als Wohnsitz zur Verfügung ge­stellt. Hier hielt sich sein Bruder Jerome auf, als er zur Hochzeit Napoleons mit Marie Louise nach Paris kam, und lange Zeit beherbergte das Palais den Für ft primas von Dalberg, den Grohherzog von Frankfurt.

Nack der Einnahme von Paris durch die Trup­pen der verbündeten Monarchen ist König Friedrich Wilhelm III. im Jahre 1814 mit feinen beiden ältesten Söhnen in der Rue de Lille abgeftiegen, und seither ist das Palais ein Stück deutscher Geschichte geworden, da es anschließend für die preußische Gesandtschaft g e mietet und etwa drei Jahre später, im Februar 1818, für den gleichen Zweck zusammen mit Garten und Nebengebäuden für weniger als 1000 000

Franken käuflich erworben wurde. Hier haben die Grafen Heinrich Friedrich und Heinrich Alexander von Arnim als Gesandte Preußens gewirkt und die Grafen H a tz f e l d t und Albert Pourtalös großes Haus gemacht. Im Jahre 1862 hat Bismarck als Botschafter daselbst Die französische Politik aus unmittelbarer Nähe studie­ren können. Er war nach Paris geschickt worden, weil er einen Stein im Brett bei Napoleon III. haben sollte. Während der Ausstellung 1867 gab in Anwesenheit des späteren Kaisers Wilhelm I. der Botschafter Graf Robert von der Goltz große Festlichkeiten in der preußischen Botschaft, an denen auch Kaiser Napoleon III. teilnahm. Graf Goltz wurde vom Freiherrn von Wert her (1869 bis 1870) abgelöst.

Nach dem Kriege 1870/71 residierte der künftige Generalfeldmarschall Alfred Graf v. Walder- fee als deutscher Geschäftsträger in der infolge Der Reichsgründung zur Botschaft des Reiches er­hobenen diplomatischen Vertretung. Von 1874 bis 1885 beeinflußte von der Rue de Lille aus Fürst Chlodwig u Hohenlohe-Schillings­fürst, der spätere Reichskanzler, die deutsch-fran­zösischen Beziehungen als Nachfolger des von Bis­marck abberufenen Grafen Harry von Arnim und als Vorgänger des Fürsten Münster von Derneburg. Seit der letzten Jahrhundertwende erlebte die Botschaft den F ü r ft en Radolin 1902 bis 1910 und den Frei- Herrn von Schoen, dem die Aufgabe zufiel, im Jahre 1914 die Kriegserklärung dem jetzigen Vorsitzenden der radikalsozialistischen Senatsfraktion Bienvenu-Martin zu Überreichen. Während des Weltkrieges stand die deutsche Botschaft ist Paris unter dem Schutze der Schweiz und hat, von einer in der Nähe gelandeten, die Fenster zer­schmetternden Fliegerbombe abgesehen, die Zeit des großen Ringens mehr oder weniger unversehrt überstanden.

Als erster Botschafter Deutschlands nach dem Kriege kehrte der ehemalige Zentrumsabgeordnete Mayer in das exterritoriale Gebiet an der Rue de Lille ein. Bis zum Ruhreinfall versuchte er, die Fäden zwischen Paris und Berlin wieder zu knüpfen. Zuerst als Geschäftsträger und ab Februar 1924 als Botschafter war bann Dr. Leopold von H o e f ch Herr in der Rue de Lille 78. Rund neun Jahre wechselvoller deutsche-französischer Be­ziehungen, in deren Mittelpunkt wir rückschauend den Locarno-Vertrag stellen wollen, um­fassen seine Botschafterzeit in Paris. Das Palais der deutschen Vertretung hat damals feine Tore auch wieder mit Erfolg zu festlichen Veranstaltungen geöffnet. Der gegenwärtige Botschafter, Roland Koester, wurde vom Reichspräsidenten von Hin­denburg in einem schwierigen Augenblick nach Paris entsandt. Einige Monate später konnte er auf feinem verantwortungsvollen Posten die Geburt des neuen Deutschland miterleben.

Die Deutsche Botschaft ist schon deshalb sehens­wert, weil sie wohl das einzige Empire- Hotel in Pans ist, das ohne ein Museum geworden zu sein einschließlich seiner Möbel und Kunstwerke unverändert erhalten ist. Wenn man von der Rue de Lille durch eines der Eingangstore den Hof betritt, bemerkt man an dem Treppenbau allerdings eine zunächst etwas befremdliche Serbin- buna von ägyptischen Zeichnungen mit dem vor­herrschenden Empire-Stil. Sie stellt ebenso wie die ägyptischen Verzierungen und ein Fries mit Harem-

Oer Weißfisch.

Don Hans Moepser.

Aus einmal hatten roirs unser zwei, drei Buben in den Großserien mit dem Fischen bekommen. Der St'rohriegl-Pepi, Sekundaner, wie ich, und ein ge­rissener Stadtbub, war als Gast ins Haus gekom­men, und in ruhelosem Bubendrang bei ländlicher Freiheit rastlos hinter allem her, was sich fangen ließ und Reiz bot. Aber die Trauermäntel über den stillen Waldwiefen, die Schwimmkäfer und Molche im Schloßteich hatten unsere Jnsektenkasten und Aquarien bald gefüllt. Und so kam er eines Tages vom Krämer mit Angelschnüren und grell lackierten Korkschwimmern zuwege. Tag für Tag schlichen wir zum Schloßteich durch den Zwetschkenanger beim alten Gerberhause, wo's so köstlich nach Lohe roch. Standen dann geduldig stundenlang über halbver­sunkenen Hölzern am rauschenden Wehr, wo über die Schlußtafel bie Wasser in breit fpiegelnbem Schwalle fielen und weithin bis ans flache Gestade drüben sich unabsehbar für uns das Reich der Klein­fischwelt dehnte. Fast blind wurden wir von der angestrengten Schau über die flimmernden Wellen und taub vom schweren Wassersturz, dessen einför­miges Rauschen jegliches Geräusch verschlang. Und wenn man einmal tief aufatmend aufsah, schienen sich die Ufer zu drehen und Welt und Himmel stan­den hoch über uns.

Das hielt uns tagelang gefangen, fo sehr, daß wir kaum der Vielfalt wimmelnden Lebens ge­dachten, die unserem Spiele zum Opfer fiel. Dann aber setzte mit einemmal Regenwetter ein, eine volle Woche lang. In tosendem Schwalle stürzten bie lehmbraunen Fluten übers Wehr. An Fischen war nicht zu benfen. Zubern hatte mein Kamerad heim­fahren müssen.

Dann waren die Wasser gefallen, die Sonne glänzte wieder auf den nassen Wiesen: aber noch zog der Bach grün und leicht trübe feine Ufer ent­lang.

Weit oben hinterm Eisenhammer waren die Wasser bteit gestaut, und nur langsam und merklich trieben die Weidenblätter auf der stillen Flut. Ich wußte, dort standen unterm überhängenden Ufer dieganz Großen", fast unbeweglich, aber scheu und unerreichbar. Nur einmal wollte ich's an ihnen versuchen. Sv legte ich mich auf den Bauch und spähte behutsam in die trübe Tiefe. Und richtig! Da stand kaum auf doppelte Armlänge unter mir ein mächtiger Weißfisch, grünbraun ani Rücken, und

regte in leisem Spiel die rötlichen Flossen. Ich zog ein Heupferd über die Angel und ließ es unendlich vorsichtig an kurzer Schnur dem Alten zutreiben. Gemächlich und kaum beachtet spielte es ums braune Maul, auf einmal schlang er danach. Ein Ruck, ein Riß und schon hatte ich ihn kopfüber weit ans Ufer geschnellt.

Nun lag er schwer schlagend im hohen Grase. In freudigem Schreck überflog ich die breiten Silber­schuppen, die ziegelroten Flossen, das weite Maul, das die Angel fast nur am Rande gefangen, fo daß er im Schwung sich unverletzt von ihr gelost hatte und konnte auf einmal doch nicht zugreifen!

Kleinlaut und schuldbewußt schaute ich nach meinem Opfer hin, als wäre das Leben selber an mich herangetreten, zum erstenmal, mit all seinen fragen, den dunklen, die ratlos machen. Und ratlos blickte ich wieder nach dem Stück mächtigen Lebens, das da auf einmal in meine Hand gelegt war.

Im Wehrfchlag hatte es wohl die wimmelnde Menge gemacht, die ungesehen und zur leichten Beute fiel, die sich leicht und hundertfach immer wieder ergänzte. Vor allem auch der Reiz des spie­lenden Schwimmers, der tauchte und stieg, bis er Zur Tiefe fuhr und die Nerven zum Ruck aufriß.

Da aber lag ein Einsamer, ein Großer vor mir. ^men Träumenden hatte ich beschlichen, einen Ruhe- geftiuten, leichthin und unbedacht. So groß und fremd und wieder hilflos glotzte er aus goldum­ränderten Augen, als hätte ich einen Märchenunhold aus der Tiefe gezogen. Ein Stück der Schöpfung ein Fertiges, Ehrfurchtgebietendes hatten meine Knabenhände ans grelle Licht des Alltags gerissen das von nun an an feinem Platze fehlen mußte' Nur zögernd spannten sich meine Kinderfinger um Die mächtige Muskelmasse. Wie er sich wand, wie die großen Augen stumm und drohend nach mir iahen!Lausbub", wollten sie wohl sagen. Ich war mit ememmal dem Weinen nahe. Ich hatte ihn ja fangen wollen, gewiß. Aber nun töten: Daran hatte uicht gedacht. Und wieder zurückwerfen den Selte­nen Fang? Das ließ mein Stolz nicht zu, der un= bewußt m einem Winkel lauerte. Ich war ratlos. . '.^lschdiab, Fischdiab!", klang's mit einemmal Dort Drüben vom Gartenzaun her. Spielende Buben hatten wohl meinen Fang bemerkt. Und es achtlos gerufen. Gestohlen also! Daran hatten wir bisher nie gedacht. Etwas Fremdes schlich an mich heran, etroas Unreines, aus dunklen Tiefen, und wollte mich verstricken in eine Schuld, die ich nie gekannt.

1° grfii plötzlich eine hagere Männerhand über wich nach dem schlagenden Fisch. Erschreckt sah ich

auf: Das Schicksal, Die Strafe! Und hinter mir stand Der alte Benesizictt Stephan Hergowitsch, ein Fischer und Jäger von sagenhaftem Rufe. Uns Buben bekannt als kurz angebunden und wortkarg und seltsam unheimlich in seiner weltsckeuen Ab- aeschlossenheit. Der aber hatte Dem Rotflossigen schon hart aufs Genick geschlagen, zweimal, Dreimal mit Der Zwinge seines derben Stockes. Nun wog er ihn prüfend in der Hand. Zweifelnd sah ich in ein gekniffenes Greisengesicht, über das Die braune Haut wie Leder gespannt war.

Mit was hast ködert?" fragte er kurz. Ich zeigte gehorsam Die Angel, über die noch ein halber Heu- schreck gezogen war. Er schüttelte verächtlich und mißbilligend das kahle Haupt:Kirschen!" Der Rat fiel für mich schon ins Leere. Wie mit einem Schlag hatte Die nüchterne Sachlichkeit Bann und Sorge gebrochen. Die rächende Gerechtigkeit war zu er- lösender Alltäglichkeit geschrumpft. Aufatmend sah ich noch, wie er meine Beute in seine Jagdtasche schob. Er war wohl der Fischaufseher. Und wollte, wortkarg wie er war, an einem kleinen Buben nicht erst viel an Tadel verschwenden.

Ich war allein. Und atmete noch einmal hoch auf. Wie weit war der Himmel! Die Glocken klangen zum Mittag und mit den flitzenden Schwalben flog mein Bubenherz befreit in die unschuldig lachende

Abkürzungen.

Die heute weitverbreiteten Abkürzungen bei lang­atmigen Namen von Behörden und Firmen sind, so praktisch sie auch im Einzelfall sein mögen, für Ohr und Auge jedes Menschen mit echtem Sprachempfin­den selten eine reine Freude. Es wäre aber falsch, diese Sitte, durch Zusammenziehung der Anfangs­buchstaben ein neues Wort zu bilden, als eine Neue­rung unserer Zeit hinzustellen. Im Grunde wird hier nur die uralte Literaturform des Akrostichons wieder ausgenommen, bei dem die Aneinanderreihung der Anfangsbuchstaben der Verse einen bestimmten Sinn ergab. Seitbem hat es sich als Spielerei der Dichter und Schriftsteller durch die Jahrhunderte erhalten. Auch auf anderen Gebieten gibt es Vorläufer der uns so geläufigen Abkürzungen. Das Wort K a - b a l e, uns allen durch Schillers Drama bekannt, war ursprünglich Die zusammenfassende Benennung s englisches Kabinett unter der Regierung warls II., das durch seine Ränke und Willkürakte m allen Volksschichten starkes Mißfallen erregte. Die BezeichnungSabaF saßt Die Anfangsbuch.

staben der Kabinettsmitglieder zusammen: Clifford, Ashley, Buckingham, Arlington und Lauderdale. Auch der Name des Komponisten Verdi hat als Abkürzung eine zeitlang eine geheimnisvolle Be­deutung gehabt, er war das Schlagwort Der italie­nischen Einheitspartei und bedeutete: Vittorio Ema- nuele Re dItalia. Die Feinde des großen Korsen bezeichneten sein Geschlecht mit den Anfangsbuch­staben der Brüder Bonaparte, nämlich Napoleon, Jofei, Hieronymus, Joachim und Ludwig, woraus sich das Wort N i h i l ergibt, ein unheilkündender Hinweis darauf, daß sich die Macht der Bonapartes wieder in ein Nichts auflöfen würde. Auch aus neuerer Zeit find derartige merkwürdige Abkürzun­gen bekannt. Ein einst sehr berühmtes Kammer­musik-Quartett nannte sich nach den Anfangsbuch­staben Der vier Künstler: Halir, Exner, Müller und Dechert DasHemd- Quartett".

Die erste Fallschirmspringerin.

Kätchen Paulus ist tot. Sie, deren mutige Fall­schirmsprünge unsere Väter begeisterten, Durfte Den Ruhm für sich in Anspruch nehmen, die erste Frau in Deutschland zu sein, die dieses gefährliche Hand­werk betrieb. Als Zwanzigjährige machte Kätchen 1889 in Wiesbaden die Bekanntschaft des berühmten Luftfchiffers und Fallschirmspringers Lattemann und war mit Begeisterung dazu bereit, sich von ihm in die Geheimnisse seiner Vorführungen einweihen zu lassen. Die Nürnberger erlebten den ersten Fall­schirmabsprung der kleinen mutigen grau, und ob­wohl ihr Lehrer Lattemann bei einem Sprung tob- lich verunglückt war, blieb Kätchen Paulus bei ihrem waghalsigen Sport, Denn sie wurde von vielen Städten im In- und Auslande um ihren Be uch und um Vorführungen gebeten. In Berlin waren da­mals solche Darbietungen verboten, so haben die Berliner dasKätchen" niemals bewundern dürfen. Ihren letzten Absprung machte die kühne Pilotin

, msgesamt hatte sie 147 Absprünge durchgeführt.

Flugzeug hat sie nie selbständig geflogen, da sie mit bem Lernen aufhörte, als ihr Lehrer abstürzte. Kätchen Paulus hat aber der Luftschiffahrt auch praktisch genützt, denn sie erfand ein Fallschirmpaket, Das offiziell bei der Luftfahrt eingeführt und im Weltkrieg unzählige Male in Gebrauch genommen Wurde. Ja, Kätchen mußte sogar die Fabrikation von Heeresfallschirmen leiten. Jetzt ist sie, 65 Jahre alt, m Berlin gestorben, bis ins Alter geehrt als Pio­nierin der Luftfahrt.