B 518
Hvonnes Geheimnis
Roman von Klothilde von Stegmann tlrheberrechtsschuh: $tinf»2ürme»Serlaq Halle ((Saale) 21 Fortsetzung Nachdruck oerbot.nl
Seeburg schleuderte mit einer wütenden Bewegung das Blatt aus den Tisch. Dann sprang er aus und begann neroös im Zimmer aus und ab zu gehen, 'ißer hatte diesen infamen Artikel ocr- anlagt, und was bezweckte er? Wie kam dieses obskure Blättchen, das er noch nie gelesen hatte, zu diesen Informationen? Woher wußte man in der Redaktion der „Großen Glocke", wer für das A. A. zur Sitzung der Filmoberprüfungsstelle bele- aiert war. Warum sollte — denn das war doch die Absicht des Schreibers — oeranlaßt werden, daß nicht er, sondern ein anderer an der entscheidenden Sitzung teilnahm?
Seeburg trat wieder an den Schreibtisch und griff noch einmal nach dem Zeitungsblatt. Sich gewaltsam zur Ruhe zwingend, las er den Aufsatz Wort für Wort ein zweites Mal. Den ersten ausbtttzenden Verdacht, daß der Angriff mit ^oonne Dumont zusammenhinge, unterdrückte er. Er wollte das einfach nicht glauben. Perlain? Auch das schien Seeburg unglaublich. Perlain hatte auf ihn nicht den Eindruck gemacht, als ob er sich solcher Mittel bedienen roii^be. Aber nur diesen beiden hatte er gesagt, daß er sich nicht äußern könne, weil er dienstlich in dieser Angelegenheit zu tun habe. Die Beamten, die das sonst noch wußten, hatten keine Ahnung von dem Abend mit Perlain und Aoonne. — Run, das war aber nicht das Wichtigste. Jetzt mußte er zu allererst veranlassen, daß ein anderer für die Sitzung bestimmt würde.
Seeburg bat, in einer dringenden Angelegenheit zum Vortrag bei dem Herrn Minister zugelassen zu werden. Schon nach wenigen Minuten kam der Bescheid, er sei vorgemerkt, und zwar bereits in zehn Minuten.
Als Seeburg das Zimmer des Ministers betrat, fand er dort auch Staatssekretär Doktor Berg vor. Seeburg oing sofort auf fein Ziel los.
„Herr Minister, ich habe heute diesen Artikel zu- gefonbt bekommen. Mit der dienstlichen Post zugleich. Darf ich ihn zur Kenntnisnahme überreichen — ober aber soll ich referieren?"
„Beides unnötig, Herr Legationsrat! Der Artikel ist mir und auch allen Herren des Amts zugesandt worden. Daneben einzelnen Dienststellen des A. A. Ich komme auf diese Tatsache vielleicht noch zurück Wie weit ist die Schilderung des Blattes zutreffend?"
„Fast in allen Punkten, Herr Minister." Dieser
tauschte einen befremdeten Blick mit Doktor Berg.
,^)wei Dinge sind aber — offenbar ab|id)tlid) — von Dem sonst so vorzüglich informierten Einsender oerschwiegen roorben: erstens — daß Lstsronf vorgeführt werden wurde, war mir nicht bekannt, zweitens — ich bin selbstverständlich bei dem anschließenden Zusammensein nicht Gast gewesen, sondern habe meine Rechnung selbst erledigt.
„Danke. Wie kam es aber zu Ihrer Teilnahme an dieser merkwürdigen Sonderoorsührung?"
Ruhig erwiderte Seeburg:
„Fraulein Dumont ist mir bekannt. Wir wohnen zufällig in der gleichen Pension. Daher rührt die Bekanntschaft. Sie forderte mich eines Tages auf, einer Souoervor.ührung ihrer Rollen beizuwohnen, die statt'inden solle, weil Direktor Perlain Fraulein Dumont in bestimmten Rollen sehen wollte. Er hatte die Absicht, mit der Dame als Trägerin der Hauptrolle für einen neuen großen Film einen Vertrag abzuschließen. Da ich Fräulein Dumont im Film noch nicht gesehen hatte, schlug sie mir vor, gleichfalls hinzukommen. Perlain hätte nichts dagegen. Ich war unangenehm überrascht, als ich nach anderen Filmausschnitten dann ,Ostfront* zu sehen bekam."
„Sind Sie wegen des Verbots befragt worden?
„Ja, Herr Minister! Ich habe natürlich erklärt, daß ich mich zu dieser Frage nicht äußern könne, da die Möglichkeit besteht, daß ich mich dienstlich damit zu befassen habe."
Jetzt mischte sich Staatssekretär Doktor Berg, der bisher stumm die Unterredung mit angehört hatte, in das Gespräch:
„Herr Legationsrat, hat man auf der anderen Seite nicht versucht,. Ihre persönliche Meinung über den Film zu erfahren?"
„Ja! Auch das ist sofort nach meiner ersten Aeuherung versucht worden. Ich habe, unter mehrfacher Betonung des Umstandes, daß ich meine private Auffassung äußere, ausgeführt, daß ich ein Verbot nur billigen könnte."
Der Minister nahm das Gespräch wieder auf:
„Sie würden also bereit sein, Herr Legationsrat, das Amt bei der entscheidenden Sitzung zu vertreten?"
„Selbstverständlich, Herr Minister! Trotzdem möchte ich anregen, zu erwägen, ob nicht an meiner Stelle einer der anderen Herren beauftragt werden könnte. Gleichzeitig möchte ich — ich will Die Frage vorher noch mit einem Anwalt besprechen — mir vorbehalten, gegen das Blatt geeignete Schritte zu unternehmen."
„Das wäre natürlich Ihr gutes Recht. Ob es zweckmäßig ist, auf den Angriff überhaupt zu reagieren, erscheint mir zweifelhaft. Es handelt sich doch um einen zweifellos inspirierten Angriff in einem Sensationsblatt. Jeder Ihrer Schritte kann zu weiteren Artikeln Anlaß geben. Das Amt hat fein Interesse daran, einen neuen Sensationssall mit Gerichtsverhandlungen und Zeugenaussagen zu
schaffen Sie kennen ja den Unfug, der mit der Befragung von Zeugen in solchen Prozessen ge- trieben wird. Sollten die Angriffe fortgesetzt wer- den, wäre ein Einschreiten noch immer zu überlegen Ihren Wunsch, Sie von der Wahrnehmung des Termins bei der Filmoberprüfungsstelle zu entbinden, will ich erfüllen. — Wer käme an Herrn Don Seeburgs Stelle in Betracht?" wandte sich der Minister fragend an Doktor Berg.
„Ich wurde Legationsrat von Matzow vorfchla- aen. Er hat die Angelegenheit in erster Instanz bearbeitet."
„Einverstanden."
Es klopfte. Ein Sekretär überbrachte ein Telegramm. Der Staatssekretär überflog es und reichte es dann dem Minister. Mit freundlichem Lächeln wandte sich dieser an Seeburg:
„Das Telegramm betrifft Ihre Angelegenheit, Herr Baron. Direktor Perlain depeschiert:
Erfahre soeben telephonisch vom Presseangriff auf Herrn von Seeburg. Mißbillige Veröffentlichung entschieden. Verhalten des Herrn Barons unbedingt korrekt. Er wurde mit F)stfront'Äuf- führung, wie ich nachträglich erfuhr, überrascht. Refüsierte Einladung, erklärte Teilnahme am Souper nur für möglich, wenn nicht als Gast. Zweck der Zeitungsangriffe mir unerfindlich. Bitte um Erlaubnis, Herrn von Seeburg meine Hochachtung auszudrücken. Perlain.
Es freut mich, Herr von Seeburg, durch dieses Telegramm meine Auffassung bestätigt zu sehen, daß Ihnen in dieser Angelegenheit nicht der geringste Vorwurf zu machen ist. Wir wollen an das Wort des Fürsten Bülow von der Rhinozeroshaut denken, die man im Diplomatenberuf braucht. Ich wünsche sie mir manchmal auch!"
Der Minister erhob sich, auch die beiden anderen Herren standen auf. Er reichte Seeburg abschied- nehmend die Hand; Staatssekretär Doktor Berg folgte dem Beispiel. Seeburg verbeugte sich noch einmal an der Tür und ging in sein Arbeitszimmer zurück. —
Zum Arbeiten kam er zunächst allerdings nur wenig. Der geheime Nachrichtendienst, der in jedem großen Betrieb eine selbst für alle Beteiligten rätselhafte Erscheinung ist, hatte schon überall die Nachricht verbreitet, daß die Unterredung Seeburgs mit dem Minister befriedigend ausgegangen sei. Und so kamen denn unter allerhand Vorwänden die lieben Kollegen und eine Anzahl anderer Beamter. Während sie sonst Schriftstücke auf dem üblichen Dienstweg weitergaben und eine schriftliche Anfrage beifügten, wenn sie einer Auskunft bedurften, kamen sie jetzt alle selbst. Da duldete eine Sache keinen Aufschub, da wollten sie die Ansicht des Kollegen doch gern selbst hören; dort war eine Unklarheit, die zu beseittgen war, und was es so an Gründen gab, um, mit einem Aktenstück unterm Arm, einen Augenblick in das Zimmer Seeburgs zu wandern.
Nur Herr von Matzow, der mit Seeburg Immer recht gut gestanden hatte, ging direkt aufs Ziel los. Zu der hageren Reiterfigur mit dem glatt geschorenen Kopf und den wasserklaren Augen, zu dem.barllosen Gesicht — er trug auch nicht Die Andeutung eines Schnurrbarts — hätte Verstellung auch nicht gepaßt. Seine Offenherzigkeit machte ihn nicht gerade zu einem bequemen Mitarbeiter. Aber sein scharfer Verstand, seine unleugbare Tüchtigkeit und Arbeitskraft glichen immer wieder aus, was sein loser Mund und seine Ironie bei Vorgesetzten an Verstimmung erregt hatten.
»Also, lieber Seeburg, wollen Sie das in Zukunft immer so halten? Die guten Diners mit..." Hier entfaltete Herr von Matzow mit gemachter Umständlichkeit ein Exemplar der „Großen Glocke" und suchte gemächlich nach einer Stelle, bis er sie fand und pathetisch vorlas: .....mit einer durch
ihre Schönheit in der ganzen Welt bekannten Filmschauspielerin." Damit legte er das Blatt auf Sieburgs Schreibtisch und fuhr fort: „Und sonstigem Zubehör; solch angenehme Kleinigkeiten erledigen Sie gütigst selbst. Aber zu der Sitzung bei der DberprüfungsfieUe lassen Sie mich schicken! Ich finde das nicht kollegial. In Zukunft bitte ich mir die ganze Vertretung zuzuschanzen, aber nicht nur Den langweiligen Teil!"
Seeburg, Der Matzows Art genau kannte, meinte beDenklich:
„Hätten Sie auch Anspruch auf Diesen hunDsge- meinen Artikel in Der .Großen Glocke' erhoben?"
„Mir hätte eine solche Stilübung {ebenfalls nicht Die Laune verDorden, Seeburg! Sie Haden wahrscheinlich in wohlgesetzter ReDe nachgewiesen, daß Sie ein braves, unschuldiges Kindlein seien! Als ob Daran ein Mensch mit einigem Urteilsvermögen überhaupt hätte zweifeln können. Wenn ich übrigens Den Zweck Dieser infamen Denunziation richtig erkenne, Dann roirD mein Hinkommen zur Sitzung eine Enttäuschung für Ihre guten Freunde bei der .Großen Glocke' sein."
Seeburg fiel rasch ein:
„Sie sehen Da einen Zweck? Ich kann den <5 um unD Zweck aber nicht recht verstehen, wenigstens einen Zweck nicht, der über eine Verdächtigung meiner Person hinausgehen sollte."
„Wirklich nicht? — Nun, Die guten Leutchen wußten offenbar, Daß Sie gegen den Film seien. — Das bin ich ja auch , aber daß i ch hinkomme, wußten sie wahrscheinlich nicht — und deshalb waren Sie ihnen unbequem und sollten weg. Aber" — und jetzt verlor Matzows Stimme jede Spur von Scherz — „woher wußten Die Herrschaften Denn Das?"
„Weil ich es ihnen selbst gesagt habe, Matzow!" Kurz kam Die Frage zurück.
„Wem haben Sie es gesagt?"
„Fräulein Dumont unD Herrn Perlain."
„Sonst niemanDem?"
»Nein." (Fortsetzung folgt.)
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