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Samstag, I» August 1935

Nr. 185 Zweites Blatt '

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

3«t Hochlandlager bei Lenggries.

Aus aller Welt.

Baldur von Schirach sprach zur auslandsdeutschen Jugend im Hochlandlager der HI. bei Lenggries, einem der idyllischsten Punkte des bayerischen Alpenlandes. (Weltbild-M.)

DM

Die Arbeitslosenkurve fällt weiter.

3m 3»li wieder 122 000 Arbeitslose weniger. Gleichmäßige Entlastung in allen Wirtschaftszweigen und Wirtschaftsgebieten.

Berlin, 9. August. (DRV.) Während sich der Rückgang der Arbeitslosigkeit in den Sommermo­naten des Vorjahres bis auf eine Abnahme um 55 000 Arbeitslose im 3uli verlangsamt hatte, brachte, nach dem Bericht der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung, der Juli dieses Jahres nach den Feststellungen der Arbeitsämter eine Abnahme um weitere 1'2 2 0 00 Arbeitslose. Damit ist die Zahl der Arbeitslosen aus 1754000 gesunken. Sie hat demnach innerhalb der letzten beiden Monate die Zweimillionengrenze bereits um eine Viertetmiltion unterschritten

Bei der Abnahme haben zu einem erheblichen Teil das Baugewerbe und dessen Liefer- i n d u st r i e n sowie wegen der durch die Witterung begünstigten Ernte die Landwirtschaft mit­gewirkt. Aber auch die konjunkturabhängigen Be­rufe haben mit wenigen Ausnahmen einen wei­teren Rückgang zu verzeichnen.

In gebietlicher hinficht waren an der Entlastung des Arbeitseinsatzes im Gegensatz zum Juli des Vorjahres alle Landesarbeitsamtsbe­

zirke, z. T. stärker als im Vormonat, beteiligt. Innerhalb der verschiedenen Berufsgrup­pen ist nach den Reichsziffern nur im Beklei­dungsgewerbe eine jahreszeitlich bedingte Verschlechterung eingetreten.

Die Unterstühungseinrichtungen haben in ihrer Entwicklung mit der allgemeinen Auflockerung des Arbeitseinsatzes Schritt gehalten. In der Arbeits­losenversicherung und Krisenfürsorge ist eine A b - nähme um 63000 auf 904000 Unter­stützte eingetreten, während die arbeitslosen an­erkannten Wohlfahrtsunterstühungsempsänger u m 3 5 0 0 0 a u f 3 8 6 0 0 0 abgenommen haben. In den drei Unterstühungseinrichtungen wurden demnach insgesamt Ende Juli noch 1 290 000 ar­beitslose Volksgenossen betreut gegenüber 1 388 000 Ende Juni. Bei der günstigen Gesamtentwicklung des Arbeitseinsatzes ist besonders beachtlich, dah auch im Juli die Zahl der Rotstandsarbei- t e r um weitere 35000 planmäßig g e - senkt werden konnte. Es standen Ende Juli nur- mehr 168 000 Rotstandsarbeiter in zusätzlicher Be­schäftigung.

Die Hochträger der Mangaparbat- Expeditton vom Führer ausgezeichnet.

In selbstloser, hilfreicher und oftmals auch gefahr­voller Kameradschaft haben englische und deutsche Bergsteiger seit der ersten deutschen Himalaja-Expedition im Jahre 1929 um die höchsten Gipfel der Erde gerungen. Dabei haben auch die einheimischen Trä­ger, die Untertanen des Britischen Weltreiches sind, den Deutschen treue und unschätzbare Dien st e geleistet und mehr als einmal ihr Leben für die deutschen Bergsteiger und deren Ziele eingesetzt. Dor allem auch bei der schweren Katastrophe, die die letzte deutsche Nanga-Par- bat-Expedition im Jahre 1934 erlitt, haben treue Träger aus dem Stamme der Scherpa b i s zuletzt bei ihren Herren ausgehalten, und sechs dieser treuen Hochträger haben dabei ihr Leben gelassen. Der Führer und Reichskanzler hat in Würdigung dieser über­menschlichen Leistungen veranlaßt, den in den Hoch­lagern am Nanga-Parbat auf das äußerste er­probten Trägern Angtsering, Kikuli, Kitar, Pasang, Da Tundu, die als letzte zurückgekehrt sind, das Ehrenzeichen des Deutschen Roten Kreuzes zu verleihen. Der Reichssportführer von Tschammer und Osten hat außerdem all den Hochträgern, die sich auf der Expedition ausge­zeichnet haben, eine Gedenkmünze verliehen, deren Entwurf von dem Berliner Künstler Jürgen Klein stammt. Das deutsche Generalkonsulat in Kalkutta wird den Trägern die Auszeichnung in Indien verleihen.

Güterbahnhof abgebrannt.

In den Büroräumen des Güterbahnhofs Ber- gifch-Gladbach brach in der Rächt jum Sams­tag gegen 1.15 Uhr ein Grohfeuer aus. Die Flammen ergriffen den Dachstuhl des Gebäudes und breiteten sich mit rasender Geschwindigkeit über den ganzen Güterbahnhof. Das Feuer fand in dem Teerbelag des Daches und den Holzbalken des alten Gebäudes gute Rahrung. Beim Anrücken der Feuer­wehr stand das ganze etwa 30 Meter lange Lagergebäude in Hellen Flam­men. Sie muhte sich darauf beschränken, eine Aus­dehnung des Feuers zu verhindern. Besonders ge­fährdet waren die umliegenden Lagerschuppen, sowie eine anliegende Grohfchlächterei. Das Ge­bäude des Güterbahnhofs brannte bis a u f d i e Grundmauern nieder. Die höhe des Sach­schadens steht im Augenblick noch nicht fest, da noch nicht geklärt werden konnte, welche Gütermengen in dem Gebäude lagerten

Lin Jubiläum des LloyddampfersEuropa".

SchnelldampferE u r o p a" des Norddeutschen Lloyd traf Freitag vormittag von seiner 10 0. Rundreise über den Nordatlantik von Neuyork in Bremerhaven ein. Vor der Kommando­brücke hatte man. eine mehrere Meter hohe Zahl 100" aus frischem Grün angebracht, die schon beim Einlaufen, des Dampfers, der über die Toppen ge­flaggt hatte, sichtbar war Reichskommissar H e r - mann überbrachte Kapitän Scharf die Glück­wünsche des Reichsverkehrsministers. Der Vor­sitzende des Norddeutschen Lloyd, Dr. R. F i r l e , sprach der Besatzung seinen Dank aus. Nur durch die Zusammenarbeit aller Kräfte sei der Erfolg er­zielt worden.

Heuer Rekord in Kraftwagen-Zulassungen.

Nach Ermittlungen von privater Seite sind t m Juli in Deutschland 21 300 Kraft- wagen neu zugelassen worden. Damit ist die bisherige Höchstzahl vom Mai d. I. Über­boten worden; darüber hinaus aber stellt die er­reichte Ziffer zu gleicher Zeit den größten monatlichen Jnlandabsatz in der Ge­schichte der deutschen Automobilindustrie dar. Diese Belebung des Automobilhandels zu einer Jahres­zeit, in der das Saisongeschäft längst vorüber zu sein pflegt, eröffnet erfreuliche Ausblicke auf die zukünftige Entwicklung des Automobilbaues und ist zugleich ein Beweis für die gesunde Wirtschaftslage der Industrie und die fortschreitende Motorisierung Deutschlands. Interessant ist in diesem Zusammen­hang die Feststellung, daß die Verschiebung des Schwerpunktes der Zulassungsziffern von der kleinen zu der mittleren Klasse der Personenwagen, die bereits in den Statistiken des Juni erkennbar war, im Juli in noch weit stärkerem Maße in Erscheinung getreten ist.

Großfeuer durch Leichtsinn.

In dem bei Bad Kreuznach gelegenen Dorf- desheim brach abends gegen 7 Uhr in dem An­wesen eines Landwirts Feuer aus. Der 10jährige Junge des Ehepaares hatte einem Manne au seine Bitte ein Streichholz zum Zigar­renanzünden gereicht. Der Junge lief mit dem brennenden Streichholz über den Hof und warf es achtlos an die Scheune, wo Stroh aufgestapelt war, das sich sofort entzündete. In kurzer Zeit war die dicht mit Frucht und Stroh gefüllte Scheune in Flammen aufgegan­gen. Ein angebauter Schuppen wurde gleichfalls neben zahlreichen landwirtschaftlichen Maschinen vollständig zerstört. Das abseits von den beiden Gebäuden stehende Haus und der Stall wurden ebenfalls von den Flammen ergriffen. Es gelang jedoch, die beiden Gebäude zu retten. Das Vieh konnte in Sicherheit gebracht werden.

Großfeuer in einer Weberei.

Im Spul- und Binderaum der Großweberei Becker & Bernard in Solingen brach ein Feuer aus, dem neben großen Garnvorräten auch der größte Teil der 175 vorhandenen W e b st ü h l e zum Opfer fielen. Die Feuerwehren, die aus Opladen und Leverkusen verstärkt worden waren, konnten den Brand auf seinen Herd beschränken. Während der Löscharbeiten kam auch in einem nahegelegenen S p e i s e h a u s ein Brand zum Ausbruch. Das zweieinhalbstöckige Haus brannte völlig nieder.

llnglücksfall ober Verbrechen?

Vor einigen Tagen verunglückte der Schriftleiter August Bauer aus Stromberg im Hunsrück tödlich bei einer Moto.rradfahrt. Wie ver­lautet, soll nun die Leiche wieder ausgegra­ben werden, da der Verdacht besteht, daß der Tote nicht auf natürliche Art ums Leben gekommen ist. Bei der Auffindung der Leiche war ein pfenniggro- ßes L.o ch im, 5) in ter topf des Toten festgestellt

worden, die Kleider waren völlig zerrissen, und in der Nähe der Fundstelle bemerkte man in einem Baurn in etwa einem Meter Höhe eine Kugel. Man nimmt daher an, daß Bauer einem, Verbrechen zum Opfer gefallen ist.

Eisenbahndiebe

in Sowjelrußland zum Tode verurteilt.

Wegen Diebstahls von Eisenbahn- material wurden drei Personen zum Tode durch Erschießen verurteilt. Vier weitere An­geklagte erhielten je 10 Jahre Zuchthaus. Die Ver­urteilten, unter denen sich auch Eisenbahner befin­den, hatten sich aus der Tomsker Eisen­bahnlinie zu einer Diebesbande zusammenge­tan und schnitten systematisch die Kupplungsschläuche der automatischen Bremsvorrichtungen von Güter­wagen ab Allein in 20 Tagen haben sie 345 Schläuche entwendet und auf dem Markt verkauft.

Eisenbahnunglück in der Sowjetunion.

Trotz strengster Maßnahmen will die Kette der dauernden Eisenbahnunglücke in der Sowjetunion nicht abreißen. Auf der 'nordkaukasischen Eisenbahn­linie ereignete sich wieder ein schwerer Zugzusam­menstoß. Auf dem Bahnhof Georgiewsk liefen aus entgegengesetzten Richtungen gleichzeitig ein Personen- und ein Güterzug ein. Infolge alscher Weichenstellung fuhr der Güterzug mit voller Wucht dem Personenzug in die Seite und zertrümmerte vier Wagen. 28 Personen wurden verletzt, darunter acht lebensgefährlich.

Sowjetrussischer Gefandtschaftsrat tödlich verunglückt.

Der Gesandtschaftsrat bei der sowjetrussifchen Bot- schäft in P a r i s , Divilkowski, der sich mit dem Auto von Paris nach Berlin begeben wollte, hatte in der Nähe von Fouligny bei Metz einen A u t o - Unfall, bei dem er einen schweren Schädel­bruch erlitt. In einem Krankenhaus in Metz ist er seinen Verletzungen erlegen.

TNiffissippi-Brücke eingestürzt.

Infolge des Hochwassers stürzte in La Grosse (Wisconsin) das Westende der die Staaten Wis­consin und Minesota verbindenden großen Brücke über den Mississippi ein. Ein gerade die Brücke kreuzender Kraftwagen verschwand in den Fluten. Beide Insassen ertranken.

Fünfzehn Todesopfer der Hitzewelle in Amerika.

Die Hitzewelle, die seit mehreren Tagen Die Südwest st aaten heimsucht und sich auch in Kansas auswirkt, hat bis jetzt 15 Todesopfer ge­fordert. Zahlreiche Personen sind an Hitzschlag er- krankt. Auf einer Zuchthausfarm in Louisiana sind allein 5 Neger st räflinge infolge her Gluthitze gestorben. Die Temperaturen bewegen sich in den Gebieten, die von der Hitzewelle betraf- fen sind, zwischen 3 5 ü n d 5 0 Grad C - l s i " g.

hohe Auszeichnung eines Deutschen in Spanien.

Die spanische Regierung hat den deutschen Kon­sul in Cartagena Enrique C. Fricke dm Hohen Benifizenz-Orden verliehen. Durch diese seltene Auszeichnung wird ein Auslands­deutscher geehrt, der sich seit vielen Jahren um die Hebung der kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Spanien erfolgreich eingesetzt und häufig Beweise von Opfer­bereitschaft gegeben hat.

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Das Bad-Rauheirner Internationale Schachturnier.

Die sechste Runde brachte Siege von Eliska- ses-Oesterreich gegen Grob-Schweiz, Bogoljubow- Deutschland gegen Stoltz-Schweden und Dr. Rödl- Deutschland gegen Andersen-Dänemark. Die Partien Opocenski-Tschechoslowakei gegen Richter-Deutschland und Ahues-Deutschland Engels-Deutschland wur­den abgebrochen, die erstere wird wohl unentschie­den werden, Engels wird sich auf die Dauer nicht halten können. Tabellenstand mit Einschluß der vor­aussichtlichen Resultate: Engels, Bogoljubow und Ahues 4, Eliskases 3%, Dr. Rödl und Opocenski 3, Richter, Andersen 2%, Stoltz 2 und Grob \VA.

Der 15. Internationale Physiologen kongreh in Leningrad eröffnet.

In Leningrad wurde am Freitag der 15. In- ternationale Kongreß der Physiologen, Biochemiker und Pharmakologen feierlich eröffnet. Zu dem Kongreß sind etwa 900 ausländische Gelehrte, die 37 verschiedene Staaten vertreten, erschienen. Unter den Teilnehmern befinden sich zahlreiche hervor­ragende Vertreter der physiologischen Wissenschaft, wie Barcroft (England), A b d e r h a l d e n (Deutsch­land), Jordan (Holland), Bottazzi (Italien), Kato (Japan), Lim (China), und Pawlow (Sowjetruß­land). Auf dem Physiologenkongreß werden etwa 450 Referate gehalten werden.

Blutige Unruhen in Indien

Bombay, 10. August (DRV. Funkspruch). Zu Unruhen kam es in dem Dorfe Shanghani im Fürstentum Loharu. Die Unzufriedenheit der Land­bevölkerung mit der S t e u e r d e r t e i l u n g hatte schon seit längerer Zeit eine gespannte Lage ge- schaffen, weshalb auch der regierende Fürst von Loharu bereits vor einiger Zeit die Regierung um Entsendung von Truppen zur Aufrecht­erhaltung der Ordnung gebeten hatte. Die Regie­rung war dem Wunsche des Fürsten nachgekommen und hatte Militär nach Loharu gelegt. Bei den letzten Zusammenstößen, die drei Tote und 4 7 Verletzte forderten, hatte die Bevölkerung eine Gruppe von 20 Infanteristen und 15 Polizisten umzingelt und bedroht, worauf die Ein- geschlossenen zur Schußwaffe griffen.

Kleine politische

Reichskommissar Gauleiter Bürckel traf am Freitag in Belgrad, ein und legte am Nach­mittag auf dem deutschen Heldenfnedhof einen Kranz nieder.

Der Sonderbeauftragte des Reichsminifters Dr. Goebbels, H i n ck e l, hat im Einvernehmen mit der Reichstheaterkammer mit sofortiger Wirkung den Bezirksobmann für den Bezirksverbcmd II Berlin - Brandenburg der Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger, Franz Eckhardt, seines Amtes enthoben.

Frieden zwischen Danzig und Polen.

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Oer tleberfall auf die HZ. in Krefeld

Düsseldorf, 9. Aug. (DNB.) Zu dem bereits gemeldeten feigen Ueberfall auf eine Gruppe von Hitlerjungen in Krefeld teilt die Geheime Staats­polizei auf Anfrage mit, daß die acht festge nommenen Täter sämtlich der Katho lischen Jungschar angehören.

sönlichen und staatlichen Beziehungen zwischen Dan­zig und Polen geführt werden sollen.

Um dre Bedeutung der Angelegenheit für die großeuropäische Politik zu erkennen, brauchte man nur in den Tagen des Wirtschaftskrieges zwischen Danzig und Polen einen Blick in die ausländische, besonders die französische Presse zu werfen. Ob­wohl die Danziger Regierung bei der Aufhebung der Einfuhrzölle' sofort erklärt hatte, daß sie damit keine Veränderung ihres staatsrechtlichen Verhält­nisses zu Deutschland und Polen beabsichtige und nur einem dringenden und unverschuldeten wirt­schaftlichen Notstand begegne, obwohl in Polen die Zuverlässigkeit dieser Erklärung gewürdigt und ein Hinübergleiten des Streites auf das hoch­politische Gebiet im allgemeinen vermieden wurde, obwohl sich in Deutschland Regierung und Presse peinlich von allem zurückhielten, was nach einer Schürung und Verschärfung des Konfliktes aus­sehen konnte, wurden in der französischen Presse dieNazi-Regierungen" in, Danzig und Berlin an­geklagt, ein Komplott gegen d i e be­stehende Ordnung im Osten Europas zu schmieden. Der PariserTemps" kommentierte den Streit mit unverhohlener Genugtuung und wollte in ihm das Anzeichen und den Beginn einer grundsätzlichen Aenderung des deutsch-polnischen Verhältnisses erkennen. Er wußte sogar von Militärischen Vorbereitungen Polens nicht nur an der Danziger, sondern auch an der deutschen Grenze zu berichten und stellte als euro­päische politische Wetterwarte mit Befriedigung fest, um wieviel Grade die Temperatur der deutsch­polnischen Beziehungen seit den Tagen des Besuchs des polnischen Außenministers Beck in Berlin ge­fallen sei.

Alle diese politischen Spekulationen und Prophe­zeiungen enthüllen sich heute nach der Einigung glücklicherweise als Wunschbilder. Daß solche namentlich in Paris bestehen, weiß man längst, und dies ist begreiflich, denn die Stabilisierung der deutsch-polnischen Beziehungen durch den Zehn- jahre-Dertrag ist die große Lücke in dem von der französischen Diplomatie angelegten europäischen Bündnissystem gegen Deutschland und wird von ihr auf das schmerzlichste empfunden. Die nun er­reichte Beilegung des Streits und die Beteiligung des polnischen Außenministers dabei zeigen, daß die polnische Politik nach wie vor entschlossen ist, an den großen, von Pilsudski gezeichneten und über­wachten Linien festzuhalten, die den Interessen Polens als einer auf der Brücke zwischen dem euro­päischen Osten und Westen liegenden felbftänbigen Großmacht entsprechen.

Die Nachricht, daß die wirtschaftlichen Schwierig­keiten, die in den letzten Wochen das Verhältnis zwischen der Freien Stadt Danzig und Polen ernstlich getrübt hatten, nunmehr beseitigt werden konnten, wird in Deutschland mit allgemeiner Be­friedigung aufgenommen werden. Die Einigung zeigt, daß auf beiden Seiten der Wunsch und gute Wille bestand, dem unhaltbaren Zustand ein Ende zu machen, der nicht nur die seit drei Jahren be­stehenden guten Beziehungen zwischen Danzig und Polen ernstlich störte, sondern auch die Gefahr in sich barg, zu politischen Spekulationen auf inter­nationalem Gebiete zu verleiten. Die Einigung erfolgte in einer Aussprache, die der Danziger se- natspräsident Greiser mit dem polnischen Außen­minister Beck im polnischen Hafen Gdingen hatte, bevor dieser seine Reise nach Finnland antrat. Man darf aus diesem Umstand und aus der Tat­sache, daß der Leiter der polnischen Außenpolitik sich persönlich um die Beilegung eines an s'ctz wirt­schaftlichen Streitfalles bemühte, wohl schließen, daß in Polen gerade jene internationale Bedeutung der Angelegenheit voll erkannt wurde und den Wunsch nach einer baldigen Be­reinigung verstärkte.

Die Schwierigkeiten traten ein, als die Danziger Regierung sich aus wirtschaftlichen Gründen zu einer Herabsetzung der dulden Wah­rung entschließen mußte Man hatte in Polen erwartet, daß damit eine G l e i ch s e tz u n g d e r Danziger Gulden mit der polnischen Zlotywährung eintreten würde, und um dies von Danzig in einer weiteren Währungsmaßnahme zu erreichen, erließ Polen am 17. Juli eine Zollver­ordnung, durch die der Eingang für Polen beftimmter Waren über d e n Danziger Hafen eingestellt wurde. Da dies für Don. zig die Stillegung der gesamten Wirtschaft bedeutet hätte, traf der Danziger Senat eine Gegenmaß­regel, die an sich gegen die Danzig auferlegte in­ternationale Verpflichtung verstieß, indem er die Zölle für Wareneinfuhr nach Danzig a u f h o b. Da für diese Einfuhr besonders Deut s ch- l a n d in Betracht kommt, war dieses ohne sein Zu­tun mittelbar in den Konflikt gezogen und die poli­tische Stellung Danzigs zwischen Deutschland, zu dem es volkspolitisch gehört, und Polen, an das es durch internationale Verträge gebunden ist, wenig­stens insoweit zur Erörterung gestellt, als inter­essierte ausländische Kreise daraus eine Frage des deutsch-polnischen Verhältnisses machen zu können

hofften.

Die Einigung ist nun dahin erfolgt, daß Polen feine Zollverordnung rückgängig macht und Danzig die als Folge der polnischen Verordnung ge­troffene Maßnahme der zollfreien Einfuhr bestimm­ter Waren a u f h e b t. Das Ergebnis ist also das, was man im Schachspiel Remis nennt: der Zu- ftanb wird so wiederhergestellt wie er vor den wirtschaftlichen Kampfmaßnahmen bestand, und die dandelspolitischen Interessengegensätze, die in der Hauptsache aus der Ungleichheit der Währung ent­standen sind, sollen in weiteren Verhandlungen a u f gütlichem Wege beseitigt werden In der Gdinger Unterredung zwischen Greiser und Beck wurde dafür ausdrücklich vereinbart, daß die Ver­handlungen in der Linie der bisherigen guten per-