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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Donnerstag, 7. November 1935
Wehr und Waffen.
Die Flakwaffe der Anderen
Die Flugzeugabwehrkanone, kurz „Flak" genannt, ist zwar kein Kind des Weltkrieges, ihren vollen Wert erkannte man aber in dem Augenblick, als das Kampfflugzeug in die Erscheinung trat und unangenehm zu werden begann. Deutschland hatte sich erst kurz vor Ausbruch der Feindseligkeiten diesem Geschütz zugewandt, das damals unter der Bezeichnung Ballon - Abwehr - Kanone ging. Man nahm seinerzeit an, daß eine Reichweite von fünfhundert Meter genügen würde. Infolgedessen läßt sich leicht vorstellen, wie wenig wirkungsvoll diese Geschütze waren, als sie zum Einsatz gelangten. Im übrigen standen nur ganze vierzehn Rohre bereit. Aehnlich dürfte es auch in den anderen Ländern gewesen sein. Aber kaum waren die ersten feindlichen Geschütze als Beute eingebracht, wurde schleunigst für ihre Umarbeitung in Flugzeugkanonen gesorgt. Diese Waffe wurde im Laufe der Kriegsjahre soweit aus- gebaut, daß alsbald jeder Frontabschnitt über genügend Geschütze verfügte. Bei Kriegsende standen 4000 Flaks an und hinter der deutschen Front, teils fest eingebaut, teils beweglich. Viele von ihnen zeichneten sich bei der Tankabwehr aus.
Versailles zerschlug uns für die nächsten fünfzehn Jahre auch diese Waffe. Um so sorgfältiger wurde sie dagegen in dieser Zeit von den Siegerstaaten behandelt und verbessert. Sah der Krieg Kaliber von 7,7 Zentimeter im Durchschnitt, so zeigt das ausländische Flugzeugabwehrgeschütz heute im allgemeinen Kaliber von 9 bis 10 Zentimeter. Natürlich haben sich auch die Reichweiten wesentlich verändert. Der Beschuß vom Boden aus trieb schon während des Krieges die Flugzeuge in größere Höhe, so daß die Flaks folgen mußten. Es war also nötig, dauernd die Schußhöhe zu verbessern. Diese Entwicklung hat sich in der Nachkriegszeit fortgesetzt. Ueberall herrscht das Bestreben vor, dem Flugzeug eine Gipfelhöhe zu geben, die möglichst über 10 000 Meter liegt. Diese Höhe wird zur Zeit nur von wenigen besonders leistungsfähigen Kriegsflugzeugen erreicht und gehalten, im Durchschnitt kommen etwa 8000 Meter in Frage. Trotzdem besteht überall für Flugzeuq- abwehrkanonen mit Steigehöhen von über 10000 Meter reges Interesse. So haben die Belgier eine 10.5-Zenlimeter-Flak, deren Geschosse bis zu 11 000 Meter Höhe reichen. Allerdings handelt es sich hierbei zunächst um ein Versuchsgeschütz Bei den Engländern ist ein Vickersgeschütz mit 16000 Meter, bei den Amerikanern mit 18000 Meter, bei den Franzosen sogar mit 23500: Meter zu finden. Diese Geschütze sind jedoch erst von den Waffenfabriken angeboten worden, einge- führt sind sie noch nicht.
Aus der Schußweite ergibt sich, daß überall mit weiteren Ueberraschungen bei der Luftwaffe aerech- net wird und daß man beizeiten mit der Granate Höben erreichen will, in denen das Flugzeug bis- ber noch nicht heimisch geworden ist Während des K'-'eges gab es nun auf beiden Seiten zunächst Abwehraeschütze, die »5 nur dann auf eine arößere Schuftzahl in der Minute brachten, wenn sich die Bedienungsmannschaft besonders anftrenate. Heute b'et'1 die Rüstungsindustrie die in den letzten Kriegsjohren herausgekommenen automatischen Geschütze in einer kaum noch zu überbietenden Vollendung an Durch die Möglichkeit, rasch hintereinander eine größere Anzahl von Granaten ahfeu^rn zu können, ist die Flak dem Flieger rech* gefährlich geworden. Statistische Erhebungen der Amerikaner besagen daß in den ersten Kriegsjahren 8000 bis 9000 Schuß nötig waren um ein Flugzeug herunterzuholen, daß aber die fortschreitenden Verbesserungen 1918 nur noch 3500 bis 4000 Schuß erforderlich machten. Die Engländer behaupten, daß sie gegen Kriegsende nur noch 1550 Schuß gebrauchten Wir haben durch die Verbesserungen an der Flak die Schußzahl halbieren können Künftig wird man unter einem wesent - lich geringeren Muni 1 i 0nsauswond Erfolge erzielen können. Es darf jedoch nicht übersehen werden, daß die enormen Geschwindig
keiten eines modernen Kampfflugzeuges die Chancen der Flak wieder verringern. Auch d i e Panzerung der neuen Flugzeuge wird im Ernstfall nicht unvorteilhaft sein. Doch auch hier weiß man Rat. Jetzt wird Brisanzmunition verwandt, die auch durch die Panzer dringt und recht große Löcher reißt.
Neben der Flak in ihrer höchsten Vollendung gibt es die Revolverkanone und das schwere Maschinengewehr. Das Maschinengewehr läßt sich natürlich nur gegen Sturz- und Tiefflieger anwenden, vielleicht auch gegen Torpedoflieger, die, wenn sie ihr Torpedo mit Aussicht auf Erfolg gegen ein Kriegsschiff zu Wasser bringen vollen, doch fast auf die Meeresoberfläche herunter und auf mindestens 1000 Meter an das zu torpedierende Kriegsschiff heran müssen. Gegen diese Flieger gelangt das Maschinengewehr mit einem Kaliber von 12 bis 20 mm zum Einsatz. Vielfach finden sich mehrere Maschinengewehre auf einer Lafette nebeneinander, so daß die Feuerwirkung verbessert wird. Die Bedienung von Waffen, die untereinander verbunden sind, erfordert ein gut geschultes Personal. Ueberhaupt wird von den Mannschaften der Flugzeugabwehr sehr genaues Schießen und vor allem sofortiges Erkennen der in Frage kommenden Höhen verlangt. Da z. B.
KWK. Das Flugzeug hat sich auch als Hilfs- waffe der Marine eine derartige Bedeutung erkämpft, daß man sich kaum mehr in der englischen Marine z. B. ein Schiff von einigermaßen Tonnengehalt ohne^ Flugzeug vorstellen kann das zu gewissen Erkundungs-, Aufklärungs- usw. Aufgaben eingesetzt werden soll S el b st U - B 0 0 t e der Hvch- gerüsteten sind vorhanden, welche ein Flugzeug m i t f ü h r e n können, dessen Tragdeck zusammenklappbar sind. Jedoch unter Flugzeugschiffen versteht man solche, welche eine größere Anzahl Maschinen an Bord mitführen, von einer gewissen Kampfkraft; diese werden alle meist mit Katapult gestartet. Unter den Flugzeugschiffen ist der F l u g z e u g k r e u z e r eine besonders moderne Erscheinung, die sich sonderlich im atlantischen Raum bewährt hat. Unter diesem Schiffstyp ist besonders der schwedischeKreu- zer „Gotland" bekannt geworden, welcher neun Flugzeuge mitführt, also eine ganze Staffel: es ist wohl das erste Kriegsschiff, das von diesem Gesichtspunkt her neu gebaut worden ist Die Erfahrungen der englischen und auch französischen Flottenmanöver hatten ergeben, daß die schweren Flugzeugschiffe wie Flugzeugträger- und Mutterschiffe auf Grund der fehlenden Kampfkraft bei ungünstigen oder gar bedrohlichen Wetterlagen geradezu zu einer Belastung werden können, während z. B. Flugzeugkreuzer ihre Flugzeuge u. U. auch bei ungünstiger Wetterlage, und wenn nur vorübergehend, einsetzen können
Diesen Erfahrungen entspringt der Entschluß des britischen Marineministeriums, Schlachtschiffe und Kreuzer im erhöhten Maße mit Flugzeugen auszurüsten, wozu einige Umbauten erforderlich wurden, die aber gern in Kauf genommen
Generaloberst von S e e ck t hat einmal bei der Kritik einer allzu weit schweifenden Manöver anlage gesagt: „Wenn ich Strategie treiben mil:, so brauche ich keine Truppe, sondern nur ein. Karte und einen Zirke l." Zeit und Raum und ihre Berechnung mit Hilfe des Zirkels und der Karte bilden, die Grundlagen aller strategischen, ja der Mehrzahl aller taktischen Erwägungen. Die Feststellung, wann und wo treffe ich auf den Gegner, habe ich mit seiner Feuerwirkung zu rechnen, kann ich ihn mit meinem Feuer erreichen, ist bejtimmenb für den Einsatz meiner Truppe.
Schisse im Ernstfall kaum von Einzelfliegern, sondern von ganzen Geschwadern angegriffen werden, die schachbrettartig über das Schiss Hinwegfliegen und auf ein gemeinsames Zeichen einen förmlichen Bombenhagel niedergehen lassen, muß die Bedienungsmannschaft der Flaks und Maschinengewehre erstklassig ausgebildet sein. Hier können oft nur Sekunden Schiff und Mannschaft retten.
Die Flakwaffe nimmt in allen Ländern einen mehr oder minder großen Raum ein. In den Friedensarmeen finden sich verhältnismäßig wenige Flugzeugabwehrgeschütze. Belgien hat nur ein Flak-Regiment, in England sind es 13 Batterien, in Italien 5 Regimenter mit 96 Geschützen, in Polen hundert Geschütze und in Frankreich sechs Regimenter mit 204 Geschützen. In Wirklichkeit ist die Flakwaffe überall bedeutend umfangreicher. Denn in allen Statistiken fehlen die Flaks in den Festungswerken, also die fest eingebauten Geschütze, ferner sind die ungeheuren Mengen eingelagerter Geschütze der Oeffentlichkeit verborgen. Alles in allem zeigt sich jedoch, daß das Ausland nicht versäumt hat, auch auf dem Gebiete der aktiven Flugzeugabwehr aufzurüsten, und zwar dort am stärksten, wo die Luswafse nicht mehr übertroffen werden kann. W. S.
Die Eisenbahn gab der Kampfführung ein anderes Gesicht. Sie ermöglichte Truppenverschie« bunaen, deren Tempo nicht mit Sicherheit Daraus« zusehen war. Der Motor hat die Entwicklung folgerichtig weiter geführt. Er macht die Truppe zu Herren über Raum und Zeit. Er verleiht ihr ein £empo, das die gegnerische Aufklärung trotz Straßenpanzerwagen und Sprechfunk nur schwer zu halten vermag. Jeder Führer wird in Zukunft da- mit rechnen müssen, daß irgendwo unvermutet von vorne, in den Flanken, ja selbst im Rücken motorisierte Verbände auftauchen. Er wird sich selbst unter normalen Verhältnissen daran gewöhnen müssen, daß die Zeitspanne zwischen dem Eingehen einer Meldung vom Auftauchen des Gegners vor den eigenen Ausklärungsorganen und seinem Wirksamwerden auf dem Gefechtsfelde nur sehr kurz, weit kürzer selbst als im Weltkriege, daß ihm nicht viel Zeit zu langen Berechnungen und lieber- legungen bleibt, daß er blitzschnell denken, handeln und befehlen muß, wenn er nicht ins Hintertreffen geraten will. Freilich, er hat auch die Gewißheit, daß seine Truppe ebenso über Raum und Zeit erhaben ist wie der Gegner, daß kein Ordonnanzoffizier ihr erst nach stundenlangem Ritt seine Weisungen übermittelt, sondern daß der Funk, der Draht sie in Sekundenschnelle ins Bild setzt, daß auch sie der Motor in kürzester Zeit an febe gewünschte Stelle führt.
Um so wichtiger ist es, daß er in der Führungstechnik, in dem sachgemäßen Gebrauch der Führungsmittel gründlich geschult wird. Denn nur, wenn er das Handwerkzeug der Führung meistert, wird er sich zu den Höhen der Führungskunst aufzuschwingen vermögen. Aufklärung, Ent- schlußfassung, Befehlsgebung und Besehlsübermitt- lung sind die wesentlichen Elemente der Führungstechnik. Die Aufklärung in ihrer Zusammenarbeit zwischen Luft- und Erdaufklärung, Flugzeug und Ballon, Pferd und Motor, Auge und photographischer Linse, Horch-, Peil- und Meßgerät, Spionage und Gegenspionage, Funk und Presse ist ein empfindliches Instrument geworden, dessen sachgemäßer Ansatz und dessen nutzbringende Auswertung nicht von heute auf morgen gelernt wird. Sie spannt ihren Rahmen über Länder und Kontinente, sie paßt ihr Tempo der Schnelligkeit des elektrischen Funkens an, aber sie verlangt auch augenblickliches Erfassen der durch sie gekennzeichneten Feindlage und rasches Gebären des sie met- fternben Entschlusses. Gewiß die große Linie eines Feldzuges wird auch in einem Zukunftskrieg das Ergebnis einer langen Gedankenreihe, das Kind vieler Stunden am Schreibtisch und mancher schlaflosen Nächte sein. Aber ihre Durchführung unter der rasch wechselnden Wirkung des Feindes,- das Finden jener Aushilfe, die nach Moltkes Wort das Wesen der Strategie ausmachen, wird an die schnelle Entschlußkraft des Führers gebunden fein. Das Umgießen des Entschlusses in Befehle darf keine unnütze Minute kosten. Die Zeit, da der I a eines Armeekorps, der Adjutant eines Bataillons, in emsiger Arbeit einen in 12 bis 13 Punkte schön gegliederten Befehl mit Skizzenanlagen mannigfacher Art zustande und der Truppe durch unzählige Umdrücke zur Kenntnis brachte, ist vorüber. Kurze, mündliche, fernmündliche und drahtliche Weisungen an die einzelnen unterstellten Verbände sind an die Stelle von Sammelbefehlen getreten, die allenfalls als nachträgliche Bestätigungen und für die Akten ihre Auferstehung feiern.
Für die Uebermittfung der Befehle an die Truppe spielt der Aufbau und der Ausbau des Nachrichtennetzes, seine geschickte Ausnutzung durch die Stäbe und die Truppe eine gewichtige Rolle. Rahmenübungen in großen Verbänden, bei denen nur die Stabe und die Nachrichtenttuppen zur Darstellung kommen, haben in den letzten Jahren in allen Staaten, so kürzlich in Deutschland um Liegnitz, in Frankreich bei Dijon in Anwesenheit der Chefs der Generalstäbe des französischen, tschechischen und sugo- slawischen Heeres Führer und Geführte darin geschult.
Schnell denken, schnell handeln, das „activitg, cöl^rite, vitesse“ Napoleonischer Kampf-
FllMeuo-SkWe als Hilfswaffe her Marine
Zeit mW Raum m her Kriegführung.
Von Oberstleutnant a O. Benary
! werden. Die schweren Flugzeugschiffe sind mehr als schwimmende Stützpunkte zu betrachten, welche einer Bedeckung durch Kampfschiffe bedürfen. Flugzeugträger vermögen ganze Geschwader an Bord mitzuführen. Man hat
1 diese Träger oft als „schwimmende Flugplätze bezeichnet, tatsächlich sind sie darüber hinaus schwimmende Städte. An Bord befindet sich ungefähr jeder Betrieb, der in einer mittleren Stadt zu finden ist. Z. B. ist die amerikanische „Lexington" vom Bug zum Heck 270,7 Meter lang und so hoch wie ein 20stückiges Haus. Im Rumpf find Flugzeughallen, aus denen die Maschinen mittels riesiger hydraulischer Aufzüge an Bord auf das Flugdeck befördert werden.
Besonders die Amerikaner legen hohen Wert auf Flugzeugträger, um in der Lage zu sein, in einem' Konflikt mit Japan starke Flugverbände heranzuführen. Die Flugzeugschiffe werden voraussichtlich auf der Flottenkonferenz eine große Rolle spielen, und es scheint, daß die Japaner den Antrag stellen werden, den Bau von Flugzeugträgern zu verbieten Das alte Flugzeugmutterschiff ist gegenüber dem modernen Flugzeugträger zurückgetreten. Zu Luft-See-Operationen über weite Räume wird der Flugzeugträger so lange nicht zu entbehren sein, bis die Reichweite seetüchtiger Flugboote die Höhe erreicht, welche ihn überflüssig macht, i Hingegen wird von vielen Sachkennern dem Flug- ^deckkreuzer, einer Zwischenlösung zwischen I Kreuzer und Flugzeugträger, große Zukunft Der* - sprachen. Wie es scheint, befinden sich die Flug- ! zeugschiffe in einem neuen Stadium der Entwick- ■ hing, das bei der Stärkebeurteilung auf der Flotten- i konferenz 1935 eine wichtige Rolle spielen wird.
G. v. M.
Zeit und Raum sind für den Soldaten von heute fließende Begriffe geworden. Einst waren sie gegebene Größen. Der Infanterist setzte Bein vor Bein. Er marschierte dcn Kilometer in größeren Verbänden auf weite Strecken in 12 bis 15 Minuten. Berittene Waffen brauchten die Hälfte der Zeit. Die Aufmarschzeit einer Infanteriedivision in Höhe des Anfanges der Vorhut war mit rund 472 Stunden anzusetzen uff. Man konnte nach einigermaßen guten Nachrichten kaum durch das plötzliche Auftreten eines Gegners überrascht werden. Aber schon „Junker Dampf" endete das Bild.
Die Schlacht bei Torgau.
3 November 1760
Friedrichs des Großen glänzender Sieg bei Liegnitz am 15. August 1760 hatte die in Schlesien geplante Vereinigung der Oesterreächer und Russen verhindert. Dagegen gelang einer aus Russen und dem österreichischen Korps Lascy zusammengesetzten Heeresabteilung Anfang Oktober die vorübergehende Besetzung Berlins. Auf die Kunde vom Anmarsch des Preußenkönigs zogen sich die Russen auf die Weichsel, Lascy nach der Lausitz zurück. Feldmarschall Graf Daun hatte inzwischen fast ganz Sachsen besetzt und zog Lascy nach Torgau am linken Elbufer an die Hauptarmee heran. Friedrich rückte westlich der Elbe nach Süden, um die Vereinigung Dauns mit der sich vorn Westen nähernden Reichsarmee zu verhindern. Die Nachricht vom Anmarsch der Preußen trieb Daun auf die Höhen westlich Torgau, die Reichstruppen bis hinter Leipzig zurück. Kaiserin Maria Theresia hatte Dann befohlen, Sachsen unbedingt zu behaupten, auch wenn es zur Schlacht käme; König Friedrich brauchte Sachsen für Winterquartiere und Mannschaftsersatz.
Bis Langen-Reichenbach und Schildau (fünf Kilometer südlich Klitzschen) war das Preußenheer am 2 November gekommen, als sichere Meldungen über die Besatzung der Höhen nördlich Süptitz eingingen. Zum sparsamsten Gebrauch seiner Machtmittel gezwungen, unternahm König Friedrich, als er nun zum entscheibungsuchrnben Schlage ausholte, ein bis dahin unerhörtes Wagnis: die freiwillige Trennung der Streitkräfte vor der Schlacht mit der Absicht, sie von verschiedenen Seiten zum Zusammenwirken auf dem Kampffelde heran- kommen zu lassen. Er teilte fein Heer: unter feiner Führung sollten 25 000 Mann in drei Kolonnen den Feind durch die Domnitzer Heide umgehen und ihm von Norden her in den Rücken lallen: Zielen sollte mit 16 000 Mann die nach Süden gerichtete Front angreifen. Im Dunkel des 3. Novembermorgens begannen die preußischen Truppen auf schlechten Waldwegen durch die tiefsandige Kiefernheide den Mühsamen Marsch, der durch die schwere Artillerie noch verlangsamt wurde. (Skizze: + + + +'
von sumpfigen Wiesen und Bachläufen durchzogenen flachen Gelände südlich Neiden kann sich die Jnfan-
Leichte Sicherungsttuppen, die Dauns Stellung in i sah beim Heraustreten aus dem Walde nordöstlich weitem Umkreise umschwärmten, kamen in dem Klitzschen (Skizze — -l- — -l- — -l-) vor sich das auf- Waldgelände ins Gefecht mit den Preußen. Aus I marschierte Korps Lascy. Seine Regimenter ent- den Meldungen der sich auf die Süptitzer Höhen । wickelten sich zwischen dem Großen Teiche und dem zurückziehenden Reiter erkannte Daun die ihm in | Walde, während sich ein lebhafter, aber wenig Flanke und Rücken drohende Gefahr. Er ließ sein wirksamer Feuerkampf der Artillerien auf große zweites Treffen nach Norden kehrt machen und an • Entfernung entspann. Der eben bei Neiden ankom- den westlichen Flügeln der sich den Rücken zukeh- menbe König glaubte Zieten schon in ernstem Ge- renben Treffen ein Reserveregiment mit Front nach lechl. K-in Augenblick barf verloren gehen. In bem bem Walde aufmarschieren. Etwa 100 österreichi-
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sche Geschütze waren norbwestlich Zinna mit Schußrichtung nach Narben aufgefahren, fast ebenso viele stauben süböstlich bes Dorfes. Das Corps Lascy sperrte in einer Stellung rittlings ber Straße Eilenburg—Torgau ben Weg zum Elbe-Uebergang, ben sich Daun offen halten mußte. Die Oesterreicher waren nach ber großen Umänberung ihrer Aufstellung bes Angriffs gewärttg, als gegen 13 Uhr bie Spitze ber preußischen Umgehungskolonnen westlich Neiben aus bem Walbe heraustrat.
Da trug Sübwinb Kanonenbonner nach Neiden: Zielen war sväter als der König aufgebrochen und
terie nicht entwickeln. Also: Angriff durch den Wald gegen Dauns linken Flügel. Die vereinzelten Angriffe der nach und nach eingesetzten Bataillone und Regimenter scheitern im mörderischen Feuer der österreichischen Artillerie: Brigade auf Brigade zerschellt unter großen Verlusten. Als endlich in der Dämmerung der Einbruch gelingt, werden die zerschossenen Bataillons von der Daunschen Reiterei zusammengehauen. Die Attacke der preußischen Kürassiere kann das Schicksal nicht mehr wenden. Nachdem schon drei Pferde unter ihm erschossen, waren, wird der König von einer Kartätschkugei aus bem Sattel geworfen: er überträgt bem General von Hülsen bas Kommanbo unb begab sich im Abenbunkel nach Elsnig, wo er in ber Kirche auf b-m Altarstufen ein freies Plätzchen für sich fanb. Hülsen sammelte bie Reste ber immer roieber oorftürmenben unb von übermäßigem Geschütz- unb ungeschwächtem Schützenfeuer zerfetzten Bataillone im Walbe wo auch anbere Offiziere aus Verspren- ten neue Bataillone zusammenstellten, um sie gegen ben Feind zu führen. Zielen wartete in seiner Stellung Lascy gegenüber, baß die vom König geschla-I genen Truppen ihm entgegengetrieben würden. Aus wiederholte Bitten ber ihm unterstellten Infanterie* sichrer griff er endlich Süptitz und bie Höhen westlich bes Dorfes an. Nach anfänglichen Erfolgen mußten auch hier bie preußischen Bataillone weichen. Aber auch bie Oesterreicher begannen in Verwirrung zu geraten, befonbers burch bas allmählich wirksamer werbenbe preußische Artilleriefeuer. Daun war verwunbet unb hatte bie Führung verloren Von allen Seilen werben bie von preußischen Generalen unb Stabsoffizieren gesammelten Züge unb Bataillone zu neuen Angriffen herangeführt, j Im Abenbbunkel kamen schließlich alle Truppen durcheinander. General von Hülsen, der wegen I
schwerer Verwundung nicht zu Pferde steigen konnte, ließ sich auf einer Lafette dem letzten frischen Regiment ooranfahren. Vor den schon für vernichtet gehaltenen und noch immer wieder die Hänge hin- aufklimmenden Preußen mußten die ganz erschöpften Oesterreicher weichen und die von Lascy zu ftilfe aefdrWen Bataillone wurden in den Strudel ber über Zinna auf Torgau zurückslutenben Flucht hineingezogen.
Sehr verschieben sind die Angaben über die Verluste. Beibe Heere hatten etwa ein Drittel eingebüßt. 60 Prozent ber preußischen Infanterie waren gefallen? König Friebrich verbot bie Veröffentlichung ber Verlustziffern.
Die Schlacht war gewonnen der Feind aber nicht vernichtet. Das Preußenheer war erzogen worden zum Siegenwollen um jeden Preis und ä-sbalb wurde bas verzweifelte Ringen auf den Süptitzer Höhen ein preußischer Sieg.
D"r bedeutendste Gewinn des blutigen Tages von Torgau, ber letzten großen Schlacht im (Sieben- iährinen Kriege, war bie burch Dauns Niederlage gefestigte Ueberzeugung. baß Preußen unter dem großen Könige unbesiegbar sei.
Der Kanonendonner dieser Schlacht war bas Wiegenlieb für ein erst wenige Tage altes Kind, bas bei ber Flucht ber Reichslruppen in der eisigen Novembernachl ben matten Armen ber auf einem offenen Bauernwagen eingeschlafenen Mutter entglitt unb wimmernd im Straßenschmutz überfahren worben wäre, hätte sich nicht ein mitleidiger Grenadier des Knäbleins erbarmt und es aufgehoben. Das Kind hieß August Wilhelm von Neithard t — der spätere preußische Feldmarschall Graf G n e i f e n a u, der Besieger Napoleons. Auf seiner Brust glänzte der Stern des Schwarzen Adlerordens. den die unter feiner Führung am Abend ber Schlacht bei Belle-Alliance ben Franzosen rücksichtslos Nachlebenden preußischen Infante- riften im erbeuteten Wagen Napoleons gesunden Hatten.
Das unverzagte Draufgehen ber Bataillone des großen Königs und die rücksichtslose Ausnutzung des Sieges, wie sie Gneisenau gelehrt hat, sollen Beispiel und Lehre sein, die uns der 3. November 1760 gibt. ß.


