Nr. 260 viertes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzelger für Gberheffenj
Mittwoch, u.iiootiiwer (935
Mit dem „Olympia-Flugzeug" über Athen und Marathon.
Von unserem ständigen C.R.-Berichterstatter.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Athen, Ende Oktober 1935.
Surren in der Luft! Am blauen griechischen Himmel zeichnet sich das „Olympia-Flugzeug" der Lufthansa ab, das auf seinem ersten Flug sozusagen in seine „Heimat" fliegt. Aus der Höhe und Ferne, aus der es kaum mit bloßem Auge sichtbar war, hat es sich zu einem stählernen Riesenvogel entwickelt, der seine Kräfte zügelt, um sich vor uns niederzusetzen.
Tatoi: der Flugplatz von Athen. „Tatoi" klingt fast wie ein mongolisch-chinesisch-tartarischer Name. Und doch ist Tatoi wie ein kleiner griechischer Ort, der die Flugverbindung von Europa nach Asien. Australien und Afrika unterhält, etwa eine halbe Stunde von Athen entfernt und an einer schönen baumbepflanzten Automobilstraße gelegen. Eigentlich sollte er „Dekeleia" heißen, und in den grünen Bergen, die vom Flugplatz heruntergrüßen, lag einst eine Feste, die Athen vor Einfällen schützen und die Zufuhr des Getreides aus der Kornkammer Athens, aus Euböa, sichern sollte. Im Pelo- vonnesischen Kriege wurde die ganze Gegend von Den Spartanern verwüstet — wo heute die Flugzeuge landen, erfüllte einst wildes, spartanisches Schwertgeklirr diese attischen Gefilde.
Heute steht das „Olympiaflugzeug" mit der wehenden Reichs- und der Olympiaflagge vor uns. Langsam erhebt sich die Maschine in die Lüfte, immer höher geht es im glatten Fluge aufwärts. Unter uns grüne Felder und Bäume. Schon kamen die ersten Häuser der Vororte Athens in Sicht, dann ist die weiße Stadt unter uns, fast blenden die hellen Farben der Häuser im Sonnenschein. Die Straßen sind wie mit dem Messer ausgeschnitten, so glatt und rechteckig, so abgezirkelt ziehen sie sich von den Abhängen herab in die Ebene. Plätze werden sichtbar, und dunkle Pünktchen zeigen Menschen an, von denen manche sicherlich jetzt zu uns hinaufschauen. Die Straßenbahnen sieht man auf ihren Geleisen hinrollen, so klein und winzig, daß wir glauben, sie in unsere Taschen stecken zu können.
Plötzlich recken sich alle Fluggäste. Sogar unser ältester Fluggast, der Konservator der Akropolis, Herr B a l a o n o s, hat sich erhoben und blickt in die Tiefe. Das Flugzeug hat sich etwas seitlich geneigt und beschreibt einen Kreis. Da unten, ganz eigenartig und ganz anders, als mir es gewöhnt sind, liegen die Bauwerke der Antike: das These i o n und die Akropolis. Ein unvergleichlicher Anblick!
Aus dem Häusergewirr erhebt sich der Fels, der die stille Sehnsucht so vieler Volksgenossen in der Heimat fein mag, die sich mit Griechenland und seiner Geschichte befassen. Die Akropolis, uns allen bekannt und doch so ganz anders. In ein schönes Modell scheint die Ruine verwandelt. — Und auch hier — aus dieser Höhe — muß man staunen, mit welchem Geschick die alten Künstler dieses kleine Fleckchen Erde zu bebauen wußten. Als sei das Bauwerk aus dem Felsen gewachsen, sei es eins mit ihm und aus einem Stein!
Wir nehmen Kurs auf Piräus. Jedes Kinderherz würde vor Vergnügen hüpfen, wenn es so viele kleine Schiffchen und winzig erscheinende Dampfer sehen könnte. Man glaubt ein Gulliver zu sein, glaubt nur in diese Fluten da unten in die Tiefe hineinzusteigen zu brauchen, um all die kleinen Kähne mit einem Bindfaden aus dem Hafen Piräus hinausziehen zu können. Dann geht das Olympia-Flugzeug über den Wassern des Saroni- schen Meerbusens, ich glaube auf 30 Meter, nieder. Alt-Phaleron (drüben sehe ich sogar mein kleines Häuschen) und der Badeort Glyfahda liegen fast in gleicher Höhe mit uns. Die in gleicher Richtung mit uns fahrenden Automobile auf der Uferstraße können es mit uns nicht aufnehmen, sie bleiben zurück. Dann aber steigen wir wieder
hoch, an den westlichen Abhängen des Hymettus entlang geht es über Athen zurück, hinaus nach den Vorstädten Kephissia, Ekali und weiter über Felder und Weiden, über den künstlichen Stau-See von Marathon hinweg, der mit seinen vielen Buchten und Einschnitten sowie durch sein klares Wasser und vor allen Dingen durch den großen, aus pentelischem Marmor ausgeführten Staudamm das Entzücken der fliegenden Beschauer erweckt. Es ist der einzige Staudamm der Welt, der aus reinem Marmor gebaut wurde! Und nun durch eine Schlucht hinab nach dem wirklichen Marathon, auf das Schlachtfeld der Verteidiger
Nach Beendigung der Wettkampfsaison hat die Leitung der Leichtathletikabteilung des VfB.-Reichs- bahn die Bilanz gezogen. Es kann abermals ein gewaltiger Aufstieg auf der ganzen Linie festgestellt werden. Den Leichtathleten des VfB.-R. glückte auch 1935 eine bedeutende Steigerung ihrer Leistungen. Das Zählen der Erfolge gilt nun lediglich als Aufschluß über die geleistete Arbeit. Wer heute Erfolge erringen will, muß seinen Körper gut durchgebildet haben und ein ganzer Kerl fein. Nicht die rohe Muskelkraft bringt die Siege allein, sondern auch der Geist und der Schneid, den einer entfalten kann. Das Training des Wettkampfsportlers ist hart. Hohe sittliche Werte vermittelt unbewußt das harte Leistungstraining. Deshalb ist der VfB.- Reichsbahn stolz darauf, eine Siegeszahl nennen zu können, die dem Leiter Herrn W. Rinn, dem Trainer R. Fischer und den gesamten Aktiven das beste Zeugnis ausstellt.
Es wurden errungen auf fast nur großen Veranstaltungen:
151 erste Siege
125 zweite Siege
130 dritte Siege
insgesamt 406 Siege
Erwähnenswert ist, daß die Zahl der ersten Siege überragt. Es ist die bis jetzt höchste Siegeszahl, die jemals im VfB.-Reichsbahn errungen wurde. Auf 35 Veranstaltungen wurde gestartet. Das stellt ebenfalls eine neue Höchstleistung dar. Um den Gedanken der Körperschulung in breitere Kreise zu tragen, wurden eine Frauenabteilung und eine Alte-Herren-Abteilung gegründet und die Jugendabteilung stark gefördert. Auf eigenem Platz wurde ein aus allen Teilen des Reiches beschicktes Nationales Jugendsportfest abgehalten. Das große Bezirksfest der Reichsarbeitsgemeinschaft Deutscher Reichs- bahnvereine wurde ausgerichtet. Ferner die Jugendkreismeisterschaften und ein Klubkampf gegen TG. Friedberg. Der Kampfrichterstab hat sich bewährt. Reibungslos wurden die Feste durchgeführt.
Bei den Aktiven erfreut besonders das Durchbringen L u h s in die Deutsche Extraklasse. Seine Starts in Budapest, Berlin, Kassel und Frankfurt sind noch in bester Erinnerung. Er trug so den Namen des VfB.-Reichsbahn weit über Die Grenzen unseres Heimatbezirkes. Sein größter Erfolg ist die Aufnahme in die Olympia-Kernmannschaft. Nachstehend einige Bestleistungen der Aktiven:
Griechenlands! Eine ebenfalls herrliche Landschaft: Land, Meer und Gebirge. Hier nahm das geschichtliche Ereignis seinen Lauf, das die Macht der Perser brechen sollte. Unter uns liegt der Soros, der Grabhügel Der Athener. Wir grüßen die heilige Stätte der Griechen durch eine besonders gelungene Schleife und umkreisen den Hügel das schlichte Denkmal der Toten jener denkwürdigen Schlacht.
Kurz nur war der Flug, aber er war ein großes Ereignis. Antike und Meer und griechisches Land unter uns, von Athen bis Akrokorinth blickte das Auge, über Marathon schwebte der Olympia- oogel, ein lebendiger Gegensatz der Vergangenheit und der Gegenwart. Griechische KünsCund deutsche Technik standen sich bewundernd gegenüber. Und nicht nur an Gegenwart und Vergangenheit erinnerte dieser Flug. Nein, mehr: er schenkte uns auch einen verheißungsvollen Blick in die Zukunft, einen unerschütterlichen Glauben an die Zukunft zweier unsterblichen Völker, an Hellas und Deutschland!
Otto L u h : Kugelstoßen 14,78 Meter, Diskuswerfen 40,03 Meter; Erwin Jakob: Speerwerfen 53,70 Meter; Georg Pieh: Speerwerfen 50,60 Meter; Werner Langenohl: Hochsprung 1,72 Meter.
100 Meter: R. Fischer 11,5 Sek.; W. Siegmund und E. Jakob 11,7 Sek. 400: Meter: R. Fischer 54,1 Sek.; 1500 Meter: Theo Weber 4,15 Min.; 800 Meter: Karl Pfaff 2,10 Min. Die 4-mal-100- Meter-Staffel konnte ihre Leistung nicht steigern. Sie lief als Bestzeit 46.1 Sek.
Wohl den größten Aufstieg hat die Jugend und Schülerabteilung zu verzeichnen. Sie vollbrachte erstaunliche Leistungen. Die Jugendlichen waren aber auch mit großem Eifer bei der Sache. Einige Bestleistungen der Jugendlichen und Schüler verdienen hier genannt zu werden:
^.-Jugend: 100 Meter: Heinz Huppert und Helmut Möll je 11.7 Sek.; 200 Meter: Heinz Huppert 25.1 Sek., Helmut Möll 24.6 Sek.; 400 Meter: Hellmuth Möll 57 Sek.; Helmut Möll erzielte ferner im Hochsprung 1,58 Meter; im Weitsprung 5,73 Meter und im Dreisprung 11,79 Meter; Kugelstoßen: Kurt Nies 11,56 Meter; Diskuswerfen: Kurt Nies 33,60 Meter.
6 - I u g e n d : 100 Meter: Egon Kley 11.7 Sek., Günther Schmidt 12 Sek.; 800 Meter: Horst Möll 2.17 Min.; 1500 Meter: Horst Möll 4.35 Min.; Hochfprung: Egon Kley 1,55 Meter, Günther Schmidt 1,55 Meter; Weiterung: Egon Kley 6,01 Meter; Kugelstoßen: Egon Kley 13,10 Meter; Speerwerfen: Egon Kley 44,50 Meter.
E-Jugend: 100 Meter: Mootz, 12,9 Sekunden; Hochfprung: Schwarz, 1,41 Meter; Kugelstoßen: Schieferstein, 10 Meter; Weitfprung: 'Mootz, 4,90 Meter; Diskuswerfen: Büdenbender, 26,83 Meter; Ballweitwerfen: Schwarz, 69,35 Meter. Die E-Jugend blieb in der 4X100-Meter- Staffel mit der Aufstellung Mootz, Oßwald, Büdenbender, Schwarz, unbesiegt.
O-Jugend (Schüler): Auch die Kleinsten waren sehr eifrig und siegten oft. Manche Leistungen waren sehr gut.
Frauen.
Die Frauenabteilung machte ebenfalls Fortschritte. Die Leistungen konnten nicht überall gesteiegert werden. Die Frauenleistungen müssen noch besser werden. 100 Meter: Elfriede Schmidt und Elfriede Fischer, je 13,8 Sekunden; 200 Meter: Elfriede Schmidt, 31,7 Sek., Weber 32,8 Sek.; Hochsprung: Elfriede Fischer, 1,35 Meter, Gustel Luh
1,31, Hilde Dapper 1,28 Meter. Die 4X100-Meter- Staffel der Frauen lief recht gut.
Zusammenfassend kann gesagt werden, daß beim VfB.-R. eine hervorragende Pflegestätte für Leicht» athletik entstanden ist. Die geleistete Arbeit geschieht zum Nutzen unseres Vaterlandes.
Das Hallentraining hat bereits begonnen. Beim DfB.-R. sieht man der kommenden Saison mit Ruhe entgegen.
Ergehn sse her Kreiskiassenspiele
1. Kreis kl ässe: Rodheim — Heuchelheim 1:1; 1900 II — VfB.-R II 1:1; Bisfenberg II — Philipp» stein 3:0; Steindorf — Burgsolms 3:2; Werdors — Hermannstein 7:0; Ulm — Äßlar 0 0.
2. Kreis klasse: VfB.-R. III — Steinberg II 2:0; Steinbach — Grüningen 7:1; Garbenteich — 1900 III 1:3; Allendorf — Großen-Linden 4:3; Launsbach — Rodheim II 3:0; Fellingshausen — Heuchelheim II 4:3; Saubringen — Rüddingshausen 6:3; Flensungen — Treis 0:0; Geilshausen — Gro- ßen-Vuseck II 2:3; Londorf — Lollar III 6:3; Staufenberg — Lollar II 1:11; Waldgirmes — Niedergirmes II 0:8; Naunheim II — Spfr. Wetzlar III 10:0 Punkte.
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Rodheim I — Heuchelheim I 1:1 (1:0).
Heuchelheim hatte feine stärkste Vertretung nach Rodheim geschickt. Die Einheimischen ließen sich aber nicht beirren und kämpften bis zur letzten Minute. Was Heuchelheim an Technik voraus hatte, ergänzte Rodheim durch großen Eifer. Es entwickelte sich ein flottes Spiel, bei dem die Einheimischen vorerst gefährlicher waren. In dieser Drangperiode konnte der Halbrechte aus einem Strafstoß den einzigen Treffer erzielen. Heuchelheim legte nun gewaltig los, jedoch Rodheims Hintermannschaft war auf der Hut und ließ sich nicht schlagen. Nach Halbzeit stellte Heuchelheim um und gab alles her, um zu Erfolgen zu kommen. Nach kurzem hin und her konnten dann die Gäste durch einen groben Fehler des Torhüters einen Erfolg buchen. So teilte man sich in die Punkte.
Launsbach I — Rodheim II 3:0 (0:0).
Beide Mannschaften trafen sich in Launsbach. Die Platzbesitzer lagen von Anfang an vor des Gegners Tor, ohne jedoch .erfolgreich zu fein. Der Sturm hatte Schußpech. Nach der Pause stellte Launsbach mit Erfolg um Drei Tore waren das Ergebnis. Rodheim ging leer aus Der Torhüter der Gäste bewahrte feine Mannschaft vor einer höheren Niederlage.
Londorf — Lollar 6:3 (3:2).
Am Sonntag wurde in Londorf das fällige Ver- bandsfpiel ausgetragen. Die Platzbesitzer traten mit einer ausgeglichenen Mannschaft an. die Gegner mit ihrer stärksten Vertretung. Die Gäste wählten den Wind zum Bundesgenossen und erzielten bereits in den ersten Minuten ein Tor, das Führungstor. Wenig später glichen aber die Platzbesitzer durch ihren Halbrechten aus. Dann übernahmen wieder die Gäste die Führung, und Londorf mußte stark verteidigen. Den Blaugelben gelang jedoch abermals der Ausgleich und wenig "später konnte Londorfs Mittelstürmer mit einem weiteren Tor feine Mannschaft in den Vordergrund bringen. Nach der Pause kamen die Platzbesitzer sehr in Fahrt und erzielten durch ihren Halblinken noch drei weitere Tore. Lollar konnte zwei Elfmeterbälle nicht aus- werten. Die Gäste spielten einen ausgezeichneten Fußball. Für die Londorfer ist der Erfolg um so wertvoller.
Teutonia Laubach I — SpV. Ruppertsburg 1:1 (0:1).
Das Spiel begann sofort mit beiderseitigen schnellen Angriffen. Eine leichte Ueberlegenheit der Platzmannschaft zeigte sich bald im "Feldspiel. Leider fehlte es zum Torschuß bei dem Laubacher Sturm an der Entschlußkraft. Auch wurden viele Bälle eine sichere Beute des Ruppertsburger Tormannes. Bei einem überraschenden Durchbruch der Gästemannschaft erzielte sie etwa in der 30. Minute der ersten Spielhälfte durch einen Deckungsfehler der sonst guten Laubacher Hintermannschaft einen Er-
Das Leichtalhletik-Iahr 1935 beim M.-R.
Erfolgreichste Saison seit Bestehen. — Auf 35 Veranstaltungen gestartet. 406 Siege errungen.
Dickes Zehner!.
(Sine Geschichte von Eugen Ortner
Ich fand ein blankes Zehner! auf meinem Weg. Es blitzte mich luftig an, ich hob es schnell auf und steckte es ein. „Gefundenes Geld bringt Glück!" hat meine Großmutter immer gesagt, und so waren wir Kinder immer ganz erpicht daraus, einen gefundenen Groschen recht lange bei uns zu behalten. Ja, so war das damals! ...
Hm! Ich war eigentlich auf der Suche nach einer Telephonzelle, einem jener merkwürdigen, rotge- ränberten Glaskästen, die da und dort auf der Straße stehen und meist gerade besetzt sind, wenn man sie eilig braucht. Ich wollte um vier Uhr Fräulein Alma anrufen, eine redselige, wenig hübsche Dame in den besten Jahren, die mir einen Roman erzählen wollte, den sie kürzlich erlebt hatte. Ich wollte ihr absagen, wollte irgend eine Notlüge fabrizieren und sie auf morgrrt vertrösten, denn der Tag war so schön und die Luft war so lau und es war mir gar nicht romanhaft zumute.
Ha! Dort stand so ein Glaskasten, so ein gesegneter, der einem erlaubte, ganz nach Belieben und ohne Maske über sich und seine Zeit zu verfügen. Man trat einfach ein, warf ein Zehnpfennigstück in Den Spalt, hob das Hörrohr ab, wählte eine Nummer, und redete dann auf fein unsichtbares Gegenüber ein, was man sich ausgedacht hatte. Ja! Gleich würde ich Fräulein Alma auf weitere acht Tage vertröstet haben. Teufel! Ich hatte nur schwere Silberstücke im Beutel, nicht viele, versteht sich so zwei oder drei und in der Tiefe ruhte nur noch ein Pfennig und grinste mich trübselig an. Wie unangenehm! Es war schon dreiviertel fünf Uhr und um fünf Uhr sollte ich bei Fräulein Alma zum Tee erscheinen! ...
Mein armes Glück! Im gleichen Augenblick, als ich mich an mein nagelneues soeben gefundenes Zehner! erinnerte, hatte ich es auch schon ersaßt, zerrte es aus der Westentasche und schob es in den Spalt. Es kam nicht an fein Ziel. Es blieb stecken, mitten auf dem Weg, blieb einfach im Spalt stecken, und wie ich es auch stieß und drängte, es wollte nicht hinab in den ominösen Kasten. Es blieb am Ort starrköpfig und aufgebläht, wie es war, viel zu bequem und zu behäbig für so ein Telephon, gar nicht mehr in diese Zeit passend. Also heraus mit dir, du tückisches Objekt — Ich zog und zog, aber mein Zehner! rührte sich nicht. Ich fing an zu schwitzen und in einem Anfall von Ungeduld gab ich ihm mit dem Silberknopf meines Spazierstockes einen Schlag auf Den Kops ... Jetzt weih
du wenigstens, was du bist, ein eigensinniges, wertloses Ding — ganz wertlos! So unentschieden zwischen Wille und Vorstellung zu schweben, in einem Spalt, hinter dem sich die Geheimnisse einer ganzen Welt öffnen ließen — unerhört!
So verlies ich denn mein Glashaus wieder, stand etwas erhitzt auf der Straße und überlegte, was zu tun wäre. Fräulein Alma einfach versetzen? Ich hatte in meiner Stimmung die größte Lust dazu. Jetzt einen Roman hören? Mir grauste! — Und während es mir wirklich kalt über den Rücken lief, hielt ein Auto an der Straßenkante. Eine elegante, junge Dame, sehr hübsch und sehr hochnäsig, entstieg dem Gefährt und steuerte auf die Telephonzelle zu ... Sie wird sich irren, wenn sie glaubt, sie könne hier schnell ein Stelldichein verabreden! So schoß es mir durch den Kopf. Inzwischen suchte die hübsche kühle Blonde mit spitzem Zeigefinger eine Nummer im Telephonbuch. Jetzt zog sie ihre Börse, und jetzt kam der entscheidende Augenblick. Ein Zehnpfennigstück kam zum Vorschein, normaler als das meine es war. Aber die Enttäuschung im Antlitz der Dame blieb nicht lange aus. Was nützte auch das schönste Geldstück in der zartesten Frauenhand, wenn so ein Bastard von einem Zehner! ihm den Weg versperrte.
Die Dame rüttelte, aber mein Zehnerl blieb fest. (Ich hatte ihm ja in meiner Wut mit dem Stock noch einen Schlag versetzt.) Arme Blondine! Wie ihre Augen jetzt funkelten, die Wangen sich röteten, die Lippen sich öffneten, als wollten sie sprechen! Ganz großartig war das! Hier zu stehen und verstohlen jemand zu betrachten, fein so was! Da konnte man Studien machen! Zuletzt kannte man ja immerhin den Erklärer spielen, den Bemitleider, den Kavalier! Aber die Dame hatte die Zelle schon verlassen und brauste in ihrem Wagen davon.
Alsbald kam eine Köchin mit vielen Einkäufen und ging in meine Zelle. Sicher wollte sie schnell noch "vor Abend ihren Schatz anrufen, — die dralle, rotbackige Minna! Muß die eine Wut bekommen, wenn sie das Malheur entdeckt! Da war ich gespannt! — Aber ich irrte mich. Als Minna alle ihre Päckchen vor sich ausgebreitet hatte, um die kräftigen Hände frei zu bekommen, als sie endlich ihr Zehner! einroerfen wollte — und nicht konnte, ging ein breites Lachen über ihr Gesicht und sie riß kurzerhand die Glastür auf und rief mir zu: „Da ist alles verstopft!" Und lachte und lachte. Und zog lachend ab, die rotbackige dralle Minna mit allen ihren Paketen.
Hm! — Nach einiger Zeit kam ein kleiner Mann mit einer Brille auf Der spitzen Nase. Er suchte umständlich nach seiner Nummer, suchte noch umständ
licher in seinem Geldbeutel. Als er sein Zehner! ins Jenseits befördern wollte und das Hindernis entdeckte, huschte ein Zug von Melancholie über sein Gesicht. Dann nahm er die Brille ab, putzte sie ausgiebig, untersuchte mit dem Fingernagel noch einmal mein »dickes Zehnerl, seufzte auf und verschwand mit scheuen Blicken.
Nun aber kam ein Pärchen und das war fein! Er war semmelblond mit einem frischen luftigen Gesicht, sie war schlank und sportmäßig angetan, eine Brünette, die sehr verliebt tat. Die beiden traten, nachdem sie mich gemustert und als harmlos befunden hatten, in den Glaskasten, suchten mit aneinandergeschmiegten Köpfen scheinbar eifrig im Telephonbuch und gaben sich dabei einige Küsse. Dann wollten sie wieder gehen, als ihm einfiel, daß man hier telephonieren könnte. Es geschah, was schon bekannt ist. Der junge Mann steckte fein Zehner! wieder ein, machte eine verächtliche Handbewegung gegen den Kasten und gab feinem Mädchen noch einen Kuß. Und das Paar ging.
Ich marschierte auf und ab, hatte Fräulein Alma und ihren Roman schon längst vergessen und wartete neugierig auf mein nächstes Opfer. Endlich kam ein Mann mit großem Schnauzbart und von ziemlicher Korpulenz, der hätte mich nahezu vom Bürgersteig gestoßen, weil er im Gehen doppelten Raum beanspruchte. Aber nun hatte ich ihn in meiner Falle! ... Jetzt zeige, wer du bist, Riese! Jetzt beweise, daß du jeder Situation auf dieser kleinen Welt gewachsen bist! — Der Mann mit Schnauzban hatte die „saudumme Geschichte" schon entdeckt. Das merkte man an seinem Gemurmel Nun stemmte er sich gegen das Hindernis, warf sich hin und her, daß die Zelle zitterte. Das ist etwas, so ein Vollcholeriker in Aktion! Gegen den war ich nur ein ... „Esel!", schrie nun de? andere durch die Tür der Zelle, „was gaffen Sie denn?" Und er meinte mich. Dann schwang er einen Gegenstand, den er aus der Tasche zog, war es ein Schlüsselbund oder ein festes Messer, mir erschien es jedenfalls wie ein schwerer Hammer, und er hämmerte auf mein Zehnerl los bis dessen hintere Hälfte ganz zerquetscht am Telephonkasten hing.
„So, da habt ihr's, Kreuzteufelnocheinmal!", schrie nun der Schnauzbart und stampfte davon.
Mir zitterten noch die Kniee. Ein Esel ... ich? Aber als ich so nachdachte, warum ich ein Esel war, erschien, es war inzwischen halb sechs Uhr geworden, Fräulein Alma, die „mir ein Stück entgegen gegangen war", wie sie sagte, „denn der Tee war schon ganz kalt!" Sie nahm mich am Arm und führte mich ihrer Wohnung zu. Und noch im Gehen begann sie ihren Roman.
Zeitschriften
— Vom neuen Jahrgang des „B e r g st e i g e r s", der Zeitschrift des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins (Verlag F. Bruckmann AG., München) erschien soeben das erste Heft, aus dem vor allem der Artikel Ludwig Steinauers hervorzuheben ist, der über die in diesem Sommer bezwungenen drei Nordwände in den Westalpen — Grandes Jorasses — Matterhorn — Aletschhorn — berichtet. Dem Artikel sind aufschlußreiche Bilder beigegeben. Henry Hoek erzählt vom Wald des hohen Schwarzwalds, Bruno Kerfchner über Alpenurwälder, zwei Beiträge für den Naturfreund und Alpenwanderer. An außeralpinen Bergfahrten bringt das Heft einen sehr fesselnden Bericht von Professor Schwarzgruber über die Kaukasus-Expedition. Zwei Kurzgeschichten — eine Erinnerung aus dem Hochgebirgskrieg von Karl Prusik und „Das Anliegen auf Dem bösen Weibele" von Kar! SpringenschrniD beschließen Das Heft.
dod)fcbntna<f)rirf>fen.
Im Alter von fast 91 Jahren starb in Marburg Der Nestor Der deutschen romanischen Philologen Geh. Reg.-Rat Dr. Edmund Max Stengel. Der Verstorbene ist aus Halle an der Saale gebürtig, hat von 1873 bis 1896 als Ordinarius der romanischen Philologie an der Universität Marburg gewirkt und war der erste Direktor des auf seine Anregung gegründeten Marburger romanischen Seminars.
Der Herr Reichserziehungsminister hat den a. o. Professor "ür öffentliches Recht an Der Universität Heidelberg Dr. ReinholD Hoehn in Die Juristische Fakultät Der Universität Berlin berufen. Professor Hoehn hat Den Ruf angenommen.
Von Den amtlichen Verpflichtungen wurden entbunden: auf eigenen Antrag Professor Dr. Paul Merkel, Ordinarius für praktische Pädagogik an Der Universität Greifswald; wegen Erreichung Der Altersgrenze Geh. Regierungsrat Professor Dr. Carl Brockelmann, DrDinarius für semitische unD orientalische Philologie an Der Universität Breslau; auf eigenen Antrag Professor Dr. Victor Moritz GolDschmiDt, DrDinarius für Mineralogie an Der Universität GÖ11inqen; wegen Wegfalls Des Lehrstuhles Professor Dr. Eberhard Friedrich Bruck, Ordinarius für Römisches und Bürgerliches Recht an der Universität Bonn; auf eigenen Antrag Professor Dr. Albert E ck st e i n, Ordinarius für Kinderheilkunde an der Medizinischen Akademie in Düsseldorf.


