ttr. 209 viettes Blatt
Samstag, 7. September 1955
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Reichtümer der Aatur im Bergwerkswald.
Bruchlandschaft — Dorado der Wildenten.
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Die Stadt Gießen hat durch die vor ihren Toren gelegenen ausgedehnten Wälder einen Vorzug gegenüber anderen, nicht in der gleichen Lage befindlichen Städten. Bei der Naturverbundenheit des germanischen Volkes und dem engen Zusammenwohnen der Stadtbevölkerung außerhalb der Natur, sowie bei der meist in geschlossenen Räumen sich abspielenden Berufstätigkeit bildet der Wald mit seinen Wanderwegen eine wichtige Erholungsstätte für den dem nervenverbrauchenden Erwerbsleben ausgesetzten Volksgenossen. Zu jeder Jahreszeit vermögen unsere schönen Gießener Wälder Ablenkung und Erholung zu bieten. Neben den Tieren, Vögeln und Insekten ist es die in der verschiedenartigsten Zusammensetzung auftretende Pflanzenwelt, deren mannig- fältigen Eindrücken sich selbst der naturfremdeste Mensch nicht zu entziehen vermag. Sogar im Winter, wenn an den höheren Pflanzen eine sichtbare Weiterentwicklung nicht zu bemerken ist, gibt es im Wald Gelegenheit zu interessanten Beobachtungen.
Neben dem der Stadt Gießen gehörigen, östlich vom Weichbild der Stadt gelegenen großen Waldgebiet ist es besonders der im Süd osten bis nahe an die Stadt heranreichende Wald der Lindener Mark, dem der Besuch der erholungsuchenden Gießener Volksgenossen gilt. Durch die Lage dieses Waldes in der Nähe der Kliniken und anderer Universitätsinstitute kommt ihm als Erholungsstätte besondere Bedeutung zu. Im Vergleich mit anderen Wäldern birgt die Lindener Mark in mannigfacher Beziehung Naturwerte, die in hohem Maße dazu
oeitragen, besinnliche Menschen von ihren Alltagsinteressen abzulenken und ihnen geistige Erneuerung zu gewähren.
Zur Maienzeit, wo weite Flächen der Lindener Mark mit Maiblumen bestanden sind, strömt jung und alt aus der Stadt und den umliegenden Dörfern in den Wald, um sich einen Strauß der lieblich duftenden Maiglöckchen äu holen. Aber auch sonst bietet der Markwald, dessen Bodenverhältnisse manchen Pflanzenarten besonders gut zusagen, dem Freund der heimischen Pflanzenwelt etwas Besonderes. Diese Eigenheiten der Lindener Mark sind schon den früheren Botanikern ausgefallen. Der bedeutendste Gießener Botaniker Johann Jakob Dille.nius, welcher 1664 in Darmstadt geboren wurde und 1747 als Professor der Botanik in Oxford starb, hat in den Jahren 1715 bis 1720 verschiedene Abhandlungen über die Pflanzenwelt in Hessen herausgegeben. Besonders die Umgebung Gießens hat er botanisierend durchstreift, und so darf es uns nicht wundern, daß er bei den von ihm veröffentlichten Pflanzenstandorten die Lindener Mark mehr als 40mal erwähnt. Zwar sind heute als Folge der intensiven Waldbewirtschaftung und aus anderen Ursachen manche der damals festgestellten Pflanzen verschwunden. Aber immer noch birgt der Markwald an versteckten Stellen seltene Pflanzenarten. So findet sich dort noch der stattliche Türkenbund, die auffallendste unserer Lilienarten. Auch die „blaue Blume Akelei" ist hier, wenn auch nur ganz selten, noch anzutreffen, und an einer Stelle bildet der Keulenbärlapp, dessen baumartige Vorfahren in den Steinkohlenlagern verkohlt erhalten geblieben sind, alljährlich seine stäubenden Sporenträger. Nicht selten rankt heute, ebenso wie vor 200 Jahren zu Dillenius Zeiten, das Waldgeißblatt um die Jungbuchen, und im Frühling gehört das hier häufige Lungenkraut mit seinen zuerst roten und später blauen Blüten zu den ersten Frühlingsblühern.
Abwechslungsreiche Waldbilder kommen dem Wanderer in dem Wald zu Gesicht. Neben einförmigen Kiefern- und Fichtenbeständen zeigen sich solche, wo rote Kiefernstämme aus dem frischen Grün einer Buchenverjüngung hervorleuchten. Anderwärts wird der Wald von Buchen gebildet, zwischen denen zerstreut Eichen und Nadelhölzer auftreten. Eine Abtriebfläche ist mit Kiefern bepflanzt, in deren düsteres Grün Beete junger Lärchen Abwechslung bringen. An einem Weg entlang stehen die glatten Stämme der bei uns nicht heimischen Weymoutskiefer Spalier. Gruppen von Birken haben sich besonders auf den vom Bergbau gelichteten Stellen und in der Nähe der Main- Weser-Bahn breit gemacht und bringen mit ihren leuchtend weißen Stämmen und ihren hängenden Zweigen eine neue Note in den Baumbestand. Mit dem Wechsel der Baumart und der Bestandsdichte ändert sich auch die Bodenflora. Das von den Baumkronen durchgelassene Licht ist der Hauptfaktor für die Entwicklung der Kraut- und Strauchpflanzen auf dem Boden des Waldes. Dom nur stellenweise von Weißmoos, Goldenen Frauenhaar, Zypressenastmoos und anderen Moosarten besiedelten, sonst pflanzenlosen Fichtenwaldboden an bis zum lichten Laubwaldboden hin, der eine beinahe
Wertvolle Baustoffe geben die Sand- und Kalkbrüche in der Lindener Mark.
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Auf hohen Halden wuchert üppige Vegetation.
dicht geschlossene Unterschicht aus Gräsern und Kräutern trägt, finden sich alle Uebergänge bezüglich der Dichte und Mannigfaltigkeit der Bodenflora vor.
Neben dem Tier- und Pflanzenleben auf der derzeitigen Bodenoberfläche hat die Lindener Mark auch noch ihre Besonderheiten unter der Erd- Oberfläche. So finden wir die älteste geologische, durch Versteinerungen sicher bestimmbare Formation aus der Altzeit der Erde, das O b e r s i l u r, in einem am Waldrand gelegenen Steinbruch aufgeschlossen. Am meisten interessiert aber hier der "jüngere, dem oberen Mitteldevon angehörige Massen kalk, der in dem bekannten großen Tagbau des Gießener Manganerzbergwerks gut aufgeschlossen ist. Der Bergbau hat zwar einen Teil des Markwaldes verschlungen, trägt aber anderseits in hohem Maße dazu bei, daß ein Besuch der Lindener Mark nach der geologischen Seite hin von großem Werte ist. Durch das Entfernen der den Kalk bedeckenden jüngeren (tertiären) Tone und des auf der Oberfläche des Kalkes liegenden Erzes wird eine Karstlandschaft freigelegt, die vor langen Zeit- räumen entstanden ist. Sie bietet dem Auge, von welcher Stelle man sie auch überblicken mag, immer wieder ein anderes Bild. Auf der Oberfläche der Kalkfelsen sind stellenweise Korallen ausgewittert, die darauf Hinweisen, daß der Kalk in warmem klarem Seewasser entstanden ist. An unförmigen Kalkblöcken vorbei, um stehengebliebene Waldstückchen und Felskegel herum, bergauf und bergab führen kreuz und quer die Pfädchen durch das Tagbaugelände, bis sie an einer Stelle, etwa an den in einer Senkung entstandenen kleinen Weiher in den Markwald einmünden. Eine Kalkgebirgslandschajt
Heidelandschaft mitten im Tagbau des verlassenen Bergwerks. (Aufn. [5]: Neuner, Gießener Anzeiger.)
Im stillen See spiegelt sich die hügelige Landschaft. — (Aufnahme: Vogt, Gießen.)
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im Kleinen zeigt sich dem Besucher des Bergbaugebiets. Wenn wir nicht irren, ist von dem derzeitigen Vorstand des Forstamts Schiffenberg, Oberforstmeister Nicolaus, einmal der Vorschlag gemacht worden, dieses ausgebeutete interessante Bergbaugelände als Naturschutzpark zu erhalten. Es wäre zu begrüßen, wenn sich dieser weitausschauende Plan in die Wirklichkeit umsetzen ließe. Die Stadt Gießen hätte für alle Zeiten ein in jeder Hinsicht anziehendes und wertvolles Natur- vorkommen, das einen Anziehungspunkt für Naturfreunde und eine nicht alltägliche Naturparkanlage für den erholungssuchenden Stadtbewohner in nächster Nähe der Wohnstätten bilden würde. Ob die derzeitigen Besitzverhältnisse, die Art des Bergbaubetriebes und die sonstige Bewirtschaftung eine Durchführung des Planes zur Zeit verhindern, vermag von hier aus nicht beurteilt zu werden.
Weiterhin fallen dem Besucher der Lindener Mark an einigen Stellen kreisrunde Hügel auf, die bald einzeln, bald in Gruppen auftreten. Es sind Grabhügel, die nach den Feststellungen der dazu berufenen Wissenschaftler der Bronzezeit und der Hallstattzeit angehören. Die Bronzezeit hat etwa von 2000 bis 1000 v. Ehr. gedauert. Sie ist gekennzeichnet durch Waffen und Geräte aus Stein, Kupfer und Bronze, Schmuck aus Gold und Bernsteinperlen. In der ersten Zeit findet sich hauptsächlich Erdbestattung, während nach dem Ende zu meist Leichenbrand festzustellen ist. Durch Bernsteinfunde in Ländern jenseits der Alpen wird ein damals schon bestehender Tauschhandel des Nordens mit dem Süden bestätigt. Auch der Han
delsverkehr mit dem Orient lft schon uralt, wie aus dem in steinzeitlichen Gräbern gefundenen Muschelschmuck heroorgeht, der nach dem Roten Meer und dem Indischen Ozean hinweist. Wie die Gräberfunde beweisen, drang ein von Nordosten kommendes kriegerisches Jägervolk, das mit bronzenen scharfen Beilen und Dolchen, sowie blinkendem Schmuck, Spiralgehängen und langen Nadeln versehen war, in die Wohnstätten des hier wohnenden Bauernvolkes, welches die Steinwaffen und Steingeräte erst in geringem Maße mit solchen aus Bronze vertauscht hatte, ein und machte sich neben den letzteren seßhaft. In mächtigen Grabhügeln bestatteten sie ihre Toten. Am Ende der Bronzezeit machte sich der Einfluß südlicher Einwanderung insofern geltend, als die Toten verbrannt werden und die Asche in großen Tongefäßen beigesetzt wird. Die Gräber sind meist flach, von wenigen Steinplatten geschützt und liegen oft in großer Zahl beieinander. Diese als Uebergang zur Hallstattzeit geltende Art der Bestattung wird als Urnenfel- d e r st u f e bezeichnet. Die Hallstattzeit, nach Hallstatt, einem ausgedehnten Gräberfeld in Oesterreich benannt, dauerte etwa von 1000 bis 500 o. Ehr. In ihr herrscht Leichenbrand vor. Das Eisen tritt erstmalig als seltenes Metall in Verbindung mit der Bronze auf. Fremdartige Gefäße, die hier und da gefunden werden, beweisen, daß auch in dieser Zeit der Handel mit dem Süden äußerst rege war. Die Gräber bilden mächtige Hügel, welche mit einem Steinkranz umgeben sind und die ein Felsblock krönt. In den Frauengräbern finden sich bronzene Halsringe, Brustgehänge mit Klapper-
Fels und Baum, Tümpel und Büsche fügen.sich zum idyllischen Winkel
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