besuche die Lehrgänge des Volksbildungswerks, die jedem das geben, wofür Interesse vorhanden ist. Der letzte Arbeitsabschnitt des Winterhalbjahres der Volksbildungsstätte beginnt in diesen Tagen. Anmeldungen zu den Lehrgängen werden an den örtlichen Stellen des Volksbildungswerkes entgegengenommen.
Ortsgruppe Gießen-Mitte.
Pfundsammlung.
Am Mittwoch, 9. Januar, wird im Bereich der Ortsgruppe Mitte die nächste Pfundsammlung durchgeführt. Wir bitten die Hausfrauen, die Spenden ab 9 Uhr bereitzuhalten und den Inhalt durch Aufschrift kenntlich zu machen.
Für jede Spende wird durch die Sammlerin eine Quittung erteilt.
Heil Hitler!
Amt für Volkswohlfahrt, Ortsgruppe Gießen-Mttte.
Amt für Dolkswohlfahrt, Ortsgruppe Gießen-Süd.
Die Pfundsammlung in der Ortsgruppe Gießen-Süd wird am Dienstag, 8. Januar, von der NS.-Frauenschaft durchgeführt. Die Hausfrauen werden gebeten, die Pakete bereitzustellen und auf den Umhüllungen Gewicht und Inhalt zu verzeichnen, da für jede Spende eine Quittung erteilt wird.
Jl(5£8v Kreis Gießen.
Fachschaft körperliche Erziehung. Bezirk Gießen.
Am Mittwoch, 9. Januar, Pflichtarbeitsgemein, schäft in der Turnhalle der Neuen Pestalozzi- schule in den Eichgärten. 15.30 bis 16.15 Uhr: Knabenturnen. 16.15 bis 17.15 Uhr: Leistungsturnen. 17.15 bis 18.15: Mädchenturnen.
Die nächste Zusammenkunft der Geländesportarbeitsgemeinschaft ist am 26. Januar 1935.
Mietänderungsanreigen
für die Einheitsbewegung 1935.
Das Reichsfinanzministerium teilt mit: Für die Zwecke der Einheitsbewertung 1935 hatten die Hausbesitzer im Oktober 1934 eine Hausliste bzw. eine Mietnachweisung auszufüllen, in der die einzelnen Mieter ihres Hauses und die Jahres-Rohmiete anzugeben waren. Da der Stichtag für die Bewertung der 1. Januar 1935 ist, müssen alle Aenderungen in den Bewertungsgrundlagen (z.B. in der Jahres-Roh- miete, in der Größe des Grundstückes infolge Teilverkaufs ober Zukaufs im Eigentum am Grundstück), die bis zum 1. Januar 1935 eingetreten sind, dem Finanzamt unverzüglich mitgeteilt werden. Diese Anzeigen sind an das Finanzamt zu richten, in dessen Bezirk der Grundbesitz gelegen ist. Soweit die Mitteielungen noch nicht gemacht sind, müssen sie unverzüglich nachgeholt werden. Die Abgabe der Erklärungen kann durch Ordnungsstrafen erzwungen werden.
Die Umsatzsteuer-Voranmeldungen.
Der Vorsteher des Finanzamts Gießen teilt uns mit:
Durch das neue Umsatzsteuergesetz ist die seither zur Abgabe der Umsatzsteuervoranmeldungen und zur Zahlung der Umsatzsteuervorauszahlungen bestehende Schonfrist von 7 Tagen in Wegfall gekommen. Dementsprechend haben sämtliche Umsatzsteuerpflichtigen bis spätestens 10. Januar 19 3 5 ihre Umsatzsteuervoranmeldung für den Monat Dezember 1934 bzw. die Vierteljahrszahler für das 4. Kalendervierteljahr 1934 abzugeben und gleichzeitig die entsprechende Umsatzsteueroorauszahlung zu leisten. Bei Abgabe der Umsatzsteuervoranmeldungen nach dem 10. Januar 1935 kann ein Zuschlag zur Steuer (bis zu 10 v. H.) festgesetzt werden. Erfolgt die Zahlung der Steuer nach dem 10. Januar 1935, so ist nach § 1 des Steuersäumnisgesetzes ein Säumniszuschlag in Höhe von 2 v. H. der Steuer verwirkt. Außerdem werden die säumigen Steuerzahler, die es im Jahre 1935 hinsichtlich einer Zahlung oder Vorauszahlung zu einer
zweitmaligen Mahnung kommen lassen, in die im Frühjahr 1936 zu jedermanns Einsicht offengelegten Listen der säumigen Steuerzahler eingetragen.
Die bereits durchgeführte bzw. noch beabsichtigte Milderung der Steuerlast verpflichtet auch jeden Volksgenossen. Der nationalsozialistische Staat fordert von jedem einzelnen, daß er restlos seine staats- bürgerliche Pflicht erfüllt und so alles daran setzt, den großen Gedanken der Volksgemeinschaft in die Tat. umzusetzen. Hierzu zählt vor allen Dingen Ehrlichkeit bei Abgabe von Steuererklärungen und Pünktlichkeit in der Erfüllung der steuerlichen Verpflichtung. Das höchste Recht ist, als dienendes Glied der Gesamtheit seine Pflichten zu erfüllen zum Wohle des Staates.
vornokizen.
— Tageskalender für Montag: Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die beiden Seehunde".
— Der Kneipp-Bund e. V., Ortsgruppe Gießen, veranstaltet am Dienstag, 8. Januar, im „Bayerischen Hof" einen Vortrag mit praktischen Vorführungen. (Siehe heutige Anzeige!)
*
** Der Präsident des Oberlandesgerichts Darmstadt tritt in den Ruhe- st a nd. Mit Wirkung vom 1. Februar ab tritt der Präsident des Oberlandesgerichts zu Darmstadt, Adolf Müller, auf Grund des Gesetzes über die
Altersgrenze der Staatsbeamten in den Ruhestand. Durch Urkunde des Herrn Reichsstatthalters in Hessen wurde ihm die vollste Anerkennung seiner dem Staat geleisteten langjährigen treuen Dienste ausgesprochen.
ORunbfunfprogramm
Dienstag, 8. Januar:
6 Uhr: Bauernfunk. 6.15: Gymnastik I. 6.30: Gymnastik II. 6.45: Frühmeldungen. 6.55: Morgenspruch — Choral. Frühkonzert. 8.15 bis 8.30: Gymnastik. 10: Nachrichten. 10.45: Praktische Ratschläge für Küche und Haus. 11.45: Sozialdienst. 12: Mittagskonzert I. 13: Saardienst, Nachrichten. 13.15: Mittagskonzert II. 14.15: Nachrichten. 14.30: Wirtschaftsbericht. 15: Nachrichten. 15.15: Für die Frau. 16: Doppel-Konzert. In der Pause: Kunstbericht der Woche. 18: Italienischer Sprachunterricht. 18.15? Aus Wirtschaft und Arbeit. Kurzbericht aus dem Reich und von der Saar. 18.30: Vom Bund nationalsozialistischer deutscher Juristen: Das neue Zivilprozeßrecht. Ein Gericht. 18.50: Der Bettelstudent. Kurzoperette 19.40: „Glocken klingen über der Saar". Hörspiel. 20: Nachrichten. 20.15: Stunde der Nation. „Volk will zu Volk". Ein Spiel von deutscher Gemeinschaft. 21: Konzert. 22: Nachrichten. 22.15: Nachrichten aus dem Sendebezirk. 22.30: Unterhaltungskonzert des Kleinen Funkorchesters.
Achtung Gaarabstimmungsberechtigte aus Gießen und Umgebung!
Sehr wichtig! Erscheinen unbedingt erforderlich!
Der Saaroerein, Ortsgruppe Gießen, hält am Mittwoch, 9. Januar 1935, 20 Uhr, im Restaurant und Laf6 „V ü rgerh o f“, Gießen, Plockftrahe 5, seine letzte Mitgliederversammlung vor der Abstimmung ab, bei der sämtliche Fragen des Transports und des Abstimmungsvorganges ausführlich besprochen werden. Insbesondere findet auch die Ausgabe der Fahrkarten statt.
Erscheinen sämtlicher Abstimmungsberechtigten aus Gießen und möglich st auch der Umgebung ist unerläßlich!
Saar-Sonderzüge passieren den Gießener Bahnhof.
Zur Beförderung der Saar-Abstimmungsberechtigten aus dem Reiche nach dem Saargebiet passieren folgende Sonderzüge den Bahnhof Gießen auf der
Hinfahrt:
In der kommenden Nacht zum Dienstag der Sonderzug mit den Saardeutschen aus lieber« fee von Berlin über Kassel, Gießen, Frankfurt, Kaiserslautern nach dem Saargebiet. An Gießen 3.19 Uhr, ab Gießen 3.22 Uhr.
In der Nacht zum 11. Januar Sonderzug von Magdeburg über Gießen, Wetzlar, Koblenz nach Neunkirchen, an Gießen 3.45 Uhr, ab Tietz e n 3.56 Uhr.
In der Nacht zum 12. Januar Sonderzug von Berlin über Gießen, Wetzlar, Koblenz nach Saarlouis, an Gießen 3.04 Uhr, ab Gießen 3.16 Uhr;
ein weiterer Sonderzug von Berlin über Gießen, Frankfurt nach Saarbrücken, an Gießen 3.19 Uhr, ab Gießen 3.22 Uhr;
ein dritter Sonderzug von Berlin über Gießen Frankfurt nach Saarbrücken, an Gießen 3.33 Uhr, ab Gießen 3.35 Uhr;
außerdem fährt von Gießen aus der Sonderzug Nr. 15 am 12. Januar ab Gießen 8.47 Uhr, ab Wetzlar 9.04 Uhr usw., an Neunkirchen 17.07 Uhr.
Die Rückfahrt:
Der Gießener Sonderzug fährt am 14. Januar 15.13 Uhr in Neunkirchen ab, kommt um 23.15 Uhr in Wetzlar an und trifft um 23.30 Uhr in Gießen ein.
Am 15. Januar passieren den Bahnhof Gießen folgende Züge:
Auf der Fahrt von Saarbrücken über Frankfurt, Gießen n^ch Berlin, an Gießen 3.19 Uhr, ab Gießen 3.22 Uhr, an Gießen 3.44 Uhr, ab Gießen 3.46 Uhr;
von Saarlouis über Koblenz, Gießen nach Berlin an Gießen 2.22 Uhr, ab Gießen 2.32 Uhr;
von Neunkirchen über Koblenz, Gießen nach Magdeburg, an Gießen 2.33 Uhr, ab Gießen 2.43 Uhr.
Eaar-Abstimmungsausweis nicht aus -er Hand geben!
Zur Warnung für die Saar-Abstimmungsberechtigten im Reiche teilt die Geschäftsstelle „Saar-Verein" Berlin folgendes mit: In der Wohnung eines Transportleiters für die Saarabstimmungs- fonderzüge erschien eine unbekannte, angeblich abstimmungsberechtigte Person, die, während der Transportleiter abwesend war, von dessen Ehefrau die Herausgabe aller Abstimmungs-
unterlagen verlangte unter Berufung auf bett Ortsgruppenleiter, der die Herausgabe angeordnet habe. Als die Aushändigung verweigert wurde, erging sich die Person nach Vorzeigung eines Passes in allerlei Drohungen. Offenbar sind Kräfte am Werk, die Organe, die mit der^ Vorbereitung für die Saarabstimmungssonderzüge aus dem Reich betraut sind, lahmzulegen. Es ist daher größte V o r s l ch t geboten. Alle abstimmungsberechtigten Personen werden immer wieder ersucht, ihren A b • stimmungsausweis unter keinen Umständen aus der Hand zu geben.
Oer Fahrplan
des Gießener Gonderznges.
Der Sonderzug Nr. 15, der von Gießen am Samstag, 12. Januar, abfährt, die Abstimmungsberechtigten aus dem Lahntal aufnimmt und 2N o n t a g, 1 4. I a n u a r, z u r ü ck g e l e i t e l wird, hat folgenden Fahrplan:
Hinfahrt Rückfahrt
am!2. Januar: am 14. Januar:
8.47
ab
Gießen
an
23.30
9.04
ff
Wetzlar
ab
23.15
9.16
ff
Braunfels
ff
23.00
9.22
ff
Stockhausen
ff
22.53
9.34
ff
Weilburg
ff
22.43
10.05
ff
Limburg usw.
M
22.04
11.19
ff
Koblenz (Hbf.) ufw.
M
20.33
13.42
ff
Trier (Hbf.)
et
18.26
14.54
ff
Mettlach
ff
17.12
15.06
ff
Merzig
ff
17.01
15.16
ff
Bedingen
ff
16.50
15.25
ff
Dillingen
ff
16.41
15.33
ff
$ larlouis
ff
16.33
15.43
ff
B o u s
ff
16.22
15.53
ff
Völklingen
ff
16.14
16.09
ff
Saarbr.-Burb.
ff
16.02
16.14
an
Saarbrücken (Hbf.)
ff
15.56
16.21
ab
Saarbrücken (Hbf.)
an
15.49
16.31
ff
Dudweiler
ab
15.42
16.41
ee
Sulzbach
ff
15.36
16.54
ff
Friedrichstal
ff
15.30
17.07
an
Neunkirchen
ab
15.13
DieAussteigebahnhöfe im Saargebiet sind gesperrt gesetzt.
Die Fahrkarten werden jedem Abstimmungsberechtigten rechtzeitig bereits in die Wohnung zu- gestellt werden.
Dor allem sei auch an dieser Stelle nochmals darauf hingewiesen, daß keiner ohne seinen Abstimmungsausweis und gültigen Paß zur Abstimmung zugelassen wird! Es darf keiner auch nur eine dieser unerläßlichen Urkunden vergessen, da sonst seine Stimme verloren ist!
Gießener Bekenntnis zur deutschen Gaar.
Die große Saarkundgebung im Berliner Sport». Palast am gestrigen Sonntagabend, bei der der Stellvertreter des Führers Reichsminister Rudolf Heß sprach, wurde in unserer Stadt in einem Ge- meinschaftsempfang im vollbesetzten Saale bes Caf6 Leib mit großer Aufmerksamkeit angehört. Die Rede des Stellvertreters des Führers, die oft von starken Beifallsstürmen unterbrochen wurde, machte auch auf die Gießener Zuhörer unverkennbar «inen starken Eindruck. Am Schluffe der Rede stimmte die große Gießener Versammlung freudig in die Berliner Huldigung für den Führer und Reichskanzler und für die deutsche Saar ein. Gemeinsam wurde als Bekenntnis zur «deutschen Saar das Saarlied gesungen.
Kreispropagandaleiter Schmelz sprach dann ein kurzes Schlußwort. Er betonte, daß der jetzige
Was soll ich denn mit einem Auto?
ROMAN VON KÄTHE METZNER.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.).
1. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
„Guten Morgen! Bitte, meine Damen, bemühen Sie sich alle einmal nebenan und legen Sie Hüte und Mäntel ab. Wir wollen gleich einmal sehen. Na — Sie wissen ja! Eine können wir leider nur gebrauchen. Aber den anderen Bewerberinnen möchte ich jetzt schon für ihre Bemühungen danken. Vielleicht ein anderes Mal wieder."
Die Worte kamen flüssig und unverbindlich freundlich. Es schien, als ob der Mann gewöhnt sei, daß ihm niemals jemand widersprach und sein Urteil in allen Dingen unumstößlich sei.
Mit klopfendem Herzen legte Gerlinde Steinbrück gleich den anderen Hut und Mantel ab und sah mit scheuem Blick an ihrem einfachen blauen Sportkleid herab.
Doch während die anderen schnell vor dem Spiegel noch einmal mit der Puderquaste über das Gesicht fuhren oder hier an den Locken und Löckchen herumzupften, fuhr Gerlinde nur mit dem kleinen Taschenkamm einmal glättend über das weiche, dichte Blondhaar. Das war alles, was sie tat, um ihr Aussehen zu verschönen.
„So — fertig?" ertönte die dunkle, befehlsgewohnte Männerstimme. „Dann wollen Sie bitte einmal der Reihe nach antreten!"
Die Mädchen stellten sich nebeneinander auf. Keine sah jetzt mehr nach der anderen. Jede war mit sich beschäftigt und darauf bedacht, sich vor den Mitbewerberinnen zur Geltung zu bringen.
„Bitte, treten Sie einmal vor, Fräulein, und gehen Sie ein paar Schritte dort auf dem Läufer hin und her, als ob Sie eben vorführen sollten. Aber Sie wissen ja Bescheid!"
Die Dame, die während der ganzen Zeit in ihrer lebhaften Art mit dem Herrn gesprochen hatte, machte zu der ersten in der Reihe eine auffordernde Bewegung.
Gerlinde blieb fast vor Schreck der Atem weg. Das sollte sie auch machen, sich eventuell ebenso geziert hin und her bewegen?
Dem Mädchen wurde ein kostbarer Weißfuchs über die Schulter gelegt, und wieder schritt sie hin und her, drehte sich nach allen Seiten...
Eine nach der anderen kam an die Reihe. Jetzt Gerlinde, deren Pulse wahnsinnig hämmerten vor Angst. Als sie vortrat, wechselten der Herr und die Dame einen raschen Blick.
Nanu, das ist ja ganz was Apartes. Wo kommt denn die her?, sagte dieser Blick.
Gerlinde aber erging es eigentümlich. Wie weggeblasen war plötzlich alle Angst. Hatte sie vorhin A gesagt, mußte sie jetzt auch B sagen. Gut, mochte sie sich denn auch ungeschickt anstellen, mochten die anderen über sie lächeln! Sie sah diese Mädchen und das alles hier ja doch niemals wieder.
Dem Beispiel der anderen folgend, schritt sie auf dem weichen Läufer hin und her.
Gleißend lag das helle Licht der großen elektrischen Lampen auf ihrem silberblonden Haar. Alle Schwere war aus Gerlindes Füßen gewichen. Sie dachte an nichts mehr in diesem Augenblick, da so viele staunende Augenpaare an ihrer biegsamen Gestalt hingen.
Dann wurde auch um ihre Schultern der herrliche Weißfuchs gelegt.
Warum lächelte keiner? Warum sah keiner mehr das dünne, billige Sportkleidchen, die ärmlichen, dünnen Schuhe?
War dies Mädchen gekommen, sich als Mannequin zu bewerben?
Wie sie dahinschritt ... Das waren nicht wie bei vielen ihrer Vorgängerinnen die Bewegungen einer aufgezogenen Puppe. Das waren Haltung und Geste einer jungen Dame aus der allerersten Gesellschaft. Von so natürlichem Adel war die Haltung des feinen Körpers, so selbstverständlich jede ihrer Bewegungen ...
Wieder wechselte der Propagandachef mit der ersten Direktrice einen überraschten Blick. Dann hob er die Hand.
„Es ist genug."
Jäh hielt Gerlinde Steinbrück im Schreiten inne. Ihre lichtgrauen Augen, die von dunklen Wimpern dicht umsäumt waren, hefteten sich beinah bestürzt auf den Mann vor ihr. Ihr selber aber war es zumute, als ob sie eben aus einem hellen, freundlichen Traum erwacht fei.
„In welchem Haufe waren Sie bisher tätig, Fräulein?"
Wie ein Donnerfchlag traf diese Frage Gerlinde. Warum fragte der Herr gerade sie, nachdem er alle anderen stillschweigend hatte passieren lassen? Wieder bereute sie ihren voreiligen Schritt, der sie in solche Situationen getrieben hatte.
„Verzeihung — ich wußte nicht... Ich dachte — ein Versuch", sagte sie endlich ziemlich hilflos.
Doch zum ersten Male huschte über das Gesicht des Propagandachefs ein nachsichtiges Lächeln, und auch die Direktrice schaute Gerlinde' mit freundlichen Augen an.
„Also, Sie waren noch nicht Mannequin?", half die Dame freundlich nach.
Gerlinde nickte erleichtert.
Inzwischen aber hatte sich der Herr schon an die anderen gewandt.
„Also nochmals vielen Dank, meine Damen. Doch es ist nicht nötig, daß wir noch alle drannehmen. Meine Wahl ist bereits erfolgt."
Fast schien es, als hätten die anderen das schon erwartet. Zwar streifte noch mancher neidvolle Blick das hübsche Mädchen, doch dann zeigten die Gesichter wieder Gleichgültigkeit. Das waren sie gewöhnt. Heute war es Die, morgen eine andere. Wer gerade das Glück hatte. Nur, daß es diesmal offensichtlich keine „vom Bau" war, wurmte etwas. Warum mußte eine Fremde ins Handwerk pfuschen? Sie vergaßen anscheinend, daß sie alle einmal angefangen hatten.
Doch während Gerlinde noch nicht begriffen fjatte, daß sie von allen die Auserwählte war, und ebenfalls nach ihrem Mantel griff, nahm der Propagandachef ihr lächelnd den Arm herab:
„Aber liebes Fräulein.., Wollen Sie etwa schon ausreißen? Ich denke, wir müssen Sie noch ein Weilchen hierbehalten, nachdem wir uns für Sie entschieden haben. Ach bitte, Fräulein Scholz, ich habe nun keine Zeit mehr. Nehmen Sie die junge Dame in Ihre Obhut! Ich glaube, wir haben diesmal einen selten glücklichen Griff gemacht."
Kurz nickte er Gerlinde noch einmal zu, dann entfernte sich der vielbeschäftigte Mann mit hastigen Schritten.
„Haben Sie Ihre Papiere bei sich, Fräulein?"
Schon wieder eine Frage, der sich Gerlinde nicht gewachsen fühlte.
„Nein... Leider habe ich keine Papiere. Ich war noch nicht in einer Stellung."
„So... Dann wollen Sie mir bitte Ihren Namen sagen, Ihre Adresse und Geburtsdaten."
Gerlinde kam eifrig dieser Aufforderung nach.
Doch Fräulein Scholz hob beinah ruckartig den Kopf und starrte Gerlinde sekundenlang an, als ob sie eine Erscheinung aus einer anderen Welt sei.
„Steinbrück--Steinbrück?"
Mehr zu sich selber als zu dem jungen Mädchen sprach sie den Namen, während ihre Gedanken suchend Jahrzehnte zurückeilten.
Dann aber schien sie ihrer Sache schon völlig gewiß zu sein. Noch einmal glitt ihr Blick prüfend über Gerlindes Gesicht, dann sagte sie:
„Sie sind die Tochter des Bildhauers Steinbrück. Ihre Mutter ist eine geborene von Nyssen..."
Mit solcher Schnelligkett und Bestimmtheit kamen die Worte, daß Gerlinde Steinbrück für den Moment fast vergaß, wo sie sich befand, sondern eher ge- glaubt hätte, einer Hellseherin gegenüberzusitzen.
„Ja...", sagte sie endlich und hatte sich noch immer nicht von ihrer Verblüffung erholt.
Der Ausdruck in dem Gesicht von Fräulein Scholz aber hatte sich jäh gewandelt. Beinah ehrfürchtig und doch wieder wie in aufquellendem Mitleid strich die ältliche Dame in ihrer lebhaften Art Gerlinde mehrmals über die Wange. Dann sagte sie mit fast verklärtem Gesicht:
„Sie also sind die Tochter der schönen Komtesse von Nyssen. Armes, armes Kind... Ihre Mutter war vor zwei Jahrzehnten eine unserer besten Kundinnen — bis — ja, bis — ganz Berlin war
ja damals voll davon. So ein Skandal in der ersten Gesellschaft... Na, er hat es ja dann auch schnell büßen müssen... Nur die arme, verwöhnte Frau! Wie hat sie sich denn in das einfache Leben gefunden? Und der Großvater? Er ist noch immer unversöhnt?"
Aus Gerlindes Gesicht war jeder Blutstropfen gewichen. Halt suchend griff sie nach der Wand, während ihre Augen hilflos an Fräulein Scholz hinaen, die sich jäh unterbrach.
„Ach, es ist doch wohl ein Irrtum", sagte Gerlinde endlich. „Das mit dem Namen stimmt ja. Aber das andere — davon hat meine Mutter uns nie erzählt."
Jetzt begriff Fräulein Scholz und bereute bitter ihre Voreiligkeit. Frau Steinbrück, vormals Komtesse von Nysfen, hatte ihrem Kinde ihr trauriges Schicksal verschwiegen!
Und sie hatte alles ausgeplauscht! Fräulein Scholz war kaum jemals wütender auf sich gewesen als in dieser Stunde. Aber nichts hals, auch nicht, daß sie sich eine alte, schwatzhafte Elster nannte. Die Worte waren gefallen, und das arme junge Mädchen würde mit einem Male anfangen zu fragen und zu grübeln. Und daran war sie schuld! Sie, die alte, Dumme Scholz.
„Ach freilich, entschuldigen Sie, liebes Fräulein. Es ist gewiß ein Irrtum von mir gewesen. Ach, es geht einem ein bißchen viel durcheinander. So viel Kundinnen... Denken Sie doch, dreißig Jahre bin ich schon in diesem Hause. Vor fünf Jahren habe ich hier ein Jubiläum gefeiert. Ach, was glauben Sie, Kindchen, wie man da die alte Scholz bebadjt hat! Der Chef selber hat mir einen Extraurlaub und tausend Mark zu einer Jtalienreise gegeben... Und die Blumen, ach, die Blumen... So habe ich denn in meinen Jahren noch das Land gesehen, wo die Zitronen blühen und die Myrte und der Lorbeer, wie es in dem schönen Liede heißt."
Gerlinde kam aus dem Staunen nicht heraus, und doch regte sich eine leise Freude in ihr. Die alte Dame schien wirklich sehr freundlich und gutmütig zu sein. Nur ein bißchen geschwätzig. Aber ihr mußte das auffallen, weil die Mutter daheim immer so still und bedrückt war.
Fräulein Scholz aber wurde es etwas freier. Sie hatte mit Mühe das Gespräch auf ein ganz anderes Thema gelenkt und hatte alle Diplomatie aufgewendet, um die Wirkung ihrer ersten Worte zu verwischen.
Und wirklich.
„Ja, es muß gewiß ein Irrtum gewesen fein. Denn ich habe ja aar keinen Großvater mehr. Der ist schon lange tot , lächelte Gerlinde jetzt.
Fräulein Scholz hütete sich wohlweislich, sich noch einmal auf dieses verfängliche Thema einzulassen. Aber still für sich war sie sich der Schärfe ihres Gedächtnisses vollkommen sicher.
(Fortsetzung folgt!)


