Nr.131 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Freitag, 7. Zuni (935
^20 Jahre Corps Hassia.
Das Corps Hassia, die älteste Korporation der Ludoviciana, feiert an Pfingsten den 120. Jahrestag seines Bestehens.
Die Hassia zu Gießen ist in ihren Anfängen schon vor 1760 bezeugt. Das Corps Hassia wurde am 3. August 1815 unter Beteiligung mehrerer Corps- burschen der kurz vorher suspendierten Franconia gestiftet. Schon bald nach Gründung des Corps kam es zu tiefgreifenden Streitigkeiten mit den Anhängern der Burschenschaft, namentlich mit den demokratisch radikalen „Gießener Schwarzen" unter Karl Fallen. Dessen „Ehrenspiegel", ein studentisches Gesetzbuch, das den alten Komment (Brauch) beseitigen wollte, wurde von dem SC. unter Führung des Hessenseniors Görtz verworfen. Auf dem Wartburgfest 1817 kam es zum Austrag des Streites mit den „Schwarzen", denen der Hessensenior App gegenübertrat, und auf Zurufe zu einer Versöhnung, die aber nur von kurzer Dauer war. Zugunsten der Bildung einer allgemeinen Burschenschaft auf der Hochschule Gießen lösten Hassia und die übrigen Korporationen sich vorübergehend auf. Im Jahre 1923 gab sich der SC. zu Gießen einen neuen Komment, in dessen Einleitung das Wesen der Corps im Gegensatz zu den Landsmannschaften und zur Burschenschaft bestimmt wird. Letztere bestand in den 1820er Jahren als „Waffenverbindung" und paukte mit dem SC. Am 26. August 1826 wurde das Corps Starkenburgia von Hassia aufgetan. In der Folgezeit litt auch Hassia unter den Verfolgungen, die von der Behörde gegen das Verbindungswesen betrieben wurden. Unter den Hessen, die in diesen schweren Zeiten sich um ihr Corps besonders verdient gemacht haben, ist Wolrad Kreußler zu erwähnen, der die bekannten Kriegslieder 1870/71 gedichtet hat. Erst im Jahre 1840 konnten die Corps unangefochten wieder auftreten.
Am 3. März 1842 wurde ein Corps Marco- mannia aufgetan; am 9. Mai 1843 kam es zu einer Verschmelzung der Marcomannia mit Hassia. Mit dem Gießener SC gehörte Hassia zu den Corps von elf Universitäten, die zur Bildung des Kösener SC-Verbandes zuerst im Jahre 1846 zusammentraten.
In der Folgezeit konnte Hassia sich ungestört weiterentwickeln. Daß auch das Studium nicht zu kurz kam, beweist eine stattliche Reihe alter Hessen, aus deren Zahl der Afrikaforscher und österreichische Ministerresident Konstantin Reitz, der Strafrechtler Reichsgerichtsrat Max v. B u r i, die Brüder Thudichum, der Mediziner und der Jurist, und der Begründer der modernen Kinderheilkunde Philipp Biedert genannt feien. Während des Krieges 1870/71 stand fast das gesamte Corps unter Waffen.
Wie den alten Gießenern erinnerlich fein wird, wurde das mit der Hauseinweihung verbundene große Stiftungsfest im August 1892 in besonders glanzvoller Weife begangen. Hassia besaß zuerst ein eigenes Heim; zu Ehren d^s Corps erhielt der anliegende Weg den Namen Hessenstraße. Die Jahre bis zum Weltkriege verliefen ohne Ereignisse von besonderer Bedeutung, zeigen aber eine erfreuliche Blüte des Corps und geben ein schönes Bild der engen corpsbrüderlichen Verbundenheit aller alten und jungen Träger des schwarzweißroten Bandes.
Am Weltkriege nahmen sämtliche Aktiven und Inaktiven, sowie die große Mehrzahl der Alten Herren teil. Vom Heldentod dreiunddreißig treuer Hessen kündet das 1921 enthüllte Ehrenmal auf dem Hessenhaus.
In dem besonders starken Bestand nach dem Kriege kam das Bedürfnis des Frontsoldaten zum Ausdruck, mit Gleichgesinnten Kameradschaft zu pflegen, und zwar in einem Kreise, der die No- vernberrevolte und den Staat von Weimar unbedingt ablehnte. So gehört Hassia zu den Verbindungen,
die in den vierzehn Jahren des Niederganges unbeirrt eine Erziehungsarbeit geleistet haben, die nicht nur von vaterländischem Geist getragen war, sondern auch der nationalen Bewegung gedient hat, in deren Reihe übrigens zahlreiche Hessen gekämpft haben.
Mit dem gewaltigen Geschehen der nationalsozialistischen Erhebung sind die studentischen Korporationen vor neue große Aufgaben gestellt. Angriffe, wie sie gerade gegen die farbentragenden Verbin- dunaen erhoben wurden, sind maßgebend durch Willensäußerungen des Führers widerlegt, der die Erhaltung der Korporationen wünscht, sofern sie guten Willens sind, auf dem Boden des Nationalsozialismus am Aufbau des Dritten Reiches mitzuarbeiten. Das bekundet auch die Vereinbarung der Partei und des NSDStB. mit der unter Führung des Staatssekretärs in der Reichskanzlei Dr. Lammers stehenden Gemeinschaft studentischer Verbände.
So ist das Ziel gesteckt und die Bahn frei zur weiteren Arbeit. Und wenn Hassia ihren 120. Ehrentag begebt, so erfüllen alle Hessen neben dem Stolz auf die Vergangenheit ihres Corps die erhebende Freude und Zuversicht, ihre bewährte Erziehungsgemeinschaft auch weiterhin in den Dienst für Volk und Vaterland zu stellen, das geeint unser Führer uns geschenkt, hat!
Eine Erinnerung.
Von einem Alten Herrn des Corps Hassia wird uns geschrieben:
Während der Pfingstfeiertage feiert die älteste Korporation der Universität, das Corps Hassia, sein 120. Stiftungsfest. Die bevorstehende Feier, die in einem den Zeitverhältnissen entsprechend einfachen Rahmen gehalten fein wird, gab Veranlassung, in Berichten über die früheren größeren Veranstaltungen nachzulesen, insbesondere denjenigen über die Feier des 50jährigen Stiftungsfestes, das besonders festlich auch unter Beteiligung der gesamten Gießener Bürgerschaft begangen wurde. Diese Feier war fsir die Hassia auch um deswillen
pfingstbröuche.
Pfingsten ist noch ein richtiges Frühlingsfest. Man kann daher beobachten, daß viele Mai- und Frühlingsbräuche auf das Pfingstfest übertragen worden find. So kehrt gewissermaßen der Maibaum wieder, denn in vielen Städten und Dörfern werden die „Maien", junge grüne Birken, vor den Häusern aufgestellt.
Zu Pfingsten wird auch die Pfingstkuh oder der Pfingstochse geschmückt, eine Sitte, die noch in dem Sprichwort: „Geschmückt wie ein Pfingstochse" zum Ausdruck kommt!
In manchen Gegenden Hannovers erhält am Abend vor Pfingsten die Leitkuh einen Kranz aus Birkenzweigen. Ueberhaupt spielt Pfingsten im Leben der Hirten eine große Rolle. So kommen im Schwarzwald die Hirtenbuben an einigen Orten zusammen zu sogenannten „Schellemärkte". Hier werden durch allerlei lustige Zeremonien die Kuhglocken ausgetauscht.
In anderen Orten ist es Sitte, daß die jungen Burschen ihren Mädchen in der Pfingstnacht Birkenbäumchen vor das Kammerfenster pflanzen. Unbeliebten Mädchen aber wird ein Kiefernbaum gesetzt.
Wer am Pfingstmorgen als Letzter aus dem Bett findet, erhält einen Kranz aus Birkenzweigen.
von besonderer Bedeutung, weil mit ihr die Einweihung des Corpshauses in der Heffenftraße ver- bunben war. In dem Bericht über jenes Fest, dessen sich viele Einwohner der Stadt noch erinnern werden, ist zu lesen: „Verschiedene Umstände wirkten mit, den Glanz des Festes zu erhöhen und den Eindruck auf die Teilnehmer zu verstärken... Auch die geradezu großartige Teilnahme der gesamten Einwohnerschaft Gießens an der Feier, die sich in mannigfaltigster Weise kund tat, konnte nicht anders als erhebend auf die Feftteilnehmer wirken. Der damalige Erste Chargierte des Corps, der leider schon in den allerersten Tagen des Weltkrieges gefallene Rechtsanwalt Dr. Alexander Bopp, hatte allerdings auch besonderes Gewicht auf die Teilnahme der Bürgerschaft gelegt und eine Reihe von Veranstaltungen angeregt und durchgeführt, die für die ganze Bürgerschaft bestimmt waren, Festzug, öffentliche Konzerte durch 2 Militärkapellen, Gartenfest in Steins Garten mit Feuerwerk. Der letzte Teil des Wegs, durch den sich der Festzug bewegte — vom Ludwigsplatz bis Steins Garten — war in eine via triumphalis umgewandelt. Es gab während der Festtage kaum ein Haus in der Stadt, das nicht die alten und neuen Farben der Hassia — schwarzweißrot — gezeigt hätte. Viele Häuser waren mit frischem Grün und Blumen geschmückt."
Ein Bericht im „Gießener Anzeiger" vom 10. August 1892 schließt: „Nun hat fast alles Gießen verlassen, doch nicht ohne Erinnerung an ein wirklich gelungenes Fest mitzunehmen, gelungen wesentlich dank der erhebenden Teilnahme der Stadt und ihrer liebenswürdigen Bewohner. Dieser Empfindung Derlei ht auch der Dankerlaß des Corps an die Bürgerschaft im gleichen Blatt Ausdruck."
Wir Hessen dürfen mit Recht von uns sagen, daß von jeher die besten und herzlichen Beziehungen zwischen Bürgerschaft und den Hessen bestanden und fühlen uns auch heute noch mit den Einwohnern der Stadt, aus deren Kreis wir zahlreiche Aktive gehabt haben, eng verbunden. Wir hoffen das Gleiche auch von den Bürgern der Stadt und würden uns freuen, wenn auch an den Pfingsttagen dieser Verbundenheit seitens der Einwohnerschaft durch reiches Beflaggen der Häuser in den Farben schwarzweißrot Ausdruck verliehen würde.
An vielen Orten wird an Pfingsten entsprechend dem Einholen des Mai-Königs ein Umzug veranstaltet, geführt von den in Laub und Blumen gehüllten Pfingst-Butzen, Pfingst-Lümmels oder Pfingst-Quaks zieht die Dorfjugend von Haus zu Haus und erbittet sich Gaben.
Eine ähnliche Erscheinung ist der zu Pfingsten im bayerischen Wald auftretende Wasservogel, ein ganz und gar in Reiser oder Besenginster gehüllter Knabe, der begleitet von drei mit bunten Bändern geschmückten Kumpanen und gefolgt von der ganzen Dorfjugend von Haus zu Haus zieht und um Geld oder sonstige Gaben bittet. Unter dem Jubel aller Teilnehmer wird aber der Wasservogel an manchen Ecken heimlich mit Wasser übergossen. Die gesammelten Gaben werden dann schließlich unter dem Wasservogel und seinen Begleitern verteilt.
In Oldenburg wird an einzelnen Orten der Pfingstkranz aufgehängt, der wie eine Krone aus frischen Blumen aussieht. Die Nachbarn der einzelnen Straßen des Ortes stellen diesen Pfingstkranz in gemeinsamer Arbeit her und hängen ihn am Abend vor dem Pfingstfest mitten über der Straße auf. Hier lebt im Pfingstbrauch eine alte deutsche Sitte der Nachbarschaft fort, in der jeder dem anderen zu Rat und Hilfe in Arbeit und Notzeiten verpflichtet ist. Wenn der Pfingstkranz aufgehängt ist, tanzen die Kinder und jungen Leute unter dem Kranz alte Volksreigen.
Die angeführten Pfingstbräuche finden sich zum Teil, wenn auch in abgeänderter Form, auch in unserer Landschaft. Vielleicht kennst du einen besonders schönen Brauch deines Heimatdorfes, dann mache von ihm in einer Mußestunde einen kurzen Bericht und sende ihn an den Landschaftsbund Volkstum und Heimat, Darmstadt, Neckarstraße 3, zu dessen vornehmsten Aufgaben es zählt, das vorhandene Brauchtum unserer Landschaft zu erforschen, zu erhalten und zu beleben.
E>A , e©„ TiSKK. und Feuerwehr.
In einem Runderlaß an alle Polizeibehörden gibt der Reichs- und preußische Innenminister folgenden Befehl der Obersten SA.-Führung bekannt: „Bei allen Angehörigen der SA. über 35 Jahren geht der Feuerwehrdienst dem SA.-Dienst und bei allen Angehörigen der SA. unter 35 Jahren der SA.- Dienft dem Feuerwehrdienst vor." — Der Reichsführer der SS. wie der Korpsführer des NSKK. haben folgenden Befehl erlassen: „Bei allen SS.» (NSKK.-) Angehörigen über 26 Jahren geht der Feuerwehrdienst dem SS.- (NSKK.-) Dienst und bei allen SS.- (NSKK.-) Angehörigen unter 26 Jahren der SS.- (NSKK.-) Dienst dem Feuerwehrdienst vor." Als Feuerwehrdienst, so stellt der Minister fest, gilt die Teilnahme an Feuerwehrpflichtübungen, an Feuerwehraufmärschen, die Feuerwehrtätigkeit im Brandfalle und bei Probealarm, der Feuerwehrbereitschaftsdienst, die Teilnahme an Feuerwehrschulkursen und bei Feuerwehrführern auch die Teilnahme an Führerbesprechungen.
Kraftfahrer und Radfahrer meidet den Alkohol!
Von der Polizeidirektion Gießen wird uns mitgeteilt:
Mit dem Frühjahr beginnen auch wieder die Volksfeste und Vergnügungen in allen Gegenden des Reiches. Die zunehmende Motorisierung und der zunehmende Radfahrverkehr bringen es mit sich, daß an derartigen Veranstaltungen auch viele Kraftfahrer und Radfahrer teilnehmen.
Feiern und Feste find mit Genuß von Alkohol verbunden, und niemand wird frohen Menschen das verwehren wollen. Den Kraftfahrern und Radfahrern aber, die solche Feste feiern, liegt eine schwere Verantwortung ob. Es ist erwiesen, daß schon geringe Mengen von Alkohol die Fahrsicherheit beeinträchtigen. Kraftfahrer und Radfahrer, die in angetrunkenem ober gar betrunkenem Zustande mit ihren Fahrzeugen fahren, gefährden sich und ihre Mitmenschen. Wenn Fahrzeugführer nicht mehr zur sicheren Führung ihres Fahrzeuges in der Lage find, mögen sie das Fahrzeug an Ort und Stelle lassen und es später abholen.
Die Polizeibeamten sind angewiesen, unnachsichtlich durchzugreifen, wenn betrunkene Kraftfahrer am Steuer von Kraftfahrzeugen, ober betrunkene Rad- fahrer auf Fahrräbern betroffen werben. Strenge Bestrafung, bie Entziehung bes Führerscheins, Untersagung ber Führung von Fahrräbern unb bie polizeiliche Sicherstellung bes Fahrzeuges broht biesen Fahrzeugführern.
Krastpost Gießen—Erda.
Dem nach ber Eröffnung ber Kraftpoftlinie Gießen—Erba eingetretenen Bedürfnis entsprechend werben vom Samstag, 8. Juni, ab folgenbe Verbesserungen bes Fahrplanes vorgenom- men:
1. Die erste Fahrt ab Erba 6.30 Uhr verkehrt künftig 40 Minuten früher, also 5.50 Uhr.
2. Die bisherigen Mittwochsfahrten ab Gießen 10 Uhr unb ab Erba 11.10 Uhr werben künftig auch Samstags ausgeführt.
3. Die bisherige Fahrt ab Gießen 15.15 Uhr nach Krofborf wirb künftig an Samstagen bis Erba durchgeführt, kommt in Erba um 16.15 Uhr an unb fährt bafelbft um 16.20 Uhr nach Gießen roieber ab.
Aus Oer Provinzialhaupistadi.
Hochschulnachrichten.
Der o. Professor Dr. Walter M e v i u s von ber Universität Berlin ist als Nachfolger bes wegen Erreichung ber Altersgrenze von den amtlichen Pflichten entbundenen Professors Dr. Wilhelm Ben ecke zum Ordinarius für Botanik und Direktor des Botanischen Instituts ber Universität M ü n- st e r ernannt worden.
Anekdoten umRobert Schumann.
3u seinem 125. Geburtstag am 8 Juni.
Der 19jährige Robert Schumann studierte in Heidelberg Jurisprudenz. Doch die Pandekten und Wälzer des römischen Rechts wurden dem jungen Musiker bald zur Qual. Einmal kam er mit Freunden aus einer Vorlesung des berühmten Rechts- aelehrten Thibaut, der über die Gründe gesprochen hatte, die nach dem Gesetz die Volljährigkeit dem weiblichen Geschlecht früher zusprachen als dem männlichen. Ein Mädchen, so hatte Thibaut ausaeführt, ist schon eine verständige und gesellschaftsfähige Person, wenn der Jüngling noch ein unverständiges, linkisches Geschöpf ist.
Schumann erläuterte das Wesen der Geschlechtsunterschiede auf feine Weise. Er setzte sich ans Klavier, trug Webers „Aufforderung zum Tanz" vor und sagte: „Hört ihr? Jetzt spricht sie! Das ist der Liebe Kosen ... Und jetzt spricht er, das ist des Mannes ernste Stimme. Und nun sprechen sie beide zugleich, und deutlich hört man in der Musik, was die Liebenden sich sagen. Ist das nicht tausendmal schöner als alles, was die Jurisprudenz je hervorzubringen vermag?" *
Ein heiteres romantisches Abenteuer erle’bte Schumann 1830 auf einem Maskenfeft in Heidelberg. Da tanzte er mit einem hübschen jungen Mädchen namens Henriette Hofmeister, das ihm ausnehmend gefiel und feine Zuneigung zu erwidern schien. Zu schüchtern, um seiner Tanzdame offen feine Gefühle zu gestehen, schrieb Schumann m einer Nische ein zartes kleines Liebesgedicht, das er ihr beim nächsten Tanz zuftecken wollte.
Doch als er nach der Maskenfreiheit auf sie zutrat und ihr den kleinen Zettel in die Hand drücken wollte, trat plötzlich eine würdige alte Dame zwischen die beiden, nahm das Gedicht und sagte mit tiefer Stimme: „Behalten Sie Ihr Papier, Maske, meine Tochter versteht keine Gedichte." Unverrichteter Sache ergriff Schumann die Flucht...
* •
* Während feiner ersten Jahre in Leipzig hatte sich um Robert Schumann eine fröhliche Gesellschaft zusammengefunden, Studenten und junge Künstler, die regelmäßig in einem Gasthaus zusammenkamen. Als sie eines Abends ihr Stammlokal verließen, waren sie auf dem Heimweg so vertieft in em Streitgespräch über künstlerische Fragen, daß Robert Schumann rief: „Kinder, es wäre schade, jetzt schon schlafen zu gehen. Wir wandern noch in Riedels Garten und plaudern weiter."
Trotz der vorgerückten Stunde waren die tyreunoe einverstanden und gingen zu dem Riedelschen Gartenlokal Doch als sie ankamen, war das Gittertor
Rom schenkt mir tausend Fische.
Von unserem römischen E.-Korrespondenien.
T u s f u l u m, im Juni.
Die Sache in ßittoria leuchtete mir ein. Die Malaria kommt von den Stechmücken, die Stechmücken kommen von den Larven, die Larven sind ein Leckerbissen für die Gambufie, ergo fressen die Fische die Malaria. Gambufie find nämlich kleine Fischlein, also ganz kleine, aber, wie der Zwerg Perkeo an Durst, an Freßlust riesengroß. Im Lexikon habe ich sie nicht finden können, auch im Kleinen Brehm waren sie gerade nicht da, der Duce behauptete jedoch, Rom hätte genug, um die Pontinischen Sümpfe zu sanieren. So fuhren wir in die Hauptstadt zurück, der Duce zufrieden in den Palazzo Venezia, ich erwartungsvoll zum Govematorato. Dort wies man mich an das öffentliche Gesundheitsamt.
Ich begehrte den Herrn Direktor zu sprechen. Signor Direttore, sagte ich, ich komme gerade aus den Pontinischen Sümpfen, Verzeihung, den Pontinischen Gefilden, meine Hochachtung, und ich möchte auch Gambufie haben. Ich habe auf meinem Tuskulum da draußen zwar nur einen Froschtümpel, aber daß man darin schwimmen kann, das muß sich bei den Anopheles herumgesprochen haben ...
In Tuskulum, lächelte der Direktor überlegen, gibt es keine Anopheles mehr, erst vorgestern wurden Frascati und Rocca di Papa als malariafrei erklärt, die diesbezüglichen Schutzgefetze sind also für diese Gemeinden, Ihr Tuskulum inbegriffen, aufgehoben.
Nun, das hatte ich gelesen. In den Reiseführern steht auch, daß die Anopheles am 28. Juni erst zu schwärmen anfangen, und nach der sonstigen öffentlichen Meinung steigen sie überhaupt nie höher als 300 Meter. Frascati liegt aber 350 Meter hoch, Rocca di Papa 700 Meter und das Tuskulum meines Vorbesitzers, des Herrn Juftizrats Cicero, dazwischen. Bis vorgestern mußten demnach die Anopheles ihre eigene Meinung gehabt haben, und was den 28. Juni anbelangt — wer will es ihnen verdenken, wenn sie schon vorher einen Pfingstaus- flug in die Castelli Romani machen? Ueberlegungen, die laut zu äußern wohl unhöflich gewesen wäre. So sagte ich nur, gewiß, ich hätte ja auch keine Angst, Mücken seien aber auf jeden Fall da und stechen, lieber Herr Direktor, stechen tun sie auch, ob es nun Anopheles sind oder bloß Schnaken. Vielleicht nähmen die berühmten Gambufie des Gover- natorato ausnahmsweise mit ganz ordinären Stechmückenlarven vorlieb, und dann wäre mein Zweck doch erreicht.
Das leuchtete nun wieder dem städtischen Gesundheitsamt ein, und anderntags kam ein ausgesucht ausgedientes Zockelpferdchen angezockelt, es zog mit
der Behutsamkeit des gereiften Alters ein Wägelchen, und auf dem Wägelchen stand ein großer Zinkbehälter, und zwei Mann saßen daneben, um ihn vor jeder Erschütterung zu bewahren. Die Malariafresser find recht empfindliche Dinger.
,;Eccoli — Ihre Gambufie! Rom schenkt Ihnen tausend Fische."
Es war eine rührende Familienszene.
Mit gebührender Feierlichkeit wurde der Behälter an den Tümpel gebracht und umgeftülpt. Na, diese Freude! Die Gambufie tollten herum, als wären sie ihrer südamerikanischen Heimat, es kann auch Mexiko sein, zurückgegeben worden, sie fühlten sich gleich zu Hause und stürzten sich wie ausgehungerte Tiger auf die kaulquappenartig herumschnellenden Larven. Anopheles oder Schnaken, habe ich's nicht gesagt, das war ihnen wurscht, drauf und schnapp, schnapp, schnapp!
Wenn es wahr ist, daß eine Schwalbe täglich das Doppelte ihres eigenen Gewichtes an Insekten frißt und doch dabei schlank bleibt, so müssen die ©am» bufie wahre Akrobaten in der Erhaltung der schlanken Linie sein. Sie bestehen, wohlgefällig betrachtet, eigentlich nur aus Bauch mit Steuervorrichtung und bunkern wie ein Kohlendampfer. Ihre zweite Tugend ist die, daß sie sich mit Leidenschaft an der battaglia demografica, der Bevölkerungsschlacht, beteiligen. Als ich mein Bedauern darüber ausdrückte, daß auf dem Transport doch eine Anzahl Fischchen eingegangen waren, weil sie sich wundgestoßen hatten, fuchtelte die Begleitmannschaft mit allen vier Armen und schöpfte, schöpfte mit zwanzig Fingern aus dem Vollen. Das hieß: Warten Sie nur, das gleicht sich bald aus!
Ich glaube, ich habe schon etwas gemerkt. Die Vollschlanken ziehen sich in eine stille Ecke zurück und benehmen sich paarweise.
Josaphat, der alte Winzer, zwinkert mit üen Augen und denkt an eine baldige zuppa alla mari- naia, eine Fischsuppe. Aber das gibt es nicht. Die Malariafische find für die Malaria da. Vabene, brummt er, dann gibt es halt nächstes Jahr in diesem Teich mehr Fische als Mücken und dann, Sie werden ja sehen, Signore, fressen sie sich selber auf. Wer hat denn je schan so etwas Gefräßiges gesehen?
$)m — wie wäre es, wenn ich den Uederschuß exportieren würde? In die Schnakengegenden nördlich der Alpen?
schon verschlossen, der Wirt bereits zur Ruhe gegangen. Da kletterten sie über das Gitter und setzten sich in eine der Lauben, um ihre Unterhaltung fortzusetzen. Nach einer Weile verschwand Schumann mit einem seiner Freunde unbemerkt. Als sie roieber» kamen, trugen sie ein Dutzend Flaschen edlen Rheinwein bei sich. Sie hatten den Weinkeller entdeckt, mit großem Geschick geöffnet und im Dunkeln die richtige Weinsorte erwischt. Bis in die tiefe Nacht plauderte und zechte die fröhliche Gesellschaft nun im Garten...
Am anderen Morgen wurde der Wirt benachrichtigt, und da feine nächtlichen Gäste ihre Rechnung prompt bezahlten, machte er gute Miene zum bösen Spiel.
1841 schrieb Schumann seine erste Symphonie, die bekannte 6-Dur-Symphonie. Der Anlaß dazu ging von dem Leipziger Dichter Adolf B ö 11 g e r aus. Böttger hatte ein schwermütiges kleines Gedicht „Der Geist der Wolke" geschrieben, das er in einem Wirtshaus dem Redakteur einer Leipziger Zeitschrift anbot. Doch der zeigte kein Interesse für die Verse. In seinem Aerger darüber rollte Böttger bas Manuskript zusammen, um es als Fidibus für feine Zigarre zu verwenden.
Ein Freund rettete das Gedicht vor diesem schmählichen Ende und las es einige Tage später Robert Schumann vor. Der behielt es bei sich, las es immer wieder und wieder und fand darin ausgedrückt, was feine Seele um diese Zeit erfüllte: Melancholie der Einsamkeit und Sehnsucht nach lichtvollem Glück. Das kleine Gedicht begeisterte den Komponisten zur symphonischen Tat — am 6. Dezember wurde seine 6-Dur-Symphonie im Gewandhaus aufgeführt. Nach dem großen Erfolge dieses Meisterwerkes sandte Schumann an Böttger em Bild mit den Anfangsbuchstaben der Symphonie als Dank und Gruß!
Im Jahre 1844 unternahm Robert Schumann mit seiner Gattin, der berühmten Klaviervirtuosin Klara Schumann, eine Kunstreise nach Rußland. In Petersburg spielte Klara Schumann vor dem Zarenpaar.
Als das Konzert beendet war, wurde Klara Schumann von den Majestäten mit Lob überschüttet. Im Verlauf des Gespräches stellte die Künstlerin auch ihren Mann vor. Die Zarin, die von Robert Schumanns Künstlerruhm offenbar noch nicht gehört hatte, betrachtete ihn von oben herab unb sagte: „Es muß doch schön für Sie fein, eine so große Künstlerin zur Gattin zu haben. Sind Sie auch musikalisch, Herr Schumann?"
„Ein wenig, Majestät", erwiderte Schumann bescheiden...


