karkschen Geschichte der dritten RepubNk und der Schwierigkeit, dazu die Zustimmung des allen Radikalkuren abgeneigten Senats zu erhalten, vor diesem letzten Mittel zur Behebung der Regierungskrisis zurückschrecken lassen.
Der Kammerpräsident B o u i s s o n, dessen Eintagskabinett unabhängige Männer von hohem politischen und persönlichen Ansehen wie Marschall Petain, Caillaux, Laval mit den Parteiführern Herriot und Marin und bdn zwei Sozialisten Fros- sard und Lafont vereinte, hatte für seine Ministerliste, . sein Regierungsprogramm und die von der Kammer zu erbetenen Vollmachten die Zustimmung der radikalsozialistischen Partei erhalten, die durch Abstimmung inneryalb der Fraktion sich für eine Unterstützung des Kabinetts Bouiffon festgelegt hatte. Das hat indessen einige Angehörige ihres linken Flüaels nicht hindern können, bei der entscheidenden Abstimmung in der Kammer sich der Ein-
antwortlichen für die Schwache sind, mit der England die französischen Winkelzüge in der Abrüstungspolitik gedeckt hat.
Mit Stanley Baldwin tritt nun ein Mann an die Spitze des Britischen Reichs, der schon ein Jahrzehnt hindurch die englische Politik maßgebend beeinflußt hat. Zudem sind auch seine Mitarbeiter mit ganz wenigen Ausnahmen dieselben geblieben. Man hat nur innerhalb des Kabinetts einen Wechsel der Plätze vorgenommen und durch die Berufung des jungen Malcolm Macdonald und Ernest Browns die nationale Arbeiterpartei und den rechten Flügel der Liberalen stärker beteiligt. Irgendein Abweichen von der bisher innegehaltenen Linie ist weder innen- noch außenpolitisch zu erwarten. In Baldwin schätzen die Engländer den Mann des gesunden Menschenverstandes, den Mann ohne Nerven, den Mann, der ohne
Ueberschwang den politischen Realitäten Rechnung zu tragen versteht und mit der Bedächtigkeit, die dem Engländer Vertrauen einflößt, aber auch mit Hartnäckigkeit und wo es not tut, mit Energie und Mut die Dinge anpackt, wie Englands nationales Interesse es fordert. So wird unter seiner sicheren Führung die Nationalregierung die kurze Strecke bis zu den Parlamentswahlen unangefochten zurücklegen, die im Herbst oder spätestens im kommenden Jahr zeigen sollen, ob das britische Volk noch die Notwendigkeit einer Nationalregierung anerkennt oder wieder dem freien Spiel der Parteien Raum geben will. Die Festigkeit, mit der Baldwin seine persönliche Autorität in manch kritischen Stunden auch der Opposition innerhalb der eigenen konservativen Partei aufgezwungen hat, rechtfertigt die Erwartung, daß Stanley Baldwin auch nach den Wahlen für lange
Zeit der britischen Politik den Stempel seiner Per» sönlichkeit aufdrücken wird.
Neues Bluturteil der Sowjetjustiz gegen protestantische Pfarrer.
Genf, 7. Juni (DNB.) Das „Journal de Geneve", das kürzlich über sowjetrussische Todesurteile gegen die Pastoren Seid und Deutschmann berichtet hatte, erfährt heute, daß der Pastor Simon Kludt in Novonikolajewsk — ein Vater von neun Kindern — am 17. oder 18. Mai gleichfalls zum Tode verurteilt worden ist. Der Pfarrverweser der protestantischen St. Anna-Kirche in Leningrad, Oskar Wilhelm Simon, ist in Strellna am 17. Mai verhaftet und seine Kirche, die ein wichtiges Zentrum des Protestantismus bildete, geschlossen worden.
lösung des Bouisson gegebenen Versprechens zu entziehen und im Vertrauen darauf, daß des Nachbarn Ja-Stimme für eine Mehrheit ausreichen werde, sich selber Stimmenthaltung oder gar eine Nein-Stimme zu leisten. Die Furcht vor der Verantwortung war so groß, daß man sich nicht scheute, den eigenen Parteioorsitzenden zu desavouieren. Als dann das Kabinett zu allgemeiner Ueberraschung in der Minderheit blieb, war es zu spät, durch nachträgliche Berichtigungen den Schaden wieder gut zu machen, den man gar nicht gewollt hatte. Die radikalsozialistischen Ministerstürzer wider Willen hattet sich nur vor dem Wählen in der Provinz ein billiges Alibi besorgen wollen, als sie entgegen dem Beschluß ihrer Fraktion dem Kabinett Bouisson die Vollmacht verweigerten, um die es gebeten hatte, und damit sich vor dem Lande als prinzipientreue Republikaner gebärdet. Denn diese umfassende Ermächtigung für ein Kabinett, in dem auch Männer der Rechten maßgebenden Einfluß besaßen, war das Haupthindernis, vor dem die radikalsozialisti- schen Deputierten des Daladier-Flügels aus Scheu vor dem Urteil der Wähler in die Verantwortungslosigkeit ausgebrochen waren.
Pierre Laval hat aus diesen Vorgängen die Lehre gezogen, seine Ermächtigungsforderuna auf das Allernotwendigste zu beschränken. Sein Kabinett, das neben einem starken radikalsozialistischen Kern ausgesprochene Männer der rechten Mitte, wie Flandin, Marin und den durch große Aktivität im Heeresausschuß der Kammer bekannten Oberst Fabry mit ehemaligen Sozialisten, wie Frossard und Lafont, zu gemeinsamer Arbeit vereinigt, wird in künftigen kritischen Situationen auf ähnliche Schwierigkeiten stoßen wie seine Vorgänger. Je mehr die Kammersession sich dem Ende nähert, werden die Radikalsozialisten des linken Flügels mit Rücksicht auf die bevorstehenden Wahlen und die bereits offenbar gewordene, sich nach links neigende Volksstimmung, davor zurückschrecken, die Regierung mit Gruppen der Rechten zu teilen oder sich mit der Verantwortung für so unpopuläre Dinge zu belasten, wie es nun einmal rigorose Einsparungen im Staatshaushalt für die davon unmittelbar Betroffenen sind. Andererseits vermag Laval nur durch eine unbeirrbar feste Politik das Vertrauen wiederherzustellen, das die einzig sichere Grundlage jeder wirtschaftlichen Gesundung ist, eine schwierige Aufgabe, die aber in einem Mann wie Laval vielleicht ihren Meister finden wird.
Im Gegensatz zu den turbulenten Vorgängen, die eine französische Kabinettskrisis zu begleiten pflegen, vollzog sich in England die Umbildung der Nationalregieruna mit einer Bedächtigkeit, die alle auf weite Sicht hin gefaßten großen Entschlüsse des englischen Volkes auszeichnet und von weniger nervenstarken Völkern so oft fälschlich als Unentschlossenheit ausgelegt wird. Premierminister Macdonald schied gestern aus dem Amt, das er sechs Jahre innehatte — ein Vergleich mit der üblichen Amtszeit seiner französischen Kollegen drängt sich auf —, zuerst als Führer der im Wahlkampf vom Juni 1929 siegreichen Arbeiterpartei, dann vom Jahre 1931 ab an der Spitze der aus der Zusammenarbeit der konservativen Partei mit Splittern von Liberalen und Labour Party entstandenen Nationalregierung. Macdonalds Rücktritt vom Amt des Premierministers erfolgt aus Gesundheitsrücksichten. Aber auch fein politisches Ansehen ist abgenutzt an den schweren Aufgaben, die innen- wie außenpolitisch ihm gestellt waren. Die Eigenart seiner politischen Laufbahn, die den überzeugten Sozialisten an die Spitze eines fast ausschließlich von den Konservativen bestimmten Kabinetts führte und einen scharfen Bruch mit seinen früheren Parteifreunden bedingte, hat ihn vielleicht früher verbraucht als andere Staatsmänner seines Alters, obwohl der Wechsel der Partei aus Gründen politischer Zweckmäßigkeit oder persönlicher Stimmungen in England so wenig wie in Frankreich mit dem Makel eines unzuverlässigen Charakters behaftet ist. Macdonald war und ist wohl auch heute noch überzeugter Sozialist, was so wenig identisch war mit der doktrinären Auffassung des Marxismus wie die englische Labour Party mit der deutschen Sozialdemokratie. Immerhin hat Macdonald sich aus seiner sozialistischen Weltanschauung heraus verpflichtet gefühlt, gegen die Teilnahme Englands am Weltkrieg öffentlich zu protestieren, was ihm Gefängnis eintrug Es war bezeichnend für die Großzügigkeit des politischen Systems, daß der König nach dem Wahlsieg der Arbeiterpartei nicht zögerte, ihren noch in weiten Kreisen des britischen Volkes als „Landesfeind" verdächtigen Führer zum höchsten politischen Amt des Vereinigten Königreiches zu berufen, ebenso wie Macdonald seinerseits keine Bedenken trug, dem Monarchen den Treueid zu leisten.
Die schweren wirtschaftlichen Erschütterungen, die als Folge des Weltkrieges auch England in ihren Bann zogen, gaben Macdonald in kritischer Stunde Gelegenheit, das Vertrauen des Königs zu recht- fertigen, indem er das Ansehen als Führer der Arbeiterpartei in die Schanze schlug, um den Ruf des englischen Patrioten zu erwerben, als er mit der Bildung der Nationalregierung sich entschlossen von denjenigen alten Freunden trennte, tie das Gebot der Stunde nicht erkennen wollten, das von ihnen Zurückstellung des Parteidogmas zugunsten eines einheitlichen nationalen Willens verlangte. Die Nationalregierung hat damals dem englischen Volk den sicheren Halt und das Vertrauen gegeben, mit dessen Hilfe das Experiment der Pfundabwertung gelingen konnte und England von der schweren Wirtschaftskrisis sich langsam zu erholen begann. Englands auswärtige Politik hat in der gleichen Zeit keine überragenden Erfolge aufzuweisen gehabt, soweit europäische Probleme in Frage kommen, gewiß nicht ohne Mitschuld Macdonalds, dessen doktrinäre Voreingenommenheit gegenüber dem nationalsozialistischen Deutschland zweifellos ein Hindernis für eine deutsch-britische Zusammenarbeit zur Organisierung des Friedens gewesen ist, wenn auch nicht verkannt werden darf, daß die Spezialisten des Foreign Office wie die konservativen Diehards und der Generalstab die Hauptver-
Oie französische Kammer gibt mit großer Mehrheit dem Kabinett Laval die erbetenen Vollmachten.
Paris, 8. 3uni. (DRV. Funkspruch.) In nächtlicher Abstimmung nahm die Kammer die Ermäch- tigungsvorlage mit 32 4 gegen 160 Stimmen an. Die Regierung hat damit eine überraschend große Mehrheit erzielt. Die 160 Stimmen, die gegen die Regierung Laval abgegeben worden sind, sehen sich zusammen aus denen der k o m m u n i st i f ch e n und der s o z i a - listifchen Fraktion, weiter aus einem Teil der unabhängigen Sozial! st en, einigen der unabhängigen Linken und 7 oder 8 radikalsozialistifchen Stimmen. Etwa 9 0 Abgeordnete haben sich entweder der Stimme enthalten oder waren beurlaubt, unter ihnen allein 70 Radikalfozialisten. Einige Stimmenthaltungen und Rein-Stimmen find auch in den Gruppen der Mitte und der Rechten zu verzeichnen, wenn auch bei weitem nicht so viele wie bei den Abstimmungen gegen die Kabinette Flandin und Bouisson.
Zu Beginn der Sitzung verlas Ministerpräsident Laval die Regierungserklärung, in der es heißt: Unsere Regierung ist gebildet worden, um gegen die Spekulation zu kämpfen und den Frank zu verteidigen. Die Vollmachten, die wir beantragen, achten das organische und politische Statut des Landes. Das Parlament kennt diese Verfahrensart, denn es hat ihr in weniger unruhigen Zeiten freiwillig zugestimmt. Der Stand der S t a a t s f i n a n z e n ist die einzige Drohung, die auf dem Frank lastet. Unser Goldbestand müßte, wie jeder weiß, ausreichen, um den Frank unantastbar zu machen. Nur das Vorhandensein eines allzu drückenden Haushaltsfehlbetrages, der das Schatzamt erschöpft und die Sparer beunruhigt, würde schließlich die Währung treffen. Es wird aber nicht genügen, die Ausgaben einzu schränken und die Mißbräuche abzustellen, wir werden zu einer Wie - derherstellung der nationalen Wirtschaft insgesamt schreiten müssen. Die Arbeiter des Landes müssen sich unterstützt und geschützt fühlen, man muß der Landbevölkerung, den Kaufleuten und den Industriellen den Absatz ihrer Erzeugnisse gewährleisten, man muß den internationalen Austausch geschmeidiger gestalten, man muß die Bande, die das Mutterland mit seinem Reich in Uebersee verbinden, vervielfältigen und enger schließen, man muß wirksam weiter gegen die Arbeitslosigkeit kämpfen, man muß der I u - g e n d die Verwendung ihrer Fähigkeiten und ihres Betätigungsdranges ermöglichen, man muß, kurz gesagt, einem jeden die Möglichkeit geben, in einer erneuten Wirtschaft zu arbeiten und das gerechte Entgelt für seine Arbeit zu finden.
Frankreich hat schon schlimmere Prüfungen durch einen Mut und durch eine Einigkeit zu überwinden gewußt, von der die ehemaligen Frontkämp- f e r das prachtvolle Beispiel gegeben haben. Unsere Außenpolitik der Sicherheit und des Friedens, deren Beständigkeit jedermann anerkennt, könnte nur in Frage gestellt werden, wenn Sie den Anschein erwecken, als ob Sie sie aufgeben und das werden Sie nicht wollen.
Der einzige Artikel des Ermächtigungsgesetzes, den die Regierung eingebracht hat,
lautet: „Um eine Entwertung der Währung zu vermeiden, ermächtigen Senat und Kammer die Regierung, bis zum 31. Oktober 1935 auf dem Verordn^ngswege alle Maßnahmen mit Gesetze straft zur Bekämpfung der Spekulation und zur Verteidigung des Franks zu ergreifen. Diese Verordnungen, die vom Ministerrat beschlossen werden, werden vor dem 1. Januar 1936 dem Parlament zur Ratifizierung unterbreitet"
Lavals Schlußwort
In dem Augenblick, da die Abstimmung begann, herrschte der Eindruck, daß Laval gesiegt habe, zumal der Vorsitzende der radikalsozialistischen Kammergruppe, D e l b o s mitgeteilt hatte, daß seine Parteifreunde in ihrer großen Mehrheit, obwohl sie grundsätzlich gegen Vollmachten seien, f ü r d i e Regierung stimmen würden. Laval appellierte schließlich an das Haus, an der Rettung des Franken mitzuarbeiten. Er versicherte, daß die ehemaligen Frontkämpfer erst in allerletzter Linie zu den notwendigen Ausgaben herangezogen werden sollen. Er bekämpfe die von
Die pariser preße
Paris, 8. Juni. (DNB. - Funkspruch.) Lavals Sieg in der Kammer wird mit begreiflicher Genugtuung, wenn auch nicht mit dem Ueberschwang aufgenommen, wie vor wenigen Tagen die Bildung des Kabinetts Bouisson, das von der Kammer im Stich gelassen wurde. Obwohl man damit rechnete, daß die Regierung eine Mehrheit erhalten würde, so dachte man doch nicht, daß Laval die absolute Mehr- heit bekommen würde. Der Erfolg der Regierung wird drei Umständen zugeschrieben: Lavals Taktik der richtigen Stunde, der Krisen- m ü d i g k e i t des Parlaments und vor allem der Krisenmüdigkeit der O e f f e n t l i ch k e i t, die ihre Unzufriedenheit mit einem nicht arbeitsfähigen Parlament deutlich zum Ausdruck gebracht hat. Trotzdem ist die Presse zurückhaltend, wohl nicht zuletzt, da nunmehr die von allen Kreisen gesor- oerten Verordnungen sehr einschneidend werden können. Außerdem wird di? vor allem geforderte Haushaltsausgleichung von jedem Franzosen Opfer verlangen.
Wenn Laval die Mehrheit einer nationalen Union erreicht hat, schreibt „Echo de Pari s", das Blatt der hohen Militärs, dann wolle das nicht besagen, daß man auf der Rechten und in der Mitte mit der Zusammensetzung des Kabinetts zufrieden fei. Auch habe man sich einen anderen Ton der Regierungserklärung gewünscht und erheblich weiter gespannte Vollmach- t e n. Alles hänge nun davon ab, ob Laval dem Kabinett seinen eigenen politischen Sinn und seinen Mut aufprägen kann. Man könne Laval Vertrauen entgegenbringen, da er sich bereits früher als tatkräftiger und loyaler Ministerpräsident erwiesen habe. Der „M a t i n" meint anerkennend, man habe von zahlreichen Qualitäten gewußt, aber nicht, daß er imstande fei, Schnei-
sozialistischer Seite vorgetragene These, daß d i e parlamentarischen Vorrechte durch die Vollmachten beeinträchtigt werden würden. Er habe niemals stärker als heute das Gefühl gehabt, die republikanischen Einrichtungen zu verteidigen. Das Parlament könne sicher fein, daß die Regierung nur in enger Fühlungnahme mit den zuständigen Ausschüssen h.andeln werde. Der Haushaltsfehlbetrag belaufe sich auf rund sechs Milliarden Franken und der Fehlbetrag der Staatsbahngesellschaft auf rund vier Milliarden. Der Goldabfluß sei in den letzten Tagen zwar eingedämmt worden, dafür seien aber ft arte Abhebungen bei den Sparkas - s e n zu verzeichnen. Dieser Zustand dürfe ohne Ge, fahr nicht länger anhalten. Laval versicherte die ehemaligen Frontkämper des Wohlwollens der Regierung, bezeichnete es aber als unerläßlich, Mißbräuche, wie sie mit der Frontkämpferkarte getrieben würden, abzustellen und stellte die Einrichtung einer Pensionskasse für Frontkämpfer in Aussicht.
In der dann folgenden Abstimmung wurde das Ermächtigungsgesetz mit der oben bereits mitgeteil» ten Mehrheit" angenommen.
zum Siege Lavals.
ligfeitsreEorbe aufzustellen, wie mit seine? Regierungsbildung und deren Bestätigung durch die Kammer.
„E r e Nouve11e", das Blatt Herriots, schreibt, Laval habe mutig und ohne Zögern seine Pflicht getan. Er habe dem Parlament nachgewiesen, daß es nicht das Recht habe, unter irgendwelchen Vorwänden der Regierung die Mittel vorzuenthalten, die sie zur Erhaltung des Franken verlangen. Hingegen würden die Vorrechte des Parlaments nicht berührt. Die politische Ordnung und Organisation Frankreichs seien nicht in Gefahr. Sie wären es aber gewesen, wenn man der Regierung das Handeln unmöglich gemacht hätte. Man müsse verstehen, daß außerordentliche Zeiten außerordentliche Maßnahmen erforderten.
Mit saurer Miene stellt „Populaire", das Blatt der Sozialisten, fest, daß Laval nun seine Vollmachten habe, weil die Kammer kapituliert habe unter dem Äruck der Erpressung einer finanziellen Panik und vor der „Meuterei der Faschisten". Nun würde die Negierung durch Notverordnungen ungeheure Einsparungen vornehmen, um das Haushaltsgleichgewicht herzustellen. Eine Ueberdefla- t i o n bereite sich vor.
Zu den außenpolitischen Auswirkungen der Kammerabstimmung schreibt „Journal" mit politischer Klarheit, mit guten Finanzen und einer soliden Armee könne man den Plan der Organisierung Europas durchführen, wie er in Rom, London und Stresa entworfen worden sei. Ein vorübergehendes Schleifenlassen der Dinge von Seiten Frankreichs in den letzten Tagen habe genügt, die Lage zu verwirren. Jetzt aber werde Frankreich seinen Platz an der Spitze des Aufbauwerkes wieder einnehmen, indem es Laval die notwendige Autorität verliehen habe.
Baldwins neues Kabinett.
Wohl vorbereitet und programmgemäß verlaufen.
London, 7. Juni. (DNB.) Die Umbildung des englischen Kabinetts wurde am Freitag vollzogen. Ministerpräsident Macdonald reichte oem König gegen 16 Uhr sein Rücktrittsgesuch ein, das angenommen wurde. Etwa eine Stunde später wurde der Führer der Konservativen Partei, Baldwin, vom König empfangen und mit der Neubildung der Regierung beauftragt. Gegen 17.30 Uhr erhielten die Minister vom König bereits d i e neuen 21 m t s f i e g e l ausge- händigt. Die neuen Mitglieder des englischen Kabinetts wurden in einer Sitzung des Kronrates vom König vereidigt. Die im Kabinett verbleibenden Minister nahmen an dieser Sitzung nicht teil. Es ist anzunehmen, daß die Namen derjenigen Minister, die zwar der Regierung, nicht aber dem engeren Kabinett angehören, Anfang nächster Woche bekanntgegcben werden.
Macdonald ist noch am Freitagabend nach Schottland abgereift und auch die meisten übrigen Minister werden während der Pfingstfeier- tage von London abwesend sein. Macdonald hat nach seinem Rücktritt in einer Botschaft an die Öffentlichkeit u. a. erklärt, daß die schweren und fortgesetzten Anstrengungen, denen er als Ministerpräsident in den letzten sechs Jahren angesichts der kritischen Verhältnisse im In- und Auslande ausgesetzt gewesen sei, ihn seit einiger Zeit vor die Notwendigkeit einer Erholung g e - st e 111 habe. Er fei der Führer eines Kabinetts gewesen, in dem wie in nur wenigen Kabinetten 3UDor d i e mannigfach st en Ansichten über allgemeine politische Grundsätze geherrscht hätten, und dennoch sei man in der praktischen 21 r b e i t der Erfüllung einer gemeinsamen nationalen Aufgabe wie in nur wenigen anderen Kabinetten einig gewesen. Ein solches Kabinett sei nach wie vor vonnöten, wenn der nationale Fortschritt anhalten und sowohl die innen- als auch die außenpolitischen Probleme überwunden werden sollten.
Die neue Regierung seht sich wie folgt zusammen: Ministerpräsident und Erster Lord des Schatzamtes: Stanley Baldwin.
Lordpräsident des Geheimen Rates: R a m f a y Macdonald.
Schahkanzler: Reville Chamberlain.
Lordkanzler: Discount Hailsham.
Innenminister und Stellvertreter des Minister- präfidenten im Unterhaus: Sir John Simon.
Außenminister: Sir Samuel Hoare.
Lordsiegelbewahrer und Vertreter der Regierung im Oberhaus: Lord Londonderry.
Dominienminister: Thomas.
Kriegsminister: Lord Halifax.
Luftfahrtminister: Sir Philip C u n l i f f e-L ister.
Minister für Indien: Lord Zetland.
Minister für Schottland: Sir Godfrey Collins. Kolonialminister: Malcolm Macdonald.
Präsident des Handelsamtes: R u n c i m a n.
Erster Lord der Admiralität: Sir Bolton Eyres- M o n f e l l.
Minister ohne Geschäftsbereich (für Angelegenheiten des Völkerbundes): Anthony Eden.
Minister ohne Geschäftsbereich: Lord Euftace Percy.
Landwirtschafts- und Fischereiminister: Malter E l l i o t.
Unterrichtsminister: Oliver Stanley.
Gesundheitsminister: Sir Kingsley Wood.
Arbeitsminister: Ernest Brown.
Staatskommissar für öffentliche Arbeiten:
Ormsby-Gore.
Poskminister: Major Tryon (Major Tryon wird nicht dem eigentlichen Kabinett angehören).
In politischen Kreisen wird die Zusammensetzung des neuen Kabinetts als solide bezeichnet. Das Gleichgewicht der Kräfte der drei in der Regierung vertretenen Parteien ist fast unverändert. In der neuen Regierung find 15 Konservative, 3 Rationale Arbeiterparteiler und 4 Ra
tionale Liberale. Im alten Kabinett war das entsprechende Verhältnis 14:3:3. Zwei Konservative, nämlich der bisherige Innenminister G i l m o u r und der Gefundheitsminisier Hilton P o u n g find in der Regierung nicht mehr vertreten. Dafür sind drei Konservative neu hinzugekommen, nämlich Lord Z e t l a n d, Lord Euftace Percy und Anthony Eden. Die Simon-Liberalen haben durch die Ernennung von Ernest Brown zum Arbeitsminister Zuwachs erhalten. Die Vertretung der Rationalen Arbeiterpartei im Kabinett ist zahlenmäßig unverändert. Der bisherige Lordkanzler Lord S a n k e y ist ausgeschieden und Malcolm Macdonald ist zum Kotonialminister mit Kabinettsrang ernannt worden.
Dem neuen Kabinett gehören 22 Mitglieder, also zwei mehr als dem alten an. Die Stelle des Postministers gilt in Zukunft nicht mehr als ein Kabinettsposten. Auf den Posten des Luftfahrtministers hat Lord Londonderry einer jüngeren Persönlichkeit, Sir Philip Eunliffe-Llster Platz ge macht. Als schwach beseht galten in den letzten Monaten das Gesundheitsministerium und das Arbeitsministerium, die gleichfalls neue Chefs erhalten haben. Der neue Minister für Indien Lord Zetta n d, sowie der neue Kolonialminister Malcolm Macdonald, der Sohn des ehemaligen Premiers, erfreuen sich im Parlament großen persönlichen Ansehens.
Reue Muner.
Die für uns im Hinblick auf die schwebenden Verhandlungen interessanteste Persönlichkeit der umgebildeten Nationalregierung ist neben Baldwin der neue Staatssekretär des Auswärtigen S i r Samuel Hoare, von dem wir bereits einen kurzen Lebensabriß veröffentlichten. Wir wiederholen noch einmal die wichtigsten Daten. S i r Samuel Hoare wurde 1880 geboren. Er hat seine Erziehung in Harrow und Oxford genossen und wurde 1905 Privatsekretär des damaligen


