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Nr. 84 Drittes Blatt
(Siegener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Dienstag. 9. April 1935
Aus der Provinzialhauptstadt.
Oer Gießener Kreishaushalt für 1935
Nach dem Beschluß des Kreistages ist der Voranschlag des Kreises Gießen für das Rechnungsjahr 1935 mit einer Gesamtsumme von je 770 149 RM. in Einnahme und Ausgabe sestgestellt worden. Von dieser Summe entfallen auf die Betriebsrechnung je in Einnahme und Ausgabe 594 920 RM., auf die Vermögensrechnung je in Einnahme und Ausgabe 175 229 RM.
In der Betriebsrechnung kommen auf die einzelnen Kapitel folgende Summen: Allgemeine Verwaltung: Einnahme 6785 RM., Ausgabe 25 491 RM., Polizeiwesen: Einnahme 58122 RM., Ausgabe 60 252 RM.; Schulwesen: keine Einnahme, Ausgabe 3600 RM.; Kunst und Wissenschaft: keine Einnahme, Ausgabe 4100 RM.; Bauwesen: Einnahme 3324 RM., Ausgabe 16 966 RM.; Allgemeine Förderung der Wirtschaft: keine Einnahme, Ausgabe 4700 RM.; Wohlfahrtspflege und Gesundheitswesen einschl. Erwerbslosen- und Wohnungsfürsorge: Einnahme 136135 RM., Ausgabe 322 054 RM.; Anstalten und Einrichtungen: Einnahme 1963 RM., Ausgabe 11414 RM., Finanz- und Steuerwesen: Einnahme 383 675 RM., Ausgabe 141977 RM.; Grundstücksverwaltung: Einnahme 310 RM., Ausgabe 10 RM.; Kapitalvermögen und Kapitalschulden: Einnahme 4606 RM., Ausgabe 4356 RM.
In der Vermögensrechnung kommen auf den Reste- und Ausgleichsstock je in Einnahme und Ausgabe 160 315 RM., auf den Kapitalien- und Erneuerungsfonds je in Einnahme und Ausgabe 14 914 RM.
Oie Lahn führt Hochwasser.
Die anhaltenden Schnee- und Regenfälle der letzten Tage sowie der kräftige Landregen, der feit gestern fast ununterbrochen anhielt, hatten zur Folge, daß unsere heimischen Bach- und Flußläufe sehr viel Wasser führen. In erster Linie hat sich der Wasserstand der Lahn stark erhökst. An verschiedenen Stellen trat das Wasser bereits über die Ufer. Heber die Wehre stürzt es mit großer Gewalt. An der Lahnbrücke hat der Fluß eine stattlicke Preite erreicht. Ein großer See ist an der Mündung der Wieseck in die Lahn entstanden. Ausgedehnte Wiesenflächen sind dort überschwemmt. Einzelne Bäume und Leitungsmaste stehen tief im Wasser.
Die Wieseck führt in ihrem Lauf oberhalb der Stadt nicht so viel Wasser, wie man vielleicht nach den Regenfällen annehmen könnte, in der Stadt jedoch erscheint ihr Stand sehr hoch. Diese Erscheinung ist darauf zurückzuführen, das der hohe Wasserstand der Lahn die Wieseck aufstaut.
Symphonie-Konzert im Gtadttheater.
Am Donnerstag, 11. April, findet im Stadttheater das 4. Symphonie-Konzert statt. Ausgeführt wird das Konzert von dem Orchester des Stadttheaters Gießen und der Gießener Reichsheerkapelle. Die Leitung des Konzerts hat Ober- musikmeister Ernst K r a u ß e. Als Solist wurde für diesen Abend einer der besten Solo-Cellisten Deutschlands verpflichtet, das Mitglied des Gewandhausorchesters Leipzig August Eichhorn. Das Programm sieht die Aufführung folgender Werke vor: Brahms „Tragische Ouvertüre"; Dvorak, „Opus 104, Konzert in bt-Moll für Cello"; Tschaikowsky, „Fünfte Symphonie". Das Konzert dauert von 20 bis 22 Uhr. Die Veranstaltung ist außer Abonnement. (Sieye heutige Anzeige).
Gießener Wochenmarktpreise.
* Gießen, 9. April. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Molkereibutter, das Pfund 1,50 bis 1,55 Mark, Landbutter 1,42, Matte 25 Pf., Käse, das Stück 5 bis 10, Eier (inländische) 8 bis 9, Wirsing (gelb), das Pfund 15 bis 20, Weißkraut 10 bis 12, Rotkraut 25 bis 30, Gelbe Rüben 10
bis 12, Rote Rüben 8 bis 10, Spinat 20 bis 25, Unterkohlrabi 10 bis 12, Grünkohl 15, Feldsalat 80, Tomaten 40, Zwiebeln 12 bis 15, Meerrettich 30 bis 50, Schwarzwurzeln 25 bis 30, Kartoffeln 4 Pf., der Zentner 3,40 bis 3,50 Mark, Aepfel, das Pfund 30 bis 35 Pf., Honig 40, Suppenhühner 70 bis 80, Tauben, das Stück 60, Blumenkohl 40 bis 60, Salat 25, Endivien 10 bis 20, Lauch 5 bis 10, Sellerie 10 bis 40, Rettich, Bündel 30, Radieschen 10 bis 15 Pf.
Helchsbund Volkstum und Heimat.
Ottering Gießen.
Im Winter 1934/35 trat der Reichsbund Volkstum und Heimat zum ersten Male in unserer Stadt an die Öffentlichkeit. Mit einer stattlichen Reihe von Veranstaltungen, die durchweg gut besucht waren, legte der junge Bund Zeugnis ab von dem ernsten Streben, den Sinn für Heimatliebe und Bodenständigkeit au wecken und die Heimatidee als Gemeinschaftsidee in weiteste Kreise unserer Bevölkerung zu tragen.
Wertvolle Heimatarbeit wurde hier in Gießen schon seit Jahrzehnten von verschiedenen Vereinigungen geleistet: Oberhessischer Geschichtsverein, Gesellschaft für Natur- und Heilkunde, Gesellschaft Liebig-Museum, den Wandervereinen und den Heimatvereinigungen. Das Verdienst des Reichsbundes Volkstum und Heimat ist es, diese oft nebeneinander arbeitenden Verbände zu gegenseitig befruchtender Arbeit zusammengefaßt und ihre Arbeit auf eine breitere Basis gestellt zu haben. Mit ihrer Eingliederung haben diese Verbände zugleich dargetan, daß sie ihre Arbeit bewußt in den Dienst des neuen Deutschland stellen, denn „Volkstum und Heimat", „Blut und Boden" bilden die Grundpfeiler der nationalsozialistischen Weltanschauung.
Bei den Veranstaltungen des verflossenen Winters fand in erster Linie das starke heimatgeschichtliche Interesse unserer Bevölkerung Berücksichtigung. Stadtbaurat G r a v e r t sprach in drei Lichtbildervorträgen über „Die Entstehung unserer Stadt", über „Die Entwicklung der hessischen Städte" und über „Alte und neue Straßen um Gießen". Universitäts-Professor Dr. Rauch zeigte unsere schönen Fachwerkbauten im Lichtbild und fand mit der Betonung bodenständiger handwerklicher Kunst viel Anklang. Der Schiffenberg wurde an Ort und Stelle von Reg.-Baurat Kuhlmann und Bibliothekar Dr. W a l b r a ch baulich und historisch erläutert.
Eine wertvolle Stickerei- und Spitzen- W e r k s ch a u , die vierzehn Tage lang im Turmhaus am Brand gezeigt wurde, fand das Interesse der Frauenwelt, 2710 Personen besuchten diese Ausstellung.
Zwei weitere Heimatabende unter Mitwirkung unseres Heimatdichters Georg Heß und des nassauischen Mundartdichters Rudolf Dietz fanden großen Anklang; dabei zeigte der Volks- t a n z k r e i s , was er an stillen Winterabenden an hessischen und deutschen Volkstänzen erarbeitet hatte. Auch der S i n g k r e i s legte in feinem „kleinen Bachabend" Zeugnis ab von ernster Winterarbeit.
Der Naturschutzgedanke fand Berücksichtigung in einem Vortrag von Universitäts-Prof. Dr. Funk über den „deutschen Wald" und in einem Vortrag von Dr. K. R. Fischer über „Die Einbürgerung des Uhus im Vogelsberg", wobei ein Paar aus Rumänien eingeführter Uhus der Oeffentlichkeit gezeigt wurde.
Das Fachamt Naturschutz wies in zahlreichen Aufsätzen in der Zeitung auf den Schutz der Frühlinasboten hin und trat an die Forst- und Polizeibehörden mit dem Ersuchen heran, m Zukunft alle Naturschänder unnachsichtlich zur Anzeige zu bringen.
Das Fachamt Tierschutz leistete in zahl
reichen Fällen der stummen Kreatur Hilfe im Benehmen mit der Polizei und zeichnete sechzehn treue Tierpfleger mit Diplomen aus.
Sämtliche Gießener Gesangvereine wirkten bei den Veranstaltungen des Reichsbundes Volks- tum und Heimat mit und stellten sich damit in anerkennenswerter Weise in den Dienst Der Heimat- und Volkstumsarbeit.
Die vielseitige und ernste Heimatarbeit in diesem Winterhalbjahr fand ein erfreulich starkes Echo in allen Bevölkerungsschichten und hat den Heimatbund so recht volkstümlich gemacht. Er umfaßt rund 800 Mitglieder. Der Monatsbeitrag beträgt 25 Pf., dafür wird die 32 fettige Monatsschrift „Volk und Scholle" geliefert und freier bzw. ermäßigter Eintritt zu allen lokalen Veranstaltungen gewährt. Anmeldungen nimmt die Ortsringleitung, Weserstr. 4, entgegen.
vornottzen.
— Tageskalender für Dienstag: Stadttheater: 20 bis 22 Uhr „Der Nobelpreis". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: Gastspiel von Wilhelm Bendow „(Eine tolle Kiste", Film-Lustspiel „Betragen ungenügend". — Astoria-Lichtspiele, Seltersweg: „Artisten . — Oberhessischer Kunstverein, Turmhaus am Brandplatz: 2. Ausstellung aus Gießener Privatbesitz von 16 bis 17 Uhr. — Ortsgruppe Gießen der DBS. Bausparer: 20 Uhr im Hotel Viktoria Monatsversammlung. —
— Stadttheater Gießen. Heute, 20 Uhr, zum erstenmal ine Komödie: „Der Nobelpreis" von Hjalmar Bergman; Spiellettung hat Wolfgang Kühne; Mitwirkende: Damen: Decker, Pflug, Stirl; Herren: Dieten, Göbel, Löser, Lüpke, Neuhaus.
♦
** In den Ruhestand getreten. Am 1. April ist Förster Geisel zu Gießen in den Ruhestand getreten. Er hat seit über 30 Jahren die Försterei Gießen bes Stadtwaldes bewirtschaftet. Er war wegen seines ruhigen, freundlichen Wesens und seiner Zuverlässigkeit allgemein beliebt bei Vorgesetzten, Arbeitern und der Bevölkerung.
*♦ Die Ortssatzungen über die Erhebung einer Filialsteuer und einer Warenhaus st euer für das Rechnungsjahr 1935 liegen gegenwärtig im Stadthaus, Bergstraße, zur Einsichtnahme offen. Man beachte die heutige Bekanntmachung der Bürgermeisterei.
** Die Abführung der Lohnsteuer ab 1. Januar betrifft eine Bekanntmachung der Finanzämter Gießen, Alsfeld, Hungen und Grün- berg in unserem heutigen Anzeigenteil. Aus diese wichtige Bekanntmachung sei an dieser Stelle besonders hingewiesen.
** Vereinigung ehemaliger Angehöriger des LJR. 116. Man berichtet unst Am Samstag fand die gut besuchte Hauptversammlung der Vereinigung ehemaliger Angehörigen des LJR. 116 bei Kamerad Schrader (Seewiese) statt. Der Führer der Vereinigung, Kamerad Wilhelm Bopf, gab einen Heberblick über die Ereignisse des letzten Jahres und erwähnte besonders das jedem Soldaten erfreuende Ergebnis der Saarabstimmung und die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht. Er schloß mit einem Sieg-Heil auf Führer und Volk. Alsdann berichteten der Schriftführer, Kamerad S t u d t, über das Vereinsleben des vergangenen Jahres und der Rechner, Kamerad Fr. Schneider, über die Jahresabrechnung, die mit einem kleinen Heberschuß abschließt. Durch Zuruf wurde Wilhelm Bopf wieder zum Führer bestimmt und durch ihn der bisherige Vorstand be- ftätigt. Die rege Aussprache ergab, wie das bei der 116er Landwehr Heberlieferung geworden ist, volle Einmütigkeit in allen die Vereinigung betreffenden Angelegenheiten. Besonders begrüßt wurde es allerseits, daß Kamerad S t u d t, einer unserer ältesten und treuesten Kameraden in der Vereinigung, wieder vollkommen genesen ist und sein Amt weiter versehen kann. Eine ursprünglich geplante gemeinsame Fahrt an die Westfront wurde wegen der Zeitverhältnisse auf nächstes Jahr verschoben. Um 11 Hhr schloß der Vorsitzende die von kameradschaftlichem, soldatischem Geist beseelte Versammlung.
Deutscher Gemeiudetag, Kreisabteilung Gießen.
Zu einer Bürgermeisterversammlung der Kreisabteilung Gießen im Deutschen Gemeinde- tag am Samstag im „Hotel Hindenburg" zu Gießen waren auch die Ortsgruppenleiter der Partei erschienen. Der Obmann der Kreisabteilung, Bürgermeister Euler- Wieseck, konnte u. a. auch den Leiter des Amtes für Kommunalpolitik bei der Kreisleitung, stellvertretenden Kreisleiter Hopfenmüller, ferner Oberregierungsrat Dr. Schön- h a l s begrüßen.
Der Kreisjägermeister, Oberforstmeister Nico- laus-Gießen sprach zunächst über die neue Jagd- und Pachtordnung und die dadurch bedingten sofortigen Maßnahmen, sowie über die Zuständigkeit des Kreisjägermeisters, der im weitaus größten Teil erst die Genehmigung zu erteilen hat.
Obmann Bürgermeister Euler- Wieseck verlas dann einige Rundschreiben über die kommunalpolitische Schulung der Bürgermeister durch die Gauschule in Bad Soden i. T. Der Leiter des Amtes für Kommunalpolitik bei der Kreisleitung, stellvertretender Kreisleiter Hopfenmüller, unterstrich die Bedeutung dieser Schulungsarbeit und forderte zu reger Inanspruchnahme auf.
Reg.-Rat Weber vom Kreisamt verlas einige ministerielle Ausschreiben, u. a. über die Förderung der Schafzucht zur Ausnützung der gegebenen Futtergrundlage und mit dem Ziele der Selbsterzeugung des deutschen Wollbedarfes.
Im Mittelpunkt der Tagung stand ein umfassender, fast zweistündiger Vortrag des Leiters der Landesdienststelle Hessen/Hessen-Nassau und Ge
schäftsführers des Amtes für Kommunalpolitik im Gau Hessen-Nassau, Dr. G ö b (Frankfurt) über die Deutsche Gemeindeordnung.
Der Redner führte etwa folgendes aus: Durch die Deutsche Gemeindeordnung ist die Arbeit in den Gemeinden auf eine völlig neue Grundlage gestellt worden. Die Bedeutung dieses Gesetzeswerkes kann man daran erkennen, wenn man bedenkt, daß die nationalsozialistische Regierung hierdurch das Problem der Verwaltungsreform mit dem Ziele der Verwaltungsvereinfachung und Verbilligung, das feit Jahrzehnten keine Lösung finden konnte, nunmehr mit einem Schlage gelöst hat.
Das Gesetz zeichnet sich aus durch übersichtlichen Aufbau und klare, deutliche Sprache, die auch dem einfachsten Staatsbürger die 7Nög- tichkeit gibt, den Inhalt des Gesetzes zu verstehen. Ganz bewußt hat die Regierung nicht alle einzelnen kommunalpolilifchen Fragen geregelt, sondern ein Rahmengesetz geschaffen, um den einzelnen Landesteilen die Möglichkeit zu
NIVEA CREME
Die Zfflandstöchier und ihre Freier.
Vornan von J. Gchneider Ioerstl.
Copyright by Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.
26 Fortsetzung Nachdruck verboten!
So kam es, daß Klaudine, die durch das Um» Parkieren einen Zeitverlust von zwanzig Minuten hereinbrachte, in einem Paris eintraf, das ihr •einen leichten Schauder verursachte. Die Nebel- Lecke hatte sich noch tiefer gesenkt und tauchte die -ganze Bahnhofshalle in ein novernberhaftes Dun- Fel, aus dem nur die elektrischen Lampen als um» fflorte Sonnen aufleuchteten.
Durch die Verspätung des Expreß waren die «Geleise verstopft und die Ankunft der Züge hatte lsich verschoben. Die Bahnsteige waren voll Men- ßchen, die sich drängten, stießen, die fragten und mutmaßten. Klaudme schob sich mit Gewalt vorwärts, immer den Bügeln ihres Lederkoffers krampfhaft fefthaltend, damit er ihr nicht aus der Hand gerissen wurde. Und niemand, der sie er» wartete.
Das Schlimmste aber war, sie hatte keine Adresse, nicht den geringsten Aufenthaltspunkt, wohin sie sich wenden sollte. Als sie sich glücklich aus dem Strom der hin- und herflutenden Relfenden gerettet hatte, blieb sie für ein paar Minuten stehen und überlegte. Niels hatte einmal in einem seiner Briefe an Bob die Rue Pvonne angegeben.
Vielleicht hatte sie Glück.
Als sie in einer Taxe saß, fühlte sie eine gewisse Erleichterung. In die Rue Nvonne einbiegend, fragte der Chauffeur nach der Nummer. Klaudine schüttelte nur den Kopf. Sie wußte sie Glicht. „Fahren Sie mich nach der Hauptpost", entschloß sie sich.
Hier herrschte trotz der frühen Vormittagsstunde ichon lebhafter Betrieb. Der Beamte, an dessen Schalter sie trat, war äußerst entgegenkommend. Klaudine erklärte ihm, daß sie ein Telegramm abgeschickt habe. „Niels Pöttmes, Paris — poste centrale. Ankomme Paris Sonntag acht Uhr iünfzehn, Klaudine."
Wo die Depesche aufgegeben worden sei und wann, wollte der Beamte wissen.
„In München. Samstag nachmittag fünfzehn Ihr."
Der Beamte verständigte sich mit seinem Kollern am Depeschenschalter.
Die Angaben stimmten. Das Telegramm wäre <uch eingetroffen und fei schon abgeyott worden.
Aber die Adresse des Herrn Pöttmes wisse er nicht. Sicher aber könne sie diese auf der Polizei erfahren.
So fuhr Klaudine nun denn nach der Polizei und bekam Bobs frühere Wohnung herausgeschrieben. Dort mußte sie zu ihrer Enttäuschung hören, daß ihr Stiefbruder ausgezogen war.
Zum Glück hatte Niels der Dame, die Bobs frühere Hauswirtin gewesen war, die jetzige Wohnung des Bruders mitgeteilt: Montmartre bei Madame Cecile Carnöe.
Endlich! Denn wo Bob war, war auch Niels, überlegte Klaudine. Zumindestens wußte er, wo sie ihn finden konnte. —
Madame Carnöe erschien im Morgenkleid und entschuldigte sich. Sie glaubte, eine neue Mieterin vor sich zu haben. Dann trat maßloser Schrecken in ihre Augen. „Monsieur Pöttmes?!" — Oh, ob Mademoiselle nicht wüßte? Monsieur Pöttmes hätte sich vergangene Woche aus dem Fenster gestürzt. — Jawohl, hier aus dem Fenster. Dabei riß sie die Tür zu Bobs Zimmer auf und ließ Klaudine eintreten. — Unb fein Bruder habe gestanden wie erstarrt und hätte es nicht verhindern können. Unb ber Baum unten, ber hätte ben armen Menschen aufgefangen. So barmherzig seien zuweilen bie Bäume, ja. Jetzt liege ber Äermste in ber Charite, bie Lunge burchbohrt, bas Bein gebrochen, überhaupt ber ganze Körper, oh!
Mabame Cecile meinte in Erinnerung an ben Schrecken, ben sie burchgemacht hatte. Mademoi- selle wäre gewiß bie Braut ober so?
„Seine Schwester", antwortete Klaubine müh- sam, taumelte unb bekam gerabe noch rechtzeitig einen Stuhl von Mabame hingerückt. Sie mußte einen Schluck Wein trinken unb einen Keks bazu nehmen. Dann wollte Mabame Carrtee mit ihr nach ber Charite fahren.
♦
Inzwischen hatte Oskar ben Wagen roieber nach bem Gare bu Norb gesteuert. Niels kam gerabe an, als ber Expreß in bie Halle bornierte. Die Rosen ließen zwar bie Köpfe etwas hängen, bafür trug Niels ben feinen um so erhobener. Nun kam sie also!
Seine Enttäuschung wuchs, als Passagier um Passagier aus ben Abteilen stieg unb von Klaubine noch immer nichts zu sehen war. Es stimmte doch: 8,15 Hhr hatte sie depeschiert. Als ber letzte Reisenbe an ihm vorüberging, erreichte seine Nervosität ben Höhevunkt. Vielleicht war es boch nicht nur ein Achsenbruch gewesen, unb biefer ober jener Passagier hatte möglicherweise Schaden genommen ...
Der bienfttuenbe Beamte hörte Pöttmes' Befürchtungen ruhig an unb schüttelte bann ben Kopf. „Non, Monsieur, es hat keine Verletzten ge
geben. Aber es besteht die Möglichkeit, daß die Dame bereits mit bem Vorzug gekommen ist. Wir haben ben Reifenben bes Expreßzuges Gelegenheit gegeben, umparkiert zu werben. Es ist benn auch eine große Anzahl mit bem in Bettacht kommen- ben Zug eingetroffen."
„Wann?"
„Vor etwa einer halben Stunbe, Monsieur."
Niels war völlig niebergefchlagen. Es gab keinen Zweifel, Klaubine hatte, um Zeit zu gewinnen, den Vorzug benutzt, war breißig Minuten eher eingetroffen und befand sich nun in der Weltstadt Paris, ohne Adresse, ohne Orientierung, ohne Geld vielleicht.
Er durchsuchte die Wartesäle, den Frauensalon, das Schreibzimmer, bie Lesehalle — keine Spur von Klaudine. Während er von einem Raum zum andern lief, stopfte er die Rosen in einen Behälter für Abfälle. Sie waren ihm hinderlich, obwohl er eigentlich nicht wußte, weshalb. Aber er empfand sie jetzt störend.
Im Begriffe, die Suche nach Klaudine von neuem zu beginnen, prallte er am Bahnsteig mit Gottfried zusammen. „Bob?" war seine erste, erschrockene Frage.
„Nein, gnädiger Herr. Es ist alles in Ordnung. Herr Bob schläft, unb bie Dame sitzt bei ihm."
„Klaudine?"
„Gewiß, Herr Pöttmes."
„Klaudine!" ries Niels aus, so daß sich einige der Reiseniben verwundert nach ihm umdrehten.
*
Zehn Minuten später umspannte Niels' Rechte Kbaudines schmale Mädchenhand. Er fühlte, wie die schlanken Finger zitterten. Trotzdem vermochte er kein Wort zu sagen, hielt sie nur zwischen den seinen fest und sah ihr in die Augen.
Klaudine fand zuerst die Sprache wieder. „Ich begreife nicht, wie ich das ertragen konnte."
„Die Ankunft hier, ohne Begrüßung, nicht wahr?"
„Nein — diese Ungewißheit", stieß sie hervor.
„Diese schreckliche Angst."
Ihre Augen hingen an ihm. „Warum haben Sie mir das angetan — und mich suchen lassen?"
Niels war erschüttert. Aus dem Zimmer nebenan kam jetzt Bobs Stimme. Er gab Klaudines Hand frei und ging hinüber, neigte sich über das Bett und sagte leise: „Nun ist Klaudine da, mein Junge. Die Klaudine von der Karrer-Hütte, weißt du? Du verstehst mich doch?"
Bob nickte nur, ließ die Augen nach der offenen Tür wandern, durch die seine Stiefschwester eben trat und grüßte sie mit einem langen Blick. Es war ein wortloses Gelöbnis des Schweigens.
Niels fand nichts dabei, daß Klaudine sich über feinen Bruder neigte und ihn auf die Stirn küßte.
Er freute sich, wie vertraulich sie, über Bob geneigt, zu diesem sprach. Der Aermste durfte ja nicht reden, aber die beiden schienen sich doch prächtig zu verstehen. Er fand es vortrefflich, daß er sie um ihr Kommen gebeten hatte.
Jetzt konnte er auch einmal für einen Tag ober zwei nach England. Vielleicht auch mit dem Flugzeug nach Rumänien. Von überallher rief man ihn. Er hatte sich so lange nicht mehr um seine Obliegenheiten gekümmert. Nun traten sie desto gebieterischer an ihn heran.
Bob würde genesen, hatte ihm der Professor gesagt, wenn es auch noch Wochen, vielleicht Monate •dauerte, bis alles ausgeheilt war. Wenn Bob erst reifen konnte, würde er ihn mit Klaudine nach Italien schicken, oder Kairo, oder Davos, ober nach Biskra; wohin eben der Professor riet.
Niels sah, wie Klaudine eben das eine Kissen vorsichtig unter Bobs Rücken schob und lächelte, so vertraut war ihm diese ihre Hilfeleistung noch von der Karrer-Hütte her. „Nun wirst du aber rasch gesund werden, mein Junge", sagte er, an bas Bett tretend, bemerkte Bobs rätselhaften Blick und fragte: „Hast du wieder größere Schmerzen? Nein? Das ist recht. Haben Sie überhaupt schon ein Frühstück gehabt, Klaudine?"
Sie dankte. Es wäre ihr für den Augenblic möglich, etwas zu sich zu nehmen. —
Mittags sveisten sie dann zusammen im Hotel. Der Abend vrächte wie immer schweres Fieber bei Bob. Manchmal schien es, als schwebe er noch immer zwischen Leben und Tod. Und als er in seinen Delirien immer wieder nach Luzie rief, meinte Pöttmes einmal unsicher: „Wenn ich wüßte, daß es ihn beruhigt, würde ich das Mädchen kommen lassen."
Klaudine hatte das Gesicht gesenkt und wagte nicht aufzusehen. Erst nach einer Weile fragte sie, ob dieses Mädchen Bobs Braut sei.
„Sie ist die Stiefschwester meines Bruders", gab er zur Antwort. „Möglich auch, daß er sie liebt. Ich weiß es nicht. Ich konnte ja nichts mehr mit ihm reden, so plötzlich brach die Katastrophe herein."
Bob lag wieder ganz ruhig. Und als dann das Fieber ein wenig abzuflauen begann, sprach Niels das erste Mal zu Klaudine von feiner Familie. „Mein Vater starb, als ich sechzehn Jahre alt war. Mein Bruder zählte damals sechs. Wir liebten uns über alles, und an unserem Einvernehmen hat sich seither nichts geändert. Mit meiner Stiefmutter konnte ich mich nie recht verstehen. Vielleicht sind wir zu ähnlichen Charakters, das schafft dann Rei» bungsflächen. Vor einem halben Jahre hat sie sich ein zweites Mal verheiratet mit einem Gutsbesitzer im Bayerischen. (Er starb knapp zwei Monate nach der Vermählung und hinterließ ihr drei Stieftöchter und einen Sohn. Und eine von diesen Töchtern ist diese Luzie?" (Fortsetzung folgt.)


