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Ur. 262 Zweites Blatt Gießener Anzeiger iGeneral-Anzelger für Oberhetzen-Hreilag, 8. November 1935

Noch zwei Minuten bis zur Sendung...!

Junge Generation am Nundfunk. Aller Anfang ist schwer, peinliche Zwischenfälle am Mikrophon.

Fünf Minuten lang. Schließlich fällt einem ein, daß man eigentlich eine neue Saite holen müsse. Er wird fortgeschickt. Eile, höchste Eile wird ihm an­befohlen, da die Saite erst noch aufgezogen und gestimmt werden muß. Die Minuten fliegen nur so vorbei. Das Zeichen zum Beginn der Sendung wird gegeben. Aber der Mann mit der neuen Saite ist noch nicht da. Wir sind gespannt, was jetzt ge­schehen soll; doch unser Mann mit dem Cello ver­zieht keine Miene und spielt mit drei Saiten. Unsere Bewunderung für ihn ist jetzt auf dem Höhepunkt angelangt. Und endlich, nach Schluß der Sendung, erscheint auch unser Kamerad mit einer nagelneuen Saite. Er hatte im Laden so lange warten müssen"!

Pimpfensendung!

Die Proben sind glücklich überstanden. Die Sache klappt. Die Hauptprobe war in Ordnung. Unsere

Ausstellung der Arbeitsbücher.

Die Pressestelle des Landesarbeitsamts Hessen teilt mit:

Arbeiter und Angestellte, für die Arbeitsbücher auszustellen sind, dürfen von dem Zeitpunkt an, den der Reichsarbeitsminister bestimmt, nur beschäftigt werden, wenn sie im Besitze eines ordnungsmäßig ausgestellten Arbeitsbuches sind.

Wer entgegen dieser Vorschrift einen Arbeiter oder Angestellten beschäftigt, oder sich als Arbeiter oder Angestellten beschäftigen läßt, wird mit Geldstrafe bis zu 150 Mark oder mit Haft bestraft.

Nach der Bekanntmachung des Herrn Präsidenten der Reichsanstalt vom 18. Mai 1935 wurden Ar­beitsbücher zunächst für die Arbeiter und Angestell­ten der folgenden 16. Betriebsgruppen ausgestellt: Industrie der Steine und Erden, Eisen- und Stahl­gewinnung, Metallhütten- und Metallhalbzeugwerke, Herstellen von Eisen-, Stahl- und Metallwaren, Maschinen, Apparate und Fahrzeugbau (auch mit Gießerei), Elektrotechnische Industrie, Optische und einmechanische Industrie, Chemische Industrie, Pa- lierindustrie, Leder- und Linoleumindustrie, Kaut- chuk- und Asbestindustrie, Baugewerbe und Bau­nebengewerbe, Großhandel, Einzelhandel, Verlags­gewerbe, Handelsvermittlung und sonstige Hilfsge­werbe des Handels, Geld, Bank, Börsen- und Der-

Arbeitstagung der Entschuldungsämter.

Pimpfe dürfen jetzt noch eine Weile draußen im Park herumtollen. Wir andern stehen am Fenster des Senderaumes und unterhalten uns. Die Pimpfe da draußen schreien und toben, daß einem das Trommelfell platzen könnte. Auf einmal steigt aus der Abfallgrube, die sich draußen vor dem Haus befindet, dichter Qualm auf. Irgend jemand scheint glühende Asche in die Grube geleert zu haben, so daß die andern Abfälle in Brand ge­rieten. Da steht auch schon, wie aus dem Boden gewachsen, der Aufseher des Parks vor unfern Pimpfen und bezichtigt sie ganz offen der Brand­stiftung. Ein einziger Entrüstungsschrei ist die Ant­wort. Das nützt aber nicht viel. Die Verhandlung geht weiter. Der Uhrzeiger auch. Gleich wird es Zeit sein. Unsere Pimpfe haben die Sendung vergessen. Sie sind jetzt ganz bei der Sache. Ihre Ehre ist angegriffen. Sie muß verteidigt wer­den. Sie ist wichtiger als die Sendung. Vergebens versuchen wir, den Streit abzubrechen. Die Unent­wegtesten weichen nicht von der Stelle, bis der Vorwurf zurückgenommen ist. Dann kann die Sen­dung beginnen. Es war gerade noch eine Minute Zeit! B-r.

sicherungswesen. Die Ausstellung der Arbeitsbücher für alle Angehörigen der vorgenannten Betriebs- aruppen sollte bis Ende September 1935 abge­schlossen sein.

Es ist festgestellt, daß es trotzdem noch Arbeiter und Angestellte gibt, die bisher noch keinen Antrag auf Ausstellung eines Arbeitsbuches gestellt haben, obwohl dies bereits hätte geschehen sein müssen. Wenn auch der Beschäftigte selbst dafür sor­gen muß, daß er ein Arbeitsbuch bekommt, so ist es doch Sache des Betriebsführers, sich darum zu bekümmern, daß dies geschieht.

Die Festsetzung des Zeitpunktes, von dem an Arbeiter und Angestellte in den obengenannten Be­triebsgruppen nur beschäftigt werden dürfen, wenn sie im Besitze eines ordnungsmäßig ausgestellten Arbeitsbuches sind, steht unmittelbar bevor. Die beschleunigte Einreichung der noch ausstehenden Anträge ist deshalb zur Vermeidung von Nachteilen notwendig.

Angehörige der genannten Betriebsgruppen, die noch keinen Antrag auf Ausstellung eines Arbeitsbuches gestellt haben, werden hiermit letztmalig aufgefordert, bei ihrem zuständigen

Arbeitsamt einen Antrag sofort zu stellen.

Wenn ihr draußen im Land unsere Hitler- Jugend- und Jungvolk-Sendungen hört, und alles klappt und läuft wie am Schnürchen, als könnte es gar nid)f anders fein, dann denkt ihr wohl kaum daran, wie viele und oft langwierige Vorbereitungen nötig find, um so etwas zustande zu bringen. Die Rund funk schar hat vor einer solchen ' Sendung manchmal ziemlich strammen Dienst. Stundenlange Proben sind keine Seltenheit. Dann und wann gibt es auch einmal eine kleine Aufregung, roenn ~irgenb etwas schief zu gehen scheint und die Nerven zum Zerreißen angespannt sind. Jetzt! Jetzt! Denkt jeder, jetzt passiert's. Und dann geht es doch noch einmal gut, und erleichtert atmet alles auf, das heißt, bei der Sendung darf man das nicht einmal, weil der Hörer das nämlich hört! Oder es kommt auch vor, daß einer der Mitwirkenden bei der Hauptprobe, die meist kurz vor der Sendung statt- findet, nicht rechtzeitig erscheint; man wartet und wartet, schließlich wird man ungeduldig, man ver­sucht zu telephonieren, endlich werden Patrouillen ausgeschickt, um den Sünder zu suchen; und gerade, wenn dann drei oder vier Mann weggegangen sind, um den Vermißten heranzuholen, erscheint er freundlich lächelnd unter der Tür!

Fanfarenbläser ausgerutschi!

Wir brauchen zu einem Lied in unserer Feier­stunde einen Fanfarenbläser, der an einer bestimm­ten Stelle einzusetzen hat und der ganzen Sache Glanz und Schwung geben soll. Bereits zweimal ist der Mann zur Probe bestellt worden, aber bis­her hat er es noch nicht für nötig gefunden zu erscheinen. Wahrscheinlich hat er zu großes Ver­trauen zu seiner Kunst, daß er gar nicht erst zu proben braucht Endlich, nach heftigem Zureden und unheimlichen Drohungen, erscheint er zur Hauptprobe. Alle sind gespannt auf die feine Stelle mit der Fanfare. Fabelhafter Einsatz! Jetzt muß gleich die Stelle kommen, .wo es so hinaufgeht! O heiliger Schreck! Der Fanfarenbläser ist ausgerutscht! Der Herr Dirigent klopft ab, der Mann in der Regiezelle hält sich entsetzt die Ohren zu. Noch einmal! Wieder kommt die ver­hängnisvolle Stelle, wieder rutscht die Fanfare aus. Dasselbe Schauspiel wiederholt sich ein drittes Mal. Dann wird die Fanfare auf eine Viertelstunde hinausgeschickt, um zu üben. Danach geht die Sache von vorne los. Wieder mit dem gleichen Erfolg. Was tun? Wir haben noch eine halbe Stunde bis zur Sendung. Ein zuverlässiger Fanfarenbläser muß unbedingt beschafft werden. Also setzt sich der Herr Dirigent selbst in Marsch. Fünf Minuten vor Beginn der Sendung erscheint er wieder... Mit einem neuen Fanfarenbläser!

Proben dürfen wir nicht mehr. Schon erscheint über der Regiezelle das Kommando:Achtung! Ruhe erbeten!" Jeder denkt mit Schrecken an die Fanfare: wird es klappen oder werden wir uns blamieren? Die Sendung rollt. Nah und näher rückt die verdammte Stelle. Gleich muß sie da fein. Ich schwitze. Da, jetzt! Wunderbar schmettert die Fanfare herein, und diesmal atmen wir wirklich erleichtert auf.

Ein Cello mit drei Saiten ...

Wir fingen zum erstenmal mit der Begleitung von Instrumenten und sind nicht wenig stolz dar­auf, daß wir jetzt ein großes Orchester haben. Dor allem unser Cellist imponiert uns, wenn er den Baß so fabelhaftherausholt". Die Hauptprobe hat tadellos geklappt. Alles ist in bester Laune. Es ist noch eine Viertelstunde bis zur Sendung, und wir legen eine kleine Pause ein, die wir draußen im Park verbringen wollen. Der Cellist, unser Stolz, will rasch sein Instrument noch einmal stimmen. Da: Ein knallendes Geräusch, eine Seite ist gerissen. Stummes Entsetzen, dann Beratung.

D a r m st a d t, 6. Nov. (LPD.) Auf Einladung und unter Vorsitz des stellvertretenden Oberlandes­gerichtspräsidenten versammelten sich in den Räu­men des Oberlandesgerichts Darmstadt die Leiter der Entschuldungsämter, um ihre Tätigkeit durch gegenseitigen Austausch ihrer Erfahrungen zu fördern.

Ls kam dabei zum Ausdruck, daß die vorteile des Lutschuldungsverfahreus nicht solchen Ve- triebsinhabern zugute kommen sollten, deren Persönlichkeit oder Wirtschaftsführung nicht die Gewähr für eine erfolgreiche Durchführung des Verfahrens und für die Erhaltung des Betrie­bes bietet. Wenn dagegen kein Verschulden des Bekriebsinhabers vorliegk, werden alle gesetz­lichen Möglichkeiten ausgeschöpft werden, und die Entschuldungämter werden dabei als die tatkräftigen und die besten Anwälte der Ve- triebsinhaber handeln. Wenn dabei manche Verfahren auch nicht ohne erhebliche Opfer der Gläubiger durchgeführt werden können, so wird

sich doch häufig in einer Gläubigerversammlung aufzeigen lassen, daß die Durchführung des Verfahrens trotz freiwilliger Kürzungen über den Rahmen des Gesetzes hinaus für den größ­ten Teil der Gläubiger besser ist, als eine Zwangsversteigerung, die neben der Zerstörung der Betriebseinheit oft den gänzlichen Verlust der nicht genügend gesicherten Forderungen zur Folge hätte.

Es wurde betont, daß die Entschuldungsämter be­wußt als Verwaltungsbehörden eingesetzt worden sind, für die das Gesetz nicht Zweck, sondern nur Rahmen ihrer Tätigkeit ist.

Es kam alsdann zur Sprache, daß sich fast zwangsläufig eine gewisse einheitliche Reihenfolge in der umfangreichen und schwierigen Arbeit der Entschuldungsämter herausbildet. Neben der Ent­scheidung über die Verfahren, die noch nicht eröffnet sind, uno über die Aufhebung eröffneter Verfahren wegen Unzuverlässigkeit des Betriebsinhabers oder seiner Wirtschaftsweise widmen sich die Entschul­dungsämter zunächst den Entscheidungen, in denen

sie selbst Entschuldungsstelle sind und daher die Entschuldungspläne selbst vorzubereiten und aufzu- stellen haben.

Wenn das Entschuldungsamt durch die Aufstel­lung seiner eigenen Entschuldungspläne die nötige Erfahrung gesammelt hat und ihm nach Erledigung dieser Ausgabe die erforderliche Zeit zur Verfügung steht, wird es sich mit größerer Tatkraft seiner zweiten Hauptaufgabe widmen können:

die Kreditinstitute, denen noch ein sehr großer Teil der Entschuldungsverfahren zur Bearbei­tung verblieben ist, zu beaufsichtigen und in ihrer Arbeit zu fördern, damit auch diese Verfahren mit möglichster Beschleunigung durch­geführt werden nach dem Grundsatz: Doppelt gibt, wer schnell gibt!

Die Entschuldungsämter arbeiten in ständiger enger Fühlungnahme mit sämtlichen am Verfahren beteiligten Personen und insbesondere auch mit dem Kreisbauernführer. Sie treffen ihre Entscheidungen

Der Eintopfsonntag

ist der Ehrentag der deutschen Ration! Bedenke es am 10. Rovember!

jedoch in eigener Verantwortung und sind nur dem Führer und der von ihm eingesetzten und dem Ent­schuldungsamt vorgeordneten Reichsjustizverwaltung Rechenschaft schuldig. Sie treffen ihre Entscheidung niemand zuliebe und niemand zuleide, und haben dabei stets die Interessen des gesamten Volkes, nicht nur die einzelner Beteiligter im Auge.

Wegen Ueberschreitung der Höchstpreise angeieigt.

Frankfurt a.M., 6. Nov. (LPD.) Die Presse­stelle der Landesbauernschaft Hessen-Nassau teilt mit: Gegen den Kolonialwarenhändler M. P., Frank­furt a. M. - Heddernheim, wurde Anzeige we­gen Verbrauch er-Höch st preisüber- f d) r e i t u n g für Eier erstattet. Er hatte die Verbraucherhöchstpreise vom 17. Oktober 1935 über­schritten, die laut Anordnung des Vorsitzenden der Hauptvereinigung der Deutschen Eierwirtschaft im Auftrage des Reichsnährstandes und mit Zustim­mung des Reichsministers für Ernährung und Landwirtschaft erlassen wurden. Dieser Fall dürfte nochmals eine letzte Warnung für diejenigen Verkaufsbetriebe fein, die sich noch immer nicht an die ovrgefchriebenen Verbraucherhvchftpreife halten können.

Warnung vor einem Betrüger.

LPD. Frankfurt a. M., 7. Nov. Neuerdings tritt hier ein Betrüger auf, der angibt, von der Firma Mahlftock in München beauftragt zu fein, eine Werbeaktion für die Anfertigung von Kinder­porträts einzuleiten. Diese Aktion soll angeblich notleidenden Malern zugute kommen. Die Porträts würden zum Selbstkostenpreis abgegeben, weil es sich um eine Werbeaktion handele. Dafür sollten sich die Auftraggeber verpflichten, die Por­träts etwa acht Tage für eine Ausstellung zur Verfügung zu stellen. Die Kosten würden 15 Mk. pro Bild betragen. Der Schwindler läßt sich ent­weder eine Anzahlung in verschiedener Höhe, oder den vollen Betrag geben. Eine Lieferung erfolgt nicht. Die Polizei warnt vor dem Betrüger und bittet um Veranlassung der Festnahme bzw. Nach, richt nach Zimmer Nr. 466 des Polizeipräsidiums, Frankfurt a. M.

Sargträger stürzen ins Grab.

LPD. Westerburg, 7. Nov. Bei einer Beer- diguyg auf dem Westerburger Friedhof brach beim Herablassen des Sarges plötzlich die Grabwand ein, wodurch zwei ©.argträger ins Grab stürzten und unter denSarg 3 u liegen kamen. Glücklicherweise kamen die beiden Männer ohne Verletzungen davon.

Der Lyrik-Preis derDame" fällt nach Gießen.

Die ZeitschriftDie Dame" hatte im vorigen Jahre einen Lyrik-Preis ausgeschrieben: 1000 Mark für das beste, bisher unveröffentlichte deutsche Gedicht. Wir haben seinerzeit an Hand desAlma- pachs der Dame", in dem von den eingegangenen 15 000 Gedichten die fünfzig besten zusammengefaßt waren, über das Ergebnis berichtet. Der Preis ist nun in diesem Jahre zum zweiten Male aus­geschrieben worden; das Ergebnis wird im letzten Heft derDame" veröffentlicht Dem Preisgericht gehörten an: Rudolf G. Binding, Wolfram Brockmeier, ein junger Lyriker aus dem Kreise der Hitler-Jugend, Ricarda Huch, Professor Dr. Julius Petersen, der Literarhistoriker der Universität Berlin, und bei* Hauptschriftleiter der Dame", L. E. Reindl. Der erste Preis in Höhe von 1000 Mark wurde dem GedichtGeburt eines Kindes" von Hans T h y r i o t in Gießen, feit 1926 Feuilletonschriftleiter des Gießener Anzeigers, zu­erkannt. Fünf weitere Preise in Höhe von je 200 Mark erhielten Gerhart Baron (Altoberschlesi- sches Flößerlied"), Gerhard Schumann (Lied der Kämpfer"), Anton Schnack (Der mit Konradin geritten ist"), Wilhelm Krämer (Ballade von den Heimatlosen") und, zu gleichen Teilen, Her­mann Kasack (Nebelreiter") und Georg von der Bring (Mailied"). Von diesen Preisträgern sind von der Bring und Schnack den Lesern des Gießener Anzeigers aus zahlreichen Beiträgen im Feuilleton seit langem bekannt; von Schnack haben wir erst kürzlich zwei neue Prosa-Bände, Die fünfzehn Abenteurer" unh dieKalender- Kantate", imBüchertisch" besprochen; von der Dring schrieb u. a. di- KriegsromaneSoldat Suh- ren" undCamp Lafayette", ferner das Kriegs- IlückArgonnerwald". Hermann Kasack schrieb Gedichte, Erzählungen und ein SchauspielBin- Cent"; auch als Hölderlin-Herausgeber hat er sich einen Nansen gemacht. Gerhard Schumann ge­hört (ebenso wie Brockmeier) zur jungen Genera­

tion; feine Gedichte sind erfüllt vom Erlebnis des neuen Reiches. Von den übrigen Preisträgern sind bisher keine größeren Veröffentlichungen be­kannt geworden.

Ein idealer Gatte."

Lichtspielhaus.

Die Terra hat sich eines der bekanntesten Stücke von Oscar Wilde bemächtigt, um einen Film daraus zu machen. Thea von Harbou, aus manchem früheren Film wohlbekannt, schrieb das Drehbuch; Herbert S e l p i n führte Regie. Was daraus geworden ist, läßt sich schwer auf eine be­friedigende Formel bringen. Oscar Wilde, so wie wir ihn vom Theater her kennen, ist es nicht ganz. Das, was für feine Stücke (und in noch höherem Grade vielleicht für feinen RomanDas Bildnis des Dorian Gray") fo charakteristisch ist, das Spritzige, Elegante und Unverbindliche in der Kon­versation, die zwar typisch englisch, aber immer nur halb oder dreiviertel ernstgemeint ist das kommt nicht recht zur Geltung. Man könnte hier eher an Wildes Landsmann Galsworthy den­ken (Gesellschaft";Gerechtigkeit"). Das Problem, ein sehr ernsthaftes und ernstlich zu bedenkendes, ist ja zuletzt im Grunde ungelöst, bleibt auch nach der äußerlich glücklichen Lösung noch bestehen. Es ist wohl eine typisch deutsche Bearbeitung, welche Frau von Harbou einem typisch englischen Stück hat angedeihen lassen; das wirkt auf deutsch alles ein bißchen schwerer und eben ernsthafter als bei Wilde; der psychologische und der kriminelle Fall gewinnen, wie es scheint, zu sehr das lieber» gewicht. Bei Wilde hinwiederum kommt es ja auf denFall" und auf feine Lösung im Grunde nicht so sehr an wie darauf, was er durch den Mund seiner Figuren darüber oder dazu zu bemerken hat. Diese Bemerkungen sind ohne Zweifel mit Vergnügen zu lesen oder zu hören, aber man weiß nie, ob man sich wirklich darauf verlassen kann; ob das alles ernstgemeint ist. Vielmehr muß dies durchaus bezweifelt werden, denn wie sagte Wilde in den Vorbemerkungen zumDorian Gray"?: Wer unter die Oberfläche schürft, tut es auf eigene Gefahr. Man kann sich fast des Eindrucks nicht er­wehren, als habe Wilde den ganzen Skandal nur in Szene gesetzt, um (in bester Form, versteht sich) darüber plaudern zu können. Uebrigens: es wird kein Skandal, wir dürfen uns beruhigen; die Hand­lung treibt gefährlich darauf zu, aber im letzten Augenblick daran vorbei. Und dabei wäre, Spaß

beiseite, der gesellschaftliche Skandal immerhin noch das Wenigste gewesen. Denn auf dem Spiel stand ja ein wenig mehr, eine breit fundierte wirtschaft­liche Existenz nämlich, ein Leben in fehr großem Stil... und das Glück einer Ehe. Wir müßten uns nicht bei Wilde befinden, um nicht schon im Titel die leise Ironie zu wittern: der Mann, um den es sich hier in erster Linie handelt, ist gar nicht der ideale Gatte, den seine von ihm sehr geliebte Frau in ihm anbetet; er ist nicht der völlig untadelige Gentleman, der er zu sein scheint. Es gibt da einen dunklen Punkt in seiner Vergangenheit, eine Sache, an die er selber wohl nicht mehr denkt, von der seine Frau nichts ahnt, und die er gerne aus der Welt schaffen möchte, als er auf eine über­raschende, erschreckende, brutale Art daran er­innert wird. Eine Dame erscheint unvermutet auf der Bildfläche, in einem Umkreis, in den sie nicht hineingehört, eine Abenteurerin, eine Frau von zweifelhaftem Ruf; man müßte ihr kurzerhand die Tür weisen, aber das geht leider nicht, denn sie hat den gewichtigsten Trumpf in der Hand und ist bereit, ihn auszuspielen: einen alten, Brief, das scheint eine harmlose Sache zu sein, ein Blatt Papier, aber es kann eine tödliche Waffe werden in den Händen dieser Mrs. Cheveley... Das Glück zweier Menschen hängt vom Besitz des Briefes ab. Sie bekommen ihn auch, zu allerletzt, als die Span­nung auf den Höhepunkt gestiegen ist; sie fahren zusammen ganz schnell im Auto nach Hause (das hat sechs Strafmandate gekostet) und streuen den in Fetzen gerissenen Brief, was sie übrigens auch nicht hätten tun sollen, während der Fahrt zum Fenster hinaus... es scheint, für den Besucher im Kino, wahrhaftig eine sausende Fahrt ins Glück zu sein; aber wir haben bereits daraus aufmerksam gemacht, daß das Wichtigste ja damit noch immer nicht aus der Welt geschafft ist. Die Regiefüh­rung ist sauber und gepflegt, rein filmisch, worüber man sich nicht zu wundern braucht, allerdings kaum ergiebig. Man darf aber zum wenigsten, angenehm berührt, feststellen, daß die Inszenierung der in derartigen Fällen immer naheliegenden Gefahr des photographierten Theaters" entgangen ist. Ein Gewinn ist entschieden, was nicht vergessen werden soll, die zarte Begleitmusik von Werner Bach­mann. Vom Ensemble scheint uns Georg Ale­xander (Goring) dem Wildeschen Figurentypus am nächsten zu kommen; er trifft am sichersten und leichtesten den Ton, in dem das ganze Stück zu spielen wäre. Gut ist auch Diehl, der ja selten etwas verdirbt, sich elegant und geschmeidig in die Umgebung einfügt und das Bild eines idealen Gentleman und Ehegatten bittet Sibylle Schmitz

als Gloria Cheveley sieht verwirrend aus und spricht klar und akzentuiert, was sie vorzubringen hat; es sitzt auch dementsprechend. Sie hat ein Biest zu spielen, mit Verlaub, aber sie spielt es charmant. Brigitte Helm taucht nach längerer Abwesen­heit als Lady Chiltern wieder auf; sie gibt wohl annähernd die Frau, die Wilde sich gedacht hat, vereinigt in der Rolle die beiden Elemente, auf die es ankommt, Tugendstolz und Zärtlichkeit, und wirkt in manchen Szenen weicher und ge­löster, als man das bei ihrer sonst recht kühlen und verhaltenen Art erwartet hätte.r

Zeitschriften.

Die Kun st" (Monatshefte für Malerei, Plastik und Wohnkultur), Verlag F. Brückmann AG., München, stellt uns mit ihrem Novemberheft mitten in die künstlerischen Ereignisse des Tages mit den ArtikelnAusstellung Berliner Kunst 1935" von Fritz Hellwag undZu den Bildern Leo von Königs" von Emil Waldmann. Mit der Kunst in der Plastik beschäftigt sich die VeröffentlichungDer Bildhauer Erich Kuhn" von Kurt Karl Eberleinr ein weiterer Aufsatz berichtet über dieNeuerwer­bungen der Nationalgalerie Berlin". Im zweiten Teil des Heftes, der sich mit der Wohn- und Gar­tenkunst befaßt, finden wir schöne Bildbeispiele für Eigenhäuser, Inneneinrichtungen, Gartenanlagen und Gegenstände des Kunsthandwerks. Wir nen­nen:Zu neuen Häusern der Architekten Professor Karl Wach und Baurat a. D. Heinrich Roßkottcn", Garten H in Basel-Binningen von Gartenarchitekt I. Schweizer, Glarus-Basel", Entwürfe von Wohn« räumen des Architekten Josef Hillerbrand, Deutsche Werkstätten, München, Entwürfe derGral"-Glas- Werkstätten Göppingen, der Württembergischen Staatlichen Kunstgewerbeschule Stuttgart und der Staatlichen Porzellan-Manufaktur Berlin.

Hochschulnachnchten.

Professor Dr. Hans Driesch, der entpflichtete Ordinarius der Philosophie an der Universität Leipzig, ist zum Ehrenmitglied der Philosophi­schen Gesellschaft in London (Philosophien! So­ciety, London) ernannt worden.

Professor Dr. Ludwig M e ck i n g, Ordinarius für Geographie an der Universität Münster, ist vom Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Un­terricht als Nachfolger von Professor Dr. Siegfried P a f f a r g e, der wegen Ueberschreitung der Alters­grenze ausscheidet, an die Universität Hamburg berufen worden.