Nr. 286 vierter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Samstag, 7. Dezember (935
Zwischen Wunsch und Erfüllung.
Kleine vorweihnachtliche Betrachtung. — Gießener Geschäftswelt in Erwartung der Weihnachtskundschast. - Offenbarungen der (Schaufenster.
Es bauert nun nidjt mehr lange, bann riecht es um alle Ecken in den Straßen unserer Stadt nach Weihnachten — will heißen, nach dem Duft der Tannen und Fichten. Nur noch wenige Tage — bann kommt der Wald in die Stadt. Jedermann erinnert sich dessen, wie den Menschen immer um diese Zeit des Jahres der feine Waldgeruch aus Höfen entgegenwebt. in denen dichtgedrängt ein
Bäumchen neben dem anderen steht und sie alle sichtlich darauf zu warten scheinen, geschmückt zu werden. Wenn einmal die Tannen in der Stadt erscheinen, dann sind die Tage zu zählen, die uns vom Weihnachtsfest trennen.
Wie schön ist es dann, wenn der Vater Christbaum kaufen geht und die Kinder mitgehen dürfen, um ihn, falls er nicht zu schwer ist, nach Hause zu tragen. Zu Hause wird er bann vor der Mutter auf- gerichtet und stolz gezeigt, nach allen Seiten gedreht, vielleicht wird er gar gleich ausprobiert, ob er gut in die Ecke paßt, ob er bis an die Decke reicht oder ob die Spitze umgebogen werden muß. Das alles ist schon ein Teil Festtagsfreudigkeit, Fest- tagsfeierlichkeit, sorgsame Vorbereitung für die schönsten Tage des Jahres.
Aber es kommt noch vieles andere an Vorfreude hinzu. Mutter beginnt nun bald zu backen — Plätzchen zuerst und später Weihnachtsstollen. Für die Kinder ist das ein weiterer Grund zur freudigen Aufregung und starken Teilnahme am vorbereitenden Geschehen.
Aber das Wichtigste ist doch das Schenken! Wem
schenken wir? Was schenken wir? Wie machen wir die meiste Freude? Wie schenken wir zweckmäßig? Wieviel können wir aufwenden? Wollen wir selbst etwas machen? Oder soll alles gekauft werden? Das alles find Fragen, die beantwortet sein wollen und am Heiligenabend beantwortet sein müssen. Noch haben wir Zeit. Morgen ist der 2. Advent! Manchmal sagen wir auch: der „Kupferne Sonntag", wenn wir daran denken, daß wir vor Weihnachten auch an Sonntagen einkaufen können. Noch 17 Tage bis zum Heiligenabend. Aber eigentlich und besser sollten wir uns nicht darauf verlassen, daß wir noch viel Zeit haben. Wie schnell ist das Weihnachtsfest 8a!
So herrscht denn allenthalben schon große Betriebsamkeit. Insbesondere die Geschäftswelt unserer Stadt hat jetzt alle Hände voll zu tun, um alles für den Ansturm der kommenden Tage vorzubereiten. Verkäuferinnen und Verkäufer werden auch diesmal keine leichten Tage haben. Jedoch kann jedermann dazu beitragen, daß ihnen die Arbeit leichter gemacht wird. Wieviel ruhiger kann doch jener Kunde bedient werden, der sich jetzt schon zu seinen Weihnachtseinkäufen entschließen kann, als
jener, der erst am Vortag des Festes den Weg in den Laden findet. Da ist dann alles schon „ausgesucht", ja, er wird dann das, was er gerne haben möchte, vielleicht überhaupt nicht mehr finden. Dann ist guter Rat teuer.
Ueberall werden in den Läden die Bestände überprüft, täglich fast kommen Pakete an und ihr Inhalt wird eingeordnet in das Lager ober in den Laden. Alles Neue wird mit Preisen ausgezeichnet. Alles gerät in äußerste Bereitschaft für die Kunden, die sich ja jetzt schon etwas zahlreicher einstellen, als es sonst im Laufe des Jahres der Fall ist. Das Weihnachtsfest wirft seinen Glanz voraus.
Da und dort verbergen Tuchvorhänge neidisch den Blick in das Schaufenster. Man weiß ja, was das bedeutet. Die Weihnachtsauslage wird her- gerichtet. Richtige Jungens stört das Buch nicht. Auch Mädels lüpfen hin und wieder den Vorhang. Ganz besonders aber interessiert das, was hinter den Glasscheiben der Spielwarengeschäfte geschieht. Manchmal gibt es dabei natürlich Enttäuschungen. Dann wird eben morgen noch einmal nachgesehen.
Aber an den fertigen Schaufenstern drücken sich die Kinder die Nasen platt und können sich lange nicht trennen. Was gibt es da aber auch alles zu sehen? Es läßt sich gar nicht aufzählen, was es alles gibt. Die Jungens interessieren natürlich die Soldaten sehr. Da ist alles aufgebaut, was nur mit der Wehrmacht in Zusammenhang gebracht werden kann. Tanks und Panzerwagen, Scheinwerfer und Pionierwagen, Sanitäter und Verwundete, Artillerie mit ihren Geschützen, Fernsprechtrupps und vieles andere mehr. Dampfmaschinen und Baukästen, Autos und Fahrräder, Roller usw. füllen die Schaufensterauslagen und rufen viele heiße Wünsche in den Kindern wach.
Es wäre vermessen, sagen zu wollen, daß es den Erwachsenen vor den vielen zu abendlicher Stunde h^ll erleuchteten Schaufenstern nicht ebenso ginge. Hier wirbt das gute Buch für sich und wenige Schritte weiter sind es die schönen Selbstbinder, die Oberhemden, die Pullover. Dort stehen die Skier im Laden, die sich der und jener unbedingt zum Weihnachtsfest wünscht. Hier ist es das feine Ziga- retten-Etui und dort der Photoapparat — kein Laden ist in dieser Zeit in der Stadt, der nicht Wünsche wachztt^ufen vermöchte ober der nicht Anregungen gäbe, was sich schenken läßt.
So wie für „ihn", so gibt es auch für „sie" der Dinge mehr als genug, die Freude machen. Der Hausfrau bedeutet es häufig schon große Genugtuung, wenn ihr am Weihnachtsabend irgendein blinkendes Gerät entgegenleuchtet, das ihr die Arbeit im Haushalt ober besonbers in der Küche erleichtert. Ober gar wenn eine Maschine unter dem Weihnachtstisch steht, bie in der Waschküche hilft. Wie sehr freut sich manche Braut, manche Frau über ein Schmuckstück aus Golb, aus Silber, ober gar aus unserm deutschen Bernstein von ber sam- länbischen Küste. Hier ist ber Stoff für ein neues Sonntagskleib bas Ziel aller Wünsche, unb jener jungen Frau würbe eine neue Hanbtasche ober ein Necessaire bie Erfüllung eines heißen Wunsches bebeuten. Wie oft zaubert auch schon eine einfache Schale ein bantbares Lächeln hervor?!
Es wäre ein vergebliches Bemühen, all bas aufzählen zu wollen, was geeignet ist, Freube hervorzurufen. Hunberttausenbe unserer Volksgenossen haben in den vergangenen Monaten unb Wochen eifrig die Hände geregt, um all das zu schaffen, was jetzt in Schaufensterauslagen, in Läden und Lagern der Käufer harrt. Vielen gab das bevorstehende Weihnachtsgeschäft Arbeit und Verdienst, viele Hände rührten sich in den einsamen Gebirgsgegenden, um all das an Spielzeug, an Baumschmuck usw. herzustellen, was zum Weihnachtsfest Freude und Glanz verbreiten soll.
Geschenke empfangen können ist sicherlich schon, Schenken zu können, schenken zu dürfen, ist aber noch weitaus schöner. Und je uneigennütziger es geschieht, um so größer wird die Freude sein. Zwar beruhen unsere Weihnachtsgeschenke häufig auf Gegenseitigkeit, ober das tut wiederum der allgemeinen Weihnachtsfreude keinen Abbruch. Man inuß nur verstehen, zu überraschen. Der aufmerksame Gatte oder Bräutigam, die aufmerksame Braut ober bie Gattin werben es nicht allzuschwer erfühlen, wie sich am tiefsten Freube bereiten läßt. Kinber, wenn sie bescheiben finb, kann man ja ganz unb gar aus bem Häuschen bringen, sofern die Geschenke richtig gewählt sind. Die Fülle und die Großartigkeit der Geschenke spielen dabei noch nicht einmal eine große Rolle.
Am schönsten jedoch ist immer wieder zu beobachten, wie unsere Kinder ihre Weihnachtsoorbereitungen treffen. Da ist viel heimliches Getue, da wird mancher Pfennig von den Eltern oder älteren Geschwistern gebettelt, über dessen Verwendung die Auskunft verweigert wird. Die Eltern tun ja zu solcher Zeit auch'gut, nicht viel danach zu fragen. Für die Mädchen ist es besonders schwierig, der Mutter eine Ueberrafrfjung zu bereiten, hauptsächlich bann, wenn es gilt, eine Hanbarbeit zu schaffen und erst der Krieg mit Stricknadeln, mit Nadel unb Faben, ober mit bem Strickrahmen entschieben werben muß. Meist bebarf bann biefe Hanbarbeit einer grünblichen Wäsche unb bcs Bügelns. Unb von allem soll Mama nichts merken!
Wer gegenwärtig burch bie Straßen unserer Stabt pilgert, wirb rasch erfaßt sein von ber vorweihnachtlichen Stimmung, bie sich bereits angebahnt hat sich bereits angebahnt hat. Die Gießener Geschäftswelt hat sichtlich nichts unterlassen, um allen Wünschen entgegenkommen zu können.
Angesichts bes Weihnachtsfestes wäre es sicherlich nicht richtig, im Einkauf Zurückhaltung zu üben, zu einer Zeit, in der unser Wirtschaftsleben große Hoffnungen erfüllt zu sehen wünscht. Zur Weihnachtszeit zu schenken war nie Luxus und es wird es nie fein. Weihnacht soll Zeit der Freude und der Hochstimmung sein, die durchdringt bis in die Hütte jenes schwer ringenden Volksgenossen im Erzgebirge oger in Thüringen, der durch das Weihnachtsfest allein die größte Freude im Jahre, nämlich Arbeit und Brot für sich und feine Angehörigen, erleben kann.
Rechts: Der Gattin, der Braut, der Schwester läßt sich vieles schenken. Das Ziergerät, das praktische Geschenk, derSchmuck sind immer lieb und wert. — (Sämtliche Aufnahmen: Neuner, Gieß. Anzeiger.)
Biel Kinder,pi-lz-ug wartet seiner kleinen Freunde. Für Knaben und Mädchen gibt es alles, was ein Kinderherz begehren kann.
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Für „ihn"! Neben praktischen Geschenken nehmen sich auch Rauchtabak und Getränke gut unter dem Weihnachtsbaum aus.


